Nun hatte der junge Rittersmann noch eine Mutter, der kam die Schnur

ungelegen, denn sie hatte bisher das Regiment ganz allein geführt, und

besorgte sich nun, daß sie Gewalt und Ansehen auf dem Schloß verlieren

werde. Und wurde der Schnur gram und haßte sie, und ermahnte oft ihren

Sohn, jene nicht allzulieb zu haben, und hätte gar zu gern Unfrieden und

Zwietracht zwischen beiden angestiftet. Aber sie konnte das nicht zuwege

bringen, denn ihr Sohn wollte ihre Worte nicht hören und war dann

jedesmal ungehalten auf sie. Als sie nun das wahrnahm, da stellte sie

sich in allem willfährig und dienstgefällig gegen ihren Sohn und die

junge Frau, aber es kam bei ihr alles aus einem falschen Herzen, darin

sie zumal eine grausame Bosheit erdacht hatte gegen die junge Frau,

obschon sie sie äußerlich gar sehr zu ehren schien. Darüber kam die

Zeit, daß die junge Frau in das Kindbett kam, und genas von sechs Söhnen

und einer Tochter, die trugen alle goldne Ringe um ihre Hälse. Sofort

kam das alte böse Weib, die Mutter des jungen Herrn, und nahm die sieben

Kinderchen, während die Mutter schlief, trug sie hinweg, und legte

sieben junge Hündlein, die in derselben Nacht geworfen worden, an deren

Stelle. Nun hatte dieses falsche und ungetreue Weib einen vertrauten

Knecht, dem überantwortete sie die sieben Kinder, und verpflichtete ihn

bei Treuen und Eide, daß er sie in den wilden Wald tragen, sie töten und

begraben sollte in der Erde oder im Wasser ertränken. Das gelobte der

Knecht zu tun, trug die Kindlein in den Wald, legte sie unter einen Baum

und bereitete sich, sie zu erwürgen. Da kam ihn aber ein Grauen an vor

dem Mord, und er schauderte zurück vor solch ungetreuer Tat, und ließ

die Kindlein leben, ging und sagte der Frau, daß er ihr Gebot vollbracht

habe.

Aber der Schöpfer aller Wesen, der alle Dinge zum Besten lenkt, erbarmte

sich der Kindlein und sandte ihnen einen Nährvater, das war ein alter

weiser Meister, der in dem Walde wohnte, Weisheit zu pflegen, der nahm

die Kindlein in seine Klause und nährte sie mit der Milch der

Hirschkühe, die zu ihm zu kommen gewohnt waren, sieben Jahre lang.

Als jenes böse Weib die Kinder weggebracht hatte von der Mutter, führte

sie ihren Sohn zu der jungen Frau, zeigte ihm die Hündlein und sprach:

„Siehe, Sohn, die Kinder, die deine Frau dir geboren, es sind junge

Hunde.“ Das tat sie ihrem Sohn aus Rache an, weil er die junge Frau so

lieb hatte. Als er das sah, glaubte er seiner Mutter und warf einen Haß

auf die junge Frau, die er vorher so lieb gehabt, wollte auch kein Wort

einer Entschuldigung hören, sondern er ließ sie auf dem Hofe vor dem

Palas seiner Burg in die Erde eingraben bis an die Brust, und über ihr

Haupt ließ er ein Waschbecken mit Wasser setzen, und gebot allem seinem

Gesinde, sich über ihrem Haupt zu waschen und ihre Hände an ihrem

schönen Haar zu trocknen. Auch sollte sie keine andere Nahrung bekommen,

wie die Hunde.

Und so mußte das arme Weib stehen bleiben in der Grube in Nöten und

Ängsten sieben ganze Jahre, und durfte sich ihrer keine Seele erbarmen.

Darüber verzehrte sich ihr schöner Leib, ihre Kleider vermoderten und es

blieb nur die Haut über ihren Gebeinen.

Indessen lernten die jungen Kinder im Walde Wild und Vögel schießen, und

sich von deren Fleisch nähren, und da geschah es, daß der Ritter, ihr

Vater, wieder einmal jagen ging in dem Walde. Da ward er der Kinder

gewahr, die in dem Holze spielend hin und her liefen, und hatten alle

güldne Kettlein am Halse. Und sein Herz ward von Neigung zu den Kindern

bewegt; hätte gern eins oder das andere ergriffen, aber sie ließen sich

nicht fangen, sondern verschwanden im Walde. Daheim erzählte er seiner

Mutter und anderen Herren und Freunden, daß er im Walde kleine Kinder

gesehen mit Goldkettchen an den Hälsen. Darüber erschrak seine Mutter

innerlich, nahm den Knecht vor und fragte ihn: „Hast du damals die

Kinder getötet, oder hast du sie leben lassen?“ Da bekannte der Knecht,

daß er sie nicht mit eigner Hand zu töten vermocht habe, doch habe er

sie unter einen Baum gelegt, und da wären sie gewiß bald gestorben.

Hierauf gebot sie dem Knecht, schleunigst in den Wald zu reiten, die

Kinder zu suchen, die mitnichten gestorben seien, und ihnen die goldnen

Ketten zu nehmen, sonst würden sie beide zuschanden werden. Der Knecht

gehorchte voll Angst, suchte drei Tage die Kinder im Walde und fand sie

nicht; erst am vierten Tage fand er sie, sie hatten die Kettchen

abgelegt, und waren nun in Schwäne verwandelt, und spielten auf dem

Wasser. Aber das Mädchen hatte noch seine menschliche Gestalt und sah

den Schwänen zu, wie sie auf dem Wasser spielten. Da ging der Knecht

heimlich hinzu und nahm die sechs goldnen Kettchen weg; aber das Mädchen

entlief ihm, daß er es nicht erreichen konnte.

Wie der Knecht die Ketten der Alten darbrachte, sandte sie zu einem

Goldschmied und hieß ihn von denselben einen Becher machen. Als der

Goldschmied nun von den Ketten einen Becher gießen wollte, befand er,

daß das Gold also edel und rein war, daß es weder mit dem Hammer

verarbeitet noch im Feuer fließend gemacht werden konnte, bis auf ein

Kettchen, das zerschlug er und machte einen Ring davon; die andern wog

er auf seiner Wage, legte sie beiseit und gab dafür an Gewicht so viel

anderes Gold und machte einen Becher davon, den gab er der Frau und auch

den Ring, die schloß beides fest in ihren Kasten.

Jene Schwäne aber, die nun ihre menschliche Gestalt nicht wiedererlangen

konnten, wurden betrübt und sangen mit süßer kläglicher Stimme

wehmutvollen Gesang, der klang wie Weinen kleiner Kinder. Zuletzt

erhoben sie sich auf ihrem Gefieder hoch empor, zu sehen, wo sie sich

hinwenden möchten? Da gewahrten sie einen großen spiegelklaren See, auf

dem ließen sie sich nieder. Der See aber umschloß einen hohen Berg, an

dem hing ein großer Felsen und auf diesem lag eine schöne Burg. Der

Felsen war also steil, und das Wasser stand so dicht am Berge, daß außer

einem ganz schmalen Steig keinerlei Zugang zur Burg war. Und das war

gerade die Burg des jungen Ritters, welcher der Vater jener Kinder war,

und die Fenster des Speisesaales der Burg standen nach dem Wasser

gekehrt, so daß der Herr bald der Schwanen gewahr ward, und wunderte

sich, denn er hatte so schöne Vögel noch niemals gesehen. Darum warf er

ihnen Brot und andere Speisen hinunter, und gebot allem seinem Gesinde,

daß sie niemand solle verjagen oder vertreiben, sondern sie sollten

allezeit Brot hinunterwerfen, so lange, bis daß die Schwäne sich dort

beständig heimisch hielten. Diesem Gebot ward fleißig nachgelebt, und

die Schwäne gewöhnten sich dahin und wurden so zahm, daß sie stets zur

Essenszeit kamen und ihr Futter empfingen.

Das arme verlassene Mädchen aber, ihre Schwester, hatte nun zwar ihre

menschliche Gestalt behalten, war aber hilflos, und ging betteln hinauf

auf die Burg ihres Vaters. Da gab man ihr den Abfall vom Tische, und sie

teilte diesen mit der armen Frau in der Grube, denn sooft sie diese sah,

mußte sie bitterlich weinen. Doch kannte eins das andre nicht. Auch

brachte das Mägdlein noch einige übriggebliebene Brosamen herunter unter

die Burg an das Wasser, und gab die den Schwanen, ihren Brüdern.

Allezeit, wenn sie nahete, so kamen die Schwanen herbei, fliegend und

flatternd und kitternd, und aßen ihre Speise aus der Schürze des

Mägdleins. Das kosete sie freundlich und nahm sie oft in ihre Arme, und

ging dann stets gegen Abend wieder auf die Burg, und schlief alle Nacht

vor der Frau, die in der Erde stand, ohne daß sie wußte, daß diese ihre

Mutter war.

Alle Bewohner der Burg sahen das alles mit großer Verwunderung, und daß

sie immer weinte, wenn sie bei der Frau stand, und auch, daß sie dieser

sehr ähnlich sah. Und da ward auch des Ritters Herz bewegt, daß er das

Mägdlein näher betrachtete, und sah die Ähnlichkeit mit seiner Frau, und

sah auch an ihrem Hals das güldne Kettlein. Und ließ das Dirnlein vor

sich treten und fragte es: „Mein liebes Kind, sage mir, von wannen bist

du und von wannen kömmst du her? Wer sind deine Eltern und wie hast du

die Schwanen so gezähmt, daß sie aus deinem Schoße essen?“

Da erseufzte das arme Kind aus tiefstem Herzensgrund und sprach: „Lieber

Herr! die Eltern, die ich hatte, habe ich nie gekannt. Ich weiß auch

nicht, ob ich sie gesehen habe. Wenn du aber nach den Schwanen fragst,

das sind meine Brüder, die mit mir ernährt wurden von der Milch der

Hindinnen im Walde. Zu einer Zeit geschah es, daß meine Brüder ihre

goldenen Ketten ablegten, weil sie baden wollten, da wurden sie in

Schwäne verwandelt; und weil die Ketten geraubt wurden, konnten sie die

Menschengestalt nicht wiedererlangen, und mußten Schwäne bleiben.“

Diese Rede vernahmen das falsche untreue Weib und der Knecht, ihr

Helfershelfer, und erschraken heftiglich und wurden beide bleich im

Bewußtsein ihrer Schuld. Der Ritter nahm das wahr, und dachte drüber

nach, indem er von der Burg herab spazieren ging. Die Alte aber hetzte

den Knecht auf, er sollte das Mägdlein töten. Und er nahm ein blankes

Schwert und folgte dem Mägdlein, als es nach seiner Gewohnheit herabging

zu den Schwanen. Allein der Herr gewahrte seiner, trat herzu, und wie

der Knecht die Missetat begehen wollte, schlug er ihm das Schwert aus

der Hand. Da fiel der Knecht auf seine Knie nieder und bekannte alles.

Darauf trat der Ritter zu seiner Mutter und zwang sie mit Drohungen zum

Geständnis; da schloß sie ihren Kasten auf und gab dem Sohn jenen

Becher, der von den Kettchen gefertigt sein sollte. Sogleich sandte der

Ritter nach dem Goldschmied und fragte ihn ernstlich wegen des Bechers.

Da sich dieser nun auch der Strafe besorgte, so bekannte er die

Wahrheit, daß er die Ketten noch ganz habe, bis auf eine, aus der er

einen Ring gefertigt. Der Ritter hieß ihn die Ketten bringen, und gab

sie der Jungfrau; die legte sie den Schwanen, jeglichem eine, um den

Hals. Da erhielten sie alle die menschliche Gestalt wieder, bis auf

_einen_ — der mußte ein Schwan bleiben. Von diesem Schwan findet man in

manchem Buche viel sonderliche Abenteuer beschrieben. Nun ließ der

Ritter gar eilig die arme Frau aus der Erde nehmen, ließ sie mit edler

Spezerei und kostbaren Würzen wieder erquicken, daß sie wieder ein

schönes Weib wurde. Seine falsche Mutter ließ er in das nämliche Loch

setzen, darin seine unschuldige Frau sieben lange Jahre geschmachtet und

gelitten hatte durch jener Bosheit. So geschah ihr nach dem

Prophetenspruch: _In die Grube fällt, wer andern sie gegraben._

Die drei Hunde.

Ein Schäfer hinterließ seinen beiden Kindern, einem Sohn und einer

Tochter, nichts als drei Schafe und ein Häuschen, und sprach auf seinem

Totenbette: „Teilt euch geschwisterlich darein, daß nicht Hader und Zank

zwischen euch entstehe.“ Als der Schäfer nun gestorben war, fragte der

Bruder die Schwester, welches sie lieber wolle, die Schafe oder das

Häuschen? Und als sie das Häuschen wählte, sagte er: „So nehm’ ich die

Schafe und gehe in die weite Welt: es hat schon mancher sein Glück

gefunden und ich bin ein Sonntagskind.“ Er ging darauf mit seinem

Erbteil fort; das Glück wollte ihm jedoch lange nicht begegnen. Einst

saß er recht verdrießlich an einem Kreuzweg, ungewiß, wohin er sich

wenden wollte; auf einmal sah er einen Mann neben sich, der hatte drei

schwarze Hunde, von denen der eine immer größer als der andere war. „Ei,

junger Gesell,“ sagte der Mann, „Ihr habt da drei schöne Schafe. Wißt

Ihr was, gebt mir die Schafe, ich will Euch meine Hunde dafür geben.“

Trotz seiner Traurigkeit mußte jener lachen. „Was soll ich mit Euren

Hunden tun?“ fragte er; „meine Schafe ernähren sich selbst, die Hunde

aber wollen gefüttert sein.“ — „Meine Hunde sind von absonderlicher

Art,“ antwortete der Fremde; „sie ernähren Euch, statt Ihr sie, und

werden Euer Glück machen. Der Kleinere da heißt ‚bring Speisen‘, der

zweite ‚zerreiß’n‘, und der große Starke ‚brich Stahl und Eisen‘.“ Der

Schäfer ließ sich endlich beschwatzen und gab seine Schafe hin. Um die

Eigenschaft seiner Hunde zu prüfen, sprach er: „Bring Speisen!“ und

alsbald lief der eine Hund fort und kam zurück mit einem großen Korb

voll der herrlichsten Speisen. Den Schäfer gereuete nun der Tausch

nicht; er ließ sich’s wohl sein und zog lange im Lande umher.

Einst begegnete ihm ein Wagen mit zwei Pferden bespannt und ganz mit

schwarzen Decken bekleidet und auch der Kutscher war schwarz angetan. In

dem Wagen saß ein wunderschönes Mädchen in einem schwarzen Gewande, das

weinte bitterlich. Die Pferde trabten traurig und langsam und hingen die

Köpfe. „Kutscher, was bedeutet das?“ fragte der Schäfer. Der Kutscher

antwortete unwirsch, jener aber ließ nicht nach zu fragen, bis der

Kutscher erzählte, es hause ein großer Drache in der Gegend, dem habe

man, um sie vor seinen Verwüstungen zu sichern, eine Jungfrau als

jährlichen Tribut versprechen müssen, die er mit Haut und Haar

verschlinge. Das Los entscheide allemal unter den vierzehnjährigen

Jungfrauen und diesmal habe es die Königstochter betroffen. Darüber sei

der König und das ganze Land in tiefster Betrübnis und doch müsse der

Drache sein Opfer erhalten. Der Schäfer fühlte Mitleid mit dem schönen

jungen Mädchen und folgte dem Wagen. Dieser hielt endlich an einem hohen

Berge. Die Jungfrau stieg aus und schritt langsam ihrem schrecklichen

Schicksal entgegen. Der Kutscher sah nun, daß der fremde Mann ihr folgen

wollte, und warnte ihn, der Schäfer ließ sich jedoch nicht abwendig

machen. Als sie die Hälfte des Berges erstiegen hatten, kam vom Gipfel

herab ein schreckliches Untier mit einem Schuppenleib, Flügeln und

ungeheuren Krallen an den Füßen; aus seinem Rachen loderte ein glühender

Schwefelstrom, und schon wollte es sich auf seine Beute stürzen, da rief

der Schäfer: „Zerreiß’n!“ und der zweite seiner Hunde stürzte sich auf

den Drachen, biß sich in der Weiche desselben fest, und setzte ihm so

zu, daß das Ungeheuer endlich niedersank und sein giftiges Leben

aushauchte, der Hund aber fraß ihn völlig auf, daß nichts übrigblieb als

ein paar Zähne, die steckte der Schäfer zu sich. Die Königstochter war

ganz ohnmächtig vor Schreck und vor Freude, der Schäfer erweckte sie

wieder zum Leben, und nun sank sie ihrem Retter zu Füßen und bat ihn

flehentlich, mit zu ihrem Vater zu kommen, der ihn reich belohnen werde.

Der Jüngling antwortete, er wolle sich erst in der Welt umsehen, nach

drei Jahren aber wiederkommen. Und bei diesem Entschluß blieb er. Die

Jungfrau setzte sich wieder in den Wagen, und der Schäfer ging eines

andern Weges fort.

Der Kutscher aber war auf böse Gedanken gekommen. Als sie über eine

Brücke fuhren, unter der ein großer Strom floß, hielt er still, wandte

sich zur Königstochter und sprach: „Euer Retter ist fort und begehrt

Eures Dankes nicht. Es wäre schön von Euch, wenn Ihr einen armen

Menschen glücklich machtet. Saget deshalb Eurem Vater, daß ich den

Drachen umgebracht habe; wollt Ihr aber das nicht, so werf’ ich Euch

hier in den Strom und niemand wird nach Euch fragen, denn es heißt, der

Drache habe Euch verschlungen.“ Die Jungfrau wehklagte und flehte, aber

vergeblich; sie mußte endlich schwören, den Kutscher für ihren Retter

auszugeben und keiner Seele das Geheimnis zu verraten. So fuhren sie in

die Stadt zurück, wo alles außer sich vor Entzücken war; die schwarzen

Fahnen wurden von den Türmen genommen und bunte darauf gesteckt, und der

König umarmte mit Freudentränen seine Tochter und ihren vermeintlichen

Retter. „Du hast nicht nur mein Kind, sondern das ganze Land von einer

großen Plage errettet,“ sprach er. „Darum ist es auch billig, daß ich

dich belohne. Meine Tochter soll deine Gemahlin werden; da sie aber noch

allzu jung ist, so soll die Hochzeit erst in einem Jahre sein.“ Der

Kutscher dankte, ward prächtig gekleidet, zum Edelmanne gemacht und in

allen feinen Sitten, die sein nunmehriger Stand erforderte, unterwiesen.

Die Königstochter aber erschrak heftig und weinte bitterlich, als sie

dies vernahm, und wagte doch nicht, ihren Schwur zu brechen. Als das

Jahr um war, konnte sie nichts erreichen, als die Frist noch eines

Jahres. Auch dies ging zu Ende und sie warf sich dem Vater zu Füßen und

bat um noch ein Jahr, denn sie dachte an das Versprechen ihres

wirklichen Erretters. Der König konnte ihrem Flehen nicht widerstehen

und gewährte ihr die Bitte, mit dem Zusatz jedoch, daß dies die letzte

Frist sei, die er ihr gestatte. Wie schnell verrann die Zeit! Der

Trauungstag war nun festgesetzt, auf den Türmen wehten rote Fahnen und

das ganze Volk war im Jubel.

An demselben geschah es, daß ein Fremder mit drei Hunden in die Stadt

kam. Der fragte nach der Ursache der allgemeinen Freude und erfuhr, daß

die Königstochter eben mit dem Manne vermählt werde, der den

schrecklichen Drachen erschlagen. Der Fremde schalt diesen Mann einen

Betrüger, der sich mit fremden Federn schmücke. Aber er wurde von der

Wache ergriffen und in ein enges Gefängnis mit eisernen Türen geworfen.

Als er nun so auf seinem Strohbündel lag und sein trauriges Geschick

überdachte, glaubte er plötzlich draußen das Winseln seiner Hunde zu

hören; da dämmerte ein lichter Gedanke in ihm auf. „Brich Stahl und

Eisen!“ rief er, so laut er konnte und alsbald sah er die Tatzen seines

größten Hundes an dem Gitterfenster, durch welches das Tageslicht

spärlich in seine Zelle fiel. Das Gitter brach, und der Hund sprang in

die Zelle und zerbiß die Ketten, mit denen sein Herr gefesselt war;

darauf sprang er wieder hinaus und sein Herr folgte ihm. Nun war er zwar

frei, aber der Gedanke schmerzte ihn sehr, daß ein anderer seinen Lohn

ernten solle. Es hungerte ihn auch und er rief seinen Hund an: „Bring

Speisen!“ Bald darauf kam der Hund mit einer Serviette voll köstlicher

Speisen zurück; in die Serviette war eine Königskrone gestickt.

Der König hatte eben mit seinem ganzen Hofstaat an der Tafel gesessen,

als der Hund erschienen war und der bräutlichen Jungfrau bittend die

Hand geleckt hatte. Mit freudigem Schreck hatte sie den Hund erkannt und

ihm die eigne Serviette umgebunden. Sie sah dies als einen Wink des

Himmels an, bat den Vater um einige Worte und vertraute ihm das ganze

Geheimnis. Der König sandte dem Hunde einen Boten nach, der bald darauf

den Fremden in des Königs Kabinett brachte. Der König führte ihn an der

Hand in den Saal; der ehemalige Kutscher erblaßte bei seinem Anblick und

bat kniend um Gnade. Die Königstochter erkannte den Fremdling als ihren

Retter, der sich noch überdies durch die Drachenzähne, die er noch bei

sich trug, auswies. Der Kutscher ward in einen tiefen Kerker geworfen,

und der Schäfer nahm seine Stelle an der Seite der Königstochter ein.

Diesmal bat sie nicht um Aufschub der Trauung.

Das junge Ehepaar lebte schon eine geraume Zeit in wonniglichem Glück,

da gedachte der ehemalige Schäfer seiner armen Schwester und sprach den

Wunsch aus, ihr von seinem Glücke mitzuteilen. Er sandte auch einen

Wagen fort, sie zu holen, und es dauerte nicht lange, so lag sie an der

Brust ihres Bruders. Da begann einer der Hunde zu sprechen und sagte:

„Unsere Zeit ist nun um; du bedarfst unser nicht mehr. Wir blieben nur

so lange bei dir, um zu sehen, ob du auch im Glück deine Schwester nicht

vergessen würdest.“ Darauf verwandelten sich die Hunde in drei Vögel und

verschwanden in den Lüften.

Schwan, kleb an!

Es waren einmal drei Brüder, von denen hieß der älteste Jakob, der

zweite Friedrich und der dritte und jüngste Gottfried. Dieser jüngste

war das Stichblatt aller Neckerein seiner Brüder und der gewöhnliche

Ablenker ihres Unmuts. Wenn ihnen etwas quer über den Weg lief, so mußte

Gottfried es entgelten und er mußte sich das alles gefallen lassen, weil

er von schwächlichem Körperbau war und sich gegen seine stärkeren Brüder

nicht wehren konnte. Dadurch wurde ihm das Leben sauer gemacht und er

sann Tag und Nacht darauf, sein Schicksal erträglicher zu machen. Als er

einst im Walde war, um Holz zu sammeln, und bitterlich weinte, trat ein

altes Weiblein zu ihm, das fragte ihn um seine Not und er vertraute ihr

all seinen Kummer. „Ei, mein Junge,“ sagte das Weiblein darauf, „ist die

Welt nicht groß? Warum versuchst du nicht anderswo dein Glück?“ Das nahm

sich Gottfried zu Herzen und verließ eines Morgens frühe das väterliche

Haus und machte sich auf den Weg in die weite Welt, um, wie das Weiblein

gesagt hatte, sein Glück zu suchen. Aber der Abschied von dem Ort, wo er

geboren worden war und wenigstens eine glückliche Kindheit verlebt

hatte, ging ihm doch nahe, und er setzte sich auf einen Hügel nieder, um

noch einmal recht das heimatliche Dorf zu betrachten. Siehe, da stand

das Weiblein hinter ihm, schlug ihn auf die Schulter und sprach: „Das

hast du einmal gut gemacht, mein Junge! Aber was willst du nun

anfangen?“ — Gottfried dachte jetzt erst daran, was er beginnen solle?

Er hatte bis jetzt geglaubt, das Glück müsse ihm wie eine gebratne Taube

in den Mund fliegen. Das Weiblein mochte seine Gedanken erraten,

lächelte grinsend und sagte: „Ich will dir sagen, was du anfangen

sollst. Warum? weil ich dich lieb habe, und weil ich glaube, daß du auch

mich nicht vergessen wirst, wenn du dem Glücke im Schoß sitzest.“

Gottfried versprach dies mit Hand und Mund; die Alte fuhr fort: „Heute

abend, wenn die Sonne untergeht, gehe an den großen Birnbaum, der dort

am Kreuzweg steht. Darunter wird ein Mann liegen und schlafen, an den

Baum aber wird ein großer schöner Schwan angebunden sein; den Mann

hütest du dich aufzuwecken und du mußt deswegen gerade mit

Sonnenuntergang kommen, den Schwan aber knüpfst du los und führst ihn

mit dir fort. Die Leute werden in seine schönen Federn vernarrt sein und

du magst ihnen erlauben, davon eine auszurupfen. Wenn aber der Schwan

berührt wird, so wird er schreien, und wenn du dann sagst: Schwan, kleb

an! so wird dem, der ihn berührt, die Hand fest ankleben und nicht eher

wieder loswerden, bis du sie mit diesem Stöcklein antippst, das ich dir

hiermit zum Geschenk mache. Wenn du nun so einen weidlichen Zug

Menschenvögel gefangen hast, so führe sie nur immer gradaus. Da wirst du

an eine große Stadt kommen, da wohnt eine Königstochter, die noch nie

gelacht hat. Bringst du sie zum Lachen, so ist dein Glück gemacht; aber

dann vergiß auch mich nicht, mein Junge!“ Gottfried gab nochmals das

Versprechen und war mit Sonnenuntergang richtig an dem bezeichneten

Baum. Der Mann lag da und schlief, und ein großer schöner Schwan war mit

einem Bande an den Baum gebunden. Gottfried knüpfte den Vogel beherzt

los und führte ihn davon, ohne daß der Mann erwachte.

Ludwig Bechsteins Märchenbuch Mit 176 Holzschnitten nach Originalzeichnungen von Ludwig Richter · 第 18 / 26 段