Mette lächelte: „Kann man sie nur in diesem Kreise hören?“

„Ja, sie sind nicht veröffentlicht.“

„Hat Fräulein Werkenthin sie selbst verfaßt?“ Ihr Herz ging ein wenig

rascher bei dieser Frage.

„Ach nein.“ Mette schien es, als ob ein ganz leiser Hauch von

Geringschätzung in diesem „ach nein“ läge. „Sie stammen von Fräulein von

Gjellerström.“

„Die kenne ich nicht,“ sagte Mette gleichgültig, „sie war wohl heute

nicht da – oder ich habe sie nicht gesehen.“

„Sie haben sie sicher gesehen,“ sagte Eccarius mit einem Lächeln, von

dem Mette in dem Halbdunkel der nächtlichen Straße nicht feststellen

konnte, ob es spöttisch oder schmerzlich war. „Sie ist weder laut noch

bunt angezogen, aber man kann sie merkwürdigerweise nicht übersehen.

Vielleicht wissen Sie auch nur nicht, wie sie heißt. Ihre Freunde haben

ihr den Namen Fiametta gegeben.“

Mette saß in ihrem stillen Zimmer und lernte Vokabeln.

^la sopera^ – die Suppenschüssel.

^el relojero^ – der Uhrmacher.

Es lernte sich leicht, und es machte ihr Spaß.

^Un sombrero es un hombre que hace sombreros.^

Das Italienische war ihr viel schwerer geworden, ach, aber mit welchem

Feuereifer hatte sie damals gelernt. Sie hatte so viele Gründe, die sie

zum Lernen trieben. Sie durfte doch nicht sagen, daß sie die Stunden bei

Olga nahm, statt bei dem italienischen Professor, den Vater ihr

ausgesucht hatte. Und darum mußte sie sich möglichst rasch gründliche

Kenntnisse aneignen, damit Vater nicht auf den Gedanken kam, den

Unterricht zu kontrollieren oder dem Herrn Professor einen zur Strenge

mahnenden Brief zu schreiben. Und dann galt es auch, vor Olga zu

bestehen. Sie wurde nicht ungeduldig, aber sie war so fassungslos

erstaunt, wenn man etwas nicht begriff oder nicht behalten konnte.

Und dann war der heißeste Ansporn: Die Reise nach Italien, die

gemeinsame, die sie einstweilen nur auf der Landkarte oder im Baedeker

machten, und die einmal Wirklichkeit werden sollte, greifbare,

herrliche, unnennbar selige Wirklichkeit.

Und nun war alles vorbei und alle Hoffnungen vernichtet, gestorben,

begraben.

Mette würde niemals nach Italien fahren und niemals nach Spanien,

niemals, denn sie war allein und würde immer allein sein, und sie würde

sich in fremden Ländern noch viel einsamer, verlassener, unglücklicher

fühlen als in fremden deutschen Städten.

Es hatte wohl auch eigentlich keinen Zweck, Spanisch zu lernen ... wozu

die Mühe, sich etwas anzueignen, wofür man niemals Verwendung hatte!

Sie ließ das Heft sinken und starrte vor sich hin. Die Tränen, die ihr

schon in die Augen gestiegen waren, als sie an die italienischen Stunden

bei Olga dachte, lösten sich und rollten über ihr unbewegtes Gesicht –

eine nach der andern, ohne daß sie sich die Mühe gegeben hätte, sie

aufzuhalten oder auch nur abzutrocknen.

Olga! – Aber Olga lernte nie eine Sprache, wie sie hochmütig sagte, „um

sich mit Hotelportiers und Ladenmädchen verständigen zu können“. Olga

studierte Sprachen, um sich in Geist und Wesenheit der Völker

einzufühlen, um ihre Verschiedenheiten oder Ähnlichkeiten zu erfassen.

Sie lernte Sprachen, weil sie sich an den Schönheiten eines Satzgefüges

erfreuen konnte wie an einem Bildwerk oder an einer Melodie. Und sie

lernte sie vor allen Dingen, wie sie alles tat, um sich zu bereichern,

zu weiten, um mit dem Lernen ihr Gehirn in ständiger, immer wachsender

Anspannung zu halten und um mit dem Gelernten ihr „inneres Haus

auszubauen“, wie sie manchmal scherzend sagte.

Mette nahm das Heft wieder vor. Sie wollte auch ihr Haus in sich

aufbauen. Sie wußte nicht recht, wie. Noch standen nicht die

Grundmauern, noch war nicht einmal ein Plan vorhanden. Aber sie trug

Bausteine zusammen, sie lernte, sie las, sie sah mit wachen Augen um

sich, und sie dachte nach über alles, was sie gelernt hatte. Vielleicht

würde einmal ein Tag kommen, da sie wußte, wie das alles zu ordnen und

zu richten, da sie wußte, wo sie hinaus wollte, wozu sie strebte und

lernte und wofür – ach, manchmal kam auch der ganz vermessene Gedanke:

Da sie wußte, für _wen_ sie strebte und lernte.

^El que nos trae las cartas es el cartero.^

Es klopfte an die Tür, und Mara Luigi steckte den rötlichen Wuschelkopf

durch die Spalte. Sie hatte es sich angewöhnt, jeden Tag ein halb

dutzendmal bei Mette anzuklopfen, um eine belanglose Frage zu stellen,

oder eine noch belanglosere Mitteilung zu machen. Mette hatte einzig aus

diesem Grunde schon manchmal die Möglichkeit eines Umzugs erwogen.

„Störe ich?“ fragte sie, indem sie durch die Tür schlüpfte. Sie

schlüpfte wirklich, denn sie hatte die Gewohnheit, wenn sie so kam, die

Tür nur zu einem spitzen Winkel zu öffnen, ihren schmalen Körper noch

schmäler zu machen und mit hochgezogenen Schultern und katzenhaft

geschmeidigen Bewegungen durch den Spalt zu gleiten.

„Absolut nicht,“ sagte Mette geduldig. Im Grunde störte sie ja auch

nicht. Niemand fragte danach, wann Mette Rudloff die Lektion zu Ende

bringen würde ... leider!

„Kommen Sie ein bissel mit hinüber auf meine Bude, ja? Die Werkenthin

ist da, Giesbert, Kramer, die Breslauer. Wir trinken Tee und rauchen –

ich soll Sie schön bitten, auch im Namen der andern.“

Mette stand auf und legte Hefte und Bücher gerade. Sie fuhr noch ein

wenig unschlüssig mit den Fingern an dem Bleistift hin und her:

„Soll ich wirklich ...“

„Ja natürlich sollen Sie! Sie werden noch ganz dumm von dem vielen

Studieren, glauben Sie mir! Früher war ich auch so – Bücher, das war

mein Schönstes ... ich hab’ mir immer die Bücher im Bett versteckt, weil

meine Mutter nicht wollte, daß ich so viel lesen sollte ...“

‚Schöne Bücher mögen das gewesen sein,‘ dachte Mette.

„Und jetzt? Du lieber Gott! Jetzt bin ich froh, daß ich die ganze

Bücherweisheit vergessen habe! Das Leben sieht anders aus, als es in

Büchern beschrieben steht ...“

„Wissen Sie, wie es aussieht?“ fragte Mette ernsthaft, „darum könnt’ ich

Sie beinah beneiden. Mir erscheint es an einem Tag so und am andern Tag

so. Nicht nur mein Leben, sondern ‚das Leben‘ überhaupt.“

Sie hatten unterdessen den Türgang gequert, und die Luigi öffnete ihr

Zimmer und rief hinein:

„Kinder, wißt ihr, wie das Leben aussieht? Oder vielmehr, könnt ihr es

erklären und beschreiben?“

Mette hatte die Fenster weit offen gehabt, und die Strahlen der

tiefstehenden Sonne hatten das ganze Zimmer mit mildem, flirrenden

Goldglanz erfüllt. Hier waren alle Vorhänge sorgfältig zugezogen, und

das Licht der japanischen Korblampe, das durch den gebatikten

Seidenschirm verschleiert wurde, warf in ein tiefes Dämmern vereinzelte

violette, grüne und purpurne Reflexe.

„Wie das Leben aussieht?“ rief eine Männerstimme aus dem Dunkel. Es war

Giesbert, wie Mette gleich darauf erkannte, als ihre Augen sich in der

ungewohnten Beleuchtung zurechtgefunden hatten.

„Ist das eine Preisfrage für eine Malerakademie? Soll jeder ein Bild

malen, wie er sich das Leben vorstellt? Dann malen neunundneunzig

Prozent ein nacktes Weib! Nur die Attribute sind verschieden – dem einen

‚beut‘ es eine Schale mit goldenen Früchten, und für den andern schwingt

es hohnlachend eine Geißel.“

„Kann denn keiner von euch erklären, wie er findet, daß für ihn das

Leben aussieht?“

„Sphynx,“ sagte Kramer phlegmatisch, „fabelhafter Busen, weich,

verlockend und Raubtierkrallen. Und dazu das obligate Rätsel natürlich.

Und der Abgrund daneben!“

„Grüß Sie Gott, Fräulein Rudloff,“ sagte Gisela Werkenthins dünne

zerbrochene Kinderstimme, „sind Sie auf die verrückte Idee gekommen, daß

Sie wissen wollen, wie das Leben ausschaut? Gell ja? Wenn ich ein Maler

wär’ und sollt’ ein Bild malen ‚das Leben‘, ja, Giesbert, du hast ganz

recht, ein nacktes Weib tät’s natürlich werden, bei mir auch. Und zwar

eine mit der Leyer im Arm, die in Entzückung dahin tanzt, den Blick nach

oben. Aber worauf sie tanzt, was im ersten Augenblick aussieht wie ein

blumiger Teppich, das sind verschlungene, verkrampfte Menschenleiber,

blutiggeschundene, röchelnde, ringende, alle, die das lachende Leben zu

Boden getreten hat, und die es verfluchen, aber sich doch noch ausrenken

und andere niederwürgen, um noch einen Zipfel seines Gewandes zu

erfassen ...“

„Einen Zipfel vom Gewand des nackten Weibes,“ spottete Giesbert, „o

heilige Logik! Sie spricht so schöne Sätze, die Kleine, ganz wie ihre

Freundin, die moderne Sappho, aber sie weiß am Schluß schon nicht mehr,

was sie am Anfang gesagt hat.“

„Du bist ein Viech!“ sagte Gisela und nahm irgendeinen Gegenstand auf,

um nach seinem Kopf zu zielen.

Frau Breslauer griff mit einem ängstlichen Aufschrei nach ihren Händen:

„Um Gottes willen, den guten Aschbecher! An dem seinem Schädel

zersplittert doch ein Stein!“

„Also nehmt euch in acht!“ rief Giesbert mit vorgestreckter Stirn, „ihr

demoliert das ganze Mobiliar, wenn ihr mir’s an den Kopf schmeißt! Ich

stehe wie ein Fels im Meer, und um mich liegen die Scherben der

Meidingerschen Wirtschaft!“

„Also Fräulein Rudloff,“ sagte der kleine Kramer, „Sie haben diesen

edlen Wettbewerb der Phantasien entzüngelt ... kann man das sagen? Ich

glaube, es ist ganz neu, und es ist jedenfalls ein sehr schönes Wort ...

entzüngelt! Aber ich bitte mir aus, daß ich es nicht nächstens in

irgendwelchen lyrischen Schöpfungen des verehrten Kreises wiederfinde

...“

„Ja, in meinen zum Beispiel,“ warf Frau Breslauer ein.

„Oder in meinen,“ lachte Mara Luigi.

„... kurz und gut, es ist mein Wort, und ich lege Beschlag darauf. Also

Sie haben die Phantasien entzüngelt, nun müssen Sie aber auch mittun in

diesem Wettbewerb ... wie würden Sie denn das Leben darstellen?“

„Ach Gott,“ sagte Mette und hob ratlos die Achseln, „als eine Zwiebel

vielleicht. Eine Haut nach der andern zieht man herunter, aber man kommt

nicht an einen Kern!“

„Aber man vergießt Tränen bei dieser Beschäftigung!“ sagte Gisela fast

bitter.

„Ja, und wer sich zu intensiv damit befaßt, dem Leben auf den Grund zu

gehen,“ lachte Giesbert, „der kann leicht in schlechten Geruch kommen!“

„Ach, das Leben kann ganz nett sein,“ sagte Frau Breslauer behaglich.

„Ja,“ sagte Kramer und seine Augen wurden plötzlich ganz ernst und

weiteren sich, „am Meer! Am Meer, da kann das Leben schön sein. Da

gehört gar nichts dazu. Kein schönes Mädchen, und kein Alkohol, und kein

Geld, und keine Opiumzigarette, und kein Erfolg, und kein garnischt. Da

ist es einfach schön, zu atmen.

Es ist schön, die Sonne zu fühlen, und den Wind und den weichen, weichen

Sand, und die ewige Bewegung des Wassers. Wenn man nur das Salz auf den

Lippen schmeckt, und den Seegeruch atmet, diesen Duft, den man nirgends

findet, und der einem sofort das Atmen Lust sein läßt, ein bißchen nach

nassem Holz, und ein bißchen nach Teer, und ein bißchen nach Fischen und

Algen – aber vor allen Dingen nach Salzluft und Salzwasser und Sonne,

nach Reinheit und Weite, nach Frische und Gesundheit und Kraft!“

Er blähte die Nüstern, als wolle er den Meerwind einsaugen, sein

unbedeutendes Knabengesicht war seltsam gespannt, ganz erfüllt und

durchdrungen von dem verschönenden Ausdruck einer tiefen verzehrenden

Sehnsucht.

Mette fühlte etwas wie Neid. Wie gut mußte es sein, Sehnsucht zu haben

nach etwas Unveränderlichem, ewig Lebendigen, nach etwas, das immer an

der gleichen Stelle war und einen immer mit der gleichen Liebe empfing.

„Überhaupt die Natur,“ sagte Frau Breslauer mit einem verzückten

Augenaufschlag, „Sie glauben gar nicht, wie ich für Natur schwärme. Sie

ist und bleibt doch immer unsre treueste Freundin. Ich habe immer

gesagt: der Wald ist mein Dom!“

„Ach, Natur ist meistens so kalt,“ sagte die kleine Luigi kläglich und

zog fröstelnd die Schultern hoch.

„... und im Sommer ist sie zu heiß,“ neckte Giesbert, „und wenn’s

trocken ist, dann staubt’s, und wenn’s regnet, ist es naß. Du bist mir

schon eine Heldin!“

„Natur,“ sagte Gisela nachdenklich, „Natur ist wieder so ein

Begriffswort, worunter sich jeder etwas anderes denkt. Der eine nennt

grüne Bäume Natur, der andere die weisen Einrichtungen, daß sich alles

Lebende untereinander auffrißt, einer versteht unter einem natürlichen

Leben barfuß gehen und Gras fressen, und der andere heiraten und Kinder

kriegen.

Und wenn Hannchen Bodenstedt sich in seidene Kimonos hüllt und sich die

Lippen rotschminkt, so sagen die einen, es ist seine Natur, und die

andern sagen, es ist unnatürlich. Ich weiß überhaupt nicht, was Natur

ist!“

Mit diesem achselzuckend herausgestoßenen Endurteil wandte sie sich

wieder mit voller Aufmerksamkeit ihrem Zigarettenetui und einem schlecht

funktionierenden Feuerzeug zu.

„Ich will euch mal was sagen, Kinder,“ sagte Giesbert entschieden,

„natürlich oder nicht. Nackte Waldschnecken, die überall Schleimspuren

hinterlassen, sind auch ‚natürlich‘, und sie sind mir darum doch

widerlich. Und dieser kleine heilige Johannes ist für meinen Geschmack

ein ganz übler Bursche.“

„Wie du redest,“ ereiferte sich die Luigi, „du kennst ihn gar nicht ...

er ist im Grunde ein so hochanständiger Kerl ...“

„Weil er keine Chantage betreibt? Das fehlte auch noch! Ich will ihn ja

auch gar nicht mit irgendwelchen erpresserischen Friseurgehilfen auf

eine Stufe stellen ...“

„... wenn du aber sagst, ‚übler Bursche,‘ klingt das so!“

„Also gut, ich nehme es zurück. Er ist nicht so übel, wie mir bei seinem

Anblick wird. Aber er ist entschieden etwas waldschneckenmäßig. Und

diese alte Tante, dieses Miststück von einem Kerl, dieser päpstliche

Sänger, dieses widerwärtige Subjekt ... entschuldigt, Kinder, aber ich

kriege Magen- und Gallenzustände, wenn ich an ihn denke.

Wie man sich an dieses dicke Schwein verkaufen kann, ist mir ewig

unfaßbar. Ich bin, weiß Gott, nicht intolerant und habe gar nichts gegen

den Gedanken, daß zwei schöne Frauen mal miteinander, na ja ... Obgleich

mir die Weiber mit Kragen und Schlips und abgeschnittenen Haaren auch

zum Kotzen sind ... Anwesende sind natürlich immer ausgeschlossen.“

Gisela verbeugte sich mit spöttischem Lächeln.

„Aber Giselchen, du bist doch kein Mannweib, so mit Baß und Schnurrbart

und dicken Zigarren. Du bist im Grunde doch ein süßes kleines Weibchen.“

Er ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und umschlang sie mit beiden

Armen: „Du bist nur durch einen Zufall auf die falsche Bahn gelenkt,

glaube mir, mein Herzblatt. Versuch, es nur einmal mit einem reellen

Mann, und du bist für immer geheilt und gerettet. Ich stelle mich dir

gern zur Verfügung, gratis und franko. Du ahnst gar nicht, was du für

Spaß haben wirst – frag’ nur Frau Breslauer ...“

Frau Breslauer kreischte laut auf:

„Uch nein, Giesbert, was soll denn Fräulein Luigi denken.“

„Aber Sie waren doch verheiratet, Frau Breslauer!“ sagte Giesbert ernst

und vorwurfsvoll. „Wollen Sie leugnen, daß es Ihnen Spaß gemacht hat?

Ich meine doch nicht mit mir! Mara weiß, daß ich die uneheliche Treue

nie verletze!“

„Na,“ sagte Kramer, scheinbar sehr befriedigt, „deutlicher man kann

nicht gut!“

Mette bemühte sich, zu all diesen Unterhaltungen ein lächelndes Gesicht

zu machen. Ihr war ein wenig fiebrig zumute, und die Stube mit den

lauten, lachenden, kreischenden, schwatzenden Menschen schien sich wie

ein atmender Brustkasten auszudehnen und wieder zusammenzuziehen, die

Wände glitten von ihr fort und rückten fast bedrohlich näher.

‚Dies alles geht mich gar nichts an,‘ dachte sie. ‚Ich will doch tapfer

sein und will das Leben kennenlernen, und dabei – wenn ich nur reden

höre von irgendwelchen Dingen, von denen ich doch weiß, daß sie

existieren – verwirrt es mich und macht mich schwindlig, nur weil ich in

einem Kreis aufgewachsen bin, in dem es nicht üblich war, erotische

Beziehungen als Salon-Unterhaltungen zu behandeln. Ich bin dumm und

feige und eine prüde Gans.‘

Gisela stand von ihrem Stuhl auf:

„Du hast ganz recht, Kramerle, das ist kein Ton für uns!“

Sie setzte sich auf Mettes Sessellehne und strich ihr mit einer

behutsam, kaum fühlbaren Bewegung das Haar aus der Stirn.

„Armes Hascherl,“ sagte sie bedauernd, „was müssen Sie sich alles mit

anhören! Sie müssen auch rein denken, Sie sind in ein Tollhaus geraten!

Achten Sie gar nicht auf das, was der Lackl daherredet! Es ist alles nur

halb so schlimm, wie es klingt!“

Mette lächelte zu ihr auf:

„Ach, wenn es nur nicht schlimmer ist, dann geht’s ja noch! Dinge, die

verheimlicht werden, sind meist viel schlimmer, als solche, über die

öffentlich gescherzt wird.“

„Sie haben recht,“ sagte Gisela mit dunkelbrennenden Augen, „das

schlimmste weiß niemand, und es wird niemals ausgesprochen.“

Sie versuchte ein Lächeln, das Metten fast rührend erschien, und strich

ihr wieder mit weichen Fingern über das Haar. „Aber Sie sollten von

allem Schlimmen verschont bleiben, von allem Schlimmen und allem

Schmutzigen. Sie passen in ein Schloß. Oder noch besser in einen

Schloßpark. Wissen Sie, als ich Sie das erstemal sah, da wußt’ ich

gleich den passenden Rahmen für Sie. Ich kenne einen Schloßgarten, in

dem Sie sich ausnehmend gut machen würden. Da sind Terrassenstufen, die

zu einem kleinen See hinunterführen, direkt ins Wasser hinein. Und auf

diesem Teich sind sehr viele Schwäne, schwarze und weiße. Und ich sehe

Sie immer auf diesen Stufen stehen, in einem weißen Gewand, mit einem

Körbchen in der Hand und die Schwäne füttern, die sich an die Stufen

drängen.“

„Ein schönes Bild,“ sagte Mette lächelnd, „aber es hat eigentlich ein

bißchen etwas Melancholisches und Verlassenes. Wenn es im Kino wäre, zum

Beispiel, dann würde die Frau in dem weißen Gewand sicher im letzten Akt

die Stufen hinuntersteigen, in einer Mondscheinnacht, einen Arm voll

Blütenzweigen an die Brust gedrückt, und in dem stillen Schloßteich

verschwinden.“

„Das werden Sie nie tun,“ sagte Gisela ernst.

„Warum nicht,“ fragte Mette überrascht und fast ein wenig beleidigt, als

spüre sie eine leise Nichtachtung in diesem Zweifel. Sie war versucht,

zu erzählen, daß ein geladener Revolver in ihrem Nachttischkasten lag,

und daß sie hundertmal schon gegen die Versuchung angekämpft hatte, ihn

an die Schläfe zu drücken.

„Nicht weil Sie feige sind,“ sagte Gisela rasch, als ob sie ihre

Gedanken ahnte. „Vielleicht eher im Gegenteil, weil Sie viel Mut haben.

Sie haben so feste Hände und machen manchmal so eine merkwürdige Geste,

so ...“ sie machte die Bewegung, „Sie krallen so langsam die Finger

zusammen, daß man alle Sehnen sieht – es sieht aus, als freuten Sie sich

direkt darauf, das Leben bei den Hörnern zu packen, wenn es auf Sie

loskommt.“

„Ich weiß das gar nicht,“ sagte Mette, „wie Sie beobachten?!“

Sie sagte mit Absicht nicht „mich beobachten“, wie es sich ihr erst auf

die Lippen drängen wollte.

Aber Gisela sprach es deutlicher aus:

„Manchmal – wenn mich etwas interessiert. Manchmal seh’ und hör’ ich

auch vom hellen Tage nix. Aber Sie hab’ ich beobachtet. Ich weiß auch,

daß Sie keine zusammengewachsenen Augenbrauen haben, und das ist schon

ein Zeichen, daß Sie eines natürlichen Todes sterben.“

Sie nahm Mettens Gesicht in beide Hände und drehte es ein wenig dem

Licht zu:

„Nein, sehen Sie, es ist gut ein Fingerbreit frei über der Nasenwurzel,“

sie legte die Spitzen ihrer schmalen Finger zwischen Mettes Brauen und

strich dann behutsam die Bogen entlang.

Mette schloß die Augen und lächelte. Die weichen Hände glitten wie

Vogelfittiche über ihre Schläfe, ihre Wangen.

Wie lange war es her, daß eine Hand sie gestreichelt hatte? Monate und

Monate ... endlose kalte, einsame, verzweifelte Monate.

Etwas wie ein Schluchzen quoll in ihrer Kehle auf: das heiße Mitleid mit

sich selbst.

‚Streichle mich,‘ dachte sie, ‚du weißt ja nicht, wie arm ich bin. Wie

grenzenlos arm und erfroren, daß es mich erwärmt, wenn du aus Spielerei

deine Hände über mein Haar gleiten läßt.‘

Mette schlug einen Moment die Augen auf. Niemand beobachtete sie. Ein

lautes und lebhaftes Gespräch war im Gange. Ach, diese glücklichen

Menschen litten nicht so unter Langerweile, daß sie immer auf der Lauer

liegen mußten, um irgendwo etwas Interessantes zu erspähen. Sie erlebten

ihre Romane selbst und brauchten sie nicht bei andern zu wittern – sie

waren so voll von ihren mannigfaltigen Schicksalen und Leidenschaften,

daß sie kaum noch Raum in sich fanden, um die fremden zu erwägen.

Giesbert hatte die kleine Luigi auf seine Knie gezogen, und sie wühlte

mit der Hand in seinen Haaren, während er sich mit Kramer über den Plan

zu einem Kolossalgemälde unterhielt, und sie mit Frau Breslauer über

seine Schulter hinweg ein neues Tanzkleid besprach.

Über Mettes Stirn glitten die weichen leichten Hände.

„Sie haben ein seltsames Gesicht,“ sagte die gedämpfte Stimme neben ihr,

„es ist so offen und klar und dabei ganz undurchsichtig. Es ist fast

unveränderlich und doch ausdrucksvoll. Merkwürdig.“

„Ich finde, mein Gesicht hat nur eine hervorstehende Eigenschaft,“ sagte

Mette halblachend, „es ist langweilig.“

„Vielleicht ist jedem Menschen, der sich sehr gut kennt, das eigene

Gesicht langweilig,“ sagte Gisela Werkenthin nach einer kleinen,

nachdenklichen Pause.

‚Gott sei Dank, daß sie es mir erspart, mich gegen irgendeine Phrase wie

‚oh, durchaus nicht‘ zu wehren,‘ dachte Mette.

„Aber das ist sicher sehr unrecht,“ fuhr Gisela fort, „warum sieht die

kleine Mara so reizend aus? Weil sie wirkliches Interesse für sich hat

und sich tagelang im Spiegel anschaut und an sich herumputzt und

schminkt und frisiert, als wenn’s eine verhätschelte Lieblingspuppe

wär’. Aber da nützt kein ‚Vornehmen‘, das steckt im Blut, und wir beide

werden’s wohl nie erlernen. Schad’t auch nix. Mit mir wär’ eh nix

anzufangen, auch mit der größten Müh’ nicht, und Sie sind ohnedem schön

genug!“

Es klopfte an die Tür, und auf ein fast allgemeines „Herein“-Rufen trat

Eccarius ein.

Sein ernstes, blasses häßliches Gesicht war Metten in diesem Augenblick

unangenehm. Sie wußte nicht, warum.

Erst einige Sekunden später kam es ihr zum Bewußtsein. Sie spürte die

weichen Hände nicht mehr auf ihrem Haar – Gisela war von der Sessellehne

heruntergeglitten und stand jetzt neben Frau Breslauer.

Mette wünschte Eccarius zu allen Teufeln, sie war einsilbig und fast

unliebenswürdig, weil sie erwartete, daß er dann bald wieder gehen

würde. Aber er wich den ganzen Abend nicht mehr von ihrer Seite.

Es geschah nun schon zum drittenmal, daß Mette sich auf ihren

Spaziergängen plötzlich an einer Ecke der stillen Vorstadtstraße fand,

in der das Häuschen der Sophie Degebrodt gelegen war.

Dieses drittemal aber bog sie nicht rasch nach der entgegengesetzten

Seite um, sondern sie ging entschlossen die gerade Straße hinunter, die

in der vollen Herbstsonne lag, ganz weißgebadet bis auf die dünnen

flirrenden Schatten, die das zarte Gefieder der jungen Ebereschen warf,

die, schwer mit Beerendolden von leuchtendem Ockergelb bis zu glühendem

Scharlach beladen, in zwei schnurgeraden Reihen den Fahrdamm säumten.

Mette wußte zwar die Nummer nicht mehr, aber es würde nicht schwer sein,

das Haus wiederzufinden. Das dritte rechts mußte es sein – richtig, das

Gartengitter trug ein ziemlich auffallendes Namenschild, und über dem

Laubendach hing die kleine Fahne reglos in der stillen Luft.

Mette hatte ein wenig Herzklopfen, als sie das eingeklinkte

Gittertürchen öffnete. Sie war so befangen, wie als Kind, wenn sie zu

fremden Leuten gehen, an fremden Türen klingeln sollte. Wenn sie jetzt

in die Laube käme, würde man ihr vielleicht sehr erstaunt

entgegenstarren. Niemand würde ihren Namen wissen, niemand sich ihres

Gesichtes erinnern, man würde sie fragen, mit welchem Recht sie sich

erlaubte, einzudringen – oh, sie würde sich und andere in eine sehr

peinliche Lage bringen!

Es wäre sicher besser, die paar Stufen zu dem Vordereingang

hinaufzugehen und dem öffnenden Mädchen die Karte zu geben. Dann konnte

man sie mit einer höflichen Phrase abweisen lassen, wenn man sich ihres

Namens nicht mehr entsann. Sie ging zögernd ein paar Schritte wieder

zurück.

Aber man hatte sie wohl gesehen, oder das Knirschen im Kies gehört –

hinter dem Haus reckte sich ein blonder Kopf hervor.

„Ah! Fräulein Rudloff!“ der kleine Johannes sprang ihr förmlich

entgegen. Und im ersten Augenblick hatte sie vergessen, was sie von ihm

gehört, was sie über ihn gedacht hatte, und war entzückt von seiner

knabenhaften Anmut, von der tänzerischen Leichtigkeit seiner Bewegungen.

„Wie nett, daß Sie kommen! Nein, bitte gleich hier herum, wir brauchen

ja nicht durch’s Haus. Wir haben schon öfters von Ihnen gesprochen, und

wo Sie wohl stecken möchten. Nora wird sich schrecklich freuen – Sophus

hat noch zu tun, kommt aber auch gleich.“

Er führte sie an einer grünen Wand vorbei, an der schon die ersten

prallen Bohnen zwischen unzähligen roten und weißen Blüten hingen.

Auf den schmalen Beeten wucherten Phlox und Astern in leuchtenden

Farben. Eingefaßt waren sie mit dem goldgrünen Saum blühender, duftender

Reseda.

In der großen, sechseckigen Laube war ein behaglicher Teetisch gedeckt.

Mette hatte auch ein wenig uneingestandene Angst davor gehabt, Nora

wiederzusehen. Nun war sie fast dankbar überrascht durch ihre Schönheit,

und durch den beherrschten Adel ihrer Bewegungen. Nora war schon so an

ihr Leiden gewöhnt, daß es ihr gar nicht einfiel, etwa den Versuch zu

machen, aufzustehen, um dann hilflos und kläglich zurückzusinken. Sie

saß ein wenig steif und sehr königlich und streckte Mette mit einem

gewinnenden Lächeln die Hand entgegen.

Neben ihr saß Ulrich Zeeden, der sich beeilte, aufzuspringen und hinter

dem Tisch hervorzukommen, wobei er das Teegeschirr in Gefahr brachte,

was sowohl Mette als Johannes zu einem eiligen Zugreifen veranlaßte.

Dadurch entstand eine heitere Verwirrung, die über die ersten Sekunden,

die von peinlicher Förmlichkeit hätten sein können, hinwegleitete und

sofort ein allgemeines, lebhaftes Gespräch in Gang brachte.

Nach einigen Minuten kam auch Sophie mit großen eiligen Schritten aus

dem Haus. Sie begrüßte Mette sehr herzlich, verlangte dazwischen „recht

rasch“ eine Tasse Tee, wollte sie im Stehen trinken, ließ sich dann doch

auf einen Stuhl nötigen und schwatzte sich für eine Viertelstunde fest,

wobei sie jede zweite Minute ängstlich sagte: „Oh, Kinder, das Licht

geht mir weg, ich muß ja hinein an die Arbeit!“

Als sie dann schließlich davonlief, kehrte sie am Haus noch einmal um

und rief zurück:

„Aber daß ihr mir alle dableibt, bis ich wiederkomme, ich will heut’

Abend noch eine Stunde Gemütlichkeit haben, ich hab’ so viel gearbeitet

heute.“

„In deinem traurigen Beruf, hast du vergessen zu sagen!“ lachte Johannes

hinter ihr her.

„Ja, in meinem traurigen Beruf!“ rief sie schon von der Tür her zurück.

„Warum traurigen Beruf?“ fragte Mette verwundert.

„Sie sagt doch immer, sie käme gleich nach Leichenfrau und Sargmagazin,“

erklärte Johannes, „sie macht doch Grabdenkmäler.“

„Das ist wirklich traurig,“ sagte Mette und bemühte sich, ein leises

Lächeln festzuhalten, um nicht für übertrieben sentimental zu gelten.

Die Worte „Grab“ und „Tod“ trafen sie immer noch wie ein schmerzlicher

Stich.

„Man gewöhnt sich daran,“ sagte Nora ernsthaft, „wie man sich an alles

gewöhnt. Und das ist gut. Man verroht ein bissel – für uns

Überempfindliche ist das ganz gut. Wir fühlen uns sehr wohl zwischen

Urnen und trauernden Genien, genau so wie ein Sargfabrikant nicht beim

Anblick eines Sarges erschrickt, oder ein Arzt beim Anblick einer Wunde.

Und wenn man so viel mit dem Tode zu tun hat, wie Sophie, und durch sie

auch ich, dann verliert der Tod alles Grausige, und man sieht

schließlich den Humor in tragischen Situationen – fragen Sie nur Sophie,

die kann Ihnen Geschichten aus ihrer ‚Praxis‘ erzählen.“ – – –

* * * * *

Nora nahm eine Handarbeit aus einem neben ihr stehenden Körbchen und bat

Johannes, das Mädchen zu rufen, damit der Tisch abgeräumt würde.

Johannes bettelte wie ein Kind, es selbst tun zu dürfen, und stellte

gewandt und behutsam das Porzellan auf dem Teebrett zusammen. Als er

wiederkam, saß er eine ganze Weile schweigend und sah mit verlangenden

Augen Noras fleißigen Händen zu.

Schließlich, als könnte er kindische Begierde nicht länger zügeln,

streckte er die Hände aus:

„Oh, bitte, bitte, laß mich auch ein paar Stiche machen!“

Nora überließ ihm lächelnd die Arbeit und suchte geduldig aus ihrem

Körbchen eine begonnene Häkelei für ihre eigne Beschäftigung.

„Oh, gnädige Frau,“ rief Mette erschrocken, „die wundervolle Stickerei!

Haben Sie denn gar keine Angst?“

„Ach nein,“ beruhigte Nora, „Johannes macht ebensogut Handarbeiten, wie

ich.“

„Ja, nicht wahr, Nora?“ fragte Johannes mit einem errötenden Stolz. „Ich

hätte Kunststicker werden müssen, oder Miniaturmaler. Ich habe für

solche Dinge auch eine unerschöpfliche Geduld. Sonst habe ich gar keine

Ausdauer.“

Er neigte den Kopf über die Arbeit, daß ihm die weichen blonden

Haarwellen ins Gesicht fielen. Die schlanken, fast zu wohlgepflegten

Hände bewegten sich mit Anmut und Geschick und setzten sicher Stich

neben Stich.

Es war ein verwunderliches Bild. In Mette regte sich unwillkürlich der

Gedanke: ‚Gut, daß es nicht mein Sohn ist – ich glaube, dann würd’ ich

ihm die Stickerei aus den Händen reißen und um die Ohren schlagen. Aber

so – er sieht ja doch immer aus wie ein gemalter Engel oder Heiliger.‘ –

– –

* * * * *

Johannes mußte gehen, ehe Sophie zurückkam. Er wartete auf sie, bis es

zu spät für ihn wurde, dann nahm er hastig, aber herzlich Abschied, trug

den andern viele Grüße für Sophie auf und lief davon.

Ulrich Zeeden sah ihm kopfschüttelnd nach.

„Ein seltsamer kleiner Bursche,“ sagte er.

„Ein seelensgutes Kerlchen,“ fügte Nora mit leisem Widerspruch im Ton

hinzu, „wir haben uns hier so an ihn gewöhnt, daß wir ihn kaum entbehren

könnten. Er ist wirklich wie ein treuer kleiner Page, immer bereit und

gefällig und liebenswürdig – ach, und mehr als das: herzensgut und

aufopfernd.“

„Es gehen ja sagenhafte Gerüchte über seine Güte,“ Ulrich Zeeden verzog

ein wenig spöttisch die Mundwinkel.

„Es gehen überhaupt viele Gerüchte über ihn um, leider!“ entfuhr es

Mette. Sie fühlte, wie ihr die Verlegenheit das Blut brennend in die

Wangen trieb, aber sie entschloß sich, das einmal Gesagte nun tapfer zu

vertreten. „Es sieht so häßlich aus, so klatschsüchtig, hinter einem

Menschen herzureden, der eben gegangen ist ... aber gerade weil er Ihr

Freund ist, und weil ich ihn sehr nett finde, wirklich sehr nett, darum

ärgere ich mich, wenn die Leute Scheußlichkeiten von ihm erzählen, und

ich absolut kein Recht habe, ihnen den Mund zu verbieten, oder sie Lügen

zu strafen.“

„Würden Sie das sonst tun?“ fragte Ulrich Zeeden, „das wäre sehr tapfer

und anerkennenswert freundschaftlich von Ihnen, aber in den weitaus

meisten Fällen verfehlt. Denn was man auch an Scheußlichkeiten erzählt,

wird immer noch bei weitem durch die Scheußlichkeiten überboten, die

ganz im Geheimen begangen werden, und von denen niemand was ahnt.“

„Ist das wahr?“ wandte sich Mette wie hilfesuchend an Nora.

Nora legte ihr die weiche Hand aufs Haar.

„Ach, Kind,“ tröstete sie, „es ist alles viel zu verwickelt und

verworren, als daß man so einfach ja oder nein sagen könnte. Sie

brauchen darum nicht so verzweifelte Augen zu machen. Alles gut und böse

ist so ineinander verquickt, daß wir es gar nicht auseinander lösen

können, um eins gegen das andere abzuwägen.

Ich will Ihnen etwas erzählen – denn ich weiß ganz genau, was Sie mit

den ‚Scheußlichkeiten‘ meinen, und Sie auch, Ulrich. Sie meinen die

Sache mit Drencker. Man erzählt sich – und Sie wissen, daß es wahr ist,

Ulrich, und wenn ich ehrlich sein soll – ich weiß es auch, daß Drencker

den Kleinen sozusagen mit Haut und Haaren gekauft hat, daß er ihm eine

bezaubernde Wohnung eingerichtet hat, daß er für seinen Unterhalt sorgt

– daß er ihn ‚aushält‘, wie man das ja nennt. Und daß Drencker das

leider nicht nur tut, um seine Millionen auf gute Art loszuwerden, das

wissen wir auch alle. Na, und daß unser gutes Hannchen diesem – milde

gesagt, reichlich unangenehmen Herrn nicht anhängt, wie Alkibiades dem

Sokrates, um Weisheit von seinen Lippen zu schlürfen, sondern daß er

einfach den pekuniären Vorteil wahrnimmt, ist auch klar.

Und trotzdem – wenn man ein bißchen tiefer sieht, dann entdeckt man

hinter all diesen Scheußlichkeiten auch etwas Versöhnendes ... der

kleine Johannes hat von Kindheit an eine große und unveränderliche Liebe

gehabt, eine Schwärmerei mehr, zu einem Schulkameraden, der alles das

hatte, was ihm selbst fehlte: das Männliche, Selbstbewußte, etwas

Brutale – diese Kinderschwärmerei ist zu einer ganz selbstlosen, ganz

anbetenden Freundschaft geworden. Nun kommt hinzu, daß der andere eine

starke Begabung besaß, die den Kleinen noch mehr zur Bewunderung zwang.

Geld hatten sie beide nicht. Johannes hat sich selbst wohl nie für

besonders wertvoll gehalten ... er hat sich verkauft – und mit voller

Absicht teuer verkauft – um dem Freund das Studium zu ermöglichen, um

ihn in jeder Weise zu unterstützen.“

„Und das hat Willi Krafft zugegeben? Das hat er angenommen?“ sagte

Ulrich Zeeden scharf, die Worte dehnend.

Nora hob etwas die Achseln: „Ich habe den Namen nicht genannt.“ Es war

eine kaum hörbare Schwingung von Bitterkeit in ihrer sanften Stimme.

„Was hat Willi Krafft zugegeben? Was hat er angenommen?“ tönte plötzlich

Sophiens tiefe, klingende Stimme dicht neben ihnen.

„Wir verleumden deinen Freund, Sophus,“ lächelte Nora ihr entgegen, „du

kommst im richtigen Augenblick, um ihn zu verteidigen.“

„Verteidigen Sie ihn, wenn Sie können,“ sagte Zeeden in einem strengen,

richterlichen Ton, „Willi Krafft hat zugegeben, daß ein junger,

unreifer, etwas haltloser Mensch, mit dem er vorgeblich befreundet war,

sich den unnatürlichen Lüsten dieses Scheusals in Menschengestalt

verkauft hat, und hat sich von dieser Kaufsumme auch bezahlen lassen.

Das ist für mich das niedrigste, was ein Mensch überhaupt begehen kann –

genau so, wie für mich der Zuhälter noch viel verächtlicher ist, als die

Dirne.“

„So!“ Sophie zog sich einen Stuhl zurecht und setzte sich. „Nun hab’ ich

Sie ausreden lassen, nun lassen Sie mich ausreden. Erstens können Sie

statt ‚Scheusal in Menschengestalt‘ geradeso gut oder besser ‚Mensch in

Scheusalsgestalt‘ sagen – das nur ^en passant^ – das hat schließlich mit

‚meinem Freunde‘ Willi Krafft nichts zu tun. Aber ich kann auch einiges

zu seiner Verteidigung beibringen. Nämlich daß er Talent hat, um nicht

zu sagen Genie – und daß das Talent immer und unter allen Umständen das

Recht hat, sich durchzusetzen. Weil nur das Werk Wert hat, und nicht das

Leben, und am allerwenigsten das moralische Leben des Einzelnen.“

„Das ist Ansichtssache,“ unterbrach Zeeden, „trotzdem – weiter!“

„Vor allen Dingen aber – selbst wenn er talentlos wäre, wenn er keine

unsterblichen Werke schaffen könnte – wen schädigt er? Er ist in den

Stand gesetzt, zu arbeiten, und zwar, wie ich mir einbilde, und wie er

sich einbildet, für die Menschheit zu arbeiten. Er ist glücklich.

Noch glücklicher ist der alte Drencker, der sich am Ziel aller Wünsche

sieht, der endlich der Gefahr entronnen ist, Betrügern, Erpressern, ja

schließlich Räubern und Mördern in die Arme zu laufen, dem nicht mehr

die Angst vor dem Gefängnis das Leben verbittert, der zum erstenmal den

Segen seiner Millionen spürt, die ihm ein Leben lang nur Unsegen

gebracht haben.

Am glücklichsten aber ist entschieden der kleine Johannes. Er führt das

Leben, wozu seine eigentliche Natur ihn treibt. Er ist doch die geborene

kleine Kokotte! Wenn Ihr den Jungen in irgendeinen Beruf steckt, wird er

totunglücklich! Er hat keine besondere Begabung, keine übermäßige

Intelligenz, noch weniger körperliche Kraft und Leistungsfähigkeit. Er

kann seine Tage in irgendeinem Bureaudienst hinschleppen und wird durch

seinen Hang zum Luxus dahin kommen, daß er womöglich Unterschlagungen

begeht.

Jetzt hat er alles, was er sich im Grunde immer ersehnt hat. Er ist

begehrt, verwöhnt, angebetet. Er sieht seine Schönheit, die er nebenbei

sehr zu schätzen weiß, im richtigen Rahmen. Er bringt halbe Tage damit

zu, vor seinem dreiteiligen Toilettespiegel zu sitzen, sich zu

bewundern, sich mit Salben und Pudern und Haarwassern zu pflegen.

Das tut er alles Willi Krafft zuliebe? Redet Euch doch so etwas nicht

ein. Er täte es ohne Willi Krafft genau so! Nein, nicht genau so! – Denn

da entschieden ein besserer Kern in ihm ist, ein Hang zum

Idealistischen, so täte er es mit Reue und würde sich selbst zum Ekel.

Dadurch aber, daß er einen Teil seiner – für ihn, für seine Natur

ziemlich mühelos – gewonnenen Einnahmen für diesen Menschen verwenden

darf, den er anbetet, rückt er sich selbst in ein verklärendes Licht. Er

tut, was ihm bequem ist, und ist noch obendrein Märtyrer und Heiliger!“

Zeeden bewegte die Hände, als klatsche er unhörbar Beifall.

„Eine schöne Rede, lieber Sophus! ‚Wenn man’s so hört, möcht’s leidlich

scheinen.‘ Irgendwo steckt ein Haken, ich weiß noch nicht recht, wo.

Vielleicht auch hier wieder in dem mangelnden ‚Christentum‘! Aber ich

glaube, Frau Nora fröstelt, es wird Zeit, daß wir ins Haus gehen. Die

Abende werden schon recht früh kühl.“

Mette war aufgestanden:

„Ja, es wird wohl auch Zeit, daß ich nach Hause gehe. Ich wollte auf

einen Sprung kommen und sitze schon Stunden und Stunden.“

„Ach, Unsinn,“ sagte Sophie, ruhig sitzenbleibend, und sah fast erstaunt

zu ihr auf, „das klingt ganz nach einer ^façon de parler^. Warum wollen

Sie gehen? Haben Sie etwas Besseres vor? Oder hat man Ihnen einmal

beigebracht, daß man eine erste Visite nicht über zwanzig Minuten

ausdehnen darf?“

„Ja, das hat man mir beigebracht!“ lachte Mette, „das hat mir Tante

Emilie, glaub’ ich, wörtlich so gesagt.“

„Und haben Sie die unselige Absicht, sich in allem nach den Vorschriften

dieser Tante Emilie zu richten? Na also, dann fangen Sie auch gefälligst

nicht gerade bei uns damit an! Was die Tanten sagen, ist ^eo ipso^

verkehrt! Sie bleiben jetzt hier und essen mit uns – die einzige

Entschuldigung ist das bekannte ‚Bessere‘.“

„Ich wüßte tatsächlich auf der Welt nichts Besseres.“

„Armes Kleines – na, es kommt noch!“

Sophie stand auf und reckte sich kräftig:

„Ich spüre meine Knochen heute! Komm, Norina, wir machen es uns drinnen

hell und gemütlich. Daß Sie dableiben, Uli, ist doch abgemacht.“

Zeeden verbeugte sich schweigend.

Sophie rückte mit einem energischen Griff den Tisch beiseite, um den Weg

für Nora frei zu machen.

Mette, mit einer plötzlichen Entschlußkraft, die sie sich selbst nicht

erklären konnte, drängte sich neben Nora.

„Darf ich Sie stützen, gnädige Frau?“ Sie meinte, daß man das Schlagen

ihres Herzens in ihrer Stimme hören müßte.

„Oh, danke vielmals – es wird Ihnen zu schwer werden,“ sagte Nora mit

einer liebenswürdigen Befangenheit.

„Sicher nicht,“ beteuerte Mette, „ich bin sehr kräftig. Und wenn nicht

eine ganz besondere Übung dazu gehört ... glauben Sie mir, es würde

meinen Ehrgeiz befriedigen, wenn ich es dürfte. Ich würde mir einbilden,

daß ich zu irgend etwas auf der Welt nütze wäre.“

„Das ist ein unwiderstehliches Argument,“ sagte Sophie, „Ulrich, wollen

Sie dann, bitte, Martha rufen? Oder wollen Sie selbst so gut sein und

sich mit dem Stuhl beladen?“

Zeeden hatte den Stuhl schon ergriffen.

„Warum haben Sie eigentlich keinen Rollstuhl?“ fragte er.

„Kommen Sie mir auch noch damit!“ rief Sophie ärgerlich über die

Schulter zurück, „weil die Dame gehen soll! Sie kann es ja auch sehr gut

– sie hat die gesündesten Beine von der Welt! Sie ist nur zu eitel –

sonst könnte sie meilenweite Spaziergänge unternehmen.“

Mette empfand den Druck des Armes auf ihren stützenden Händen nicht als

übermäßig schwer. Und das Gefühl, helfen zu können, überwog das Grauen

so sehr, daß fast auch das schmerzliche Mitleid erlosch.

In dieser sanften Frau war die Verzweiflung über ihren zerstörten,

gehemmten Körper sicher längst gebrochen, und ihr Leben hatte gute und

schlimme Stunden, wie jedes andere auch. Vielleicht sogar einige gute

mehr und einige schlimme weniger, denn ihre Krankheit hielt sie vor dem

stärksten Anprall niedriger Kräfte geschützt; sie verließ kaum je das

Haus, in dem sie wie eine Königin behandelt wurde, niemand drängte sich

zu ihr, der nicht von freundschaftlichster Gesinnung für sie erfüllt

war. – – –

* * * * *

Während sie heiter und behaglich beim Essen um den hellen, hübsch

gedeckten Tisch saßen, erinnerte Nora daran, daß Sophie ihr einige

Geschichten aus der „Praxis“ zu erzählen schuldig geblieben sei, und bat

sie, wenn es angängig wäre, jetzt die kleine Gesellschaft damit zu

unterhalten.

„Ach ja, mein Freund, der trauernde Witwer!“ lachte Sophie. „Das ist

wirklich eine hübsche und erfreuliche Geschichte! Wissen Sie,“ sie

wandte sich direkt an Mette, „ich kann es mir nämlich leider immer noch

nicht abgewöhnen – mit ‚meinen Patienten‘ hätt’ ich fast gesagt – mit

meinen Kunden mitzufühlen. Ich kann auch nicht arbeiten, wenn ich nicht

ein bißchen persönlich daran beteiligt bin, ich rede gern mit den

Leuten, und sie reden gern mit mir, manchen ist die Beschäftigung mit

diesen letzten Dingen, dem Letzten, was man einem Geliebten schenken

kann, wirklich eine Erleichterung in ihrem Schmerz ... ja, also, und was

ich nun eigentlich erzählen wollte ... mein Freund, der Witwer!

Vor ... ich weiß nicht mehr genau, wie lange es her ist, kam ein noch

junger Mann zu mir, dem die Frau gestorben war. Der Mann tat mir so

leid, weil ich fühlte, wie er direkt vor Schmerz zerbrochen war.

Wirklich, ich dachte so viel an ihn – wenn ich mich zu Tisch setzte,

fiel er mir ein, und mir quoll direkt der Bissen im Halse, daß ich nicht

schlucken konnte. Gelt, ^poverina^, du hast was auszustehen gehabt mit

mir! Er kam sehr oft, ich legte ihm Zeichnungen vor, wir saßen

stundenlang zusammen und entwarfen und änderten, er zeichnete selbst so

ein bißchen, ich glaube, er hätte am liebsten eine Zelle um das Grabmal

gebaut, wo er hätte hausen können, Tag und Nacht die Aschenurne im Arm.

Na, das dauerte natürlich eine Weile, erst mußte der Stein besorgt

werden, das Modell fertig gemacht und so weiter. Jedesmal, wenn er kam,

war er ein bißchen flüchtiger und uninteressierter und war so halb und

halb geneigt, hier und da eine Verbilligung zu beantragen ... heut’ war

er wieder da, sehr eilig: ‚Sie werden das schon machen, nur daß es nicht

zu teuer kommt!‘ Ich sah ihm nach heut’, zufällig, auf der andern Seite

wartete eine junge Dame auf ihn. Er ging so forsch und aufrecht – als er

das erstemal bei mir war, ging er wie ein Schwerkranker.“

„Erzähl’ auch einmal von deiner Witwe,“ sagte Nora, während sie das

Mundtuch zusammenfaltete und in den Ring schob.

„Ach ja, das war auch sehr nett. Eine Witwe bestellte bei mir ein sehr

schönes Grabmonument, in _einem_ Stein zwei Urnen, die mit Ketten

zusammengehalten werden sollten. Aber eh’ das Ding noch fertig war, kam

sie ganz verzweifelt zu mir, ob ich es nicht noch ändern könnte: sie

hatte sich wieder verlobt, und wo sollte der arme dritte nun hin, wenn

sie mit Ketten an den ersten geschmiedet wäre? Ich wollte ihr

vorschlagen, sie sollte die beiden Männer in den zusammengeschmiedeten

Urnen ruhen lassen, und ich wollte ihr eine dritte für sie selbst

krönend obenauf setzen.“

„Das ist doch aber furchtbar,“ sagte Mette zwischen Lachen und

Verzweiflung.

„Was ist furchtbar?“ fragte Sophie mit etwas spöttischer Ruhe, „daß der

Schmerz nicht ewig dauert? Das alte: ^tout passe, tout casse, tout

lasse^? Es wäre viel furchtbarer, wenn es nicht so wäre! Als Kind habe

ich jedesmal geweint, wenn ich einen Leichenwagen gesehen habe – und

zwar nicht aus Angst, daß ich auch mal sterben würde, sondern aus

Mitleid mit den Leuten, die ihre Angehörigen begraben mußten. Jetzt sehe

ich mir das schon mit bedeutend mehr Ruhe an. Ich habe zu viel

Verzweiflung gesehen, die in ein paar Monaten ausgebrannt war! Man muß

sich nur intensiv beschäftigen mit Dingen, vor denen man ein Grauen hat

– schließlich wird einem der Tod vertraut wie einem Lokomotivführer

seine Maschine, vor der sich ein Fremder auch fürchten kann.“

„Ja,“ sagte Mette eifrig und wurde rot, weil sie daran dachte, wie rasch

sie das Grauen vor Noras Hilflosigkeit überwunden hatte, „das meiste

sieht sich aus der Ferne viel schlimmer an als aus der Nähe.“

„Die meisten schlimmen Dinge im Leben sind wie Nachtgespenster,“

lächelte Sophie mit ernsten, klaren Augen, „es ist etwas unfaßbar

Grauenvolles, und wenn wir darauf losgehen und es packen, ist es ein

Handtuch im Winde.“

„Nicht nur das,“ meinte Zeeden nachdenklich, „es gibt auch Dinge, die

nicht Spuk und Einbildung sind und sich doch von weitem schlimmer

ansehen als aus nächster Nähe. Einfach weil der, der mitten darinsteckt,

sie gar nicht in ihren ganzen Dimensionen überblicken kann. Wer in der

Ferne steht, sieht nur einen Berg des Elends. Wer diesen Berg zu

erklimmen hat, sieht weder die Höhe über sich, noch die Tiefe unter

sich: er beobachtet vielmehr das, was der andere nicht bemerken kann:

die kleinen Steine, die ihn verwunden, und die kleinen Blumen, die am

Wegrand blühen.“

„Ja,“ lachte Sophie, „und nun paßt wieder unser beliebtes Wort hierher:

^tale è vita^. Im Ernst, man denkt viel zu wenig daran, daß das Leben

aus Minuten besteht und nicht aus Jahren. Wenn wir zurücksehen, gleitet

es immer mehr ineinander, wie helle und dunkle Streifen aus der Ferne zu

einer Farbe verschmelzen. Es gibt keine ganz glücklichen Jahre, wie es

keine ganz unglücklichen gibt.“

„Es gibt Jahre,“ sagte Nora leise und stockend, wie gegen ihren eigenen

Willen, „die so voller Verzweiflung sind, daß sie kaum durch eine lichte

Minute aufgehellt werden.“

„In der Erinnerung,“ sagte Sophie mit einer eigenen, sehr festen Güte,

und dann, wie um schnell auf ein anderes Thema zu kommen: „Wissen Sie,

daß ich auch für meine eigne Urne schon Entwürfe gemacht habe? So wie

ich Zeit habe, will ich sie einmal ausführen!“

Mette schien darin eine leichte Grausamkeit gegen Noras Hilflosigkeit zu

liegen.

„Und was sagt Ihre Freundin, wenn Sie sich mit solchen Gedanken

beschäftigen?“ sagte sie, wie um Nora zu schützen.

„Oh, wir machen das zusammen,“ lachte Sophie, „Norina hat sich ihre Urne

auch schon bei mir bestellt!“

„Finden Sie das so schlimm?“ lächelte Nora, „warum soll man nicht sich

selbst sein Bett machen, eh’ man sich schlafen legt? Sie müssen einmal

die Zeichnungen durchsehen, die Sophie schon für uns gemacht hat!“

„Ja, nun haben wir uns fürs erste entschieden!“ sagte Sophie. „Zwei ganz

gleiche Urnen in schönen und glatten Formen, und neben Noras zwei

Putten, die die Urne mit dicken Rosengirlanden bekränzen. Aber keine

geflügelte Genien, sondern richtige, feststehende Kinderkörperchen. Und

aus der andern Urne quillt eine Fülle von Rosen, ein kleiner Putto steht

daneben, fängt sie mit den Armen auf und drückt sie an sich. Sie sehen

sehr lustig aus, wie hübsche heitere Schmuckvasen in einem stillen

Garten.“

„Es liegt eine sehr schöne Idee darin,“ sagte Mette nachdenklich.

„Die Idee stammt von Nora,“ wehrte Sophie ab. „Ich möchte mir in keiner

Richtung etwas anmaßen.“ – – –

* * * * *

Als sie nach dem Essen bei einer Tasse Tee und einer Zigarette

beisammensaßen, erschien plötzlich Gisela. Mette konnte sich nicht ganz

klar darüber werden, was sie bei ihrem Anblick empfand. Sie freute sich,

daß sie kam, und zugleich war es ihr störend, durch irgend etwas, selbst

durch eine Freude, aus der behaglichen Ruhe gerissen zu werden. Und

Gisela riß unweigerlich jeden Menschen aus seiner behaglichen Ruhe.

Mette versuchte an diesem Abend zum erstenmal, sich Rechenschaft darüber

zu geben, woher die Unruhe stammte, die Gisela Werkenthin, allen

fühlbar, um sich verbreitete. Sie war nicht laut, nicht einmal

sonderlich gesprächig, sie konnte reglos auf einem Fleck sitzen und vor

sich hinstarren, und trotzdem schien es, als ob die Luft um sie zittere.

Mette fühlte dies Vibrieren in allen Nerven und fühlte das friedevolle

Gefühl immer mehr aufgesogen werden von einer brennenden, prickelnden

Unrast.

Es kam ihr vor, als ob Noras Gesicht die sanfte lächelnde Ergebung nur

wie eine Maske trüge, hinter der grauenvollste Verzweiflung gärte.

Es kam ihr vor, als ob Sophie vergebens mit der Kraft und Ruhe der

Karyatiden sich gegen eine untragbare Last stemmte.

Es kam ihr vor, als ob Ulrich Zeeden hinter seinem gemessenen Wesen

unaufhörlichen, qualvollen Kampf verbarg.

Es schien ihr, als ob Gisela so zerfressen von Schmerz und Leid sei wie

ein Haus, in dem die Flammen wüten, und von dem nur noch die

geschwärzten Mauern stehen, um jeden Augenblick zu völliger Vernichtung

zusammenzustürzen.

Und es war ihr, als ob sie, Mette, von all diesen Unglücklichen die

Unglücklichste sei, da Olga tot war und sie allein gelassen hatte in der

Welt, in einer Welt, die erfüllt war von fremden, bedrohlichen,

schmerzbringenden und angsterregenden Dingen.

Sie hatte es plötzlich eilig, nach Hause zu kommen, schon weil sie zu

bemerken glaubte, daß ihre Wirte nur aus Liebenswürdigkeit und mit

Anstrengung gegen Müdigkeit ankämpften.

Zeeden und Gisela gingen mit, und sie wanderten eine Zeitlang schweigend

durch die stillen Straßen.

Zeeden unterbrach eine lange Stille, indem er sich an Metten, und nur an

Metten mit der Frage wandte:

„Ich darf Sie nach Haus bringen, gnädiges Fräulein?“

„Danke vielmals,“ sagte Mette, „nur, wenn es Ihre Gegend ist – ich

fürchte mich nicht vorm Alleingehen.“

Gisela beugte sich ein wenig vor, um an Mette vorüber zu sprechen.

„Machen Sie sich keine Unbequemlichkeiten, Herr Zeeden. Und es _wäre_

doch sehr unbequem für Sie, wenn Sie jetzt in die Stadt hinein müßten

und nachher wieder nach Ihrer Wohnung zurück. Ich bringe Fräulein

Rudloff nach Hause – wir haben ohnehin denselben Weg.“

Mette schwankte einen Moment, ob sie nicht irgendwie gegen die Verfügung

protestieren sollte. Es war ihr unangenehm, daß Zeeden nun vielleicht

annehmen konnte, sie hätte seine Begleitung abgelehnt, um mit Gisela

allein zu sein. Aber ihn jetzt zum Mitgehen aufzufordern, war wieder für

Gisela eine Beleidigung. Sie schwieg und berief sich mit einem stillen

Trotz darauf, daß ihr ja die Meinung der Leute gleichgültig sein könnte

und sollte.

Zeeden verabschiedete sich an der nächsten Ecke, noch ein wenig steifer

und förmlicher als sonst.

„Mögen Sie ihn?“ fragte Gisela Metten, als er kaum außer Hörweite war.

„Ich kenne ihn ja kaum.“ Mette hob zögernd die Achseln.

„Er mag Sie sicher.“

„Warum denn?“ Mette lachte ein wenig durch die Zähne.

„Warum? Er mag alle Frauen, die ich mag. Darum kann er mich auch nicht

leiden,“ fuhr sie rasch, fast hastig fort, „das heißt, er liebt alle die

Frauen unglücklich ... und kommt niemals los von einer furchtbaren

Geliebten.“

„Wie kann man von einem furchtbaren Menschen nicht loskommen,“ sagte

Mette grübelnd, „wenn man überhaupt die Möglichkeit in sich spürt,

andere zu lieben?!“

„Weiß ich?“ Gisela hob gleichmütig die eine Schulter, „man erzählt ja,

daß sie ihn jeden Abend blutig peitscht und daß er ohne das nicht leben

kann! Aber vielleicht hat er auch irgendeine andere Verrücktheit, in der

nur sie ihn versteht. Was bindet denn Menschen überhaupt aneinander? Daß

der eine den versteckten Wahnsinn des andern erkannt hat und ihn füttert

und hervorlockt und ihn liebkost und ihn großzieht – bis er sich gegen

seinen früheren Herrn hetzen läßt wie ein tückischer Hund.“

„Und das ist der Kernpunkt aller menschlichen Beziehungen?“ sagte Mette

traurig und empört. „Mit was für Augen sehen Sie nur die Welt an?“

„Mit ungetrübten!“ lachte Gisela bitter.

„Und Sophie Degebrodt?“ wandte Mette ein, „und Frau von Hersfeld?“

„Sophies Wahnsinn heißt Nora. Und sie ist der glücklichste Mensch, den

ich kenne, weil sie sich ganz auf diesen Wahnsinn konzentrieren kann.

Und Nora? Was in der vorgeht, weiß kein Mensch. Ich weiß auch nicht, ob

sie glücklich ist.“

„Ich weiß nicht, ob sie glücklich sein kann,“ sagte Mette bedrückt, „es

muß furchtbar sein, wenn man gezwungen ist, immer zu nehmen, ohne zu

geben.“

„Sie weiß, daß sie viel gibt,“ widersprach Gisela, „Sophien alles!

Sophie ist doch erst ein Mensch geworden, an dem Tag, an dem Nora zu ihr

kam. Sie war faul und verbummelt und verschlampt und lebte von

Zigaretten und Alkohol und Kokain. Wir haben uns alle um sie bemüht, wir

haben versucht, sie aufzurütteln – es hat alles nichts genützt.“

„Und Nora,“ fragte Mette, mit stockendem Atem, „war sie damals schon

krank?“

„Als sie kam? Ja, natürlich – sie hatte, glaub’ ich, einen

Selbstmordversuch gemacht. Sie war mit einem Syphilitiker verheiratet

und hatte ein blödsinniges Kind, oder so ähnlich.“

‚Welt,‘ dachte Mette, ‚wo soll ich mich hinflüchten vor dir! Ich möchte

tot sein – ich möchte in einer von Sophiens schönen, steinernen,

rosenbekränzten Urnen schlafen! Wie soll ich fertig werden, ganz allein

fertig werden, mit all dem Furchtbaren, was menschliches Schicksal

heißt!‘

Sie gingen eine ganze Weile schweigend, jeder versponnen in seine

eigenen Gedanken.

„Wissen Sie, Mette Rudloff, daß ich auch einen Wahnsinn habe?“ fragte

Giselas Stimme plötzlich, und sie war weicher und klingender als sonst.

Mette erschrak. Sie fürchtete sich davor, Beichten entgegenzunehmen. Sie

dachte: ‚O Gott, jetzt kommt das mit dem Morphium. Was soll ich nur

darauf sagen? Ich kann ihr doch auch nicht helfen!‘

Gisela erwartete keine Antwort. „Ich habe den Wahnsinn,“ fuhr sie fort,

in einem leisen, schwebenden Ton, ohne Mette anzusehen, ohne auch nur

den Kopf nach ihr zu wenden, „ich habe den Wahnsinn, schöne, reine

königliche Frauen zu lieben – immer nur solche, die weit über mir

stehen, immer nur solche, die zu schade für mich sind ... nach meinem

eigenen Urteil zu schade für mich ... Frauen wie Sie, Mette Rudloff!“

Sie waren vor dem Haus angelangt und blieben stehen. Mette zerquälte

sich immer noch um eine Antwort. Sie fand keine. Sie streckte Gisela die

Hand hin, ein wenig scheu, und sagte herzlich:

„Ich danke Ihnen.“

Gisela hob mit einem schmerzlich-spöttischen Lächeln den einen

Mundwinkel:

„Wofür?“

„Daß Sie mich nach Haus gebracht haben ... und für alles ... auch für

das, was Sie eben gesagt haben.“

Mettes Herz schlug zum Zerspringen, aber eigentlich nur in einer Art von

Verlegenheit. Sie hätte die Worte gern zurückgenommen. Es wäre

vielleicht taktvoller gewesen, wenn sie so getan hätte, als hätte sie

nichts gehört oder nichts verstanden.

Gisela wandte den Kopf ein wenig nach der Seite, mit einer

unbeherrschten und fast ungeduldigen Bewegung. Der Schein einer

Straßenlaterne fiel auf ihr Gesicht, das elend und traurig und fast

verfallen aussah.

‚Vielleicht würde es ihr Freude machen, wenn ich sie küßte,‘ dachte

Mette, ‚es ist traurig genug, aber ich tue niemandem weh damit.‘

Sie beugte sich ein wenig, mit einem kleinen, verlegenen Lächeln, und

legte ihren Mund auf Giselas Lippen.

Sie fühlte diese Lippen unter ihrem Mund aufzucken und aufblühen,

scharfe Zähne drängten sich knirschend gegen die ihren, preßten sich in

ihre Lippen.

Eine schmale Hand klammerte sich um ihr Genick, wühlte sich in ihr Haar,

gab sie nicht wieder frei.

Als Mette sich aufrichtete, war ihr ein wenig taumelig.

‚Ich liebe sie nicht,‘ dachte sie traurig, ‚vielleicht liebt sie mich,

und ich liebe sie nicht.‘

„Gute Nacht,“ sagte sie und legte einen Augenblick die Hand zärtlich und

behutsam gegen Giselas Wange. Ihr war, als spräche sie zu einem Kinde:

„Schlafen Sie recht, recht wohl!“

Mette wollte sich auf ihren Diwan legen.

Sie hatte trotz der frühen Nachmittagsstunde die Lampe angedreht und die

Vorhänge fest zugezogen, um nicht zu sehen, wie der unermüdliche

Herbstregen an den grauen Hofwänden entlang troff und rieselte.

Sie hatte Kissen und Decken auf den Diwan gehäuft, einen Stuhl in

erreichbare Nähe gerückt, auf dem sie einen ganzen Stoß Bücher

aufschichtete – der Nachmittag war lang, und sie würde keine Lust haben,

aufzustehen ... sie würde auch keine Lust haben, stunden- und

stundenlang sich in _ein_ Buch zu vertiefen. Sie trug ein halb Dutzend

Bücher zusammen, mit dem genießenden Vorgeschmack, mit dem ein

Feinschmecker sich ein erlesenes Mahl zusammenstellt:

Novellen von Herman Bang, Gedichte von Rainer Maria Rilke, einen Band

Dickens – ja, nach Dickens war ihr ganz besonders zumute – dann wollte

sie ein klein wenig Spanisch treiben, in dem bilderreichen Werk über das

Rokoko blättern, ein paar Briefe des Clemens Brentano an Sophie Mereau

lesen. Nein, nicht den Dostojewski, der einen so ganz gefangen nahm, daß

man tage- und wochenlang nicht von ihm loskam – und auch nicht die

„^Antikrists mirakler^“ – da mußte sie zu oft nach dem Wörterbuch

greifen, um einen Genuß zu haben.

Auf den kleinen, glasbedeckten Tisch am Kopfende stellte sie Zigaretten,

Schokolade und eine Vase mit ein paar blaßrosa, süßduftenden Nelken, die

sie sich heute in der Stadt gekauft hatte.

Als sie sich eben hingelegt hatte, eine leichte Decke über die Füße

gezogen und nach dem obersten Buch griff, klopfte es an die Tür.

Einen Augenblick dachte sie ärgerlich: ‚Warum habe ich nicht

abgeschlossen, dann würd’ ich mich jetzt nicht rühren – da könnte, wer

wollte, an der Tür rütteln.‘

Aber als auf ihr „Herein“ Gisela die Tür öffnete, freute sie sich doch.

„Oh, wie hübsch haben Sie es hier!“ rief Gisela, ehe sie noch guten Tag

sagte. „Nein, ich bitte Sie um Gottes willen, springen Sie nicht auf,

sonst lauf ich gleich wieder hinaus. Sie haben sich’s da so nett bequem

gemacht, nun dürfen Sie sich bitte nicht von mir aus Ihrer Ruhe aufjagen

lassen. Ich wollte zu der kleinen Luigi, aber sie ist nicht da, und da

wollt’ ich mir eigentlich nur mal Ihr Zimmer anschauen. Jessas, ist das

aufg’räumt bei Ihnen – so sieht meine Bude nicht an hohen Feiertagen

aus!“

„Wenn Sie wollen, daß ich nicht aufstehe,“ sagte Mette lächelnd – sie

saß auf einen Ellbogen gestützt, einen Fuß angezogen, die

zurückgeschlagene Decke in der Hand, immer noch im Begriff aufzuspringen

– „dann müssen Sie schon hierher kommen – sonst muß ich Licht anmachen

und Sie feierlich in einen Sessel nötigen.“

„Nein, nein, ich komm’ schon,“ Gisela lief nach dem Diwan, drückte Mette

auf das Kissen zurück und zog ihr die Decke bis unters Kinn.

„So, meine Schöne, wollten Sie schlafen? Soll ich Sie in den Schlaf

singen und mich dann auf den Zehenspitzen hinausschleichen? Schlaf,

Kindchen, schlaf!“ Sie stützte sich mit einem Knie auf den Diwan, faßte

Mette an beiden Schultern und wiegte sie leise hin und her.

Mette empfand ein leises und nicht unangenehmes Schwindelgefühl. Sie

griff nach den beiden Händen, die auf ihren Schultern lagen, und hielt

sie fest.

„Lassen Sie das,“ sagte sie mit geschlossenen Augen, „mir wird

schwindlig.“

Sie fühlte, daß die schaukelnde Bewegung aufhörte, aber zugleich fühlte

sie einen leichten Atem über ihre Stirn streifen und einen weichen Mund

sehr leise, sehr zärtlich über ihre Schläfen, ihre Wangen, ihre

Augenlider gleiten.

Es war wohltuend, aber sie wehrte sich gegen das Angenehme dieser

Empfindung.

‚Ich liebe sie nicht,‘ dachte sie trotzig, ‚ich habe mich nie nach ihrem

Mund gesehnt – so kann einem Tier zumute sein, wenn es gestreichelt

wird.‘

Der weiche Mund ließ ab von ihrem Gesicht, und Gisela kauerte sich auf

dem Diwan nieder.

Ohne jeden Übergang deutete sie auf die Blumen und fragte:

„Von wem haben Sie die schönen Nelken?“

Mette drehte ein wenig den Kopf, um der Bewegung mit den Augen zu

folgen.

„Von mir,“ lächelte sie.

„Was heißt das?“

„Was das heißt? Ich habe sie mir heute morgen selbst gekauft!“

„Seltsam!“ Gisela schüttelte den Kopf. „Erwarten Sie Besuch?“

„Nein, warum denn?“

„Weil das für mich der einzig mögliche Grund wäre, um mir Blumen zu

kaufen und aufs Zimmer zu stellen!“

„Ich habe sie mir gerade gekauft, weil ich dachte, allein zu sein.“

„Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie nicht sagen: weil ich hoffte ...“

Der Skorpion. Band 2 · 第 5 / 15 题