»Du hattest es damals nicht mit einem Weibe zu tun,« gab Pater

Wildgruber zu bedenken, »einem Weibe, das ich ganz und gar der Dalila

vergleichen möchte, wenn auch unser hochgeliebter Herr, der Kurfürst,

nichts mit dem Helden Simson gemein hat als die Bezauberung durch

seine Gemahlin.«

»Es ist meine Pflicht, mich durch nichts von dem abhalten zu lassen,

was zum Heil unserer Kirche notwendig ist, am wenigsten durch ein

Weib,« sagte Pater Gumppenberg gefaßt, indem er seinen schwärzlichen,

mit vielen grauen Haaren durchschossenen Vollbart über der breiten

Brust auseinanderstrich; »es wird verhoffentlich nicht ohne Eindruck

bleiben, wenn ich den Geist seines hochseligen Vaters berufe, um meine

Vorstellungen zu unterstützen.«

Für den jungen Kurfürsten, der in seinem Vater das Abbild Gottes auf

Erden verehrt hatte, war die Anrufung desselben überwältigend, und er

wagte nicht leicht etwas durchzusetzen, wenn man ihn glauben machte,

daß es seiner Gesinnung zuwider sei. Freilich bekämpfte den erhabenen

Schatten seit seiner Vermählung das lebendige Auge der geliebten Frau,

allein er getraute sich in wichtigen Dingen noch nicht immer dieser

neuen, allzu reizenden Kraft nachzugeben, weil es ihm unglaubhaft

schien, daß irgend jemand, und nun sogar ein junges Weib, seinem

gewaltigen Erzeuger in etwas sollte überlegen sein können. Demgemäß

erwiderte er dem Pater Gumppenberg auf dessen eindringlichen Vortrag,

es sei ihm unbekannt gewesen, daß das Volk der Einführung des neuen

Heiligen so sehr entgegen sei; ein vortrefflicher Künstler habe zwar

den Entwurf zu einem Altare ihm bereits vorgelegt, die Genehmigung

habe er aber noch nicht erteilt und werde die Sache einstweilen ruhen

lassen, bis die Vortrefflichkeit des vicentinischen Cajetan in Bayern

besser bekannt und bezeugt sein werde.

Ein wenig betreten begab er sich in das nach dem neuesten

italienischen Kunstgeschmack erst kürzlich fertiggestellte Wohnzimmer

seiner Gemahlin, bei der er zu seinem Troste Pater Filiberto anwesend

fand; denn obgleich dieser der Kurfürstin selbst einflüsterte, was sie

in bezug auf die Religion und die Geistlichen ihrer Heimat verlangen

solle, suchte er doch immer zu begütigen, wenn der Kurfürst in seiner

Gegenwart darüber verdrießlich wurde, im Vertrauen darauf, daß der

Streit sich hernach weiterspänne und zu dem erforderten Zwecke führe.

Henriette Adelaide nahm die Botschaft ihres Mannes, die er unter

mancherlei Scherzen vorbrachte, unwillig entgegen und sagte: »Das kann

ich am wenigsten leiden, daß du deine eigene Einsicht geringer

anschlägst als die des Pater Gumppenberg, des ungeschlachten

Dickschädels. Glichen alle Menschen dir, so würde die Stadt München in

Ewigkeit nichts anderes werden als ein Häuflein bäurischer Hütten um

die barbarische Ausgeburt der Frauenkirche herum. Soll etwa jeder

Christ zwischen Spanien und Rußland zu jenem Benno beten, dessen

Knochen man in nordischen Urwäldern zwischen den Knochen von Bären und

Auerochsen zusammengelesen haben wird?«

»Er hat doch«, sagte Ferdinand Maria, »vor deinem Cajetan das voraus,

daß er ein regelrechter Heiliger ist, während jener, wie ich höre, nur

der Seligsprechung wert befunden wurde, ihm also doch wohl etliche

schätzenswerte Qualitäten abgehen müssen.«

»Das haben dir die Schelme weisgemacht!« rief Henriette Adelaide

heftig. »Die Heiligsprechung wird seinerzeit schon erfolgen, und wenn

Cajetan nur eine gute Tat getan hätte, die beglaubigt ist, so gälte

das mehr als hundert Wundertaten eines Benno, die niemand mit

angesehen hat, und von dem niemand beweisen kann, ob er überhaupt

gelebt habe.«

Hier legte sich Filiberto ins Mittel, indem er mit liebenswürdigem

Lächeln einschaltete, daß daran wohl kein Zweifel obwalten dürfe, da

Papst Hadrian im Jahre 1523 den würdigen Bischof und Heidenbekehrer

unter die Heiligen gestellt habe; indessen müsse er auch bestätigen,

was die Kurfürstin mit ihrem hohen Geiste bereits festgestellt habe,

daß die Heiligsprechung des Cajetan der Seligsprechung sicher

nachfolgen werde, so daß man sie schon für geschehen annehmen könne.

Er für seine Person müsse jedoch sagen, wenn ihm eine Meinung

gestattet sei, daß der Kurfürst tiefdurchdachte Regierungsweisheit an

den Tag lege, wenn er es vermeiden wolle, durch stürmisches Vorgehen

Ärgernis in seinem treuen Volke zu erregen; die Kraft, die dem

heiligen Cajetan innewohne, sei so groß, daß sie sich selbst

durchwirken und ihn bei jedermann beliebt machen würde.

Es werde nie zu befürchten sein, sagte Henriette Adelaide, indem sie

den stolzen Mund ein wenig spöttisch verzog, daß ihr Gemahl stürmisch

vorgehen werde. Sie würde also darauf verzichten, die vandalische

Halle der Frauenkirche durch ein geläutertes Kunstwerk verschönt zu

sehen. Ihr könne es im Grunde gleich sein, da sie diese Kirche, deren

grobe nordische Bauart ihr nun einmal zuwider sei, sowieso nicht

besuche, und für die Theatiner und den heiligen Cajetan könne

anderweitig gesorgt werden, indem man ihnen eine besondere Kirche

baue, was denn besser und gründlicher sei als ein bloßer, unwillig im

fremden Raume geduldeter Altar. Sie warf diesen überraschenden Plan

nicht ohne Schelmerei hin, ließ aber nur ein wenig davon aus den

beredten Augen und von dem ernsten Munde lächeln und trat voll

Unbefangenheit an das Fenster, indem sie sagte: »Es ist hier gegenüber

Platz genug, um einen großen Entwurf ins Werk zu richten. Eine weite

Kuppel und ein paar schmuckreiche Türme nach römischer Art wären mehr

geeignet, unser Auge zu erfreuen, als die Wüstenei, aus der wie die

Buckel erschöpfter Kamele hie und da ein paar steile Dächer steigen.«

Ferdinand Maria blickte zunächst nicht aus dem Fenster, sondern auf

die aufrechte Gestalt seiner Frau und sagte zwischen Erstaunen und

Bewunderung schwankend: »Meine Teure, du bist eine neue Semiramis, und

ich fürchte nur, daß mein armes München und vielleicht auch dein armer

Gatte dir zu klein seien. Wie soll ich eine Kirche ausrichten, da ich

schon mit dem Altar angestoßen habe?«

»Für den, der will,« entgegnete sie, »gibt es keine Hindernisse; aber

nicht ein jeder kann wollen.«

Der Beichtvater, dem es an der Zeit schien, die Gatten sich selbst zu

überlassen, pries sowohl die fürstliche Gesinnung seiner Herrin wie

die landesväterliche Bedächtigkeit des Kurfürsten, worauf er um die

Erlaubnis bat, sich zurückziehen zu dürfen.

»Möchtest du nicht auch lieber Beherrscher einer prächtigen Stadt als

eines veralteten Dorfes sein?« fragte Henriette Adelaide ihren Gatten,

als sie allein waren. »Wir genießen des Friedens, wir können das Geld

nach unserem Herzen ausgeben. Richten wir uns denn eine schöne

Wohnstätte her, wie sie uns behagt, nicht jenen Mönchen, die keine

Nasenlänge über ihren Rosenkranz hinausblicken können.«

»Ach,« sagte der Kurfürst, indem er einen komischen Seufzer ausstieß,

»wenn ich bedenke, wie kurze Zeit wir in dieser Wohnstätte bleiben

werden, so scheint es mir, daß wir ein wenig zu viel Lärm darüber

vollführen, ob sie so oder so gestaltet ist.«

Die Kurfürstin maß sein feines junges Gesicht mit dem äußersten

Erstaunen und erst nach einer Minute mit aufgehendem Verständnis

seiner Rede. »Wenn du so willst,« sagte sie, »sollte man freilich in

Blockhäusern leben und nichts als Pyramiden zu dauerhafter Versorgung

seiner Leiche bauen.« Sie setzte sich bei diesen Worten neben ihn auf

die steife Lehne eines Damastsessels und küßte ihn mit zärtlicher

Behutsamkeit auf die wohlgebildeten roten Lippen. »Du hast eine

seltsame Art, das Leben anzusehen,« sagte sie, »mit welcher man nicht

viel ausrichten kann. Wer möchte denn Kinder erzeugen, wenn man

beständig vor Augen hätte, daß er sie vielleicht morgen verlassen

muß?«

Aus seinen dunklen Augen fiel ein warmer Strahl auf ihr lachend ihm

zugeneigtes, schönes Antlitz, und er sagte: »Du hast recht, weil du

stark und gesund bist und Gott und dir vertraust. Darum mag ich auch

entschuldigt sein, wenn ich dir schon mehr nachgegeben habe, als

deinem Fürsten und Eheherrn geziemt.« Unter mancherlei Neckereien und

Scherzen zog sie ihn an das Fenster, um ihm die dürftige Umgebung zu

weisen und den Einfall, den der Augenblick ihr gebracht hatte, zu

einem verlockenden Plane auszumalen. Obwohl das Herz des Kurfürsten

gestimmt war, sich durch die Unternehmungslust seiner Gemahlin

hinreißen zu lassen, so hielt er doch mit der endgültigen Zustimmung

vorsichtig zurück. Bei sich bedachte er, daß sie beide vor seinem

Volke anders dastehen würden, wenn er ihm erst einmal einen Erben

vorzustellen hätte, sprach dies aber nicht aus, da er wohl wußte, wie

übel sie es aufnahm, wenn man sie daran wie an eine versäumte

Schuldigkeit mahnte. Auch ging es ihm zuweilen durch den Sinn, daß er

vielleicht von Gott nicht bestimmt sei, sich fortzupflanzen; denn er

hatte sich von jeher im Vergleich mit seinem bewunderten Vater als

einen schwachen, unwerten Sproß gefühlt; oder er dachte, daß es der

Kurfürstin an der rechten Liebe zu ihm fehle, und daß diese

Ungeneigtheit der Seele auch ihren Leib gegen ihn verschließe, so daß

sie kein Kind von ihm empfangen könne. Diese traurige Einbildung hatte

er einmal, einer wehmütigen Stimmung nachgebend, ihr gegenüber laut

werden lassen, da sie ihn aber ausgelacht und ihn einen Phantasten

genannt hatte, kam er nie wieder darauf zurück; im stillen hatte er

gehofft, sie werde ihm eine liebevollere Antwort daraus geben.

Die Zurückhaltung ihres Gemahls veranlaßte Henriette Adelaide nicht,

auf ihren Einfall zu verzichten; vielmehr schrieb sie ihrer Mutter,

der Herzogin von Savoyen, sie möge ihr ohne Säumen einen erfahrenen

Baumeister schicken, der die jüngsten Meisterwerke der Kirchenbaukunst

namentlich in Rom durch und durch studiert habe und willens und fähig

sei, seinen Geist auf eine außerordentliche Erfindung dieser Art zu

richten. Kaum war derselbe eingetroffen, so mußte er den Platz, den

sie ausgewählt hatte, besichtigen und die Zeichnungen und Risse

vorlegen, mit deren Besichtigung sie manche Stunde in ihren Gemächern

verbrachte, was alles den Personen, die einige Wachsamkeit auf das

öffentliche Leben richteten, nicht verborgen blieb. Es währte nicht

lange, so stellte sich Pater Gumppenberg von neuem ein mit

kummervoller Anfrage, ob es denn an dem sei, daß dem seligen Cajetan

nunmehr nicht nur ein Altar, sondern ein ganzer Kirchenbau errichtet

werden solle, und zwar dem Schlosse preislich gegenüber, gerade als ob

ein sonderbares Einvernehmen zwischen dem Kurfürsten und dem

landsfremden Neuling bestehe? Was für Ursache denn der Kurfürst habe,

mit den bewährten Schutzheiligen des Bayerlandes, die bisher alles so

wohl geführt hätten, unzufrieden zu sein oder ihnen einen hohlen Namen

von jenseits der Berge vorzuziehen?

In dem Bestreben, die Verlegenheit, die ihn überkam, nicht merken zu

lassen, winkte Ferdinand Maria beruhigend mit der Hand und sagte mit

nachdrücklicher Unbefangenheit, da sei kein Anlaß zu Mißtrauen und

Empfindlichkeit! Die Sache sei so: Er habe dem heiligen Cajetan

gelobt, wenn ihm durch seine Fürbitte ein Erbe geschenkt werde, so

wolle er ihm unweit seiner Residenz eine Kirche aufrichten, so schön

er irgend vermöge, und damit er, wenn es so weit sei, sein Wort lösen

könne, habe er einstweilen die Örtlichkeit besichtigen und einen

Voranschlag machen lassen, so daß der Bau ohne Zeitverlust könne in

Angriff genommen werden, wenn der Erbe da sei.

Bei sich selbst lachte der Kurfürst über die stattliche Antwort, die

ihm in der Not eingefallen war, und die den strengen Pater

augenscheinlich verblüffte und verstummen machte; allein er erholte

sich geschwind und ließ nun eine verdoppelte Mißbilligung und

strafenden Eifer ohne Hehl merken. Es habe zwar, sagte er, gewiß dem

Kurfürsten Gott eingegeben, daß er durch ein frommes, christkatholisches

Gelübde sich den Segen der Nachkommenschaft erflehen wolle; wie er es

aber verantworten wolle, von den Übungen seiner löblichen Vorfahren

eigenmütig abzuweichen? Auch seine hochselige Mutter, die gottergebene

Kurfürstin Maria Anna, habe bei dem ehrwürdigen Alter ihres Gemahls um

die Fruchtbarkeit ihrer Ehe besorgt sein müssen; sie habe aber ihre

Zuflucht nicht zu ausländischen Meerwundern genommen, sondern sei in

Demut und Sitte nach Alt-Ötting gepilgert und habe der hölzernen Maria

in der alten Kapelle viele auserlesene Kostbarkeiten gestiftet, worauf

sie denn zum Troste des ganzen Bayerlandes schwanger geworden sei und

ihn selbst, Ferdinand Maria, geboren habe. Wenn seine Gemahlin dem

Beispiel seiner erlauchten Mutter folgen wollte, so würden die erprobten

Heiligen und Fürbitter an ihr gewiß kein geringeres Wunder als an jener

vollziehen, und die bekümmerten Untertanen würden, der Sorge entledigt,

wieder ruhig in ihren Betten schlafen können. Wenn dann die erwartete

Gnade nicht einträfe, möchte die Kurfürstin es immerhin mit ihren

einheimischen Patronen versuchen, er würde der erste sein, seine Gebete

zum Gedeihen des Werkes mit denen der geliebten Herrschaft zu

vereinigen.

Das Heranziehen seiner in Gott ruhenden Eltern bewegte das Gemüt des

Kurfürsten so sehr, daß er für den Vorschlag des Pater Gumppenberg

völlig gewonnen wurde und erst, als dieser fortgegangen war, mit

leisem Bangen den Widerstand seiner Frau in Betracht zog. Freilich zog

sie die feinen schwarzen Brauen ärgerlich zusammen, aber mehr

deswegen, weil das Unternehmen nicht von ihr oder ihrem Beichtvater

ausgegangen war, als weil sie ihre Pflicht verkannt hätte, dem Lande

einen Kurprinzen zu geben und alles Erdenkliche zu tun, um das hohe

Ziel zu erreichen. Auch hätte ihr eine schöne Wallfahrt, etwa nach

Loreto, als das rechte Mittel voll eingeleuchtet; aber daß ein

armseliger bäurischer Ort wie Alt-Ötting für eine Person ihrer Art das

Angemessene sei, hielt sie nicht für wahrscheinlich und lehnte dies

mit Entschiedenheit ab, ohne jedoch die Sache selbst von der Hand zu

weisen. Schließlich erklärte sie sich bereit, nach Andechs zu

pilgern, welches zwar bei weitem wilder und wüster gelegen war als

Alt-Ötting, für sie aber den Vorzug hatte, daß es ihr nicht von den

Kapuzinern aufgedrängt, sondern aus freien Stücken von ihr erwählt

war. Ebenso widersetzte sie sich allen anderen Anordnungen, die Pater

Gumppenberg zu vorschriftsmäßiger Veranstaltung der Reise für nötig

hielt. Er sagte nämlich, den letzten, beschwerlichen Aufstieg zum

heiligen Berg, welcher etwa eine Stunde dauerte, müsse die Beterin

allein, ohne ihr Frauenzimmer oder sonstige Begleiter ausführen, damit

aber keine Besorgnis über ihr Wohlergehen in dieser Wildnis aufkommen

könne, wolle er ihr als Wegweiser und Beschützer einen Bruder seines

Ordens mitgeben; denn einen geistlichen Gesellschafter bei sich zu

haben, sei ihr nicht nur nicht verboten, sondern empfohlen.

Entrüstet sagte Henriette Maria, das Umherfahren in dem öden

Gebirgslande verspreche ohnehin keine Kurzweil, durch einen Begleiter

aus dem Orden, der ihr nun einmal widerwärtig sei, werde es ihr

vollends unerträglich gemacht, sie wolle ihren Beichtvater, Pater

Filiberto, mitnehmen, an den sie gewöhnt sei, und zu dem sie Vertrauen

habe. Gegen diesen wendete der Kurfürst ein, daß er Land und Leute

nicht kenne und nicht einmal der deutschen Sprache mächtig sei; sie

solle sich doch den Bruder, den Pater Gumppenberg für sie ausgelesen

habe, wenigstens einmal ansehen, es werde gewiß ein bescheidener,

verständiger Mann sein, der ihr nicht lästig fallen werde.

Die Kurfürstin erstaunte nicht wenig, als sich ihr bald darauf ein

schöner Jüngling vorstellte mit einem Kranz bläulich-schwarzer Haare

um die breite, kindliche Stirn, mit Augen, deren dunkelbraune Farbe

eine starke Flamme zu verhüllen schien, mit gerader Nase und schönem,

großem Munde, der selten lächelte, dann aber unversehens eine volle

Perlenreihe gelblich-weißer Zähne sehen ließ. Auf ihre Fragen teilte

er mit, daß er aus dem südlichen Tirol stamme und der jüngste Sohn

adeliger Eltern sei, die ihn für das Klosterleben bestimmt hätten.

Sein Benehmen war, wenn auch nicht höfisch, so doch voll sicherer

Würde, die auf gutem Blute und unantastbarer Unschuld zu beruhen

schien. Er war in Blicken und Worten bei aller Ehrerbietung so

zurückhaltend, daß Henriette Adelaide kaum wußte, wie sie ihn

ermuntern sollte; denn sie fühlte, daß sein kindlich strenger Sinn

weder ihrem weiblichen Reiz noch ihrer fürstlichen Hoheit zugänglich

war, und fürchtete ebensosehr seine Reinheit zu verwirren, wie sie

wünschte, in seiner Seele irgendeinen Widerhall zu erregen. Ihrem

Gemahl sagte sie in guter Laune, daß sie nicht geglaubt hätte, in

einer Kapuzinerkutte könne sich ein so hübscher, wohlerzogener

Jüngling verstecken; sie habe nichts an ihm auszusetzen, als daß er

allzu schweigsam sei, vielleicht indessen sei das Fräulein La Perouse,

ihr erstes Kammerfräulein, das sie nebst mehreren anderen mitzunehmen

beabsichtige, fromm genug, um von ihm eines Gespräches wert gehalten

zu werden. Der Kurfürst war hocherfreut, daß sich das Unternehmen so

friedlich und aussichtsvoll ordnete; doch ließ er die Gesellschaft

nicht abreisen, ohne ihr einen Teil seiner Leibgarde zum Schutze

beigeordnet zu haben unter der Führung ihres Kapitäns, des Chevaliers

La Perouse, der der genannten Hofdame Bruder war.

Das Geschwisterpaar entstammte einer uralten, französischen, in

Savoyen ansässigen Familie, beide waren um mehrere Jahre älter als

Henriette Maria und seit sie denken konnten am Turiner Hofe

beschäftigt und beliebt. Beide waren in großer Frömmigkeit erzogen,

was bei dem Fräulein so gewirkt hatte, daß sie trotz angeborener

Lebhaftigkeit sich jede Lustbarkeit versagte und auch die

schuldloseste Ausgelassenheit, zu der Jugend und Gelegenheit sie

einmal fortrissen, durch anhaltende Bußübungen wieder einzubringen

suchte, bis sie zuletzt ein gedrücktes, leicht geängstetes Wesen

erhielt, aus dem die Wärme ihrer Natur zuweilen rührend hervorbrach.

Ihr Bruder hatte im militärischen Dienst und bei den Gepflogenheiten

des männlichen Lebens die klösterliche Strenge aus dem Kinderdasein

beiseitegesetzt und vergessen, nur daß er die erlernten Formen

getreulich beobachtete und das ganze Glaubenswesen bei den Frauen

seiner Familie und denen des achtbaren Umgangs überhaupt als

vornehmstes Erfordernis voraussetzte. Die Kurfürstin war nach seinem

Gefühl unter allen Frauen die in jedem Betracht vollendetste, und

seine Verehrung für sie war so unbedingt, daß selbst der Kurfürst vor

seinem rächenden Schwert nicht sicher gewesen wäre, wenn er sie durch

ihn verletzt gewußt hätte.

Der Weisung gemäß, die er vom Kurfürsten empfangen hatte, hielt sich

der Chevalier mit seinen Leuten immer ein Stück von dem Wagen

entfernt, der seine Herrin einschloß, doch so, daß er das umfangreiche

Gefährt nie ganz aus den Augen verlor. Zuweilen sah er, wie der

Sommerwind, der über die Hochebene spielte, einen lichten, aus dem

Wagenfenster hängenden Schleier hob und gegen den braunen Umhang des

Kapuziners trieb, der zu Pferde neben der Kutsche einherritt, oder ein

helles Lachen der Fürstin überzeugte ihn, daß sie einstweilen mit dem

Verlauf ihrer Wallfahrt nicht unzufrieden war. In Herrsching, wo im

größten Bauernhofe übernachtet wurde, lud Henriette sowohl den

Chevalier wie den Mönch ein, die Abendmahlzeit in ihrer und ihrer

Fräulein Gesellschaft einzunehmen; es wurde dazu eine Tafel vor dem

Hause gedeckt, von wo man das allgemach untertauchende Sonnenfeuer

rötliche Farben über den dämmernden See ergießen und das Leuchten der

fernen Alpen langsam in den Abend versinken sah. Der ländliche Tisch

war mit dem in einem Wagen mitgeführten fürstlichen Silbergeschirr und

Leckereien beladen, feingebackenem Brot, Obst, Wein und Süßigkeiten;

einzig die gebackenen Fische, den edeln Amaul, den Kilch und die

geschätzte Bodenrenke, lieferte der Wirt als Erzeugnisse seines

Landes. Das appetitliche Essen würzte die Kurfürstin durch die

fröhliche Laune, mit der sie ihrem alten Freund und Diener La Perouse

wiedererzählte, was der Mönch ihr unterwegs von den Wundern des

Heiligen Berges erzählt hatte: wie, während zwischen den Andechsern

und den Wittelsbachern eine Fehde wütete, die Mönche alle Reliquien so

gut und tief verscharrten, daß sie in der Folge nicht wiedergefunden

werden konnten, bis nach vielen Jahren, als gerade ein Franziskaner

die Messe feierte, eine Maus über den Altar sprang, zwischen den

Zähnen einen Pergamentstreifen tragend, auf welchem nicht nur

sämtliche Reliquien, die diesen Wallfahrtsort einst berühmt gemacht

hatten, sondern auch der Ort ihres Verstecks verzeichnet waren.

Jetzt erst bemerkte der Chevalier, was für ein schöner Jüngling der

Mönch war, den er bisher nur flüchtig in Augenschein genommen hatte,

und auch mit wieviel zarter und bescheidener Fürsorge die Kurfürstin

ihn behandelte. Dies war nun freilich nicht merkwürdig, insofern der

junge Mann eine geistliche Person war, allein bei seiner Schönheit

fiel es schwer, sich dessen bewußt zu bleiben, und der Chevalier

ertappte sich immer wieder darauf, daß er sich hinter dem unbekannten

und unberühmten Jüngling zurückgesetzt fühlte. An ihm war indessen

kein Fehler irgendwelcher Art zu entdecken: er aß mäßig, trank nichts

als Wasser und blickte mit unbefangenem Ernst auf seinen Teller, wenn

er nicht der Kurfürstin auf eine Anrede Auskunft zu geben hatte.

Den letzten Teil des Weges, der sich zwischen Tannen an einem

wildabrauschenden Bache steil hinaufwand, wollte die Kurfürstin mit

ihrem geistlichen Begleiter zu Fuß zurücklegen; da jedoch die

Frauenzimmer dringend baten, den Heiligen Berg gleichfalls besteigen

zu dürfen, und der Chevalier sich in ritterlicher Ehrerbietung

weigerte, die ihm Anvertraute ganz ohne Schutz der Waffen zu lassen,

gab sie allen die Erlaubnis, ihr in einiger Entfernung nachzugehen,

und schritt tapfer voraus, ohne sich um ihr Gefolge zu bekümmern. Der

Chevalier bekam sie erst am späten Nachmittage wieder zu Gesicht, als

sie alle die vorgeschriebenen Gebete und die Verehrung der

berühmtesten Reliquien vollendet hatte und sich zum Abstieg

anschickte. Sie war von der herben Luft und der Anstrengung des

Steigens gerötet, und es schien ihm, als blicke sie zerstreut an ihm

vorüber, wie es sonst nicht ihre Art war. Obwohl an dem Kapuziner im

Gegensatz zu ihr keine Spur von Erregung wahrzunehmen, die

bräunlichblasse Farbe seines edlen Gesichtes unverändert, seine Miene

ebenso kindlich strenge wie zuvor war, so konnte der Chevalier doch

eines feindseligen Verdachtes nicht Herr werden, als habe er ihren

Stolz und ihre Überlegenheit durch irgendeine unerlaubte Einwirkung

ins Wanken gebracht. Während des Abendessens, das im selben Bauernhofe

von Herrsching verzehrt wurde, neckte die Fürstin ihn mehrmals, er

habe solchen Ernst auf die Wallfahrt gestellt, daß ihm das Lachen

abhanden gekommen sei und er künftig nur noch zu einem Führer auf

Pilgerfahrten taugen werde, und wenn er auch die Scherze sich höflich

und untertänig gefallen ließ, schnellte er doch unversehens einen

scharfen, zürnenden Blick auf sie, der sie befremdete und leise in

sich erschauern machte. Sie erhob sich zeitiger als am vergangenen

Tage von der Tafel, indem sie sagte, in dieser unwirtlichen Gegend sei

der Abend feucht und frostig, sie wolle mit ihren Frauen das Lager

aufsuchen, die Männer möchten es halten, wie sie wollten.

Der Hahn von Quakenbrück und andere Novellen · 第 6 / 7 段