Brevier aus einer Tasche seiner Kutte zog und, die langbewimperten
Lider über die umflorte Flamme seiner Augen senkend, still für sich zu
lesen anhub. Bei diesem Anblick schwoll der schlecht bemeisterte
Unwille des La Perouse so an, als sollte er ihm die Brust zersprengen;
wider sein Gewissen, das ihn zurückhalten wollte, machte er seine
Stimme stark und sagte unvermittelt zu dem Lesenden: »Ihr habt da
einen kurzweiligen Auftrag von Euerem Kloster empfangen! Es muß eine
Wonne für einen jungen Mann sein, mit einer schönen Dame wie die
Kurfürstin durch die Wildnis zu lustwandeln.« Der Angeredete hob seine
Augen ruhig von dem Brevier auf und sagte: »Die Kurfürstin würde
schöner sein, wenn sie glücklicher, und glücklicher, wenn sie
gehorsamer wäre.«
Die unerwartete Antwort versetzte den Chevalier in ein so großes
Erstaunen, daß er eine Weile still und steif auf seinem Sitze blieb
und erst, als der Kapuziner sich schon wieder zum Lesen anschickte,
gedämpfter als zuvor fragte, wie diese Worte zu verstehen seien: Was
einer so hochgestellten Dame zum Glück fehle, und wer von ihr Gehorsam
verlangen könne?
Der junge Mönch richtete die Augen seinerseits verwundert auf den
Kapitän und sagte: »Wäre sie glücklich, hätte sie die Wallfahrt nicht
zu machen brauchen, und wenn sie Gott widerstrebt, dem auch die Kaiser
und Könige unterworfen sind, wird ihr auch dieser Bittgang nicht
anschlagen; denn Gott vollbringt zwar Wunder, aber nicht wider die
Natur, und wird sie kein Kind gebären lassen, ohne daß sie es zuvor
empfangen habe. Wenn nun Gottes Ratschluß nicht ihren Gemahl, sondern
einen anderen dazu auserwählt hat, so sollte sie nach dem Vorbild der
allerseligsten Jungfrau Maria sich dem Herrn unterwerfen, wohingegen
sie sich störrisch erweist und durch keinen als den Kurfürsten Mutter
werden will.« Dunkelrot vor Zorn sprang der Chevalier auf und rief
drohend: »Ihr hingegen würdet gehorsam sein und Euch nicht weigern,
wenn Gott Euch zu diesem Werk auserwählt haben sollte?«
Jetzt errötete auch das Marmorgesicht des Jünglings ein wenig, und er
sagte mit stolzer Gebärde abweisend: »Mich, einen Gottgelobten, kann
Gott dazu nicht befehlen. Ich habe der Fürstin die Meinung der Kirche
erklärt; eine andere Pflicht hat die Welt nicht von mir zu fordern.
Diene ich auch, soweit ich frei bin, Reichen und Armen mit meinem
Leben, so seid ihr alle doch, soweit ich Gottes bin, meiner nicht
mächtig.«
Dem Kapitän war so zumute, als wenn die Ordnung der Dinge, so wie sie
bis jetzt in seinem Kopfe gewesen war, sich durcheinanderzudrehen
begänne. Er hätte glauben mögen, daß der Kapuziner ein Einfältiger
sei, aber wenn auch aus seinem schönen Gesichte nicht gerade
überflüssiger Verstand sprach, so glänzte doch in diesem Augenblick
eine edle Entrüstung darauf, der gegenüber er sich seines unsittlichen
Argwohns schämte. »Verzeiht mir,« sagte er, ihm gutmütig die Hand
reichend; »Ihr habt mit unserem Treiben nichts zu schaffen und seid
wohl deshalb um so glücklicher. Erlaubt mir aber, daß ich Euch um eine
Erklärung bitte: Wenn die Ehe ein Sakrament ist, wie kann die Kirche
den Ehebruch anraten oder billigen? Wir sind Katholiken, nicht aber
Ketzer oder Heiden!«
Den inständigen Blick des Chevalier freimütig erwidernd, sagte der
Bruder, hier handle es sich eben um keinen Ehebruch, insofern als
Gott, um dem kurfürstlichen Hause Erben zu schenken, was sonst Sünde
sei, in Recht umwandle. Wie dies möglich sei, das sei für Menschen
unfaßbar und könne auch von der Kirche nur ausgelegt, nicht in seinem
Wesen erklärt werden.
Woran man denn aber erkennen könne, fragte der Chevalier lebhaft, wer
der Gottgesandte sei? Könne sich nicht ein jeder für den Auserwählten
halten und der Kurfürstin mit strafbaren Gelüsten nachstellen? »Wo
strafbares Gelüsten ist,« sagte der Mönch ernst, »da ist die Hand
Gottes nicht. Wen der Geist treibt, den verwirren keine Zweifel.«
Nachdem er das gesagt hatte, beugte er sich mit einer nachdrücklichen
Wendung über sein Brevier, als wolle er zu verstehen geben, daß er die
Auseinandersetzung hiermit für beendet halte.
Die Nacht brachte der Chevalier ohne Schlaf zu und sah am folgenden
Morgen bleich und hohlwangig aus, was an dem blühenden Manne etwas so
Auffälliges war, daß die Kurfürstin wieder Gelegenheit nahm, ihn zu
necken, während die Frühsuppe eingenommen wurde. Wieder empfing sie
neben der in angemessener Untertänigkeit gegebenen Erwiderung den
stolzen Blick, der sie seltsam durchschauerte, obwohl sie sich
anstellte, als habe sie ihn gar nicht aufgefangen. Bei der Rückfahrt
führte er seine Leibwache in einiger Entfernung der Kutsche nach und
sah den Kapuziner zu Pferde, wie er den Kopf in sein Brevier neigte
und ihn nur zuweilen wendete, um einer Anrede der Kurfürstin zu
entsprechen; ihr Lachen indessen hörte er nicht so hell und häufig wie
auf dem Hinwege, was der Ermüdung zuzuschreiben sein mochte.
Als man wieder in der Residenz angelangt war, wurde der Kapuziner von
dem kurfürstlichen Paare liebreich und ehrerbietig entlassen, war aber
nicht zur Annahme eines anderen Geschenkes zu bewegen als einer dem
Kloster zu überweisenden Stiftung, die den Armen zugutekommen sollte.
Er sprach zugleich mit seinem Dank den Wunsch aus, Gott möge die
Wallfahrt der hohen Frau an ihrem Leibe segnen, wobei sie ein wenig
errötete, während der anmutige Ernst seiner Miene sich nicht um einen
Hauch veränderte.
Auch Pater Gumppenberg und Pater Wildgruber forschten vergeblich,
während sie den Bericht ihres jungen Abgesandten entgegennahmen, nach
der Spur eines Eindrucks, den die merkwürdige Reise ihm hinterlassen
habe. »Ich fürchte, wir haben kein Glück mit dem jesuitischen
Systema,« sagte Pater Gumppenberg nachdenklich: »ein biderbes,
altdeutsches Gemüt tut nicht wohl, sich mit den spanischen Kniffen
abzugeben.«
»Eben darum«, sagte Pater Wildgruber, »hatten wir doch den Tiroler
Buben ausgelesen! Mit diesem muß es einen Haken haben, und wenn mich
nicht alles trügt, sitzt derselbe in seinem Verstande, sei es nun, daß
er zu dumm oder nicht dumm genug für eine so heikelige Konstellation
ist.«
Während die Väter sorgenvoll den Erfolg der Wallfahrt erwarteten,
hatte der Chevalier La Perouse scharfe Schlachten in seiner Brust
geschlagen; denn die Leidenschaft für die Kurfürstin, die ihn
ergriffen hatte, nahm täglich zu und war um so schwieriger zu
bekämpfen, als sein Amt ihn in ihrer Nähe hielt. Es entging ihm nicht,
daß das Feuer, das in ihm wütete, auch sie erfaßte und ihre Würde und
ihren Hochmut schmolz, so daß sie auf Augenblicke wie erweichtes Wachs
erschien, das durch seine Hand geformt werden sollte. Freilich war sie
wiederum herb und launisch, wie sie es nie zuvor gegen ihn gewesen
war, und legte es darauf ab, ihn durch nichtachtende Behandlung zu
reizen. Eines Abends, als sie ihn, der bestellt war, eine Partie
Tricktrack mit ihr zu spielen, ungebührlich lange im Vorzimmer hatte
warten lassen, weil sie mit ihrem Musikmeister den Entwurf zu einer
Oper durchgenommen habe, und er, ohnehin von Leidenschaft erregt und
glühend, sich über die Vernachlässigung beklagte, sagte sie: »Bei der
Arbeit vergaß ich, daß ich mit Euch spielen wollte,« und betonte die
Worte so, daß er den herabsetzenden Sinn wohl verstand, den sie
hineinlegen wollte. Seine Stirn färbte sich dunkelrot, und indem er
rasch auf sie zutrat, herrschte er sie drohend an: »Aber ich vergaß
nicht, daß ich Euch besiegen wollte!«, riß sie an sich und küßte sie
so gewaltsam, als ob er sie zermalmen wollte. Mit erlöschendem und
todesseligem Herzen ertrug sie die liebkosende Mißhandlung und war
ihrer sich kaum noch bewußt geworden, als er sie freigab, vor ihr
niederkniete und sagte: »Nun lege ich mein Haupt vor Eure Füße.« Die
Brust noch ungestüm wogend, das Antlitz bleich, erschien er ihr
herrlicher als je zuvor; Tränen brachen aus ihren Augen, und mit
bebender Stimme sagte sie: »Ich bin die Schuldige!«, worauf sie
schnellen Schrittes das Zimmer verließ.
Unter bitteren Schmerzen erkämpfte Henriette Adelaide am nächsten Tage
den Entschluß, den unseligen Mann zu sich zu befehlen und ihn mit
angemessenen Worten in die Stellung zurückzuweisen, die ihrer und
seiner Würde und Ehre entsprächen; jedoch, sowie sie ihn eintreten
sah, mit dem sieghaften Blick in den großen Augen, mit den Händen,
die, fein und gepflegt, sie doch grausam angefaßt und ihr Schmerz
zugefügt hatten, erlahmte ihre mühsam gesammelte Kraft sogleich, und
anstatt einer Herrin stand sie ihm, einer Sklavin nicht ungleich,
gegenüber. Ein solches Gefühl hatte sie noch niemals vorher empfunden,
und es war ein Rausch für sie, sich ihm hinzugeben, in welchem
Zustande es ihr erschien, als sei sie jetzt in den Mittelpunkt des
Lebens gerissen worden. War er nicht bei ihr, so fühlte sie sich zwar
geängstigt und gequält; allein sie brauchte sich nur die Empfindung zu
vergegenwärtigen, mit der sie die Wange an seine Schulter schmiegte,
um über jeden Zwiespalt hoch emporgehoben zu werden.
Voll Sorge und Schrecken bemerkte das Fräulein La Perouse, was
vorging; ihr Bruder, an den sie sich mit flehenden und drohenden
Vorstellungen wendete, verwies ihr die Einmischung, und der Kurfürstin
gegenüber wagte sie keine Andeutung zu machen. Sie wußte in ihrer Not
kein anderes Hilfsmittel, als in der Kirche oder in ihrem Schlafgemach
vor dem Betpult zu weinen und zu beten, und durch ihre Anwesenheit, zu
der ihr Amt als Kammerfräulein ihr Anlaß gab, den beiden Frevlern das
Alleinsein zu erschweren. Das verweinte Gesicht ihrer Gesellschafterin
trug dazu bei, die Kurfürstin trübe zu stimmen, wenn sie von dem
Gegenstand ihrer Leidenschaft entfernt war. Vor allem aber ergriff sie
der Anblick ihres Gemahls, so daß ihr zuweilen, wenn sie bei den
Mahlzeiten ihm gegenübersaß, Tränen in die Augen traten, ohne daß sie
einen Grund dafür angeben konnte. Eine solche Reizbarkeit war ihr
früher nicht eigen gewesen, da im Gegenteil der Strahlenglanz ihres
Blickes noch selten durch Weinen verwischt worden war, und der
Kurfürst besorgte ernstlich, ihre Gesundheit könne etwa bei der
Wallfahrt Schaden gelitten haben. Überhaupt, dachte er, hätte er sie
nicht dazu veranlassen sollen, weil vielleicht der Gedanke für sie
belastend sei, daß sie ihn im Hinblick auf den mangelnden Erben
enttäusche.
Eines Tages begab es sich, daß der Kurfürst, um seine Gemahlin zu
zerstreuen, sie einlud, ihn in den Grottenhof zu begleiten, wo die
beschädigte Figur einer Nymphe durch italienische Arbeiter
wiederhergestellt wurde. Ein etwa dreijähriges Kind, das zu diesen
gehören mochte, spielte am Rande des Beckens, aus dem die Schale mit
der Statue des Perseus aufsteigt, und bückte sich eben mit ganzem
Leibe so tief über das Wasser, daß der Kurfürst, im Gefühl, es sei in
Gefahr hineinzufallen, es rasch ergriff und auf seinen Arm hob.
Sogleich eilte einer von den Arbeitern erschrocken hinzu,
entschuldigte die Anwesenheit des Kindes und wollte es dem Kurfürsten
abnehmen; der jedoch machte eine beschwichtigende Bewegung mit der
Hand, als bedürfe es der Entschuldigung nicht, und nickte dem Kinde
zu, das über den plötzlichen Eingriff des fremden Mannes zunächst ein
wenig entrüstet zu sein schien. Seine Versuche, mit ihm zu spielen,
ließ es sich gefallen, ohne sie gerade zu billigen, und betrachtete
ihn trotzig und aufmerksam untersuchend, wobei es einen mit Rubinen
und Diamanten besetzten Knopf entdeckte, der nebst anderen ähnlichen
sein Gewand schmückte. Nachdem es ihn eine Weile mißfälligen Blickes
angesehen hatte, ergriff es ihn plötzlich mit einer seiner kleinen
schmutzigen Hände und riß ihn, sich kräftig gegen die Brust des
Kurfürsten stemmend, mit entschlossenem Ruck los. Der Kurfürst lachte,
drückte einen Kuß auf den kleinen trotzigen Mund des Kindes und sagte:
»Behalte diesen, aber die anderen lasse mir!« worauf er es
niedersetzte und dem Vater empfahl, es besser zu beaufsichtigen, damit
es nicht in das Wasser falle.
Im Weitergehen schob Henriette Adelaide leise ihren Arm in den ihres
Mannes, und als sie im Münzhof angekommen waren, der kalt und stillag,
ergriff sie seine Hand, zog sie zärtlich und demütig an ihre Lippen
und sagte: »Nur dich habe ich lieb! nur dich, nur dich!« mit
anschmiegender Stimme. Nach einem Augenblick der Überraschung zog er
sie rasch an sich, küßte sie und sah ihr ins Gesicht, wobei er
wahrnahm, daß ihre Augen feucht waren, und fühlte, daß ihr Herz
unruhig klopfte. Wie sie so standen, kam ihr der Gedanke, daß sie dem
schmählichen Zustande, in dem sie lebte, jetzt ein Ende machen müsse,
bevor ihr die Kraft dazu wieder entfiele, und sie sagte, den Arm ihres
Mannes fest umfassend: »Ich möchte dir, lieber Freund, den Vorschlag
zu einer Veränderung in meinem Hofstaate machen. Du weißt, daß mein
Vater mir den Chevalier La Perouse als Oberhofmeister mitgab, da ich
ihn seit meinen Kinderjahren kenne und an seinen Umgang gewöhnt bin.
Nun scheint es mir aber, daß für einen Mann seiner Art dies Amt zu
höfisch und weichlich ist, und daß er sich nach der rühmlicheren
Laufbahn des Soldaten sehnt, und ich möchte ihn in so berechtigten
Wünschen nicht hindern, vielmehr fördern.«
Der Kurfürst sah sie groß an und sagte mit fester Stimme: »Es ist mir
vor einiger Zeit einmal aufgefallen, daß La Perouse einen Blick auf
dich warf, der einem Funken glich. Hängt dein Gesuch mit der Gefahr
zusammen, die das Umherfliegen zündenden Stoffes mit sich bringt?«
Sie erwiderte tapfer, indem sie sich ein wenig aufrichtete und den
Kopf hob: »Ja, so ist es,« und wollte die Bitte hinzufügen, er möge
den Chevalier nicht ein Gefühl entgelten lassen, das sie sich anklagen
müsse, nicht im Keim unterdrückt zu haben. Er jedoch unterbrach sie,
indem er sagte: »Was ich nicht gesehen habe, ist nicht. Der Chevalier
hat keine andere Schuld als jenen Blick, den ich zufällig aufgefangen
habe, und diese vergebe ich ihm.« In seinem Wesen und seiner Haltung
lag, wie er das sagte, etwas Königliches, das Henriette Adelaide
schweigen machte; sie lehnte sich still an ihn, worauf er mit
herzlicher Sicherheit einen Kuß auf ihre Stirn drückte und ihr, durch
das Antiquarium schreitend, die Herkunft und den Wert verschiedener
Kunstmerkwürdigkeiten erklärte, die dort aufgestellt waren, ohne daß
eines von ihnen die schaurige Kälte empfunden hätte, die bei der
herbstlichen Jahreszeit in dem breiten Gewölbe herrschte.
Seit diesem Tage war der Kurfürst von zuversichtlichem Frohsinn
beseelt, und wenn er ohnehin stets bedacht war, seine Gemahlin zu
erfreuen, so legte er es jetzt vollends darauf ab, den leichten
Schleier von Niedergeschlagenheit von ihr abzulösen, der die stolze
Heiterkeit ihres Wesens seit einiger Zeit verhüllte. Zu dem Zweck
ermunterte er ihre frühere Baulust und begann von der Kirche des
heiligen Cajetan zu sprechen, die sie hatte begründen wollen, was denn
auch nicht verfehlte, ihre Teilnahme zu erregen und ihre
Unternehmungslust anzuschwellen. Bald lag ihr künstlich eingelegter
Tisch aus Lapislazuli und Korallen, dessen Fläche ein dunkelblaues,
von scharlachroten Segeln durchflammtes Meer darstellte, voll von den
Plänen römischer Kirchen und den neuen Entwürfen des italienischen
Baumeisters, die den Sommer über in Vergessenheit geraten waren, und
es wurde beschlossen, sowie die günstige Frühlingszeit einträte, mit
der Arbeit zu beginnen.
Als im Scheine der kräftigen Maisonne auf dem der Residenz
gegenüberliegenden freien Platze ein frohgemächliches Hantieren von
Arbeitern sich zu entfalten begann und das Volk von der jesuitischen
Kirche munkelte, die dort errichtet werden sollte, schürzte sich Pater
Gumppenberg noch einmal und erschien mit ernstem Vorwurf vor dem
Kurfürsten. Dieser hörte die Klage ohne Verlegenheit, vielmehr fragte
er erstaunt, ob der ehrwürdige Vater sich nicht erinnere, daß er
selbst ihm, dem Kurfürsten, geraten habe, es mit dem heiligen Cajetan
zu versuchen, wenn die Wallfahrt nicht fruchten werde? Er habe den
ganzen Sommer und Winter hindurch gehofft und geharrt, nun habe er
betrübt auf den erflehten Segen verzichtet und beschlossen, das
Anliegen seines Hauses dem heiligen Cajetan anheimzustellen, obwohl
derselbe dem Bayerlande fremd und in keiner Weise verbunden sei. In
der Hoffnung, daß er sich wundertätig erweise, errichte er ihm einen
würdigen Altar, damit er und seine Untertanen ihm Dank und Preis
darbringen könnten für die Hilfe, die er ihnen in der Bedrängnis
erwiesen.
Diese Erklärung schlug zwar den Kampfesmut des Pater Gumppenberg
beträchtlich nieder, doch gab er seine Sache noch nicht völlig auf,
sondern rückte dem Kurfürsten einige Gegengründe vor: Ob man denn in
Bayern schon so rat- und mittellos sei, daß man gleich zum
Entlegensten greifen müßte? Wenn die Frau Kurfürstin, wie er empfohlen
hätte, nach dem Herkommen zu der hölzernen Maria in Alt-Ötting
gepilgert wäre, möchte alles andere gekommen sein. Ob da nicht der
heilige Franz Xaver, der heilige Michael und vor allen Dingen der
schon vielerwähnte heilige Benno wären? Hätte nicht der heilige Benno
sogar den blutdürstigen Schwedenkönig im Zaune gehalten, daß er, ohne
der Kirche und der Stadt einigen Schaden zu tun, vorübergezogen wäre?
Hätte nicht die heilige Mutter Gottes mancher Pest Einhalt geboten,
die sonst Land und Leute verzehrt haben würde? Was aber würde in
dieser Art von dem sogenannten heiligen Cajetan berichtet? Und wenn er
auch einmal ein Wunder täte, so müßte man noch zweifeln, ob es zum
Guten ausschlüge.
So weit wolle er sich nicht einlassen, entgegnete der Kurfürst, wisse
auch nicht, wie es zu verstehen sei, daß seine Nachkommenschaft, die
Enkel so hochberühmter Ahnen, übel ausschlagen sollten.
Pater Gumppenberg entschuldigte sich, daß er so etwas, als des
kurfürstlichen Hauses treuester Knecht und Berater, niemals habe
andeuten wollen. Auch würde er der erste sein, dem heiligen Cajetan zu
danken, wenn durch seine Fürbitte die Kurfürstin gesegnet werden
sollte; nur gebe er zu bedenken, ob der Kurfürst nicht erst die Gnade
erwarten wolle, bevor er den Dank darbringe, wie das jederzeit mit
einem Gelübde gehalten worden sei. Nein, erwiderte der Kurfürst
freundlich, er gedenke nun einmal, den Heiligen durch sein Vertrauen
und seine Dienstwilligkeit zuvor zu ermuntern. Suche doch ein Volk die
Huld eines fremden Monarchen durch Geschenke sich zu verdienen,
anstatt daß es die empfangene belohne; und nicht weniger ehrerbietig
wolle er sich Gott und seinen Heiligen gegenüber verhalten.
Es war erst ein kleines Kränzlein von Steinen an dem neuen Bau ablegt
worden, als die glorreiche Kunde sich verbreitete, die Kurfürstin sei
guter Hoffnung, und wenn Gott sich ferner gnädig erweise, werde die
Not des Landes binnen Jahresfrist ein Ende nehmen. Nun wurde lustig
gebaut, und als zu rechter Zeit ein fürstlicher Knabe das heitere
Licht der Stadt München erblickte, stiegen die Mauern vollends hurtig
empor, ohne daß fernerhin jemand ein Mißfallen daran laut werden zu
lassen hätte wagen dürfen. Freilich erst wenige Jahre vor ihrem Tode
konnte Henriette Adelaide die im fröhlichen Triumphe thronende Kuppel
vollendet sehen, von der unermeßlich schwebenden Himmelsrotunde
lächelnd umwölbt.
Nach der Geburt des Kronprinzen blieb die Gesundheit der Fürstin
gebrechlich, wiewohl sie in ungetrübtem Eheglück bis an ihr Ende lebte
und noch manches herrliche Lustgebäude errichtete und auszierte. Indes
sie glanzvolle Feste voll Musik und schöner Symbole anordnete und in
bedeutungsvollen Tänzen selbst ausführte, übte das Fräulein La Perouse
die Reue und Buße, die nach ihrem Dafürhalten durch die strafbare
Leidenschaft ihres Bruders zu seiner Herrin verpfändet war. Abend für
Abend las sie stundenlang in Gebetbüchern und rollte, auf dem
Betschemel kniend, unermüdlich Rosenkränze ab, wodurch ihr Gesicht
länger, ihre Wangen hohler, ihre Augen tiefer wurden. Dieser
Gewohnheit frönend, verursachte sie in einer Nacht den Brand des
Schlosses, der nicht wenig Kunst und Pracht zerstörte und dazu noch
das zarte Leben Henriette Adelaides antastete; denn sie vermochte die
Folgen des Schrecks und der Flucht vor den nachjagenden Flammen nicht
zu überwinden und starb nach kurzem Kränkeln, ihren Gemahl nach sich
ziehend, der nur noch auf Erden zu verweilen schien, um ein Denkmal
unsterblicher Trauer über dem verschwindenden Leibe zu errichten und
sich dann für die Dauer der Grabesruhe ihm beizugesellen.
Ullstein & Co
Berlin