bezeugen, daß das von der Frau Bürgermeisterin bezeichnete Huhn den
vorgefallenen Hahnenkraht wirklich begangen habe. Auf den Befehl
Tönepöhls wurde das Huhn ergriffen und auf den Tisch gesetzt, wo es
verzweifelt herumstolperte, um zu entkommen, als ob es sich seiner
häßlichen Erscheinung schäme. Der Hals des Tieres war nämlich,
vielleicht durch die Arbeit von Ungeziefer, ganz von Federn entblößt,
und so schien es von einer grausamen Köchin lebendigen Leibes gerupft,
aber noch vor Beendigung des Geschäftes entsprungen zu sein. »Das Tier
ist ein Greuel!« rief Druwel von Druwelstein, mit markiger Stimme das
atemlose Schauen und Staunen der Menge durchbrechend. »Man veranlasse
es, noch einmal einen Ton von sich zu geben,« sagte der Bischof
heiter, »damit jeder sich von dem Charakter desselben überzeugen
kann.« Dieser Vorschlag wurde unmittelbar als so einsichtig befunden,
daß die Richter ihre Gänsefedern ergriffen und das Huhn damit stachen
und belästigten, so gut sie konnten, wovon die Folge war, daß der
entsetzte Vogel hierhin und dorthin flatterte und endlich auch in ein
mißtönendes Kreischen ausbrach, dem sich ein nicht schwächeres,
sondern donnernd verstärktes Echo aus der Versammlung anschloß. Als
das Triumphgeschrei verhallt war, sagte Tönepöhl: »Daß das Huhn krähen
kann, halte ich hiermit für bewiesen,« in welchem Sinne auch die
übrigen Richter ihre Stimme abgaben; dann wurde auf einen Wink des
Vorsitzenden das gesamte Federvieh in die Körbe gepackt und
fortgeschafft.
Der Pfarrer, der bisher zähneknirschend und hier und da den Kopf in
den Nacken werfend, als rufe er Gott zum Zeugen solcher Dummheit an,
zugehört hatte, trat nun hastig vor und rief: »Und was folgt daraus,
wenn es bewiesen wäre, was ich nicht anerkenne? Es gibt Tauben, die
lachen, Pfauen, die trompeten, Papageien, die menschlich schwatzen,
warum soll ein Huhn nicht krähen? Hängt solches doch nur von der
zufälligen Bildung der Kehle ab!«
»Das Krähen,« entgegnete Tönepöhl mit nachdrücklicher Ruhe, die dem
Pfarrer seine unanständige Hitze beschämend zum Bewußtsein bringen
sollte, »das Krähen ist ein Abzeichen der Männlichkeit und kann auf
natürlichem Wege vom Huhne nicht erfolgreich nachgeahmt werden. Wir
haben vor mehreren Jahren eine Frau, die in Männerkleidern einherging
und auf ihrem Geschlecht ertappt wurde, öffentlich ausgestäupt und des
Landes verwiesen, da das Weib sich die Tracht des Mannes, das ist des
höhergeborenen Menschen, nicht anmaßen darf. Wie soll man es da
beurteilen, wenn ein Weibswesen sogar die dem Manne angeborenen
Eigenheiten, gleichsam die ihn auszeichnende Naturtracht, nachahmen
oder sich erwerben will? Wo sollte bei einer solchen Vermischung die
notwendige Zucht und Botmäßigkeit bleiben, die im Hause wie im
Hühnerstall herrschen muß?« Wie nun der Pfarrer im hellen Ärger sich
die Worte entfahren ließ: »Wie konnte ich auch so albern sein, gegen
papistischen Aberglauben kämpfen zu wollen!« entstand ein unwilliges
Murren in der Menge, und sie hätten es ihm wohl übel eingetränkt, wenn
nicht der Bischof beschwichtigende Zeichen gegeben und Tönepöhl
aufgefordert hätte, den Pfarrer zu seinem Besten zu verhaften und in
ein gutes Gewahrsam zu bringen, damit ihm von dem zwar aus
verständlichen und schätzbaren Ursachen, aber doch über Gebühr
aufgeregten Volke nicht ein Leides zugefügt werde.
Dem Hahn war das hastige Fressen nach langer Enthaltsamkeit so
schlecht angeschlagen, daß Molli für gut fand, ihn abzuschlachten und
sein mageres und zähes Fleisch geschickt in eine lüsterne Pastete
verwurstete, welche bei dem Sieges- und Versöhnungsmahl, das unter
Teilnahme des Stadthauptmanns beim Bürgermeister stattfand, verzehrt
wurde.
Der Sänger
Durch die breiten widerhallenden Gänge des Gefängnisses San Callisto
gingen an einem warmen Frühlingsvormittage der Kardinal Mazzamori und
der Meister der päpstlichen Kapelle, Don Orazio, der seinen Stammbaum
auf den berühmten römischen Dichter zurückführte, beide Günstlinge des
Papstes Innozenz des Zehnten. Sie waren im Begriff, einen jungen
Menschen aufzusuchen, der des Mordes angeklagt und in Gefahr, das
Leben zu verlieren, dem Kardinal durch seine Geliebte, die schöne
Donna Olimpia, empfohlen worden war. Diese Dame, die durch Heirat mit
einem Ottobuoni aus kleinbürgerlichem Stande gehoben war, hatte den
Zusammenhang mit ihrer im Schatten weiterlebenden Familie nicht
verloren und pflegte ihn besonders, wenn sie sich in ihren neuen
Verhältnissen beeinträchtigt und unzufrieden fühlte. Als nun eine
ihrer Tanten zu ihr gekommen war und sie angefleht hatte, das bedrohte
Leben des einzigen Sohnes zu retten, wozu sie vermittels ihres
Freundes, des Kardinals Mazzamori, wohl imstande sei, war sie nicht
nur von Mitleid, sondern von Ehrfurcht für die Frau ergriffen worden,
die, von den Todesschmerzen der Mutter durchbohrt, ein geheiligtes
Schicksal zu erfüllen schien, während sie selbst nie geboren noch die
eheliche Treue bewahrt hatte und jetzt sogar an ihrem geistlichen
Freunde die Lust zu verlieren begann. Ihrem herb erteilten Befehl
hatte der Kardinal sich nicht entziehen können, obwohl er die
Möglichkeit, Hilfe zu schaffen, in diesem Falle für ausgeschlossen
hielt.
Es war nämlich der junge Lancelotto -- so hieß der Vetter Olimpias --
durch seinen verstorbenen Vater, einen Kaufmann, der Gläubiger eines
Anverwandten des Papstes und hatte sich im Auftrage seiner Mutter,
nachdem verschiedene Mahnungen nicht gefruchtet hatten, selbst in das
Haus des Schuldners begeben, um ihn zur Zahlung aufzufordern. Da der
Herr sich kurzweg weigerte, seiner Verpflichtung nachzukommen, oder
sie gar leugnete, entstand ein lebhafter Wortwechsel, in dessen
Verlaufe der Nepot einige seiner Leute herbeirief und ihnen befahl,
den unverschämten Dränger zu ergreifen und ihn durch das Fenster auf
die Straße zu werfen. So aufs äußerste gereizt, hatte Lancelotto,
indem er sich der Männer, die roh über ihn herfielen, zu erwehren
suchte, einen derselben auf den Tod verwundet. So viel Ursache der
adlige Herr auch hatte, den Vorfall zu verbergen, machte er ihn doch
anhängig, um sich des lästigen Gläubigers zu entledigen und zu seinem
Glück trafen mehrere Umstände zusammen, durch welche die Richter gegen
den Angeklagten eingenommen wurden.
Unter den Papieren Lancelottos fand sich außer allerlei verbotenen
philosophischen Schriften ein Spottgedicht auf den Papst, und so
liebenswürdig und empfindungsvoll Innozenz der Zehnte in mancher
Beziehung auch war, so hätten doch sogar seine verwöhntesten
Vertrauten sich jäher Ungnade versehen müssen, wenn sie ein gegen ihn
gerichtetes Witzwort zu verteidigen gewagt hätten. Vornehmlich seine
Schwäche, sich für einen Dichter zu halten, mußte von jedermann
geschont werden, und nichts hätte ihn davon abgehalten, in demjenigen
einen Mörder und Ketzer zu sehen, der mit viel Geist und komischen
Wendungen seine sapphischen Oden parodiert hatte; denn dies war die
Form, in die er die Ergießungen seines Christenherzens vorzugsweise
einzukleiden liebte.
Das Gedicht war »Die römische Sirene« betitelt und lautete etwa so:
»Segle nicht an der römischen Küste vorüber, Odysseus, oder tust du es
dennoch, so versäume nicht, deine Ohren mit Wachs zu verkleben, damit
du den Gesang des Papstes nicht vernimmst. Hörtest du ihn, so würde
dich ein solcher Schauer ergreifen, daß du nicht mehr imstande wärest,
dein Schiff zu lenken, und elend scheitern würdest.« Es wäre tollkühn
gewesen, sich eines Menschen anzunehmen, der die Unvorsichtigkeit
gehabt hatte, eine solche Keckheit nicht nur aufzuschreiben und bei
sich finden zu lassen, sondern sogar seine Urheberschaft zuzugestehen.
Unter diesen Umständen schritt Kardinal Mazzamori mit bekümmerter
Miene neben seinem Freunde Orazio her, ihm seine Sorgen und Bedenken
mitteilend. »Ich kann Olimpias Teilnahme für die Tante nicht anders
als liebenswert finden,« sagte er, »obschon ich darunter leide. Ihr
Mitgefühl für ihre Verwandten macht ihr Herz unzugänglich gegen meine
Ansprüche, die ich ihrer düsteren Miene gegenüber kaum geltend zu
machen wage. Wie leicht wird die Tugend zum Feinde des Glücks, und wie
schwer ist es deswegen, zum Freunde der Tugend zu werden. Ich kann mir
keinen glücklichen Abschluß dieser Angelegenheit vorstellen, da ich
mich durchaus nicht in den Prozeß einmischen kann, der schon zu viele
Torheiten des Beklagten ans Licht gebracht hat, und da doch die
unberatene Olimpia ihre Zärtlichkeit für mich an seine Rettung
geknüpft hat.«
Orazio gab zu, daß es eine heikle Sache sei, und fügte bei, er könne
sich nicht genug freuen, daß seine Veranlagung ihn vor dem
unheilvollen Einfluß der Weiber beschützt. »Nach meinem Dafürhalten«,
sagte er, »wiegen die Vergnügungen, die uns dies Geschlecht bereiten
kann, die Ärgernisse und Enttäuschungen nicht auf, die aus seinem
Umgange fließen.«
Der Kardinal seufzte statt der Erwiderung, ohnehin war inzwischen der
ihnen vorangehende Wärter vor einer der vielen Türen stehengeblieben,
die auf den Gang führten, und gab ihnen ein Zeichen, daß sie am Ziele
seien.
Bei ihrem Eintritt richtete sich der Gefangene von seiner Pritsche
auf, sah die Fremden verdutzt und mißlaunig an, sprang dann auf und
sagte mit höflichem Gruß, daß er fest geschlafen habe und sich nicht
gleich auf seine Lage habe besinnen können. »Die barmherzige Natur hat
mir«, sagte er lachend, »die Gabe reichlichen Schlafes verliehen,
womit ich die Zeit verscheuchen kann, da mir keine Gelegenheit gegeben
wird, sie mir durch Arbeit oder Unterhaltung zu befreunden.«
»Die Fähigkeit, zu schlafen, deutet auf ein freies Gewissen,« bemerkte
der Kardinal, worauf der junge Mann erwiderte: »Das habe ich freilich;
ich möchte den Mehlsack sehen, der sich von ehrlosen Schurken mit
Füßen treten ließe, ohne sich zu wehren. Wäre meine Zunge so
fehlerlos, wie meine Hände ohne Makel sind; aber die ist so
beschaffen, daß sie alles ausspricht, was durch mein Gehirn zuckt, als
ob sie eine Glocke wäre, an die der Schlegel der Gedanken beständig
anschlüge. Da wird denn manches laut, was den Leuten Verdruß erregt;
sprächen alle aus, was sie denken, so hätte ich zu viele
Gesinnungsgenossen, als daß man sie alle einsperren oder ihnen allen
den Kopf abschlagen könnte.«
»Ihr redet nicht eben wie ein bußfertiger Sünder,« sagte Don Orazio
nicht ohne Wohlgefallen an dem hübschen Jüngling, dessen Munterkeit
durch seine jammervolle Lage nicht gebrochen zu sein schien.
»Was wollt Ihr, mein Herr!« entgegnen er zutraulich. »Einen Mord habe
ich nicht begangen; soll ich zerknirscht sein, weil ich nach Maßgabe
meines Verstandes über das Wunder des Daseins nachgedacht, oder etwa
gar, weil ich einen unbedeutenden Witz über Seine Heiligkeit gemacht
habe? Ich mache wohl auch einmal einen frechen Scherz über die
höchsten Herrschaften im Himmel, die doch ehrwürdigere Häupter sind
als der Papst, ohne daß ich mich deshalb der Sünde zeihe; denn was für
Abbruch tut es ihrer Herrlichkeit, wenn ein Erdenwurm, ihnen fast
unsichtbar, ein wenig daran zupft? Ich bin nur ein armer Schlucker,
den man leicht des Lebens und der Ehre berauben kann, und bin doch den
Richtern nicht böse, die mich täglich als einen blutdürstigen Raufbold
und Rebellen traktieren.«
Der Kardinal, welcher inzwischen verlegen seine weißen Nägel
betrachtet hatte, sagte, indem er eine ernste Miene annahm: »Die
Gerechtigkeit des Heiligen Vaters bürgt dafür, daß Euch kein Leid
widerfährt, wenn Ihr so schuldlos seid, wie Ihr behauptet. Hättet Ihr
nicht durch Euren Mutwillen die Anwartschaft auf Gnade verscherzt, so
möchte ich Euch raten, Euch mit Eurem Anliegen ganz zu den Füßen
Seiner Heiligkeit zu werfen.« Da der junge Mann nicht sogleich
antwortete, setzte Orazio im Tone wohlmeinender Überredung hinzu:
»Würdet Ihr nicht wenigstens das leidige Gedicht, das Euch der Teufel
eingegeben hat, zurücknehmen?«
»Warum nicht?« antwortete Lancelotto. »Am liebsten auch alle Gedichte
Seiner Heiligkeit, wenn ich es könnte.«
Es war Don Orazio unmöglich, das Lachen zurückzuhalten; der Kardinal
indessen spürte nur einen schwachen Anreiz zur Heiterkeit, da das
Bewußtsein der Widerwärtigkeit seiner Lage in ihm fortwährend zunahm.
Wie der arme junge Mensch wahrzunehmen begann, daß der Besuch durch
ein gewisses Interesse an seiner Befreiung veranlaßt war, färbte die
erwachende Hoffnung seine blassen Wangen um einen Hauch röter, und
durch sein vorher so gelassenes Benehmen zitterte verhaltene Unruhe.
Ob es nicht wirksamer wäre, fragte er, indem er seine Blicke zwischen
den beiden Herren hin und her gehen ließ, wenn seine Mutter sich an
die Gnade des Papstes wendete? Sie würde alles tun, was ihn retten und
ihn ihr wiedergeben könnte. Auf ihr Betreiben wären gewiß auch die
beiden Herren mit so viel gütigem Anteil zu ihm gekommen.
Der Kardinal nickte und ließ einige Worte fallen, wie die Liebe der
unglücklichen Frau zu ihrem Sohne nicht nachlasse, obwohl er ihr so
schweren Kummer bereite.
»Nicht durch meine Schuld,« sagte Lancelotto frei und freundlich;
»wäre ich aber noch so schuldig, so würde ich an ihrer Liebe doch
nicht zweifeln; denn ich bin noch in ihrem Herzen, wie ich einst in
ihrem Leibe war, und Gott selbst mit seiner Allmacht könnte mich nicht
herausreißen.«
Während er dies sagte, hatten seine Augen sich gefeuchtet und waren
dadurch glänzender und dunkler geworden, und den beiden Herren fiel es
jetzt auf, daß diese Augen ungewöhnlich schmal und lang waren, so wie
die älteren Maler die Augen der Cherubim und der verklärten Heiligen
zu bilden pflegten. Das geisthaft Schwebende, spielend Süße, das ihnen
eigen war, mochte dadurch bedingt sein, daß die kleinen Pupillen den
irdischen Leidenschaften keinen Versteck zu gewähren und die Vielheit
der bunten und veränderlichen Erdendinge nur von ferne spiegeln zu
können schienen.
Inzwischen hatten die scharfsichtigen Augen Lancelottos erfaßt, daß
die Herren doch nicht eigentlich darauf ausgingen, etwas Wirksames für
ihn zu tun, und die frohe Welle der Hoffnung sickerte langsam wieder
zurück. Wenn die Herren, sagte er nach einer Pause, einen Auftrag an
seine Mutter übernehmen wollten, so möchte er sie bitten, ihr einen
Büschel seiner Haare zuzustellen, der ihr als ein lebendiges Stück von
ihm teuer sein würde. Ihm würde jedoch weder ein Messer noch sonst ein
scharfes Instrument in die Hände gegeben, so daß er ohne ihre Hilfe
nicht imstande sein würde, sich Haare abzuschneiden.
Der Kardinal zog ein mit Schmelz und farbigen Steinen verziertes
silbernes Büchschen aus dem weiten Ärmel, worin ein kleiner Spiegel,
eine Schere, ein Stückchen Wachs, eine Feile zum Glätten der Nägel und
dergleichen enthalten waren, öffnete es und blickte unschlüssig
hinein. Während er zögerte, bemächtigte sich Don Orazio der Schere und
beugte sich über den Kopf des jungen Mannes, um den erforderlichen
Schnitt zu tun, wobei er mit einer liebkosenden Bewegung in die ein
wenig geringelten kastanienbraunen Haare griff.
Bei diesem Anblick fiel es dem Kardinal ein, daß die unglückliche
Mutter in der Besinnungslosigkeit ihres Schmerzes gewimmert hatte: »Er
ist ja noch ein Kind! Er hat Löckchen wie ein Kind!« und es berührte
ihn überaus peinlich, die Klage mit eigenen Augen bestätigt zu sehen.
Nachdem er sich leicht geräuspert hatte, sagte er, daß er Sorge tragen
werde, das Andenken in die Hände der Mutter gelangen zu lassen, und
daß er gern etwas tun würde, um die Lage des Gefangenen zu
erleichtern. Ob er Wünsche in betreff des Essens habe? Oder womit ihm
sonst gedient wäre?
Was das Essen angehe, sagte Lancelotto, so werde er durch seine Mutter
beköstigt, die ihm mehr Leckerbissen vorsetzen lasse, als er
bewältigen könne. Bücher, etwa ein Bändchen Gedichte, würden ihn wohl
erfreuen, am liebsten würde ihm aber sein, wenn er einen Gefährten
zugesellt bekäme, mit dem er ein wenig plaudern und lachen könnte.
Dieser Gedankengang brachte ihn darauf, daß er seine Gäste, von denen
namentlich der Kardinal augenscheinlich sehr niedergeschlagen und
durch die trübselige Umgebung bedrückt war, bisher nicht eben gut
unterhalten habe, und er begann ein munteres Geschwätz, wobei aus den
schmalen Augen die unschuldige Schelmerei eines übermütigen Knaben
blitzte. Er erzählte Schulstreiche aus dem geistlichen Kolleg, das er
besucht hatte, von Lehrern und von dem Abt eines gewissen Klosters,
der ihn als einen jungen Heiligen angesehen habe und noch immer darauf
warte, ihn als Novizen eintreten zu sehen. Er habe den guten Mann oft
besucht und sich im Kloster wohl gefühlt; aber lange halte er es in
der Abgeschiedenheit nicht aus, dem Getümmel des Lebens zuzusehen, sei
ihm die liebste Beschäftigung; je toller es um ihn her zugehe, desto
stiller und behaglicher fühle er sich im Innern.
Dann sei die enge Zelle freilich nicht der rechte Aufenthalt für ihn,
meinte Orazio teilnehmend; aber der junge Mann erwiderte, es sei
immerhin so arg nicht, wie es den Anschein habe. Sein Fenster gehe auf
den Hof, wo die zur Gefangenschaft Verurteilten sich zu gewissen
Stunden ergehen dürften und untereinander handelten, lachten, lärmten
und zankten, wie wenn Viehmarkt auf der Piazza Navona wäre.
Zwischenhinein könne er schlafen, und schließlich befinde sich in
einer nicht weit entfernten Zelle ein Untersuchungsgefangener, der
eine so schöne Stimme besitze, daß man sich einbilden könne, schon im
Paradiese zu sein, wenn man ihn singen höre.
Die Pause, die hierauf entstand, benutzte der Kardinal, um Lancelotto
zu fragen, wie es denn in Hinsicht der Religion mit ihm bestellt sei.
Ob er auf das Jenseits vorbereitet sei, oder ob er etwa von einem
verständigen Geistlichen über den heiligen Glauben belehrt zu werden
wünsche.
Der junge Mann schüttelte lachend den Kopf und sagten »Ich habe
Augenblicke, wo der Glaube mich mitten in Gottes Schoß trägt, und ich
habe Stunden, wo ich zweifle und denke, bis meine Gedanken an jenes
schwarze Tor stoßen, das sie nicht durchdringen und übersteigen
können. Das vermag kein Priester zu ändern, und ich möchte es auch
nicht. Den Platz, der in der weiten Welt für meine Seele ist, werde
ich erreichen; hat ja doch Gott dem Maultier eingepflanzt, bei Nacht
den rechten Weg, und einer Katze, das Haus zu finden, wo sie
hingehört. Die Herren müssen nicht um mich besorgt sein, noch soll
meine Mutter sich um mich grämen. Soll ich sterben, so muß ich durch
ein paar bittere Stunden hindurch, die ebenso schnell vorübergehen
werden wie manche andere, die ich auch überstanden habe. Wie wohl wird
mir aber hernach sein, wenn mir Gott einen Anteil an der himmlischen
Vollkommenheit gewährt. Dann werden meine neugemachten,
allgegenwärtigen und allwissenden Augen auf die Verwirrung und das
Händeringen und Zähnefletschen der Menschen hinuntersehen und lachen,
daß ich auch einmal mitten dazwischen war und von armseligem
Schlachtvieh zum Tode verurteilt und auf das Schafott geschleppt
wurde.« Sein frischer feuchter Mund lächelte dabei mit besonderer
Lieblichkeit, die man kaum wehmütig nennen konnte, weil sie allzu
unbefangen war.
Als die beiden Herren die Zelle verlassen und der Wärter die Tür
abgeschlossen hatte, winkten sie diesem, daß er nunmehr entlassen sei,
und gingen langsam den Gang hinunter. Der Kardinal tupfte sich mit dem
Taschentuch und sagte, es sei jammerschade, daß ein solcher Knabe so
zu Falle gekommen sei. Was sei da zu machen? Der Mord könne
schließlich nicht ungestraft bleiben, er sähe keinen Ausweg.
»Ein allerliebster Junge,« sagte Don Orazio nachdenklich, »und scheint
durchaus nichts Strafwürdiges begangen zu haben. Ich hätte Lust, mich
seiner anzunehmen und ihn den Krallen dieses gottvergessenen Tribunals
zu entreißen, wenn sich nur ein zweckmäßiger Weg dazu finden ließe.«
»Mir fehlt der Mut, mich vor Olimpia sehen zu lassen, wenn ich keine
Hoffnung bringe,« fuhr der Kardinal bekümmert fort. »Und wie, wenn ich
gar die Mutter mir vor Augen stelle! Ohnehin werde ich diese Frau nie
mehr vergessen können, die aussah, als ob sie tausend Jahre gelebt und
Schmerzen gelitten hätte. Sie sah aus wie ein verwitterter Stein, und
wenn sie zu weinen und zu schreien anhub, so war es, wie wenn ein Berg
sich bewegte und Feuer auswürfe.«
»So, so,« sagte Don Orazio, »ich hatte sie mir als ein anmutiges Weib
vorgestellt mit süßen Lippen und zärtlichen Augen.«
Ohne diesen Einwurf zu beachten, ging der Kardinal in seinen
Betrachtungen weiter: »Was man ihr auch sagen mochte, sie schrie:
>Mein Kind, das ich geboren habe! Mein Paradiesvogel! Meines Herzens
Herz! Mein Eingeweide! Es ist mein, ich muß es wiederhaben!<, als ob
das Gründe wären, mit welchen sich etwas durchsetzen ließe.«
»Das ist«, fiel Don Orazio ein, »wie alle Frauen sind. Die setzen
ihren Eigenwillen der offenkundigen Notwendigkeit entgegen und lassen
sich durch Vernunft nicht belehren.«
Der Kardinal nickte verständnisvoll und nahm Anlaß, in behutsamen
Andeutungen über die Launenhaftigkeit der Donna Olimpia zu klagen, die
sie in letzter Zeit wie eine Krankheit überfallen habe, während sie
sonst liebevoll und verträglich wie ein Engel gewesen sei. Was ihr
sonst eine willkommene Zerstreuung gewesen sei, gefalle ihr nicht
mehr, sie liebe Einsamkeit und trübe Gedanken, und die Verzweiflung
jener unglücklichen Tante vermehre ihren Tiefsinn. Sie werde es ihn
entgelten lassen, wenn der Prozeß des jungen Mannes übel auslaufe, als
wenn er etwas dazu zu tun vermöge; so sähe er einer unfrohen Zukunft
entgegen. Da würde es das beste sein, meinte Orazio, die launische
Dame zu meiden und bequemere Gesellschaft aufzusuchen; allein der
Kardinal sagte, die Frau habe sich doch um ihn verdient gemacht, und
er halte sich verpflichtet, nun, da sie offenbar krank und des
Beistandes bedürftig sei, bei ihr auszuharren. Er war beschämt, indem
er dies sagte, denn er fühlte, daß sein Freund seine Worte für eitel
Ausflucht und ihn für einen verliebten Toren hielt.
Als die Freunde, in dies Gespräch vertieft, in dem breiten und kahlen,
widerhallenden Gange auf und ab gingen, vernahmen sie plötzlich den
Gesang einer Männerstimme und blieben augenblicklich, von dem Glanz
derselben betroffen, stehen. Es war ein Volkslied, das mit so viel
Kraft und Sicherheit gesungen wurde, als ob es von der Bühne eines
großen Theaters her tönte, und mit so viel Leidenschaft, als gälte es,
ein zauderndes Mädchen zu einer Entführung willig zu machen. Mazzamori
und Orazio sahen einander, vor Staunen und Vergnügen errötend, an, und
als der Sänger dem Abschluß einer Strophe eine Kadenz folgen ließ,
hielten sie den Atem an, besorgt, ob die schwindelnde Figur auch zu
einem glücklichen Ende gebracht würde.
Während der Dauer des Liedes näherte sich ein wachehabender Soldat und
machte Miene, dem Sänger Schweigen zu gebieten, wie das den
Vorschriften des Gefängnisses entsprochen hätte, trat jedoch willig
zurück, als die beiden Herrschaften ihm einen Wink gaben, sich ruhig
zu verhalten. Diesen riefen sie heran, sowie das Lied zu Ende war, um
Auskunft über die Wundererscheinung zu erhalten. Der Sänger sei ein
Bauer, meldete der Soldat, dem wegen mehrfachen Mordes der Prozeß
gemacht werde; er sei ein wilder und böser Kerl, der den Mund nur zum
Fluchen öffne, aber der unerforschliche Gott habe für gut befunden,
ihn mit einer Stimme zu begnaden, wie kein Engel der himmlischen
Heerscharen sie herrlicher besitzen könne. Niemand habe den Mut, ein
solches Wunder der Natur zu unterdrücken, darum ließe man ihn singen,
womit auch der Direktor einverstanden sei, der manchmal selbst, wenn
er in der Nähe sei, stehenbleibe, um zuzuhören.
Ob man ihn nicht veranlassen könne, weiterzusingen? fragte Don Orazio.
Nein, sagte der Soldat, wenn man ihn um etwas bäte, würde er es
deswegen unterlassen, weil er bösartig und mißtrauisch sei. Es könne
ein Tag vorübergehen, ohne daß er die Stimme erhebe, andere Male höre
er stundenlang nicht auf; das sei von seiner Laune abhängig.
»Ich kann mich nicht begnügen, von der Stelle zu gehen, ohne ihn noch
einmal gehört zu haben,« sagte Don Orazio, »sonst würde ich morgen
wähnen, daß mich meine Einbildungskraft geneckt hätte.«
Auch der Kardinal zeigte sich nach einer Wiederholung des Genusses
begierig. Sie erwogen eben, ob sie nicht dennoch versuchen sollten,
den Gefangenen zu einem Vortrage zu bewegen, als der Gesang von neuem
begann, um sie nicht minder als der erste zu entzücken.
»Ich habe einen Tenor wie diesen noch nie in meiner Kapelle besessen,«
sagte Don Orazio.
Der Kardinal stimmte ihm bei; er habe zwar die unvergleichliche
Schulung des berühmten Mignotta nicht, die Unfehlbarkeit des Ansatzes
und die Gleichmäßigkeit des Organs beim An- und Abschwellen des Tones,
aber an Kraft, Schmelz und Süßigkeit lasse er alle anderen hinter
sich. »Ich würde jederzeit«, so schloß er, »eine Stunde lang auf einem
Beine stehen, um ein solches Konzert in mich aufnehmen zu können.«
»Mein Freund,« sagte Don Orazio, »ich habe keine Ruhe, bevor ich nicht
Näheres über diesen Mann erfahren habe; begleite mich augenblicklich
zum Direktor, damit wir Schritte tun können, um uns dieser Kostbarkeit
zu versichern.«