Als Vogel Holgott sahe, daß verständige Überredung bei seiner Frau nicht

anschlage, so gab er nach: „Kannst du es nicht lassen, so hole die

Fische; bewahre dich aber, daß du niemandem weder das eine noch das

andre Geheimnis vertrauest, denn also lehren die Weisen: Löblich ist

jeder Vernunft Übung, aber die größte Vernunft beweist der, der sein

Geheimnis begräbt, also daß es keiner zu finden vermag.“ Darauf flog das

Weibchen fort und auf der Stelle zu seinem lieben Freund Mosam und

teilte ihm alles mit, was sein Mann im Sinn hatte, und daß er an einen

lustigen Ort ziehen wolle, wo weder von Tieren noch von Menschen etwas

zu fürchten sei. Und sprach: „Möchtest du, o Freund, einen Fund finden,

daß auch du dorthin kommen könntest, doch mit Wissen und Willen meines

Mannes, denn soll mir etwas Gutes widerfahren, so hab’ ich keine Freude

ohne dich.“ Darauf erwiderte der Vogel Mosam: „Warum sollte ich

gezwungen sein, nur mit Bewilligung deines Mannes dort zu weilen? Wer

gibt ihm solche Gewalt an die Hand über mich und andre? Wer verbietet

mir, auch dorthin zu ziehen? Zur Stunde will ich hinfliegen und dort

mein Nest bauen, da es so eine genügliche Stätte ist. Und wird dein Mann

kommen und mich vertreiben wollen, so werde ich ihm das wohl zu wehren

wissen und ihm sagen, daß weder er noch seine Vorfahren dort seßhaft

waren und er also nicht mehr Recht an jener Gegend hat als ich und

andere.“ Da erwiderte das Weibchen: „Du hast nicht unrecht, aber ich

wünschte doch deine Gegenwart dort in der Voraussetzung, daß allewege

Friede und Eintracht unter uns sei. Gehst du gegen meines Mannes Willen

dorthin, so haben wir Argwohn und üble Nachrede zu gewärtigen, und unsre

Freundschaft wird sich in Trauer verkehren. Mein Rat ist dieser: Du

gehst zu meinem Manne, läßt ihn nicht wissen, daß wir uns gesprochen und

sagst ihm (ehe ich zurück bin), du habest jene sehr schöne Gegend

gefunden und dir vorgenommen, dorthin zu ziehen, so wird er dir

erwidern, daß er auch zuvor schon diese Stätte entdeckt habe und

entschlossen sei, hinzuziehen; dann sprichst du: O Freund Holgott, so

bist du der erste und jener Stätte würdiger denn ich, aber ich bitte

dich, laß mich bei dir wohnen, so will ich dir dort ein treuer Freund

und Gefährte sein.“

Diesen Rat befolgte Vogel Mosam und flog eiligst zu Vogel Holgott hin,

während das Weibchen an den ersten besten Teich flog und zwei Fische

fing und heimtrug, als seien es die heilsamen Wunderfische, und Vogel

Holgott erwiderte auf den Antrag, daß ihm Mosams Gesellschaft

wohlgefällig sei. Das Weibchen aber stellte sich, als wäre ihr ihres

Mannes Nachgiebigkeit gegen ihren Freund nicht lieb, damit er ihre

Verräterei nicht merke, und sagte: „Wir haben doch jene Stätte für uns

allein erwählt und ich besorge, wird Vogel Mosam mit uns ziehen, so

folgen seine vielen Freunde auch nach und zuletzt müssen wir weichen vor

ihrer Überzahl.“ Darauf entgegnete ihr Mann: „Du hast recht; aber ich

vertraue Mosam und hoffe, mit seinem Beistand werden wir uns der

Zudringlinge erwehren, darum ist es vielleicht gut, daß dieser Freund

bei uns wohne. Niemand vertraue allzuviel der eigenen Kraft und der

eigenen Macht. Wir sind zwar mit die Stärksten unter den Vögeln, aber

Hilfe dienet dem Schwachen, zu überwinden den Starken, wie die Katzen

den Wolf überwanden.“

„Wie war das?“ fragte Holgotts Weibchen, und dieser erzählte ihr:

Von dem Wolf und den Maushunden.

„Am Meeresgestade war eine Schar Wölfe, darunter war einer besonders

blutdürstig, der wollte zu einer Zeit sich einen besondern Ruhm unter

seinen Gesellen erwerben und ging in ein Gebirge, wo viele und

mancherlei Tiere sich aufhielten, da zu jagen. Aber dieses Gebirge war

umfriedet, und die Tiere waren da sicher vor andern Tieren und wohnten

in Eintracht beieinander; darunter war auch eine Schar Maushunde oder

Katzen, die hatten einen König. Nun war der Wolf mit List durch das

Gehege gekommen, verbarg sich und fing sich jeden Tag eine Katze und

fraß sie. Das war den Katzen sehr leid und sie sammelten sich zur

Beratung unter ihrem König; und da waren insonderheit drei weise,

einsichtsvolle Kater, die berief der König in seinen Rat und fragte den

ersten um sein Votum gegen den schädlichen Wolf. Der erste Kater sprach:

‚Ich weiß keinen Rat gegen dieses große Ungeheuer, als uns in Gottes

Gnade zu befehlen, denn wie möchten wir dem Wolf Widerstand tun?‘ Der

König fragte den zweiten Kater und dieser sprach: ‚Ich rate, daß wir

gemeinschaftlich diesen Ort verlassen und uns eine andere ruhigere

Stätte suchen, da wir hier in großer Trübsal, Leibes- und Lebensgefahr

verweilen müssen.‘ Der dritte Kater aber sprach auf des Königs

Befragung: ‚Mein Rat ist, hier zu bleiben und des Wolfs halber nicht

auszuwandern. Auch wüßte ich einen Rat, ihn zu überwinden.‘ — ‚Sage

ihn,‘ gebot der König, und der Kater sprach weiter: ‚Wir müssen acht

darauf haben, wenn der Wolf sich neuer Beute bemächtigt hat und wohin er

sie trägt und verzehrt, dann mußt du, o König, ich und unsre Stärksten

ihm nahen, als wollten wir das essen, was er übrig läßt, so wird er sich

für ganz sicher halten und von uns sich nichts befürchten. Dann will ich

auf ihn springen und ihm die Augen auskratzen, und dann müssen alle

andere über ihn herfallen, so daß er sich unser nicht mehr erwehren

kann, und es darf uns dabei nicht irren, daß einer oder der andre von

uns das Leben einbüßt oder Wunden davonträgt; denn wir erlösen dadurch

uns und unsre Kinder von dem Feind, und ein Weiser scheidet nicht feig

und furchtsam von seinem Vatererbe; nein, er verteidigt es mit Leibes-

und Lebensgefahr.‘ Diesen Rat hieß der König gut. Darauf geschah es, daß

der Wolf einen guten Fang getan hatte, den er auf einen Felsen

schleppte, und da führten die Katzen ihre Tat aus, die der tapfere weise

Kater angeraten; und der Wolf mußte schämlich unter ihren Krallen und

zahllosen Bissen sein Leben enden.“

„Dieses Beispiel,“ fuhr Vogel Holgott fort, „sage ich dir, liebes Weib,

damit du begreifst, daß treue Freundschaft hilfreich ist, und darum

nehme ich gern Vogel Mosam zu meinem Freund und Gefährten mit.“ Als

dieses das Weibchen hörte, jubilierte sie innerlich, daß ihr Anschlag so

unverdächtig und nach ihres Herzens Wunsch ausging. Und da erhoben sich

die drei Vögel nach jener lustigen Stätte; ließen im alten Nest die

indes ausgebrüteten Jungen zurück, bauten dort Nester und wohnten dort

friedsam und freundlich bei reichlicher Nahrung eine Zeit miteinander.

Und Vogel Holgott, der alt und schwach wurde, und sein Weib hatten den

Vogel Mosam viel lieber in ihren Herzen, als er sie, wie sich gleich

zeigen wird.

Es kam eine dürre heiße Zeit, daß alles verdorrte, und der See

austrocknete, und die Fische starben; da sprach Vogel Mosam zu sich

selbst: „Es ist ein schönes Ding um treue Kameradschaft, und es ist

löblich, wenn Freunde zusammenhalten. Aber ein jeder ist doch sich

selbst der Nächste. Wer sich selbst nichts nütze ist, wie soll der

andern nützlich sein? Wer künftigen Schaden nicht voraussieht und ihn

meidet, der wird ihm nicht entgehen, wenn er da ist. Nun sehe ich

voraus, wie mir die Gesellschaft dieser Vögel Schaden und Abbruch tun

wird, da von Tag zu Tag die Nahrung sich mindert; und zuletzt werden sie

mich verjagen. Mir aber gefällt es hier wohl, und ich könnte auch

allein, ohne jener Gesellschaft hier wohnen; da wäre es wohl gut, wenn

ich ihnen zuvorkäme und mich ihrer entledigte, und zwar zuerst des

Mannes, denn das Weib vertraut mir ganz, die zwinge ich dann ungleich

leichter. Sie kann sogar den Mann töten helfen.“

Mit solchen argen und schändlichen Gedanken flog Vogel Mosam zu dem

Weibchen und nahte ihr ganz traurig und niedergeschlagen. Die fragte

ihn: „Warum sehe ich dich so traurig, mein Freund?“ und er antwortete:

„Ich traure über die schwere Zeit und sehe schreckvoll daherschreiten

des Hungers Gespenst. Und zumeist deinetwegen trauert mein Herz. Eines

nur wüßt’ ich, das dir frommte, wenn mein Rat nicht unweise dir dünkt.“

— „Welcher ist das?“ fragte das Weibchen, und Mosam sprach: „Bande der

Freundschaft sind mehr wert als Bande der Blutsverwandtschaft, denn

diese ist oft schädlicher als Gift. Ein Sprichwort sagt: Wer eines

Bruders mangelt, der hat einen Feind weniger, und wer keine Verwandten

hat, der hat keine Neider. Ich will dir etwas ansinnen, das dir nützlich

sein wird, liebe Freundin, obschon es dir hart ankommen wird, es zu

vollbringen, und du wirst es mir als ein Unrecht auslegen, daß ich es

dir offenbare, wenn es auch in meinen Augen geringfügig erscheint.“ Da

sprach das Weibchen: „Deine Rede erschreckt mich, ich kann mir nicht

denken, was du meinst, und glaube nicht, daß du mir Übels raten wirst.

Doch wäre mir ein leichtes, den Tod zu erleiden um deinetwillen; darum

so sprich! Denn wer nicht sein Leben einsetzt für einen treuen Freund,

der ist sehr töricht, denn ein Freund ist immer nützlicher wie ein

Bruder oder wie Kinder.“ Jetzt sprach Mosam mit Arglist: „Mein Rat ist,

daß du suchest, deines alten schwachen Mannes los und ledig zu werden,

für den du so mühevoll sorgen mußt; da wird dir Glück und Heil zureifen,

und mir mit dir! Und frage nicht nach der Ursache dieses Rates, bis du

ihn vollzogen hast, denn hätte ich nicht guten Grund dazu, so glaube

mir, würde ich dir solches nicht anraten. Ich schaffe dir schon einen

bessern und jüngern Mann, der dich immer lieben und beschützen wird. Und

tust du nicht nach meinem Rat, so wird es dir gehen wie jener Maus, die

auch guten Rat verachtete.“

Da fragte das Vogelweib: „Wie war das mit jener Maus?“ und Mosam

erzählte:

Die Katze und die Maus.

„Es war einmal ein Mann, dem taten die Mäuse in seiner Speisekammer

vielen Schaden, da nahm er eine Katze an, damit sie die Mäuse vertreibe

und vertilge. Nun war unter den Mäusen eine recht große, und war auch

stärker wie die andern, und wie sie wahrnahm, was geschehen war, da

suchte sie eine Gelegenheit, wo sie von einem sichern Ort aus mit der

Katze sprechen konnte, und sagte zu dieser: ‚Ich weiß, daß dein Herr

dich bestellt hat, mich und meine Freunde zu vertreiben und zu töten.

Nun freut es mich, deine Bekanntschaft zu machen, und ich möchte mich

deiner Gunst empfehlen und guten Frieden mit dir halten.‘ Sprach die

Katze: ‚Es freut mich ausnehmend, dich kennenzulernen, und es wird mir

äußerst schätzbar sein, wenn du mich mit deiner Freundschaft beehren

willst. Auch wäre dein Umgang mir der erwünschteste, allein ich darf dir

nichts versprechen, was ich dir nicht zu halten vermag. Siehe,

verehrteste Maus, mein Herr hat mich zum Bewahrer seines Hauses gesetzt,

daß du und deine Sippschaft ihm nicht länger Schaden zufügt; schonte ich

nun deiner, so würde es heißen: das ist eine schlechte Katze! Darum

meide entweder, meinem Herrn zu schaden, oder meide das Haus, und suche

dir einen andern dir genehmen Aufenthalt, außerdem gib mir keine Schuld,

wenn du Schaden hast.‘ Die Maus sprach: ‚Ich habe dich höflich gebeten,

und so bitte ich nur noch, verzeihe mir meine Freiheit und schenke mir

deine Freundschaft.‘ — ‚Ja,‘ sprach die Katze, ‚du bist mir lieb und

wert, wie soll ich aber die Freundschaft zu dir vereinigen mit meiner

Pflicht bei dem Schaden, den deine Gesellen meinem Herrn zufügen? Lasse

ich euch leben, so tötet er mich, das ist billig. Darum, so gewähre ich

dir drei Tage Frist, in welcher Zeit du dich nach einer andern Wohnung

umtun magst.‘ — Die Maus erwiderte: ‚Sehr schwer und ungern trenne ich

mich von dieser Wohnung; ich werde mich hüten, dir zu nahe zu kommen,

und hier bleiben, solange es mir gefällt.‘ Die Katze schonte die Maus,

ihrem Wort getreu, drei Tage lang, da wurde diese ganz sicher und tat

nun gar nicht mehr, als sei eine Katze im Hause vorhanden; als die drei

Tage herum waren und die Maus wieder ganz unbesorgt aus ihrem Löchlein

lief, da lag die Katze im Winkel der Speisekammer und lauerte, sprang zu

und fing und fraß die Maus mit Haut und Haaren.“

„Das ist ein Gleichnis,“ fuhr Vogel Mosam fort, „an dem du sehen kannst,

daß nicht ziemt dem Verständigen, zu verachten der treuen Freunde Rat.

Und das Sprichwort sagt, daß der Freunde Rat oft gleiche bittrer

Arzenei, die doch heilsam ist und das Siechtum bannt.“

Das Vogelweib bedachte sich lange und schwankte, was sie tun solle und

wie es zu vollbringen sei, daß auch kein Schein böser Tat auf sie fiele.

Da riet der falsche Freund, sie solle einen Fisch nehmen, durch den die

Fischer zur Lockung großer Fische eine spitze Angel gesteckt, und den

dem Mann unter die andern Fische, die er speise, legen, so werde er

daran erwürgen. Das tat das Weib, und weil Vogel Holgott alt war, und

nicht selbst mehr Fische fing, und sein Weib ihn bisweilen Hunger leiden

ließ, so schluckte er gierig den Fisch mit dem Angelhaken in sich hinein

und erwürgte daran, und wie das geschah, so verfluchte er die, die ihn

so schmählich dem Tod geweiht. Als das geschehen war, lebte der Vogel

Mosam noch eine kurze Zeit mit dem ungetreuen Weibe, aber weil die

Nahrung immer seltener wurde, so begann er ihrer sehr überdrüssig zu

werden, und stürzte sich auf sie, sie zu töten. Da flogen gerade ihre

Söhne daher, die kamen, um ihre lieben Eltern zu besuchen, und fielen

herab auf den Vogel Mosam, als schon ihre Mutter im Sterben lag, die

ihnen alles bekannte und verschied. Da hackten sie mit ihren spitzigen

Schnäbeln dem Vogel Mosam die Augen aus, und ließen ihn elendiglich

verhungern, und rächten so den Doppelfrevel, der von ihm an ihren Eltern

begangen worden war.

Das Gruseln.

Es waren einmal zwei Brüder, von denen war der eine, der älteste, nicht

auf den Kopf gefallen, vielmehr anstellig und pfiffig über alle Maßen;

der jüngere aber hatte, wie man so sagt, ein Brett vor dem Kopf. Das

machte dem Vater große Sorge, ihm aber keine, denn er lebte ganz sorglos

und arglos in die Welt hinein, wie die Dummen leben, und er mochte wohl,

ohne daß er’s wußte, das Sprüchlein im Kopfe haben: Hänschen lerne nicht

zuviel, du mußt sonst zuviel tun. Wenn der Vater etwas verrichtet haben

wollte, so mußt’ er’s allemal dem ältern, dem Matthes sagen, denn der

andre, das Hänschen, richtete alles verkehrt aus, zerbrach den Ölkrug

und die Branntweinflasche oder blieb eine Ewigkeit aus. Matthes dagegen

machte alles gut, nur einen Fehler hatte er, er war furchtsamer Natur,

es gruselte ihn gar zu sehr. Wenn er abends am Kirchhof vorbeiging, so

gruselte ihn, und wenn er ein Mäuslein huschen sah, gruselte ihn, und

wenn er eine Gespenstergeschichte erzählen hörte, so bekam er vom eitel

Gruseln eine Gänsehaut wie ein Reibeisen, und klagte: „Ach, ach, ach, es

gruselt mich gar zu sehr.“ Sein Bruder aber, das dumme Hänschen, lachte

ihn oft deshalb aus und sagte: „Hä, hä, wie kann es einen nur gruseln?

Die Kunst möcht’ ich können, mich gruselt’s all mein Lebtage nicht —

möchte wahrlich das Gruseln lernen!“

„Du siehst aus wie einer, der was lernen möcht’!“ schalt der Vater auf

Hänschen. „Zeit wär’s freilich, du wirst ein großer, starker Lümmel —

aber mit dem Gruseln lernen, du Hans Dampf, da ist’s nichts, das ist

keine Kunst, damit verdienst du kein Körnlein Salz zum lieben Brote. Und

weißt du denn auch, wie man das Gruseln lernt? Was gilt die Wette, daß

du auch dazu zu dumm bist?“

Während der Vater und der Bruder noch das dumme Hänschen auslachten, kam

der Nachbar Küster und Schulmeister herüber zum Besuch, und hörte noch,

wie das Hänschen verlacht wurde, und bekam erzählt, daß der Bube gern

das Gruseln lernen wollte. „Das kann er bei mir prächtig lernen!“ sprach

der Küster. „Mein Schulhaus ist das allerelendeste Nest von einem Hause

im ganzen Orte, mich gruselt’s den ganzen Tag, daß mir’s über dem Kopf

zusammenfällt und einmal die hoffnungsvollen Rangen miteinander

erschlägt. Gebt mir das Hänschen herüber, ich muß ja so manchem Dummbart

Wissenschaften beibringen, werd’ ihm doch wohl auch das Gruseln anlehren

können!“ Der Vater war den Vorschlag zufrieden, und das Hänschen folgte

dem Küster hinüber in das alte wackelige Schulhaus. Ihn gruselte das

aber mitnichten, es war ihm gerade so einerlei, daß dem Haus der

Einsturz drohte, wie es dem Schulzen und der ehrsamen Gemeinde einerlei

war.

Nun sann der Küster auf ein andres Stücklein, das dem Hänschen auf alle

Fälle das Gruseln beibringen sollte. Er hieß ihn die Abendglocke läuten,

schlüpfte aber noch vor ihm heimlich hinauf in die Glockenstube, und als

Hänschen zur Treppe hinauf war und den Strang zur Abendglocke faßte,

hörte er von der Treppe her einen dumpfen stöhnenden Laut. Wie er sich

umsah, stand dort eine große weiße Schleiergestalt starr und

unbeweglich. „Wer bist du? Was willst du?“ fragte Hänschen, ohne daß ihn

nur im mindesten gegruselt hätte. Keine Antwort. „Ich frage dich, wer du

bist?“ rief Hänschen mit stärkerer Stimme. Keine Antwort. „Hast du kein

Maul, Schneemann? Noch einmal: Was willst du?“ Keine Antwort. — Mein

Hänschen, nicht faul, springt mit einem Satz auf die Gestalt los, wie

der Kasper im Puppenspiel auf den Teufel und rennt sie, die sich solcher

Herzhaftigkeit nicht versah, pardauz, über den Haufen, daß sie ein ganz

Stück die Stiegen hinunterkollert, und was für Stiegen! Stiegen von so

einziger Art, wie sie nur auf alten Dorfkirchtürmen anzutreffen sind,

ausgetreten, verrottet, eng, voll jahrhundertalten Staubes. Drunten lag

das Gespenst und ächzte und krächzte, Hänschen aber läutete zum

Abendgebet, und schwang gar wacker den Glockenstrang, als wäre eben

nichts vorgefallen; dann kletterte er wohlgemut die Stiege hinab und

ging aus dem Turme, dessen Türe er hinter sich zuschloß. Die Küsterin

wußte gar nicht, wo ihr Mann blieb. „Wo ist denn Er?“ fragte sie

Hänschen. „Wer?“ fragte Hänschen. „Er!“ sagte die Küsterin. „Er ist ja

vor dir hinüber auf den Turm.“ — „So!“ sagte Hänschen: „ist _er_ das

gewesen? Es stand ein weißer Labutzel an der Treppe, der wollte mir

nicht Red’ und Antwort geben, da hab’ ich ihn die Treppe hinabgestoßen,

er liegt noch drüben und krächzt.“ — „Galgenstrick!“ schrie die

Küsterin, riß Hänschen den Schlüssel aus der Hand und sprang auf den

Turm, da lag ihr Mann in seinem Bettuch und hatte ein Bein gebrochen.

Jetzt erging es Hänschen gar nicht gut; die Küsterin verklagte ihn bei

seinem Vater, und der wurde ganz wild und schrie: „Ein Taugenichts ist

der Junge, aus den Augen soll er mir! Fort, marsch! Hier ist Geld — geh,

laß dich henken wo du willst — mir kommst du nimmermehr vor die Augen.

Schimpf und Schande und Schaden hat man von dir, du Nichtsnutz!“

„Geh mit Gott, Hänschen!“ spottete Matthes; „sorge fein, daß du das

Gruseln lernst, das Gruseln soll jetzt Mode sein, und die Menschen

draußen in der Welt gruselt’s vor allerhand, da wirst du schon vom

Gruseln auch deinen Teil bekommen!“

Hänschen ging, er hatte Geld, und wenn einer Geld hat, braucht’s ihn

erst recht nicht zu gruseln. Unterwegs sprach er öfter vor sich hin:

„Wenn mich doch nur gruselte, wenn mich doch nur gruselte!“ Das hörte

ein Mann, der hinter Hänschen kam, und sprach zu ihm: „Schau dorthin —

dort steht der Dreibein, da hängt eine schöne Gesellschaft dran — gerade

ihrer sieben, was man so sagt: einen Galgen voll. Dort nimm unter den

sieben dein Nachtlager, da lernst du das Gruseln.“

„Wenn das wahr wäre,“ sprach Hänschen, „so wollt ich dir morgen früh all

mein Geld geben. Kannst zu mir kommen und es holen, oder du kannst ja

auch gleich bei mir bleiben!“

„Daß ich ein Narr wäre und unterm lichten Galgen bei dir bliebe!“

antwortete jener. „Nein, mein guter Gesell, das Gruseln lernt sich viel

besser, wenn einer allein, als wenn er zu zweien ist. _Gute_ Nacht! —

Auf Wiedersehen morgen in der Frühe!“ — Hänschen setzte sich unter den

Galgen, machte sich, weil es kalt war, ein Feuerchen an, das schien

hübsch hell hinauf zu den Gehenkten, und der scharfe Nachtwind bewegte

ihre schlotternden Körper hin und her, hin und her.

„Ei, ihr gar armen Teufel!“ rief Hänschen hinauf. „Euch friert ja, daß

ihr schnappert und klappert. Wartet, ich will euch herunterholen, sollt

euch wärmen an meinem Feuer.“ Und Hänschen nicht faul, fand eine

Galgenleiter, stieg hinauf, knüpfte die Gehenkten los und setzte sie an

sein Feuer, das er nun stärker und größer machte. Jene aber schauten

gottserbärmlich aus, grün, gelb und jämmerlich, blitzblau, abscheulich,

wie das Sprichwort sagt, und regten und rührten sich nicht; das Feuer

fraß um sich und begann die Lumpen und Fetzen anzukohlen, welche um die

toten Leichname herumhingen. „Na?“ sagte Hänschen, „ihr laßt ja eure

Kleider verbrennen! Da heißt’s recht bei euch: Gleiche Lumpen, gleiche

Lappen! Wartet — ich will euch helfen so unachtsam sein!“ Nahm sie,

einen nach dem andern und hing sie wieder hinauf, hüllte sich in seinen

Mantel, streckte sich an sein Feuer und schlief ein. So fand ihn der

Mann, mit dem er gestern gegangen, und der heute kam, das Geld zu holen.

Da er aber Hänschen so ruhig schlafen sah, wuchs ihm wenig Hoffnung, daß

er das Gruseln über Nacht gelernt haben möchte, und als Hänschen nun

aufwachte, und ihm erzählte, was er vorgenommen habe, da wandte sich der

Mann zum Gehen und sprach: „Dein Geld hab’ ich dasmal nicht verdient, du

lernst das Gruseln nimmermehr.“

Wie Hänschen nun auch weiter und seines Weges ging, sprach er vor sich

hin: „’s ist doch alleweil schade, daß ich das Gruseln nicht erlernen

kann, muß wohl zu dumm dazu sein. Ei, ei — wenn ich doch nur das Gruseln

könnte.“

Das hörte ein Fuhrmann, der desselben Weges daherschritt, der sprach zu

Hänschen: „Ei, kannst du das Gruseln nicht? Da kehre nur dort in dem

Wirtshaus am Weg ein, wenn du nämlich Geld hast, der Wirt macht

hautschaudrige Zechen, mich hat’s noch jedesmal überlaufen, wenn ich

hab’ in dessen Haus einkehren müssen.“ „Das wollen wir sehen!“ sprach

Hänschen, dankte dem Fuhrmann und schritt auf dasselbige Wirtshaus zu.

„Was schaffen’s?“ fragte der Wirt. „Möcht’s Gruseln lernen,“ antwortete

Hänschen. „Die Leute auf der Landstraße sagen, bei Euch wär’s leicht zu

lernen, Ihr machtet so grusliche Rechnungen und führtet eine so

grusliche Kreide!“ — Warte, Lecker! dachte der Wirt, dich will ich wohl

was lehren, daß dich das Gruseln ankommt, und zu Hänschen sprach er:

„Mein lieber Wandergesell, Ihr seid mit Unwahrheit berichtet worden; in

meinem Hause kann man das Gruseln keineswegs lernen, und ich bediene

meine Gäste nicht so, wie Euch irgendein Schalksnarr erzählt und

vorgelogen hat. Ist’s Euch um Gruseln zu tun, so geht dort hinauf auf

das alte verwünschte Schloß da droben und seht zu, daß Ihr die

Königstochter zur Frau bekommt, die ihr Vater dem versprochen hat, der

das Schloß von seinen Poltergeistern befreit; da gibt’s was zu gruseln

und reich zu werden.“

„Ich will so tun, wie Ihr mir ratet,“ sagte Hänschen, und der Wirt

sprach wieder: „Damit, daß Ihr hinaufgeht, ist’s noch nicht getan. Erst

müßt Ihr beim König um Erlaubnis bitten, und müßt drei Nächte lang

droben bleiben. Kommt Ihr mit dem Leben davon, so ist die Prinzessin

Eure Frau.“

„Und wenn ich nicht mit dem Leben davonkomme, was dann?“ fragte Hänschen

— und der Wirt lachte ihm ins Gesicht und sprach: „Ich merke schon, Ihr

seid ein Schlaukopf, Ihr hättet sicher das Pulver erfunden, wenn’s noch

nicht erfunden wär’!“

Und Hänschen ging eilend zu dem Könige, bat um die Erlaubnis und erhielt

sie, auch sprach der König: „Mein Sohn, du darfst dir auch dreierlei

mitnehmen, aber nur nichts Lebendiges.“ Nun hatte Hänschen schon in

seiner Jugend immer gar zu gern Feuer angemacht, an der Schnitzelbank

gesessen und auch bisweilen an der Drehbank, und verstand mit solchen

Dingen umzugehen. Darum begehrte er weiter nichts mit auf das Schloß zu

nehmen, als ein gutes Feuerzeug, eine Schnitzelbank und eine Drehbank,

„damit mich nicht friert,“ sagte er: „und ich mir die Zeit vertreiben

kann.“ — Das ward dem Hänschen gern gegeben, und er schlug seinen Sitz

in einem hübschen Zimmer mit großem Kamin im alten Schloß auf. Als es

Nacht wurde, machte Hänschen ein helles Feuer an, das wärmte und

leuchtete sehr schön. Auf einmal kamen zwei kohlschwarze Katzen, die

hatten Augen wie von grünem Feuer und schrien: „Miau, miau, uns friert!“

„Ei, wenn euch friert, so wärmt euch doch; hier ist ein Feuer!“ sprach

Hänschen. Das taten die Katzen auch, dann sagten sie: „Die Zeit wird uns

zu lang, wir wollen zu dritt Karte spielen, Dreiblatt oder Pochens.“

„Meinetwegen Pochens,“ sagte Hänschen, „wenn ihr Karten mitgebracht

habt.“ Die Katzen hatten wirklich ein Kartenspiel, und zeigten es

Hänschen, und da sah Hänschen, daß sie fürchterliche Krallen an ihren

schwarzen Pfoten hätten, und sagte: „Mit Verlaub, eure Frau Mutter hat

euch die Nägel recht lange nicht geschnitten, schämt euch was, kommt,

ich will sie euch putzen!“ und packte die Katzen und klemmte ihnen die

Pfoten in die Drehbank. Da bissen sie nach ihm, und so nahm er sein

Schnitzmesser und schnitzte ihnen die Köpfe ab, und warf Katzenköpfe und

Leiber aus dem Fenster in den Schloßgraben. Als er wieder zum Feuer kam,

saß ein großer Hund dort und bleckte ihm die Zähne und hatte eine

feurige Zunge armslang zum Halse heraushängen. Dies gefiel Hänschen

wieder nicht, er nahm abermals sein Schnitzmesser und hieb damit dem

Hund gerade zwischen die Zähne in den Rachen, da fiel die Zunge herunter

und der obere Kopf nahm Abschied von seinem Unterteil. Nun meinte

Hänschen Ruhe zu haben und wollte sie auch genießen; in der Ecke stand

ein Bette, da legte er sich hinein und deckte sich zu. Er war aber noch

nicht eingeschlafen, da fing das Bett an zu fahren wie ein Dampfwagen,

und fuhr im ganzen Schloß herum, treppauf, treppab, durch Säle und

Zimmer — aber Hänschen sagte: „Schau, nun spür’ ich doch, wie’s tut,

wenn die großen Herren fahren. Fahre du nur immerzu.“ — Endlich mochte

das Bett des Fahrens müde sein, es rollte wieder in Hänschens Zimmer, wo

das Feuer noch lustig brannte, da stand es still, und Hänschen schlief

ein und schlief wie ein Toter.

Ludwig Bechsteins Märchenbuch Mit 176 Holzschnitten nach Originalzeichnungen von Ludwig Richter · 第 25 / 26 段