vorüberkam, wo einige Männer mit aufgestreiften Beinkleidern Lehm
kneteten; die bewunderten die schönen Federn des Vogels und ein
vorwitziger Junge, der über und über voll Lehm war, sagte laut: „Ach,
wenn ich doch nur eine solche Feder hätte.“ — „Zieh dir eine aus!“
sprach Gottfried freundlich; der Junge griff nach dem Schweife des
Vogels, der Schwan schrie; „Schwan, kleb an!“ sprach Gottfried, und der
Junge konnte nicht wieder loskommen, er mochte anfangen, was er wollte.
Die andern lachten, je mehr der Junge schrie, bis vom nahen Bache eine
Magd herzugelaufen kam, die mit hochaufgeschürztem Rocke dort gewaschen
hatte. Die fühlte Mitleid mit dem Jungen und reichte ihm die Hand, um
ihn loszumachen. Der Schwan schrie; „Schwan, kleb an!“ sprach Gottfried,
und die Magd war ebenfalls gefangen. Als Gottfried mit seiner Beute eine
Strecke gegangen war, begegnete ihm ein Schornsteinfeger, der lachte
über das sonderbare Gespann und fragte die Magd, was sie denn da triebe?
„Ach, herzliebster Hans,“ antwortete die Magd kläglich, „gib mir doch
deine Hand und mach’ mich von dem verteufelten Jungen los.“ — „Wenn’s
weiter nichts ist!“ lachte der Schornsteinfeger und gab der Magd die
Hand; der Vogel schrie; „Schwan, kleb an!“ sprach Gottfried, und der
schwarze Mensch war ebenfalls behext. Sie kamen nun in ein Dorf, wo eben
Kirchweih war; eine Seiltänzergesellschaft gab dort Vorstellungen und
der Bajazzo machte eben seine Narreteidinge. Der riß Mund und Nase auf,
als er das seltsame Kleeblatt sah, das an dem Schweife des Schwans
festhing. „Bist du ein Narr geworden, Schwarzer?“ lachte er. — „Da ist
gar nichts zu lachen!“ antwortete der Schornsteinfeger. „Das Weibsbild
hält mich so fest, daß meine Hand wie angenagelt ist. Mach’ mich los,
Bajazzo; ich tu dir einmal einen andern Liebesdienst.“ Der Bajazzo faßte
die ausgestreckte Hand des Schwarzen, der Vogel schrie; „Schwan, kleb
an!“ sprach Gottfried, und der Bajazzo war der Vierte im Bunde. Nun
stand in der vordersten Reihe der Zuschauer der stattlich wohlbeleibte
Amtmann des Dorfes, der machte ein gar ernsthaftes Gesicht dazu und er
ärgerte sich gar höchlich über das Blendwerk, das nicht mit rechten
Dingen zugehen könne. Sein Eifer ging soweit, daß er den Bajazzo an der
ledigen Hand faßte und ihn losreißen wollte, um ihn dem Büttel zu
übergeben; da schrie der Vogel, und „Schwan, kleb an!“ sprach Gottfried,
und der Amtmann teilte das Schicksal der Vorgänger. Die Frau Amtmännin,
eine lange dürre Spindel, entsetzte sich über das Mißgeschick ihres
Eheherrn und riß mit Leibeskräften an dem freien Arm desselben; der
Vogel schrie; „Schwan, kleb an!“ sprach Gottfried, und die arme Frau
Amtmännin mußte trotz ihres Geschreis folgen. Hinfort hatte niemand mehr
Lust, die Gesellschaft zu vergrößern.
Gottfried sah schon die Türme der Hauptstadt vor sich; da kam ihm eine
wunderschöne Equipage entgegen, in der eine schöne junge, aber ernste
Dame saß. Als diese den bunten Zug erblickte, brach sie jedoch in lautes
Gelächter aus und ihre Dienerschaft lachte mit. „Die Königstochter hat
gelacht!“ rief alles vor Freuden. Sie stieg aus, betrachtete sich die
Sache noch genauer und lachte immer mehr bei den Kapriolen, welche die
Festgebannten machten. Der Wagen mußte umwenden und fuhr langsam neben
Gottfried nach der Stadt zurück. Als der König die Kunde vernahm, daß
seine Tochter gelacht habe, war er voll Entzücken und nahm selbst
Gottfried, seinen Schwan und dessen wunderliches Gefolge in Augenschein,
wobei er selbst lachen mußte, daß ihm die Tränen in den Augen standen.
„Du närrischer Gesell,“ sprach er zu Gottfried, „weißt du, was ich dem
versprochen habe, der meine Tochter zum Lachen bringt?“ — „Nein,“ sagte
Gottfried. — „So will ich dir’s sagen,“ antwortete der König. „Tausend
Goldgulden oder ein schönes Gut. Wähle dir zwischen den beiden.“
Gottfried entschied sich für das Gut. Dann berührte er den Buben, die
Magd, den Schornsteinfeger, den Bajazzo, den Amtmann und die Amtmännin
mit seinem Stäbchen, und alle fühlten sich frei und liefen davon, als
brenne die Hölle hinter ihnen her, was neues unauslöschliches Gelächter
verursachte. Da wurde die Königstochter bewegt, den schönen Schwan zu
streicheln und sein Gefieder zu bewundern. Der Vogel schrie; „Schwan,
kleb an!“ sprach Gottfried, und so gewann er die Königstochter. Der
Schwan aber erhob sich in die Lüfte und verschwand in den blauen
Horizont. Gottfried erhielt nun ein Herzogtum zum Geschenk; er erinnerte
sich aber auch des alten Weibleins, das schuld an seinem Glücke war, und
berief sie als seine und seiner auserwählten Braut Haushofmeisterin in
sein stattliches Residenzschloß.
Das Mäuslein Sambar, oder die treue Freundschaft der Tiere.
In einem weiten Walde war des Wildes viel, und stand darin ein großer
Baum mit vielen Ästen, auf dem hatte ein Rabe sein Nest. Da sah er zu
einer Zeit den Vogelsteller kommen und ein Garn unter den Baum spannen,
erschrak und bedachte sich und dachte: Spannt dieser Weidmann sein
Jagdzeug deinetwegen oder wegen andrer Tiere? Das wollen wir doch sehen!
Indem so streute der Vogelsteller Samen auf die Erde, richtete sein Garn
und stellte sich auf die Lauer. Bald darauf kam eine Taube mit einer
ganzen Schar andrer Tauben, deren Führerin sie war, und da sie den Samen
sahen und des Garnes nicht acht hatten, so fielen sie darauf und das
Netz schlug zusammen und bedeckte sie alle. Des freute sich der Vogler,
und die Tauben flatterten unruhig hin und her. Da sprach die Taube,
welche die Führerin war, zu den andern Tauben: „Verlasse sich keine auf
sich allein und habe keine sich selbst lieber als die andern, sondern
lasset uns alle zugleich aufschwingen, vielleicht, daß wir das Garn mit
in die Höhe nehmen, so erledigt eine jegliche sich selbst und die andern
mit ihr.“ Diesem Rate folgten die Tauben, flogen zugleich auf und hoben
das Garn mit in die Lüfte. Der Vogelsteller hatte das Nachsehen und das
Nachlaufen, um zu gewahren, wo sein Netz wieder herab zur Erde fallen
werde; der Rabe aber dachte bei sich: du willst doch auch nachfolgen und
sehen, was aus diesem Wunder werden will?
Als die kluge Führerin der Tauben sah, daß der Jäger ihrem Fluge
nachlief, sprach sie zu ihren Gefährtinnen: „Sehet, der Weidmann folgt
uns nach; beharren wir auf der Richtung über dem Wege, so bleiben wir
ihm im Gesicht und werden ihm nicht entgehen, fliegen wir aber über
Berge und Täler, so vermag er uns nicht im Auge zu behalten und muß von
seiner Verfolgung abstehen, da er daran verzweifeln wird, uns
wiederzufinden. Nicht weit von hier ist eine Schlucht, da wohnt eine
Maus, meine Freundin, ich weiß, daß, wenn wir zu ihr kommen, sie uns das
Netz zernagt und uns erlöst.“
Die Tauben folgten dem Rat ihrer Führerin und kamen dem Vogler aus dem
Gesicht. Der Rabe aber flog langsam hinter ihnen her, um zu sehen, was
aus dieser Geschichte werden würde und auf welche Weise sich wohl die
Tauben von dem Netz erledigen würden, und ob er nicht lernen werde, in
eigener Gefahr ihr Rettungsmittel zu gebrauchen.
Indessen erreichten die Tauben jene Schlucht, wo das Mäuschen wohnte,
ließen sich nieder und sahen, daß die Maus wohl hundert Löcher und Aus-
und Eingänge zu ihrer unterirdischen Wohnung hatte, um an vielen Enden
bei drohender Gefahr sich verbergen zu können. Die Maus hieß Sambar, und
die kluge Taube rief nun der Freundin: „Sambar, komm heraus!“ — Da rief
das Mäuslein inwendig: „Wer bist du?“ und da rief die Taube: „Ich bin
es, die Taube, deine Freundin!“ Und da kam das Mäuslein, guckte aus
einem der Löcher vorsichtig und fragte: „O liebe Gesellin, wer hat dich
so überstrickt?“ Da sprach die Taube: „O liebe Freundin! Weißt du nicht,
daß keiner lebt, dem Gott nicht ein widerwärtiges Verhängnis schickt?
Und der Betrügerinnen arglistigste ist die Zeit! Sie streute mir süße
Weizenkörner und verbarg meinen Augen das trugvolle Netz, so daß ich mit
meinen Freundinnen hineinfiel. Niemand verwahret sich der Schickung, die
von oben kommt, ja Mond und Sonne leiden auch Verfinsterung, und aus des
Sees grundloser Tiefe lockt der Menschen Trug den Fisch, wie er den
Vogel aus der Lüfte Meer herab in seine falschen Schlingen zieht.“
Als die Taube dies mit vieler Beredsamkeit gesprochen, begann die Maus
das Netz zu zernagen, und zwar an dem Ende, wo ihre Gespielin, die
Taube, lag, diese aber sprach: „Fange an bei den andern, meinen
Schwestern, und wenn du sie alle erledigt hast, dann erledige auch
mich.“ Aber die Maus folgte ihr nicht, ob sie gleich wiederholt bat, und
wie sie noch einmal die Maus darum ansprach, so fragte diese: „Was sagst
du mir dies so oft, als ob du nicht auch wünschtest frei zu sein?“
Darauf antwortete die Taube: „Laß meine Bitte dir nicht mißfallen; diese
meine Schwestern haben mir vertraut als ihrer Führerin; sie folgten
willig mir und voll Vertrauen und durch meine Unvorsichtigkeit gerieten
sie unter das Netz, darum ist billig, daß ich auf ihre Erlösung eher
denke als auf die meinige, zumal es nur durch ihre gemeinsame Hilfe
gelang, auch mich zu erheben samt des Voglers Garn. Auch möchtest du
ermüden bei den andern, weißt du aber mich, deine liebste Freundin, noch
im Netz, so wirst du mich nicht verlassen.“
Darauf sprach das Mäuslein: „O liebe, gute Taube, Taubenherz; viele Ehre
macht dir diese Gesinnung und muß die Liebe stärken zwischen dir und
deinen Gesellinnen.“ Und sie zernagte das Netz allenthalben, und die
Tauben flogen frei und fröhlich ihren Weg, die Maus aber schlüpfte
wieder in ihr Löchlein.
Das alles hatte der Rabe, der in der Nähe sich auf einen Baum
niedergelassen hatte, gesehen und mit angehört, und hielt hierauf ein
Selbstgespräch: „Wer weiß,“ sprach er, „ob ich nicht auch in gleiche
Lage und Gefahr komme, wie diese Tauben? Dann ist es doch gar herrlich,
edle Freunde zu haben, die uns aus der Not helfen. Mit dieser Maus
möchte mir Freundschaft allewege frommen!“
Und da flog er von seinem Baum und hüpfte zu der Schlucht und rief:
„Sambar, komm heraus!“ Und drinnen rief das Mäuselein: „Wer bist du?“ Da
sprach er: „Ich bin der Rabe und habe gesehen, was deiner lieben
Freundin, der Taube, begegnet ist, und wie Gott sie erledigt hat durch
deine Treue, deshalb komme ich, auch deine Freundschaft zu suchen.“ Da
sprach Sambar, das kluge Mäuslein, ohne daß es hervorkam: „Es kann nicht
Freundschaft sein zwischen dir und mir; ein Weiser strebt nur zu
erlangen das, was möglich ist, und für unweise gilt, der das Unmögliche
erringen will. So führe einer Schiffe übers Land und Karren übers Meer.
Wie könnte zwischen uns Gesellschaft sein, da ich dein Fraß bin und der
Fresser du?“ Da sprach der Rabe: „Mäuselein, versteh’ mich wohl, und
sinn’ meiner Rede nach. Was frommte mir, fräße ich dich auf, dein Tod!
Dein Leben soll mir hilfreich sein, und deine Freundschaft so beständig
wie Ambra, der lieblich duftet, ob man auch verhüllt ihn trägt.“ Darauf
sprach die Maus: „Wisse, Rabe, der Haß der Begierde ist der größte Haß.
Löwe und Elefant hassen einander ihrer Stärke halber, das ist ein edler
und gleicher Haß des Mutes und des Streites; aber der eingefleischte Haß
des Starken gegen den Schwachen, das ist ein unedler und ungleicher Haß;
so haßt der Habicht das Rebhuhn, die Katze die Ratte, der Hund den
Hasen, und du — mich. Erhitze Wasser am Feuer, daß es gleich dem Feuer
dich brennt, es wird darum doch kein Feuer sein, auch nie des Feuers
Freund, sondern es wird, in das Feuer geschüttet, dieses dennoch
dämpfen. Die Weisen sagen: Wer seinem Feind anhängt, gleicht dem, der
eine giftige Schlange in seine Hand nimmt; er weiß nicht, wann sie ihn
beißen wird. Der Kluge traut seinem Feinde niemals, sondern er hält sich
fern von ihm, sonst geschieht ihm, wie einst dem Manne mit der Schlange
geschah.“
Der Rabe fragte: „Wie geschah dem?“ und da erzählte ihm die Maus
folgendes Märchen:
Der Mann und die Schlange.
Es war einmal ein Mann, in dessen Hause wohnte eine Schlange, die wurde
von dem Weibe dieses Mannes wohl gehalten und bekam täglich ihre
Nahrung. Sie hatte ihre Wohnung ganz nahe bei dem Herde, wo es immer
hübsch warm war, in einem Mauerloch. Der Mann und das Weib bildeten sich
ein, nach dem herrschenden Aberglauben, daß es Glück bringe, wenn eine
Schlange im Hause sei. Nun geschah es an einem Sonntag, daß dem
Hausherrn das Haupt schmerzte, deshalb blieb er früh in seinem Bette
liegen, und hieß die Frau und das Gesinde in die Kirche gehen. Da gingen
sie alle aus, und es war nun ganz still im Hause, und jetzt schlüpfte
die Schlange leise aus ihrem Loch und sahe sich allenthalben sehr um.
Das sahe der Mann, dessen Kammer offen stand, und wunderte sich im
stillen, daß sich die Schlange, gegen ihre sonstige Gewohnheit, so sehr
umsah. Sie durchkroch alle Winkel, und kam auch in die Kammer und guckte
hinein, sah aber niemand, denn der Hausherr hatte sich verborgen. Und
nun kroch sie auf den Herd, wo ein Topf mit der Suppe am Feuer stand,
hing ihren Kopf darüber und spie ihr Gift in den Topf, darauf verbarg
sie sich wieder in ihrer Höhle. Der Hausherr stieg alsbald auf, nahm den
Topf und grub ihn mit Speise und Gift in die Erde. Wie nun die Zeit da
war, daß man essen wollte, wo auch die Schlange gewöhnlich
hervorzukommen pflegte, stellte sich der Mann mit einer Axt vor das
Loch, willens, sobald sie herausschlüpfen werde, ihr den Kopf vom Rumpfe
zu hauen. Aber die Schlange steckte ganz vorsichtig ihren Kopf erst nur
ein klein wenig aus dem Loch, und wie der Mann zuschlug, fuhr sie
blitzschnell zurück und zeigte, daß sie kein gutes Gewissen hatte. Nach
einigen Tagen redete die Frau ihrem Manne zu, er solle mit der Schlange
Frieden schließen, sie würde wohl nicht wieder so Böses tun; der
Hauswirt war gutwillig und rief einen Nachbarn, der sollte Zeuge sein
des Friedensbundes mit der Schlange und einen Vertrag mit ihr
aufrichten, daß eins sicher sein sollte vor dem andern. Hierauf riefen
sie die Schlange und machten ihr den Antrag; die Schlange aber sagte:
„Nein! — Unsre Gesellschaft kann fürder in Treuen nicht mehr bestehen,
denn, wenn du daran denkst, was ich dir in deinen Topf getan, und wenn
ich bedenke, wie du mir mit scharfer Axt nach meinem Kopf gehauen hast,
so möchte wohl keiner von uns dem andern trauen. Darum gehören wir nicht
zusammen; gib du mir frei Geleit, das ist alles, was ich von dir
begehre, und laß mich meine Straße ziehen, je weiter von dir, desto
besser, und du bleibe ruhig in deinem Hause.“ Und also geschahe es.
Der Rabe, als er diese Erzählung aus dem Mund des Mäusleins Sambar
vernommen hatte, nahm wieder das Wort und sprach: „Ich fasse wohl die
Lehre, die dein Märlein in sich hält, allein bedenke deine Natur und
meine Aufrichtigkeit, sei minder streng und weigere mir nicht deine
Genossenschaft. Es ist ein Unterschied zwischen edel und unedel; der
Becher aus Gold währet länger als der aus Glas, und wenn der Glaspokal
zerbricht, so ist er hin, leidet aber der Goldpokal, so ist der Wert
noch nicht verloren. Die Freundschaft der bösen und unedeln Gemüter ist
gar keine Freundschaft, du aber hast ein edles Gemüt, das hab’ ich wohl
erkannt, und so sehnt sich mein Herz nach deiner Freundschaft und bedarf
ihrer, und ich werde nicht weichen vom Eingang deiner Wohnung, und nicht
eher essen noch trinken, bis du meiner Bitte Gehör gegeben!“
Darauf sprach das kluge Mäuslein Sambar: „Ich nehme jetzt deine
Gesellschaft an, denn ich habe noch nie eine billige Bitte ungewährt
gelassen. Du magst aber wohl erwägen, daß ich mich nicht zu dir
gedrängt, auch daß ich in meiner Wohnung sicher vor dir bin, aber ich
begehre nützlich zu sein allen, die meiner Hilfe begehren, darum rühme
dich nicht etwa: Haha, ich habe eine unvorsichtige und unvernünftige
Maus gefunden! — damit es dir nicht gehe, wie dem Hahn mit dem Fuchs.“
„Wie war das?“ fragte der Rabe, und da erzählte das Mäuslein ein
Gleichnis:
Der Hahn und der Fuchs.
In einer kalten Winternacht kroch ein hungeriger Fuchs aus seinem Bau
und ging dem Fange nach. Da hörte er auf einem Meierhofe einen Hahn fort
und fort krähen, der saß auf einem Kirschbaum und hatte schon die ganze
Nacht gekräht. Jetzt strich der Fuchs hin nach dem Baum und fragte:
„Herr Hahn, was singst du in dieser kalten und finstern Nacht?“ Der Hahn
sprach: „Ich verkünde den Tag, dessen Kommen meine Natur mich erkennen
lehrt.“ Darauf versetzte der Fuchs: „O Hahn, so hast du etwas Göttliches
in dir, daß du zukünftig kommende Dinge weißt!“ und alsbald begann der
Fuchs zu tanzen. Jetzt fragte der Hahn: „Herr Fuchs, warum tanzest du?“
Ihm antwortete der Fuchs: „So du singest, o weiser Meister, so ist
billig, daß ich tanze, denn es ziemet, sich zu freuen mit den
Fröhlichen. O Hahn, du edler Fürst aller Vögel, du bist nicht allein
begabt zu fliegen in den Lüften, nein, auch hohe Prophetengaben lieh dir
die Natur! O wie bevorzugte sie dich vor allen andern Tieren! Wie
glücklich wär’ ich, gönntest du mir deine Gunst! Wie gerne küßt’ ich
dein weisheitdurchdrungenes verehrtes Haupt! O wie beneidenswert, wenn
ich dann künden könnte meinen Freunden: ich war der Glückliche, dem ein
Prophet sein Haupt zum Kusse hingeneigt!“ Der alberne Hahn glaubte dem
Schmeichelwort des arglistigen Fuchses, flog vom Baum und hielt ihm
seinen Kopf zum Küssen hin. Mit einem Schnapper war er abgebissen, und
lachend sprach der Fuchs: „Ich habe den Propheten ohne alle Vernunft
befunden.“
Als das Mäuslein diese Fabel geendigt hatte, fuhr es fort, zum Raben zu
sprechen: „Ich habe dir dies nicht gesagt, weil ich glaube, daß ich der
Hahn sei und du der Fuchs, ich die Speise und du der Fresser, vielmehr
will ich glauben, daß deine Worte nicht mit zweigespaltener
Schlangenzunge gesprochen sind.“ Und darauf ging die Maus in die Öffnung
ihres Türloches. Der Rabe fragte: „Warum stellst du dich unter die Türe?
Was macht dich so zaghaft, zu mir herauszugehen? Hegst du immer noch
Furcht vor mir?“ Darauf antwortete das Mäuslein: „Ich habe meinen
Glauben und mein Vertrauen auf dich gesetzt, denn du gefällst mir, und
nicht Furcht vor deiner Unredlichkeit hält mich ab, hervorzukommen. Aber
du hast viele Gesellen deiner Art, doch vielleicht nicht deines Gemütes,
und deren Freundschaft ist nicht mit mir, wie deine. Sieht mich einer,
so muß ich fürchten, daß er mich frißt.“ Dagegen sprach der Rabe: „Zu
treuer Genossenschaft gehört doch vor allem, daß einer sei seines
Genossen treuer Freund, und Feind seines Feindes; sei gewiß, o Freundin
Sambar, daß mir kein Freund lebt, der nicht ebenso treuer Freund dir
sein soll, wie ich selbst. Auch ich habe Macht und Kraft genug, dich zu
schützen und zu schirmen.“ Nun endlich ging das Mäuslein Sambar hervor
aus seinem Löchlein und verschwur sich mit dem Raben zu einem
unverbrüchlichen Freundschaftsbündnis, und als das geschehen war,
wohnten sie bei- und nebeneinander friedsam und freundlich, und
erzählten einander alle Tage schöne Märchen.
Endlich aber zu einer Zeit sprach der Rabe zur Maus: „Höre, meine liebe
Freundin Sambar, deine Wohnung ist doch gar lautbar und zu nahe am Weg;
ich besorge, es kommt einmal einer, der dich oder mich schießt oder
schädigt, auch fällt es mir schwer, hier meine Nahrung zu finden. Aber
ich weiß einen lustigen und nützlicheren Aufenthalt, da gibt es Wasser
und Wiesen, Früchte und Futter, und dort in dem Wasser wohnt auch noch
eine alte Freundin von mir, gar eine treue Genossin; ich wünschte, du
zögest mit mir an jenen Ort.“
„Das will ich dir gern zuliebe tun,“ sprach die Maus, „denn ich bin hier
selbst scheu und halte mich nicht recht sicher, deshalb siehst du auch
die vielen Ein- und Ausgänge meiner Wohnung. Glaube nur, lieber Freund,
mir sind schon gar mancherlei Fährlichkeiten begegnet, davon ich dir
erzählen will, wenn wir an den neuen Aufenthalt kommen.“
Darauf nahmen beide Abschied von ihrem alten Wohnort, und der Rabe faßte
die Maus am Schwänzlein in seinen Schnabel, und flog mit ihr dahin an
den Ort, den er meinte. Da guckte ein Tier mit dem Kopf aus dem Wasser,
das erschrak vor der Maus, denn es erkannte sie nicht, wie der Rabe sie
aus dem Schnabel ließ, und tauchte schnell unter. Der Rabe flog auf
einen Baum und rufte: „Korax, Korax!“ Da kam das Tier aus dem Wasser
hervor, das war seine Freundin, eine Schildkröte, die freute sich, den
Raben wiederzusehen und fragte ihn, was ihn zu seinem langen
Außenbleiben bewogen? Da erzählte ihr der Rabe die Geschichte von der
Taube und der Maus, und stellte seine Freundinnen einander vor, und die
Schildkröte verwunderte sich über die hohe Vernunft der Maus, kroch zu
ihr, gab ihr die Hand, und freute sich sehr, ihre Bekanntschaft zu
machen. Hernach bat der Rabe die Maus, ihm und seiner alten Freundin
doch ihre Lebensgeschichte zu erzählen, und sie ließ sich dazu gern
bereit und willig finden, und erzählte wie folgt:
Die Lebensgeschichte der Maus Sambar.
„Ich bin geboren in dem Hause eines frommen Einsiedels; es waren unser
viele Geschwister, und außer meinen lieben verstorbenen Eltern lebten
auch deren Geschwister, Vettern und Muhmen und deren Kinder allzumal in
diesem Hause. Es fehlte uns niemals an Nahrungsmitteln aller Art, denn
die guttätigen Leute in der Nachbarschaft trugen dem Einsiedel alle Tage
Brot, Mehl, Käse, Eier, Butter, Früchte und Gemüse zu, viel mehr als er
brauchte, darum, daß er für sie beten solle. Ob er für sie gebetet, und
ob das ihnen etwas geholfen hat, weiß ich nicht. Nun gönnte der
Einsiedel mir und meinen Verwandten doch nicht alles, und hing deshalb
einen Korb mitten in seine Küche, wo wir nicht dazukonnten. Da ich mich
aber schon als junges Mäuslein durch Mut, gepaart mit List und Vorsicht,
vorteilhaft auszeichnete, so sprang ich von der nahen Wand dennoch in
den Korb, aß, soviel mir nur schmeckte, und warf das übrige meinen
Verwandten herunter, die an jenem Tag einen wahren Festtag feierten. Als
der Einsiedel hereinkam und sah, was geschehen war, traf er Anstalt, den
Korb noch höher zu hängen. Da besuchte ihn ein Wallbruder, den bewirtete
er nach seinem Vermögen, und als sie miteinander gegessen und getrunken
hatten, tat der Einsiedel die Speisereste in den Korb, und hing ihn an
den neuen Ort, und gedachte, achtzuhaben, ob das Mäuslein auch da
hineinkommen möchte. Indes begann der Gast zu reden und zu erzählen von
seinen Fahrten zu Land und zu Meer, und seinen Abenteuern, die er erlebt
und bestanden, aber nahm wahr, daß der Gastfreund immer nur mit halbem
Ohr auf ihn hörte, und immer dem Korbe mit Leib und Blicken halb
zugewendet blieb. Da ward der Waller unwillig und sprach: ‚Ich erzähle
dir die schönsten Abenteuer und du achtest nicht darauf, und scheinst
keine Lust daran zu haben.‘ — ‚Mitnichten,‘ erwiderte der Einsiedel,
‚ich höre gar gern deine Reden, aber ich muß achthaben, ob die Mäuse
wieder in den Speisekorb kommen, denn dieses Ungeziefer frißt mir alles
weg, daß kaum etwas für mich übrigbleibt, und besonders ist eine, die
springt in den Korb für alle andern.‘ Damit meinte er mich, die kleine
Sambar. Darauf sagte der Wallbruder: ‚Bei deiner Rede machst du mich der
Fabel eingedenk von einer Frau, die zu ihrer Freundin sprach: Diese Frau
gibt nicht ohne Ursache den ausgeschwungenen Weizen für den
unausgeschwungenen.‘ — ‚Wieso? Wie war das?‘ fragte der Einsiedel, und
der Waller sagte: ‚Laß dir erzählen. Einstmals auf meiner Wanderschaft
herbergte ich bei einem ehrenwerten Manne, den hörte ich des Nachts, da
ich nebenan schlief, zu seiner Frau sprechen: ‚Frau, morgen will ich
etliche Freunde zu Gaste laden.‘ Dem antwortete das Weib: ‚Du vermagst
nicht alle Tage Gäste zu haben und Wirtschaft zu machen; damit vertust
du, was wir haben, und zuletzt bleibt uns im Haus und Hof gar nichts
mehr.‘ Da sprach der Mann: ‚Hausfrau, laß dir das nicht mißfallen, was
mein Wille ist, besonders in solchen Sachen! Ich sage dir, wer allewege
karg ist, und nur immer einnehmen und zusammenscharren, aber niemals
wieder ausgeben will, und dessen, was er hat, nicht recht froh wird, der
nimmt ein Ende, wie der Wolf.‘