Der Direktor bestätigte die Aussage des Soldaten und führte sie dahin

aus, daß es sich in diesem Falle um einen erwiesenen mehrfachen Mord

aus Rachsucht handle; es habe nämlich der Verbrecher, Ronco mit Namen,

die Gewohnheit gehabt, nachts die Kühe seines Nachbarn zu melken, und

wie nun ein junger Bube, der Sohn eines in der Nähe wohnenden

Pächters, dem Geheimnis auf die Spur gekommen sei und den

Geschädigten, dessen rätselhafter Milchmangel im Dorfe bekannt

geworden sei, darauf aufmerksam gemacht habe, so habe er sich

anfänglich ruhig verhalten, als ob die Sache nur ein Scherz und des

Aufhebens nicht wert sei, aber nach acht Tagen nicht nur den Buben,

der ihn angegeben, sondern auch dessen Vater und Mutter sowie eine

alte Großmutter, die alle dieselbe Hütte bewohnten, mit einem Messer

umgebracht. Die Entrüstung über die Tat sei allgemein, und der Mensch

habe den Tod verdient und werde ihm nicht entgehen; auch sei ihm

nichts daran gelegen, der Kerl sei so wild, daß er kaum einen

Unterschied zwischen Leben und Tod zu machen wisse.

Das sei ein seltsamer Bericht, sagte Don Orazio; man müsse doch

annehmen, daß ein alter Hader zwischen den Familien bestanden habe,

wie es bei solchen Rachehandlungen meistens der Fall sei, und

unüberlegt und empfindlich müsse der Mann auch sein. Er hätte Lust,

einmal selber mit ihm zu reden, um der Sache auf den Grund zu kommen.

Der Direktor zuckte die Achseln und sagte, die Herren Richter hätten

sich schon genug Mühe mit ihm gegeben, die Bestie sei dessen nicht

wert; jedoch sei er bereit, die Herrschaften hinzuführen, möchte ihnen

aber raten, nicht ohne einen Wärter hineinzugehen, da man sich von

einem solchen Patron des Schlimmsten müsse gewärtig sein.

An diesen Rat hätte der Kardinal sich gern gehalten, allein Don Orazio

lachte hoch aus und sagte, seine kräftige Gestalt reckend und seine

breite Brust aufblähend, er getraue sich wohl, es mit einem

maisfressenden Bauern aufzunehmen.

Auch war es in der Tat nicht eben Furcht, was den Meister der Kapelle

überlief, als er mit seinem Freunde dem Unhold gegenüberstand, der sie

mit einem schnellen Blick mißtrauischen Hasses streifte, um sogleich

wieder stumpfsinnig vor sich hinzustieren; sondern vielmehr ein

unwillkürliches Grauen vor dem bösen Blick, dessen das Scheusal

mächtig sein konnte. Vorher getroffener Verabredung gemäß begann der

Kardinal, nachdem er verschiedenemal angesetzt hatte, und sagte, sie

seien im Begriff, die Ordnung der Gefängnisse zu untersuchen; ob er,

der Gefangene, über irgend etwas Klage zu führen habe? ob er den

Besuch eines Geistlichen empfangen habe? ob er geneigt sei,

irgendwelche Geständnisse zu machen oder seine Reue in den Schoß einer

vertrauenswürdigen Person geistlichen Charakters zu ergießen?

Die Antwort Roncos auf die sorgfältige Anrede des Kardinals bestand

darin, daß er knurrte und mit dem Daumen nach der Tür deutete, worauf

der Kardinal von neuem einigemal ansetzte und fortfuhr, er, Ronco, sei

eines grausamen und unerklärlichen Verbrechens angeklagt; ob er

vielleicht zur Erhärtung seiner Unschuld oder zur Verminderung seiner

Schuld etwas beizubringen habe, was Verwirrung oder Scham den

Inquisitoren gegenüber ihn vielleicht gehindert hätte auszusprechen?

Der Heilige Vater habe viel mehr Freude an einer erlösten Unschuld als

an der Bestrafung eines Schuldigen und dehne seine Milde auch über

diejenigen aus, die durch Unbesonnenheit, Jähzorn oder Anstiftung des

Teufels wider ihren Willen zu einer bösen Tat hingerissen worden

seien.

»Pest und Krebs über den päpstlichen Saustall!« zischte Ronco zwischen

den Zähnen hervor, indem er einen wilden Blick auf die Tür warf und

wiederum nach der Tür deutete, so daß der Kardinal unwillkürlich einen

Schritt zurückwich, wie um einen Platz jenseits der Hörweite solcher

Schimpfworte zu gewinnen.

Don Orazio, der das Bedürfnis fühlte, seinem Freunde zu Hilfe zu

kommen, sagte: »Weder der Heilige Vater noch seine Diener, mein

Freund, wollen dir übel, wie du vorauszusetzen scheinst. Wir wären

nicht an dieser Stelle, wenn wir deinen Tod suchten, den du allerdings

verdient zu haben scheinst. Gott der Allwissende hat dich mit einer

schönen Stimme begabt und dich dadurch nach unerforschlichem Beschluß

ausgezeichnet. Wie wäre es, wenn du uns noch eine Probe dieser

wunderherrlichen Kunst gäbest, der du mächtig bist, und die beweist,

daß mehr Göttlichkeit in dir wohnt, als deine Taten, deine Worte und

selbst dein Anblick vermuten lassen.«

Ob nun Ronco diese Worte als eine Verhöhnung auffaßte, oder ob er das

Gespräch überhaupt als eine Belästigung empfand, er schrie in

ausgelassener Wut: »Hinaus! hinaus! Oder ich werde euch etwas singen,

daß euch die Lumpenschädel zerplatzen sollen!« und begleitete die

Aufforderung mit einer so drohenden Gebärde, daß die beiden Herren es

für das beste hielten, sich zunächst zu bescheiden und den Rückzug

anzutreten. Mit dem Schwunge des Triumphes und der Verachtung spuckte

Ronco hinter ihnen her.

Kardinal Mazzamori war so erschrocken, daß er nicht sofort weitergehen

konnte, sondern an dem nächsten Fenster des Ganges stehenblieb, um

Luft zu schöpfen und sich ein wenig zu erholen.

»Was für ein Tier!« sagte Orazio. »Man muß zugeben, daß unsere Bauern

nicht viel mehr als Vieh sind und die Anforderungen, die man an sie

stellt, danach bemessen.«

»Er hat eine wölfische Physiognomie,« sagte der Kardinal, »und ich

möchte wetten, daß er ein echtes Wolfsgebiß besitzt. Es scheint in der

Tat nötig, daß die Menschheit vor einem solchen Wüterich beschützt

werde.«

Seine letzten Worte wurden durch die Stimme Roncos übertönt, der eben

jetzt wieder zu singen begann, vielleicht aus Trotz, oder weil ihm die

Lobsprüche der vornehmen Herren dennoch geschmeichelt hatten.

»Göttlich, göttlich!« flüsterte Don Orazio. »Dieses Wunderwerk von

Stimme darf nicht zerstört werden! Ich werde nicht Mühe noch Kosten

scheuen, sie mir zu retten.«

Unter den geschlossenen Augenlidern des lauschenden Kardinals perlten

Tränen hervor. »Welcher Wohllaut quillt noch aus dem Rachen der

Hölle!« hauchte er. »O Geheimnisse der Allmacht! Jeder Ton ist rein,

weich und lauter, wie ein Tropfen Tau, der sich in der Frühe auf

Knospen wiegt. Was wird Seine Heiligkeit sagen, wenn sie diesen Gesang

hört!«

In großer Erregung verließen die Herren das Gefängnis und ließen sich

in der bereitgehaltenen Sänfte zu dem Palast des Kardinals tragen, um

über die zunächst vorzunehmenden Schritte zu beraten; denn darin

stimmten sie überein, daß der rare Vogel für die päpstliche Kapelle

durchaus erworben werden müsse. Nachdem sie sich bei einem Glase guten

Weins in einem kleinen wohnlichen Gemach, dessen Wände mit schönen

Teppichen aus Arezzo verhängt waren, von den verschiedenen heftigen

Eindrücken des Vormittags erholt hatten, schien es ihnen nicht

unmöglich, das Tribunal zu einem Freispruch des kostbaren Ronco zu

bewegen. Sie hatten in Erfahrung gebracht, daß ein gewisser Guidobaldo

die Verteidigung des Verbrechers führe, und mit diesem beschlossen sie

sich zunächst ins Vernehmen zu setzen. Don Orazio nämlich hatte ihn in

einem befreundeten Hause kennengelernt und sich gut mit ihm

unterhalten, obwohl der Advokat ein Freidenker und Feind des Klerus

war. Da er aber seine Ansichten nicht äußerte, außer wenn es am Platze

war, die Formen der Religion mit großem Anstand in acht nahm, sobald

er sich beobachtet wußte, und dazu ein fröhlicher und gewandter Mann

war, so konnten auch Geistliche seinen vorurteilslosen Verstand und

seine geselligen Gaben genießen und waren es zufrieden, einstweilen in

gutem Einvernehmen mit ihm zu bleiben. Es traf sich glücklich, daß der

Advokat gerade damals im Sinn hatte, eine Villa zu kaufen, deren

ausgedehnter Garten sich den Janikulus hinaufzog, daß er aber den

hohen Preis, der dafür gefordert wurde, nicht zahlen konnte oder

wollte; denn dadurch bot sich die erwünschte Gelegenheit, den

nützlichen Mann durch eine Gefälligkeit zu gewinnen. Ohne Zaudern

suchten die Freunde den Advokaten noch am selben Tage auf und baten

ihn, an die Bekanntschaft mit Don Orazio knüpfend, ihm die Summe,

deren er zum Erwerb der Villa benötige, vorstrecken zu dürfen. Sie

hofften, sagte Don Orazio, sich dadurch ein Anrecht auf gütiges

Entgegenkommen seinerseits zu verdienen, wenn sich das, was sie von

ihm wünschten, mit seiner Ehre und anderen Rücksichten vereinigen

ließe. Nach dieser Einleitung erzählte er von seinem Funde im

Gefängnis, sprach von der Vorliebe des Papstes für Musik, insbesondere

die menschliche Stimme, und von seinem Wunsch, eine so überaus seltene

Kraft für die päpstliche Kapelle zu gewinnen, zumal damit ein

Menschenleben gerettet und auf eine nutzbringende, vielleicht

ruhmvolle Bahn gebracht würde.

Der Advokat erwiderte, er habe bereits von der schönen Stimme des

Ronco gehört, sich aber nicht sonderlich dafür interessiert; er trage

jedoch gern dazu bei, dem Heiligen Vater ein Vergnügen zu bereiten,

auch sei es sowieso seines Amtes, die Verbrecher zu verteidigen und

womöglich zu retten. Immerhin sei das im vorliegenden Falle schwierig,

weil der Bauer überwiesen und geständig sei und viel zu stumpfsinnig

oder zu roh, um Schritte zu seiner Rettung zu tun oder zu

unterstützen, wenn solche überhaupt erfindlich wären. Nach einigem

Besinnen fuhr er fort, es ließen sich wohl Wege zum Ziel ausdenken,

wenn man fest entschlossen sei; es sei schon mancher freigesprochen,

der den Tod ebensowohl wie der schlimme Ronco verdient hätte; von dem

Präsidenten des Tribunals, Monsignor Aloisio, sei es nur allzu

bekannt, daß seine Stimme feil sei, freilich um kein Geringes,

wohingegen der weltliche Beisitzer für ein billiges Trinkgeld zu haben

sei. Da sei aber Don Petronio, ein unzugänglicher Mann, dessen einzige

Eitelkeit und Liebhaberei seine Unbestechlichkeit sei, der stets den

Sittenrichter spiele und emsig aufpasse, damit ja nicht etwa unter

seiner Mitwirkung etwas Ungebührliches unterliefe. Wenn man sich

diesem mit wohlgemeinten Anerbietungen irgendwelcher Art näherte, so

würde man von vornherein alles verderben; wie man ihn aber umgehen

oder überlisten könne, dazu könne er noch keinen Plan absehen, wolle

die Sache aber bedenken. Ein Übelstand sei es auch, daß der Prozeß im

vollen Gange sei und nur noch ein Verhör stattzufinden habe, worauf

der Urteilsspruch bei der Klarheit des Falles nicht auf sich warten

lassen würde. Indessen ermutigte er die beiden Bittsteller damit, daß

guter Rat sich oft über Nacht einstelle, und gab ihnen anheim, sich

einstweilen mit dem Präsidenten in Übereinstimmung zu setzen, offen

gegen ihn zu sein und etwa eine Art Mitwissen des Papstes anzudeuten,

was seiner Beflissenheit einen gedeihlichen Schwung geben würde.

Monsignor Aloisio war ein prachtliebender Mann und heiteren

Temperaments, der gern gut lebte und auch anderen Gutes gönnte, wenn

er nur Geld genug zur Verfügung hatte, dessen Mangel das einzige war,

was seine Laune auf die Dauer zu trüben vermochte. Als er innewurde,

daß Kardinal Mazzamori und Don Orazio ihm einen erheblichen Zufluß des

geschätzten Metalls zu eröffnen gedachten, nahm er sie mit lauter und

glänzender Gastlichkeit auf, führte sie durch die pomphaft

ausgestatteten Räume seines Hauses, zeigte ihnen eine Sammlung

chinesischer Porzellane und versprach für seine Person, einem so

billigen und harmlosen Wunsche ohne kleinliche Bedenken

entgegenzukommen, führte aber, wie der Advokat, den unbestechlichen

Don Petronio ins Feld, der, seiner schrullenhaften Eitelkeit zuliebe,

jeden Versuch, den armen Sünder durchschlüpfen zu lassen, vereiteln

würde. »Nach meiner Meinung«, sagte er behaglich, »ist die

Gerechtigkeit bei Gott, der es nicht immer für gut findet, uns zu

erleuchten. Wie kurz ist die Kette von Ursache und Wirkungen, der wir

folgen können! Nun ja, man urteilt nach seiner Kurzsichtigkeit und

glaubt, etwas Großes getan zu haben, wenn man einen Dieb oder Räuber

aufhängt. Wie oft dieser ein frommes Herz im Busen hatte, ein guter

Vater oder edler Freund war, während sein sogenanntes Opfer auf dem

Grunde der Seele, wohin kein sterbliches Auge blicken kann, die Farbe

der Hölle trug, wer mag das wissen? Unser guter Petronio hingegen

begreift nur den Buchstaben und meint, unsere Erde zu verbessern, wenn

die Paragraphen recht in Anwendung kommen.«

Nachdem verschiedene Einfälle, um zum Ziele zu gelangen, vorgebracht

und verworfen waren, trennten sich die Herren, ohne zu einem Schluß

gekommen zu sein, mit der Befürchtung, daß ihnen der Sänger dennoch

entgehen würde. Indessen empfing Don Orazio noch zu später Abendstunde

einen Brief des Präsidenten, der so lautete: Es sei ihm plötzlich ein

eigenartiger, aber wohl tunlicher Einfall gekommen. Wenn man nämlich

den Petronio könnte glauben machen, Richter und Advokat seien

bestochen, um den Ronco, der zwar ein ungebildeter Bauer, aber brav

und nichts als das Opfer tückischer Ränke sei, an den Galgen zu

bringen, und sie alle ihre Rolle gut spielten, auch der Advokat sich

willig finden lasse, so sei zu verhoffen, daß Don Petronio seine Kraft

einsetze, die vermeintliche Unschuld zu retten, so daß ihnen nach

einem Kampfe von gewisser Dauer nichts erübrige, als zu ihren eigenen

Gunsten nachzugeben.

Das Einverständnis der Beteiligten wurde schleunig hergestellt.

Mazzamori und Don Orazio kargten nicht mit dem Gelde, indem sie nicht

zweifelten, der Heilige Vater würde ihnen am Schluß reichlich

ersetzen, was sie auf die Ausbildung eines so erlesenen Sängers würden

verwendet haben. Guidobaldo, der Advokat, trug Sorge, daß Don Petronio

durch eine anonyme Zuschrift auf das Unwesen aufmerksam gemacht wurde,

dem diesmal ein hilfloser Bauer zum Opfer fallen sollte, und daß die

Nachricht von seinem Hauskauf sich verbreitete, und nahm den launigen

Glückwunsch, den der Präsident ihm in Gegenwart des versammelten

Tribunals dazu machte, händereibend entgegen. Er selbst, sagte der

Präsident, habe auch im Sinne, sich eine bescheidene Freude zu machen.

Der französische Gesandte, der von seinem König abberufen sei und Rom

zu verlassen gedenke, wolle eine goldene Karosse mit vier Pferden

verkaufen, und er habe ein Angebot darauf gemacht, wisse aber noch

nicht, ob es angenommen sei. Die Summe flüsterte er dem Advokaten

lächelnd ins Ohr, wie er denn überhaupt es so einrichtete, daß die

Mitteilung als eine vertrauliche, durch den zufälligen Lauf des

Gesprächs entlockte erscheinen mußte. Petronio, der die Herren scharf

beobachtete, säumte nicht, ihre so plötzlich auftretende Verschwendung

mit der schmachvollen Rechtsbeugung in Einklang zu bringen, zu der sie

sich dem empfangenen Briefe nach hatten bereitfinden lassen. Um sicher

zu gehen, lenkte er selbst die Rede auf Ronco und sagte, mit dem

würden sie hoffentlich heute zu Ende kommen; denn man solle darauf

halten, in einer so klaren Sache wenigstens keine Zeit zu verlieren.

Der Präsident stimmte bei, und der Advokat fügte mit liebenswürdig

scherzender Ironie hinzu, er wisse wohl, daß er die Herren Richter,

die gern Zeugen einer breiten Entfaltung seiner Beredsamkeit wären,

damit enttäuschte, habe aber doch beschlossen, diesmal schlechtweg

ohne weitere Worte um ein gnädiges Urteil zu bitten, da er sich mit

der Verteidigung eines so verworfenen Übeltäters nicht verunzieren

wolle. Das töne anders, sagte Petronio mit Nachdruck, als er,

Guidobaldo, sich zuvor habe vernehmen lassen. Er habe damals gesagt,

der Grund, der den Ronco zum Morde getrieben haben solle, sei zu

geringfügig, um eine solche Untat zu erklären, auch würde ein gemeiner

Verbrecher die Bluttat zu leugnen versuchen, um sein Leben zu retten;

es lasse sich also erwägen, ob nicht der augenscheinlich halb

blödsinnig gemachte Bauer das Werkzeug Mächtiger sei, die sich nebst

ihren Absichten und Mitteln im Hintergrunde hielten.

Der Advokat lachte künstlich verlegen: »Da sehen die Herren,« sagte

er, »wie weit ich den Pflichteifer getrieben habe! Nun aber scheint es

mir besser, an der Grenze der Höflichkeit haltzumachen, die ich euch

schulde, Männern, die leicht einsehen, daß Mächtigen nicht mit der

Ermordung einer unschuldigen Pächterfamilie noch mit der Hinrichtung

eines Ronco gedient sein kann, und daß das, was ich damit vorbrachte,

nichts als die Redensarten und Mutmaßungen waren, die ein geübter

Advokat stets im Vorrat haben muß.«

»Sie, mein Teurer,« sagte der Präsident mit heiterer Miene gegen Don

Petronio, »wittern überall Ungerechtigkeiten, weil Ihr großmütiger

Trieb, Verfolgten beizustehen, sich die Gelegenheit zum Handeln

schaffen muß. Ach, die Schlechtigkeit ist weniger interessant, als Sie

meinen! Erleben wir es nicht alle Tage, daß das rohe Gesindel

untereinander rauft und sticht? Wir brauchen keine Fabeln zu erfinden,

um das begreiflich zu machen.«

Don Petronio, den nichts mehr beleidigte als wenn man ihn nicht ernst

nahm, begann nun einen unmittelbaren Angriff, wobei er sich

fortwährend das Ansehen eines ruhigen, unbeeinflußbaren Geistes zu

geben suchte. An dem Schicksal des Ronco sei nichts gelegen, sagte er,

das sei sonnenklar. Er sei nicht viel mehr als ein Tier, sei es nun,

daß Stumpfsinn oder daß Roheit seine Menschlichkeit gestört habe. Man

möge nicht glauben, daß er Teilnahme für Ronco habe, für ihn selbst

wie für andere sei es vielleicht das beste, wenn er der Zeitlichkeit

enthoben würde. Solche Rücksichten würden ihn aber niemals abhalten,

der Wahrheit nachzutrachten und das Recht in Ausübung zu setzen. Nur

um Recht und Wahrheit handele es sich für alle, nicht um das Wohl von

Klägern oder Beklagten, vor allen Dingen nicht um das eigene. Er wolle

nichts von jenem Ronco wissen, wolle nicht wissen, ob er Weib und

Kind, Verwandte oder Freunde habe. Eine derartige Gesinnung sei zwar

dem jetzigen Zeitalter fremd, um so mehr werde er daran festhalten. Er

werde niemals Landgüter kaufen oder Kunstsammlungen anlegen können,

vielleicht stifte er nicht einmal Gutes mit seiner Handlungsweise; es

sei ihm genug, der Wahrheit und Gerechtigkeit, auf die er verpflichtet

sei, ohne Gewinn gedient zu haben.

Die Gegner ließen eine gewisse Gereiztheit merken, und es entspann

sich ein Streit, der noch im Gange war, als Ronco vorgeführt wurde.

Dieser hatte sich zuvor nie so in Anspruch genommen gesehen, denn Don

Petronio ließ jeder Frage, die der Präsident an ihn richtete, eine

anders gesetzte folgen, die den Zweck hatte, die bisher listig

verschüttete Wahrheit ans Licht zu fördern. So viel hatte der Wilde

inzwischen gemerkt, daß man sich von hoher Seite seiner anzunehmen

begonnen hatte, ja geradezu auf seine Befreiung hinarbeitete, und

seine vielberedete Stumpf- und Roheit hinderte ihn nicht, diese

Aussicht als angenehm zu empfinden und seinen Helfern, soweit er sie

verstand, in die Hände zu arbeiten. Zuweilen begriff er den Sinn der

kreuz und quer an ihn gestellten Fragen so gut, daß er Antworten gab,

die die Richtigkeit seiner früheren Aussagen in Frage stellten und

eine böse Verwirrung in den bisher so glatten Prozeß brachten. Bei

solchen Gelegenheiten warf Don Petronio jedesmal einen ernsten,

leidenschaftlich forschenden Blick auf seine Widersacher, die sich

scheinbar mehr verwickelten und erhitzten und gegen Ronco heftig und

beinahe drohend losfuhren, wodurch sie ihn in eine solche Gemütslage

versetzten, die für ihren Zweck eben die richtige war. Denn er fing

allmählich an, sich für eine ansehnliche Person zu halten, und wenn er

schon vorher mit sich und seiner Untat durchaus zufrieden gewesen war,

so glaubte er jetzt vollends, daß er sich nichts von dem großmäuligen

Tribunal brauche gefallen zu lassen, das keineswegs besser und

wahrscheinlich dümmer sei als er. Er gab nun zwar keine Erklärungen,

mit denen sich etwas hätte anfangen lassen, aber er bejahte das, was

ihm Don Petronio fleißig in den Mund legte, daß er das Verbrechen

nicht aus eigenem Antriebe begangen habe, sondern, daß er dazu

angestiftet, eigentlich gezwungen worden sei, aber nicht sagen dürfe,

von wem, und schloß damit, man möge ihn zum Tode verurteilen, er sei

es zufrieden, doch sei er unschuldig und weniger ein Mörder, als

diejenigen sein würden, die ihn an den Galgen brächten.

So schnell indessen gaben die Verschwörer nicht nach, vielmehr

stellten sie sich an, als wären sie erpicht darauf, den Ronco zu

liefern, und erhoben gegen Don Petronio den Vorwurf, als habe er dem

Fuchs, der schon in der Falle gewesen sei, ein Türlein geöffnet und

halte sie unnützerweise bei einer nebensächlichen und üblen Sache auf.

Dadurch reizten sie diesen immer mehr, so daß er sich fest vornahm,

der hehren Wahrheit zum Siege zu helfen, was es ihm auch für Mühe und

Verdrießlichkeiten eintragen möchte.

Der Zufall wollte, daß es Don Petronio gelang, einen bisher nicht

bekannt gewordenen Umstand zu ermitteln, daß nämlich sowohl der Mörder

wie der Ermordete Besitzer freien Bauerngutes waren und vor Jahren

einmal mit dem Herrn, von dem sie das Land in Pacht hatten, in Streit

gewesen waren, weil er sie ganz und gar zu abhängigen Pächtern hatte

herabdrücken wollen. Es unterlag für Petronio kaum einem Zweifel, daß

dieser Herr, ein Aldobrandini, sich der beiden halsstarrigen Männer,

die ihm zu trotzen wagten, auf einmal zu entledigen versucht hatte,

indem er sie gegeneinanderhetzte, und obwohl er darauf verzichtete,

den Schuldigen zu entlarven, der jedenfalls zu mächtig, schlau und

gerissen war, um sich fangen zu lassen, so wollte er ihm doch das

Opfer abjagen, so wenig es an sich der Teilnahme wert sein mochte.

Mittlerweile hatte der Meister der Kapelle, Don Orazio, eine

endgültige Aussprache mit Ronco, der sich auf vieles Zureden

bereitfinden ließ, wenn er freigesprochen sein würde, als Sänger in

den Dienst des Heiligen Vaters zu treten. Er vermochte nunmehr seine

Rolle besser zu spielen und gebärdete sich tagtäglich dreister, so daß

das gesamte Tribunal endlich den Augenblick herbeisehnte, wo es die

Bürde seines Schützlings würde abwerfen können. Die Freude und

Genugtuung war auf allen Seiten gleich groß, als der Freispruch

erfolgte, wenn auch der Präsident und der Advokat sich nichts davon

merken ließen, sondern Ingrimm und Beschämung zu verhehlen schienen,

um sich desto besser zu belustigen, wenn sie unter sich waren.

Der Hahn von Quakenbrück und andere Novellen · 第 4 / 7 段