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Ricarda Huch / Novellen
Die Fünfzig Bücher
Band 16
Der Hahn von Quakenbrück
und andere Novellen von Ricarda Huch
Verlegt bei Ullstein & Co
Berlin 1920
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung, vorbehalten
Amerikanisches Copyright 1920 by Ullstein & Co, Berlin
Inhalt
Der Hahn von Quakenbrück 7
Der Sänger 53
Der neue Heilige 93
Der Hahn von Quakenbrück
Im folgenden wird gemeldet, was die Chroniken über den staatswichtigen
Prozeß wegen des eierlegenden Hahnes überliefert haben, durch welchen
eine freie Reichsstadt Quakenbrück im Jahre 1650 ängstlich erschüttert
wurde und leicht zu gänzlicher Auflösung gebracht worden wäre.
Es hatte nämlich der Pfarrer an der Heiligengeistkirche, der der
Reformation anhing, mehrere Male auf der Kanzel vorgebracht, daß der
Hahn des Bürgermeisters, wider Natur und Gebrauch, als wäre er eine
Henne, Eier lege, darüber gewitzelt wie auch merken lassen, daß
dergleichen ohne die Beihilfe des Teufels oder teuflischer Künste
nicht wohl zu bewerkstelligen sei. Dies verursachte der Zuhörerschaft
des beredten Pfarrers teils Belustigung, teils Grausen, und es wurde
in den Bürgerhäusern hin und her darüber geredet, besonders in den
Kreisen der zünftigen Handwerker, welche behaupteten, von
Bürgermeister und Ratsherren aus dem Regimente verdrängt worden zu
sein, an dem sie vielerlei auszusetzen hatten. Allmählich kam es so
weit, daß die müßigen Buben, wenn der Bürgermeister sich auf der
Straße blicken ließ, anfingen zu krähen und zu gackern und mit solchen
Bezeigungen unehrerbietig hinter ihm herliefen. Auch dem
Stadthauptmann, der die Kriegsmacht von Quakenbrück im Namen des
Kaisers befehligte und eine gewaltige Person war, kam etwas davon zu
Ohren, und da er mit dem Bürgermeister wie auch vorzüglich mit der
Bürgermeisterin, Frau Armida, befreundet war, begab er sich selbst in
sein Haus, um ihn deswegen zur Rede zu stellen. Bevor noch der
Bürgermeister nach Gewohnheit eine Kanne Wein auftragen lassen konnte,
setzte sich der Stadthauptmann auf einen Sessel, schlug auf den Tisch
und sagte: »Tile Stint« -- denn so hieß der Bürgermeister --, »das mit
dem Hahn muß aufhören, oder du sollst sehn, daß ich nicht von Pappe
bin!«
Tile Stint klopfte dem Stadthauptmann auf den Rücken, als ob er einen
Hustenanfall hätte, und sagte begütigend. »Wenn du mir sagst, was es
mit dem Hahne auf sich hat, so mag es meinetwegen aufhören, da dir
viel daran zu liegen scheint.« »Was,« rief der Stadthauptmann noch
lauter als zuvor, »so willst du zu der Schandbarkeit deiner Tat noch
die Dreistigkeit fügen, sie mir abzuleugnen, da doch das Gelichter der
Gasse ungestraft hinter dir her kräht.« Diese Worte stimmten den
Bürgermeister nachdenklich, und er sagte: »Das Krähen der mutwilligen
Buben ist mir in der Tat aufgefallen, und es wäre mir lieb, den
eigentlichen Grund desselben zu erfahren. Ich dachte schon, es sei ein
Symbolum und diene den Reformierten, uns Altgläubige damit zu
verspotten, doch will ich sie gern einer derartigen Herausforderung
und Tücke freisprechen, wenn es sich anders verhält.« Der
Stadthauptmann runzelte die Brauen und brummte: »Firlefanz! Solltest
du nicht wissen, daß auf das niederträchtige Eierlegen deines Hahnes
gezielt wird?«
Auf diese Insinuierung öffnet Tile von Stint seine matten blauen Augen
voll Staunen, indem er ausrief: »Der kann Eier legen! Mache mir das
nicht weis! Tun es doch nicht einmal meine Hühner nach der Ordnung, so
daß ich ihn schon habe abschlachten lassen wollen, da er noch dazu die
Federn läßt und schäbig wie von einer Rauferei daherkommt; aber ich
unterließ es, da er wegen seiner Magerkeit keinen guten Bissen
verspricht.«
Das Gesicht des Stadthauptmanns verdüsterte sich, und er herrschte den
Bürgermeister an: »Verlege dich mir gegenüber nicht aufs Leugnen! Das
Mistvieh legt Eier und gehört von Rechtens auf den Scheiterhaufen. Du
weißt, daß ich im Christentum unerbittlich bin und meine besten
Freunde nicht verschone, wenn ich sie bei Frivolität und
Gotteslästerung ertappe. Das Volk muß in Respekt erhalten werden und
an den Regierenden ein Beispiel sehen; deshalb trage ich dir auf,
dafür zu sorgen, daß der üble Leumund von dir abgewaschen und künftig
nichts Ungebührliches mehr von deinem Haus und Hof vernommen wird, da
ich zuvor meinen Fuß nicht wieder auf deine Schwelle setzen werde.«
Über dies majestätische Auftreten seines Freundes heftig erschrocken,
rief der Bürgermeister: »Erlaubt wenigstens, daß ich Frau Armida
rufe!« und riß heftig an einem Klingelzuge, dessen Geläut sich
indessen noch kaum erhoben hatte, als die Erwünschte schon in das
Zimmer trat. Sie war eine prächtige Frau, die immer in einem
burgunderfarbenen Seidenkleide umherging und eine hochaufgetürmte,
weitläufige Frisur auf dem Kopfe trug, von deren Spitze ein Kranz von
weißen und hellblauen Federn herunternickte. Infolge eines
liebenswürdigen Temperamentes erglomm sie zwar leicht zu großer
Heftigkeit, besänftigte sich aber auch unversehens, liebte die
Geselligkeit und verscheuchte mit viel Geräusch die Langeweile und
üble Laune, weswegen sie wohlgelitten und dem Stadthauptmann
unentbehrlich war.
»Ihr seid es, Klöterjahn,« rief sie, als sie den erhabenen Mann
erblickte, und wollte mit einer angemessenen Begrüßung fortfahren;
allein der Bürgermeister schnitt ihr die Rede ab, indem er kläglichen
und gereizten Tones ausrief: »Warum meldet man es mir nicht, wenn
solche Unrichtigkeiten im Hühnerstall vorfallen? Du bist die Hausfrau
und solltest es wissen, wer bei uns die Eier legt! Oder hält man es
nicht für nötig, mich von so gröblichen Mißständen in Kenntnis zu
setzen?«
»Ereifere dich nicht!« sagte Frau Armida strenge, denn sie mißbilligte
es, wenn andere heftig wurden; »wenn du selbst nicht weißt, was du
sagst, verstehen es andere noch weniger.« Diese Entgegnung brachte den
Bürgermeister vollends auf, so daß er böse rief: »Verstehst du nicht,
daß es Sache der Hühner ist, Eier zu legen, wie die der Weiber, Kinder
zu gebären!« und hoffte mit dieser Anzüglichkeit seine Frau zu ärgern,
welche ihm keine Kinder geschenkt hatte. Diese jedoch hielt an sich
und lud nur durch einen funkelnden Blick den Stadthauptmann ein, ihr
unschuldiges Leiden zu bezeugen. »Ich bin ein einfacher Kriegsmann,
aber ein guter Christ,« sagte von Klöterjahn, düster ihrem Blicke
ausweichend; »bevor ihr diesen Schandfleck nicht von euch abgewaschen
habt, kann ich eure Schwelle nicht mehr betreten. Was ich gesagt habe,
kann ich nicht zurücknehmen, also muß es dabei bleiben!« Damit stand
er eisern entschlossen auf und griff nach der Türklinke. »Klöterjahn!«
schrie Frau Armida auf und brauste hinter dem Entweichenden her,
willens, ihn mit ihren Armen festzuhalten, konnte ihn aber nicht mehr
einholen, der gerade die Gartentür hinter sich zuwarf und mit starken
Schritten sich ihrem Klageruf entzog.
Unterdessen bereute es Tile von Stint schon, daß er gegen seine Frau
ausgefallen war; denn er war keineswegs bösartig, vielmehr sanft und
verträglich, nur hatte er schwache Nerven, konnte Lärm, Streit und
Aufregung nicht vertragen und wurde zuweilen hitzig, wenn es in seinem
Kopfe durcheinanderzugehen anfing. Er besaß einen mittelmäßigen
Verstand, den er von jeher aus Bequemlichkeit nur selten in Betrieb
gesetzt hatte, und nun, seit er alterte und meist schläfrig war, wie
eine gute Stube mit überzogenen Kanapee und Stühlen vermuffen ließ.
Die Ratsgeschäfte liefen mehr oder weniger von selber, und zu Hause
bekümmerte er sich nur ein wenig um den Garten und die Hühner,
hauptsächlich aber um die Küche, in der er sich gern aufhielt, um an
den Töpfen zu schieben und mit der blonden, rosigen und runden Köchin,
welche Molli hieß, liebreich umzugehen. Nachdem der Stadthauptmann und
seine Frau das Zimmer verlassen hatten, klingelte er sämtliche
Dienstleute zusammen und befragte sie wegen des Hahnes. Es war aus
ihnen nichts herauszubringen, als daß sie von der Munkelei schon
vernommen hatten; übrigens stotterten sie, verdrehten die Augen und
kratzten sich hinter den Ohren, was den Bürgermeister so aufregte, daß
er sie in großem Unwillen wieder fortschickte, sich in einen
Lehnsessel warf und einschlief.
Ganz anders war Frau Armida tätig: sie ließ die vertrautesten Freunde
ihres Mannes zu einem Plauderstündchen am häuslich beschickten Tische
bitten, nämlich die Ratsherren Lüddeke und Druwel von Druwelstein und
den Rechtsgelehrten Engelbert von Würmling, der nur von den
vornehmsten Familien als Beistand gewonnen wurde. Es zeigte sich, daß
auch diesen Herren das häßliche Gerede bereits zu Ohren gekommen war,
daß sie aber aus verschiedenen Gründen gegen den Bürgermeister
geschwiegen hatten, der kleine Lüddeke, weil es eine heikle Sache und
Tile Stint vielleicht nicht genehm wäre. Druwel, weil es ihm schien,
als wäre eine Sache noch nicht ganz wahr, wenn man nicht davon
spräche, Würmling dagegen, der italienische Universitäten besucht
hatte und sehr aufgeklärt war, weil es ihm nicht wichtig vorgekommen
war. »Ich glaube nicht, daß ein Hahn Eier legen kann,« sagte er, »tut
er es aber dennoch, so mag er es meinetwegen, ich habe keine
Vorurteile. Es ist außergewöhnlich; gut. Es ist unnatürlich; gut.
Schadet es mir? nein. Überlassen wir es doch alten Weibern, über
Himmel und Hölle, Tugend und Laster zu disputieren.« »Indessen doch,«
wandte Druwel schüchtern ein, »da der Herr Stadthauptmann seine
Ungnade darüber ausgesprochen hat, möchte die Sache noch von einem
anderen Gesichtspunkte aus zu betrachten sein.« Herr Engelbert schloß
die Augen, wie wenn er sich davor behüten wolle, den Anblick dummer
und schwacher Menschen in sich aufzunehmen, und sagte im Tone der
Erschöpfung: »Die Meinung des Herrn Stadthauptmann ist wohl, dem Volke
das Maul zu stopfen, vor dessen Unverstand und Aberglauben
allerdings manches Ungewöhnliche verborgen bleiben muß.«
Druwel war ein Kriegsmann und hatte sich bei allen Waffentaten der
Stadt hervorgetan, und wenn er daherkam mit steifem Knebelbart,
blitzenden Augen und sonnenverbrannter Haut, dick und steifbeinig wie
ein aufrechter Kanonenlauf, dachte ein jeder, es könne Quakenbrück
nicht fehlen, solange es seinen Druwel habe. Nur in moralischen Dingen
war er nicht beherzt, weil er wohl Neigung dafür, aber keine
Unterscheidung hatte und sich, so gut es gehen wollte, nach
irgendeinem ansehnlichen Manne, besonders dem Stadthauptmann von
Klöterjahn, richtete. Er hatte immer Angst, daß er sich unversehens
wider die Religion oder das Moralische verfehlen könnte, ja schon daß
er etwas sähe und hörte, was ihn bei der Beichte in Ungelegenheiten
bringen könnte. Der kleine Lüddeke dagegen, ein munteres Männchen,
ließ das Christentum auf sich beruhen, wenn er nur das Vorschriftsmäßige
absolviert hatte, und freute sich schon des Abends beim Zubettgehen auf
die Neuigkeiten, die der folgende Tag bringen könnte. »Gestrenger,«
sagte er, sich ungeduldig am Bärtchen zupfend, »da wir nun doch einmal
daraufgekommen sind, so führe uns doch in den Garten und zeige uns den
Teufelsbraten, und laß ihn womöglich ein Pröbchen seiner Kunst ablegen.«
Obwohl Druwel zögerte unter dem Vorwande, es dämmere und man könne doch
nichts sehen, öffnete Tile Stint die Tür, um den Herren voranzugehen: da
kam Frau Armida durch dieselbe hereingestoben und rief zornig, der
Gärtner habe gekündigt, da er in einem solchen Hause nicht bleiben
könne, und Molli, die Köchin, ließe das Trüffelgemüse in der Pfanne
verbrennen, um nicht Schaden an ihrer Seele zu nehmen. Hätte man doch
der Bestie, dem Hahn, der an allem schuld sei, zeitig den Hals
umgedreht, wie sie gewollt habe! Nun werde man heute abend vor leeren
Schüsseln sitzen müssen, oder sie werde kochen müssen, obwohl sie die
Hitze des Herdes nicht vertragen könne. Die ganze Gesellschaft begab
sich darauf in die Küche, wo Molli unter Händeringen erzählte, wie sie
fünf Eier bereits habe wegwerfen müssen, weil das Dotter in denselben
nicht gelb, sondern karminrot gewesen sei und noch dazu das Ei fast ganz
ausgefüllt habe, wie sie sich darüber bis ins Herz entsetzt habe und nun
die Geschichte glaube, was sie bisher nicht habe tun wollen, wie sie
keines von den verhexten Eiern mehr anrühren werde und folglich die
Trüffelomelette auch nicht zu Ende bringen könne.
»Molli,« sagte der Bürgermeister sanft, indem er den Arm um ihre
Schulter legte, »was die Eier betrifft, so werde ich sie zerklopfen,
und wenn es mir gerät, hoffe ich von deiner Liebe und Treue, daß du
auch mir beistehst und die Trüffelomelette, die du so geschmackvoll
wie kein anderes Mädchen zu backen verstehst, wie auch alle anderen
Speisen in gewohnter Weise vollendest.« Darauf teilte er mit ziemlichem
Geschick ein Ei, obwohl ihm die Hände zitterten, teils infolge seiner
schwachen Nerven, teils weil Druwel ihn durch Ziehen am Rocke von dem
Geschäfte abzuhalten versuchte. Als sie ihren Brotherrn so hantieren
sah, wurde Molli weich, begann laut zu weinen und erklärte, den
Anblick seines Eierzerklopfens nicht länger ertragen zu können; da
außerdem die von ihm aufgeschlagenen Eier recht und schlecht wie
andere auch waren, nahm sie ihm den Napf weg und schickte sich an,
unter einem Stoßgebet die Zurüstung selbst wieder in die Hand zu
nehmen.
In dieser Zeit hatte Frau Armida ein großes Beil auf einem Küchentische
liegen sehen, bewaffnete sich damit und eilte in den Garten, was das
Zeichen zum allgemeinen Aufbruch gab, da die Herren nicht zweifelten,
sie wolle dem Hahn zu Leibe, und das Gefühl hatten, als müßten sie
eine rasche Tat verhindern. Der kleine Lüddeke lief so schnell er
konnte, und Druwel ließ sich so weit hinreißen, daß er sie am Schweif
ihres rotseidenen Kleides faßte, um sie aufzuhalten, während der
Bürgermeister und Würmling langsamer nachfolgten. Eben hatte die
Bürgermeisterin die Tür des Hühnerstalles, der von einem hölzernen
Zaun umgeben war, erfaßt, und da sie glaubte, daß ihr Kleid an einer
Latte festgehakt wäre, suchte sie es ärgerlich loszureißen, wobei sie
sich umdrehte und den Druwel gewahrte, der sie beschwor, den Stall
nicht zu betreten, welcher vielleicht ein Bezirk des Teufels sei. »Wer
ein gutes Gewissen hat, fürchtet den Teufel nicht,« sagte Frau Armida
spitz, riß mit einer scharfen Bewegung ihre Schleppe aus den Händen
des Druwel und trat mit stiebendem Schritt unter die Hühner, die
erschreckt auseinanderflogen. Dem Hahn gelang es, sich mit Aufopferung
einer Schwanzfeder ihrem Griff zu entziehen und, an einer Scheune
hinaufflatternd, die den Hintergrund des Stalles bildete, eine offene
Luke zu entdecken, in der er sich niederließ.
Tile, Lüddeke und Würmling, die inzwischen näher gekommen waren,
versuchten der Frau zu erklären, man dürfe das Tier nicht töten, da es
so ausgelegt werden würde, als hätten sie ein verräterisches Zeugnis
aus der Welt geschafft; aber sie war Belehrungen nicht leicht
zugänglich, wenn ihr Gemüt in Aufruhr war, und forderte die Herren mit
Ungestüm auf, die Bestie herunterzuschießen, wenn anders sie sie nicht
für Feiglinge halten sollte. Herr Lüddeke blinzelte mit seinen kleinen
Augen bald Frau Armida, bald den Hahn an, der in der viereckigen Luke
saß, mit den Flügeln schlug, den Schnabel weit aufreißend krähte und
in der einfallenden Dämmerung größer als natürlich aussah. »Er hat
eine gellende Stimme und abscheuliche Figur,« sagte er, »und es wäre
nicht schade um ihn; allein wenn Herr von Würmling uns rät, daß wir
uns nicht mit Übereilungen verdächtig machen, so müssen wir wohl
unseren berechtigten Groll und unsere Verwegenheit einstweilen
zügeln.«
»Nun denn,« rief Frau Armida, welche dass Zureden und die Gründe der
Herren wie Wassertropfen an sich ablaufen ließ, »wenn die Männer kein
Herz in der Brust haben, so werde ich dem Federvieh seinen Lohn
geben,« raffte ein paar große Feldsteine auf, die inmitten des Stalles
einen Futtertrog bildeten, und warf sie weit ausholend nach der Luke.
Die Herren sputeten sich, aus dem Bereich der niedersausenden Blöcke
zu kommen, woran sie durch das Lachen nicht wenig behindert wurden, in
das sie über die Heftigkeit der Dame geraten waren; doch kehrte der
gute Tile wieder zurück, um seine Frau darauf aufmerksam zu machen,
daß sie leichter sich selbst als den Hahn treffen würde. Da ihr das
soeben selbst eingefallen war, verließ sie den Kampfplatz, auf dem das
Beil und die Steine wild umherlagen. »Druwel,« sagte sie streng, indem
sie vor den Herren stehenblieb, »in manchem Korsett steckt ein Held
und in mancher Rüstung eine Memme.« »Das erste«, sagte der Druwel
demütig, »wird niemand bestreiten, der Euch kennt; was mich betrifft,
so ist mein körperliches System derart beschaffen, daß ich vor
geheimen Dingen, als Gespenster, Furien, Miasmen, Seuchen, Visionen,
Erdbeben und Gewittern, eine unüberwindliche, innere Zurückhaltung und
Grausen verspüre, während ein ganzes Kriegsheer mein Herz nicht um
einen einzigen Wirbel schneller schlagen läßt.« »In Eurem Verzeichnis
habt Ihr die Weiber vergessen,« bemerkte Frau Armida, »und doch habt
Ihr Ursache, auch vor ihnen die Augen niederzuschlagen.« »Von dem
Blick einer schönen und edlen Dame überwunden zu werden, dessen
braucht sich kein Mann zu schämen,« antwortete Druwel und bot der
nunmehr versöhnten Bürgermeisterin den Arm, um sie in den Speisesaal
zu führen.
Die charaktervolle Molli hatte nicht wie die übrigen Dienstboten dem
Auftritt im Garten zugeschaut, sondern war bei ihren Omeletten,
Pasteten und Bäckereien geblieben, so daß eitel Wohlgeschmack und
Üppigkeit die Gesellschaft an der Tafel empfing. Frau Armida, die noch
stark atmete, eröffnete das Tischgespräch, indem sie ausrief: »Habe
ich mich bisher nicht darum gekümmert, so bin ich jetzt dessen sicher,
daß der Bösewicht Eier legt, und schlau muß er es anfangen, daß wir
ihn nie dabei betroffen haben.« Von Würmling sagte: »Gnädigste haben
dem Armen ihre Huld entzogen und halten ihn nun jeder Übeltat fähig:
das ist die Art der Frauen.« »Ei freilich,« entgegnete sie rasch, »die
Art der Frauen ist es, sich nicht verblenden zu lassen, weder durch
ein geschabtes Kinn noch durch einen langen Bart oder bunte Federn,
sondern die schlechten Faxen zu durchschauen und damit aufzuräumen.«
Als sie bemerkte, daß Herr Lüddeke sie der bedienenden Mädchen wegen
durch Zublinzeln und allerhand Zeichen zur Vorsicht zu mahnen suchte,
blickte sie sich herausfordernd um und sagte: »Warum soll ich in
dieser Sache schweigen, wie wenn ich die Eier gelegt hätte? Wir wollen
schon dahinterkommen und einen Stecken dabeistecken, so daß jedermann
mit unserer Justiz zufrieden sein muß.« Ja, sagte der Bürgermeister,
so sollte es wohl sein, aber die Zeiten wären nicht mehr so, sondern
es herrsche Mutwillen und Unbotmäßigkeit im Volke, es gebe freche
Leute, die sich ungestraft aufbliesen und den höheren Personen etwas
am Zeuge flickten. Der Stadthauptmann habe ihm ernstlich aufgegeben,
das Gerede Lügen zu strafen, als lege sein Hahn Eier, wie sollte er
das aber anstellen, wenn sein eigenes Eheweib auf die Straße
hinausriefe, daß es wahr sei?
Die Erwähnung des Stadthauptmanns stimmte Frau Armida nachdenklich und
trübe, so daß sie aus Schwermut und wachsender Besorgnis das Knäuel
der Unterhaltung sich entrollen ließ. Indessen wurden Herr Lüddeke und
der von Würmling immer lustiger; der letztere nämlich fing an, wenn er
eine Flasche guten Weins getrunken hatte, umgänglich zu werden und
Witz und Laune spielen zu lassen, wie wenn das edle Feuerzeug ein Holz
anzündete, das zuvor stumm und dumm dagelegen hatte, nun aber
knisterte, wärmte, leuchtete und Wohlgeruch verbreitete. Sie
versuchten auch den Druwel in die Lustbarkeit hineinzuziehen; der
aber, nachdem ihn das Essen zuerst ein wenig ermuntert hatte, war
wieder in Sorgen verfallen, die ihn so drangsalierten, daß er sich
zuweilen den Schweiß von der Stirne trocknen mußte.
»Du weißt, Tile,« sagte er, »daß ich in allen Gefahren zu dir halte
und ein mannhafter Kriegsoberst immer gewesen bin, es ist dir aber
auch bekannt, daß ich im Christentum heikel bin, und wenn ich einen
Eid habe schwören müssen, am liebsten den Mund nicht wieder auftäte,
geschweige denn, daß ich dagegen anlöge. Wie soll ich mich denn nun
daraus ziehen, wenn ich wegen des Hahnes befragt werde? Wenn ich auf
die Folterbank gelegt und mit glühenden Zangen gekneipt würde, ließe
ich mir bei Gott über dich und das Eierlegen nichts entschlüpfen; wenn
sie mich aber mit drei Fingern gen Himmel schwören lassen, so ist mir
die Zunge wie vom Schlage gerührt und geht keine Unwahrhaftigkeit mehr
darüber.«
Alle blieben betroffen, nur Herr Engelbert lächelte und sagte, indem
er seinen schlanken blassen Zeigefinger über den Tisch auf des Druwels
Brust zu bewegte: »Habt Ihr denn den Gockel Eier legen sehen?« Der
Druwel rollte erstaunt seine Augen hin und her und sagte endlich
aufatmend mit großer Erleichterung: »Wenn ich es recht bedenke, so
habe ich gar nichts gesehen.« »Nun, so könnt Ihr aussagen, was Euch
beliebt, ohne Euer Gewissen zu verstricken,« sagte der Rechtsgelehrte,
»und die Wahrheit wird uns so wenig schaden wie Euch die Lüge.« Jetzt
brachte der Bürgermeister noch ein Bedenken vor, nämlich, daß es doch
etwa besser gewesen wäre, das Tier abzutun, denn wenn es in der
Untersuchung peinlich mit Schrauben und Drehen behandelt würde, könnte
es durch einen unglücklichen Zufall doch noch Eier legen, wodurch sie
dann ohne Verschulden häßlich bloßgestellt sein würden; allein der
Druwel winkte heftig mit beiden Armen Schweigen und rief: »Redet mir
nicht mehr von dem verfluchten Viehzeug. Laßt mich über die ganze
Sache im Dunkeln, daß ich so wenig davon weiß wie von der unbefleckten
Empfängnis Mariä! Eure gelehrte Spitzfindigkeit, Herr Engelbert, mögt
Ihr vor dem Tribunal entfalten, einem einfachen Kriegsobersten wird
dadurch nur der Verstand verwirrt. Schenkt nur ein und füllt mir den
Teller, denn vorher hat sich mir jeder Schluck und Bissen in Galle
verwandelt.«
So begann der Druwel das Festmahl von neuem, nachdem die übrigen
bereits abgespeist hatten, und es ergab sich ein lautes Pokulieren bis
in die späte Nacht, wobei die Herren zum voraus ihren Sieg feierten
und beredeten, wie sie den alten Zustand wieder einführen, den Zünften
einen Denkzettel anhängen und die reformierte Sekte hinausbefördern
wollten, am liebsten durch Feuer und Wasser, aber aus Mildherzigkeit
und anderen Gründen durch Verbannung, nachdem die Rädelsführer auf dem
Markte wacker ausgestäupt wären.
So plauderten die Herren beim Weine, indessen von weitem greuliche
Wetterwolken gegen sie dahergefahren kamen. Der Pfarrer Splitterchen
war ein unerschrockener und vorwitziger Mann, und da er nun verklagt
wurde, die Herrlichkeit des Bürgermeisters gröblich verleumdet zu
haben, als ob er ein Zauberer und Heide sei, dermaßen, daß er einen
eierlegenden Hahn auf dem Hofe hege, war ihm keinerlei Beschämung oder
Kleinmut anzumerken, im Gegenteil, er trat noch dreister auf als sonst
und führte eine ganze Sippe seinesgleichen mit sich, die sich
gebärdeten, als wollten sie den Fürsten Beelzebub vom Throne stoßen
und die betrogene Welt vom Schwefelstanke räuchern. Er war annehmlich
von außen, kraushaarig und mager, mit so feurigen Augen, daß es
zischte, wenn er sie umherwarf, dazu voll loser Worte, die wohlgezielt
geflossen kamen wie ein Wasserguß, womit man kranke Gliedmaßen
bearbeitet. Er hatte auch einen rechtsgelehrten Beistand mitgebracht,
den er aber nicht an die Rede gelangen ließ und also füglich hätte
daheim lassen können, wenn er nicht in seinem breiten schimmeligen
Gesichte ein giftgrünes Lächeln versteckt gehabt hätte, das zuweilen
anzüglich herausspritzte und die Gegner zu ihrem großen Schaden und
zum Vergnügen der anderen Partei besabberte. Außerdem waren eine Reihe
von Zunftvorstehern und einige von der Kaufmannschaft gekommen, welche
aus alten Briefen ihr Recht erwiesen, einer solchen Verhandlung
beizuwohnen, während die Ratsherren lieber unter sich geblieben wären.
Der Richter, welcher den Vorsitz führte, mit Namen Tiberius Tönepöhl,
hielt es im Herzen mit den Reformierten und freute sich, wenn den
Katholischen etwas aufgemutzt werden konnte, aber er hatte gleichsam
einen Pakt und Blutsbrüderschaft mit der Gerechtigkeit abgeschlossen,
wonach sein eigener Trieb so wohl eingepfercht war, daß er nicht
einmal die Schnauze durch die Gitterstäbe zu stecken wagte; anstatt
dessen war die göttliche Themis bei ihm behaust und weissagte aus
seinem Munde heraus, bis auf einige Mußestunden, wo das Behältnis
einmal aufgetan wurde und das Herz sich ein wenig tummeln und
verschnaufen durfte. Unter den beisitzenden Richtern befanden sich
auch ein katholischer und ein evangelischer Pfarrer, da die Sache
ebensosehr geistlicher wie weltlicher Natur sei. Tiberius Tönepöhl bot
zwar den Übergriffen der Kirche die Stirn, ließ ihr aber andererseits
das ihrige zukommen und betonte, wenn Gelegenheit war, daß er als ein
Laie von den religiösen Mysterien nichts wisse noch wissen wolle, und
jede Konfession ihre Ketzer verbrennen lasse, soviel ihr zustehe, aber
nicht ein Titelchen mehr.
Tönepöhl eröffnete die Verhandlung damit, daß er sagte, er tue es
nicht ohne Bedauern und Schamgefühl, daß ein hochangesehener Mann, wie
der Bürgermeister und beinahe die höchste Person im Gemeinwesen,
öffentlich eines solchen Greuels habe geziehen werden können, wie es
sei, einen Hahn zu besitzen, der Eier lege. Das wären anrüchige Dinge,
die einen auf den Scheiterhaufen bringen könnten, wenn er die
geistliche Gerichtsbarkeit recht einschätze, der er übrigens nicht
vorgreifen wolle. Was man auch sonst für Grundsätze haben möge, jeder
müsse zugeben, sich mit dem Teufel einzulassen, sei das Laster aller
Laster, wie der Teufel der Vater aller Sünde sei, und die Verehrung
der von Gott angeordneten natürlichen Leibesvorgänge deute auf einen
Auswuchs oder Monstruosität des Gewissens, die doppelt abscheulich an
einer Regierungsperson sei, die den Untergebenen beispielsweise in
fleckenloser Tugend voranleuchten solle. Er hoffe aber, es werde dem
Herrn Bürgermeister gelingen, sich von dem peinlichen Verdacht zu
säubern, und wenn der Pfarrer Splitterchen etwa jetzt schon fühle, daß
er in seinen Behauptungen zu weit gegangen sei, so möge er dieselben
sogleich zurücknehmen, was doch besser sei, als hernach wie ein
Ehrabschneider dazustehen. Verleumdung sei von Moses in den zehn
Geboten gerügt und sicherlich ein Haupt- und Grundlaster, das scharf
geahndet werden müsse, und das vorzüglich Geistliche sich nicht
sollten zuschulden kommen lassen. Man wisse ja wohl, daß die Besorgnis
um das Heil des Gemeinwesens Splitterchen veranlaßt habe, von dem
berüchtigten Hahn zu reden; um so mehr könne er ja zugestehen, daß
eben diese feurige Liebe des Guten zu seiner Vaterstadt ihn
hingerissen habe, etwas als Tatsache hinzustellen, was eine zunächst
nur unsicher begründete Vermutung sei. Es sei freilich tadelnswert,
überhaupt nur Anlaß zu einem so gräßlichen Verdacht gegeben zu haben,
aber man müsse bedenken, daß einer dem Rechte nach auch des Teufels
Buhle sein könne, solange es ihm nicht nachzuweisen sei, und so solle
sich niemand aufopfern, indem er auf eine Wahrheit poche, die nicht
ans Licht zu bringen sei. Er fordere also pflichtgemäß den Pfarrer
auf, seine Unterschiebungen zurückzunehmen und dem Herrn Bürgermeister
frei zu gestehen, was zu gestehen sei; da sonst der Augenblick
gekommen sei, wo die Gerechtigkeit ihre eisernen Füße aufheben und
losmarschieren und ohne Ansehen der Person den Schuldigen zermalmen
werde.
Sogleich erhob sich der Pfarrer mit einer Handbewegung gegen seinen
Rechtsbeistand, Augustus Zirbeldrüse, des Bedeutens, er möge sich
wegen einer solchen Kleinigkeit nicht bemühen, und sagte freimütig,
daß er den heidnischen Unfug im Hühnerstalle des Herrn Bürgermeisters
bisher nur leichthin angedeutet habe, damit der Herr Bürgermeister
einlenken und die Schweinerei zudecken könne und das Gemeinwesen nicht
dadurch verseucht werde. Er befasse sich nicht damit, die katholische
Kirche anzutasten und die Obrigkeit zu unterwühlen, teils aus
natürlicher Friedfertigkeit, und dann auch, um den Herrn
Stadthauptmann, dem er wie jedermann treu ergeben sei, nicht zu
verstimmen, von dem man wisse, daß er in herzlich vertraulichen
Beziehungen zum Herrn Bürgermeister und seiner Familie stehe, so sehr,
daß er gewissermaßen mit ihm verschwägert sei. Aus diesen Gründen habe
er seine Entrüstung hintangesetzt und zartsinnig geschwiegen, soweit
es mit seiner Pflicht vereinbar gewesen sei. Ob er ruhig hätte zusehen
sollen, wie diejenigen, die Gottes Gebote in den Staub, ja in den
Dreck träten, mächtig am Steuer säßen, während die guten Handwerker
und Bürgersleute, die ihre in Zucht und schlichter Frömmigkeit
erworbenen Eier verzehrten, das Maul halten und unter jeder Willkür
sich ducken müßten? Er habe trotzdem geschwiegen, solange er es
vermocht habe; nun aber der Bürgermeister ihn nicht verstehen wolle,
sondern trotzig gegen ihn vorrücke, um ihm eine Grube zu graben, der
offen und redlich an ihm gehandelt habe, wolle er denn das aufgeklebte
Blatt von Pietät und Rücksicht vom Munde reißen und die Wahrheit
herauslassen.
Bei den Worten des Pfarrers, die Beziehungen des Stadthauptmanns zum
Hause des Bürgermeisters betreffend, lächelte sein Rechtsbeistand
Augustus Zirbeldrüse, so daß sein Gesicht einem auseinanderlaufenden
Käse ähnlich wurde, und gab ein leises Pfeifen von sich, das die
Zuhörer kichern machte und ein erwartungsvolles Schweigen im Saale
verbreitete.
Tile Stint, der nicht bemerkt hatte, woher das Pfeifen kam, sah sich
erschrocken und ein wenig verlegen um in der Meinung, es sei einem aus
Versehen entwischt und als eine Unschicklichkeit peinlich, und er
räusperte sich, um zu antworten und zugleich den kleinen Zwischenfall
zuzudecken. Allein von Würmling drehte den Kopf ein wenig nach ihm und
sagte, ohne die Augenlider von den Augen zu heben, er sowohl wie der
Bürgermeister wären recht neugierig, die Wahrheit kennenzulernen, die
nun sollte vorgeführt werden. Dieselbe sei als ein sprödes
Frauenzimmer bekannt, die viele Propheten und Potentaten vergebens um
sich habe freien lassen, Herr Splitterchen dürfe also billig stolz
sein, daß er es einer so wählerischen Person angetan habe. Freilich
sei er ein verdienstlicher Mann in den besten Jahren und brauche sich
als ein Reformierter auch um das Zölibat nicht zu kümmern.
»Zunächst«, antwortete der Pfarrer keck, »sollen einmal die
Kränzeljungfern und Brautführer antreten, zum Schlusse werde ich dann
die Braut zum Altare führen.«
Da begannen denn die Zeugen hervorzuströmen; es war, wie wenn die
Schleuse eines starken Stromes aufgemacht wird. Zuerst kam die Köchin
Molli, welche das Sacktuch an die Augen drückte und vor Schluchzen
nicht reden konnte, worauf Tiberius Tönepöhl sie einige Minute weinen
ließ, sodann sie gelinde tröstete, dann sachte zu fragen anhub, wie
sie heiße, wie lange sie beim Herrn Bürgermeister im Dienst sei, und
ob sie mit seinem Hahn jemals etwas zu schaffen gehabt habe. Bei
Erwähnung des Hahnes fing die Molli, welche sich eben ein wenig erholt
hatte, von neuem zu weinen an und sagte nach erneuerter Tröstung, daß
sie die Bestie einige Male habe abstechen wollen, daß aber der Herr
Bürgermeister solches verhindert habe, weil er zäh und nicht
schmackhaft sein würde. Hier wurde das Verhör durch Augustus
Zirbeldrüse unterbrochen, der sich aufnotierte, daß der Hahn, weil
zäh, vermutlich sehr alt sei, und die Molli fragte, wie lange er sich
schon im Hause des Bürgermeisters befinde.
Auf die Frage des Vorsitzenden, warum sie die Bestie habe abstechen
wollen, besann sie sich eine Weile und sagte, daß es so Sitte sei, von
Zeit zu Zeit das Federvieh abzuschlachten, bevor es zu alt sei, da sie
ja auch dazu da wären und immer junge nachwüchsen; wurde aber ermahnt,
sich an die Wahrheit zu halten und auch ihres Eides erinnert, da sie
unzweifelhaft ein tieferliegender Grund zu der sonst nicht gewöhnlich
an ihr scheinenden Mordlust bewogen haben müsse. Dies Zureden
beängstigte die Köchin, und sie gab errötend zu, daß sie in der Tat
dem Hahne gram gewesen sei, da er eine häßlich kreischende Stimme
habe, von der sie oft vor Tage geweckt sei. Wegen der Eier sagte sie
aus, daß zwar letzthin mehrere Eier durch eine sonderlich rote Farbe
und Ausdehnung des Dotters ihr Bedenken gemacht hätten, daß sie aber
den Hahn niemals beim Eierlegen betroffen habe, und daß sich etliche
Hühner im Hühnerhofe befänden, denen die vorkommenden Eier ihrer Zahl
und Beschaffenheit nach wohl zugeschrieben werden könnten.
Der Vorsitzende ging nun dazu über, die Molli zu fragen, ob im Hause
des Bürgermeisters viel Eier verbraucht, und ob sie im Familienkreise
oder mit Gästen genossen würden, und als sie das letztere bejahte, wer
die Gäste wären und wie sie sich aufführten. Hierüber wurde Molli
zornig und sagte, daß zu den Gästen der Herr Stadthauptmann und der
Herr Druwel von Druwelstein gehörten, und daß diese von niemandem
Lehren über ihr Betragen anzunehmen brauchten, und daß sie, obwohl sie
nur eine Köchin sei, Bildung genug besitze, um zu wissen, daß es
ungehörig sei, solche Fragen stellen, auf welche sie nicht antworten
würde. Tönepöhl, welcher infolge seiner Gerechtigkeit sich niemals
ereiferte, sagte: »Liebes Kind, mir mußt du Rede stehen, als ob ich
dein Beichtvater wäre, sollte ich dich auch noch unziemlichere Dinge
fragen, als diese waren,« worauf Augustus Zirbeldrüse mit quiekender
Stimme einfiel, ihm stehe das Recht zu fragen nicht minder zu, und er
wolle denn auch gleich wissen, wie lange die Gesellschaft gemeinhin
bei Tafel gesessen habe, auf welche Weise Molli die Speisen,
insbesondere die Eierspeisen zubereitet, und ob die Frau
Bürgermeisterin dabei geholfen habe. Die eingeschüchterte Molli
erzählte, wie einmal der Herr Bürgermeister mit eigenen Händen die
Eier zerklopft habe, überhaupt zuweilen in die Küche gekommen sei und
ihr zugesehen habe. Bei diesen Worten hob Zirbeldrüse seinen dicken
Kopf ein wenig aus den Schultern und machte Kikeriki, was er halb
krähend, halb flötend überaus scherzhaft zuwegebrachte, um so mehr,
als er sein Gesicht dabei kaum bewegte und es schien, als ob der
Hahnenkraht wie ein Lebewesen eigenwillig aus seinem Munde stiege.
Nachdem der Pfarrer noch gefragt hatte, ob der Herr Bürgermeister das
Tischgebet spräche, und ob in seinen Gemächern Heiligenbilder ständen
oder hingen, wurde Molli entlassen, von den wohlwollenden Blicken
Tönepöhls und Zirbeldrüses begleitet.
Tile Stints übrige Diener sagten aus, daß sie freilich den Hahn nicht
hätten Eier legen sehen, daß er aber etwas Widriges an sich habe und
sie ihm wohl allerlei Unrichtiges zutrauten; ferner, wie oft der
Stadthauptmann zu Besuch gekommen sei, wie oft der Herr und die Frau
Bürgermeister zur Kirche gegangen seien, daß sie keine Kinder hätten
und woran dies etwa liegen könne, was für Aufwand sie trieben, wieviel
Röcke, Unterröcke, Pelze und Hauben die Bürgermeisterin hätte, daß sie
alle ihre Bezahlung reichlich und pünktlich erhielten und auch sonst,
was ins Haus käme, auf den Heller bezahlt würde.
Danach kamen die Freunde des Hauses, zuerst der Druwel, der sich
vorher mit einem Becher starken Weines Mut getrunken hatte und deshalb
mit gläsernen Augen und blauroten Backen daherkam, so daß ein
mißfälliges Murmeln durch die Reihe der Zunftvorsteher lief. Er hatte
indessen doch zu wenig getrunken und es wollte ihm mit dem Schwören
durchaus nicht glücken; der Schweiß trat ihm tropfenweise auf die
Schläfen, und er mußte um einen Stuhl bitten, wobei er sein Alter, die
Gicht und die ausgestandenen Feldzüge vorschützte. Wegen des Hahnes
wollte er sich von vornherein entschuldigen, daß er durchaus nichts
davon wisse und verstehe, überhaupt ein einfacher Kriegsmann sei;
allein der Vorsitzende erklärte ihm lächelnd, daß er nur auf jede
einzelne Frage der Wahrheit gemäß antworten müsse, und da wurde er
denn freilich ärger bedrängt, als er sich hatte träumen lassen. Bald
hatte er zugegeben, daß Frau Armida den Hahn habe umbringen wollen,
daß sie durch unüberwindliche Abneigung dazu angetrieben worden sei,
und daß der Bürgermeister sie daran verhindert habe. Vollends aber
machte es jedermann stutzig, daß es der Frau Armida trotz ihres festen
Willens nicht gelungen war, den Hahn zu töten, was nach der Aussage
mehrerer Sachverständiger, die sogleich herbeigerufen wurden, kein
schweres Geschäft sei, sondern durch Halsumdrehen von jedem Kinde
könne bewirkt werden. Bei dieser Gelegenheit erhob sich Zirbeldrüse
und verlangte, daß die Köchin Molli noch einmal vorgeladen werde,
damit man erführe, ob es bei Bürgermeisters üblich gewesen sei, das
Geflügel durch Steinewerfen zu töten, widrigenfalls es sehr auffallend
und belastend sei, daß Frau Armida sich zu einer so mühsamen und
umständlichen Beförderungsart entschlossen habe.
Tönepöhl, der Vorsitzende, war mit dieser Wendung unzufrieden, weil er
bemerkt hatte, daß Zirbeldrüse auf Molli eine ebenso große Zuneigung
geworfen hatte wie er selbst, und zum Anwachsen eines solchen Gefühls
keine Gelegenheit bieten wollte, zumal er auch fand, daß zu
dergleichen verliebten Einfädelungen das Gericht in seiner Würde der
Ort nicht sei, und lehnte daher ab mit der Begründung, ein jeder habe
sich aus den Tatsachen, die Druwel von Druwelstein beigebracht habe,
genugsam seine Meinung bilden können; denn wenn die Frau Bürgermeister
häufiger Hühner durch Steinwürfe getötet habe, beziehungsweise habe
töten wollen, so würde es ihr entweder bei dem Hahne besser gelungen
sein, oder sie würde es wegen der Ergebnislosigkeit für den gemeinen
Gebrauch längst aufgegeben haben. Während sich alle über den
Scharfsinn des Tönepöhl wunderten und freuten, ärgerte sich
Zirbeldrüse dermaßen, daß er grün anlief, und es bildete sich
verdeckterweise eine grimmige Feindschaft zwischen beiden, die sich
nun als Nebenbuhler erkannten.
Der Druwel wurde noch mehrere Stunden lang ausgefragt, erstens über
das Verhältnis des Stadthauptmanns zum Bürgermeister, über des
letzteren kirchliche Gewohnheiten, ob er die Fasten halte, ob er
zuweilen Ablaß kaufe, dann aber auch über seinen eigenen Lebenswandel,
wieviel Wein er im Keller habe, ob er schon einmal Lotto oder Würfel
gespielt habe und dergleichen mehr, so daß er, zu Hause angekommen,
sich auf der Stelle zu Bette legte und nicht mehr zum Aufstehen zu
bewegen war.
Nachdem alle Freunde des Bürgermeisters sowie alle Händler, die ihm
Waren lieferten, und alle Ratsangestellten vernommen waren, kamen zum
Schlusse noch ein Nachtwächter, welcher den Hahn des öfteren zur
unrichtigen Zeit, nämlich um Mitternacht statt um drei Uhr, hatte
krähen hören, und ein Dieb, welcher vor etwa einem Jahre in einem dem
Bürgermeister benachbarten Hause hatte einbrechen wollen und jetzt
seine Strafe im Gefängnis verbüßte. Dieser sagte aus, daß in jener
Nacht alle Fenster im Hause des Bürgermeisters erleuchtet gewesen
wären und ein großer Schall von Bankettieren in den Garten und auf die
Straße gedrungen wäre, daß es einen recht gotteslästerlichen Eindruck
auf ihn gemacht habe und er in Zweifel gefallen sei, ob er sein
Vorhaben ausführen solle, da doch nebenan so viele Menschen wach
wären. Er wäre aber doch dabei verblieben, weil er sich gesagt hätte,
daß in einem solchen Taumel und Hexensabbat keiner auf sein gelindes
Wesen merken würde, wie es denn auch wirklich geschehen sei, so daß
alles gut herausgekommen wäre, wenn nicht im Hause, wo er es vorhatte,
die Leute durch ein schreiendes Kind auf ihn aufmerksam geworden
wären.
Hiermit, sagte der Vorsitzende, könne man wohl das Zeugenverhör
schließen. Es hätten sich zwar noch an hundert gemeldet, die
merkwürdige Dinge über den Bürgermeister und ihn Betreffendes
vorzubringen versprächen, er glaube aber, es sei nun übergenug Stoff
gesammelt, daraus man sich ein Urteil bilden könne, und er wolle es
dabei bewenden lassen damit der Prozeß doch einmal zu Ende käme und
auch übrigens wieder Gerechtigkeit gepflegt werden könne. Etwa käme es
noch in Frage, ob man den Stadthauptmann vorladen solle, was er als
ein tapferer und gerechtigkeitsliebender Mann ohne weiteres tun würde,
wenn dadurch mehr Licht in eine vorhandene Dunkelheit gebracht würde.
Er seinerseits sähe aber hell genug, womit er indessen den anderen
Richtern oder dem Kläger und Beklagten nicht vorgreifen wolle. Da
niemand in betreff des Stadthauptmanns etwas wünschte, wollte oder
meinte, erteilte am folgenden Tage der Vorsitzende dem von Würmling
das Wort, damit er die Klage seines Klienten noch einmal kurz und
faßlich begründe.
Herr Engelbert, der während der Zeugenvernehmung meist das blasse
spitzbärtige Gesicht in die schlanke Hand gestützt dagesessen hatte,
als ob er schliefe oder an etwas anderes dächte, öffnete die Augen ein
wenig und setzte auseinander, daß der Pfarrer überhaupt höchst
unbefugterweise auf der Kanzel etwas gegen den Herrn Bürgermeister
vorgebracht hätte, da den Reformierten das Predigen nur unter der
Bedingung gestattet wäre, daß sie sich in allen Stücken ruhig und
gehorsam verhielten und weder durch Tat noch durch Wort sich gegen
eine hohe Obrigkeit aufsässig zeigten, welches zu beweisen er mehrere
Erlasse aus vergangener Zeit vorlas. Auch gab er einen schönen Abriß
der Verfassung und der Rechte von Bürgermeister und Ratsherren, welche
die Untertanen zu nichts anderem als zu schuldigem Gehorsam
verpflichteten, der durch den Pfarrer gröblich verletzt war, und gab
verschiedene Beispiele, wie in vergangener Zeit vorwitzige Gesellen
wegen loser Worte enthauptet oder gevierteilt wären, welches zu
beweisen er wiederum einige Abschnitte aus den Büchern der Stadt
vorlas. Da es nun den Untertanen und den reformierten Pfarrern
insbesondere verboten sei, der Obrigkeit etwas Schmähliches
vorzuhalten oder nachzusagen, selbst wenn es wahr wär, so sei es über
allen Ausdruck verbrecherisch und gemeingefährlich, wenn dasselbe
erfunden und erlogen sei; und das sei eben hier der Fall. Der
Bürgermeister sei über sechzig Jahre alt und in Ehren ergraut, habe
öfter kommuniziert und gebeichtet, sich niemals gegen die Kirchenzucht
verfehlt und wanke dem Grabe zu, so daß es jeden rühren müsse, und es
sei von vornherein widersinnig, einen solchen Mann mit verdächtigem
Teufelswerk in Verbindung zu bringen. Die Hauptsache sei aber dies,
daß das Eierlegen des Gockels nimmermehr als bewiesen zu erachten sei,
da er weder von irgend jemand dabei betroffen sei noch auch vor
versammeltem Gerichtshof eine Probe seiner Unnatur abgelegt habe.
»Ei,« rief der Pfarrer aufspringend, »da möchte wohl jeder
Kirchenschänder und Muttermörder frei ausgehen, wenn die Richter an
seine Übeltat nicht glaubten, bis er sie in ihrer Versammlung als ein
Schauspiel vorgestellt hätte! Ist die Natur dieses Basilisken nicht
genugsam durch die hundertfachen Aussagen so vieler argloser Menschen
dargetan? Hat nicht eine unverdorbene Jungfrau, die Köchin Molli, aus
deren tränenden Augen abzulesen war, wie ungern sie wider ihren
Brotherrn zeugte, ihren unüberwindlichen Abscheu vor der heillosen
Bestie gestanden? Haben nicht alle, die mit ihm in Berührung kamen,
wes Alters, Standes und Geschlechtes sie waren, dasselbe unerklärliche
Gefühl des Grauens, gleichsam einen inneren Warner, im Herzen gespürt?
Hat nicht die Bürgermeisterin selbst die Höllenausgeburt mit
feindlichen Gefühlen verfolgt, die sich bis zu einer der weiblichen
Natur sonst fremden Mordlust vergifteten? Selbst wenn der satanische
Vogel niemals mit Erlaubnis zu sagen Eier gelegt hätte, muß es doch
jedem klar geworden sein, daß er dies und noch viel anderes vermöchte,
seiner Abkunft und Konnexion, die ich nicht näher bezeichnen will,
gemäß.«
An dieser Stelle brüllte Augustus Zirbeldrüse so laut, daß ein
allgemeines Lachen und Beifallklatschen entstand und der Redner erst
nach einigen Minuten fortfahren konnte.