Und nach acht Tagen richtig, da kam ein weißer Wolf in das Königsschloß,

und die Königstochter mußte sich auf seinen Rücken setzen, und heisa, da

ging’s durch dick und dünn, bergauf und ab, und die Königstochter konnte

das Reiten auf dem Wolf nicht aushalten und fragte: „Ist’s noch weit?“ —

„Schweig! Weit, weit ist’s noch zum gläsernen Berge — schweigst du

nicht, so werf ich dich herunter!“ Nun ging es wieder so fort, bis die

arme Königstochter wieder zagte und klagte und fragte, ob es noch weit

sei? Und da sagte ihr der Wolf die nämlichen drohenden Worte, und rannte

immer fort, immer weiter, bis sie zum dritten Male die Frage wagte, da

warf er sie auf der Stelle von seinem Rücken herunter und rannte davon.

Nun war die arme Prinzessin ganz allein in dem finstern Walde, und ging

und ging und dachte: Endlich werde ich doch einmal zu Leuten kommen. Und

endlich kam sie an eine Hütte, da brannte ein Feuerchen und da saß ein

altes Waldmütterchen, das hatte ein Töpfchen am Feuer. Und da fragte die

Königstochter: „Mütterchen, hast du den weißen Wolf nicht gesehen?“ —

„Nein, da mußt du den Wind fragen, der fragt überall herum, aber bleibe

erst noch ein wenig hier und iß mit mir. Ich koche hier ein

Hühnersüppchen.“ Das tat die Prinzessin, und als sie gegessen hatten,

sagte die Alte: „Nimm die Hühnerknöchelchen mit dir, du wirst sie gut

gebrauchen können.“ Dann zeigte ihr die Alte den rechten Weg nach dem

Winde.

Als die Königstochter bei dem Winde ankam, fand sie ihn auch am Feuer

sitzen und sich eine Hühnersuppe kochen, aber auf ihre Frage nach dem

weißen Wolf antwortete er ihr: „Liebes Kind, ich habe ihn nicht gesehen,

ich bin heute einmal nicht gegangen, und wollte mich einmal hübsch

ausruhen. Frage die Sonne, die geht alle Tage auf und unter, aber erst

mache es wie ich, ruhe dich aus und iß mit mir, kannst hernach auch alle

die Hühnerknöchlein mit dir nehmen, wirst sie wohl gut brauchen können.“

Als dies geschehen war, ging die Kleine nach der Sonne zu, und es ging

da gerade wieder wie beim Winde, die Sonne kochte sich gerade eine

Hühnersuppe an sich selbst, daher es damit sehr geschwind ging, hatte

auch den weißen Wolf nicht gesehen, und lud die Prinzessin zum Mitessen

ein. „Du mußt den Mond fragen, denn wahrscheinlich läuft der weiße Wolf

nur des Nachts, und da sieht der Mond alles.“ Als nun die Königstochter

mit der Sonne gegessen und die Knöchlein aufgesammelt hatte, ging sie

weiter und fragte den Mond. Auch er kochte Hühnersuppe und sagte: „Es

ist fatal, ich habe letzt nicht geschienen, oder bin zu spät

aufgegangen, ich weiß gar nichts von dem weißen Wolf.“ Da weinte das

Mädchen und rief: „O Himmel, wen soll ich nun fragen?“ — „Nun, nur

Geduld, mein Kind!“ sagte der Mond. — „Vor Essen wird kein Tanz, setze

dich und iß erst die Hühnersuppe mit mir und nimm auch die Knöchelchen

mit, du wirst sie wohl brauchen. Etwas Neues weiß ich doch; im gläsernen

Berge das schwarze Männchen — das hält heute Hochzeit, der Mann im Mond

ist auch dazu eingeladen.“ — „Ach, der gläserne Berg, der gläserne Berg!

Dahin wollte ich ja eben, dahin hat mich ja der weiße Wolf tragen

sollen!“ rief die Königstochter. „Nun, bis dorthin kann ich dir schon

leuchten und den Weg zeigen,“ sagte der Mond, „sonst könntest du dich

leichtlich irren, denn ich zum Beispiel bestehe ganz und gar aus lauter

gläsernen Bergen. Nimm immer deine Knöchlein hübsch alle mit.“ Das tat

die Prinzessin, aber in der Eile vergaß sie doch ein Knöchlein.

Bald stand sie an dem gläsernen Berge, aber der war ganz glatt und

glitschig, da war nicht hinaufzukommen, aber da nahm die Königstochter

alle Hühnerknöchlein von der alten Waldmutter, von dem Wind, von der

Sonne und von dem Monde, und machte sich daraus eine Leiter, die wurde

sehr lang, aber o weh, zuletzt fehlte noch eine einzige Sprosse, noch

ein Glied. Da schnitt sich die Prinzessin das oberste Gelenk von ihrem

kleinen Finger ab, und so tat es gut, und sie konnte nun rasch zum

Gipfel des gläsernen Berges klimmen. Oben war eine große Öffnung, da

führte eine schöne Treppe hinunter, und war alles voll Glanz und Pracht,

und war ein Saal da voll Hochzeitsgäste und viele Musikanten und

reichbesetzte Tafeln. Und da saß das schwarze Männlein und an seiner

Seite saß eine Dame, die war seine Braut, das schwarze Männlein aber

schien traurig. Und der Königstochter tat es auch so weh, so weh, daß

sie nun zu spät kam, und daß das schwarze Männlein so traurig war, und

dachte bei sich: Ich will ein Lied vom weißen Wolf singen, vielleicht

kennt er mich dann — denn er hatte sie noch gar nicht angesehen,

folglich auch nicht wiedererkannt. Und da stand eine Harfe an der Wand,

welche die Prinzessin gut spielte, die nahm sie nun und sang:

„Deinen besten Hund, den mag ich nicht,

Mir ist was andres lieb!

Die jüngste Königstochter.“

„Der weiße Wolf, der lief davon,

Sie weiß nicht, wo er blieb;

Die jüngste Königstochter.“

Da horchte das schwarze Männlein hoch auf, aber die Prinzessin fuhr fort

zu spielen und zu singen:

„Sie ist dem Wolfe nachgereist,

Schnitt ab ihr Fingerglied,

Die jüngste Königstochter.“

„Nun ist sie da — du kennst sie nicht,

Traurig singt dir dies Lied

Die jüngste Königstochter.“

Da sprang das schwarze Männlein von seinem Sitze auf, und war plötzlich

ein ganz schöner junger Prinz und eilte auf sie zu und schloß sie in

seine Arme.

Alles war Zauber gewesen. Der Prinz war in das alte Männlein und in den

weißen Wolf und in den gläsernen Berg hinein verzaubert, so lange, bis

eine Prinzessin, um zu ihm zu gelangen, sich’s ein Glied von ihrem

kleinen Finger kosten lassen würde, wenn das aber bis zu einer gewissen

Zeit nicht geschähe, so müsse er eine andre freien und ein schwarzes

Männlein bleiben all sein Leben lang. Nun war der Zauber gelöst, die

andre Braut verschwand, der entzauberte Prinz heiratete die

Königstochter, reiste darauf mit ihr zu ihrem Vater, der sich herzlich

freute, sie wiederzusehen, und lebten alle glücklich miteinander bis an

ihr Ende. Sollte dieses aber nicht erfolgt sein, so ist es einigermaßen

wahrscheinlich, daß sie noch heute leben.

Bruder Sparer und Bruder Vertuer.

Es war einmal ein Bauer, der hatte zwei Söhne, die ließ er Handwerke

lernen, „denn,“ sprach er, „Handwerk hat einen goldnen Boden“. Der eine

Sohn wurde ein Schuhmacher, der andere ein Schneider, und wie ihre

Lehrzeit beendigt war, gingen sie auf die Wanderschaft. Sie waren beide

ein paar lustige Brüder, aber der Schuhmacher vertat alle sein Geld in

Rauchtabak, Schnupftabak und Schnaps, der Schneider aber rauchte nicht,

schnupfte und schnapste nicht. Bisweilen riet er seinem Bruder, doch

haushälterisch mit dem Gelde umzugehen, aber der Schuster lachte ihn aus

und sagte: „Wozu soll ich denn sparen? _du_ sparst ja! Sparer muß einen

Vertuer haben, — sagt das Sprichwort.“

So wanderten die guten Gesellen ein ganzes Jahr lang miteinander. Der

Schneider hielt sich einen besondern Geldbeutel, da hinein legte er

jedesmal, wenn sein Bruder Geld für unnütze Dinge ausgab, ebensoviel aus

der gemeinschaftlichen Kasse, die niemals reich war, zu einem

Notpfennig, und so tat er das ganze Jahr hindurch und hatte seine Freude

daran, wie das Bäuchlein des Beutelchens immer stärker wurde.

Nun kamen sie einmal miteinander in Wortwechsel, wieder über Sparen und

Vertuen; der Schneider rühmte sich des ersparten Schatzes, wo der

Schuster sagte: „Es wird ein rechter Bettel sein, was du erspart hast.“

Darüber gelangten sie auf eine Brücke, die hatte schöne, breite und

glatte Steine auf ihrer Einfassungsmauer, und da wollte der Schneider

seinen Bruder überzeugen, daß Sparen ein gut Ding sei, denn das

Sprichwort sagt: Spare in der Zeit, so hast du in der Not, und: Junges

Blut, spar’ dein Gut! Darben im Alter wehe tut. Sie legten ihre Ränzel

ab, und der Schneider zog sein Beutelchen und zählte die schönen

Silbergroschen und Sechser, die vom langen Tragen ganz rötlich geworden

waren, auf einem Brückenstein; es war ein hübsches Sümmchen, und er

freute sich königlich darüber. Der Schuhmacher sah es ganz gleichgültig,

stopfte sich eine Pfeife und schlug eben Feuer, als plötzlich ein so

heftiger Windstoß daherkam, daß das Schneiderlein gleich in den Fluß

geweht worden wäre, wenn die Brücke keine Einfassung gehabt hätte, aber

das Geld, das wehte der Wind alles hinunter ins Wasser. Der Schneider

stand starr vor Schrecken, der Schuhmacher aber legte den brennenden

Schwamm auf die Pfeife und fragte mit dem ruhigsten Gesicht von der

Welt: „Na, Bruder Sparer, wieviel hast du nun?“ Da heulte der Schneider,

daß ihn der Bock stieß: „Soviel wie Duhuhuhuhu! Soviel wie

Duhuhuhuhu!“ —

Rupert, der Bärenhäuter.

Es war einmal ein Bursch von stämmigem Bau, der schaute trutziglich in

die Welt und hatte Mut, mit aller Welt anzubinden, ging dieserhalb unter

die Soldaten und schlug sich wacker und tapfer mit dem Feinde herum, bis

man Frieden machte und den Soldaten ihren Abschied gab, daß sie hingehen

konnten, woher sie gekommen waren, oder wohin sie sonst wollten. Da

dachte Rupert: ich will zu meinen Brüdern gehen — denn Eltern hatte er

nicht mehr — und wollte bei ihnen bleiben, bis wieder Krieg wäre. Die

Brüder aber sagten: „So einer fehlte uns eben, der auf den Krieg wartet

— ei, warte du! Wir wollen nichts wissen von Krieg und von Kriegern, wir

wollen _Ruhe_ haben! Hast du dich im Kriege durchgeschlagen, so schlage

dich auch im Frieden durch; vor der Türe ist _dein_, daß du es weißt!“ —

Da gab der Soldat Rupert seinen Brüdern kein einziges gutes Wort, nahm

seinen Schießprügel und ging wieder fort in die Welt — und kam in einen

großen Wald und sprach zu sich: Es ist schändlich, einen tapfern

Burschen und Kriegsmann so fortzuschicken mitten in den Frieden hinein,

mit dem unsereiner doch auf der Gotteswelt nichts anzufangen weiß. Ich

muß Krieg haben! Wenn nur einer käme, mit dem ich anbinden könnte, und

wenn’s der Teufel selber wär’! — und wie Rupert das dachte, lud er sein

Gewehr und tat einen starken Schuß hinein mit doppelter Ladung und auch

zwei Kugeln. Da kam ein großer Mann durch den Wald auf Rupert zu, hatte

einen schwarzen Schlapphut auf, mit roter Hahnenfeder darauf, eine

krumme Habichtnase, einen fuchsfeuerroten Bart, und einen grünen

Jägerrock an und fragte: „Wo hinaus, Gesell?“ — „Was habt Ihr danach zu

fragen?“ — fragte Rupert grob zurück, weil er gern anbinden wollte mit

dem ersten besten, oder auch mit dem ersten schlimmsten. — „Hoho! Nur

nicht so patzig!“ — rief der Grüne mit dem Schlapphut und der roten

Hahnenfeder. „Fehlt dir was, so kann ich helfen!“ — „Mir fehlt es bloß

am Besten, am Geld!“ antwortete Rupert. — „Solltest Geld die Fülle

haben, wenn du Mut hättest!“ — „Mut? Sappernunditjö! Herr, wer sagt Ihm,

daß ich keinen Mut habe? Ich, ein Soldat, und keinen Mut? Mut wie der

Teufel!“ — „Schau um dich!“ — sprach der Grüne — und da schaute Rupert

um, da stand ein Bär hinter ihm, schier so groß wie ein Nashorn, und

sperrte den Rachen auf und brüllte, und kam, auf den Hinterbeinen

gehend, auf Rupert zu — der aber nahm sein Gewehr, legte an und sagte:

„Willst du eine Prise Schnupftabak? Da hast du eine Prise!“ — und schoß

dem Bär die doppelte Ladung in seine Nase hinein, in jedes Loch eine

Kugel, die bis ins Hirn drang — und da tat der Bär einen mächtigen Satz

und einen lauten Brüll, fiel um und war hin. — „Schau, schau, Mut hast

du, wie ich merke!“ — sagte der Grüne im Schlapphut mit der roten

Hahnenfeder „und so sollst du auch Geld von mir haben, soviel du nur

willst, doch unter _einer_ Bedingung!“ —

„Die möcht ich hören!“ sprach Rupert, der längst gemerkt hatte, mit

_wem_ er’s zu tun, denn zu dem einen Stiefel hatte der Schuster, wie es

schien, ein absonderliches Maß genommen, gerade als wenn er einem Pferde

einen Stiefel gemacht. — „Soll’s etwa die Seligkeit sein — so dank’ ich

schönstens!“ — fuhr Rupert fort.

„Dummer Kerl!“ entgegnete der Waldjäger, „was habe ich von deiner

Seligkeit? Die kannst du für dich behalten, an der liegt mir gar nichts.

Nein, _das_ ist meine Bedingung, daß du in den nächsten sieben Jahren

dich nicht wäschst, nicht kämmst, dir nicht den Bart scherst, die Nägel

nicht schneidest, in keinem Bette schläfst und kein Vaterunser betest,

was ohnehin nicht deines Kriegshandwerks Sache ist. Dafür gebe ich dir

Rock und Mantel, die du aber auch einzig und allein in diesen sieben

Jahren tragen mußt. Stirbst du innerhalb dieser Zeit, so bist du mein;

bleibst du am Leben, so habe ich kein Teil an dir, du aber hast Geld

nach wie vor, und kannst damit anfangen, was du willst, und ich putze

dich wieder sauber, und sollt’ es mit meiner Zunge sein.“ —

„So — und das alles nennst du _eine_ Bedingung?“ fragte Rupert. „Mich

dünkt, es wären ihrer schier ein Dutzend, doch, es sei darum, ich will

es probieren, probiert geht über studiert!“ — „Topp!“ sagte der Teufel

und zog den grünen Rock aus und zog auch sehr geschwind dem toten Bären

das Fell ab, und fuhr fort: „Hier ist dein Rock, hier ist dein Mantel

und deine Bettdecke. In die Rocktasche brauchst du nur zu greifen, so

findest du Geld, und die Bärenhaut, mit der deckst du dich, du

_Bärenhäuter_ du; das ist der schönste Faulpelz, den einer sich nur

wünschen kann, der die Taschen voll Geld hat, und daher nicht nötig,

etwas zu tun!“ —

Als Rupert den grünen Rock angezogen hatte, griff er vor allen Dingen in

die Tasche, um zu sehen, ob es auch wahr sei mit dem Gelde, denn er

traute dem Teufel nicht, dieweil dieser ein Vater der Lügen genannt

wird. Da aber die Tasche sich als ein nimmerleerer Fortunatussäckel

erwies, so hing Rupert seine Bärenhaut um, und ging ohne Adieu vom

Teufel hinweg, denn dieser war indes verschwunden.

Rupert lebte nun in den Tag hinein, ließ den lieben Gott einen guten

Mann sein und den Teufel auch einen guten Mann, ließ seinen Bart

stattlich wachsen, daß er ganz wahlfähig in irgendeinem deutschen oder

polnischen Reichstag erschien, denn die Kraft steckt im Haar, das lehrt

bereits die Geschichte Simsons, und brachte es dahin, daß er schon im

zweiten Jahre aussah, wie ein Schubut und Waldschratt, zumal auch seine

Fingernägel außerordentlich aristokratisch-vornehm noch über das

chinesische Maß hinausgewachsen waren. Die Leute wichen ihm aus, wenn

sie ihn von weitem sahen oder rochen, denn obwohl er keinen Tabak

rauchte, so roch er doch schon von weitem viel ärger als ein Wiedehopf,

der überhaupt mit Unrecht als Stinkhahn verschrien ist, denn der

Wiedehopf selbst stinkt gar nicht, nur seine Unreinlichkeit und das,

womit er umgeht, bringen ihn in so schlimmen Ruf.

Nun gab aber der Bärenhäuter den Armen immer viel Geld, damit sie beten

sollten, daß er die sieben Jahre überdaure, und die Armen nahmen gern

das Geld und versprachen recht fleißig zu beten. Ob sie’s getan haben,

weiß ich nicht, und die Wirte nahmen ihn auch gern auf, da er viel

aufgehen ließ, und überhaupt steht baumfest, daß, wenn einer nur Geld

hat und es aufgehen läßt, da darf er ungescheut der ärgste Bärenhäuter

sein, er findet stets Anhang und Anklang und Anerkennung, aber _Geld_

gehört ein für allemal dazu.

Nun ging die Bärenhäuterei schon das vierte Jahr, und der Bärenhäuter

hatte sie satt, denn er gefiel sich selbst nicht mehr, geschweige

andern; im Gesicht schleppte er einen sehr belebten Urwald von Haarmoos

herum, an den Fingern waren ihm Mistgabeln gewachsen, und sonderlichen

Spaß hatte er auch nicht, trotz allen Geldes. In den Wirtshäusern gab

man ihm stets die hintersten und höchsten Zimmer, drei, vier, fünf

Treppen hoch und immer nahe bei den Retiraden. Einst saß er nun so ganz

verdrießlich in seinem Zimmerchen, sann über sein Schicksal nach, und

wünschte sehnlichst seine Zeit herum, wo er einen neuen Menschen an- und

den Schweinigelsbart samt den Galgennägeln an den Fingern ablegen

wollte, da hörte er nebenan jemand ächzen und krächzen zum

Steinerbarmen. Gleich ging er hinüber, dem Nachbar beizustehen, denn der

Bärenhäuter hatte von Natur ein mildes und gutes Herz. Da saß ein

wehklagender und jammernder alter Mann, der dachte, als der Bärenhäuter

kam, der Böse sei es, und wolle ihn holen, denn der Bärenhäuter sah dem

Teufel viel ähnlicher, als sonst einem Geschöpf Gottes, doch ließ er

sich endlich besänftigen und bewegen, seine Not zu klagen. Diese Not war

nun gerade dieselbe, die des Bärenhäuters Not auch gewesen war, nämlich

die bekannte _Geldnot_. Der gute Alte hatte drei Töchter und viele

Schulden, und sollte eben ein sehr eingezogenes Leben führen, weil er

den Wirt, der ihn ausgezogen hatte, nicht bezahlen konnte. Der

Bärenhäuter lachte darüber; der freilich hatte gut lachen, wie jeder,

dem ein Goldborn in der Tasche quillt. Er bezahlte des alten Mannes

Schulden bei Heller und Pfennig, und dieser lud ihn ein, mit ihm zu

gehen und seine Töchter zu sehen, die nicht wenig schön seien, und eine

davon solle ihn aus Dankbarkeit heiraten. Das war dem Bärenhäuter recht,

denn er hatte viele Zeit übrig, und ward ihm die Zeit oft lang auf

seiner Bärenhaut, und ging auf Eroberungen aus, wie ein tapfrer Soldat

immer tun soll, nur war es schade, daß er sich nicht nett und niedlich

machen durfte, kein Stutz- und Spitzbärtchen, schwarz gewichst, und

keine frisierten Löckchen und schlanke Flanken und glatte Nägel und kein

kölnisches Wasser und keine Havannazigarre erster Sorte. Das alles

durfte er nicht, sondern mußte ganz Bärenhäuter bleiben und hingehen und

Sturm laufen wie er leibte und lebte, war, stand, ging und roch. Die

beiden ältesten Töchter des geretteten Mannes entsetzten sich vor dem

Ungetüm, das die Perücke mit unterschiedlichen Zöpfen übers Gesicht

trug, statt auf dem Hinterkopf, das Patschhändchen gab wie der Vogel

Greif, und das seine Wäsche bereits vier Jahr trug, davon selbige ganz

isabellfarbig geworden war, und roch, wie ein altes leeres Essigfaß im

Kellergewölbe, nichts weniger als appetitlich. Nur die jüngste Tochter,

und zugleich die schönste, hielt stand, indem sie nicht davonlief. Sie

behielt im Auge, daß dieser Bärenhäuter ihren Vater gerettet hatte, und

dadurch sie selbst mit von Schimpf und Schande; sie besaß die schöne

Tugend der Dankbarkeit, die so viele nicht besitzen. Da nun der

Bärenhäuter wahrnahm, daß dieses schöne Kind nicht vor seiner häßlichen

und abschreckenden Gestalt zurückbebte, ja, daß es des Vaters Wort bei

ihm erfüllen wollte — so bot er ihr einen schönen Ring, doch nur zur

Hälfte — als Wahrzeichen, daß er sich mit ihr verlobe, und bat sie,

recht fleißig für ihn zu beten, daß er noch drei Jahre, und womöglich

auch etwas darüber, am Leben bliebe, und nahm auf drei Jahre Abschied,

um sich in dieser Zeit zu entbärenhäutern und nach deren Ablauf als ein

wohlgelecktes Herrchen wiederzukommen. Dies Kunststück kann auch nicht

jeder machen; mancher geht als leidlich guter und zahmer Junge vom

Elternhause fort und kommt waldteufelähnlich zurück als der größte

Bärenhäuter, den es nur geben kann. Die junge Schönste und schönste

Junge, die sich dem Bärenhäuter verlobt hatte, kleidete sich schwarz,

und hatte von ihren Schwestern ob ihres zotteligen Bräutigams gar viel

auszustehen. Diese spöttelten, bald die eine, bald die andre: „Gib acht,

wenn du ihm die Hand reichst, daß er sie dir nicht abbeißt, denn er hat

dich freßlieb!“ — „Nimm dich in acht, mein süßes Kind, daß er dich nicht

aufleckt, Bären lieben den Honig!“ — „Tue ihm ja allen Willen, sonst

brummt er, dein zukünftiger Zottelbär!“ — „Ei, was wird das für eine

lustige Hochzeit werden, wenn erst der Bärentanz losgeht!“ — Doch die

junge Braut schwieg zu allem still und ließ ihre älteren Schwestern

spötteln und witzeln, soviel sie wollten, unterdessen setzte ihr

Verlobter sein Leben fort, doch ohne des Guten und Schlimmen zuviel zu

tun, lebte sich glücklich durch das letzte der sieben Jahre hindurch,

und suchte am letzten Tage das Plätzchen wieder auf, wo ihm vor sieben

Jahren der Teufel erschienen war. Dieser erschien auch richtig wieder,

doch mit einiger Verstimmung, denn er merkte, daß der Bärenhäuter der

Bärenhäuterei längst überdrüssig war und mit ihm brechen wollte, wollte

daher das Geschäft klug machen, und die Röcke wieder umtauschen, aber

der Bärenhäuter sagte: „So geschwind geht es nicht, erst leckst du mich

und putzest mich rein, wie du zugesagt, damit ich wieder einem hübschen

Menschen gleich sehe, und nicht einem Waldschratt oder dir, du unsaubrer

Geist!“ Da mußte der Teufel den Bärenhäuter hübsch renovieren, ihm die

Haare kämmen mit seinen Fingern, und mit seiner Zunge, die wie ein

Reibeisen kratzte, ihm die Haut rein ablecken, ihm auch die Nägel

schneiden, und mußt ihn waschen, und wieder ganz schön machen. Das kam

ihm sauer an, und war ein schwer Stück Arbeit, denn man hat gesehen in

der Welt, was das mit einjährigen Bärenhäutern schon für eine Hauptmühe

kostet, geschweige nun, wenn einer _sieben_ Jahre in der Bärenhäuterei

verharrte. Dann bekam der Teufel von dem weiland Bärenhäuter,

nunmehrigen Herrn Rupert, einen rechten Tritt zum Valet, und der

letztere kleidete sich sehr schön, und reiste mit Extrapost und Dampf

nach dem Wohnort seiner Verlobten, wo ihn aber niemand kannte. Er

gebärdete sich als ein reicher Freier und ließ verlauten, daß er eine

der drei Schönen heiraten wolle, davon eine bereits seine Verlobte war.

Diese eine hatte gar keine Acht auf ihn, aber ihre Schwestern, die

hätten ihn gar zu gern gemocht, und putzten sich wie die Pfauen, und

zankten sich, welche ihn nehmen sollte. Rupert aber erbat von seiner

Braut einen Becher Weines, trank, und bat sie, ihm Bescheid zu tun; wie

sie das tat, erblickte sie die Hälfte ihres Verlobungsringes in dem

Becher, und war ganz hin vor Erstaunen und süßer Freude. Er aber umfing

sie und küßte sie; da kamen ihre Schwestern geputzt und furchtbar

aufgedonnert dazu, und wurden grün und gelb im Gesicht aus Neid und

Ärger über ihrer Schwester Glück — und rannten davon. Eine stürzte sich

voll Groll und Grimm in den Ziehbrunnen, die andre hängte sich voll Gift

und Galle auf dem Boden auf, und da war auch gleich der Teufel bei der

Hand, fing beider Seelen auf und sagte: „Eine Seele mußt’ ich haben —

und nun habe ich zwei. Wünsche Glück zur Hochzeit!“ — Damit fuhr er ab,

und Rupert heiratete nach der Austrauer seine liebholde schönste Jüngste

und ist niemals mehr wieder ein Bärenhäuter geworden.

Das Märchen vom Ritter Blaubart.

Es war einmal ein gewaltiger Rittersmann, der hatte viel Geld und Gut

und lebte auf seinem Schlosse herrlich und in Freuden. Er hatte einen

blauen Bart, davon man ihn nur Ritter Blaubart nannte, obschon er

eigentlich anders hieß, aber sein wahrer Name ist verloren gegangen.

Dieser Ritter hatte sich schon mehr als einmal verheiratet, allein man

hatte gehört, daß alle seine Frauen schnell nacheinander gestorben

seien, ohne daß man eigentlich ihre Krankheit erfahren hatte. Nun ging

Ritter Blaubart abermals auf Freiersfüßen, und da war eine Edeldame in

seiner Nachbarschaft, die hatte zwei schöne Töchter und einige

ritterliche Söhne, und diese Geschwister liebten einander sehr zärtlich.

Als nun Ritter Blaubart die eine dieser Töchter heiraten wollte, hatte

keine von beiden rechte Lust, denn sie fürchteten sich vor des Ritters

blauem Bart, und mochten sich auch nicht gern voneinander trennen. Aber

der Ritter lud die Mutter, die Töchter und die Brüder samt und sonders

auf sein großes schönes Schloß zu Gaste, und verschaffte ihnen dort

soviel angenehmen Zeitvertreib und soviel Vergnügen durch Jagden,

Tafeln, Tänze, Spiele und sonstige Freudenfeste, daß sich endlich die

jüngste der Schwestern ein Herz faßte und sich entschloß, Ritter

Blaubarts Frau zu werden. Bald darauf wurde auch die Hochzeit mit vieler

Pracht gefeiert.

Ludwig Bechsteins Märchenbuch Mit 176 Holzschnitten nach Originalzeichnungen von Ludwig Richter · 第 22 / 26 段