und die Königstochter mußte sich auf seinen Rücken setzen, und heisa, da
ging’s durch dick und dünn, bergauf und ab, und die Königstochter konnte
das Reiten auf dem Wolf nicht aushalten und fragte: „Ist’s noch weit?“ —
„Schweig! Weit, weit ist’s noch zum gläsernen Berge — schweigst du
nicht, so werf ich dich herunter!“ Nun ging es wieder so fort, bis die
arme Königstochter wieder zagte und klagte und fragte, ob es noch weit
sei? Und da sagte ihr der Wolf die nämlichen drohenden Worte, und rannte
immer fort, immer weiter, bis sie zum dritten Male die Frage wagte, da
warf er sie auf der Stelle von seinem Rücken herunter und rannte davon.
Nun war die arme Prinzessin ganz allein in dem finstern Walde, und ging
und ging und dachte: Endlich werde ich doch einmal zu Leuten kommen. Und
endlich kam sie an eine Hütte, da brannte ein Feuerchen und da saß ein
altes Waldmütterchen, das hatte ein Töpfchen am Feuer. Und da fragte die
Königstochter: „Mütterchen, hast du den weißen Wolf nicht gesehen?“ —
„Nein, da mußt du den Wind fragen, der fragt überall herum, aber bleibe
erst noch ein wenig hier und iß mit mir. Ich koche hier ein
Hühnersüppchen.“ Das tat die Prinzessin, und als sie gegessen hatten,
sagte die Alte: „Nimm die Hühnerknöchelchen mit dir, du wirst sie gut
gebrauchen können.“ Dann zeigte ihr die Alte den rechten Weg nach dem
Winde.
Als die Königstochter bei dem Winde ankam, fand sie ihn auch am Feuer
sitzen und sich eine Hühnersuppe kochen, aber auf ihre Frage nach dem
weißen Wolf antwortete er ihr: „Liebes Kind, ich habe ihn nicht gesehen,
ich bin heute einmal nicht gegangen, und wollte mich einmal hübsch
ausruhen. Frage die Sonne, die geht alle Tage auf und unter, aber erst
mache es wie ich, ruhe dich aus und iß mit mir, kannst hernach auch alle
die Hühnerknöchlein mit dir nehmen, wirst sie wohl gut brauchen können.“
Als dies geschehen war, ging die Kleine nach der Sonne zu, und es ging
da gerade wieder wie beim Winde, die Sonne kochte sich gerade eine
Hühnersuppe an sich selbst, daher es damit sehr geschwind ging, hatte
auch den weißen Wolf nicht gesehen, und lud die Prinzessin zum Mitessen
ein. „Du mußt den Mond fragen, denn wahrscheinlich läuft der weiße Wolf
nur des Nachts, und da sieht der Mond alles.“ Als nun die Königstochter
mit der Sonne gegessen und die Knöchlein aufgesammelt hatte, ging sie
weiter und fragte den Mond. Auch er kochte Hühnersuppe und sagte: „Es
ist fatal, ich habe letzt nicht geschienen, oder bin zu spät
aufgegangen, ich weiß gar nichts von dem weißen Wolf.“ Da weinte das
Mädchen und rief: „O Himmel, wen soll ich nun fragen?“ — „Nun, nur
Geduld, mein Kind!“ sagte der Mond. — „Vor Essen wird kein Tanz, setze
dich und iß erst die Hühnersuppe mit mir und nimm auch die Knöchelchen
mit, du wirst sie wohl brauchen. Etwas Neues weiß ich doch; im gläsernen
Berge das schwarze Männchen — das hält heute Hochzeit, der Mann im Mond
ist auch dazu eingeladen.“ — „Ach, der gläserne Berg, der gläserne Berg!
Dahin wollte ich ja eben, dahin hat mich ja der weiße Wolf tragen
sollen!“ rief die Königstochter. „Nun, bis dorthin kann ich dir schon
leuchten und den Weg zeigen,“ sagte der Mond, „sonst könntest du dich
leichtlich irren, denn ich zum Beispiel bestehe ganz und gar aus lauter
gläsernen Bergen. Nimm immer deine Knöchlein hübsch alle mit.“ Das tat
die Prinzessin, aber in der Eile vergaß sie doch ein Knöchlein.
Bald stand sie an dem gläsernen Berge, aber der war ganz glatt und
glitschig, da war nicht hinaufzukommen, aber da nahm die Königstochter
alle Hühnerknöchlein von der alten Waldmutter, von dem Wind, von der
Sonne und von dem Monde, und machte sich daraus eine Leiter, die wurde
sehr lang, aber o weh, zuletzt fehlte noch eine einzige Sprosse, noch
ein Glied. Da schnitt sich die Prinzessin das oberste Gelenk von ihrem
kleinen Finger ab, und so tat es gut, und sie konnte nun rasch zum
Gipfel des gläsernen Berges klimmen. Oben war eine große Öffnung, da
führte eine schöne Treppe hinunter, und war alles voll Glanz und Pracht,
und war ein Saal da voll Hochzeitsgäste und viele Musikanten und
reichbesetzte Tafeln. Und da saß das schwarze Männlein und an seiner
Seite saß eine Dame, die war seine Braut, das schwarze Männlein aber
schien traurig. Und der Königstochter tat es auch so weh, so weh, daß
sie nun zu spät kam, und daß das schwarze Männlein so traurig war, und
dachte bei sich: Ich will ein Lied vom weißen Wolf singen, vielleicht
kennt er mich dann — denn er hatte sie noch gar nicht angesehen,
folglich auch nicht wiedererkannt. Und da stand eine Harfe an der Wand,
welche die Prinzessin gut spielte, die nahm sie nun und sang:
„Deinen besten Hund, den mag ich nicht,
Mir ist was andres lieb!
Die jüngste Königstochter.“
„Der weiße Wolf, der lief davon,
Sie weiß nicht, wo er blieb;
Die jüngste Königstochter.“
Da horchte das schwarze Männlein hoch auf, aber die Prinzessin fuhr fort
zu spielen und zu singen:
„Sie ist dem Wolfe nachgereist,
Schnitt ab ihr Fingerglied,
Die jüngste Königstochter.“
„Nun ist sie da — du kennst sie nicht,
Traurig singt dir dies Lied
Die jüngste Königstochter.“
Da sprang das schwarze Männlein von seinem Sitze auf, und war plötzlich
ein ganz schöner junger Prinz und eilte auf sie zu und schloß sie in
seine Arme.
Alles war Zauber gewesen. Der Prinz war in das alte Männlein und in den
weißen Wolf und in den gläsernen Berg hinein verzaubert, so lange, bis
eine Prinzessin, um zu ihm zu gelangen, sich’s ein Glied von ihrem
kleinen Finger kosten lassen würde, wenn das aber bis zu einer gewissen
Zeit nicht geschähe, so müsse er eine andre freien und ein schwarzes
Männlein bleiben all sein Leben lang. Nun war der Zauber gelöst, die
andre Braut verschwand, der entzauberte Prinz heiratete die
Königstochter, reiste darauf mit ihr zu ihrem Vater, der sich herzlich
freute, sie wiederzusehen, und lebten alle glücklich miteinander bis an
ihr Ende. Sollte dieses aber nicht erfolgt sein, so ist es einigermaßen
wahrscheinlich, daß sie noch heute leben.
Bruder Sparer und Bruder Vertuer.
Es war einmal ein Bauer, der hatte zwei Söhne, die ließ er Handwerke
lernen, „denn,“ sprach er, „Handwerk hat einen goldnen Boden“. Der eine
Sohn wurde ein Schuhmacher, der andere ein Schneider, und wie ihre
Lehrzeit beendigt war, gingen sie auf die Wanderschaft. Sie waren beide
ein paar lustige Brüder, aber der Schuhmacher vertat alle sein Geld in
Rauchtabak, Schnupftabak und Schnaps, der Schneider aber rauchte nicht,
schnupfte und schnapste nicht. Bisweilen riet er seinem Bruder, doch
haushälterisch mit dem Gelde umzugehen, aber der Schuster lachte ihn aus
und sagte: „Wozu soll ich denn sparen? _du_ sparst ja! Sparer muß einen
Vertuer haben, — sagt das Sprichwort.“
So wanderten die guten Gesellen ein ganzes Jahr lang miteinander. Der
Schneider hielt sich einen besondern Geldbeutel, da hinein legte er
jedesmal, wenn sein Bruder Geld für unnütze Dinge ausgab, ebensoviel aus
der gemeinschaftlichen Kasse, die niemals reich war, zu einem
Notpfennig, und so tat er das ganze Jahr hindurch und hatte seine Freude
daran, wie das Bäuchlein des Beutelchens immer stärker wurde.
Nun kamen sie einmal miteinander in Wortwechsel, wieder über Sparen und
Vertuen; der Schneider rühmte sich des ersparten Schatzes, wo der
Schuster sagte: „Es wird ein rechter Bettel sein, was du erspart hast.“
Darüber gelangten sie auf eine Brücke, die hatte schöne, breite und
glatte Steine auf ihrer Einfassungsmauer, und da wollte der Schneider
seinen Bruder überzeugen, daß Sparen ein gut Ding sei, denn das
Sprichwort sagt: Spare in der Zeit, so hast du in der Not, und: Junges
Blut, spar’ dein Gut! Darben im Alter wehe tut. Sie legten ihre Ränzel
ab, und der Schneider zog sein Beutelchen und zählte die schönen
Silbergroschen und Sechser, die vom langen Tragen ganz rötlich geworden
waren, auf einem Brückenstein; es war ein hübsches Sümmchen, und er
freute sich königlich darüber. Der Schuhmacher sah es ganz gleichgültig,
stopfte sich eine Pfeife und schlug eben Feuer, als plötzlich ein so
heftiger Windstoß daherkam, daß das Schneiderlein gleich in den Fluß
geweht worden wäre, wenn die Brücke keine Einfassung gehabt hätte, aber
das Geld, das wehte der Wind alles hinunter ins Wasser. Der Schneider
stand starr vor Schrecken, der Schuhmacher aber legte den brennenden
Schwamm auf die Pfeife und fragte mit dem ruhigsten Gesicht von der
Welt: „Na, Bruder Sparer, wieviel hast du nun?“ Da heulte der Schneider,
daß ihn der Bock stieß: „Soviel wie Duhuhuhuhu! Soviel wie
Duhuhuhuhu!“ —
Rupert, der Bärenhäuter.
Es war einmal ein Bursch von stämmigem Bau, der schaute trutziglich in
die Welt und hatte Mut, mit aller Welt anzubinden, ging dieserhalb unter
die Soldaten und schlug sich wacker und tapfer mit dem Feinde herum, bis
man Frieden machte und den Soldaten ihren Abschied gab, daß sie hingehen
konnten, woher sie gekommen waren, oder wohin sie sonst wollten. Da
dachte Rupert: ich will zu meinen Brüdern gehen — denn Eltern hatte er
nicht mehr — und wollte bei ihnen bleiben, bis wieder Krieg wäre. Die
Brüder aber sagten: „So einer fehlte uns eben, der auf den Krieg wartet
— ei, warte du! Wir wollen nichts wissen von Krieg und von Kriegern, wir
wollen _Ruhe_ haben! Hast du dich im Kriege durchgeschlagen, so schlage
dich auch im Frieden durch; vor der Türe ist _dein_, daß du es weißt!“ —
Da gab der Soldat Rupert seinen Brüdern kein einziges gutes Wort, nahm
seinen Schießprügel und ging wieder fort in die Welt — und kam in einen
großen Wald und sprach zu sich: Es ist schändlich, einen tapfern
Burschen und Kriegsmann so fortzuschicken mitten in den Frieden hinein,
mit dem unsereiner doch auf der Gotteswelt nichts anzufangen weiß. Ich
muß Krieg haben! Wenn nur einer käme, mit dem ich anbinden könnte, und
wenn’s der Teufel selber wär’! — und wie Rupert das dachte, lud er sein
Gewehr und tat einen starken Schuß hinein mit doppelter Ladung und auch
zwei Kugeln. Da kam ein großer Mann durch den Wald auf Rupert zu, hatte
einen schwarzen Schlapphut auf, mit roter Hahnenfeder darauf, eine
krumme Habichtnase, einen fuchsfeuerroten Bart, und einen grünen
Jägerrock an und fragte: „Wo hinaus, Gesell?“ — „Was habt Ihr danach zu
fragen?“ — fragte Rupert grob zurück, weil er gern anbinden wollte mit
dem ersten besten, oder auch mit dem ersten schlimmsten. — „Hoho! Nur
nicht so patzig!“ — rief der Grüne mit dem Schlapphut und der roten
Hahnenfeder. „Fehlt dir was, so kann ich helfen!“ — „Mir fehlt es bloß
am Besten, am Geld!“ antwortete Rupert. — „Solltest Geld die Fülle
haben, wenn du Mut hättest!“ — „Mut? Sappernunditjö! Herr, wer sagt Ihm,
daß ich keinen Mut habe? Ich, ein Soldat, und keinen Mut? Mut wie der
Teufel!“ — „Schau um dich!“ — sprach der Grüne — und da schaute Rupert
um, da stand ein Bär hinter ihm, schier so groß wie ein Nashorn, und
sperrte den Rachen auf und brüllte, und kam, auf den Hinterbeinen
gehend, auf Rupert zu — der aber nahm sein Gewehr, legte an und sagte:
„Willst du eine Prise Schnupftabak? Da hast du eine Prise!“ — und schoß
dem Bär die doppelte Ladung in seine Nase hinein, in jedes Loch eine
Kugel, die bis ins Hirn drang — und da tat der Bär einen mächtigen Satz
und einen lauten Brüll, fiel um und war hin. — „Schau, schau, Mut hast
du, wie ich merke!“ — sagte der Grüne im Schlapphut mit der roten
Hahnenfeder „und so sollst du auch Geld von mir haben, soviel du nur
willst, doch unter _einer_ Bedingung!“ —
„Die möcht ich hören!“ sprach Rupert, der längst gemerkt hatte, mit
_wem_ er’s zu tun, denn zu dem einen Stiefel hatte der Schuster, wie es
schien, ein absonderliches Maß genommen, gerade als wenn er einem Pferde
einen Stiefel gemacht. — „Soll’s etwa die Seligkeit sein — so dank’ ich
schönstens!“ — fuhr Rupert fort.
„Dummer Kerl!“ entgegnete der Waldjäger, „was habe ich von deiner
Seligkeit? Die kannst du für dich behalten, an der liegt mir gar nichts.
Nein, _das_ ist meine Bedingung, daß du in den nächsten sieben Jahren
dich nicht wäschst, nicht kämmst, dir nicht den Bart scherst, die Nägel
nicht schneidest, in keinem Bette schläfst und kein Vaterunser betest,
was ohnehin nicht deines Kriegshandwerks Sache ist. Dafür gebe ich dir
Rock und Mantel, die du aber auch einzig und allein in diesen sieben
Jahren tragen mußt. Stirbst du innerhalb dieser Zeit, so bist du mein;
bleibst du am Leben, so habe ich kein Teil an dir, du aber hast Geld
nach wie vor, und kannst damit anfangen, was du willst, und ich putze
dich wieder sauber, und sollt’ es mit meiner Zunge sein.“ —
„So — und das alles nennst du _eine_ Bedingung?“ fragte Rupert. „Mich
dünkt, es wären ihrer schier ein Dutzend, doch, es sei darum, ich will
es probieren, probiert geht über studiert!“ — „Topp!“ sagte der Teufel
und zog den grünen Rock aus und zog auch sehr geschwind dem toten Bären
das Fell ab, und fuhr fort: „Hier ist dein Rock, hier ist dein Mantel
und deine Bettdecke. In die Rocktasche brauchst du nur zu greifen, so
findest du Geld, und die Bärenhaut, mit der deckst du dich, du
_Bärenhäuter_ du; das ist der schönste Faulpelz, den einer sich nur
wünschen kann, der die Taschen voll Geld hat, und daher nicht nötig,
etwas zu tun!“ —
Als Rupert den grünen Rock angezogen hatte, griff er vor allen Dingen in
die Tasche, um zu sehen, ob es auch wahr sei mit dem Gelde, denn er
traute dem Teufel nicht, dieweil dieser ein Vater der Lügen genannt
wird. Da aber die Tasche sich als ein nimmerleerer Fortunatussäckel
erwies, so hing Rupert seine Bärenhaut um, und ging ohne Adieu vom
Teufel hinweg, denn dieser war indes verschwunden.
Rupert lebte nun in den Tag hinein, ließ den lieben Gott einen guten
Mann sein und den Teufel auch einen guten Mann, ließ seinen Bart
stattlich wachsen, daß er ganz wahlfähig in irgendeinem deutschen oder
polnischen Reichstag erschien, denn die Kraft steckt im Haar, das lehrt
bereits die Geschichte Simsons, und brachte es dahin, daß er schon im
zweiten Jahre aussah, wie ein Schubut und Waldschratt, zumal auch seine
Fingernägel außerordentlich aristokratisch-vornehm noch über das
chinesische Maß hinausgewachsen waren. Die Leute wichen ihm aus, wenn
sie ihn von weitem sahen oder rochen, denn obwohl er keinen Tabak
rauchte, so roch er doch schon von weitem viel ärger als ein Wiedehopf,
der überhaupt mit Unrecht als Stinkhahn verschrien ist, denn der
Wiedehopf selbst stinkt gar nicht, nur seine Unreinlichkeit und das,
womit er umgeht, bringen ihn in so schlimmen Ruf.
Nun gab aber der Bärenhäuter den Armen immer viel Geld, damit sie beten
sollten, daß er die sieben Jahre überdaure, und die Armen nahmen gern
das Geld und versprachen recht fleißig zu beten. Ob sie’s getan haben,
weiß ich nicht, und die Wirte nahmen ihn auch gern auf, da er viel
aufgehen ließ, und überhaupt steht baumfest, daß, wenn einer nur Geld
hat und es aufgehen läßt, da darf er ungescheut der ärgste Bärenhäuter
sein, er findet stets Anhang und Anklang und Anerkennung, aber _Geld_
gehört ein für allemal dazu.
Nun ging die Bärenhäuterei schon das vierte Jahr, und der Bärenhäuter
hatte sie satt, denn er gefiel sich selbst nicht mehr, geschweige
andern; im Gesicht schleppte er einen sehr belebten Urwald von Haarmoos
herum, an den Fingern waren ihm Mistgabeln gewachsen, und sonderlichen
Spaß hatte er auch nicht, trotz allen Geldes. In den Wirtshäusern gab
man ihm stets die hintersten und höchsten Zimmer, drei, vier, fünf
Treppen hoch und immer nahe bei den Retiraden. Einst saß er nun so ganz
verdrießlich in seinem Zimmerchen, sann über sein Schicksal nach, und
wünschte sehnlichst seine Zeit herum, wo er einen neuen Menschen an- und
den Schweinigelsbart samt den Galgennägeln an den Fingern ablegen
wollte, da hörte er nebenan jemand ächzen und krächzen zum
Steinerbarmen. Gleich ging er hinüber, dem Nachbar beizustehen, denn der
Bärenhäuter hatte von Natur ein mildes und gutes Herz. Da saß ein
wehklagender und jammernder alter Mann, der dachte, als der Bärenhäuter
kam, der Böse sei es, und wolle ihn holen, denn der Bärenhäuter sah dem
Teufel viel ähnlicher, als sonst einem Geschöpf Gottes, doch ließ er
sich endlich besänftigen und bewegen, seine Not zu klagen. Diese Not war
nun gerade dieselbe, die des Bärenhäuters Not auch gewesen war, nämlich
die bekannte _Geldnot_. Der gute Alte hatte drei Töchter und viele
Schulden, und sollte eben ein sehr eingezogenes Leben führen, weil er
den Wirt, der ihn ausgezogen hatte, nicht bezahlen konnte. Der
Bärenhäuter lachte darüber; der freilich hatte gut lachen, wie jeder,
dem ein Goldborn in der Tasche quillt. Er bezahlte des alten Mannes
Schulden bei Heller und Pfennig, und dieser lud ihn ein, mit ihm zu
gehen und seine Töchter zu sehen, die nicht wenig schön seien, und eine
davon solle ihn aus Dankbarkeit heiraten. Das war dem Bärenhäuter recht,
denn er hatte viele Zeit übrig, und ward ihm die Zeit oft lang auf
seiner Bärenhaut, und ging auf Eroberungen aus, wie ein tapfrer Soldat
immer tun soll, nur war es schade, daß er sich nicht nett und niedlich
machen durfte, kein Stutz- und Spitzbärtchen, schwarz gewichst, und
keine frisierten Löckchen und schlanke Flanken und glatte Nägel und kein
kölnisches Wasser und keine Havannazigarre erster Sorte. Das alles
durfte er nicht, sondern mußte ganz Bärenhäuter bleiben und hingehen und
Sturm laufen wie er leibte und lebte, war, stand, ging und roch. Die
beiden ältesten Töchter des geretteten Mannes entsetzten sich vor dem
Ungetüm, das die Perücke mit unterschiedlichen Zöpfen übers Gesicht
trug, statt auf dem Hinterkopf, das Patschhändchen gab wie der Vogel
Greif, und das seine Wäsche bereits vier Jahr trug, davon selbige ganz
isabellfarbig geworden war, und roch, wie ein altes leeres Essigfaß im
Kellergewölbe, nichts weniger als appetitlich. Nur die jüngste Tochter,
und zugleich die schönste, hielt stand, indem sie nicht davonlief. Sie
behielt im Auge, daß dieser Bärenhäuter ihren Vater gerettet hatte, und
dadurch sie selbst mit von Schimpf und Schande; sie besaß die schöne
Tugend der Dankbarkeit, die so viele nicht besitzen. Da nun der
Bärenhäuter wahrnahm, daß dieses schöne Kind nicht vor seiner häßlichen
und abschreckenden Gestalt zurückbebte, ja, daß es des Vaters Wort bei
ihm erfüllen wollte — so bot er ihr einen schönen Ring, doch nur zur
Hälfte — als Wahrzeichen, daß er sich mit ihr verlobe, und bat sie,
recht fleißig für ihn zu beten, daß er noch drei Jahre, und womöglich
auch etwas darüber, am Leben bliebe, und nahm auf drei Jahre Abschied,
um sich in dieser Zeit zu entbärenhäutern und nach deren Ablauf als ein
wohlgelecktes Herrchen wiederzukommen. Dies Kunststück kann auch nicht
jeder machen; mancher geht als leidlich guter und zahmer Junge vom
Elternhause fort und kommt waldteufelähnlich zurück als der größte
Bärenhäuter, den es nur geben kann. Die junge Schönste und schönste
Junge, die sich dem Bärenhäuter verlobt hatte, kleidete sich schwarz,
und hatte von ihren Schwestern ob ihres zotteligen Bräutigams gar viel
auszustehen. Diese spöttelten, bald die eine, bald die andre: „Gib acht,
wenn du ihm die Hand reichst, daß er sie dir nicht abbeißt, denn er hat
dich freßlieb!“ — „Nimm dich in acht, mein süßes Kind, daß er dich nicht
aufleckt, Bären lieben den Honig!“ — „Tue ihm ja allen Willen, sonst
brummt er, dein zukünftiger Zottelbär!“ — „Ei, was wird das für eine
lustige Hochzeit werden, wenn erst der Bärentanz losgeht!“ — Doch die
junge Braut schwieg zu allem still und ließ ihre älteren Schwestern
spötteln und witzeln, soviel sie wollten, unterdessen setzte ihr
Verlobter sein Leben fort, doch ohne des Guten und Schlimmen zuviel zu
tun, lebte sich glücklich durch das letzte der sieben Jahre hindurch,
und suchte am letzten Tage das Plätzchen wieder auf, wo ihm vor sieben
Jahren der Teufel erschienen war. Dieser erschien auch richtig wieder,
doch mit einiger Verstimmung, denn er merkte, daß der Bärenhäuter der
Bärenhäuterei längst überdrüssig war und mit ihm brechen wollte, wollte
daher das Geschäft klug machen, und die Röcke wieder umtauschen, aber
der Bärenhäuter sagte: „So geschwind geht es nicht, erst leckst du mich
und putzest mich rein, wie du zugesagt, damit ich wieder einem hübschen
Menschen gleich sehe, und nicht einem Waldschratt oder dir, du unsaubrer
Geist!“ Da mußte der Teufel den Bärenhäuter hübsch renovieren, ihm die
Haare kämmen mit seinen Fingern, und mit seiner Zunge, die wie ein
Reibeisen kratzte, ihm die Haut rein ablecken, ihm auch die Nägel
schneiden, und mußt ihn waschen, und wieder ganz schön machen. Das kam
ihm sauer an, und war ein schwer Stück Arbeit, denn man hat gesehen in
der Welt, was das mit einjährigen Bärenhäutern schon für eine Hauptmühe
kostet, geschweige nun, wenn einer _sieben_ Jahre in der Bärenhäuterei
verharrte. Dann bekam der Teufel von dem weiland Bärenhäuter,
nunmehrigen Herrn Rupert, einen rechten Tritt zum Valet, und der
letztere kleidete sich sehr schön, und reiste mit Extrapost und Dampf
nach dem Wohnort seiner Verlobten, wo ihn aber niemand kannte. Er
gebärdete sich als ein reicher Freier und ließ verlauten, daß er eine
der drei Schönen heiraten wolle, davon eine bereits seine Verlobte war.
Diese eine hatte gar keine Acht auf ihn, aber ihre Schwestern, die
hätten ihn gar zu gern gemocht, und putzten sich wie die Pfauen, und
zankten sich, welche ihn nehmen sollte. Rupert aber erbat von seiner
Braut einen Becher Weines, trank, und bat sie, ihm Bescheid zu tun; wie
sie das tat, erblickte sie die Hälfte ihres Verlobungsringes in dem
Becher, und war ganz hin vor Erstaunen und süßer Freude. Er aber umfing
sie und küßte sie; da kamen ihre Schwestern geputzt und furchtbar
aufgedonnert dazu, und wurden grün und gelb im Gesicht aus Neid und
Ärger über ihrer Schwester Glück — und rannten davon. Eine stürzte sich
voll Groll und Grimm in den Ziehbrunnen, die andre hängte sich voll Gift
und Galle auf dem Boden auf, und da war auch gleich der Teufel bei der
Hand, fing beider Seelen auf und sagte: „Eine Seele mußt’ ich haben —
und nun habe ich zwei. Wünsche Glück zur Hochzeit!“ — Damit fuhr er ab,
und Rupert heiratete nach der Austrauer seine liebholde schönste Jüngste
und ist niemals mehr wieder ein Bärenhäuter geworden.
Das Märchen vom Ritter Blaubart.
Es war einmal ein gewaltiger Rittersmann, der hatte viel Geld und Gut
und lebte auf seinem Schlosse herrlich und in Freuden. Er hatte einen
blauen Bart, davon man ihn nur Ritter Blaubart nannte, obschon er
eigentlich anders hieß, aber sein wahrer Name ist verloren gegangen.
Dieser Ritter hatte sich schon mehr als einmal verheiratet, allein man
hatte gehört, daß alle seine Frauen schnell nacheinander gestorben
seien, ohne daß man eigentlich ihre Krankheit erfahren hatte. Nun ging
Ritter Blaubart abermals auf Freiersfüßen, und da war eine Edeldame in
seiner Nachbarschaft, die hatte zwei schöne Töchter und einige
ritterliche Söhne, und diese Geschwister liebten einander sehr zärtlich.
Als nun Ritter Blaubart die eine dieser Töchter heiraten wollte, hatte
keine von beiden rechte Lust, denn sie fürchteten sich vor des Ritters
blauem Bart, und mochten sich auch nicht gern voneinander trennen. Aber
der Ritter lud die Mutter, die Töchter und die Brüder samt und sonders
auf sein großes schönes Schloß zu Gaste, und verschaffte ihnen dort
soviel angenehmen Zeitvertreib und soviel Vergnügen durch Jagden,
Tafeln, Tänze, Spiele und sonstige Freudenfeste, daß sich endlich die
jüngste der Schwestern ein Herz faßte und sich entschloß, Ritter
Blaubarts Frau zu werden. Bald darauf wurde auch die Hochzeit mit vieler
Pracht gefeiert.