unnennbaren, unkeuschen und unflätigen Dingen, da wir den
Unschuldschnee der Volksseele schon allzusehr mit Schlamm durchmistet
haben! Wie ungern habe ich meine Stimme in dieser Sache erhoben! Wie
leicht und lieblich ist es, die Nase wegzuwenden, wenn wo Gestank ist.
Uns Prediger aber hat Gott berufen, die Gemeinde vor Übel zu bewahren,
und uns mit einem wundersamen Harnisch gerüstet, daß wir den Mächtigen
der Erde furchtlos als Angreifer und Entlarver entgegentreten. Liebe
Freunde, ich weiß, daß die Besten unter euch schon lange mit Murren
zugesehen haben, wie das Volkswohl, unbeachtet am Karren der Regierung
hängend, durch den Kot geschleift wird. Wir haben tüchtige Männer
genug, die zugreifen und die Ordnung herstellen könnten, die löblichen
Meister der Gilden, die Herren Bäcker, Kürschner, Kupferschmiede und
Gewürzkrämer, mit Herzen und Händen, die in Entsagung und ehrlicher
Arbeit geläutert sind, das Steuer zu drehen; aber sie scheuen den
Aufruhr und warten, bis das Maß voll ist. Liebe Freunde, wir haben
gehört, was für Aufwand im Hause des Bürgermeisters getrieben wird.
Wir wissen, wie überflüssig mittags sowohl wie abends seine Tafel
besetzt ist. Von dem übermäßigen Eierverbrauch will ich nicht reden;
aber führen wir uns noch einmal alle die Speisen vor, die das
zahlreich zusammengetriebene Gesinde, im sauren Frondienst schwitzend,
von früh bis spät herstellen mußte: da folgen sich die mit Wein und
Nelken gewürzte Suppe, die Pastete voll Trüffeln, die schwer mit
Äpfeln und Rosinen gespickte Mastgans, der üppige Kapaun, der
zartblätterige Salat, das Mandelgebäck und die aus Pistazien, Mandeln
und anderen fremden Zutaten wie Mosaik gemusterte Magenmorselle. Und
alle diese Leckerbissen sind bezahlt! Bezahlt sind die Muskateller und
Malvasier, das böhmische Glas und der russische Hermelin! Wovon? Das
würde ein Rätsel bleiben, wenn die Lösung nicht in einer anderen
häßlichen Frage läge: Warum wächst der nördliche Turm der
Hundertjungfrauenkirche nicht, zu dessen Vollendung seit Jahren unter
der Bürgerschaft gesammelt wird? Da prahlt wohl ein Baumeister mit
seinen Plänen, da steigen Maurer an den Leitern auf und nieder, da ist
seit Jahren das Hauptportal mit Gerüsten verstellt; aber an dem Turme
ändert sich nichts, als daß ein Jahr ums andere ein neues Kränzlein
von Steinen auf die alten kommt. Laßt mich nebenbei bemerken, daß die
Hundertjungfrauenkirche, wie schon in ihrem abgöttischen Namen liegt,
der katholischen Konfession vorbehalten ist, wir also einen
selbstischen Zweck an ihrer Vollendung nicht haben können und uns nur
aus unparteilicher Gerechtigkeitsliebe um eine diesbezügliche
Verwahrlosung und Unterschleif bekümmern. Diejenigen, die mich des
Parteihasses bezichtigen und wohl selbst dessen voll sind, werden
überzeugt sein, ich lachte in mir hämisch und schadenfroh, wenn ich
die Münstertürme der Papisten wie vom Blitz geköpft oder wie im Frost
verkohlte Strünke dem Untergang anheimfallen sehe. Nein, meine Lieben,
wo immer ich Mißstände und Treulosigkeit erblicke, unter denen das
Gemeinwesen leidet, rühre ich mich, dem Arzte vergleichbar, der, wenn
es an seinem Glöckchen läutet, sei es auch um Mitternacht und zur
Winterszeit, aus dem lauschigen Federbett springt und über die dunklen
Straßen durch Tümpel und Pfützen der Pflicht nacheilt, die mit
bescheidenem Lämpchen voranleuchtet an das Wochenbett, an das
Sterbelager, manchmal auch zu Besessenen, die sich, unter dem Zwang
ihres teuflischen Schmarotzers, gegen den, der es gut mit ihnen meint
und das Übel austreiben will, mit Beißen und Kratzen zur Wehr setzen ...«
Weiter konnte der Pfarrer nicht reden; denn das Jauchzen und
Lebehochrufen der Gildenmeister und anderen Zuhörer verursachte ein
solches Geräusch, daß seine tapfere Stimme nicht mehr hindurchzudringen
vermochte. Als er sich wieder vernehmlich machen konnte, wiederholte er
den letzten Satz und fügte noch mehrere voll rühmlicher Gesinnung hinzu,
worauf er mit den Worten schloß: aus allem diesem erhellte wohl für
jeden, daß der Hahn des Bürgermeisters wider göttliche Ordnung Eier
lege, was er oben behauptet habe, zu welcher Behauptung er, da sie
gewissermaßen wahr sei, nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet
gewesen sei, und wodurch er sich um den Bürgermeister, für den es
vielleicht noch Zeit sei, seine Seele zu retten, verdient gemacht zu
haben glaube.
Der Pfarrer hatte noch nicht ausgesprochen, als er von allen Seiten
unter Händeklatschen beglückwünscht wurde, da niemand mehr an seinem
Siege zweifelte. Eben forderte der Vorsitzende die anderen Richter
auf, sich mit ihm zur Findung des Urteils zurückzuziehen, was sie, wie
er bedeutsam fallen ließ, nun nicht mehr viel Zeit kosten würde, als
etwas Unerwartetes eintrat, das dem Verlaufe der Sache eine andere
Wendung gab.
Unter dem erweichenden Einfluß der sehnenden Liebe nämlich schien es
dem Stadthauptmann bald, als sei er allzu grausam gegen Frau Armida
gewesen; da er aber doch an seinem Worte, dem eine gewisse Heiligkeit
innewohnte, unerschütterlich festhalten mußte, ergrimmte er gegen den
Pfarrer, der das ganze unnütze Lärmen verursacht hatte. Wie sich im
Laufe des Prozesses merken ließ, daß der Bürgermeister mit seiner
Anklage abprallte, dagegen selbst und vielleicht auch Frau Armida in
eine gefährliche Malefizsache geriet, wurde sein Zorn unbändig, und er
schalt insgeheim auf seine eigene Langmut, mit der er den Aufruhrgeist
im Volke sich hatte ausbreiten lassen, anstatt es von vornherein mit
scharfen Mitteln zu Bescheidenheit und Gehorsam anzuhalten. Da er
ohnehin mit dem Bischofe von Osnabrück, einem ausnehmend feinen Manne,
Geschäfte abzumachen hatte, reiste er zu ihm und stellte ihm die
Angelegenheit vor, ließ auch einfließen, wieviel ihm daran läge, wenn
der Bürgermeister aus der Falle gezogen würde, dem reformierten
Pfarrer und seinem Anhang aber eine merkliche Belehrung für die
Zukunft erteilt würde. Aus diesem Grunde geschah es, daß der Bischof
mit einem Male in den Gerichtssaal zu Quakenbrück trat und begehrte
vernommen zu werden, da er etwas Wichtiges in der Sache des Herrn
Bürgermeisters auszusagen habe.
Die plötzliche Erscheinung des Kirchenfürsten wirkte so erbaulich, daß
einige auf die Knie fielen, die anderen wenigstens sich tief und
eilfertig verbeugten; einzig Pfarrer Splitterchen blieb aufrecht
stehen, und der von Würmling verneigte sich nur mit den Augenlidern.
Auf Grund seiner Vorurteilslosigkeit und Gerechtigkeitsliebe zögerte
Tönepöhl nicht, den Bischof in höflichen Worten zum Sprechen
aufzufordern, ja sogar ihm im voraus für sein Kommen zu danken, falls
er etwas Förderliches in diesem schwierigen Handel beizubringen habe.
Nachdem sich der Bischof, der ein beleibter Mann war, mehrere Male
nach rechts und links umgesehen hatte, wurde ihm ein Sessel
herbeigerollt, in den er sich mit Anmut niedersetzte, und von dem aus
er nun behaglich um sich blickte und dem und jenem zulächelte, der ihm
bekannt vorkam. Unterweilen zog er eine funkelnde Schnupftabakdose
hervor und sagte lächelnd: »Euer Pflaster ist holperig, ich habe
meinen Wagen am Tore stehenlassen und mich in einer Sänfte hertragen
lassen; so bin ich zwar anständig hereingekommen, aber die guten
Leute, die mich trugen, ließen die Zunge zum Verdampfen aus dem Munde
hängen, denn sie mußten springen, damit ich zu rechter Zeit käme, und
dazu zeigt der Kalender noch den Hundsstern an.« Nachdem er sich noch
einige Male nach rechts und links umgesehen hatte, brachte man ihm auf
einem Brett eine Flasche Wein nebst einem Glase, das man auf ein
Tischchen neben ihm stellte, so daß er nun bequem und vergnüglich
eingerichtet war. »Es trifft sich gut,« sagte er, indem er das Glas in
die Hand nahm, »daß heute kein Fastentag ist, sonst würde ich mir
diesen Labetrunk versagen,« und ging dann allmählich zu der
schwebenden Sache über, indem er folgendes erzählte: Er sei vor einem
Jahre, um einen Ablaß für den Turmbau zu verkünden, in Quakenbrück
gewesen und habe bei der Gelegenheit Haus und Hof des Bürgermeisters
samt allen Bewohnern, Mensch und Vieh, geweiht, und dieser Segen habe
auch den fraglichen Hahn getroffen, welcher dadurch entweder des
teuflischen Charakters ledig geworden sei oder niemals dergleichen an
sich gehabt habe, da er sonst der Weihespende ausgewichen sein würde,
wie es böser Geister Sitte oder Unsitte sei.
Tönepöhl unterdrückte eine leichte Verlegenheit und sagte, er wisse
als Laie in weltlichen Dingen besser als in kirchlichen Bescheid,
allein er achte auch die letzteren und sei fern davon, etwas in der
Kirche zu Recht Bestehendes antasten zu wollen. Hochwürden möge
ausdrücklich feststellen, ob wirklich der fragliche, des Eierlegens
bezichtigte Hahn und nicht ein anderer sich unter dem Geflügel
befunden habe, dem der Bischof die Weihe gütigst habe angedeihen
lassen. Ein Hahn sei dabeigewesen, sagte der Bischof leutselig, ein
hübsches Tier von stattlichem Betragen, der ihm wegen seines übermäßig
geschwollenen Kammes aufgefallen sei; er habe damals diesen Kamm mit
der päpstlichen Tiara verglichen und den Hahn scherzweise Seine
Heiligkeit genannt, wessen sich namentlich die Frau Bürgermeisterin
gewiß noch entsinnen würde.
Daß der Bischof mit so gewaltigen Dingen tändelte, machte auf
Tönepöhl, der ein Freigeist war, sich dessen aber doch nicht getraut
hätte, einen bedeutenden Eindruck, so daß er begann, den Bischof als
seinesgleichen zu bewundern. Er lächelte ein wenig und sagte, daß man
die Frau Bürgermeisterin gern hören würde, wenn es ihr belieben
sollte, der Darstellung des Bischofs ihre Glossen hinzuzufügen. Als
dann die Dame in ihrem burgunderroten Kleide wie ein Windessausen
dahergefahren kam, winkte er nach einem zweiten Sessel, da der Bischof
Miene machte aufzustehen und ihr den seinigen anzubieten, wobei er
sich aber etwas langsam und schwerfällig bewegte.
Frau Armida dankte kurz mit Kopfnicken und sagte, daß der Hahn, der
die Weihe des Bischofs empfangen habe, derselbe sei, welcher jetzt von
Lästerzungen schmählich besudelt werde, leide keinen Zweifel; denn sie
besäßen ihn seit zwei Jahren und hätten inzwischen keinen anderen
gehabt. Es würde dann wohl das beste sein, den Hahn selbst
herbeizuholen, damit der Bischof ihn anerkennte und auch die Richter
ihn in Augenschein nähmen, ob etwas Verdächtiges an ihm zu vermerken
sei.
»Es soll mich freuen, das gute Tier wiederzusehen,« sagte der Bischof
liebenswürdig. »Und wie wäre es,« meinte er, »wenn man, um ihn
zutraulich zu machen und des Vergleiches wegen, ein paar Hühner vom
Hofe des Herrn Splitterchen dazu lüde? Es wäre merkwürdig zu sehen,
wie diese, die zweifelsohne natur- und ordnungsgemäße Hühner sind,
sich mit dem übelbeleumdeten Hahn vertragen, ob sie etwas Anrüchiges
an ihm wittern, oder ihn als einen tauglichen Hahn und Herrn
zulassen.«
Splitterchen erwiderte mit beißender Freundlichkeit, er wolle mit
seinen Hühnern nicht zurückhalten, halte aber dafür, daß es ein
schlechtes Appellieren sei von menschlicher Vernunft zu tierischer.
»Nun,« entgegnen der Bischof, »es wird ja nichts anderes von ihnen
verlangt, als daß sie den Bösen wittern, wozu man, meine ich, weder
des Verstandes noch der Vernunft bedarf, sondern des einfältigen
Instinktes, womit die Tiere vorzüglich behaftet sind.«
Nachdem noch einige Reden dieser Art zwischen den Parteien gewechselt
waren, entschied Tönepöhl, daß der beschuldigte Hahn den
Splitterchenschen Hühnern sollte konfrontiert oder gegenübergestellt
werden, jedoch erst am folgenden Tage, da die Mittagsstunde sogar
schon vorüber war und anzunehmen stand, daß alle, besonders aber der
Bischof, der unaufhaltsam gereist war, einer Erfrischung bedürftig
wären.
Inzwischen hatte Molli gekocht und gebraten, damit dem Bischof eine
ziemliche Bewirtung vorgesetzt würde. Während des Mahles wurde dem
hochwürdigen Manne ein Brief des Herrn von Klöterjahn überbracht, der
sehr vertraulicher Natur war, und nach dessen Lesung er sagte, daß der
Stadthauptmann bald wieder mit Freuden in diesem Hause verweilen
würde, wie denn jetzt schon sein gerechter Unwille sich ein wenig
verkühlt hätte und er dem Bürgermeister seine volle Liebe und Gnade
wieder zuwenden würde, wenn derselbe sein Christentum sauber gereinigt
vor aller Augen könnte glänzen lassen. Nachdem der Bischof sich über
den schönen Glaubenseifer des Stadthauptmanns, über den unbotmäßigen
Geist der Untertanen und der Reformierten insbesondere und die
Notwendigkeit, solchen zu dämpfen, unwiderleglich geäußert hatte, ging
er zu den auserlesenen Speisen über, die wie die Sterne am
Himmelsgewölbe nach einer weisen und festen Anordnung die Tafel
umliefen, erkundigte sich nach der Herstellung der einen oder anderen
bei der Hausfrau und sprach den Wunsch aus, der verdienstvollen Molli
seine Zufriedenheit selbst in der Küche auszudrücken.
Da man sich am Schlusse der Traktierung dorthin begab, stand das
Gesinde am Wege aufgereiht und begehrte den Segen des Bischofs, dessen
Herablassung bekannt war; dazu war er fett und schön, mit sicheren
blauen Augen und einer erhabenen Nase und einer Umgangsweise, als ob
er gewohnt wäre, von einem Thron herunter mit den Leuten zu reden.
Molli empfing den hohen Gast in der Küche mit Kniebeugung und Handkuß,
worauf sie von ihm auf die Stirn geküßt und sowohl wegen ihres Kochens
belobt wurde, als auch weil sie sich bei dem Verhör als ein tapferes,
kluges und ihrer Herrschaft ergebenes Mädchen erwiesen habe. Molli
lächelte verschämt und sagte, sie gehöre freilich nicht zu denen, die
eine gute Herrschaft im Unglück verließen. Zuerst sei sie wohl über
die unanständigen Dinge erschrocken gewesen, die man von dem Herrn
Bürgermeister gemunkelt habe, und als ihr dann noch die karminroten
Eidotter in die Hände geraten seien, habe sie den Kopf verloren,
nachher aber sich desto besser gefaßt und sich vorgesetzt, zu ihrem
Herrn zu halten, der doch einmal die Obrigkeit sei und bei der guten
katholischen Religion bleibe. Die Herren vom Gericht hätten sich zwar
recht darangehalten, um sie auf ihre Seite zu ziehen, sie hätte
gestern noch von Herrn Tiberius Tönepöhl sowie auch von Herrn Augustus
Zirbeldrüse je ein hübsch gemaltes Schreiben erhalten, worin sie artig
um das Vergnügen gebeten hätten, sie als Köchin in ihr Haus einführen
zu dürfen, wenn der Herr Bürgermeister, wie es doch nun wohl nicht
anders sein könnte, von Amt und Würden hinunter in Schande und
vielleicht gar Lebensverlust stürzte; aber sie hätte nicht darauf
geantwortet, da sie erst hätte erwarten wollen, ob der Herr
Bürgermeister wirklich so übel daran sei, und dann auch aus den
Blicken der beiden Herren den Argwohn gezogen hätte, daß es ihnen nur
darum zu tun wäre, die Ehre einer unschuldigen Jungfrau zu Falle zu
bringen. Diese letzten Worte gingen in ein zartfühlendes Schluchzen
über, das nur durch liebreiches Zureden des Bürgermeisters und des
Bischofs sowie durch eine Geldspende von beiden endlich gestillt
werden konnte.
Gegen Abend meldete sich Tiberius Tönepöhl zu einer Rücksprache bei
dem Bürgermeister und trug vor, daß es ihm ungeziemend vorkomme, wenn
das Geflügel im Saale des Rathauses vorgestellt würde, der dadurch wie
ein Stall mit Geschrei und Unrat erfüllt werden würde. Man könnte den
Garten des Bürgermeisters dazu verwenden, um diesem gefällig zu sein;
allein darin könnte Pfarrer Splitterchen eine Benachteiligung
erblicken, was er auch nicht scheinweise auf sich laden möchte; sein
Vorschlag gehe deshalb dahin, daß die Sitzung vor dem Lindentore auf
dem Anger abgehalten werde, wo nach altem Gebrauch die städtischen
Truppen eingeübt und auch Märkte und Feste veranstaltet wurden. Wegen
des Imbiß, zu dem Tile Stint den Richter einlud, entschuldigte sich
Tönepöhl, da er in seinem Amte sich der weichen Regung, die ein
trauliches Verkehren bei Tische anfache, nicht unterstehen dürfe,
vielmehr beständig das Bild des Rechtes vor Augen haben müsse,
gleichsam als den Nabel, auf den die indischen Mönche ihr unentwegtes
Augenmerk richteten, um zur Gefühllosigkeit zu erstarren.
Am folgenden Morgen strömten Fußgänger, Wagen und Karren aus dem Tore
nach dem Stadtanger, der auf allen vier Seiten von alten, nun
blühenden Linden umrandet war. Wie ein Sternenkörper in einer
Lichtregion schwebt, die er von sich ausstrahlt, so schwamm der Anger
in einem Lindenduftgewoge, als ob ein elysisches Seligenland aus der
harten Erdenkruste hervorblühte oder daran vorüberwehte. Wer der
Zauberinsel nahekam, spürte eine reizende Betäubung und wurde mitten
in ein magisches Wohlgeruchsreich hineingezogen, wo es eitel Scherz
und Liebe und Wonnedasein gab. Einzig Pfarrer Splitterchen und sein
Rechtsbeistand Zirbeldrüse gingen, wie wenn ihre irdischen Sinne mit
Wachs verstopft wären, in dieser sommerlichen Trunkenheit umher, als
zwei Gerechte zwischen ein Volk von Toren und Schelmen, und die wohl
wissen, daß sie wegen ihrer Überlegenheit und Tugend, deren sie sich
nun einmal nicht entbrechen können noch wollen, zuerst ausgelacht und
dann gekreuzigt werden müssen. Der Pfarrer rieb zuweilen die Zähne
aufeinander vor Verachtung und Ungeduld, oder er lachte, um
anzudeuten, er wisse wohl, daß er in einer Komödie mitspiele;
Zirbeldrüses Gesicht glich nicht mehr einem auseinanderlaufenden,
sondern einem hartgewordenen Käse, den man nicht schneiden, höchstens
zu einem grünlichen Pulver zerreiben kann. Sein Mund sah aus wie ein
Strick, an dessen Enden zwei schwere Gewichtsstücke hängen, und er
blinzelte von Zeit zu Zeit immer um sich wie ein Hund, der ein Loch im
Zaune sucht, durch das er entwischen könnte, der aber zu voll im Bauch
und zu träge ist, um davon Gebrauch zu machen, selbst wenn er eins
fände. Zwischen den Linden standen einige Ratsbüttel, um dem
zuströmenden Volke abzuwehren, allein sie nahmen es nicht genau und
ließen alt und jung lustwandeln, so weit die Macht der alten Bäume
schattete, sofern sie sich nur nicht in den Ring des Gerichtes mitten
auf dem Platze wagten.
Auf die Nachricht von dem hilfreichen Erscheinen des Bischofs war
Druwel von Druwelstein vom Bette aufgestanden und kam mit festlich
strahlendem Gesicht auf den Lindenanger, ohne sich durch den Spott und
Mutwillen Frau Armidas beirren zu lassen. »Da war ich«, rief er, »im
Getümmel unter mein Pferd geraten und sind mir die Knochen arg
zerquetscht worden; aber ich habe mich hervorgearbeitet und sitze
wieder aufrecht, bereit zu einem neuen Gange.« »So laget Ihr unter dem
Pferde, als man Euch allenthalben vergeblich suchte?« erwiderte Frau
Armida, »darunter ist man freilich vor Stich und Kugel sicherer als
darauf; aber ein Kavalier geht nach Ehre aus, und die ist unter einem
Pferdekadaver nicht zu holen!« »Warum nicht!« rief Druwel frohmütig,
»wenn man nur mit Ehren darunter gekommen ist. Den möchte ich sehen,
der den Druwel von Druwelstein nicht da finden wird, wo der Herrgott
und das Recht ist, gleichviel ob einer in Ängsten ist oder florieret.
Verzagt nicht, gestrenge Freundin, solange Ihr mein Fähnlein flattern
seht, ist Eure Sache nicht verloren.« »Ei was, für den Herrgott
brauche ich keine Freunde, aber wider den Teufel,« sagte Frau Armida
ungeduldig, aber nicht herbe; denn sie ließ vielmehr ein tröstliches
Lächeln über Druwels bräunlichblinkende Wange und seinen straffen
Knebelbart gleiten.
Der Vorsitzende machte sich unterdessen mit der Einrichtung des
Tisches und mit dem Federvieh zu schaffen, das in Körben
herbeigeschafft war. Ratsherr Lüddeke, der Bürgermeister und die
Bürgermeisterin legten selbst Hand an, um den Hahn aus der Watte
herauszuwickeln, in die er wegen neuerlicher Gebrechlichkeit verpackt
war. Als davon nichts mehr an ihm und um ihn saß, glich er einer
Leichnammumie, von der soeben der Kalkbewurf abgekratzt ist, welcher
sie jahrhundertelang bedeckt hatte; der kleine Lüddeke, der sich
indessen nicht versehen hatte, geriet in einige Verlegenheit und sah
den Bürgermeister von der Seite an, der gleichfalls die Augen
niederschlug; denn hier draußen, wo der lautere Sonnenglanz gleichsam
in einem kristallenen Bade zwiefach erglitzerte, stach das abgeschabte
Jammergerippe widriger hervor, als es sich zu Hause dargestellt hatte.
Der Armselige hatte sich an jenem Abend, als die Bürgermeisterin mit
Steinwürfen nach seinem Leben trachtete, zwischen das Dachgebälk der
Scheune verkrochen und war erst am vorhergehenden Tage wieder
aufgefunden und gewaltsam ans Licht gefördert. In dieser Zeit war
seine Ernährung und sonstige Pflege ungenügend gewesen: er sah nicht
anders aus, als ob der Böse ihn geholt, mit seinen rußigen Händen ihm
das Gefieder zerzaust und den Hals umgedreht hätte. Während der kleine
Lüddeke und der Bürgermeister sich unschlüssig ansahen, und der Druwel
sich räusperte, rief Frau Armida mit heller Stimme: »So ist der Arme
in der Zeit der Verfolgung heruntergekommen! Sollte er, was der Himmel
verhüte, tödlich abgehen, so werden wir auf Ersatz des Schadens
klagen, da wir nicht nur einen guten alten Haushahn, sondern auch
unseren Liebling mit ihm verlieren!« Auch der Bischof war nun
hinzugetreten und sagte: »Wie sehe ich Eure Heiligkeit wieder! So kann
es Gott gefallen, die Hohen dieser Erde zu erniedrigen. Immerhin trägt
er noch die Tiara, an der ich ihn wiedererkenne, obwohl sie für seinen
augenblicklichen Kräftezustand zu schwer ist und trübselig wie eine
Zipfelmütze von seinem Haupt herabhängt!«
Als der Bischof bei den Linden aus seiner Sänfte gestiegen war, hatte
sich das lustwandelnde Volk um ihn geschart und im Schutze seines
leutseligen Lächelns wie eine bunte und brausende Schleppe hinter ihm
hergewälzt. Eine solche hinter sich herzuziehen, war er gewöhnt und
hätte sich ohne das unvollkommen bekleidet gefühlt, und ebensowenig
dachten die Büttel daran, ihm den Huldigungsschweif hinterrücks
abzureißen. Demzufolge war der Hahn im Nu von vielen Frauen und
Kindern umgeben, die ihn streichelten und ihm allerlei Futter
beizubringen suchen, wovon er schließlich etwas nahm und angstvoll
hinunterschluckte. Die beobachtende Menge begrüßte dies und andere
Zeichen wiederkehrenden Lebens mit frohem Geschrei; denn er schloß nun
auch einige Male die Augen ganz und öffnete sie wieder, als wollte er
versuchen, ob die Maschine noch ginge. Als er sogar mit dem Schnabel,
wiewohl schwächlich, unter die Körner stieß, die vor ihm ausgestreut
waren, mit den wackelnden Beinen nach hinten auszukratzen sich bemühte
und ein heiseres Krächzen von sich gab, kamen die Hühner, um die sich
niemand bekümmert hatte, erst schüchtern, dann eilfertiger
herbeigerannt und fingen um das Scheusal herum zu picken und zu essen
an. Hierüber erhob sich anhaltender Jubel, der mit leichten
Flügelschlägen den ausgebreiteten Lindenduft bewegte, so daß ein
seliges Jagen von Balsam und Schall sich zu Häupten des Volkes auf und
ab wiegte und als ein Baldachin der Freude über den Berauschten
schwebte.
Der Bürgermeister begann vor Rührung zu weinen, und auch dem Druwel
wurden die Augen feucht, als er seinem Freund und Frau Armida kräftig
die Hand schüttelte.
»Nun,« sagte der Bischof, auf die Hühner deutend, »das Völkchen hat
sich einträchtlich zusammengefunden, wie es nicht der Fall sein
könnte, wenn die Hölle dazwischen nistete.«
Tönepöhl ließ den Bischof aus Achtung den Satz zu Ende bringen, fiel
dann aber schnell ein, damit er ihm nicht zuvorkäme, und schickte sich
mit lächelndem Ernst zu einer Rede an. »Wenn man sagt, daß die Stimme
des Volkes die Stimme Gottes sei, so kann man diesen Spruch wohl mit
ebensoviel Recht auf die Tiere anwenden, die noch mehr als das Volk
aus der Tiefe untrüglicher Grundgefühle heraus sich äußern. Hier haben
wir nun beide, das Volk und das Vieh, vernommen. Es hat sich vor
unseren Augen ein Gottesgericht abgespielt, markerschütternd und doch
auch lieblich in seiner Ahnungslosigkeit. Wenn wir heute vom strengen
Gange der Justiz abgewichen sind, so ist es mit Fug und durchdachter
Absicht geschehen, da zuweilen Freiheit Weisheit sein kann. Möge doch
jeder sich überzeugen, wie unberechtigt die Klage ist, daß in unserem
Gemeinwesen das Volk von der Regierung ausgeschlossen sei; wo es
ersprießlich ist, geben wir seinem Urteil Raum und Gehör.«
Hier wurde Tönepöhl durch einen Zwischenfall, der sich geräuschvoll
abspielte, unterbrochen. Es ertönte nämlich aus der Mitte der Hühner
ein lautes Kreischen oder Krächzen, dem auf der Stelle ein Aufschreien
der Bürgermeisterin folgte, eines von den Pfarrershühnern habe
Kikeriki gerufen. Sie bezeichnete das Huhn, dem sie den Hahnenkraht
zuschrieb, mit hindeutendem Finger und sagte, rot vor Entrüstung, so
komme denn Ungebührlichkeit und Unnatur unter den Hühnern desjenigen
vor, der ihren Hahn teuflischer Umtriebe beschuldigt habe. Mit raschen
Schritten näherte sich der Pfarrer und sagte spöttisch: »Wenn irgendwo
Kikeriki gerufen wird, so schließt man daraus, daß ein Hahn anwesend
sei, und da in der Tat der Hahn des Herrn Bürgermeisters hier
vorhanden ist, so wird jeder Vernünftige der Ansicht sein, daß er es
getan habe.« »Freilich, freilich,« rief Frau Armida, »so meint man
auch, wenn irgendwo Eier gelegt werden, daß es Hühner getan haben.
Indessen habe ich mit meinen Augen gesehen, daß das Kikeriki aus dem
dünnen Halse jenes Huhnes kam, und stelle es außerdem den Anwesenden
anheim, ob unser armer schlotternder Hahn imstande wäre, in so lauter,
durchdringender Weise zu krähen, wie eben geschehen ist.« »Gesehen
habe ich nichts, aber daß eben vernehmlich und deutlich gekräht worden
ist, bestätige ich als richtig,« sagte Tönepöhl. »Das kann jeder,«
wandte Zirbeldrüse hämisch ein. »Ich sage, daß von einem Hahn gekräht
worden ist,« wiederholte Tönepöhl aufgebracht, aber doch gemessen;
»und zwar von einem Hahn in der Gestalt eines eigentlichen Hahnes oder
eines wirklichen Huhnes.«