Wald an eine Wolfsgrube und nahm wahr, daß etwas Lebendiges darin sei.
Und wie er hinunterblickte, so sah er darin einen Menschen, der war ein
Goldschmied, und bei ihm war ein Affe, eine Schlange und eine
Ringelnatter; die waren alle drei unversehens in die Grube gefallen. Da
gedachte der Pilger bei sich: Übe Barmherzigkeit mit dem Elenden und
hilf dem Menschen von seinen Feinden. Da warf er ein Seil in die Grube
und hielt das eine Ende fest in der Hand, willens, den Goldschmied
heraufzuziehen, schnell sprang aber der Affe zu, kletterte herauf und
sprang aus der Grube. Zum andernmal warf der Waller das Seil hinab, da
ringelte sich die Natter daran empor. Und zum drittenmal erfaßte die
Schlange das Seil und kam auch zutage. Diese drei Tiere dankten dem
Waller für seine Güte und sprachen zu ihm: „Was du uns Gutes getan, das
wollen wir dir wieder zu vergelten suchen, und wann dich dein Weg in
unsre Nähe trägt, so magst du auf uns rechnen, daß wir nach Kräften dir
zu Diensten sind; sei aber treulich gewarnt vor dem Menschen da drunten,
denn nichts, was da lebt, ist so undankbar wie er. Dieses haben wir
erfahren und sagen es dir an, daß du wissest, dich zu verhalten.“
Damit schieden die drei Tiere von dem Pilger, dieser aber gedachte an
seine Pflicht, daß dem Menschen zieme, dem Menschen zu helfen, und warf
das Seil wiederum in die Grube und zog den Goldschmied heraus. Dieser
bedankte sich mit vielen Worten für die Gnade und Barmherzigkeit, die
der Pilger an ihm getan, und bat, ihn ja in der Königsresidenz, wo er
wohne, zu besuchen, und verließ ihn.
Auf seinem Weiterwege kam der Waller in die Nähe der Residenz und an den
Ort, wo der Affe, die Natter und die Schlange wohnten. Die freuten sich,
und der Affe brachte dem Waller, der sehr ermattet war, Obst und süße
Feigen, die Natter zeigte ihm eine kühle, angenehme Grotte, wo er ruhen
und rasten konnte, und legte sich davor und bewachte seinen Schlaf, denn
niemand wagte sich dorthin, wo die große Natter lag. Die Schlange aber
schlüpfte in die Königsburg und stahl dort einige güldne Kleinode, die
gab sie dem Waller zur Verehrung, sagte ihm aber nicht, woher sie
dieselben hatte. Als dieser von den Tieren aufbrach, ging er in die
Königsstadt und suchte den Goldschmied auf; dem zeigte er die Kleinode
und bot sie ihm zum Kaufe an. Der Goldschmied sahe, daß sie des Königs
Eigentum waren, schwieg still, ging zum König und zeigte an, daß er den
Dieb dieser Kleinode in seinem Hause gefangen habe. Dafür empfing er
eine stattliche Belohnung, und der König sandte seine Häscher, die
fingen den Waller, schlugen ihn, führten ihn durch die Straßen und
hinaus zum Galgen, um ihn zu henken. Da gedachte der alte Mann auf dem
Wege an die Warnung der Tiere und seufzete laut: „O hätte ich euren Rat
befolgt, ihr getreuen Tiere, so wäre diese Trübsal mir nicht beschieden
worden!“
Nun hatte die Schlange just ihre Wohnung an dem Weg, der zum Hochgericht
führte, und hörte die Klagerede des unschuldigen Mannes, an dessen
Unglück sie mit schuld war, und betrübte sich und dachte darauf, wie sie
ihm helfe. Da nun der Königssohn, ein junger Knabe, auch des Weges
geführt ward, damit er des Diebes Strafe zusehe, kroch sie hin und biß
ihn in das Bein, daß es bald aufschwoll. Da blieb alles Volk erschrocken
stehen, und man sandte eiligst nach Ärzten und nach Astrologen, wo
möglich zu helfen. Die Ärzte brachten Theriak herbei, eine Arznei, die
gepriesen war gegen den Schlangenbiß, er half jedoch nichts. Die
Astrologen aber lasen in den Sternen, daß der zum Tode geführte Waller
unschuldig war, und der Königsknabe rief selbst mit heller Stimme:
„Bringt mir den Pilger her, daß dieser seine Hand auf meine Wunde und
meine Geschwulst lege, so werde ich heil sein!“
Da wurde der Pilger vor den König geführt, der fragte nach seinen
Schicksalen, und der Pilger erzählte dem König alles treulich, von den
guten dankbaren Tieren und des Goldschmieds, den er vom Tod errettet,
schändlichem Undank. Und dann hob er Hände und Augen zum Himmel und
flehte: „O allmächtiger Gott, so wahr es ist, daß ich unschuldig bin an
dem Diebstahl, so wahr wird meine Hand diesen Menschen heilen!“ — Und da
wurde von Stund an der Königssohn gesund. Als das der König sah, ward
sein Herz froh und freudevoll, und er ehrte den Pilger mit köstlichen
Gaben, ließ ihm auch alle Kleinode, um derentwillen der Pilger
Todesangst ausgestanden hatte, und ließ zur Stelle den Goldschmied
henken, zur Strafe seines großen und schwarzen Undanks.
Die vier klugen Gesellen.
Es waren einmal vier Reisegesellen, die wanderten miteinander und hatten
sich ganz zufällig auf dem Wege getroffen. Der eine von ihnen war ein
Königssohn, der zweite ein Edelmann, der dritte ein Kaufmann, der vierte
ein Handarbeiter. Allen vieren war die Barschaft ausgegangen, wie das
bisweilen Reichen und Armen auf Reisen zu gehen pflegt, und sie hatten
nichts, als die Kleider, die sie auf dem Leibe trugen; ihre Säckel waren
leer. Wie sie sich nun einer großen königlichen Residenz näherten und
mächtigen Hunger verspürten, so warfen sie die Frage auf, woher sie Geld
und Nahrung bekommen würden? Und da sprach der Königssohn: „Wir mögen
ratschlagen, wie wir wollen, so geht es doch allein den Weg, den Gott
geordnet hat, und wer an Gott hangt mit getreuer Hoffnung, der wird
nicht verlassen.“ Da sprach der Kaufmann: „Vorsichtigkeit mit Vernunft
gepaart geht über alles!“ Und der Edelmann: „Eine kräftige wohlgestalte
Jugend ist noch mehr wert.“ Darauf bemerkte der Wandergesell, der ein
Handarbeiter war: „Nach meinem geringen Verstand halte ich dafür:
Sorgsamkeit mit Übung sei das Beste.“
Wie unter solchen Gesprächen die vier Reisegefährten gegen Abend in die
Nähe jener Stadt gekommen waren, ruheten sie vor dem Tore aus, und da
sprachen die drei andern zu dem vierten, dem Wandergesellen: „Du rühmst
vor allen Sorgsamkeit, ei so gehe du hin und trage Sorge, daß wir alle
diese Nacht unsre Speisen bestreiten!“ — „Das will ich tun,“ antwortete
der Arbeiter, „wenn ein jeder hernach auch tun will nach seiner Lehre,
daß es uns allen frommt.“ Das verhießen ihm die Gefährten, und so ging
jener in die Stadt hinein und befragte sich, was wohl ein Mann tun
müsse, um soviel zu verdienen, daß vier Männer sich einen Tag lang
sättigen könnten? Da beschied man ihn, nichts sei einträglicher, als
Holz zu tragen, denn Holz sei teuer, der Wald weit und die Stadtleute
seien bequem. Da ging der Mann eilend in den Wald, band sich eine
tüchtige schwere Bürde Holz zusammen, trug es in die Stadt, empfing
dafür zwei Silberpfennige, wofür er für sich und seine Gesellen Speise
und Trank bestreiten konnte, und schrieb überaus freudig mit Kreide an
das Tor der Herberge, worin sie übernachteten: Die Sorgsamkeit des
Redlichen hat durch Übung seiner Kraft an einem Tage zwei Silberpfennige
gewonnen.
Am andern Morgen sprachen die drei Gesellen zum vierten, dem Edelmann:
„Nun schaue und siehe zu, daß _du_ uns heute mit Speise versorgst, und
nimm deine Schönheit und Jugendkraft, und was du sonst weißt, dabei zu
Hilfe.“ Der ging auf die Stadt zu und dachte bei sich: Arbeiten kannst
und magst du nicht, und weißt auch sonst nichts anzufangen. Und doch
wäre es dir eine Schande, mit leerer Hand zu deinen Gefährten
zurückzukehren. Und stellte sich in trüben Gedanken an die Säule eines
Hauses, willens, sich mit Kummer von seinen Wandergesellen zu scheiden.
Da ging eine junge, schöne und reiche Witwe vorüber, sah die jugendliche
Wohlgestalt des Edelmanns, und wünschte zu erfahren, von wannen er sein
möge? Sie sandte ihre Dienerin, ließ ihn zu Gaste bitten, erfuhr seine
Umstände und befreundete sich mit ihm, daß sie ihm, als er von ihr
schied, hundert Goldpfennige verehrte. Da kehrte er mit reicher Zehrung
zu den Kameraden in die geringe Herberge vor dem Tore zurück, und
schrieb an die Pforte: Mit frischer Jugend gewann einer eines Tages
einhundert güldner Pfennige.
Nun am dritten Tage sprachen die drei zu dem Kaufmann: „Heute ziehe du
hin und gewinne mit deiner Vorsichtigkeit, die mit Vernunft gepaart ist,
uns auch einen guten Tag und erwünschte Zehrung.“ Da ging der Kaufmann
fort und durch die Stadt, welche am Meere lag, hinab nach dem Hafen; da
legte sich eben ein Kauffahrer im Hafen vor Anker, und die Kaufleute
begrüßten den Patron des Schiffes, fragten nach seinen Waren, und
wollten mit ihm handeln, aber dieser forderte ihnen allen zu viel, und
sie konnten sich nicht mit ihm einigen. Da sprachen sie untereinander:
„Wir wollen ihm jetzt nichts weiter bieten; in kurzer Frist gereut ihn
seine hohe Forderung, und wenn auch seine Waren so viel wert sind, so
ist doch außer uns keiner, der Belieben trägt, sie zu kaufen.“ Und da
gingen jene Kaufleute von dem Patron hinweg. Der arme Kaufmann aber,
welcher der Sohn eines reichen Kaufmanns war, ging zu dem Patron hin,
entdeckte sich ihm, nannte ihm den Namen seines Vaters und kaufte ihm
die ganze Schiffsladung um fünfzigtausend Gulden ab. Bald kehrten die
Kaufleute noch einmal zurück, und weil sie die Waren brauchten, so
bezahlten sie dem Käufer fünftausend Gulden Gewinn und bezahlten die
Kaufsumme für die Waren. Da ging der junge Kaufmann fröhlich zu seinen
Gesellen und schrieb an das Tor, wo die Schrift der Gefährten schon
stand: Durch Vorsicht und Vernunft hat ein Mann eines Tages fünftausend
Gulden gewonnen. Und hielt nun mit seinen Gesellen ein stattliches
Freudenmahl.
Am folgenden Morgen sprachen nun die drei zu dem Königssohn, dessen
Herkunft sie nicht kannten: „Gesell, es ist an dir, daß du hingehest und
uns mit Speise und Trank versorgst. Siehe zu, was Gott dir und deiner
getreuen Hoffnung bescheert und möge es reichlich ausfallen!“
Da machte sich der Königssohn auf den Weg in die Stadt und dachte: Was
sollst du tun und beginnen? Du hast keine Arbeit gelernt, hast keine
Jugend-Schönheit, hast keinen reichen Kaufmann zum Vater und bist nicht
klug und nicht vorsichtig. Du hast nur dein Vertrauen auf Gott, und Gott
wird dir helfen. Da setzte sich der Königssohn an die Straße auf einen
Stein und versank in tieftrübe Gedanken.
Es war aber in dieser Königsstadt der König abermals gestorben, und man
führte an diesem Tage seine Leiche aus der Stadt in ein nahes Kloster
und alles Volk folgte dem Zuge. Der Königssohn aber saß so vertieft in
Nachdenken über das widerwärtige Schicksal, welches er erfahren hatte,
daß ihn nichts kümmerte, was außer ihm vorging, und so versäumte er
aufzustehen, als der Zug mit der königlichen Bahre vorüberging. Da trat
ein Gewaltiger hinzu, der ergrimmte über diese Unschicklichkeit, gab dem
Königssohn einen Backenstreich und sprach, indem er ihn von dem Stein
stieß, auf dem er saß: „Du verwünschter Bösewicht! Trägst du keine
Trauer im Herzen über des Königs Tod, den alle beweinen? Hinweg mit
dir!“
Der Königssohn ließ schweigend den Zug vorübergehen, und als dieser
zurückkam, da saß er wieder auf dem Stein, traurig und in gedankenvollem
Sinnen. Da trat jener Gewaltige ihm wieder zornig nahe und fuhr ihn mit
harter Rede an: „Sagte ich dir nicht vorhin, du solltest dich hier nicht
mehr finden lassen?“ Und er winkte den Schergen und ließ ihn in einen
Kerker führen. Dort saß er, doch mit voller Hoffnung zu Gott, daß dieser
ihn erlösen werde. Und als darauf das Volk zusammentrat, einen neuen
König zu wählen, weil der vorige ohne Erben verstorben war, so sprach
jener Gewaltige, daß er einen Mann im Kerker habe, der ein Verräter
scheine, und man solle ihn öffentlich verhören und Recht über ihn
sprechen. So wurde der Gefangene über alles Volk gestellt und gefragt,
wie und warum er in dieses Land gekommen sei? Und er sprach: „Wisset,
daß ich eines Königs Sohn bin,“ (und nannte den Namen seines Vaters)
„und da mein Vater starb, so fiel an mich das Reich; aber mein jüngerer
Bruder hatte mehr Anhang, darum drängte er mich vom Throne, und weil ich
besorgen mußte, daß er mich töte, so bin ich entwichen aus meinem Erbe
und in dieses Land gekommen.“
Unter dem Volke, welches dieses hörte, waren viele Männer, die hatten
des Königssohnes Vater gekannt und hatten auch in jenem Reiche
gewandelt. Die sagten aus, daß jener König ein gerechter und frommer
Mann gewesen, und daß sein älterer Sohn auch fromm und tüchtig sei, und
einige schrien: „Vivat! Es lebe der König!“ Und da schrien die andern
auch so: „Vivat! Es lebe der König!“ und wählten den Königssohn zu ihrem
Herrn. Da wurde er erhoben und im Triumph durch die Stadt geführt, nach
des Landes Brauch und Sitte, und auch um die Stadt, und da kam er mit
der Menge an die nahe Herberge, wo er mit seinen Wandergesellen gehaust,
und an deren Pforte die drei Denksprüche seiner Gefährten standen, und
sah sie an und befahl, dazuzuschreiben: Fleißige Sorge, kräftige Jugend,
vorsichtige Vernunft und was dem Menschen Gutes und Böses begegnet, das
kommt alles von Gott, wie es die Menschen verdienen.
Da wunderten sich alle über den Sinn des neuen Königs, freuten sich
ihrer Wahl und erkannten, daß Gott ihnen diesen Herrscher gesendet habe.
Als nun der König in den Thronsaal geführt ward und auf dem Stuhle des
Königtums saß, da sandte er nach seinen Wandergesellen und sammelte um
sich alle Edeln des Reichs, alle Weisen und alles Volk, soviel der Saal
fassen konnte, und sprach: „Gepriesen sei Gott, der König der Könige,
und Dank seinem heiligen Namen! Meine lieben Gefährten glaubten nicht,
daß Gott unsere Schritte lenkt, nun müssen sie aber das an mir erkennen,
denn weder die Kraft des Leibes, verbunden mit tätiger Sorgfalt, noch
die Jugendkraft und Wohlgestalt, noch Handelwitz und Weisheit hat mir
zum Throne verholfen. Nie hoffte ich von dem Tage an, als ich durch
meinen Bruder aus dem Reich verstoßen wurde, solcher Ehren und Würde
wieder teilhaft zu werden; arm und im Pilgerkleid kam ich hierher, aber
Gottes Hand war es, die mich führte, Gott war es, der mich erhöhte, an
dem mein Herz mit treuer Hoffnung gehangen!“
Auf diese Rede erhob sich ein Mann aus dem Volke und sprach: „Nun hören
wir erst, wie würdig du, o König, dieses Reiches bist, da Gott dir so
viel Weisheit und Vernunft verliehen hat. Wir werden mit dir, als einem
weisen König, wohl beraten sein, denn seine Treue führte dich nicht ohne
Ursache zu jener Gesellschaft. Ihm sei Lob und Dank!“ — Da stimmte das
Volk freudig bei, und der König nahm wieder das Wort und redete: „Als
ich vertrieben war, diente ich unerkannt eine Zeitlang einem Edelmann,
allein ich fand mich bewogen, den Dienst zu verlassen, und als ich
meinen Lohn empfing, so blieben mir nach dem, was ich für meine Kleider
zu bestreiten hatte, nur zwei Pfennige. Da dachte ich in meinem Sinn:
Einen Pfennig willst du Gott opfern und einen zu deiner Notdurft
verwenden. Da begegnete ich einem Vogelhändler, der trug ein
Turteltaubenpaar zu Markt, und ich dachte: Nicht besser kann der Mensch
Gott dienen, als wenn er ein Geschöpf vom Tod erlöst, und da feilschte
ich um die beiden Tauben, und da der Vogler mir beide nicht um einen
Pfennig geben wollte, so dachte ich bei mir selbst: Läßt du die eine
gefangen, so sind sie voneinander getrennt, und das ist ihnen der
schlimmste Dienst. Da gab ich meine beiden Pfennige hin um die zwei
Tauben, trug sie auf einen weiten Acker und ließ sie fliegen. Da flogen
sie auf den Ast eines wilden Birnbaumes, unter dem ich stand, und wie
ich wieder von dannen gehen wollte, so hörte ich, daß die eine Taube zu
ihrer Freundin sprach: ‚Dieser Mann hat uns vom Tod erlöst und uns unser
Leben um alle sein Gut, soviel er hatte, erkauft. Wir sind ihm Dank und
Wiedervergeltung schuldig.‘ Und da riefen mir die Tauben und sagten: ‚Du
hast an uns große Barmherzigkeit geübt, und es ist unsere Pflicht, daß
wir dir wieder vergelten. Unter dieses Baumes Wurzeln liegt ein großer
Schatz, grabe nach, so wirst du ihn finden.‘ Ich grub und fand den
Schatz und bewahrte ihn, lobte Gott und bat ihn, die guten Tauben in
seinen Schutz zu nehmen und sie vor allem Übel zu bewahren, dann aber
sprach ich zu ihnen: ‚Wenn doch eure Vernunft und Weisheit so groß ist,
und da ihr sogar zu fliegen vermögt, wie kam es denn, daß ihr in die
Haft des Mannes geraten seid, aus dessen Händen ich euch kaufte!‘ Darauf
antworteten die beiden Turteltauben: ‚O du weiser Frager! Weißt du
nicht, daß der Flug der Vögel, die Schnelle der Rehe, die Stärke der
Stiere nichts vermag gegen das Verhängnis oder die göttliche Anordnung!
Dagegen vermag sich keine Kreatur zu schützen, und so wenig wie ein
Geschöpf unsrer Art, so wenig kann auch der Mensch auf Erden göttlicher
Schickung entrinnen.‘“
Als der König den Edeln und dem Volke ausgelegt hatte, wie er zu einem
ruhevollen Gottvertrauen gelangt sei, wurde er aufs neue gepriesen, und
er bestellte, daß seine Wandergesellen in der Nähe blieben. Den Edelmann
machte er zu einem Herrn am Hofe, den Kaufmann setzte er über die
Einkünfte des Reiches und den Handarbeiter machte er zum Oberaufseher
der Gewerbe, und so war durch Verstand, Vernunft, Klugheit und
Gottvertrauen ihrer aller Glück begründet.
Vogel Holgott und Vogel Mosam.
In einen See strömten lustige Bäche und er war voll Fische und war
gelegen in einsamer Gegend, dahin weder Menschen kamen noch Fischreiher
und andere fischefressende Vögel vom Meere her. Diesen See entdeckte ein
bejahrter Vogel, der hieß Holgott und war vom Geschlecht der Fischadler,
und es gefiel ihm die angenehme Lage, die friedsame Stille rings um den
See und die Reichlichkeit der Nahrung. Da gedachte er bei sich selbst:
„Hierher willst du ziehen mit deinem Weib und allen den Deinen, denn
hier finden wir genug an allem, was wir bedürfen, hier ist niemand mir
widerwärtig und entgegen und meine Kinder mögen dies Gebiet, wenn wir
tot sind, als ein schönes Erbe innehaben.“ Nun hatte Vogel Holgott ein
Weib, die saß daheim im Nest auf ihren Eiern, die nahe daran waren
ausgebrütet zu sein, und dieses Weibchen hatte einen lieben Freund, auch
einen Vogel, der hieß Mosam. Dieser Freund war ihr so lieb, daß ihr
nicht Trank und nicht Speise schmeckte, wenn er nicht um sie war, und
ohne ihn hatte sie kein Vergnügen oder Kurzweile.
Als nun ihr Mann seinen Ratschlag und Beschluß entdeckte, in jene schöne
Gegend zu ziehen, aber ihr hart verbot, dem Freund Mosam davon zu sagen,
so war das ihr außerordentlich leid, und sie sann auf Fünde und Ränke,
wie sie diesem ihres Mannes Vorhaben heimlich stecken könne, ohne daß
dieser es merke. Und da sagte sie zu ihrem Manne: „Siehe, mein teurer
Holgott, nun werden unsre Jungen bald ausschlüpfen, und da ist mir eine
Arznei verraten worden, sie für die Jungen zu brauchen, wenn sie
auskriechen, daß ihnen ihr Gefieder stark und fest wächst: auch behütet
diese Arznei sie lebenslänglich vor bösen Zufällen. Diese Arznei nun
möchte ich gern holen, so du mir das gestattest und es dir gefällig
wäre!“
„Was ist das für ein Arkanum?“ fragte Vogel Holgott, und die Frau
erwiderte: „Das ist ein Fisch in einem See, der um eine Insel fließt,
den niemand weiß als ich und der, welcher es mir verraten. Darum rate
und bitte ich dich, setze dich an meiner Statt auf die Eier und brüte,
so will ich indes den Fisch holen oder zwei, und wir wollen sie dann
mitnehmen in den neuen Aufenthalt, den du uns erwählt hast.“
Darauf entgegnete der Mann: „Nicht ziemt es dem Vernünftigen, alles zu
versuchen, was der erste beste Arzt ihm rät; denn manche raten Dinge uns
an, die zu erlangen unmöglich sind. Was frommt das Unschlitt des Löwen
wohl dem Kranken, oder der Nattern Gift? Soll einer darum den Löwen
bestehen und die Nattern in ihrer Höhle besuchen und in die Gefahr
selbsteignen Todes sich wagen, auf eines Arztes Rat? Laß ab, o Frau, von
deinem törichten Vorhaben und laß uns an jenen Ort ziehen, während unsre
Jungen hier bleiben; dort findest du Fische mancherlei Art, vielleicht
auch jene heilsamen, und die weiß niemand dann, außer uns. Wer an
besorglicher gefahrvoller Stätte sein Heilkraut sucht, dem möcht’ es
ergehen, wie es dem alten Affen erging.“ — „Wie erging es diesem?“
fragte das Vogelweibchen, und Vogel Holgott erzählte:
Von zwei Affen.
„Ein alter Affe lebte an einem fruchtbaren Ort, wo Bäume und Früchte,
Wasser und Weiden im Überfluß vorhanden waren. Da er nur immer im
Wohlleben war, so bekam er in seinem Alter die Raute und war damit sehr
geplagt, wurde mager und kraftlos, so daß er seine Speise nicht mehr
erlangen konnte. Da kam ein andrer Affe zu ihm und fragte ihn
verwundert: ‚Ei, wie kommt es, daß ich dich so krank und abgezehrt sehen
muß?‘ — ‚Ach!‘ seufzte der alte Affe, ‚ich weiß keine andere Ursache,
als den Willen Gottes, dem niemand zu entfliehen vermag.‘ Darauf sprach
jener: ‚Ich kannte einen Freund, der trug dasselbe Siechtum, und es half
ihm nichts, als das Haupt einer schwarzen Natter. Als er das aß, so
genas er, das solltest du auch tun!‘ — Ihm entgegnete der alte Affe:
‚Wer gibt mir ein solches Natterhaupt, da ich so schwach bin, kaum eine
Frucht von dem Baume zu erlangen?‘ Darauf versetzte jener: ‚Vor zwei
Tagen sah ich vor einer Höhle in einem Felsen einen Mann stehen, der
lauerte auf die schwarze Natter, die in der Höhle lag, und wollte ihr
die Zunge ausziehen, weil er einer solchen bedürftig war; da will ich
dich hinbringen. Hat der Mann die Natter getötet, so nimmst du das Haupt
und ißt es.‘ — Der alte Affe sprach: ‚Ich bin siech und krank, werde ich
gesund und stark, so will ich dir gern deinen Dienst vergelten.‘ Da
führte jener Affe den alten in die Felsenhöhle, darin er einen Drachen
wohnen wußte. Vor der Höhle waren große Fußtritte, wie die eines
Menschen, der alte Affe dachte, die habe der Mann zurückgelassen, der
die Natter getötet, kroch hinein und suchte das Haupt. Da zuckte der
Drache hervor und erwürgte ihn und fraß ihn. Der junge aber freute sich,
daß er seinen Gesellen verlockt und betrogen hatte und nun im alleinigen
Besitz der schönen Fruchtbäume war.“
Als Vogel Holgott seinem Weibchen dies erzählt hatte, fügte er noch
hinzu: „Dies sage ich der Lehre halber, die darinnen liegt: Es soll kein
Vernünftiger sein Leben wagen auf einen törichten und betrüglichen Rat
hin.“ Aber das Weibchen sprach: „Ich habe dich recht wohl verstanden,
allein hier ist es doch ein ganz andrer Fall, denn die Fische, die ich
meine, sind ohne Gefahr zu holen und werden unsern Jungen sehr dienlich
sein.“