Einzig Kardinal Mazzamori machte böse Zeiten durch; denn die üble

Laune seiner Herrin Olimpia nahm zu, seit er in der Angelegenheit

ihres jungen Vetters nichts ausgerichtet hatte. Er mochte noch so sehr

beteuern, daß er alles Erdenkliche unternommen habe, ihn zu retten,

daß aber die Gerechtigkeit ihren Lauf hätte nehmen müssen, und daß es

ihn nicht minder als sie betrübe: sie beharrte dabei, er hätte es sich

keine Mühe kosten lassen, weil seine Liebe zu ihr selbstischer Natur

sei und nur genießen, nicht wirken oder opfern wolle, und sie

bestrafte ihn durch eine durch nichts zu erhellende Traurigkeit. Der

Jammer ihrer unglücklichen Tante, sagte sie, habe ihr auf einmal die

Augen für das Elend des Lebens eröffnet, so daß sie sich an den

irdischen Dingen nicht mehr ergötzen und nur in der Hingebung an Gott

einigen Trost finden könne. Wirklich war sie selten mehr zu Hause

anzutreffen, sondern hielt sich schwarz gekleidet in Kirchen auf, wo

sie bald vor diesem, bald vor jenem Altar sich in Tränen auflöste.

Empfing sie den Freund einmal, so forderte sie ihn auf, von

geistlichen Dingen mit ihr zu reden, und wenn er ihr auf diesem

Gebiete nicht genugtun konnte, hielt sie ihm mit großer Bitterkeit

vor, daß er seinen Beruf nicht verstehe, und ließ ihn merken, daß er

nicht viel Besseres als ein Heuchler und Betrüger sei. Sie fühlte sich

tiefunglücklich und alles dessen beraubt, was früher ihrem Dasein Halt

und Inhalt gegeben hatte. Es schien ihr, als sei ihr Mann, von dem sie

nun schon lange getrennt lebte, im Grunde viel annehmbarer gewesen als

der Kardinal, insofern, als er sich doch für nichts Höheres ausgegeben

hatte als er war. Wenn sie sich die Zeit zurückrief, wo Mazzamori ihre

Liebe erregt hatte, so vermochte sie in allen jenen Szenen, die

zwischen ihnen vorgefallen waren, den Zauber der Poesie nicht mehr zu

finden, der sie früher in ihrer Einbildung vergoldet hatte. Was war

daran, so dachte sie nun, anderes und Edleres gewesen, als was sich

alltäglich in jedem Winkel abspielt und oft genug zu Gelächter und

Ekel reizt? Wie sehr sie sich bemühte, etwas Besonderes und

Ausgezeichnetes an dem Kardinal zu finden, ihr Gewissen wollte ihr

nichts sagen, als daß er eine unkeusche Bestie sei wie die anderen

Männer auch, mit dem Unterschiede, daß sein geistlicher Beruf ihn noch

dazu zu einem gleisnerischen Lügner machte. Sie hätte ihn am liebsten

nicht mehr gesehen; wenn sie ihn zuweilen dennoch herbeiwünschte und

seinen Besuch annahm, so tat sie es hauptsächlich, um ihn fühlen zu

lassen, was sie von ihm dachte, und wie unglücklich sie sei.

Ein schweres Verhängnis war es für den Kardinal, daß der verdüsterte

Gemütszustand der schönen Olimpia sie ihm noch weit liebenswerter

erscheinen ließ als früher. Ihr Blick, da er so seelenvoll geworden

war, zog ihn mehr an, als es je ihr sinnlich erglühender getan hatte,

und ihre demütige Trauer, die ihn hätte abwehren sollen, reizte mit

seinem Mitleid und seiner Bewunderung zugleich seine aufrichtigsten

Liebesempfindungen. Wieviel reicher und erhabener erschien sie ihm,

seit sie seiner nicht mehr bedurfte! Wenn er zusah, wie milde und

verständnisvoll sie mit armen Leuten umging -- denn sie suchte nun

Gelegenheiten, um sich Notleidenden wohltätig zu erweisen --, wenn er

hörte, wie klug und frei sie über alle Verhältnisse des Lebens zu

reden wußte, so kam sie ihm wie eine Wiedergeborene vor, ihm weit

entrückt und doppelt begehrenswert. Er gab sich Mühe, auf ihre neuen

Gedankengänge einzugehen, ohne daß er etwas anderes als Spott und

Bitterkeit dabei geerntet hätte. Olimpia fand diese Bestrebungen, die

nicht der Sache galten, sondern nur ein Ausfluß seiner Verliebtheit

waren, lächerlich oder gar abstoßend und wurde durch sie in der

Meinung bestärkt, daß der Kardinal ein seichter Heuchler sei.

In der Hoffnung, die ihm Entschlüpfende zu fesseln und ihre weltlichen

Interessen wieder ein wenig anzufachen, erzählte der Kardinal ihr von

dem wunderwürdigen Sänger, den sein Freund Don Orazio kürzlich

kennengelernt und für den päpstlichen Dienst erworben habe. Dieser

Sänger sei, erzählte er, durch widrige Schicksalsfälle verfolgt und

unter höchst seltsamen Umständen von Don Orazio entdeckt worden, die

auch ihm noch Geheimnis wären. Gewiß sei, daß er die herrlichste

Stimme besitze, die je ein italienisches Ohr bezaubert habe, und die

durch die sorgfältige Ausbildung, der sie jetzt unterzogen werde, noch

gewinnen solle. Die Mittel dazu hätten Orazio und er hergegeben, da

der Sänger durch die erwähnten Schicksalsschläge mittellos geworden

sei; es reue sie aber das Opfer nicht, da jeder Ton aus der gesegneten

Kehle edleres Gold als das sei, was sie dafür ausgegeben hätten. Wenn

Olimpia ihn zu hören geneigt sei, so wolle er eine Gelegenheit dazu in

seinem Hause veranstalten.

Indessen Olimpia war zu sehr in ihre schwermütigen Anschauungen

versenkt, um sich irgendwelche Zerstreuungen gefallen lassen zu mögen;

nichts war ihr recht, was sie davon entfernte, nur das willkommen, was

sie darin bestärkte. Schöner Gesang wäre ihr wohl lieb, sagte sie,

aber zu teuer erkauft, wenn sie ihn im Beisein anderer, etwa sogar

unter geselligen Zurüstungen hören müsse. Könne der Sänger sie

aufsuchen und ihr seine Kunst vorführen, ohne sie in ihrer einsamen

Beschaulichkeit zu stören, so wäre es möglich, daß sie Genuß daran

hätte. Das wußte der Kardinal nun nicht einzurichten; denn einmal

wußte er nicht, ob Ronco, der sich übermütig und habgierig entfaltete,

sich ohne weiteres und namentlich ohne die Aussicht beträchtlicher

Vorteile dazu verstehen würde, und zudem hätte er für das Benehmen

seines Schützlings nicht einzustehen gewagt, wenn derselbe ohne Zwang

und Aufsicht allein mit einer Dame gewesen wäre. So mußte er auf eine

Gelegenheit warten, um Olimpia mit dem Wundermanne bekannt zu machen,

und eine solche bot sich denn auch, als der Gesangmeister, der ihm

Unterricht erteilte, seine Stimme für so geschult erklärte, daß seiner

Vorstellung bei Hofe nichts mehr im Wege stehe.

Der Papst hatte zur Teilnahme an dem Konzert, das in seinen Gemächern

stattfinden sollte, einen kleinen gewählten Kreis musikliebender

Freunde um sich versammelt, unter denen Kardinal Mazzamori, als um den

Fund so sehr verdient, nicht fehlen durfte. Auch war ihm bereitwillig

gestattet worden, seine Freundin Olimpia mitzubringen, die eine

Einladung des Heiligen Stuhls auszuschlagen sich denn doch nicht

getraute. Sie wählte zwar eine Frisur und Kleidung, die, dunkel und

schlicht, gegen die früher von ihr geliebte reichliche Ausschmückung

weit abstach, und hielt sich auch bescheiden und fast schamhaft im

Hintergrunde; aber daß ihr zartes Fleisch um so lieblicher aus dem

Schatten hervorleuchtete, hatte sie durch diese Veranstaltung doch

nicht hindern können.

Innozenz war ein feiner, kleiner alter Herr mit einem zierlichen

Gesicht, mit etwas undeutlichen Augen, einer gebogenen zugespitzten

Nase und einem dünnlippigen, meist freundlichen Munde. Er nahm die

Huldigung der Gäste geschwind entgegen und ließ einem jeden einige

scherzende Worte zukommen, wobei ihm aber die Ungeduld wegen der

bevorstehenden Vorführung anzumerken war. Als es eine Minute über die

Zeit war, auf welche man den Sänger bestellt hatte, wurde ein nervöses

Zucken um seine Augen sichtbar, und Mazzamori blickte ängstlich von

der kostbar verzierten Uhr, die auf dem Marmorkamine stand, zur

Flügeltür; er atmete auf, als diese sich öffnete und Don Orazio,

eintretend, um die Ehre bat, den Sänger Ronco vorstellen zu dürfen.

Ronco hatte sich in der Zeit seiner Vorbereitung eine Richtschnur

seines künftigen Betragens gemacht, die einfach, aber nichtsdestoweniger

ausnehmend zweckmäßig war: nämlich den Beifall des Papstes zu erwerben

und einzig darauf sein beständiges Augenmerk zu richten. Von diesem

Vorsatz beseelt, ging er stracks, die Augen mit einer gewissen

eindringlichen Heftigkeit auf das erhabene Ziel gestellt, auf den alten

Herrn zu, fiel vor ihm nieder, küßte ihm die Füße und verharrte in

dieser Stellung, indem er die Arme vor der Brust faltete. Diese

kindliche Gebärde inbrünstiger Hingebung rührte Innozenz so sehr, daß er

unwillkürlich die Lippen auf die Stirn und die Hände auf die breiten

Schultern des vor ihm knienden Mannes drückte, worauf er ihn mit

ermunternden Worten begrüßte und aufzustehen und sich zu setzen

aufforderte. Fast fürchtete der alte Herr, das erschütternde Gefühl,

sich zum erstenmal in seiner Gegenwart zu befinden, könne den Sänger der

Macht über seine Kehle berauben; es zeigte sich aber, daß der starke

Mann mit der Hingebung die Unbefangenheit eines Kindes vereinte, denn

ohne durch das leiseste Zittern beeinträchtigt zu werden, rollten die

ersten Töne wie große glänzende Perlen in den Saal. Infolge einer

Anordnung des Orazio sang er zuerst das Volkslied, das er und Mazzamori

im Gefängnis von ihm gehört hatten, und das ohnehin als etwas Neues und

Befremdliches Aufsehen erregte und Eindruck machte.

Es war, als ob der Stab eines Zauberers die Herzen der Zuhörer berührt

habe; einem jeden tauchten liebe Träume auf, allerschönste

Augenblicke, deren sie sich erinnerten oder die sie erhofften, und die

einen süßeren Duft aushauchten, als der zerkleinernden Wirklichkeit

übrigzubleiben pflegt. Olimpia überkam ein gewaltsamer Schmerz, der

aber nicht niederdrückend war wie der, dem sie seit vielen Wochen in

wechselnder Art hingegeben war, sondern durchdringend und angenehm,

als eine Kraft, die sie über das gemeine Leben emporzutragen schien.

Sie fühlte, was sie einst als Mädchen gewesen war, was sie von der

Zukunft erwartet und was sie selbst hätte leisten und erringen wollen,

und mit der schrecklichen Einsicht zugleich, wie weit sie von diesem

Ziele abgewichen war, glaubte sie zu wissen, daß es nur auf sie

ankomme, wieder die reine, starke und freudige Seele von damals zu

werden. Sie hörte nicht auf, ihre Beziehungen zu Mazzamori zu bereuen,

aber sie tadelte sich in diesem Augenblick, daß sie ihn mit Härte

behandelt hatte, da doch nicht er allein, sondern auch sie gesündigt

habe, und da er ihr doch nicht die Möglichkeit rauben könne, aus den

Irrwegen, auf die er sie geführt, zur Klarheit aufzusteigen. Es

erschien ihr wie ein Wunder, daß sie trotz ihres Widerstrebens in die

Nähe des Mannes gebracht worden war, dessen Stimme ihr so tröstlich

wurde, und der ihr dadurch fast wie ein Abgesandter Gottes erscheinen

wollte. Aus dem Winkel, wo sie Platz genommen hatte, konnte sie

ungestört seine heldenhafte Gestalt bewundern und das dunkle Antlitz,

dessen Wildheit sie erbeben machte.

Ronco war bei der sorglichen Pflege, die er sich seit geraumer Zeit

hatte angedeihen lassen können, nur auf die Art schöner geworden, wie

aus einem schäbigen hungrigen Wolf ein wohlgenährter wird; aber dies

genügte um auf aller Augen einen blendenden und überwältigenden

Eindruck zu machen. Die Begeisterung war allgemein; doch machte

niemand dem Heiligen Vater das Recht streitig, sie zuerst zu äußern.

Der kleine Herr saß mit geröteten Wangen da, klopfte hie und da in die

Hände, rief: »Bravo! bravo!«, wiegte den Kopf und unterbrach auch wohl

den Gesang mit Ausrufen des Entzückens: »Ah! Welcher Ansatz! Welche

Süßigkeit! Welche Erfindung!«, wenn die Kadenzen wie aus dem Füllhorn

des Überflusses aus seinem Munde strömten. Es vermehrte die

Bewunderung Olimpias, daß der Sänger keinen Blick auf die

Gesellschaft, geschweige denn in ihren Winkel warf; er schien nur für

den Heiligen Vater da zu sein und auf seinen Wink zu singen oder zu

schweigen. Einem Erzengel mußte sie ihn vergleichen, der, in voller

Pracht gerüstet, demutvoll den Befehl des Herrn der Heerscharen

erwartet.

Erst als die Gesellschaft aufstand und auseinanderging, fiel ein Blick

des Sängers auf sie, der mehr als Gleichgültigkeit, der

niederschmetternde Verachtung auszudrücken schien. Sie schloß daraus,

daß er wisse, in welchen Beziehungen sie zu Kardinal Mazzamori

gestanden habe, ja seiner Meinung nach noch stehe, und daß er sie aus

diesem Grunde für eine Verworfene halte, was sie ja im Grunde auch

sei.

In Wirklichkeit hatte der Sänger weder sie noch sonst eine von den

Zuhörerinnen beachtet, da es ihm zunächst nur um den Papst zu tun war

und er überhaupt an den vornehmen Damen noch keinen Geschmack gewonnen

hatte. Allmählich jedoch stellte sich das Verständnis dafür ein, und

nunmehr konnte ihm die Verehrung nicht unbemerkt bleiben, mit der die

schöne Olimpia zu ihm aufblickte. Es schmeichelte ihm nicht wenig, daß

die Geliebte des Kardinals Mazzamori ihn diesem angesehenen,

einflußreichen, liebenswürdigen und gebildeten Manne vorzog, den zu

beleidigen er ohnehin einen lebhaften Antrieb in sich verspürte. Je

mehr seine Stellung beim Papst und in Rom sich befestigte, desto

unleidlicher wurden ihm die beiden Herren, denen seine Vergangenheit

so wohlbekannt war, so daß er mit dem Gedanken umging, sie, wenn sich

ein Anlaß böte, aus Rom zu entfernen.

In den ersten Tagen, die dem Konzert folgten, war Mazzamori

hochbeglückt über den Erfolg. Schien es doch die geliebte Frau weich

und zugänglich gestimmt zu haben. Um so schneidender war seine

Enttäuschung, als sie ihm, wenn auch in gütigen Worten, ihren

unerschütterlichen Entschluß mitteilte, jeden Verkehr mit ihm

abzubrechen, da sie ein neues, reineres Leben in Gott nunmehr beginnen

wolle.

Da er sah, daß jeder Versuch, sie ihrem Vorsatz abtrünnig zu machen,

scheiterte, ergab er sich und rang bereits mit dem Plane, ihr

nachzueifern, um ihr wenigstens in den Regionen der Entsagung wieder

zu begegnen, als er durch Neckereien Bekannter auf die zarten Fäden

aufmerksam gemacht wurde, die zwischen dem Sänger und der Büßerin hin

und her gingen. War er auch überzeugt, daß bei Olimpia nichts vorlag

als die Schwärmerei einer empfänglichen Seele für die Stimme, in der

etwas Göttliches sinnfällig zu werden schien, so zweifelte er doch

billig, ob der gewalttätige Bauer einer ähnlichen Erhabenheit der

Empfindung fähig sei, dem er vielmehr die Absicht zutraute, das Weib

in die Niederungen seiner Sinnlichkeit herabzuziehen.

Dies wurde ihm zur Gewißheit, als verlautete, der Sänger habe vor

einigen Tagen um Urlaub gebeten und solchen auch erhalten, um irgendwo

am Meere oder im Gebirge seine Stimme zu schonen, was zu deren

Erhaltung von den Ärzten für durchaus notwendig erklärt worden sei.

Außer sich eilte der Kardinal zum Papste, um ihn darüber aufzuklären,

welche Gefahr seiner Meinung nach eine edle Freundin bedrohe, und wie

freventlich die Güte des huldvollen Gebieters mißbraucht werde.

Der alte Herr merkte kaum, daß es sich um einen Angriff auf seinen

Liebling handelte, als seine Lippen sich ärgerlich zusammenkniffen. Er

selbst litt unter dessen bevorstehender Abwesenheit, hatte seiner

Bitte aber dennoch willfahrt und ein Beispiel der Selbstverleugnung

gegeben; mußte er dem geistvollen Zauberer nicht einmal ein Abenteuer,

in dem er sich austobte, gestatten? War er doch selbst jung gewesen!

Und wieviel mehr als ein anderer bedurfte der Feurige, der Zündende,

der Verschwender Zufuhr neuer Kräfte, die ihm, dem Papst, und allen,

die ihn hörten, wieder zuteil werden würden! Wenn er sich vorstellte,

wie der löwenhafte Mann das erstemal, die Arme über der Brust

gekreuzt, vor ihm niedergekniet war, so pflegten ihm Tränen in die

Augen zu treten. Niemals war er seitdem von dieser kindlichen und

ritterlichen Hingebung abgewichen. Obwohl hitzigen Temperaments und

hochfahrenden Sinnes, wie er denn im Umgang mit anderen Menschen oft

durch zügellose Laune und Grobheit überraschte, nahte er sich ihm, dem

Heiligen Vater, dem zierlichen kleinen Manne, nie ohne Unterwürfigkeit,

nahm er von ihm jeden Tadel mit Bescheidenheit und Geduld entgegen und

rief in jeder Angelegenheit sein Urteil als das höchste, gleichsam von

Gott selbst ausgefertigte an, dem sich zu beugen ihm augenscheinlich

sowohl Lust wie Pflichtgebot war.

Indem er sich in seinem Sessel zurücksetzte, betrachtete Innozenz den

Kardinal erstaunt und bat um eine Erklärung des Anteils, den er an dem

Urlaub und der Reise des Sängers nähme. Ein wenig errötend sagte der

Kardinal, es sei dem Heiligen Vater vielleicht nicht bekannt, daß

Ronco den Ausflug in Begleitung einer Dame zu machen gedenke, einer

Dame, mit der er weder in verwandtschaftlicher noch in ehelicher

Beziehung stehe, soviel ihm bekannt sei.

»Und was weiter?« fragte der Papst kühl. »Sollten Sie, mein Freund,

niemals, eine Reise mit Damen ohne verwandtschaftliche Beziehung

unternommen haben? Oder wenn Sie, ein Geistlicher, ein Diener Gottes,

es nicht getan haben, warum sollten Sie einem Sänger diese Freiheit

mißgönnen?«

Der Kardinal zitterte vor Verlegenheit, Angst und Enttäuschung.

»Verzeihen mir Eure Herrlichkeit,« sagte er, »wenn die Sorge um eine

Frau, die mir teuer ist, und über deren Heil zu wachen ich mich

verpflichtet halte, mich zu weit hingerissen hat.«

Bevor er noch mehreres hinzufügen konnte, unterbrach ihn der Papst,

indem er sagte: »Gut, gut! Überlassen Sie es mündigen Frauen, sich

selbst zu schützen, wenn sie überhaupt des Schutzes bedürfen oder ihn

wünschen. Ich habe es stets so gehalten, daß ich meinen Untergebenen

in Familiensachen freie Hand ließ, denn dies ist der Punkt, wo aus

Herrschaft Tyrannei würde.«

Nach dieser Zurechtweisung wurde der Kardinal nicht ungnädig

entlassen; ja, der Heilige Vater zeichnete ihn beim nächsten Empfang

mit liebenswürdigen Worten aus; aber als er nach einigen Tagen an die

Spitze einer Mission zur Bekehrung der Heiden in Japan gestellt wurde,

konnte er nicht umhin, darin mehr den Wunsch des Papstes, ihn zu

entfernen, als einen Beweis seiner Hochachtung zu sehen.

Das Bewußtsein seiner Untauglichkeit zu einer solchen Aufgabe war so

stark in ihm, daß er es wagte, dem Papst seine Befürchtungen

dieserhalb zu unterbreiten; doch beruhigte ihn dieser mit dem Hinweis

auf seine mannigfachen Talente, denen, wenn sie der Glaubenseifer

unterstütze, nichts unmöglich sein werde, und auf die Märtyrerkrone,

die er sich im besten Fall erwerben könne.

Don Orazio hielt sich etwas länger, schließlich jedoch wußte der

unentwegte Ronco auch ihn zu stürzen, indem er ihn durch fortwährende

Widersetzlichkeiten und Kränkungen dahin brachte, sich beim Heiligen

Vater über ihn zu beklagen. Als dieser ihn damit abwies und ihm

vielmehr empfahl, sich einem so herrlichen Künstler, der Zierde seines

Hofs, gegenüber nicht zu überheben, brauste Orazio auf und rief aus:

»Wie? Von diesem Vieh, das ich aus dem Morast gezogen habe, soll ich

mich ungerecht verhöhnen lassen?«, mit welcher unbesonnenen Äußerung

er die Gunst seines Herrn vollends verscherzte. Denn wie er sich wegen

des beleidigenden Ausdrucks rechtfertigen wollte, bedachte er, daß er

den wahren Hergang seiner Bekanntschaft mit Ronco nicht wohl enthüllen

konnte, ohne sich in verhängnisvolle Mißhelligkeiten zu verwickeln,

und mußte, da er sich über sein Benehmen nicht ausreden konnte, als

verleumderischer Schwätzer oder ungezähmter Tollkopf dastehen. Die es

gut mit ihm meinten, waren der Ansicht, daß er es noch für Gnade und

Glücksfall ansehen müsse, als der Papst ihn nach dem kleinen Hofe von

Lucca empfahl, wo er zwar in schmalen Verhältnissen, aber doch ohne

Not und Gefährdung sein Dasein fristen konnte.

Schlimmer und besser zugleich erging es seinem Freunde Mazzamori, der

zwar mancherlei Entbehrungen und Todesgefahr zu bestehen hatte, aber,

wenn solche vorübergegangen war, auch Augenblicke bisher unbekannter

Seligkeit feierte, und über dessen liebe und traurige Vergangenheit

die vielen absonderlichen Eindrücke, die er empfing, einen bunten

Schleier webten, der sie undeutlich machte. Zuweilen, wenn er in

fremder Einsamkeit am Gestade des Ozeans zwischen namenlosen

Riesenbäumen und vorüberhuschendem Getier in der Dämmerung sich

erging, erinnerte ihn, er wußte nicht wie, ein lieblicher Himmelsglanz

zu seinen Häupten an die schmalen länglichen Cherubsaugen jenes jungen

Lancelotto, mit denen er frei in paradiesischen Sphären auf die

verlassene Erde hinabsehen wollte. Vielleicht, dachte er, lächelt er

über die Verworrenheit, in die wir armen Toren verstrickt sind, wenn

er sich nicht lange schon ermüdet weggewendet hat zu den gelösten

Geheimnissen der Weltregierung. Auf Augenblicke schwieg dann das

Heimweh nach der goldenen Küste Italiens, das ihn in Stunden, wo er

allein war, zu beschleichen pflegte, und er dachte mit bänglicher

Sehnsucht an die Märtyrerkrone, die seine Arbeit unter den bösen

Heiden ihm eintragen konnte, und die vielleicht, von unsichtbaren

Händen bereit gehalten, schon über ihm schwebte.

Der neue Heilige

Im Küchengarten des Kapuzinerklosters in München gingen zwei der

vornehmsten Väter, Pater Gumppenberg und Pater Wildgruber, in

ernstlichem Gespräch über die schweren Zeitläufe zwischen den an

Stangen hochgezogenen Bohnen auf und nieder. »Es tut nicht gut,« sagte

Pater Gumppenberg, »wenn die Frau stärker ist als der Mann, im

Bürgerhause so wenig wie auf dem Fürstenthrone, das habe ich immer

gesagt und darum die savoyische Heirat widerraten. War es nicht

vorauszusehen, daß sie mit ihren welschen Dienern und ihrer welschen

Pracht einwirken und mit ihrem welschen Gespreiz alles und jedes bei

unserem guten Herrn durchsetzen würde?« Es hatte nämlich vor einigen

Jahren der Kurfürst Ferdinand Maria die schöne, stolze und kluge

Henriette von Savoyen geheiratet, die zwar in kirchlicher Gesinnung

niemandem nachstand, aber den Bedarf dazu von jenseits der Alpen in

Gestalt verschiedener Geistlicher italienischer und französischer

Herkunft mitgebracht hatte, unter denen ihr Beichtvater Filiberto aus

dem Orden der Theatiner der hervorragendste war. »Der Anstand würde

erfordern,« fuhr Pater Gumppenberg fort, »daß diese Fremden sich in

die Gebräuche unseres Landes zu schicken suchten; anstatt dessen

fahren sie naserümpfend daher wie Eroberer und möchten das

wohlerprobte einheimische Wesen mit ihrem scheckigen Tändelkram

austapezieren. Es sind bald hundert Jahre her, daß unsere Stadt und

unser Fürstenhaus unter dem Schutze des heiligen Benno nicht nur in

gutem Zustande verharren, sondern erst recht zu florieren angefangen

haben, wie denn auch unser seliger Herr, der verstorbene Kurfürst, ihm

allezeit die Ehre gegeben und es an Dank und Verherrlichung nicht hat

fehlen lassen. Auch wir haben uns den Dienst des uralten deutschen

Heiligen angelegen sein lassen, obwohl wir absonderlich auf den

heiligen Franziskus Seraphikus, diesen hochberühmten, eigentlich aus

Gottes Geiste geborenen Himmelsmann, verpflichtet sind, und haben also

doppelte Ursache, von den Welschen, die über uns gekommen sind, ohne

daß wir ihrer bedürfen, die gleiche Unterordnung zu verlangen. Mögen

sie in der Stille verehren, wen sie wollen; unerträglich aber müßte es

jedem gläubigen Bayernherzen sein, wenn wir in der altheiligen

Frauenkirche einen neumodischen Altar für einen gewissen Cajetan sich

spreizen sähen, der uns so wenig angeht wie ein Derwisch oder Mufti

der Heiden im Orient.«

Pater Wildgruber nickte nachdrücklich und fügte hinzu: »Meine

sorgfältigen Erkundigungen haben bestätigt, was ich dir schon sagte,

daß dieser Cajetan erst kürzlich vom Heiligen Vater selig gesprochen

ist, auf das beschwerliche Drangsalieren der adeligen Familie, die ihn

zu ihren Verwandten zählt und ihre schäbige Herrlichkeit mit seinem

Namen ausputzen möchte. Dergleichen Adel ist, wie du weißt, über den

Bergen billig wie der Kies im Bache zu haben. Es mag sein, daß der

gute Mann aus Vicenza sich ein Verdienst um jenes Völkchen erworben

hat, als er den Theatinerorden stiftete, in den nur Leute

seinesgleichen aufgenommen wurden, die dort eine ansehnliche

Versorgung finden. Wenn sie es dabei bewenden lassen und sich ruhig

verhalten, wohl und gut, so mag man es ihnen gönnen; ein anderes ist

es, wenn sie ihren Familien- und Standespatron uns hierorts als

Heiligen aufdrängen und das Volk zu dieser fremdartigen, übelberufenen

Verehrung anlocken wollen. Dergleichen Seltsamkeit dürfen diejenigen,

die Gott zu Hütern seiner Schafe bestellt hat, nicht einschleichen

lassen.«

Die herzhafte Zustimmung seines Freundes erheiterte Pater Gumppenberg,

so daß er stehenblieb, eine Ranke der kletternden Bohnen zu sich bog

und den Ansatz der angenehmen Frucht, die sich zeigte, auf ihr

Wachstum untersuchte. »In acht bis vierzehn Tagen, denke ich, können

wir ein erstes Bohnengericht auf unserer Tafel sehen,« sagte er

behaglich. »Unser Himmel reift die Gottesgabe langsam, ist es aber so

weit, dann hat sie eine gediegene Würze, die sich nach meinem Urteil

über alle die gepriesenen Erzeugnisse der Fremde erhebt.«

Auch hierin war Pater Wildgruber derselben Meinung. »Ich bin nicht von

denjenigen,« sagte er, »die ohne einen Tropfen französischen oder

welschen Weines die Mahlzeit fade finden; unser braunes Bier mag es

mit dem vielbeliebten Traubenstoff wohl aufnehmen, ja, indem es das

Blut nicht erhitzt, sondern kühlt, und den erwünschten Schlaf

herbeiführt, anstatt die Sinne zu kitzeln, ist es aus erheblichen und

auch gottgefälligen Gründen dem kostbaren Nebenbuhler wohl noch

vorzuziehen.«

Weiterschreitend gingen die frommen Männer zu der Erwägung über, wie

der von seiten der welschen Geistlichen drohenden Gefahr füglich

entgegenzuarbeiten sei. »Ich schrecke«, sagte Pater Gumppenberg,

»keineswegs davor zurück, unserem Herrn, dem Kurfürsten, eine

dringliche Vorstellung zu machen; habe ich doch auch das Antlitz

seines gestrengen Vaters nicht gefürchtet, da ich mich im Schutze

Gottes und seiner Heiligen sicher fühle.«

Der Hahn von Quakenbrück und andere Novellen · 第 5 / 7 段