„Wo? Frau Lerche, wo?“ fragte der Hund ganz müde; aber als er den Wolf

sah, da schrie er: „Nein, Frau Lerche, nein! Diesen Doktor nicht! Haltet

ihn zurück! Ich bin gesund!“ Und mit _einem_ Satze war der Hund auf den

Beinen, und fort, als flögen wir davon, daß ihm kein Zaun zu hoch und

kein Graben zu breit war.

Das Märchen vom Schlaraffenland.

Hört zu, ich will euch von einem guten Lande sagen, dahin würde mancher

auswandern, wüßte er, wo selbes läge und eine gute Schiffsgelegenheit.

Aber der Weg dahin ist weit für die Jungen und für die Alten, denen es

im Winter zu heiß ist und zu kalt im Sommer. Diese schöne Gegend heißt

Schlaraffenland, auf Welsch Cucagna, da sind die Häuser gedeckt mit

Eierfladen, und Türen und Wände sind von Lebzelten, und die Balken von

Schweinebraten. Was man bei uns für einen Dukaten kauft, kostet dort nur

einen Pfennig. Um jedes Haus steht ein Zaun, der ist von Bratwürsten

geflochten und von bayerschen Würsteln, die sind teils auf dem Rost

gebraten, teils frisch gesotten, je nachdem sie einer so oder so gern

ißt. Alle Brunnen sind voll Malvasier und andre süße Weine, auch

Champagner, die rinnen einem nur so in das Maul hinein, wenn er es an

die Röhren hält. Wer also gern solche Weine trinkt, der eile sich, daß

er in das Schlaraffenland hineinkomme. Auf den Birken und Weiden da

wachsen die Semmeln frischbacken, und unter den Bäumen fließen

Milchbäche; in diese fallen die Semmeln hinein und weichen sich selbst

ein für die, so sie gern einbrocken; das ist etwas für Weiber und für

Kinder, für Knechte und Mägde! Holla Gretel, holla Steffel! Wollt ihr

nicht auswandern? Macht euch herbei zum Semmelbach, und vergeßt nicht,

einen großen Milchlöffel mitzubringen.

Die Fische schwimmen in dem Schlaraffenlande obendrauf auf dem Wasser,

sind auch schon gebacken und gesotten, und schwimmen ganz nahe am

Gestade; wenn aber einer gar zu faul ist und ein echter Schlaraff, der

darf nur rufen bst! bst! — so kommen die Fische auch heraus aufs Land

spaziert und hüpfen dem guten Schlaraffen in die Hand, daß er sich nicht

zu bücken braucht.

Das könnt ihr glauben, daß die Vögel dort gebraten in der Luft

herumfliegen, Gänse und Truthähne, Tauben und Kapaune, Lerchen und

Krammetsvögel, und wem es zu viel Mühe macht, die Hand danach

auszustrecken, dem fliegen sie schnurstracks ins Maul hinein. Die

Spanferkel geraten dort alle Jahr überaus trefflich; sie laufen gebraten

umher und jedes trägt ein Tranchiermesser im Rücken, damit, wer da will,

sich ein frisches saftiges Stück abschneiden kann.

Die Käse wachsen in dem Schlaraffenlande wie die Steine, groß und klein;

die Steine selbst sind lauter Taubenkröpfe mit Gefülltem, oder auch

kleine Fleischpastetchen. Im Winter, wenn es regnet, so regnet es lauter

Honig in süßen Tropfen, da kann einer lecken und schlecken, daß es eine

Lust ist, und wenn es schneit, so schneit es klaren Zucker, und wenn es

hagelt, so hagelt es Würfelzucker, untermischt mit Feigen, Rosinen und

Mandeln.

Im Schlaraffenland legen die Rosse keine Roßäpfel, sondern Eier, große,

ganze Körbe voll, und ganze Haufen, so daß man tausend um einen Pfennig

kauft. Und das Geld kann man von den Bäumen schütteln, wie Kästen (gute

Kastanien). Jeder mag sich das Beste herunterschütteln und das minder

Werte liegen lassen.

In dem Lande hat es auch große Wälder, da wachsen im Buschwerk und auf

Bäumen die schönsten Kleider: Röcke, Mäntel, Schauben, Hosen und Wämser

von allen Farben, schwarz, grün, gelb (für die Postillions), blau oder

rot, und wer ein neues Gewand braucht, der geht in den Wald, und wirft

es mit einem Stein herunter, oder schießt mit dem Bolzen hinauf. In der

Heide wachsen schöne Damenkleider von Samt, Atlas, Gros de Naples,

Barège, Madras, Taft, Nanking usw. Das Gras besteht aus Bändern von

allen Farben, auch ombriert. Die Wacholderstöcke tragen Broschen und

goldne Chemisett- und Mantelettnadeln und ihre Beeren sind nicht

schwarz, sondern echte Perlen. An den Tannen hängen Damenuhren und

Chatelaines sehr künstlich. Auf den Stauden wachsen Stiefel und Schuhe,

auch Herren- und Damenhüte, Reisstrohhüte und Marabouts und allerlei

Kopfputz mit Paradiesvögeln, Kolibris, Brillantkäfern, Perlen, Schmelz

und Goldborten verziert.

Dieses edle Land hat auch zwei große Messen und Märkte mit schönen

Freiheiten. Wer eine alte Frau hat und mag sie nicht mehr, weil sie ihm

nicht mehr jung genug und hübsch ist, der kann sie dort gegen eine junge

und schöne vertauschen und bekommt noch ein Draufgeld. Die alten und

garstigen (denn ein Sprichwort sagt: wenn man alt wird, wird man

garstig) kommen in ein Jungbad, damit das Land begnadigt ist; das ist

von großen Kräften; darin baden die alten Weiber etwa drei Tage oder

höchstens vier, da werden schmucke Dirnlein daraus von siebzehn oder

achtzehn Jahren.

Auch viel und mancherlei Kurzweil gibt es in dem Schlaraffenlande. Wer

hierzulande gar kein Glück hat, der hat es dort im Spiel und

Lustschießen, wie im Gesellenstechen. Mancher schießt hier alle sein

Lebtag nebenaus und weit vom Ziel, dort aber trifft er, und wenn er der

allerweiteste davon wäre, doch das Beste. Auch für die Schlafsäcke und

Schlafpelze, die hier von ihrer Faulheit arm werden, daß sie Bankrott

machen und betteln gehen müssen, ist jenes Land vortrefflich. Jede

Stunde Schlafens bringt dort einen Gulden ein, und jedesmal Gähnen einen

Doppeltaler. Wer im Spiel verliert, dem fällt sein Geld wieder in die

Tasche. Die Trinker haben den besten Wein umsonst, und von jedem Trunk

und Schlunk drei Batzen Lohn, sowohl Frauen als Männer. Wer die Leute am

besten necken und aufziehen kann, bekommt jeweil einen Gulden. Keiner

darf etwas umsonst tun, und wer die größte Lüge macht, der hat allemal

eine Krone dafür.

Hierzulande lügt so mancher drauf und drein, und hat nichts für diese

seine Mühe; dort aber hält man Lügen für die beste Kunst, daher lügen

sich wohl in das Land allerlei Prokura-, Dok- und andre toren,

Roßtäuscher und die ***r Handwerksleute, die ihren Kunden stets aufreden

und nimmer Wort halten.

Wer dort ein gelehrter Mann sein will, muß auf einen Grobian studiert

haben. Solcher Studenten gibt’s auch bei uns zulande, haben aber keinen

Dank davon und keine Ehren. Auch muß er dabei faul und gefräßig sein,

das sind drei schöne Künste. Ich kenne einen, der kann alle Tage

Professor werden.

Wer gern arbeitet, Gutes tut und Böses läßt, dem ist jedermann dort

abhold, und er wird Schlaraffenlandes verwiesen. Aber wer tölpisch ist,

gar nichts kann, und dabei doch voll dummen Dünkels, der ist dort als

ein Edelmann angesehen. Wer nichts kann, als schlafen, essen, trinken,

tanzen und spielen, der wird zum Grafen ernannt. Der aber, welchen das

allgemeine Stimmrecht als den Faulsten und zu allem Guten Untauglichsten

erkannt, der wird König über das ganze Land, und hat ein großes

Einkommen.

Nun wißt ihr des Schlaraffenlandes Art und Eigenschaft. Wer sich also

auftun und dorthin eine Reise machen will, aber den Weg nicht weiß, der

frage einen Blinden; aber auch ein Stummer ist gut dazu, denn der sagt

ihm gewiß keinen falschen Weg.

Um das ganze Land herum ist aber eine berghohe Mauer von Reisbrei. Wer

hinein oder heraus will, muß sich da erst überzwerg durchfressen.

Die Hexe und die Königskinder.

Mitten in einem Walde wohnte eine alte schlimme Hexe ganz allein mit

ihrer Tochter, welche letztere ein gutes, mildes Kind war, und bei der

das Sprichwort: der Apfel fällt nicht weit vom Stamme, nicht zutraf. Der

Stamm nämlich war über alle Maßen knorrig, stachlig und häßlich; wer die

Alte sah, ging ihr aus dem Wege, und dachte: Weit davon ist gut vorm

Schuß. Die Alte trug beständig eine grüne Brille, und über ihrem

Zottelhaar, das ungekämmt ihr vom Kopfe weit herunterhing, einen roten

Tuchlappen, und ging gern in kurzen Ärmeln, daß ihre dürren

wettergebräunten Arme weit aus dem sie umschlotternden Gewand

hervorragten. Auf dem Rücken trug sie für gewöhnlich einen Sack mit

Zauberkräutern, die sie im Walde sammelte, und in der Hand einen großen

Topf, darin sie dieselben kochte, und damit Ungewitter, Hagel und

Schloßen, Reif und Frost zuwege brachte, sooft es ihr beliebte.

Am Finger trug sie einen Hexenreif von Golde mit einem glühroten

Karfunkelstein, mit dem sie Menschen und Tiere bezaubern konnte. Dieser

Ring machte die Alte riesenstark und lebenskräftig, und machte sie, wenn

sie wollte, auch ganz und gar unsichtbar; da konnte sie hingehen, wohin

sie wollte, und nehmen was sie wollte — und das tat sie auch, und im

Walde suchte sie die Hirschkühe auf, und wenn die Tiere den Ring sahen

und sahen den Stein funkeln, da mußten sie an eine Stelle gebannt

stehenbleiben, und dann ging die Alte zu den Hirschkühen und molk deren

Milch in den Topf, und trank sie mit ihrer Tochter. Diese Tochter hieß

Käthchen, und hatte es nicht gut bei ihrer bösen Mutter, doch trug sie

geduldig alles Leid. Am schmerzlichsten war ihr, daß ihre Mutter manches

Mal Kinder mitbrachte, mit denen Käthchen gern gespielt hätte, allein

die Alte nahm immer den Kindern ihre Kleider, sperrte die Kinder ein und

fütterte sie mit Hirschmilch, daß sie fett wurden, und was sie dann mit

ihnen vornahm, ist gruselig zu erzählen; sie verwandelte sie nämlich in

Hirschkälbchen und verkaufte diese an Jäger. Die Jäger aber schossen die

armen verwandelten und verkauften Hirschkälbchen tot, und lieferten sie

in die Stadt, wo die Leute das junge Wildbret gar gern essen. So schlimm

und böse war die häßliche Alte, und da sie den ganzen Tag nichts tat,

als zaubern und böse Ränke ersinnen, und dabei oft und viel laut vor

sich hin murmelte, so lernte ihre Tochter Käthchen ihr unvermerkt einige

Zauberstücklein ab, die sie ganz im stillen für sich behielt.

Da brachte eines Abends die Alte wieder zwei wunderschöne Kinder

geführt, einen Knaben und ein Mädchen, denen sah man an, daß es

Geschwister waren, und reicher Leute Kinder; beide hatten sich im Walde

verirrt, waren von der Alten gefunden und nach ihrem Hause mitgenommen

worden, und sie hatte ihnen gesagt, sie wolle sie zurück zu den Eltern

bringen. Die Kinder sahen sich schrecklich getäuscht, als die Alte ihnen

ihre schönen Kleider auszog, ihnen dafür Lumpen anlegte, und sie in ein

dunkles Kämmerchen einsperrte. Doch bekamen sie einen ganzen Topf voll

Hirschmilch zu essen, welche gut schmeckte, und ein Stück schwarzes Brot

dazu, welches weniger gut schmeckte, aber endlich doch auch verzehrt

wurde.

Am andern Morgen humpelte die Alte schon frühzeitig in den Wald, und

winkte den Hirschkühen. Da war eine Hirschfamilie, welche die Alte

besonders gut kannte und schätzte, bestehend aus dem Herrn Hirsch, der

Frau Hirschin und zwei jungen Kälbchen, die hielten sich immer treulich

im Walde zusammen, waren aber doch in steter Furcht vor der bösen Alten,

welche machen konnte, daß sie alle stillstehen mußten, und mußten sich

von der bösen Hexe die Muttermilch nehmen lassen, so daß die Kälbchen

sich nicht satt trinken und nicht fett werden konnten. Könnt’ ich dir

nur einmal mein Geweih durch den dürren Leib rennen! dachte oft der

Hirsch, und die Hirschin hatte auch keine guten Wünsche für die Alte —

es half aber ihr Wünschen allen beiden nichts. Während die Alte im Walde

war, schlich Käthchen zu dem Kämmerlein, und sah durch eine Ritze in der

Tür die armen gefangenen Kinder, welche seufzten und weinten, in großem

Herzeleid. Da fragte Käthchen: „Wer seid ihr denn, ihr armen Kinder?“ —

„Wir sind eines Königs Kinder! O mache uns frei, mein Vater wird es dir

lohnen!“ — sprach der Königsprinz. „Und meine Mutter auch“ — sagte die

kleine Prinzessin, indem sie hinzufügte: „Du sollst auch unsre gute

Schwester sein, und sollst bei mir im seidnen Bettchen schlafen, und ich

will dir gar schöne goldne Kleider geben, hilf uns, hilf uns nur!“ — Da

sagte Käthchen: „Seid nur geduldig, liebe Königskinder; ich will schon

zusehen, und darauf sinnen, daß ich euch befreie.“ —

Am andern Morgen in aller Frühe machte das gute Käthchen ein

Zauberstück. Sie verließ eilig ihr Lager, hauchte hinein, und sagte

leise:

„Liebes Bettchen, sprich für mich,

Bin ich weg, sei du mein Ich!“

So auch hauchte sie auf ihre Lade, auf die Treppe, und auf den Herd in

der Küche, und sprach das nämliche Sprüchlein. Darauf ging sie an das

wohlverwahrte Kämmerlein der Königskinder, hielt eine Springwurzel,

welche die Alte auf dem Kannrück liegen hatte, an das Schloß und sagte:

„Riegel, Riegel, Riegelein,

Öffne dich, laß aus und ein!“

Da sprangen gleich Schloß und Riegel auf, und Käthchen führte alsbald

die Königskinder hinweg und in den Wald hinein.

Als die Alte aufwachte, rief sie: „Käthchen, stehe auf und schüre Feuer

an!“ — da rief es aus dem Bettchen:

„Ich bin schon auf und munter!

Ich komme gleich in die Küche hinunter!“

Die Alte blieb nun noch liegen, doch da sie nach einer Weile nichts

hörte, rief sie wieder: „Käthchen! Wo bleibt denn das faule Ding?“ —

„Gleich!“ rief es von der Lade:

„Ich sitze auf der Lade

Und binde das Strumpfband über die Wade!“

Da nun wieder eine Weile verging und sich im Hause nichts rührte noch

regte, so ward die Alte böse und schrie: „Käthe! Balg! Wo bleibst du

denn?“ Da scholl eine Stimme von der Treppe:

„Ich komme schon, ich fliege!

Ich bin ja schon leibhaftig auf der Stiege!“

Die Alte beruhigte sich noch einmal — aber nicht gar lange, denn da

wieder alles still blieb, so fuhr sie auf und schalt und fluchte. Da

rief es vom Herde her:

„Wozu die bösen Flüche?

Ich bin ja schon am Herd und in der Küche!“

gleichwohl blieb es in der Küche und im ganzen Hause totenstill. Jetzt

riß der Alten völlig der Geduldsfaden, sie sprang aus ihrem Bett, fuhr

in die Kleider und nahm einen Besenstiel, willens Käthchen unbarmherzig

durchzuprügeln. Aber wie sie hinauskam, war kein Käthchen da, nicht zu

sehen, nicht zu hören, und was das Schönste, für die Alte aber das

Schlimmste war, auch die Königskinder waren fort. Jetzt hättet ihr

sollen die Hexensprünge sehen, welche das zornige böse alte Weib machte.

Ihr Ring zeigte ihr sogleich die Richtung an, nach welcher Käthchen mit

den Kindern geflohen war, und sie raste nun wild hinter ihnen her. Die

Kinder aber, als sie in den Wald gekommen waren, hatten dort den Herrn

von Edelhirsch nebst Gemahlin, Sohn und Tochter angetroffen, und dieser

Familie in aller Eile ihr Unglück und ihre Flucht erzählt und ihre edlen

Herzen mächtig gerührt, so daß sie sich bereit zeigten, ihnen alle

mögliche Hilfe angedeihen zu lassen. Die gute Dame Hirsch bot den

Kindern ihren Rücken dar, sie alle drei nach dem Königsschlosse zu

tragen, das jenseit des Waldes lag, und der Gemahl befahl seinen

Kindern, sich in das Dickicht zurückzuziehen, er selbst stellte sich

hinter dichtes Laubgebüsch nahe am Weg, willens die Alte, wenn sie

vorbeirenne, und er ihren Ring nicht sehe, über den Haufen zu stoßen.

Es währte auch gar nicht lange, so kam die Alte in großen Sprüngen

gesetzt; in ihrem Zorn und Eifer vergaß sie ganz, unsichtbar sein zu

wollen, hielt auch den Finger mit dem Ring nicht empor, und so geschah

es, daß plötzlich ein großes und stattliches Hirschgeweih mit ihr in

eine sehr verwickelte Berührung kam, bei welcher eines der Enden des

Geweihes mit Gewalt den Finger der Alten so streifte, daß der Zauberring

vom Finger herabging und sich auf dem Ende feststeckte, und ehe sich’s

einer versah, so hatte der Hirsch die alte Hexe aufgegabelt, die nun

durch des Ringes Kraft selbst starr und steif wurde, und trug sie in

gestrecktem Lauf der Fährte nach, welche die gute Hinde, seine Gemahlin,

im tauigen Grase zurückgelassen. Diese war indes mit den drei Kindern

bereits im Königsschloß angekommen, und von dem König und der Königin

waren die verlorenen Kinder und das gute Käthchen, das sie gerettet, mit

großer Freude empfangen worden — als sie plötzlich alle mit großer

Verwunderung die Alte auf dem Geweih des stattlichen Edelhirsches

sitzend und getragen daherschweben sahen. Der Hirsch aber sprang ohne

Säumen in den Schloßteich und tauchte mit dem Kopfe unter. Als er wieder

auftauchte, war sein Geweih frei von der Last. Aber auch der Zauberring

blieb im Grunde. Hirsch und Hirschin kehrten zu ihrem Walde und zu ihren

Kindern zurück, und waren sehr froh, daß ihnen nun niemand mehr ihre

Milch nahm; Käthchen aber blieb bei den Königskindern, und schlief in

einem seidnen Bettchen und trug goldne Kleidchen und wurde selbst

gehalten wie ein Königskind.

Der Mönch und das Vögelein.

Es war in einem Kloster ein junger Mönch, des Namens Urbanus, gar fromm

und fleißig, dem war der Schlüssel zur Bücherei des Klosters anvertraut,

und er hütete sorglich diesen Schatz, schrieb selbst manches schöne Buch

und studierte viel in den andern Büchern und in der Heiligen Schrift. Da

fand er auch einen Spruch des Apostels Petrus, der lautet: _Vor Gott

sind tausend Jahre wie ein Tag und wie eine Nachtwache._ Das dünkte dem

jungen Mönch schier unmöglich, mocht’ und konnte es nicht glauben, und

quälte sich darob mit schweren Zweifeln. Da geschah es eines Morgens,

daß der Mönch herunterging aus dem dumpfen Bücherzimmer in den hellen

schönen Klostergarten, da saß ein kleines buntes Waldvögelein im Garten,

das suchte Körnlein, flog auf einen Ast und sang schön wie eine

Nachtigall. Es war auch dieses Vögelein gar nicht scheu, sondern ließ

den Mönch nahe an sich herankommen, und er hätte es gern gehascht, doch

entfloh es, von einem Ast zum andern, und der Mönch folgte ihm eine gute

Weile nach, dann sang es wieder mit lauter und heller Stimme, aber es

ließ sich nicht fangen, obschon der junge Mönch das Vögelein aus dem

Klostergarten heraus in den Wald noch eine gute Weile verfolgte. Endlich

ließ er ab und kehrte zurück nach dem Kloster, aber ein anderes dünkte

ihm alles, was er sah. Alles war weiter, größer und schöner geworden,

die Gebäude, der Garten, und statt des niedern alten Klosterkirchleins

stand jetzt ein stolzes Münster da, mit drei Türmen. Das dünkte dem

Mönch sehr seltsam, ja zauberhaft. Und als er an das Klostertor kam und

mit Zagen die Schelle zog, da trat ihm ein ihm gänzlich unbekannter

Pförtner entgegen, der wich bestürzt zurück vor ihm. Nun wandelte der

Mönch über den Klosterkirchhof, auf dem waren so viele, viele

Denksteine, die er gesehen zu haben sich nicht erinnern konnte. Und als

er nun zu den Brüdern trat, wichen sie alle vor ihm aus, ganz entsetzt.

Nur der Abt, aber nicht _sein_ Abt, sondern ein andrer, junger, hielt

ihm stand, streckte ihm aber auch gleich ein Kruzifix entgegen und rief:

„Im Namen des Gekreuzigten, Gespenst, wer bist du? Und was suchst du,

der den Höhlen der Toten entflohen, bei uns, den Lebenden?“

Da schauerte der Mönch zusammen und wankte, wie ein Greis wankt, und

senkte den Blick zur Erden. Siehe, da hatte er einen langen silberweißen

Bart bis über den Gürtel herab, an dem noch der Schlüsselbund hing zu

den vergitterten Bücherschreinen. Den Mönchen dünkte der Mann ein

wunderbarer Fremdling, und sie leiteten ihn mit scheuer Ehrfurcht zum

Sessel des Abtes. Dort gab er einem jungen Mönch die Schlüssel zu dem

Büchersaal, der schloß auf und brachte ein Chronikbuch getragen, darin

stand zu lesen, daß vor dreihundert Jahren der Mönch Urban spurlos

verschwunden, niemand wisse, ob entflohen oder verunglückt. „O

Waldvögelein, war das dein Lied?“ fragte der Fremdling mit einem

Seufzer. „Kaum drei Minuten lang folgte ich dir und horchte deinem

Gesang, und drei Jahrhunderte vergingen seitdem! Du hast mir das Lied

von der Ewigkeit gesungen, die ich nicht fassen konnte! Nun fasse ich

sie und bete Gott an im Staube, selbst ein Staub!“ Sprach’s und neigte

sein Haupt, und sein Leib zerfiel in ein Häuflein Asche.

Die sieben Geißlein.

Es ist einmal eine alte Geiß gewesen, die hatte sieben junge Zicklein,

und wie sie einmal fort in den Wald wollte, hat sie gesagt: „Ihr lieben

Zicklein, nehmt euch in acht vor dem Wolf und laßt ihn nicht herein,

sonst seid ihr alle verloren.“ Darnach ist sie fortgegangen.

In einer Weile rappelt was wieder an der Haustüre und ruft: „Macht auf,

macht auf, liebe Kinder! Euer Mütterlein ist aus dem Wald gekommen!“

Aber die sieben Geißlein erkannten’s gleich an der groben Stimme, daß

das ihr Mütterlein nicht war, und haben gerufen: „Unser Mütterlein hat

keine so grobe Stimme!“ Und haben nicht aufgemacht.

Nach einer Weile rappelt’s wieder an der Türe und ruft ganz fein und

leise: „Macht auf, macht auf, ihr lieben Kinder! Euer Mütterlein ist aus

dem Walde kommen!“

Aber die jungen Geißlein guckten durch die Türspalte, und haben ein paar

schwarze Füße gesehen und gerufen: „Unser Mütterlein hat keine so

schwarzen Füße!“ Und haben nicht aufgemacht.

Wie das der Wolf, denn er war es, gehört hat, ist er geschwind hin in

die Mühle gelaufen und hat die Füße ins Mehl gesteckt, daß sie ganz weiß

worden sind. Danach ist er wieder vor die Türe gekommen, hat die Füße

zur Spalte hineingesteckt, und hat wieder ganz leise gerufen: „Macht

auf, macht auf ihr lieben Kinder! Euer Mütterlein ist aus dem Walde

kommen!“

Und wie die Geißlein die weißen Füße gesehen haben, und die leise Stimme

gehört, da haben sie ja gemeint, ihr Mütterlein sei’s, und haben

geschwind aufgemacht. Aber kaum haben sie aufgemacht gehabt, so ist der

Wolf hereingesprungen. Ach, wie sind da die armen Geißlein erschrocken

und haben sich verstecken wollen! Eins ist unters Bett, eins unter den

Tisch, eins hinter den Ofen, eins hinter einen Stuhl, eins hinter einen

großen Milchtopf und eins in den Uhrkasten gesprungen. Aber der Wolf hat

sie alle gefunden und zusammengebracht. Hernach ist er fortgegangen, hat

sich in den Garten unter einen Baum gelegt und hat angefangen zu

schlafen.

Wie hernach die alte Geiß aus dem Walde zurückgekommen ist, hat sie das

Haus offen gefunden und die Stube leer, da hat sie gleich gedacht, jetzt

ist’s nicht geheuer, und hat angefangen, ihre lieben Zicklein zu suchen,

sie hat sie aber nicht finden können, wo sie auch gesucht hat, und so

laut sie auch gerufen hat, es hat keins Antwort gegeben. Endlich ist sie

in den Garten gegangen, da hat der Wolf noch gelegen unterm Baum und hat

geschlafen und hat geschnarcht, daß alle Äste gezittert haben; und wie

sie näher zu ihm gekommen ist, hat sie gesehen, daß etwas in seinem

Bauch gezappelt hat. Da hatte sie eine Freude und dachte, ihre Geißlein

leben wohl noch. Jetzt ist sie geschwind hinein ins Häuslein gesprungen,

hat eine Schere geholt und hat dem Wolf den Bauch aufgeschnitten, da

sind ihre sieben Geißlein eins nach dem andern herausgesprungen, und

haben alle noch gelebt. Darnach hat die Alte geschwind sieben

Wackelsteine[2] geholt, hat sie in den Wolf seinen Bauch gesteckt, und

hat den wieder zugenäht.

Wie der Wolf munter wurde, hatte er Durst und ist an den Brunnen

gegangen, um zu trinken, aber wie er einen Schritt gegangen ist, da

haben die Wackelsteine in seinem Bauch angefangen, zusammenzuschlagen,

und da hat er gesagt:

„Was rumpelt, was pumpelt in meinem Bauch?

Ich hab’ gemeint, ich hab’ junge Geißlein drein,

Und jetzt sind’s nichts als Wackelstein’!“

und wie nun der Wolf an den Brunnen gekommen ist und hat trinken wollen,

so haben ihn die Wackelsteine hineingezogen, und er ist ersoffen. Und

die alte Geiß ist mit ihren Zicklein vor Freude um den Brunnen

herumgetanzt.

[2] Wackelsteine oder Wackersteine, rundliche Basalttrümmer.

Schneeweißchen.

Es war einmal eine Königin, die hatte keine Kinder und wünschte sich

eins, weil sie so ganz einsam war. Da sie nun eines Tages an einer

Stickerei saß und den Rahmen von schwarzem Ebenholz betrachtete, während

es schneite und Schneeflocken vom Himmel fielen, war sie in so tiefen

Gedanken, daß sie sich heftig in die Finger stach, so daß drei

Blutstropfen auf den weißen Schnee fielen; und da mußte sie wieder daran

denken, daß sie kein Kind hatte. „Ach!“ seufzte die Königin, „hätte ich

doch ein Kind, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee, so schwarz wie

Ebenholz!“

Ludwig Bechsteins Märchenbuch Mit 176 Holzschnitten nach Originalzeichnungen von Ludwig Richter · 第 16 / 26 段