so weiß wie Schnee an seinem Leibe, und seine Wangen blüheten wie
blutrote Röselein, und seine Haare waren so schwarz wie Ebenholz. Die
Königin freute sich, nannte das Kind Schneeweißchen, und bald darauf
starb sie. Da der König nun ein Witwer geworden war und kein Witwer
bleiben wollte, so nahm er sich eine andre Gemahlin, das war ein
stattliches Weib voll hoher Schönheit, aber auch voll unsäglichen
Stolzes, und auch so eitel, daß sie sich für die schönste Frau in der
ganzen Welt hielt. Dazu war sie zumal durch einen Zauberspiegel
verleitet, der sagte ihr immer, wenn sie hineinsah und fragte:
„Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönste im ganzen Land?“
„Ihr, Frau Königin, seid die Schönst’ im Land.“
Und der Spiegel schmeichelte doch nicht, sondern sagte die Wahrheit wie
jeder Spiegel.
Das kleine Schneeweißchen, der Königin Stieftochter, wuchs heran und
wurde die schönste Prinzessin, die es nur geben konnte, und wurde noch
viel schöner wie die schöne Königin. Diese fragte, als das
Schneeweißchen sieben Jahre alt war, einmal wieder ihren treuen Spiegel:
„Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönst’ im ganzen Land?“
aber da antwortete der Spiegel nicht wie sonst, sondern er antwortete:
„Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,
Aber Schneeweißchen ist tausendmal schöner als Ihr.“
Darüber erschrak die Königin zum Tode, und war ihr, als kehre sich ihr
ein Messer im Busen um, und da kehrte sich auch ihr Herz um gegen das
unschuldige Schneeweißchen, das nichts zu seiner übergroßen Schönheit
konnte. Und weil sie weder Tag noch Nacht Ruhe hatte vor ihrem bösen
neidischen Herzen, so berief sie ihren Jäger zu sich und sprach: „Dieses
Kind, das Schneeweißchen, sollst du in den dichten Wald führen und es
töten. Bringe mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen, daß du mein Gebot
vollzogen!“
Und da mußte das arme Schneeweißchen dem Jäger in den wilden Wald
folgen, und im tiefsten Dickicht zog er seine Wehr und wollte das Kind
durchstoßen. Das Schneeweißchen weinte jämmerlich und flehte, es doch
leben zu lassen, es habe ja nichts verbrochen, und die Tränen und der
Jammer des unschuldigen Kindes rührten den Jäger auf das innigste, so
daß er bei sich dachte: Warum soll ich mein Gewissen beladen, und dies
schöne unschuldige Kind ermorden? Nein, ich will es lieber laufen
lassen! Fressen es die wilden Tiere, wie sie wohl tun werden, so mag das
die Frau Königin vor Gott verantworten. Und da ließ er Schneeweißchen
laufen, wohin es wollte, fing ein junges Wild, stach es ab, und weidete
es aus, und brachte Lunge und Leber der bösen Königin. Die nahm beides
und briet es in Salz und Schmalz und verzehrte es, und war froh, daß
sie, wie sie vermeinte, nun wieder allein die Schönste sei im ganzen
Lande. Schneeweißchen im Walde wurde bald angst und bange, wie es so
mutterseelenallein durch das Dickicht schritt, und wie es zum ersten
Male die harten spitzen Steine fühlte, wie die Dornen ihm das Kleid
zerrissen, und vollends, als es zum ersten Male wilde Tiere sah. Aber
die wilden Tiere taten ihm gar nichts zuleide; sie sahen Schneeweißchen
an, und fuhren in die Büsche. Und das Mägdlein ging den ganzen Tag und
ging über sieben Berge.
Des Abends kam Schneeweißchen an ein kleines kleines Häuschen mitten im
Walde, da ging es hinein, sich auszuruhen, denn es war sehr müde, war
auch sehr hungrig und sehr durstig. Darinnen in dem kleinen kleinen
Häuschen war alles gar zu niedlich und zierlich und dabei sehr sauber.
Es stand ein kleines Tischlein in der Stube, das war schneeweiß gedeckt,
und darauf standen und lagen sieben Tellerchen, auf jedem ein wenig
Gemüse und Brot, sieben Löffelchen, sieben Paar Messerchen und
Gäbelchen, sieben Becherchen. Und an der Wand standen sieben Bettchen,
alle blütenweiß überzogen. Da aß nun das hungrige Schneeweißchen von den
sieben Tellerchen, nur ein kleinwenig von jedem, und trank aus jedem
Becherchen ein Tröpflein Wein. Dann legte es sich in eins der sieben
Bettchen, um zu ruhen, aber das Bettchen war zu klein, und sie mußte es
in einem andern probieren, doch wollte keins recht passen, bis zuletzt
das siebente, das paßte, da hinein schlüpfte Schneeweißchen, deckte sich
zu, betete zu Gott und schlief ein, tief und fest wie fromme Kinder, die
gebetet haben, schlafen.
Derweil wurde es Nacht, und da kamen die Häuschensherren, sieben kleine
Bergmännerchen, jedes mit einem brennenden Grubenlichtchen vorn am
Gürtel, und da sahen sie gleich, daß eins dagewesen war. Der erste fing
an zu fragen: „Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?“ Der zweite
fragte: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“ Der dritte fragte:
„Wer hat von meinem Brötchen gebrochen?“ Der vierte: „Wer hat von meinem
Gemüslein geleckt?“ Der fünfte: „Wer hat mit meinem Messerchen
geschnitten?“ Der sechste: „Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?“ und
der siebente fragte: „Wer hat aus meinem Becherchen getrunken?“ Wie die
Zwerglein also gefragt hatten, sahen sie sich nach ihren Bettchen um und
fragten: „Wer hat in unsern Bettchen gelegen?“ bis auf den siebenten,
der fragte nicht so, sondern: „Wer liegt in meinem Bettchen?“ denn da
lag das Schneeweißchen darin. Da leuchteten die Bergmännerchen mit ihren
Lämpchen alle hin, und sahen mit Staunen das schöne Kind, und störten es
nicht, sondern sie ließen den siebenten in ihren Bettchen liegen, in
jedem ein Stündchen, bis die Nacht herum war. Da nun der Morgen mit
seinen frühen Strahlen in das kleine kleine Häuschen der Zwerglein
schien, wachte Schneeweißchen auf und fürchtete sich vor den Zwergen.
Die waren aber ganz gut und freundlich und sagten, es solle sich nicht
fürchten, und fragten, wie es heiße? Da sagte und erzählte nun
Schneeweißchen alles, wie es ihm ergangen sei. Darauf sagten die
Zwergmännchen: „Du kannst bei uns in unserm Häuschen bleiben,
Schneeweißchen, und kannst uns unsern Haushalt führen, kannst uns unser
Essen kochen, unsre Wäsche waschen und alles hübsch rein und sauber
halten, auch unsre Bettchen machen.“ Das war Schneeweißchen recht, und
es hielt den Zwergen Haus. Die taten am Tage ihre Arbeit in den Bergen,
tief unter der Erde, wo sie Gold und Edelsteine suchten, und abends
kamen sie und aßen und legten sich in ihre sieben Bettchen.
Unterdessen war die böse Königin froh geworden in ihrem argen Herzen,
daß sie nun wieder die Schönste war, wie sie meinte, und versuchte den
Spiegel wieder und fragte ihn:
„Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönst’ im ganzen Land?“
Da antwortete ihr der Spiegel:
„Frau Königin! Ihr seid die Schönste hier,
Aber Schneeweißchen über den sieben Bergen,
Bei den sieben guten Zwergen,
Das ist noch tausendmal schöner als Ihr!“
Das war wiederum ein Dolchstich in das eitle Herz der Frau Königin, und
sie sann nun Tag und Nacht darauf, wie sie dem Schneeweißchen ans Leben
käme, und endlich fiel ihr ein, sich verkleidet selbst zu Schneeweißchen
aufzumachen, und sie verstellte ihr Gesicht, und zog geringe Kleider an,
nahm auch einen Allerhandkram, und ging über die sieben Berge, bis sie
an das kleine kleine Häuschen der Zwerge kam. Da klopfte sie an die Türe
und rief: „Holla! Holla! Kauft schöne Waren!“ Die Zwerge hatten aber dem
Schneeweißchen gesagt, es solle sich vor fremden Leuten in acht nehmen,
vornehmlich vor der bösen Königin. Deshalb sah das Mägdlein vorsichtig
heraus, da sah sie den schönen Tand, den die Frau zu Markte trug, die
schönen Halsketten und Schnüre und allerlei Putz. Da dachte
Schneeweißchen nichts Arges und ließ die Krämerin herein und kaufte ihr
eine Halsschnur ab, und die Frau wollte ihr zeigen, wie diese Schnur
umgetan würde, und schnürte ihm von hinten den Hals so zu, daß
Schneeweißchen gleich der Odem ausging, und es tot hinsank. „Da hast du
Lohn für deine übergroße Schönheit!“ sprach die böse Königin, und hob
sich von dannen.
Bald darauf kamen die sieben Zwerglein nach Hause, und da fanden sie ihr
schönes liebes Schneeweißchen tot und sahen, daß es mit der Schnur
erdrosselt war. Geschwinde schnitten sie die Schnur entzwei, und
träufelten einige Tropfen von der Goldtinktur auf Schneeweißchens blasse
Lippen, da begann es leise zu atmen und wurde allmählich wieder
lebendig. Als es nun erzählen konnte, erzählte es, wie die alte
Krämersfrau ihr den Hals böslich zugeschnürt, und die Zwerge riefen:
„Das war kein anderes Weib, als die falsche Königin! Hüte dich und lasse
gar keine Seele in das kleine Häuschen, wenn wir nicht da sind.“
Die Königin trat, als sie von ihrem schlimmen Gange wieder nach Hause
kam, gleich vor ihren Spiegel und fragte ihn:
„Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönst’ im ganzen Land?“
und der Spiegel antwortete:
„Frau Königin! Ihr seid die Schönst’ allhier,
Aber Schneeweißchen über den sieben Bergen,
Bei den sieben guten Zwergen,
Das ist noch tausendmal schöner als Ihr.“
Da schwoll der Königin das Herz vor Zorn, wie einer Kröte der Bauch, und
sie sann wieder Tag und Nacht auf Schneeweißchens Verderben. Bald nahm
sie wieder die falsche Gestalt einer andern Frau an, durch Verstellung
ihres Gesichts und fremdländische Kleidung, machte einen vergifteten
Kamm, den tat sie zu anderm Kram, und ging über die sieben Berge, an das
kleine kleine Zwergenhäuslein. Dort klopfte sie wieder an die Türe,
rief: „Holla! Holla! Kauft schöne Waren! Holla!“ Schneeweißchen sah zum
Fenster heraus und sagte: „Ich darf niemand hereinlassen!“ Das Kramweib
aber rief: „Schade um die schönen Kämme!“ Und dabei zeigte sie den
giftigen, der ganz golden blitzte. Da wünschte sich Schneeweißchen von
Herzen einen goldenen Kamm, dachte nichts Arges, öffnete die Türe und
ließ die Krämerin herein und kaufte den Kamm.
„Nun will ich dir auch zeigen, mein allerschönstes Kind, wie der Kamm
durch die Haare gezogen und wie er gesteckt wird,“ sprach die falsche
Krämerin, und strich dem Schneeweißchen damit durchs Haar; da wirkte
gleich das Gift, daß das arme Kind umfiel und tot war. „So, nun wirst du
wohl das Wiederaufstehen vergessen,“ sprach die böse Königin, und
entfloh aus dem Häuschen.
Bald darauf — und das war ein Glück — wurde es Abend, und da kamen die
sieben Zwerge wieder nach Hause, fanden das arme Schneeweißchen für tot,
und fanden in seinem schönen Haar den giftigen Kamm. Diesen zogen sie
geschwind aus dem Haar, und da kam es wieder zu sich. Und die Zwerglein
warnten es aufs neue gar sehr, doch ja niemand ins Häuschen zu lassen.
Daheim trat die böse Königin wieder vor ihren Spiegel und fragte ihn:
„Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönst’ im ganzen Land?“
Und der Spiegel antwortete:
„Frau Königin! Ihr seid die Schönst’ allhier,
Aber über den sieben Bergen,
Bei den sieben guten Zwergen
Ist Schneeweißchen — tausendmal schöner als Ihr.“
Da wußte sich die Königin vor giftiger Wut darüber, daß alle ihre bösen
Ränke gegen Schneeweißchen nichts fruchteten, gar nicht zu lassen und zu
fassen, und tat einen schweren Fluch, Schneeweißchen müsse sterben, und
solle es ihr, der Königin, selbst das Leben kosten. Und darauf machte
sie heimlich einen schönen Apfel giftig, aber nur auf einer Seite, wo er
am schönsten war, nahm dazu noch einen Korb voll gewöhnlicher Äpfel,
verstellte ihr Gesicht, kleidete sich wie eine Bäuerin, ging abermals
über die sieben Berge und klopfte am Zwergenhäuslein an, indem sie rief:
„Holla! Schöne Äpfel kauft! kauft!“ Schneeweißchen sah zum Fenster
heraus und sagte: „Geht fort, Frau! Ich darf nicht öffnen und auch
nichts kaufen!“
„Auch gut, liebes Kind!“ sprach die falsche Bäuerin. „Ich werde auch
ohne dich meine schönen Äpfel noch alle los! Da hast du einen umsonst!“
„Nein, ich danke schön, ich darf nichts annehmen!“ rief Schneeweißchen.
„Denkst wohl gar, der Apfel wäre vergiftet? Siehst du, da beiße ich
selber hinein! Das schmeckt einmal gut! So hast du in deinem ganzen
Leben keinen Apfel gegessen.“ Dabei biß das trügerische Weib in die
Seite des Apfels, die nicht vergiftet war, und da wurde Schneeweißchen
lüstern, und griff nach dem Apfel hinaus, und die Bäuerin reichte ihn
hin und blieb stehen. Kaum hatte Schneeweißchen den Apfel auf der andern
Seite angebissen, wo er ein schönes rotes Bäckchen hatte, so wurden
Schneeweißchens rote Bäckchen ganz blaß, und es fiel um und war tot.
„Nun bist du aufgehoben, Ding!“ sprach die Königin und ging fort, und zu
Hause trat sie vor den Spiegel und fragte wieder:
„Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönst’ im ganzen Land?“
und der Spiegel antwortete dieses Mal:
„Ihr, Frau Königin, seid allein die Schönst’ im Land!“
Nun war das Herz der bösen Königin zufrieden, so weit ein Herz voll
Bosheit und Tücke und Mordschuld zufrieden sein kann.
Aber wie erschraken die sieben guten Zwerge, als sie abends nach Hause
kamen und ihr Schneeweißchen ganz tot fanden. Vergebens suchten sie nach
einer Ursache, und vergebens versuchten sie die Wunderkraft ihrer
Goldtinktur, Schneeweißchen war und blieb jetzt tot.
Da legten die betrübten Zwerglein das liebe Kind auf eine Bahre, und
setzten sich darum herum, und weinten drei Tage lang, hernach wollten
sie es begraben. Aber da Schneeweißchen noch nicht wie tot aussah,
sondern noch frisch wie ein Mägdlein, das schläft, so wollten sie es
nicht allein in die Erde senken, sondern sie machten einen schönen Sarg
von Glas, da hinein legten sie es und schrieben darauf: _Schneeweißchen,
eine Königstochter_ — und setzten dann den Sarg auf einen von den sieben
Bergen, und hielt immer einer von ihnen Wache bei dem Sarge. Da kamen
auch die Tiere aus dem Walde und weinten über Schneeweißchen, die Eule,
der Rabe und das Täubelein.
Und so lag Schneeweißchen lange Jahre in dem Sarge, ohne daß es
verweste, vielmehr sah es noch so frisch und so weiß aus wie
frischgefallener Schnee, und hatte wieder rote Wängelein, wie frische
Blutröschen, und die schwarzen ebenholzfarbenen Haare. Da kam ein junger
schöner Königssohn zu dem kleinen Zwergenhäuslein, der sich verirrt
hatte in den sieben Bergen, und sah den gläsernen Sarg stehen und las
die Schrift darauf: _Schneeweißchen, eine Königstochter_ — und bat die
Zwerge, ihm doch den Sarg mit Schneeweißchen zu überlassen, er wolle
denselben ihnen abkaufen.
Die Zwerge aber sprachen: „Wir haben Goldes die Fülle und brauchen
deines nicht! Und um alles Gold in der Welt geben wir den Sarg nicht
her.“ — „So schenkt ihn mir!“ bat der Königssohn. „Ich kann nicht sein
ohne Schneeweißchen, ich will es aufs höchste ehren und heilig halten,
und es soll in meinem schönsten Zimmer stehen; ich bitte euch darum!“
Da wurden die Zwerglein von Mitleid bewegt, und schenkten ihm
Schneeweißchen im gläsernen Sarge. Den gab er seinen Dienern, daß sie
ihn vorsichtig forttrügen, und er folgte sinnend nach. Da stolperte der
eine Diener über eine Baumwurzel, daß der Sarg schütterte, und hätten
ihn beinahe fallen lassen, und durch das Schüttern fuhr das giftige
Stückchen Apfel, das Schneeweißchen noch im Munde hatte (weil es
umgefallen war, ehe es den Bissen verschluckt), heraus, und da war es
mit einem Male wieder lebendig.
Geschwind ließ es der Königssohn niedersetzen, öffnete den Sarg und hob
es mit seinen Armen heraus, und erzählte ihm alles, und gewann es nun
erst recht lieb, und nahm es zu seiner Gemahlin, führte es auch gleich
in seines Vaters Schloß, und wurde zur Hochzeit zugerüstet mit großer
Pracht, auch viele hohe Gäste wurden geladen darunter auch die böse
Königin. Die putzte sich auf das allerschönste, trat vor ihren Spiegel
und fragte wieder:
„Spieglein, Spieglein an der Wand,
Wer ist die Schönst’ im ganzen Land?“
darauf antwortete der Spiegel:
„Frau Königin, Ihr seid die Schönst’ allhier,
Aber die junge Königin ist noch tausendmal schöner als Ihr!“
Da wußte die Königin nicht, was sie vor Neid und Scheelsucht sagen und
anfangen sollte, und es wurde ihr ganz bange ums Herz, und wollte erst
gar nicht auf die Hochzeit gehen; dann wollte sie aber doch die sehen,
die schöner sei als sie, und fuhr hin. Und wie sie in den Saal kam, trat
ihr Schneeweißchen als die allerschönste Königsbraut entgegen, die es
jemals gegeben, und da mochte sie vor Schrecken in die Erde sinken.
Schneeweißchen aber war nicht allein die allerschönste, sondern sie
hatte auch ein großes edles Herz, das die Untaten, die die falsche Frau
an ihr verübt, nicht selbst rächte. Es kam aber ein giftiger Wurm, der
fraß der bösen Königin das Herz ab, und dieser Wurm war der Neid.
Das Dornröschen.
Es war einmal ein König und eine Königin, die hatten keine Kinder,
wünschten sich aber tagtäglich ein Kind. Zu einer Zeit geschah es, daß
die Königin badete, und seufzete, als sie so allein war: „Ach hätte ich
doch ein Kind!“ Da hüpfte ein Frosch aus dem Wasser und sprach: „Was du
wünschest, soll dir werden!“ Und darauf hat die Königin ein Töchterlein
bekommen, das war schön über alle Maßen, und der König hatte darüber die
größte Freude, daß sein liebster Wunsch erfüllt war, und stellte ein
großes Fest an, zu dem er alle seine Freunde einlud. Nun lebten in dem
Lande auch weise Frauen, die waren begabt mit Zauber- und Wundermacht
und genossen große Ehrfurcht vor allem Volke; die lud der König auch
ein, und sollten auf goldnen Tellern essen. Damals hatten aber die
Könige nicht so viele Schüsseln und Teller, wie jetzt, und dieser König
hatte nur ein Dutzend, das sind zwölf, und der weisen Frauen waren
dreizehn, da konnte er auch nur zwölf einladen, und die dreizehnte blieb
uneingeladen, was sie aber übelnahm.
Die weisen Frauen begabten das Königskind mit gar köstlichen Gütern,
nicht mit Schönheit, denn die besaß es schon, sondern mit
Liebenswürdigkeit, Heiterkeit, Anmut, Sanftmut, Bescheidenheit,
Frömmigkeit, Sittsamkeit, Tugend, Aufrichtigkeit, Verstand und Reichtum,
und eben wollte die zwölfte weise Frau auch noch ihren Wunsch
aussprechen, als die dreizehnte in das Zimmer trat, die nicht eingeladen
worden war, und zornig ausrief: „In fünfzehn Jahren soll die
Königstochter sich in eine Spindel stechen und tot hinfallen!“ Mit
diesen Worten war die böse Alrune wieder verschwunden und die andern
standen starr vor Schrecken, denn die weisen Frauen machten keine
vergeblichen Worte. Ein Glück, daß die zwölfte weise Frau ihren Wunsch
noch nicht ausgesprochen hatte. Sie konnte zwar das, was einmal eine
weise Frau gedroht hatte, nicht abändern, aber ihm doch eine mildernde
Wendung geben, und rief: „Die Königstochter soll nur in einen tiefen
Schlaf fallen, der soll hundert Jahre dauern und nicht länger.“ Der
König ließ sogleich ein Regierungsmandat im ganzen Lande ergehen, kraft
dessen alle Spindeln überall abgeschafft, und dafür die Spinnräder
eingeführt wurden. Indes erwuchs die schöne Königstochter zu einem
Fräulein, das an Schönheit, Holdseligkeit, Freundlichkeit, Milde, Demut,
Züchtigkeit, Herzensgüte, Tugend und Verstand seinesgleichen suchte, und
so kam es zu seinem fünfzehnten Jahre, von allen, die es kannten,
geliebt, ja angebetet. Und da bekam die Prinzessin gerade Lust, sich im
Schloß ein bißchen umzusehen, ging durch mehrere Gemächer und kam an
eine Treppe, die zu einem alten Turm führte; diese stieg es hinan und
kam an ein niedrig Kammertürlein, da steckte ein alter verrosteter
Schlüssel daran, und neugierig, wie die ganz jungen Mädchen sind, drehte
die Prinzessin an dem Schlüssel, und die Türe ging gleich auf. Da saß
ein uraltes Spinneweiblein und spann emsig mit einer Spindel; es mochte
wohl des Königs Gesetz nicht gehört oder gelesen, oder es längst
vergessen haben. Die umhertanzende, auf und nieder wirbelnde Spindel
machte der jungen Königstochter viel Freude, sie haschte nach der
Spindel, wollte auch spinnen und stach sich damit, denn es war gerade
der Tag, an welchem die Prophezeiung der erzürnten weisen Frau in
Erfüllung gehen sollte. Und die Königstochter fiel nieder in einen
Schlaf. Und da überkam derselbe Schlaf auch den König und die Königin
und das ganze Schloß. Da mag es schön langweilig gewesen sein! Der ganze
Hofstaat schlief ein, vom Hofmarschall bis zum Küchenjungen, den der
Koch wegen eines Versehens gerade an den Haaren zauste, und ihm eine
Ohrfeige geben wollte, und Koch und Kellner, Kammerfrau und
Kammerjungfer, Kind und Kegel, Hund und Katze, ja die Tauben und
Sperlinge auf dem Dache, die Pfauen und Papageien und selbst die Fliegen
an der Wand, die schliefen alle. Und das Feuer auf dem Herd legte sich
und schlief ein, und der Wind legte sich auch, und wurde alles
piepstill, daß man kein Mäuschen im ganzen Schloß mehr knuspern hörte,
dieweil die Mäuslein auch schliefen. Und da kam kein Mensch mehr in das
verzauberte Schlummerschloß, um welches rundherum eine mächtige
Dornenhecke emporwuchs, jedes Jahr einige Schuh höher, bis sie den
höchsten Turm überwachsen hatte, daß man nicht einmal die Fahne und den
Wetterhahn mehr sah, und so dicht, daß kein menschliches Wesen
eindringen konnte. Und da wurde das Schloß allmählich ganz vergessen,
und es ging nur die Sage, hinter den Dornen stehe ein Schloß, darin
schlafe das _Dornröschen_, die verzauberte Prinzessin, wie lange schon
und wie lange noch, wisse niemand. Zwar kamen von Zeit zu Zeit
Königssöhne, die wollten hindurchdringen durch die Hecke, allein
dieselbe war allzu dicht und konnten es nicht erlangen, blieben wohl gar
in den Dornen verstrickt und kamen elendiglich darin um.
Und so waren nun hundert Jahre vergangen, und die Zeit war da, daß das
Dornröschen wieder erwachen sollte, es wußte dies aber niemand genau,
und da kam auch ein Königssohn, der hörte die Mär von dem schlafenden
Dornröschen aus dem Munde eines Alten, der sie ihm gewiß versicherte,
denn sein Vater und Urgroßvater hätten ihm oft davon erzählt und der
Alte mußte den Königssohn hin an die verrufene Dornhecke führen. Und das
geschah just am hundertsten Jahrestag, seit das Dornröschen in seinen
Zauberschlaf gefallen war. Und die Dornhecke stand über und über voll
Rosenblumen, das war seit Menschengedenken nicht der Fall gewesen, auch
konnte der Königssohn frei durch die Dornhecke gehen, kein Dorn berührte
sein Gewand, aber gleich hinter ihm schloß sich die Hecke wieder. Und da
fand er alles unversehrt; kein Wind hatte geweht und kein Regen genäßt,
das Jahrhundert war über den Häuptern der Schlummernden so leise
hinweggeflogen, wie ein Schwan über einen stillen See voll träumender
Wasserlilien. Da schliefen noch alle Fliegen und alle Mäuschen, da
schliefen Huhn und Hahn, Katz und Hund, Magd und Zofe, Kammerherr und
Kammerknecht, und auch König und Königin. Das alles sah der Königssohn
mit großer Verwunderung, ging nun hinauf in den Turm, und kam in die
Kammer, wo das süße Dornröschen lag, und so sanft schlief, hehr
umflossen vom Heiligenschein seiner Unschuld und vom Glanze seiner
Schönheit. Da beugte der Prinz sich nieder und küßte das Dornröschen,
und alsbald schlug es die Augen auf. Der Königssohn sagte ihm, wie alles
sich zugetragen, und führte es herab in das Schloß. Da erwachte alles,
König und Königin, Zwerg und Zofe, Hunde und Pferde, Feuer und Wasser,
Wind und Wetterhahn, und der Koch gab dem Küchenjungen die Ohrfeige, die
er ihm vor hundert Jahren schuldig geblieben war, und alles ging wieder
seinen Gang, und wurde eine stattliche Hochzeit ausgerichtet, nämlich
des Dornröschens mit dem Königssohn, der es aus dem Schlummer erlöst,
und lebten glücklich und zufrieden miteinander, bis an ihr Ende.
Die sieben Schwanen.
In einem Lande war ein junger Rittersmann, der war reich und schön, und
hatte eine prächtige Burg. Zu einer Zeit ritt er mit seinen Hunden in
den Wald um zu jagen, da sah er eine Hindin (Hirschkuh), die war weißer
als der Schnee, und floh vor ihm auf und davon in das Gebirge zwischen
die wilden hohen Gesträuche. Der Rittersmann aber folgte ihr gar eilig
nach, und kam zuletzt in ein wildes finstres Tal, da verlor er durch die
Hunde die Hindin aus dem Gesicht, ritt hin und her und rief die Hunde
wieder zusammen. Darüber kam er an einen Fluß, an dem sah er eine schöne
Jungfrau stehen, die wusch sich und trug in der Hand eine güldne Kette.
Und da ihm diese Jungfrau sehr wohl gefiel, so stieg er sacht vom Roß,
schlich sich ihr unversehens nah und nahm ihr die goldne Kette aus der
Hand. In dieser Kette aber war sonderliche Kraft und Planetenzauber, und
die Jungfrau war ein Wünschelweiblein, und so schön, daß er ob ihrer
Schönheit die Hindin samt seinen Hunden vergaß, und gedachte die
Jungfrau heimzuführen als seine Gemahlin. Und also tat er auch und
führte sie heim auf seine Burg.