Liebe noch nicht und hatte daher den Vorstellungen seiner Mutter und
seiner Freunde, sich zu verehelichen, noch nicht Raum gegeben. Er fand
aber Vergnügen daran, bei Nacht im Dorfe herumzuschleichen und die
jungen Bursche und Mädchen zu belauschen, was sie in ihren Spinnstuben
trieben, sangen und sagten. Einst nun hörte er ein Gespräch, von dem er
selbst der Gegenstand war. „O, wenn sich unser guter Graf ein Weib
nähme,“ sagte das eine der Mädchen, „so wollte ich, wenn ich’s würde,
ihm die leckersten Speisen kochen.“ — „Und ich,“ fiel eine zweite ein,
„wollte ihm seine Kinder recht gut warten und pflegen.“ — „Ich aber,“
sprach die dritte, „wollte ihm zwei Knäblein bringen, wenn er mich zum
Weibe nähme, die sollten goldne Sternlein auf der Brust tragen.“ Die
andern lachten, der Graf aber hatte allerlei Gedanken und ging auf sein
Schloß.
Am andern Tage ließ er die drei Mädchen rufen und sie mußten ihm alles
noch einmal sagen, was sie gestern miteinander über ihn gesprochen, wenn
er ein Weib nähme. Die letzte weigerte sich lange, denn sie schämte
sich; als sie aber endlich ihren kühnen Wunsch bekannt, nahm sie der
Graf freundlich bei der Hand und sprach: „Du sollst mein Weib sein, wenn
du mir zwei Knäblein gebierst, so wie du gesagt hast; wo aber nicht, so
will ich dich mit Schmach aus meinem Schlosse jagen.“ Das Mädchen
willigte ein, denn sie war freudigen Mutes und trug verborgene Liebe zu
dem Grafen in ihrem Herzen. Die Hochzeit ward demnach begangen, obgleich
die alte Gräfin sehr sauer dazu sah. Als nun einige Monde vergangen
waren und die junge Gräfin sich guter Hoffnung fühlte, begab sich’s, daß
der Graf in ferne Lande ziehen mußte, und er bat seine Mutter, die gegen
ihre Schnur alle Freundlichkeit erheuchelte, ihm alsbald zu schreiben,
wenn seine Gemahlin geboren haben würde.
Die schwere Zeit rückte heran und die junge Frau genas zweier holder
Knäblein, sie trugen goldne Sternlein auf der Brust, sie war aber so
erschöpft, daß sie lange in Ohnmacht lag; als sie nun erwachte und nach
den Kindlein fragte, sagte man ihr, sie habe zwei ungestalte Katzen
geboren, die man ersäuft habe. Darüber jammerte sie sehr, mehr als über
das Unglück, das nun folgte. Schmachvoll ward sie aus dem Hause
gewiesen, wie eine Bettlerin, und niemand erbarmte sich ihrer, als ein
Diener; der vertraute ihr heimlich, daß sie zwei schöne Knäblein mit
goldnen Sternlein auf der Brust geboren habe; sie seien ihm in einem
Korb mit dem Befehl übergeben worden, sie ins Wasser zu werfen, da es
Katzen seien; er habe aber den Korb geöffnet, und da ihn die
unschuldigen Würmlein gedauert, habe er sie einer Muhme zur Erziehung
übergeben. Darüber freute sich die Verstoßene in ihrem Schmerze sehr,
dankte dem mitleidigen Menschen vieltausendmal, eilte zu ihren Kindern
und lebte mehrere Jahre in verborgener Einsamkeit mit ihnen.
Die Knäblein wuchsen heran und wurden immer schöner, die arme Frau
dachte wieder an ihren Gemahl, wenn er die Knäblein sähe, würde er alles
gut machen, was seine böse Mutter an ihr verschuldet. Da träumte ihr,
sie solle unter einen großen Lindenbaum am Kreuzweg gehen, dort werde
sie einen Haufen Leinknotten finden, mit denen solle sie sich die
Taschen füllen, aber ja nicht mehr nehmen und dann nach _Portugal_
gehen, wo ihr Gemahl in den Liebesnetzen einer Zauberin oder Fee
verstrickt sei. Die Frau ging an den Baum, fand die Leinknotten und
füllte sich die Taschen damit an. In einem Walde wurde sie von Räubern
überfallen und ganz ausgeplündert, so daß sie keinen Pfennig behielt;
sie mußte sich durch Betteln weiter helfen, ihre Füße waren blutig
gerissen und noch war ihres Wegs kein Ende. Da tröstete sie abermals ein
Traum in ihrem Elend und verhieß ihr endliches Gelingen. Einst bettelte
sie an der Pforte eines schönen Schlosses; die Edelfrau sah ihre Knaben
und war von ihrer Schönheit aufs höchste überrascht. Sie bat die arme
Frau um einen ihrer Knaben und versprach ihr dafür jede Bitte zu
erfüllen. Der Armen ging es schwer an, eines ihrer Kinder zu missen,
aber sie willigte endlich doch ein und bat dagegen um das goldne
Spinnrädchen, das die Edelfrau eben vor sich stehen hatte. Diese
wunderte sich über das Verlangen, gab jedoch das Rädchen hin, und einer
der beiden Knaben blieb bei ihr zurück. Die arme Frau war weiter und
weiter gegangen und mußte sich endlich auch noch von ihrem zweiten
Knaben trennen, für den sie ein goldnes Weiflein erhielt. Diese beiden
Kleinodien verwahrte sie sehr sorgfältig und setzte ihre beschwerliche
Wanderschaft fort.
Nach unendlichen Mühseligkeiten kam sie denn doch in Portugal an und kam
an das Schloß, wo ihr Gemahl wohnte. Die Diener erzählten ihr, ihr Herr
sei verheiratet, aber noch niemand habe das Antlitz seiner Gemahlin
gesehen, da sie nur des Nachts im Schlosse sei und des Tags wisse
niemand, wohin sie gekommen. Als nun die Sonne untergegangen war,
schlich sie sich in den Schloßgarten, setzte sich unter das Fenster der
Gräfin und drehte ihr Spinnrädlein, daß es wie ein Stern durch die Nacht
leuchtete. Dies sah aber die Zauberin, welche die Gemahlin des Grafen
war, und trat zu der Frau und fragte sie nach dem seltsamen Spielzeug.
Die Frau bot es ihr zum Geschenk an, wenn sie ihr dafür eine Bitte
gewähre, sie bitte nämlich, eine Nacht bei ihrem Gemahl bleiben zu
dürfen. Die Frau wunderte sich darüber sehr, willigte jedoch ein;
heimlich aber gab sie dem Grafen einen Schlaftrunk, so daß er die ganze
Nacht nicht erwachte und die verzweifelte Frau an seiner Seite den
Morgen heranbrechen sah, wo die Zauberin sie abholte. Den nächsten Abend
aber saß sie wieder vor dem Schloß und drehte ihr goldnes Weiflein; die
Zauberin kam wieder und mußte ihr dieselbe Bitte gewähren. Diesmal hatte
sie’s versehen und ihrem Manne den Schlaftrunk nicht stark genug
gemischt; ehe der Morgen anbrach, erwachte er daher, wunderte sich, die
abgemagerte, verkümmerte Frau neben sich zu finden, die nun vor ihm ihr
ganzes Herz ausschüttete. Da ergriff den Grafen eine namenlose Sehnsucht
nach seinen Kindern und versprach ihr, sie wieder als seine Gattin
anzuerkennen. Dann stellte er sich schlafend, als die Fee kam und die
Frau von dannen führte. Der Fee aber erzählte er, er habe einen
sonderbaren Traum gehabt. Ein Mann habe irrtümlich seine Gattin
verstoßen und eine andere gefreit; die erste aber habe ihn aufgesucht
mit Aufopferung ihres Leibes und ihrer Schönheit. Was der Gatte nun tun
solle, wenn sie ihn gefunden? „Dann muß er sich von der zweiten scheiden
und zu der Treuen zurückkehren!“ sprach die Fee. — „Du hast dein Urteil
gesprochen,“ antwortete der Graf und erzählte ihr alles, was geschehen
war. Da trennte die Fee sich schmerzlich von ihm. Der Graf aber kehrte
mit der treuen Gattin in die Heimat zurück, nachdem er seine Knäblein
ausgelöst. Die böse Mutter durfte ihm nicht wieder vors Antlitz kommen;
die Gattin dagegen hielt er lieb und wert; den mitleidigen Bedienten
belohnte er reich. Die Knaben mit den goldnen Sternlein wuchsen heran zu
der Eltern Freude und wurden später wackere Kriegshelden, die viele
Schlachten schlugen und gewannen.
Der Wacholderbaum.
Es ist nun schon lange her, — wohl zweitausend Jahre, — da war einmal
ein reicher Mann, der hatte eine schöne, fromme Frau, und die hatten
sich beide recht lieb; aber sie hatten keine Kinder, sie wünschten sich
aber gar sehr welche, und die Frau betete oft darum Tag und Nacht, aber
sie kriegten keine und kriegten keine. Vor ihrem Hause war ein Hof, auf
dem stand ein Wacholderbaum; unter diesem stand eines Tages im Winter
die Frau und schälte sich einen Apfel, und als sie sich den Apfel so
schälte, so schnitt sie sich in den Finger und das Blut floß in den
Schnee. „Ach,“ sagte die Frau und seufzte so recht dabei auf, sah das
Blut vor sich an und war tief wehmütig: „hätte ich doch ein Kind, so rot
als Blut und so weiß wie Schnee.“ Und als sie das sagte, so wurde ihr
wieder fröhlich zumute, es war ihr, als sollte das wahr werden. Da ging
sie wieder ins Haus, und als ein Monat vorbei war, da war der Schnee
vergangen, und zwei Monat, da war es grün, und drei Monat, da kamen die
Blumen aus der Erde, und vier Monat, da drängten sich alle Bäume in dem
Holze und die grünen Zweige waren alle ineinander gewachsen. Dort sangen
die Vöglein, daß das ganze Holz erschallte, und die Blüten fielen von
den Bäumen. Da war der fünfte Monat vorbei, und die Frau stand wieder
unter dem Wacholderbaum, dort sprang ihr das Herz vor Freude und sie
fiel auf die Knie und wußte sich gar nicht zu lassen. Und als der
sechste Monat vorbei war, da wurden die Früchte dick und stark, und sie
wurde ganz still, und im siebenten Monat, da griff sie nach den Beeren
und aß sich recht satt; da wurde sie traurig und krank. Der achte Monat
ging hin, und sie rief ihren Mann und weinte und sagte: „Wenn ich
sterbe, so begrabet mich unter dem Wacholderbaume.“ Da war sie ganz
getrost und freute sich, bis der neunte Monat vorbei war; da kriegte sie
ein Kind, so weiß wie Schnee und so rot wie Blut, und als sie das sah,
da freute sie sich so, daß sie starb.
Da begrub ihr Mann sie unter den Wacholderbaum, und er fing an gar sehr
zu weinen. Eine Zeitlang und das ließ nach, und da er noch ein wenig
geweint hatte, da wurde er wieder heitrer und noch eine Zeit, da nahm er
wieder eine Frau. Mit der zweiten Frau kriegte er eine Tochter, das Kind
aber von der ersten Frau war ein kleiner Junge; der war so rot wie Blut
und so weiß wie Schnee. Wenn die Frau ihre Tochter ansah, so hatte sie
sie gar sehr lieb, aber wenn sie dann den kleinen Jungen ansah, da ging
es ihr immer durchs Herz und es deuchte ihr, als stünde er ihr überall
im Wege, und sie dachte dann immer, wie sie ihrer Tochter all das
Vermögen zuwenden wollte. Das aber hatte ihr der Böse eingegeben. Sie
wurde nun dem kleinen Jungen ganz gram, stieß ihn herum von einer Ecke
in die andere, puffte ihn hier und knuffte ihn dort, so daß das arme
Kind immer in Angst war. Wenn es aus der Schule kam, hatte es nicht, wo
es ruhig sitzen konnte.
Einmal war die Frau in die Kammer gegangen, da kam das kleine
Töchterchen auch herauf und sagte: „Mutter, gib mir einen Apfel.“ „Ja,
mein Kind,“ sagte die Frau und gab ihr einen schönen Apfel aus der
Kiste; die Kiste aber hatte einen großen, schweren Deckel mit einem
großen scharfen eisernen Schlosse. „Mutter,“ sagte das Töchterchen,
„soll Brüderchen nicht auch einen haben?“ Das verdroß die Frau, doch
ließ sie’s nicht merken und sagte: „Ja, wenn er aus der Schule kommt.“
Und als sie ihn durch das Fenster gewahr wurde, so war ihr doch gerade
so, als wenn der Böse über sie käme. Schnell nahm sie ihrer Tochter den
Apfel wieder weg und sagte: „Du sollst nicht eher einen haben als der
Bruder.“ Darauf warf sie den Apfel in die Kiste und machte sie zu. Als
nun der kleine Junge in die Türe trat, da sagte sie ganz freundlich zu
ihm: „Mein Sohn, willst du einen Apfel haben?“ und sah ihn dabei ganz
böse an. „Mutter,“ sagte der kleine Junge, „was siehst du mich so gräsig
an! ja, gib mir einen Apfel.“ „Komm mit mir,“ sagte sie und machte den
Deckel auf. „Hol’ dir einen Apfel heraus.“ Und als sich der kleine Junge
hineinbückt, — da rät ihr der Böse — bratsch! schlug sie den Deckel zu,
daß der Kopf des kleinen Jungen abflog und unter die roten Äpfel fiel.
Da überlief es sie, und sie dachte in großer Angst: „Wie kann ich das
wohl von mir abbringen!“ Da ging sie hinunter in die Stube und holte aus
der untersten Schublade der Kommode ein weißes Tuch; nun setzte sie den
Kopf auf den Leib und band das Halstuch so um, daß man nichts sehen
konnte, dann setzte sie ihn vor die Türe auf einen Stuhl und gab ihm den
Apfel in die Hand.
Bald darauf kam Marlenchen zu ihrer Mutter in die Küche; die stand beim
Feuer und rührte immer in einem Topfe. „Mutter,“ sagte Marlenchen,
„Bruder sitzt vor der Tür und sieht ganz weiß aus; er hat einen Apfel in
der Hand; ich habe ihn gebeten, er soll mir den Apfel geben, aber er
antwortet nicht und da wurde mir ganz graulich.“ „Geh noch einmal hin,“
sagte die Mutter, „und wenn er wieder nicht antworten will, so gib ihm
eins hinter die Ohren.“ Da ging Marlenchen hin und sagte: „Bruder, gib
mir den Apfel.“ Aber er schwieg still, da gab sie ihm eins an die Ohren,
und da fiel der Kopf herunter; darüber nun erschrak sie sich und fing an
gar sehr zu weinen; sie lief zur Mutter und sagte: „Ach Mutter, ich hab’
meinem Bruder den Kopf abgeschlagen,“ und weinte und weinte und wollte
sich nicht zufrieden geben. „Marlenchen,“ sagte die Mutter, „was hast du
getan! Aber sei nur still, daß es kein Mensch merkt, das ist nun doch
einmal nicht zu ändern; wir wollen ihn in Essig kochen.“ Da nahm die
Mutter den kleinen Jungen, hackte ihn in Stücke, tat sie in einen Topf
und kochte ihn im Essig. Marlenchen aber stand dabei und weinte und
weinte, und die Tränen fielen alle in den Topf, so daß sie gar kein Salz
brauchten.
Da kam der Vater nach Haus, setzte sich zu Tisch und sagte: „Wo ist denn
mein Sohn?“ Da trug die Mutter eine große, große Schüssel auf mit
Schwarzsauer, und Marlenchen weinte und konnte sich gar nicht halten. Da
sagte der Vater wieder: „Wo ist denn mein Sohn?“ „Ach,“ sagte die
Mutter, „er ist über Land gegangen zum Großohm, er will dort eine
Zeitlang bleiben.“ „Was tut er denn dort? Er hat nicht einmal Adjö zu
mir gesagt.“ „Er wollte gern hin und fragte mich, ob er wohl sechs
Wochen bleiben könnte; er ist ja dort gut aufgehoben.“ „Ach,“ sagte der
Mann, „ich bin recht traurig, und es ist doch nicht recht, er hätte mir
doch Adjö sagen sollen.“ Damit fing er an zu essen und sagte:
„Marlenchen, was weinst du? Bruder wird wohl wiederkommen.“ „Ach, Frau,“
sagte er dann, „was schmeckt mir das Essen gut, gib mir mehr!“ Und je
mehr er aß, je mehr wollte er haben, und er sagte immer: „Gebt mir mehr,
ihr sollt nichts davon haben, das ist, als wenn das alles mein wäre.“
Und er aß, und aß, und die Knochen warf er alle unter den Tisch, bis
alles alle war. Marlenchen aber ging hin zu ihrer Kommode, und nahm aus
der untersten Schublade ihr bestes seidenes Tuch; holte alle die Knochen
unter dem Tische hervor, band sie in das seidene Tuch und trug sie vor
die Tür und weinte ihre blutigen Tränen. Dort legte sie sie unter den
Wacholderbaum in das grüne Gras, und als sie sie dort hingelegt hatte,
da war ihr mit einem Male so recht leicht und sie weinte nicht mehr. Da
fing der Wacholderbaum an sich zu bewegen, und die Zweige taten sich
immer voneinander und dann wieder zusammen, so als wenn sich einer recht
freut und mit den Händen so tut. Damit ging durch den Baum ein Nebel,
und durch den Nebel brannte ein Feuer, und aus dem Feuer flog ein
schöner Vogel heraus, der sang so herrlich und flog hoch in die Luft,
und als er weg war, da war der Wacholderbaum, wie er vorher gewesen war,
aber das Tuch mit den Knochen war weg. Marlenchen aber war recht
vergnügt, als ob der Bruder noch lebte. Da ging sie wieder ganz lustig
in das Haus, setzte sich zu Tisch und aß.
Der Vogel aber flog weg, setzte sich auf eines Goldschmieds Haus und
fing nun an zu singen:
Meine Mutter, die mich g’schlacht’t,
Mein Vater, der mich aß,
Meine Schwester, das Marlenichen,
Sucht alle meine Beenichen,
Bind’t sie in ein seiden Tuch,
Legt’s unter den Wacholderbaum.
Kiwit, Kiwit,
Was für ein schöner Vogel bin ich.
Der Goldschmied saß in seiner Werkstatt und machte gerade eine goldene
Kette, da hörte er den Vogel, der auf seinem Dache saß und sang, und das
deuchte ihm gar zu schön. Da stand er auf, und als er über den Flur
ging, da verlor er einen Pantoffel. Er ging aber so recht mitten in die
Straße hin, und hatte nur einen Pantoffel und einen Socken an. Er hatte
sein Schurzfell vor, und in der einen Hand die goldene Kette und in der
andern Hand die Zange; die Sonne schien so hell auf die Straße. Da
stellte er sich so, daß er den Vogel gut sehen konnte. „Vogel,“ sagte
er, „wie schön kannst du singen! Sing’ mir das Stück nochmal.“ „Nein,“
sagte der Vogel, „zweimal singe ich nicht umsonst. Gib mir die goldene
Kette, so will ich es nochmals singen.“ „Da,“ sagte der Goldschmied,
„hast du die goldene Kette, nun singe es mir nochmal.“ Da kam der Vogel,
nahm die goldene Kette ins rechte Pfötchen, setzte sich vor den
Goldschmied hin und sang:
Meine Mutter, die mich g’schlacht’t,
Mein Vater, der mich aß,
Meine Schwester, das Marlenichen,
Sucht alle meine Beenichen,
Bind’t sie in ein seiden Tuch,
Legt’s unter den Wacholderbaum.
Kiwit, Kiwit,
Was für ein schöner Vogel bin ich.
Da flog der Vogel weg, und setzte sich auf das Dach eines Schusters und
sang:
Meine Mutter, die mich g’schlacht’t,
Mein Vater, der mich aß,
Meine Schwester, das Marlenichen,
Sucht alle meine Beenichen,
Bind’t sie in ein seiden Tuch,
Legt’s unter den Wacholderbaum.
Kiwit, Kiwit,
Was für ein schöner Vogel bin ich.
Als der Schuster das hörte, lief er in Hemdsärmeln vor seine Tür, sah
nach seinem Dache, und mußte die Hand vor die Augen halten, damit ihn
die Sonne nicht blende. „Vogel,“ sagte er, „was kannst du schön singen!“
Da rief er in seine Tür hinein: „Frau, komm mal heraus, da ist ein
Vogel, der kann mal schön singen.“ Dann rief er auch seine Tochter,
seine Kinder und Gesellen, die Lehrjungen und die Magd, und sie kamen
alle auf die Straße, und sahen den Vogel an, und wie schön er war; er
hatte so schöne rote und grüne Federn, und um den Hals war es wie lauter
Gold und die Augen blinkten ihm im Kopf wie Sterne. „Vogel,“ sagte der
Schuster, „nun sing’ mir das Stück nochmal.“ „Nein,“ sagte der Vogel,
„zweimal singe ich nicht umsonst, du mußt mir was schenken.“ „Frau,“
sagte der Mann, „gehe in den Laden, auf dem obersten Brett, da stehen
ein Paar rote Schuh, die bring’ heraus.“ Da ging die Frau hin und holte
die Schuh. „Da, Vogel,“ sagte der Mann, „nun sing’ mir das Stück
nochmal.“ Da kam der Vogel, nahm die Schuhe mit dem linken Pfötchen,
flog wieder auf das Dach und sang:
Meine Mutter, die mich g’schlacht’t,
Mein Vater, der mich aß,
Meine Schwester, das Marlenichen,
Sucht alle meine Beenichen,
Bind’t sie in ein seiden Tuch,
Legt’s unter den Wacholderbaum.
Kiwit, Kiwit,
Was für ein schöner Vogel bin ich.
Als er ausgesungen hatte, flog er fort. Die Kette hatte er in dem
rechten und die Schuhe in dem linken Pfötchen, und er flog weit weg nach
einer Mühle, und die Mühle ging klipp klapp, klipp klapp, klipp klapp.
In der Mühle saßen zwanzig Knappen, die behauten einen Stein und hackten
hick hack, hick hack, hick hack, und die Mühle ging klipp klapp, klipp
klapp, klipp klapp. Da setzte sich der Vogel auf einen Lindenbaum, der
vor der Mühle stand, und sang:
Meine Mutter, die mich g’schlacht’t,
da hörte ein Knappe auf.
Mein Vater, der mich aß,
da hörten noch zwei auf und hörten zu.
Meine Schwester, das Marlenichen,
da hörten wieder viere auf,
Sucht alle meine Beenichen,
nun hauten nur noch dreizehn,
Bind’t sie in ein seiden Tuch,
jetzt nur noch sieben,
Legt’s unter
jetzt nur fünf,
den Wacholderbaum.
Nur noch einer,
Kiwit, Kiwit,
Was für ein schöner Vogel bin ich.
Da hielt der letzte auch inne und hatte das letzte noch gehört. „Vogel,“
sagte er, „was singst du schön! Laß mich das auch hören, singe das
nochmal.“ „Nein,“ sagte der Vogel, „zweimal singe ich nicht umsonst; gib
mir den Mühlstein, so will ich es nochmal singen.“ „Ja,“ sagte er, „wenn
er mir allein gehörte, so solltest du ihn haben.“ Da sagten die anderen:
„Wenn er nochmal singt, so soll er ihn haben.“ Da kam der Vogel
herunter, und alle zwanzig Knappen faßten an und hoben mit Hebebäumen
den Stein auf. Da steckte der Vogel den Hals durch das Loch und nahm ihn
um, als ob es ein Kragen wäre, flog wieder auf den Baum und sang:
Meine Mutter, die mich g’schlacht’t,
Mein Vater, der mich aß,
Meine Schwester, das Marlenichen,
Sucht alle meine Beenichen,
Bind’t sie in ein seiden Tuch,
Legt’s unter den Wacholderbaum.
Kiwit, Kiwit,
Was für ein schöner Vogel bin ich.
Als er ausgesungen hatte, da tat er die Flügel auseinander, und hatte in
dem rechten Pfötchen die Kette, in dem linken die Schuh und um den Hals
den Mühlstein und flog fort damit nach seines Vaters Hause. In der Stube
saß der Vater, die Mutter und Marlenchen bei Tisch, und der Vater sagte:
„Ach, wie wird mir so leicht und wohl zumute.“ „Ach nein,“ sagte die
Mutter, „mir ist es angst, als wenn ein schweres Gewitter käme.“
Marlenchen aber saß und weinte und weinte, da kam der Vogel angeflogen
und als er sich auf das Dach setzte, sagte der Vater: „Mir ist so recht
freudig ums Herz, und die Sonne scheint draußen so schön, mir ist
gerade, als sollte ich einen alten Bekannten wiedersehen.“ „Ach nein,“
sagte die Frau, „mir ist so angst, die Zähne klappern mir, mir ist, als
hätte ich Feuer in den Adern.“ Aber Marlenchen saß in der Ecke und
weinte, und hatte ein Tuch vor den Augen, und weinte das Tuch ganz naß.
Da setzte sich der Vogel auf den Wacholderbaum und sang:
Meine Mutter, die mich g’schlacht’t,
Da hielt die Mutter die Ohren zu und kniff die Augen zusammen, denn sie
wollte nicht sehen noch hören; aber das brauste ihr in den Ohren wie der
stärkste Sturm, und die Augen brannten und zuckten ihr wie Blitze.
Mein Vater, der mich aß,
„Ach, Mutter,“ sagte der Mann, „das ist ein schöner Vogel, der singt so
herrlich, die Sonne scheint so warm, und das riecht wie lauter
Maiblumen.“
Meine Schwester, das Marlenichen,
Da legte Marlenchen den Kopf auf die Knie und weinte immerfort, der Mann
aber sagte: „Ich gehe hinaus, ich muß den Vogel in der Nähe sehen.“
„Ach, geh’ nicht,“ sagte die Frau, „mir ist, als bebte das ganze Haus
und stände in Flammen.“ Aber der Mann ging hinaus und sah den Vogel an.
Sucht alle meine Beenichen,
Bind’t sie in ein seiden Tuch,
Legt’s unter den Wacholderbaum.
Kiwit, Kiwit,
Was für ein schöner Vogel bin ich.
Dabei ließ der Vogel die goldene Kette fallen, und sie fiel dem Manne
just um den Hals, gerade so, daß sie ihm so recht schön paßte. Da ging
er hinein und sagte: „Sieh, was ist das für ein guter Vogel; er hat mir
diese schöne Kette geschenkt und er sieht so prächtig aus.“ Der Frau
aber wurde so angst, daß sie niederstürzte, wobei ihr die Mütze vom
Kopfe fiel. Da sang der Vogel wieder:
Meine Mutter, die mich g’schlacht’t,
„Ach, daß ich tausend Klafter unter der Erde wäre, damit ich das nicht
hören müßte.“
Mein Vater, der mich aß,
Da fiel die Frau für tot nieder.
Meine Schwester, das Marlenichen,
„Ach,“ sagte Marlenchen, „ich will auch hinausgehen und sehen, ob mir
der Vogel was schenkt.“ Und da ging sie hinaus.
Sucht alle meine Beenichen,
Bind’t sie in ein seiden Tuch,
Da warf er ihr die Schuhe herunter.
Legt’s unter den Wacholderbaum.
Kiwit, Kiwit,
Was für ein schöner Vogel bin ich.
Da wurde sie ganz vergnügt und fröhlich; sie zog die neuen roten Schuhe
an, tanzte und sprang hinein. „Ach,“ sagte sie, „ich war so traurig, als
ich hinausging, und nun bin ich lustig; das ist ’mal ein herrlicher
Vogel; hat mir ein Paar Schuhe geschenkt.“ „Nein,“ sagte die Frau und
sprang auf, und die Haare standen ihr zu Berge wie Feuerflammen, „mir
ist, als sollte die Welt untergehen! ich will auch hinaus, vielleicht
wird es mir auch leichter.“ Und als sie aus der Türe kam, bratsch! warf
ihr der Vogel den Mühlstein auf den Kopf, daß sie ganz zerquetscht
wurde. Als der Vater und Marlenchen das hörten, gingen sie hinaus, da
sahen sie Dampf, Flammen und Feuer auf der Stelle, und als das
verloschen war, da stand der kleine Bruder da, der nahm den Vater und
Marlenchen bei der Hand. Alle drei waren nun recht vergnügt und gingen
in das Haus, setzten sich zu Tische und aßen.
Der weiße Wolf.
Ein König ritt jagen in einem großen Walde, darinnen er sich verirrte,
und mußte manchen Tag wandern und manche Nacht, fand immer nicht den
rechten Weg und mußte Hunger und Durst leiden. Endlich begegnete ihm ein
kleines schwarzes Männlein, das fragte der König nach dem rechten Weg.
„Ich will dich wohl führen und geleiten,“ sagte das Männlein, „aber du
mußt mir auch etwas dafür geben, du mußt mir das geben, was dir aus
deinem Hause zuerst entgegenkommt.“ Der König war froh und sprach
unterwegs: „Du bist recht brav, Männchen; wahrlich und wenn mein bester
Hund mir entgegenlief, so wollt’ ich dir ihn doch gern zum Lohne geben.“
Das Männlein aber erwiderte: „Deinen besten Hund, den mag ich nicht, mir
ist was andres lieb.“ Wie sie nun beim Schlosse ankamen, so sah des
Königs jüngste Tochter durchs Fenster ihren Vater geritten kommen und
sprang ihm fröhlich entgegen. Da sie ihn aber in ihre Arme schloß,
sprach er: „Ei, wollt’ ich doch, daß lieber mein bester Hund mir
entgegengekommen wäre!“ Über diese Rede erschrak die Königstochter gar
sehr, und weinte und rief: „Wie das, mein Vater? Ist dir dein Hund
lieber denn ich, und sollte er dich froher willkommen heißen?“ Aber der
König tröstete sie und sagte: „O liebe Tochter, so war es ja nicht
gemeint!“ und erzählte ihr alles. Sie aber blieb ganz standhaft und
sagte: „Es ist besser so, als daß mein lieber Vater umgekommen wäre im
wilden Walde,“ und das Männchen sagte: „Nach acht Tagen hole ich dich.“