sehr, konnt’s aber zuletzt doch nicht auf die Länge drunten im Brunnen
aushalten, krabbelte herauf, fand im Schutt des Häuschens noch etwas
Brauchbares, machte es zu Geld und kaufte dafür Mannskleider, ging als
ein frischer Bub an des Königs Hof und bot sich zu einem Bedienten an.
Der König fragte den jungen Diener nach dem Namen, da erhielt er die
Antwort: „Unglück!“ und dem König gefiel der junge Diener also wohl, daß
er ihn gleich annahm, und auch bald vor allen andern Dienern gut leiden
konnte.
Als der Königssohn erfuhr, daß Siebenschöns Häuschen verbrannt war,
wurde er sehr traurig, glaubte nicht anders, als Siebenschön sei mit
verbrannt, und der König glaubte das auch, und wollte haben, daß sein
Sohn nun endlich eine Prinzessin heirate, und mußte dieser nun eines
benachbarten Königs Tochter freien. Da mußte auch der ganze Hof und die
ganze Dienerschaft mit zur Hochzeit ziehen, und für Unglück war das am
traurigsten, es lag ihm wie ein Stein auf dem Herzen. Er ritt auch mit
hintennach der Letzte im Zuge, und sang wehklagend mit klarer Stimme:
„_Siebenschön_ war ich genannt,
_Unglück_ ist mir jetzt bekannt.“
Das hörte der Prinz von weitem, und fiel ihm auf und hielt und fragte:
„Ei, wer singt doch da so schön?“ — „Es wird wohl mein Bedienter, der
Unglück sein,“ antwortete der König, „den ich zum Diener angenommen
habe.“ Da hörten sie noch einmal den Gesang:
„_Siebenschön_ war ich genannt,
_Unglück_ ist mir jetzt bekannt.“
Da fragte der Prinz noch einmal, ob das wirklich niemand anders sei, als
des Königs Diener? und der König sagte, er wisse es nicht anders.
Als nun der Zug ganz nahe an das Schloß der neuen Braut kam, erklang
noch einmal die schöne klare Stimme:
„_Siebenschön_ war ich genannt,
_Unglück_ ist mir jetzt bekannt.“
Jetzt wartete der Prinz keinen Augenblick länger, er spornte sein Pferd
und ritt wie ein Offizier längs des ganzen Zugs in gestrecktem Galopp
hin, bis er an Unglück kam, und Siebenschön erkannte. Da nickte er ihr
freundlich zu und jagte wieder an die Spitze des Zuges, und zog in das
Schloß ein. Da nun alle Gäste und alles Gefolge im großen Saal
versammelt war und die Verlobung vor sich gehen sollte, so sagte der
Prinz zu seinem künftigen Schwiegervater: „Herr König, ehe ich mit Eurer
Prinzessin Tochter mich feierlich verlobe, wollet mir erst ein kleines
Rätsel lösen. Ich besitze einen schönen Schrank, dazu verlor ich vor
einiger Zeit den Schlüssel, kaufte mir also einen neuen; bald darauf
fand ich den alten wieder, jetzt saget mir Herr König, wessen Schlüssel
ich mich bedienen soll?“ — „Ei, natürlich des alten wieder!“ antwortete
der König, „das Alte soll man in Ehren halten, und es über Neuem nicht
hintansetzen.“ — „Ganz wohl, Herr König,“ antwortete nun der Prinz, „so
zürnt mir nicht, wenn ich Eure Prinzessin Tochter nicht freien kann, sie
ist der neue Schlüssel, und dort steht der alte.“ Und nahm Siebenschön
an der Hand und führte sie zu seinem Vater, indem er sagte: „Siehe
Vater, das ist meine Braut.“ Aber der alte König rief ganz erstaunt und
erschrocken aus: „Ach lieber Sohn, das ist ja Unglück, mein Diener!“ —
Und viele Hofleute schrien: „Herr Gott, das ist ja ein Unglück!“ —
„Nein!“ sagte der Königssohn. „Hier ist gar kein Unglück, sondern hier
ist Siebenschön, meine liebe Braut.“ Und nahm Urlaub von der Versammlung
und führte Siebenschön als Herrin und Frau auf sein schönstes Schloß.
Des Königs Münster.
Es war einmal ein König, der erbaute ein prachtvolles Münster zur Ehre
und zum Lobe Gottes und durfte niemand zu diesem Bau einen Heller
beisteuern, nach des Königs ausdrücklichem Gebot, sondern er wollte es
ganz aus dem eignen Schatz erbauen. Und so geschah es auch und das
Münster war vollendet, schön und würdig, mit aller Pracht und aller
Zier. Und da ließ der König eine große marmorne Tafel zurichten, in
diese ließ er mit goldnen Buchstaben eine Schrift graben, daß er, der
König, allein den Dom erbaut habe, und niemand habe dazu beigesteuert.
Aber als die Tafel einen Tag und eine Nacht lang aufgerichtet war, so
war in der Nacht die Schrift verändert, und statt des Königs Namen stand
ein anderer Name darauf, und zwar der Name einer armen Frau, so daß es
nun lautete, als habe _sie_ das ganze prächtige Münster erbaut. Das
verdroß den König mächtig; er ließ den Namen austilgen, und den seinigen
wieder einschreiben. Aber über Nacht stand wieder der Name jener armen
Frau auf der Tafel, und jedermann las, daß _sie_ des Münsters Stifterin
sei. Und zum dritten Male ward des Königs Name auf die Tafel
geschrieben, und zum dritten Male verschwand er, und jener kam zum
Vorschein. Da merkte der König, daß hier Gottes Finger schreibe,
demütigte sich, und ließ nach der Frau forschen und sie vor seinen Thron
heischen. Voll Angst und erschrocken trat sie vor den König, der sprach
zu ihr: „Frau, es geben sich wunderliche Dinge, sage mir bei Gott und
deinem Leben die Wahrheit! Hast du mein Gebot nicht vernommen, daß
niemand zu dem Münster geben solle? Oder hast du doch dazu gegeben?“
Da fiel das Weib dem Könige zu Füßen und sprach: „Gnade, mein Herr und
König! Ich will alles auf deine Gnade bekennen! Ich bin ein ganz armes
Weib; ich muß mich kümmerlich mit Spinnen ernähren, daß mich der Hunger
nicht ertötet, und da hatte ich doch ein Hellerlein erübrigt, das mocht’
ich gar zu gerne darbringen zu deinem Tempelbau und Gott zu Ehren, aber
ich fürchtete, o Herr, deinen Bann und deine harte Bedräuung, und da
kaufte ich um das Hellerlein ein Bündelein Heu, das streute ich auf die
Straße den Ochsen hin, welche die Steine zu deinem Münster zogen, und
sie fraßen es. So tat ich nach meinem Willen und ohne dein Gebot zu
verletzen.“
Da ward der König mächtiglich bewegt von der Frauen Rede, und sah, wie
Gott der Herr ihren reinen Sinn gewürdigt und ihn als höheres Opfer
angenommen, wie des Königs reichen Schatz. Und der König begabte die
arme Frau reichlich und nahm sich die Strafe seiner Eitelkeit wohl zu
Herzen.
Des kleinen Hirten Glückstraum.
Es war einmal ein sehr armer Bauersmann, der war in einem Dörflein
Hirte, und das schon seit vielen Jahren. Seine Familie war klein, er
hatte ein Weib und nur ein einziges Kind, einen Knaben. Doch diesen
hatte er sehr frühzeitig mit hinaus auf die Weide genommen und ihm die
Pflichten eines treuen Hirten eingeprägt, und so konnte er, als nur
einigermaßen der Knabe herangewachsen war, sich ganz auf denselben
verlassen, konnte ihm die Herde allein anvertrauen und konnte
unterdessen daheim noch einige Dreier mit Körbeflechten verdienen. Der
kleine Hirte trieb seine Herde munter hinaus auf die Triften und Raine;
er pfiff oder sang manch helles Liedlein, und ließ dazwischen gar laut
seine Hirtenpeitsche knallen; dabei wurde ihm keine Zeit lang. Des
Mittags lagerte er sich gemächlich neben seine Herde, aß sein Brot und
trank aus der Quelle dazu, und dann schlief er auch wohl ein Weilchen,
bis es Zeit war, weiterzutreiben. Eines Tages hatte sich der kleine
Hirte unter einen schattigen Baum zur Mittagsruhe gelagert, schlief ein
und träumte einen gar wunderlichen Traum: Er reise fort, gar unendlich
weit fort, — ein lautes Klingen, wie wenn unaufhörlich eine Masse Münzen
zu Boden fielen — ein Donnern, wie wenn unaufhörliche Schüsse knallten —
eine endlose Schar Soldaten, mit Waffen und in blitzenden Rüstungen —
das alles umkreisete, umschwirrte, umtosete ihn. Dabei wanderte er immer
zu und stieg immer bergan, bis er endlich oben auf der Höhe war, wo ein
Thron aufgebaut war, darauf er sich setzte, und neben ihm war noch ein
Platz, auf dem ein schönes Weib, welches plötzlich erschien, sich
niederließ. Nun richtete sich im Traum der kleine Hirte empor und sprach
ganz ernst und feierlich: „Ich bin König von Spanien.“ Aber in demselben
Augenblick wachte er auf. Nachdenklich über seinen sonderbaren Traum
trieb der Kleine seine Herde weiter, und des Abends erzählte er daheim
seinen Eltern, die vor der Türe saßen und Weiden schnitzten, und wo er
ihnen auch half, — seinen wunderlichen Traum, und sprach zum Schluß:
„Wahrlich, wenn ich noch einmal so träume, gehe ich fort nach Spanien,
und will doch einmal sehen, ob ich nicht König werde!“ — „Dummer Junge,“
murmelte der alte Vater, „dich macht man zum König, laß dich nicht
auslachen!“ Und seine Mutter kicherte weidlich, und klatschte in die
Hände und wiederholte ganz verwundert: „König von Spanien, König von
Spanien!“ — Am andern Tag zu Mittag lag der kleine Hirte zeitig unter
jenem Baume, und o Wunder! derselbe Traum umfing wieder seine Sinne.
Kaum hielt es ihn bis zum Abend auf der Hut, er wäre gern nach Hause
gelaufen, und wäre aufgebrochen zur Reise nach Spanien. Als er endlich
heimtrieb, verkündete er seinen abermaligen Traum und sprach: „Wenn mir
aber noch einmal so träumt, so gehe ich auf der Stelle fort, gleich auf
der Stelle.“ — Am dritten Tage lagerte er sich denn wieder unter jenen
Baum, und ganz derselbe Traum kam zum dritten Male wieder. Der Knabe
richtete sich im Traume empor und sprach: „Ich bin König von Spanien,“
und darüber erwachte er wieder, raffte aber auch sogleich Hut und
Peitsche und Brotsäcklein von dem Lager auf, trieb die Herde zusammen
und geraden Wegs nach dem Dorfe zu. Da fingen die Leute an, mit ihm zu
zanken, daß er so bald und so lange vor der Vesperzeit eintreibe, aber
der Knabe war so begeistert, daß er nicht auf das Schelten der Nachbarn
und der eignen Eltern hörte, sondern seine wenigen Kleidungsstücke, die
er des Sonntags trug, in einen Bündel schnürte, denselben an ein
Nußholzstöcklein hing, über die Achsel nahm und so mir nichts dir nichts
fortwanderte. Gar flüchtig war der Knabe auf den Beinen; er lief so
rasch, als sollte er noch vor nachts in Spanien eintreffen. Doch
erreichte er nur an diesem Tage einen Wald, nirgends war ein Dorf oder
ein einzelnes Haus; und er beschloß, in diesem Wald in einem dichten
Busch sein Nachtlager zu suchen. Kaum hatte er aber zur Ruhe sich
niedergelegt und war entschlummert, als ein Geräusch ihn wieder
erweckte: es zog eine Schar Männer in lautem Gespräch an dem Busch
vorüber, in welchen er sich gebettet. Leise machte der Knabe sich hervor
und ging den Männern in einer kleinen Entfernung nach und dachte,
vielleicht findest du doch noch eine Herberge; wo diese Männer heute
schlafen, kannst du gewiß auch schlafen. — Gar nicht lange waren sie
weitergewandert, als ein ziemlich ansehnliches Haus vor ihnen stand,
aber so recht mitten im dunkeln Wald. Die Männer klopften an, es wurde
aufgetan und neben den Männern schlüpfte auch der Hirtenknabe mit hinein
in das Haus. Drinnen öffnete sich wieder eine Türe und alle traten in
ein großes, sehr spärlich erhelltes Zimmer, wo auf dem Fußboden umher
viele Strohbunde, Betten und Deckbetten lagen, die zum Nachtlager der
Männer bereitgehalten schienen. Der kleine Hirtenbub verkroch sich
schnell unter einen Strohhaufen, welcher nahe an der Türe aufgeschichtet
war, und lauschte nun auf alles, was er nur aus seinem Versteck hören
und wahrnehmen konnte. Bald kam er dahinter, denn er war ohnehin klug
und aufgeweckt, daß diese Männerschar eine Räuberbande sei, deren
Hauptmann der Herr dieses Hauses war. Dieser bestieg, als die neu
angelangten Mitglieder der Bande sich hingelagert hatten, einen etwas
erhöhten Sitz und sprach mit tiefer Baßstimme: „Meine braven Genossen,
tut mir Bericht von eurem heutigen Tagewerk, wo ihr eingebrochen seid
und was ihr erbeutet habt!“ Da richtete sich zuerst ein langer Mann mit
kohlschwarzem Bart empor und antwortete: „Mein lieber Hauptmann, ich
habe heute früh einen reichen Edelmann seiner ledernen Hose beraubt,
diese hat zwei Taschen, und sooft man sie unterst oberst kehrt und
tüchtig schüttelt, sooft fällt ein Häuflein Dukaten heraus auf den
Boden.“ — „Das klingt sehr gut!“ sprach der Hauptmann. Ein anderer der
Männer trat auf und berichtete: „Ich habe heute einem General seinen
dreieckigen Hut gestohlen; dieser Hut hat die Eigenschaft, wenn man ihn
auf dem Kopf dreht, daß unaufhörlich aus den drei Ecken Schüsse
knallen.“ — „Das läßt sich hören!“ sprach der Hauptmann wieder. Und ein
dritter richtete sich auf und sprach: „Ich habe einen Ritter seines
Schwertes beraubt; so man dasselbe mit der Spitze in die Erde stößt,
ersteht augenblicklich ein Regiment Soldaten.“ — „Eine tapfre Tat!“
belobte der Hauptmann. Ein vierter Räuber erhob sich nun und begann:
„Ich habe einem schlafenden Reisenden seine Stiefel abgezogen, und wenn
man diese anzieht, legt man mit jedem Schritt sieben Meilen zurück.“ —
„Rasche Tat lobe ich!“ sprach der Hauptmann zufrieden, „hänget eure
Beute an die Wand, und dann esset und trinket und schlafet wohl.“ Somit
verließ er das Schlafzimmer der Räuber; diese zechten noch weidlich und
fielen dann in festen Schlaf. Als alles stille und ruhig war, und die
Männer allesamt schliefen, machte sich der kleine Hirte hervor, zog die
ledernen Hosen an, setzte den Hut auf, gürtete das Schwert um, fuhr in
die Stiefel und schlich dann leise aus dem Haus. Draußen aber zeigten
die Stiefel zur Freude des Kleinen schon ihre Wunderkraft, und es währte
gar nicht lange, so schritt das Bürschchen zur großen Residenzstadt
Spaniens hinein; sie heißt Madrid.
Hier fragte er den ersten besten, der ihm aufstieß, nach dem größesten
Gasthof, aber er erhielt zur Antwort: „Kleiner Wicht, geh’ du hin, wo
deinesgleichen einkehrt, und nicht, wo reiche Herren speisen.“ Doch ein
blankes Goldstück machte jenen gleich höflicher, so daß er nun gerne der
Führer des kleinen Hirten wurde und ihm den besten Gasthof zeigte. Dort
angelangt, mietete der Jüngling sogleich die schönsten Zimmer und fragte
freundlich seinen Wirt: „Nun, wie steht es in Eurer Stadt? Was gibt es
hier Neues?“ Der Wirt zog ein langes Gesicht und antwortete: „Herrlein,
Ihr seid hierzuland wohl fremd? Wie es scheint, habt Ihr noch nicht
gehört, daß unser König, Majestät, sich rüstet mit einem Heer von
zwanzigtausend Mann? Seht, wir haben Feinde; o, es ist gar eine schlimme
Zeit! Herrlein, wollt Ihr auch etwa unters Militär gehen?“ — „Freilich,
freilich,“ sprach der zarte Jüngling, und sein Gesicht glänzte vor
Freude. Als der Wirt sich entfernt hatte, zog er flugs seine ledernen
Hosen aus, schüttelte sich ein Häuflein Goldstücke, und kaufte sich
kostbare Kleider und Waffen und Schmuck, tat alles an und ließ dann beim
König um eine Audienz bitten. Und wie er in das Schloß kam und von zwei
Kammerherren durch einen großen herrlichen Saal geführt wurde, begegnete
ihnen eine wunderliebliche junge Dame, die sich anmutig vor dem schönen
Jüngling, der in der Mitte der Herren ging und sie zierlich grüßte,
verneigte, und die Herren flüsterten: „Das ist die Prinzessin Tochter
des Königs.“ Der junge Mann war nicht wenig von der Schönheit der
Königstochter entzückt, und seine Entzückung und Begeisterung ließen ihn
keck und mutvoll vor dem Könige reden. Er sprach: „Königliche Majestät!
Ich biete hiermit untertänigst meine Dienste als Krieger an. Mein Heer,
das ich Euch zuführe, soll Euch den Sieg erfechten, mein Heer soll alles
erobern, was mein König zu erobern befiehlt. Aber eine Belohnung bitte
ich mir aus, daß ich, wofern ich den Sieg davontrage, Eure holde Tochter
als Gemahlin heimführen dürfe. Wollt Ihr das, mein gnädigster König?“
Und der König erstaunte ob der kühnen Rede des Jünglings und sprach:
„Wohl, ich gehe in deine Forderung ein; kehrst du heim als Sieger, so
will ich dich als meinen Nachfolger einsetzen und dir meine Tochter zur
Gemahlin geben.“
Jetzt begab sich der ehemalige Hirte ganz allein hinaus auf das freie
Feld und begann sein Schwert drauf und drein in die Erde zu stoßen, und
in wenigen Minuten standen viele Tausende kampfgerüsteter Streiter auf
dem Platz, und der Jüngling saß als Feldherr kostbar gewaffnet und
geschmückt auf einem herrlichen Roß, welches mit goldgewirkten Decken
behangen war; der Zaum blitzte von Edelsteinen, und der junge Feldherr
zog aus und dem Feind entgegen, da gab es eine große blutige Schlacht;
aus dem Hut des Feldherrn donnerten unaufhörlich tödliche Schüsse, und
das Schwert desselben rief ein Regiment nach dem andern aus der Erde
hervor, so daß in wenigen Stunden der Feind geschlagen und zerstreut war
und die Siegesfahnen wehten. Der Sieger aber folgte nach und nahm dem
Feinde auch noch den besten Teil seines Landes hinweg. Siegreich und
glorreich kehrte er dann zurück nach Spanien, wo ihn das holdeste Glück
noch erwartete. Die schöne Königstochter war nicht minder entzückt von
dem schmucken Jüngling gewesen, wie sie ihm im Saale begegnet war, als
er von ihr; und der gnädigste König wußte die sehr großen Verdienste des
tapfern Jünglings auch gebührend zu schätzen, hielt sein Wort, gab ihm
seine Tochter zur Gemahlin und machte ihn zu seinem Nachfolger und
Thronerben.
Die Hochzeit wurde prunkvoll und glänzend vollzogen, und der ehemalige
Hirte saß ganz im Glück. Bald nach der Hochzeit legte der alte König
Krone und Zepter in die Hände seines Schwiegersohns, der saß stolz auf
dem Thron und neben ihm seine holde Gemahlin, und es wurde ihm, als dem
neuen König, von seinem Volke Huldigung gebracht. Da gedachte er seines
so schön erfüllten Traumes, und gedachte seiner armen Eltern und sprach,
als er wieder allein bei seiner Gemahlin war: „Meine Liebe, sieh, ich
habe noch Eltern, aber sie sind sehr arm, mein Vater ist Dorfhirte, weit
von hier, und ich selbst habe als Knabe das Vieh gehütet, bis mir durch
einen wunderbaren Traum offenbart wurde, daß ich noch König von Spanien
werde. Und das Glück war mir hold, sieh, ich bin nun König, aber meine
Eltern möchte ich auch gern noch glücklich sehen, daher ich mit deiner
gütigen Zustimmung nach Hause reisen und die Eltern holen will.“ Die
Königin war’s gerne zufrieden und ließ ihren Gemahl ziehen, der sehr
schnell zog, weil er die Siebenmeilenstiefel anhatte. Unterwegs stellte
der junge König die Wunderdinge, die er den Räubern abgenommen, ihren
rechtmäßigen Eigentümern wieder zu, bis auf die Stiefel, holte seine
armen Eltern, die vor Freude ganz außer sich waren, und dem Eigentümer
der Stiefel gab er für dieselben ein Herzogtum. Dann lebte er glücklich
und würdiglich als König von Spanien bis an sein Ende.
Des Hundes Not.
Es war ein Hund, der lag hungrig und kummervoll auf dem Felde, da sang
über ihm eine Lerche ihr wonnigliches Liedlein mit süßem Ton. Als der
Hund das hörte, da sprach er: „O du glückliches Vögelein, wie froh du
bist, wie süß du singest, wie hoch du dich aufschwingst! Aber ich — wie
soll ich mich freuen? Mich hat mein Herr verstoßen, seine Türe hinter
mir gesperrt, ich bin lahm, bin krank, kann kein Essen erjagen und muß
hier Hungers sterben!“
Wie die Lerche den hungrigen Hund also klagen hörte, flog sie nahe zu
ihm und sprach: „O du armer Hund! Mich bewegt dein Leiden, wirst du mir
es auch Dank wissen, wenn ich dir helfe, daß du satt wirst?“
„Womit, Frau Lerche?“ fragte der Hund mit matter Stimme, und die Lerche
antwortete: „Sieh, dort kommt ein Kind gegangen, das trägt Speise zu
jenem Ackersmann; ich will machen, daß es die Speise niederlegt und mir
nachläuft, indes gehst du hinzu und issest den Käse und das Brot und
stillest deinen Hunger!“
Der Hund bedankte sich dieses freundlichen Anerbietens, und die Lerche
flog nun dem Kind entgegen und begann es zu äffen. Bald lief sie vor
ihm, bald flatterte sie auf dieser, bald auf jener Seite, bis das Kind
dachte: die Lerche muß ich fangen, und zumal stellte die Lerche sich
flügellahm und ließ einen ihrer kleinen Fittiche hangen wie gebrochen.
Das Kind griff oft nach ihr, aber es haschte vergebens mit der einen
Hand, und da legte es sein Tüchlein nieder, darin es das Essen trug und
lief der Lerche nach, die immer voran in einen Grund flog; indessen
erhob sich der Hund, hinkte nach dem Tuche und schnüffelte hinein, da
lag ein Stück Brot, ein Quarkkäse und vier gute Eier, die fraß er
ungesotten und ungeschält, und den Käse untranchiert, und das Brot nahm
er mit von dannen, als er fortkroch und sich in das Korn versteckte.
Die Lerche, als sie merkte, daß der Hund sein Teil hatte, flog in die
Lüfte und sang lustig; das geäffte Kind aber verwünschte sie, und noch
viel mehr, als es sein Tüchlein leer fand. Weinend ging es zurück zu
seiner Mutter, und ob es Schläge bekommen hat, weiß ich nicht; es wird
aber wohl etwas dergleichen abgefallen sein.
Die Lerche flog zum Hunde hin und fragte ihn, wie er sich jetzt befinde?
Er sagte ihr schönen Dank und nie sei ihm wohler gewesen. „Nur eine
Bitte, herzliebe Frau Lerche, habe ich noch auf dem Herzen,“ sprach er,
„wer satt ist, der ist gern froh. O bitte, erzählet mir noch etwas,
davon ich ein wenig lachen und lustig werden mag.“
„Wohlan!“ sprach die Lerche, „folge mir.“ Und da flog die Lerche voran
und der Hund folgte ihr zu einer Scheuer, auf deren Dachboden man von
der Erde leicht gelangen konnte; da hinauf hieß die Lerche den Hund
steigen und hinuntersehen, denn der Boden war schadhaft und
durchgebrochen. Unten auf der Tenne standen zwei Kahlköpfe, die
draschen; da setzte sich flugs die Lerche dem einen auf die Glatze, und
flugs klappste der andre mit der Hand drauf, vermeinend, die Lerche zu
fangen; das kluge Vöglein war aber schneller als er und flog zur Seite.
„Nun, Geselle, was soll das? Was schlägst du mich?“ fragte der erste
Kahlkopf den andern. Der entschuldigte sich, daß ein Vöglein sich jenem
auf den Kopf gesetzt, dieses habe er erhaschen wollen; habe der Klapps
wehgetan, sei es ihm leid. Indem setzte sich die Lerche auf die Glatze
dessen, der eben sprach, und da schlug gleich der andre hin mit einem so
harten Schmitz, daß der Kopf gewiß zersprungen, wenn er von Glas gewesen
wäre, wenigstens brummte er dem Geschlagenen tüchtig, und nun ging
gleich das Schelten los, und beide Drescher warfen ihre Flegel hin, und
wollten einander in die Haare. Weil sie nun keine Haare hatten, so
konnte keiner dem andern welche ausraufen, und so kratzten sie einander
auf die Glatzen, statt des Raufens, daß das Blut danach lief, und
stießen sich hart; da ging es Glatz wider Glatz und Kratz wider Kratz,
auch zerrten sie sich an den Ohren, und darüber mußte der Hund so
unbändig lachen, daß ihm ganz weh ward, und er weder liegen noch stehen
konnte, und da purzelte er vor Lachen von dem Boden hoch herunter, den
Dreschern gerade auf die Kahlköpfe, daß sie stutzten, denn der Hund war
schwer, und diese Art, Haare auf den Kopf zu bekommen, kam ihnen
spanisch vor. Sie wandten ihren Zorn gleich vereint gegen den Hund, und
da sie Drescher waren, so draschen sie ihn so lange, bis er mit Ach und
Krach durch ein Loch in der Scheuerwand und durch den Zaun fuhr, wobei
ihm nicht nur das Lachen, sondern schier Hören und Sehen verging. Ganz
mürb und marode legte er sich in das Gras hinter den Zaun, und da kam
die Lerche geflogen, und fragte: „Edler Herr, wie befinden Sie sich?“
„Ei, Frau Lerche,“ ächzte der Hund, „ich habe vollauf genug. Ich bin ein
ganz geschlagener Mann! Ich glaube meiner Treu, ich habe gar keinen
Rücken mehr, die Drescher haben mir das Fell bei lebendigem Leibe
abgeschunden und gegerbt. Ach, soll ich länger leben, so muß ich einen
Wundarzt haben!“ — „Wohl und getrost! Ich hole Euch auch den, so es
irgend möglich ist,“ sprach die Lerche und flog von dannen. Bald fand
sie einen Wolf, den redete sie an: „Herr Wolf? Ihr habt wohl gar keinen
Appetit?“
„Ach, Frau Lerche,“ ward ihr zur Antwort, „was das betrifft, so kann ich
mit Wolfshunger dienen.“
„Nun, wenn Ihr mir es danken wollt,“ sprach die Lerche weiter, „so
wollte ich Euch wohl weisen, wo ein feister Hund liegt, der Euch kaum
entrinnen wird!“
„O, meine edle Königin, wie gnädig Ihr seid!“ schmeichelte und
schmunzelte der Wolf, und leckte sich die Zähne. Die Lerche flog vor ihm
her, und er folgte ihr, und wie sie zu dem Hund kam, redete sie ihn an:
„Nun, Geselle? Schläfst du? Willst du nicht den Arzt sehen? Richte dich
auf, dort kommt der Doktor!“