erzählte: ‚Es war einmal, so sagt man, ein Jäger, der ging nach dem
Walde mit seinem Schießzeug, Pfeil und Armbrust, da begegnete ihm ein
Rehbock, den schoß er und lud sich denselben auf, ihn heimzutragen.
Darauf aber begegnete ihm ein Bär, der eilte auf ihn zu, und der Jäger,
sich seiner zu erwehren, spannte in Eile die Armbrust, legte den
Pfeilbogen darauf, aber er vermochte nicht anzulegen, weil ihn der
Rehbock hinderte, und legte geschwind die Armbrust nieder, zückte sein
Weidmesser und begann den Kampf mit dem Bären, und er rannte ihm das
Messer durch den Leib in dem Augenblick, wo der Bär ihn umfaßte und ihn
tot drückte. Wie der Bär die schwere Wunde fühlte, brüllte er und riß
sie aus Wut noch weiter auf, so daß er sich bald verblutete. Abends ging
ein Wolf des Wegs, der fand nun einen toten Rehbock, einen toten Bären
und einen toten Jäger. Darüber ward er herzlich froh und sprach in
seinem Herzen: Das alles, was ich hier finde, das soll alles _mein_
bleiben, davon kann ich mich lange nähren. Meine Brüder sollen nichts
davon bekommen. Vorrat ist Herr, sagt das Sprichwort. Heute will ich
sparen und nichts davon anrühren, daß der Schatz lange dauert, obschon
mich sehr hungert. Da liegt aber eine Armbrust, deren Sehne könnte ich
abnagen. Und da machte sich der Wolf mit der gespannten Armbrust zu
schaffen, die schnappte los, und der aufgelegte Strahl oder Bogenpfeil
fuhr ihm mitten durchs Herz! — Siehe, Frau,‘ so fuhr der Mann fort, dem
ich zuhörte, sprach der Wallbruder zu dem Einsiedel, von welchem das
Mäuslein Sambar ihren Freunden, dem Raben und der Schildkröte, erzählte,
— ‚siehe, Frau, da hast du ein Beispiel, daß es nicht immer gut sei, zu
sammeln, und das Gesammelte treue Freunde nicht mit genießen lassen zu
wollen.‘ Darauf sprach die Frau: ‚Du magst recht haben.‘ Als nun der
Morgen kam, stand sie auf, nahm ausgehülsten Weizen, wusch ihn, breitete
den aus, daß er trockne, und setzte ihr Kind dazu, ihn zu hüten, und
dann ging sie weiter zur Besorgung ihrer übrigen Geschäfte. Aber das
Kind tat, wie Kinder tun, es spielte und hatte nicht acht auf den
Weizen, und da kam die Sau, fraß davon, und verunreinigte den übrigen
Weizen, den sie nicht fraß. Als die Frau hernach kam und das sah, ekelte
ihr vor dem übrigen Weizen, nahm ihn und ging auf den Markt, und bot ihn
feil gegen ungehülsten zu gleichem Maß. Da hörte ich eine Nachbarsfrau
jener, die gesehen hatte, was vorgegangen war, spöttisch zu einer
dritten sagen: ‚Schau, wie gibt die Frau so wohlfeil gehülsten Weizen
gegen den ungehülsten! Es hat alles seine Ursache.‘ — So ist’s auch mit
der Maus, von der du sagst, sie springe in den Korb für die andern Mäuse
alle zusammen, und das muß wohl seine Ursache haben. Gib mir eine Haue,
so will ich dem Mausloch nachgraben und die Ursache wohl finden.‘ —
Diese Rede hörte ich,“ so erzählte Sambar weiter, „im Löchlein einer
meiner Gespielinnen; in meiner Höhle aber lagen tausend Goldgülden
verborgen, ohne daß ich noch der Einsiedel wußten, wer sie hineingelegt,
mit denen spielte ich täglich und hatte damit meine Kurzweil. Der Waller
grub und fand bald das Gold, nahm es und sprach: ‚Siehe, die Kraft des
Goldes hat der Maus solche Stärke verliehen, so kecklich in den hohen
Korb zu springen. Sie wird es nun nicht mehr vermögen.‘ Diese Worte
vernahm ich mit Bekümmernis, und leider befand ich sie bald wahr. Als es
Morgen wurde, kamen die andern Mäuse alle zu mir, daß ich sie, wie
gewohnt, wieder füttere, und waren hungriger als je; ich aber vermochte
nicht, wie ich sonst gekonnt und getan, in den Korb zu springen, denn
die Kraft war von mir gewichen, und alsbald sah ich mich von den Mäusen,
meinen nächsten Freunden und Verwandten, ganz schnöd behandelt; ja, sie
besorgten sich, am Ende mir etwas geben und mich ernähren zu müssen,
deshalb ging eine jede ihres Wegs und keine sah mich mehr an, als ob ich
sie auf das bitterste beleidigt hätte.
Da sprach ich zu mir traurig in meinem Gemüte diese Worte: Gute Freunde
in der Not, gehn fünfundzwanzig auf _ein Lot_; soll es aber ein harter
Stand sein, so gehen fünf auf _ein_ Quintlein. Wer keine Habe hat, hat
auch keine Brüder; wer keine Brüder hat, hat keine Verwandtschaft; wer
keine Verwandtschaft hat, hat auch keine Freundschaft, und wer keine
Freundschaft hat, der wird vergessen. Armut ist ein harter Stand; Armut
macht das Leben krank. Keine Wunde brennt so heftig, als Armut. Vieles
Lob wird dem Reichen, wenn aber der Reiche arm wird, dann wird ihm
doppelter und dreifacher Tadel; war er mild und gastfrei, so ist er ein
Verschwender gewesen; war er edel und freisinnig, so heißt er nun stolz
und streitsüchtig; ist er still und verschlossen, so heißt er
tiefsinnig; ist er gesprächig, so heißt er ein Schwätzer. Tod ist minder
hart als Armut. Dem armen Mann ist eher geholfen, wenn er seine Hand in
den offenen Rachen einer giftigen Schlange steckt, als wenn er Hilfe
begehrt von einem Geizhals.
Weiter sah ich nun, daß der Waller und der Einsiedel die gefundenen
Goldgülden zu gleichen Hälften unter sich teilten und fröhlich
voneinander schieden; und der Einsiedel legte sein Geld unter das
Kopfkissen, darauf er schlief. Ich aber gedachte, mir etwas davon
anzueignen, um meine verlorne Kraft wieder zu ersetzen, aber der
Einsiedel erwachte von meinem leisen Geräusch und gab mir einen Schlag,
daß ich nicht wußte, wo mir der Kopf stand und wie ich in mein Loch kam.
Dennoch hatte ich keine Ruhe vor meiner Gier nach dem Gold, und machte
einen zweiten Versuch; da traf mich der Einsiedel abermals so hart, daß
ich blutete und todwund in meine Höhle entrann. Da hatte ich genug, und
dachte nur mit Schrecken an Gold und Geld, und sagte mir vier Sprüche
vor in meinen Schmerzen und in meiner Traurigkeit: Keine Vernunft ist
besser als die, seine eignen Sachen wohl betrachten und nicht nach
fremden streben. Niemand ist edel ohne gute Sitten. Kein besserer
Reichtum als Genügsamkeit. Weise ist der, welcher nicht nach dem strebt,
was ihm unerreichbar ist. So beschloß ich, in Armut und edlem Sinn zu
beharren, verließ des Einsiedels Haus und wanderte in die Einöde. Dort
richtete ich mir ein wohnlich Wesen ein, und lernte die friedsame Taube
kennen, die ihre Hilfe bei mir suchte, dadurch auch du, Freund Rabe,
dich zu mir gesellt hast, der mir von seiner Freundschaft zu dir,
Schildkröte Korax, viel erzählte, so daß ich gern Verlangen trug, dich
kennenzulernen, denn es ist auf der Welt nichts Schöneres, als
Gesellschaft treuer Freunde und kein größeres Betrübnis gibt’s, als
einsam und freundlos sein.“
Damit endete das kluge Mäuslein Sambar seine Lebensgeschichte, und die
Schildkröte nahm das Wort und sprach gar mild und freundlich: „Ich sage
dir besten Dank für deine so lehrreiche Geschichte; viel hast du
erfahren und dein Schatz ist Weisheit geworden, die mehr ist als Gold.
Nun vergiß hier bei uns dein Leiden und deinen Verlust und denke, daß
das edle Gemüt man ehrt, auch wenn am irdischen Besitz es Mangel hat.
Der Löwe, ob er schlafe, ob er wache, bleibt gefürchtet, und seine
Stärke geht mit ihm, wohin er geht. Der Weise aber wechselt gern den
Aufenthalt, auf daß er kennenlerne fremde Landesart, und zur Begleiterin
erwählt er Gold nicht, nein — Vernunft.“
Wie der Rabe diese Worte hörte, freute er sich herzinnig über die
Einigung seiner Freundinnen, und sprach zu ihnen freundliche Worte;
indem so kam ein Hirsch gelaufen, und als die treuen Tiere ihn hörten,
so flohen sie, die Schildkröte in das Wasser, die Maus in ein Löchlein,
der Rabe auf einen Baum. Und wie der Hirsch an das Wasser kam, erhob
sich der Rabe in die Luft, zu sehen, ob vielleicht ein Jäger den Hirsch
verfolge, da er aber niemand sah, so rief er seinen Freundinnen, und da
kamen sie wieder hervor. Die Schildkröte sah den Hirsch am Wasser stehen
mit ausgestrecktem Hals, als scheue er sich zu trinken, und rief ihm zu:
„Edler Herr, wenn dich dürstet, so trinke; du hast hier niemand zu
fürchten!“ Da neigte der Hirsch sein Haupt und grüßte die Schildkröte,
und näherte sich ihr, und sie fragte, von wannen er käme? Er antwortete:
„Ich bin lange im wilden Walde gewesen, da habe ich gesehen, daß die
Schlangen von einem Ende an das andere wandelten, und habe Furcht
gefaßt, es möchten Jäger den Wald einkreisen und bin hierher gewichen.“
Die Schildkröte sprach: „Hierher kam noch nie ein Jäger, darum fürchte
dich nicht. Und willst du hier wohnen, so kannst du von unsrer
Gesellschaft sein; es ist hier rings gute Weide.“ Das hörte der Hirsch
gern, und blieb auch da, und die Tiere erkoren einen Platz unter den
Ästen eines schattenreichen Baumes, da kamen sie alle zusammen und
erzählten einander von dem Laufe der Welt und auch schöne Märchen.
So kamen eines Tages die treubefreundeten Tiere auch zusammen, der Rabe,
die Maus und die Schildkröte, aber der Hirsch blieb aus und fehlte. Da
besorgten sie sich seiner, ob ihm etwa von einem Jäger etwas begegnet
wäre, und der Rabe ward ausgesandt, nach ihm zu spähen und Botschaft zu
bringen. Da sah er ihn nach einer Weile im Walde, nicht allzufern von
ihrem Aufenthalt, in einem Netz gefangen liegen, kam wieder und sagte
das seinen lieben Gesellen an. Sobald die Maus das vernahm, bat sie den
Raben, sie zum Hirsch zu tragen, und dort sprach sie zu ihm: „Bruder,
wer doch hat dich also überwältigt? Man rühmet doch als der
verständigsten Tiere eines dich!“ Darauf seufzte der Hirsch und sprach:
„O liebe Schwester! Verstand schirmt nicht gegen den Urteilsspruch, der
uns von oben kommt. Des Läufers Schnelle und des Starken Kraft zerreißt
das Netz nicht, das Verhängnis heißt.“
Wie diese zwei noch redeten, kam die Schildkröte daher, sie war
gekrochen, so schnell sie konnte; da wandte der Hirsch sich zu ihr und
sprach: „O liebe Schwester, warum kommst du zu uns her? Und welchen
Nutzen bringt uns deine Gegenwart? Die Maus allein vermag mich zu
erledigen, und naht der Jäger, so entfliehe ich gar leicht, der Rabe
fliegt von dannen und die Maus entschlüpft. Dir aber, die Natur
gemachsam schuf, nicht schnellen Schritts, auch fluchtgewandt nicht, dir
droht schmähliche Gefangenschaft.“ Darauf antwortete die Schildkröte:
„Ein treuer Freund, der auch Vernunft hat, wird sich nicht wert des
Lebens dünken, wenn er um seine Freunde kam. Und wenn ihm nicht vergönnt
ist, daß er _helfe_, so mag er _trösten_ doch nach seinen Kräften. Das
Herz aus seinem Busen zieht ein treuer Freund und reicht es seinem
treuen Freunde dar.“ Als die Schildkröte noch sprach, während die Maus
bereits das Netz eifrig zernagt hatte, hörten die Tiere den Jäger nahen,
da entrann der Hirsch, der Rabe entflog, die Maus entschlüpfte. Der
Jäger fand sein Netz zernagt, erschrak, sah sich um und fand niemand als
die Schildkröte. Die nahm er, daß es Rabe und Maus mit Bedauern sahen,
und band sie fest in einen Fetzen von dem Netz. Die Maus rief dem Raben
zu: „O wehe, weh! Wenn einem Glück kommt, harret er des folgenden, und
kommt ein Unglück, überfällt auch gleich ein zweites ihn. Trug ich nicht
Leids genug an meines Goldes Verlust, und nun bin ich der liebgewordenen
Schwester bar, sie, die mein Herz vor allem liebgewonnen hat. Weh mir,
weh meinem Leib, der aus einem Trübsalsnetz ins andre rennt, und dem
nichts andres beschert ist als nur Widerwärtigkeit.“
Da sprachen Rabe und Hirsch zur Maus: „O kluge Freundin, klage nicht so
sehr, denn Klagen ist nicht, was der Freundin frommt und deine und unsre
Trauer macht sie nicht von Banden frei. Ersinne Listen, wie wir sie
befreien!“
Da sann das kluge Mäuslein Sambar eine Weile, dann sprach’s: „Ich hab’s.
Du, Hirsch, gewinne schnell die Straße des Jägers, und falle nahe dabei
hin, wie halb tot, und du, Rabe, steh auf ihm, als ob du von ihm äßest.
Wenn das der Jäger sieht, so wird er, was er trägt, aus den Händen
legen, dann schleppst du, Freund Hirsch, dich gemachsam etwas tiefer in
den Wald, damit er dich verfolgt, indes zernage ich das Netz, und mache
unsre liebe Schwester frei.“
Dieser Ratschlag ward schnell ausgeführt. Der Hirsch und der Rabe eilten
auf einem Umweg dem Jäger voraus, und taten wie die Maus geraten. Der
Jäger war gierig, den Hirsch zu erreichen, und warf alles, was er trug,
von sich, der Hirsch kroch ins Dickicht, der Rabe flog nach, und der
Jäger lief nach, und die Maus zernagte das Netz der Schildkröte und ging
mit ihr nach Hause, dort fanden sie schon den Raben und den Hirsch, die
schnell dem Jäger aus den Augen gekommen waren. Wie dieser nun
zurückkehrte an den Ort, wo er seine Sachen hingeworfen hatte, die er
noch dazu eine gute Länge suchen mußte, so fand er das Netz zernagt und
konnte sich nicht genug wundern. „Das muß der böse Teufel getan haben
und kein guter Geist!“ fluchte er, und dachte, daß böse Geister und
Zauberer diese Gegend innehaben müßten, welche die Jäger in
Tiergestalten äfften, ging furchtsam nach Hause und jagte nie mehr in
diesem Walde. Und da wohnten nun die befreundeten Tiere miteinander in
Ruhe, Eintracht und Glückseligkeit, und von Zeit zu Zeit kam auch die
Taube in diese schöne Einsamkeit und besuchte die kluge Maus Sambar,
ihre liebe Freundin, und brachte Neuigkeiten aus der Welt und allerlei
schöne Geschichten, daran alle ihre Freude hatten.
Zitterinchen.
Es war einmal ein armer Taglöhner, der hatte zwei Kinder, einen Sohn mit
Namen Abraham und eine Tochter, die hieß Christinchen. Beide Kinder
waren noch sehr jung, als der Vater starb, und gute Menschen mußten sich
ihrer annehmen, sonst wären sie umgekommen, so arm waren sie. Das
Mädchen wurde eine herrlich aufblühende Schönheit, die nicht
ihresgleichen hatte weit und breit. Abraham ward ein kräftiger Jüngling
und kam durch Vermittlung eines Gönners als Bedienter zu einem reichen
Grafen. Ehe er aber von seiner Schwester schied, ließ er sich von einem
guten Freunde ihr Porträt malen, und nahm es mit sich, denn er hatte sie
sehr lieb. Der Graf war mit Abraham sehr wohl zufrieden, bemerkte jedoch
öfters, daß er ein weibliches Porträt aus dem Busen zog und küßte; er
verwunderte sich darüber, da Abraham still und sittsam war und kaum aus
dem Hause kam; er fragte ihn deshalb, ob das Porträt seine Geliebte
vorstelle, und betrachtete sich’s genauer, als Abraham sagte, es sei
seine Schwester. „Ist deine Schwester so schön,“ sagte der Graf, „so
wäre sie wohl wert, eines Edelmanns Weib zu sein!“ — „Sie ist noch weit
schöner!“ entgegnete Abraham. Der Graf war entzückt und sandte heimlich
seine Amme nach dem Orte, wo sich Christinchen befand, um sie nach
seinem Schlosse zu holen.
Die Amme fuhr mit einem vierspännigen Wagen vor das Haus von
Christinchens Pflegeeltern, grüßte sie von ihrem Bruder und sie solle
mit ihr nach dem gräflichen Schloß fahren. Christinchen sehnte sich
sehr, ihren Bruder wieder zu sehen und war bereit zu folgen; sie besaß
aber ein Hündchen, das sie einst aus dem Wasser gerettet hatte, das hieß
Zitterinchen und hegte große Anhänglichkeit an sie. Das Hündchen sprang
mit Christinchen in den Wagen. Die Amme hatte jedoch einen schlimmen
Plan gefaßt. Als sie am steilen Ufer eines großen Flusses hinfuhren,
machte sie Christinchen auf die Goldfische aufmerksam, die in den blauen
Wellen spielten, und da Christinchen unbefangen aus dem Kutschenschlag
hinaussah, stürzte sie sie in den Fluß, während der Wagen weiterfuhr.
Die Amme hatte eine Base, die schon eine alte Jungfer war; mit dieser
hatte sie bereits verabredet, an einem gewissen Ort zu warten, und als
der Kutscher seine Pferde tränkte, stieg sie heimlich in den Wagen. Sie
trug einen dichten Schleier, und die Amme unterwies sie, dem Grafen zu
sagen, sie habe ein Gelübde getan, ihren Schleier innerhalb eines halben
Jahres nicht zu lüften.
Die verhüllte Dame ward vor den Grafen geführt, der sie inständig bat,
den Schleier zurückzuschlagen, sie verweigerte es jedoch standhaft und
der Graf ward um so begieriger. Er vertraute der Redlichkeit seines
Abraham, der die Schwester ihm noch viel schöner geschildert hatte, als
das Porträt war. Er erbot sich daher, sie zu seiner Gemahlin zu erheben.
Der Priester ward gerufen und die Trauung vollzogen. Nach dieser
Feierlichkeit weigerte sich die Dame nicht länger, den Schleier zu
lüften, doch wie erschrak der Graf, als er statt eines jugendlich
frischen ein abgeblühtes Gesicht sah! Er geriet in den höchsten Zorn und
ließ Abraham in ein Gefängnis werfen, trotz seiner Beteuerungen, daß
diese Dame seine Schwester nicht sei; das betrügerische Bildnis ließ er
in den Rauchfang hängen.
Eines Tages hatte der Bediente, der in des Grafen Vorzimmer schlief,
eine seltsame Erscheinung. Eine weiße Gestalt stand vor seinem Bette und
rasselte mit Ketten; und sprach in leisem, wehklagendem Ton:
„Zitterinchen, Zitterinchen!“ Darauf kroch das Hündchen, das bisher im
Schlosse geduldet worden war, unter dem Bette hervor, wo es geschlafen,
und antwortete: „Mein allerliebstes Christinchen!“ — „Wo ist mein Bruder
Abraham?“ fragte die Gestalt weiter. „Er liegt gar hart gefangen und
liegt in Ketten und Banden!“ versetzte das Hündchen. „Wo ist mein Bild?“
— „Es hängt im Rauch.“ — „Wo ist die alte Kammerfrau?“ — „Sie liegt in
des Grafen Arm.“ — „Daß’s Gott erbarm! Nun komm’ ich zweimal noch und
werd’ ich nicht erlöst, so bin ich verloren für dieses Leben.“ Die
Gestalt zerfloß darauf wie ein Nebel. Der Bediente glaubte geträumt zu
haben und sagte seinem Herrn nichts von der Erscheinung. Aber in der
folgenden Nacht ward dieselbe Szene vor seinem Bett aufgeführt, doch
rasselte die Gestalt mit ihren Ketten mehr als das vorige Mal und sagte,
sie werde nun noch einmal kommen. Diesmal war der Bediente seiner Sache
gewiß; er entdeckte den Vorgang seinem Herrn; dieser ward nachdenklich
und entschloß sich die Erscheinung zu belauschen. Er stand um die
zwölfte Stunde hinter der angelehnten Türe des Schlafzimmers und
lauschte. Endlich sah er die weiße Gestalt plötzlich in dem Dunkel des
Vorzimmers auftauchen, hörte sie mit ihren Ketten rasseln und sprechen:
„Zitterinchen, Zitterinchen!“ und das Hündchen antwortete: „Mein
allerliebstes Christinchen!“ — „Wo ist mein Bruder Abraham?“ — „Er ist
gar hart gefangen und liegt in Ketten und Banden.“ — „Wo ist mein Bild?“
— „Es hängt im Rauch.“ — „Wo ist die alte Kammerfrau?“ — „Sie liegt in
des Grafen Arm.“ — „Daß’s Gott erbarm!“ Da öffnete der Graf rasch die
Türe, griff nach der Erscheinung und hielt eine schwere Kette in der
Hand, die in dem Augenblick sich von der Gestalt abstreifte. Die
gespenstische Erscheinung war zu einem holden Frauenbild geworden, das
ihn anlächelte und das wohl Ähnlichkeit mit jenem Bilde hatte, aber es
an Schönheit noch weit übertraf. Der Graf war entzückt und bat um
Enträtselung des Geheimnisses. Nun erzählte Christinchen, wie die alte
Amme sie arglistig ins Wasser gestürzt, die Nixen aber hatten sie mit
ihren grünen Schleiern aufgefangen und sie in ihren unterirdischen
Palast geführt. Sie habe eine der ihrigen werden sollen, habe sich
jedoch geweigert und die Nixen hätten ihr endlich erlaubt, in drei
Nächten in des Grafen Vorgemach zu erscheinen. Würden zu diesen dreien
Malen ihre Ketten nicht gelöst, so sei sie unwiderruflich verbunden,
eine Nixe zu werden.
Der Graf war über diesen Bericht ebenso erfreut, als erstaunt. Abraham
wurde seiner Haft entlassen und in die Gunst des Grafen erhoben, in
denselben Kerker aber ward die böse Amme geworfen und ihre Base aus dem
Schlosse gepeitscht; Christinchens Bild wurde aus dem Rauchfang genommen
und der Graf trug es auf seinem Herzen, Christinchen selbst aber ward
seine Gemahlin. Zitterinchen leckte schmeichelnd die Hand der Herrin,
als sie ihm aber liebkosend versprach, daß es nun gute Tage bei ihr
haben sollte, verwandelte sich’s in eine schöne Prinzessin, die dem
verwunderten Christinchen ihr Schicksal erzählte. Sie war von einer
bösen Zauberfrau verwünscht gewesen und war durch Christinchens Erlösung
selbst erlöst worden.
Aschenbrödel.
Ein Mann und eine Frau hatten zwei Töchter, und war auch noch eine
Stieftochter da, des Mannes erstes liebes Kind, gar fromm und gut, aber
nicht gern gesehen von ihrer Stiefmutter und Stiefschwestern, deshalb
wurde es auch schlecht behandelt. Es mußte in der Küche den ganzen Tag
über wohnen, alle Küchenarbeit tun, früh aufstehen, kochen, waschen und
scheuern, und nachts mußte es in der Bodenkammer schlafen. Da kroch es
bisweilen lieber in die Asche am Küchenherd und wärmte sich, und da es
davon nicht sauber aussehen konnte, so wurde es von der Mutter und den
Schwestern noch obendrein Aschenbrödelchen genannt, aus Spott und
Bosheit.
Einst war der Vater zur Messe gereist, und hatte die Mädchen gefragt,
was er ihnen mitbringen solle; da hatte die eine schöne Kleider, die
andere Perlen und Edelgesteine gewünscht, Aschenbrödel aber nur ein
grünes Haselreis. Diese Wünsche hatte der Vater auch erfüllt. Die
Schwestern putzten und schmückten sich, Aschenbrödel aber pflanzte das
Reis auf das Grab ihrer Mutter, und begoß es alle Tage mit ihren Tränen.
Da wuchs das Reis sehr schnell und wurde ein schönes Bäumlein, und wenn
Aschenbrödel auf dem Grab ihrer Mutter weinte, so kam allemal ein
Vöglein geflogen, das sah sie mitleidig an.
Da begab sich’s, daß der König ein Fest anstellte, und dazu alle
Jungfrauen des Landes einladen ließ, denn sein Sohn sollte sich aus
ihnen eine Braut wählen. Und da schmückten sich die Schwestern überaus
reizend, und Aschenbrödel mußte ihnen die Haare kämmen und schöne Zöpfe
flechten, und daß sie auch gern zum Tanz mitgehen mochte, das fiel gar
niemand ein. Als sie endlich es wagte, um Erlaubnis zu bitten, ward sie
schrecklich ausgelacht, daß sie sich einfallen ließe, zum Tanze gehen zu
wollen, da sie doch keine schönen Kleider habe, und nicht einmal Schuhe.
Die böse Stiefmutter nahm geschwind eine Schüssel voll Linsen, warf
diese in die Asche und sagte: „So, so, Aschenbrödel, mache dir etwas zu
tun, lies erst die Linsen; dann sollst du mitgehen, mußt aber in zwei
Stunden fertig sein.“
Das arme Kind ging in den Garten und rief dem Vöglein auf ihrem
Haselnußbaum und auch den Täubchen, daß sie alle lesen sollten, die
guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen, und bald wimmelte es
von Tauben und andern Vögeln, da währte es gar nicht lange, so war die
Schüssel voll Linsen ganz rein gelesen. Aber wie das gute Mädchen voller
Freude die Linsen brachte, ärgerte sich die Stiefmutter, und schüttete
jetzt zwei Schüsseln voll Linsen in die Asche, und die sollte es nun
auch noch in zwei Stunden lesen. Aschenbrödel weinte, rief aber die
Vöglein wieder, und bald war auch diese Arbeit getan. Es wurde ihr aber
dennoch nicht Wort gehalten, sondern sie wurde ausgelacht, denn sie habe
ja keine Kleider und keine Schuhe, und wie sie sei, könnte sie sich
nimmermehr sehen lassen, auch müsse der Königssohn und jeder andre einen
schlechten Geschmack haben, der mit ihr tanze, und da gingen jene
Stolzen fort und ließen Aschenbrödel tief betrübt zurück. Die ging zu
ihrem Bäumchen und weinte bitterlich, da kam das Vöglein geflogen und
rief:
„Mein liebes Kind, o sage mir,
Was du dir wünschest, schenk’ ich dir!“
Da rief Aschenbrödel, indem sie das Bäumchen anfaßte:
„O liebes Bäumchen, rüttle dich!
O liebes Bäumchen, schüttle dich!
Wirf schöne Kleider über mich!“
Da flog ein schönes Kleid herunter und kostbare Strümpfe und Schuhe, das
zog Aschenbrödel geschwind an und ging auf den Ball, und das Mädchen war
so schön, ach, so schön, daß es gar niemand kannte, auch nicht einmal
seine Mutter und seine Schwestern, und der Königssohn tanzte nur mit
ihm, und mit keiner andern Jungfrau, und als es abends nach Hause ging,
wollte er ihm folgen, es entwich ihm aber, zog geschwind Kleid und
Schuhe aus auf dem Grabe, unter dem Bäumchen, und legte sich in seine
Asche. Kleider und Schuhe verschwanden augenblicklich.
So ging es noch zweimal, immer kam Aschenbrödel unerkannt und in stets
schönern Kleidern zum Tanze, immer tanzte der König nur mit ihm, und
immer folgte dieser, und beim drittenmal verlor es von ungefähr den
einen kleinen goldnen Schuh; der Königssohn hob ihn auf, bewunderte
seine Zierlichkeit und sprach es laut, ließ es auch durch die Herolde
kundtun, nur die Jungfrau, an deren Fuß der kleine Schuh passe, solle
seine Gemahlin werden, und ritt von Haus zu Haus, die Probe zu machen.
Vergebens probierten die beiden Schwestern den kleinen Schuh; es war,
als ob ihre Füße ordentlich größer würden, da fragte der Königssohn, ob
nicht drei Töchter da wären? und der Mann sagte: „Ja, Herr Prinz! noch
ein kleines Aschenbrödelchen!“ und die Mutter setzte gleich hinzu: „die
sich nicht sehen lassen kann.“ Der Königssohn wollte sie aber doch
sehen; Aschenbrödel wusch sich fein und rein und trat ein, auch in ihrem
aschgrauen Kittelchen durch ihre Schönheit die Schwestern überstrahlend.
Und wie es den goldnen Schuh anzog, so paßte er prächtig, wie
angegossen. Und der Königssohn erkannte sie nun auch gleich wieder und
rief: „Das ist meine holde Tänzerin, meine liebe Braut!“ nahm sie,
führte sie aufs Schloß und befahl, ein stattliches Hochzeitsfest
zuzurüsten.
Beim Kirchgang hatte Aschenbrödel ein ganz goldenes Kleid an und ein
goldnes Krönlein auf dem Kopf; ihre Schwestern gingen ihr voll Neid zur
Rechten und zur Linken. Da kam das Vöglein vom Haselbäumchen und pickte
jeder ins Auge, daß dies erblindete. Als nun die Braut aus der Kirche
ging, kam wieder das Vöglein, und pickte wieder jeder das andere Auge
aus, und so waren sie für ihren Neid und ihre Bosheit mit Blindheit
geschlagen ihr lebelang.
Die Knaben mit den goldnen Sternlein.