Der Jüngling staunte; und staunte noch mehr, als er von dem grauen

Zwerglein in ein noch weit prachtvolleres Gebäude, als das Wunderschloß,

geführt wurde. Auch hier herrschte neben aller Herrlichkeit die tiefste

Stille in den Gemächern, und als sie deren viel durchwandert, kamen sie

in eins, welches ganz mit Schleiern behangen war, wo in der Mitte des

Zimmers ein dicht verhülltes Bette stand, darüber ein schöner Vogelbauer

hing mit einem Vöglein, welches gar helle Lieder durch die einsame

Stille schmetterte. Das graue Männlein hub die Schleier und Hüllen vom

Bette und führte den Jüngling näher; dieser sah hier auf weichen

seidenen Kissen, die reich mit Goldtroddeln behangen waren, ein gar

liebliches Mädchen schlafend daliegen, das war so schön wie ein Engel,

hatte ein weißes Kleidchen an und über ihre Brust und Schultern wallten

die goldnen Locken herab, und auf dem Haupte blitzte eine demantne

Krone; aber ein tiefer totenähnlicher Schlaf hielt die sanften Züge

gefangen, und kein Geräusch vermochte die holde Schläferin zu erwecken.

Da sprach das Männlein zu dem verwunderten Jüngling: „Siehe hier dieses

schlafende Kind! Es ist eine hohe Prinzessin. Dieses schöne Schloß und

dieses gesegnete Land ist ihr Erbgut, wann sie erlöset ist; aber seit

Jahrhunderten schläft sie den festen Zauberschlaf und auch seit

Jahrhunderten fand noch keine menschliche Seele den Weg, der hierher

führt, den nur ich täglich zurücklegte, um dort im Schloß, welches meine

Wohnung ist, zu speisen und etwa die goldbegierigen Menschen, die sich

einfanden, mit einem Gericht Prügel zu bedienen. Ich bin der Wächter

über diese Schläferin und mußte sorgfältig verhüten, daß kein Fremder

hier eindringe, und dazu ward mir mein Bart, in welchem solche

übermäßige Kräfte wohnen, daß auch ich ebenfalls seit Jahrhunderten

diesen Zauber zu üben vermag. Doch nun, wo mir der Bart entrissen, bin

ich kraftlos und muß dieses überschwengliche Glück lassen, welches mit

der holden Prinzessin erwacht, dir entdecken und überlassen. Und so

schicke dich rasch zur Ausführung des Erlösungswunders. Nimm diesen

Vogel, der über der Prinzessin hängt und der sie einst in den

Zauberschlummer gesungen hat, und seitdem jene Melodien auch immerfort

singen mußte, — nimm ihn, schlachte ihn und schneide ihm das kleine Herz

aus, brenne es dann zu Pulver und gib dieses der Prinzessin in den Mund,

alsobald wird sie davon erwachen und wird dich beglücken mit Hand und

Herz, mit Land und Schloß und allen ihren Schätzen.“ Das Männlein

schwieg erschöpft, und der Jüngling säumte nicht, an das Werk der

Erlösung zu gehen. Schnell und gut wurde alles getreu nach der Angabe

des kleinen Alten ausgeführt und das Pülverlein bereitet. Nach wenigen

Minuten, als es der Prinzessin gegeben war, schlug sie frisch und

lächelnd die Augen auf, und hob sich vom Lager empor und sank dem

glücklichen Jüngling an die Brust, liebkosete und dankte ihm und nahm

ihn zu ihrem Gemahl an. Und in demselben Moment zog ein Donnern und

Krachen durch das Schloß, auf allen Treppen wurde es laut, und in allen

Zimmern wurde es geräuschvoll. Und endlich kam eine Schar Diener und

Dienerinnen mit freundlichen Gesichtern in das Zimmer getreten, in

welchem das glückliche Paar weilte, und alle freuten sich, und flogen

dann flink und froh in die Küchen- und Kellerräume, in Zimmer und Säle

und Gänge an ihre Arbeit, und waren alle wie neugeboren.

Das graue Zwerglein aber heischte nun streng seinen Bart von dem

Jüngling, und gedachte immer noch in seinem boshaften Herzen dem

Glücklichen einen Possen zu spielen. Denn, wenn ihm der Bart erst wieder

am Kinn saß, hatte er Macht, alle Sterblichen zu überwältigen. Allein

der kluge Flötenbläser gebrauchte noch immer Vorsicht mit dem tückischen

Männlein, er sprach: „O, deinen Bart sollst du wieder haben, sei nicht

bange, ich will ihn dir zum Abschied überreichen, aber erlaube, daß wir

beide, meine holde Braut und ich, dich eine kleine Strecke begleiten

dürfen.“ Das konnte das Männlein nicht verweigern. Sie gingen nun weit

durch schöne Laubgänge und Blumenbeete mit dem Zwerg, und kamen endlich

an das ungeheuer tiefe, rauschende Wasser, welches viele viele Meilen

weit in der Runde um das Land der Prinzessin strömte und gleichsam die

Grenzscheidung bildete. Keine Brücke und kein Nachen war rings

vorhanden, worauf Menschen das jenseitige Ufer erreichen konnten; auch

kein kühner Schwimmer hätte es errungen, denn die Wellenflut war zu

tosend und wild. Da sprach der Jüngling zu dem Männlein: „Gib mir deinen

Stab, auf daß ich dir diesmal noch zur Ehre das Wasser

auseinanderscheide.“ Und das Männlein mußte gehorchen, weil es seine

Bartkräfte noch nicht wieder hatte, und dachte auch im stillen noch in

hämischer Freude: wenn er mir drüben über dem Wasser den Bart

überreicht, so bekomme ich ihn doch in meine Gewalt, nehme ihm dann den

Stab wieder ab, und beide können ihr wunderschönes Land nie betreten.

Aber nicht also gingen des Zwerges boshafte Gedanken aus. Der kluge,

glückliche Jüngling schlug mit dem Stab ins Wasser, es teilte sich

behende und stand stille, und der Zwerg ging voran und ging hinüber, und

schnell hinter ihm brausete die Flut zusammen; aber der Jüngling war mit

seiner lieben Braut am andern Ufer zurückgeblieben, er behielt den

Zauberstab und schleuderte nur den Bart übers Wasser hinüber, so daß ihn

der Zwerg drüben auffing und sich ihn wieder ansetzte; und so ward der

Alte doch um seinen Zauberstab betrogen und durfte hinfort nimmer wieder

das herrliche Gebiet betreten. Und der glückliche Jüngling kehrte zurück

ins Schloß mit seiner Holden, zu steter Freude und Glückseligkeit; und

keine Sehnsucht kam ihm in sein Herz, je wieder zu seinen Kameraden

zurückzukehren. Die saßen lange im Wirtshaus, und als jener nicht

wiederkam, sprachen sie: „Der ist flöten gegangen,“ — und das ist

hernach zum Sprichwort geworden, wenn einer oder eine Sache abhanden und

nicht wieder kommt.

Der Müller und die Nixe.

Es war einmal ein Müller, der war reich an Geld und Gut und führte mit

seiner Frau ein vergnügtes Leben. Aber Unglück kommt über Nacht; der

Müller wurde arm und konnte zuletzt kaum noch die Mühle, in der er saß,

sein eigen nennen. Da ging er am Tage voll Kummer umher, und wenn er

abends sich niederlegte, fand er keine Ruhe, sondern verwachte die ganze

Nacht in traurigen Gedanken. Eines Morgens stand er früh vor Tage auf

und ging ins Freie; er dachte, es sollte ihm leichter ums Herz werden.

Als er nun auf dem Damme an seinem Mühlteiche sorgenvoll auf und nieder

ging, hörte er es auf einmal in dem Weiher rauschen, und als er hinsah,

da stieg eine weiße Frau daraus empor. Da erkannte er, daß es die Nixe

des Weihers sein müsse, und vor großer Furcht wußte er nicht, ob er

davongehen oder stehenbleiben sollte. Indem er so zauderte, erhob die

Nixe ihre Stimme, nannte ihn bei Namen und fragte ihn, warum er so

traurig wäre? Als der Müller die freundlichen Worte hörte, faßte er sich

ein Herz und erzählte ihr, wie er sonst so reich und glückselig gewesen

wäre und jetzt sei er so arm, daß er sich vor Not und Sorgen nicht zu

raten wisse. Da redete ihm die Nixe mit tröstlichen Worten zu und

versprach ihm, sie wolle ihn noch reicher machen, als er je gewesen sei,

wenn er ihr dagegen das gebe, was eben in seinem Hause jung geworden

sei. Der Müller dachte, sie wolle ein Junges von seinem Hunde oder

seiner Katze haben, sagte ihr also zu, was sie verlangte, und eilte

guten Mutes nach seiner Mühle. Aus der Haustür trat ihm seine Magd mit

freudiger Gebärde entgegen und rief ihm zu, seine Frau habe soeben einen

Knaben geboren. Da stand nun der Müller und konnte sich über die Geburt

seines Kindes, die er nicht sobald erwartet hatte, nicht freuen. Traurig

ging er ins Haus und erzählte seiner Frau und seinen Verwandten, die

herbeikamen, was er der Nixe gelobet hatte. „Mag doch alles Glück, das

sie mir versprochen hat, verfliegen,“ sprach er, „wenn ich nur mein Kind

retten kann.“ Aber niemand wußte andern Rat, als daß man das Kind

sorgfältig in acht nehmen müsse, damit es niemals dem Weiher zu nahe

käme.

Der Knabe wuchs fröhlich auf und unterdessen kam der Müller nach und

nach zu Geld und Gut, und es dauerte nicht lange, so war er reicher als

er je gewesen war. Aber er konnte sich seines Glückes nicht recht

freuen, da er immer seines Gelübdes gedachte und fürchtete, die Nixe

werde über kurz oder lang auf die Erfüllung dringen. Aber Jahr auf Jahr

verging, der Knabe wurde groß und lernte die Jägerei, und weil er ein

schmucker Jäger war, nahm ihn der Herr des Dorfes in seinen Dienst, und

der Jäger freite sich ein junges Weib und lebte friedlich und in

Freuden.

Einstmals verfolgte er auf der Jagd einen Hasen, der endlich auf das

freie Feld ausbog. Der Jäger setzte ihm eifrig nach und streckte ihn mit

einem Schusse nieder. Sogleich machte er sich ans Ausweiden und achtete

nicht darauf, daß er sich in der Nähe des Weihers befand, vor dem er

sich von Kind auf hatte hüten müssen. Mit dem Ausweiden war er bald

fertig und ging nun an das Wasser, um seine blutigen Hände zu waschen.

Kaum hatte er sie in den Weiher getaucht, als die Nixe emporstieg, ihn

mit nassen Armen umfing und ihn mit sich hinabzog, daß die Wellen über

ihm zusammenschlugen.

Als der Jäger nicht heimkehrte, geriet seine Frau in große Angst, und

als man nach ihm suchte und am Mühlteiche seine Jagdtasche liegen fand,

da zweifelte sie nicht mehr daran, wie es ihm ergangen sei. Ohne Rast

und Ruhe irrte sie an dem Weiher umher und rief wehklagend Tag und Nacht

ihren Mann. Endlich fiel sie vor Müdigkeit in einen Schlaf, darinnen es

ihr träumte, wie sie durch eine blühende Flur zu einer Hütte wanderte,

worin eine Zauberin wohnte, die ihr ihren Mann wieder zu schaffen

versprach. Als sie am Morgen erwachte, beschloß sie, der Eingebung zu

folgen und die Zauberin aufzusuchen. So wanderte sie aus und kam bald

zur blühenden Flur und dann zu der Hütte, worin die Zauberin wohnte. Sie

erzählte ihren Kummer und daß ein Traum ihr Rat und Hilfe von ihr

versprochen habe. Die Zauberin gab ihr zum Bescheid: sie solle beim

Vollmond an den Weiher gehen und dort mit einem goldnen Kamme ihre

schwarzen Haare strählen und dann den Kamm ans Ufer legen. Die junge

Jägersfrau beschenkte die Zauberin reichlich und begab sich auf den

Heimweg.

Die Zeit bis zum Vollmonde verging ihr langsam; als es aber endlich

Vollmond war, ging sie zum Weiher und strählte sich mit einem goldnen

Kamme ihre schwarzen Haare, und als sie fertig war, legte sie den

goldnen Kamm am Ufer nieder und sah dann ungeduldig in das Wasser. Da

rauschte es und brauste es aus der Tiefe und eine Welle spülte den

goldnen Kamm vom Ufer und es dauerte nicht lange, so erhob ihr Mann den

Kopf aus dem Wasser und sah sie traurig an. Aber bald kam wiederum eine

Welle gerauscht und der Kopf versank, ohne ein Wort gesprochen zu haben.

Der Weiher lag wieder ruhig wie zuvor und glänzte im Mondscheine und die

Jägersfrau war um nichts besser daran als vorher.

Trostlos durchwachte sie Tage und Nächte, bis sie wieder ermüdet in

Schlaf sank und derselbe Traum, der sie an die Zauberin gewiesen hatte,

wieder über sie kam. Abermals ging sie am Morgen nach der blühenden Flur

und nach der Hütte und klagte der Zauberin ihren Kummer. Die Alte gab

ihr zum Bescheid: sie solle beim Vollmond an den Weiher gehen, auf einer

goldnen Flöte blasen und dann die Flöte an das Ufer legen.

Als es Vollmond geworden war, ging die Jägersfrau zum Weiher, blies auf

einer goldnen Flöte und legte sie dann ans Ufer. Da rauschte es und

brauste es aus der Tiefe und eine Welle spülte die Flöte vom Ufer und

bald erhob der Jäger den Kopf über das Wasser und tauchte immer höher

empor, bis über die Brust, und breitete seine Arme nach seiner Frau aus.

Da kam wieder eine rauschende Welle und zog ihn in die Tiefe zurück. Die

Jägersfrau hatte voller Freude und Hoffnung am Ufer gestanden und

versank in tiefen Gram, als sie ihren Mann in dem Wasser verschwinden

sah.

Aber zum Troste erschien ihr wiederum der Traum, der sie zu der

blühenden Flur und zu der Hütte der Zauberin verwies. Die Alte gab

diesmal den Bescheid: sie solle, sobald es Vollmond sein werde, an den

Weiher gehen, dort auf einem goldnen Rädchen spinnen und dann das

Rädchen ans Ufer stellen. Als der Vollmond kam, befolgte die Jägersfrau

das Geheiß, ging an den Weiher, setzte sich nieder und spann auf einem

goldnen Rädchen und stellte dann das Rädchen ans Ufer. Da rauschte es

und brauste es aus der Tiefe und eine Welle spülte das goldne Rad vom

Ufer, und bald erhob der Jäger den Kopf über das Wasser und tauchte

immer höher empor, bis er endlich an das Ufer stieg und seiner Frau um

den Hals fiel. Da fing das Wasser an zu rauschen und zu brausen und

überschwemmte das Ufer weit und breit und riß beide, wie sie sich umfaßt

hielten, mit sich hinab. In ihrer Herzensangst rief die Jägerin den

Beistand der Alten an, und auf einmal war die Jägerin in eine Kröte und

der Jäger in einen Frosch verwandelt. Aber sie konnten nicht beisammen

bleiben, das Wasser riß sie nach verschiedenen Seiten hin, und als die

Überschwemmung vergangen war, da waren zwar beide wieder zu Menschen

geworden, aber der Jäger und die Jägerin waren jedes in einer fremden

Gegend und sie wußten nichts voneinander.

Der Jäger entschloß sich als Schäfer zu leben, und auch die Jägerin ward

eine Schäferin. So hüteten sie lange Jahre ihre Herden, eines vom andern

entfernt.

Einstmals aber trug es sich zu, daß der Schäfer dahin kam, wo die

Schäferin lebte. Die Gegend gefiel ihm und er sah, daß sie recht

fruchtbar gelegen sei zur Weide seiner Herde. Er brachte also seine

Schafe dorthin und hütete sie wie zuvor. Schäfer und Schäferin wurden

gute Freunde, aber sie erkannten einander nicht.

An einem Abende aber saßen sie im Vollmond beieinander, ließen ihre

Herden grasen und der Schäfer blies auf seiner Flöte. Da gedachte die

Schäferin jenes Abends, wo sie am Weiher bei Vollmond auf der goldenen

Flöte geblasen; sie konnte sich nicht länger halten und brach in lautes

Weinen aus. Der Schäfer fragte sie, was sie so weine und klage? — bis

sie ihm erzählte, was ihr alles widerfahren sei. Da fiel es wie Schuppen

von den Augen des Schäfers, er erkannte seine Jägerin und gab sich ihr

zu erkennen. Nun kehrten sie fröhlich in ihre Heimat zurück und lebten

zusammen ungestört und in Frieden.

Goldener.

Vor langen Jahren hat einmal in einem dichten Wald ein armer Hirte

gelebt, der hatte sich ein bretternes Häuschen mitten im Wald erbaut,

darin wohnte er mit seinem Weibe und sechs Kindern, die waren alle

Knaben. An dem Hause war ein Ziehbrunnen und Gärtlein, und wenn der

Vater das Vieh fütterte, so gingen die Kinder hinaus und brachten ihm zu

Mittag oder zu Abend einen kühlen Trunk aus dem Brunnen oder ein Gericht

aus dem Gärtlein.

Den jüngsten Knaben riefen die Eltern nur: „Goldener,“ denn seine Haare

waren wie Gold, und obgleich der jüngste, so war er doch der stärkste

von allen und auch der größte. Sooft die Kinder hinaus in die Flur

gingen, so ging Goldener mit einem Baumzweige voran, anders wollte keins

gehen, denn jedes fürchtete sich, zuerst auf ein Abenteuer zu stoßen;

ging aber Goldener voran, so folgten sie freudig eins hinter dem andern

nach, durch das dunkelste Dickicht, und wenn auch schon der Mond über

dem Gebirge stand.

Eines Abends ergötzten sich die Knaben auf dem Rückwege vom Vater mit

Spielen im Walde, und Goldener hatte sich vor allen so sehr im Spiele

ereifert, daß er so hell aussah, wie das Abendrot. „Laß uns

zurückgehen!“ sprach der älteste — „es scheint dunkel zu werden.“ —

„Seht da, der Mond!“ sprach der zweite. Da kam es auf einmal licht

zwischen den dunklen Tannen hervor und eine Frauengestalt, leuchtend wie

der Mond, setzte sich auf einen der moosigen Steine, spann mit einer

kristallenen Spindel einen lichten Faden in die Nacht hinaus, nickte mit

dem Haupte gegen Goldener und sang:

„Der weiße Fink, die goldne Ros’,

Die Königin im Meeresschoß!“

Sie hätte wohl noch weiter gesungen, da brach ihr der Faden und sie

erlosch, wie ein Licht. Nun war es ganz Nacht, die Kinder faßte ein

Grausen, sie sprangen mit kläglichem Geschrei, das eine dahin, das

andere dorthin, über Felsen und Klüfte, und verlor eins das andere.

Wohl viele Tage und Nächte irrte auch Goldener in dem dicken Wald umher,

fand aber weder einen seiner Brüder, noch die Hütte seines Vaters, noch

sonst die Spur eines Menschen, denn es war der Wald gar dicht

verwachsen, ein Berg über den andern gestellt und eine Kluft unter die

andere.

Die Brombeeren, welche überall herumrankten, stillten seinen Hunger und

seinen Durst, sonst wär’ er gar jämmerlich gestorben. Endlich am dritten

Tage — andere sagen gar erst am sechsten oder siebenten Tage — wurde der

Wald hell und immer heller, und da kam Goldener zuletzt hinaus auf eine

schöne grüne Wiese.

Da war es ihm so leicht um das Herz und er atmete mit vollen Zügen die

freie Luft ein.

Auf derselben Wiese waren Garne ausgelegt, denn da wohnte ein

Vogelsteller, der fing Vögel, die aus dem Wald flogen, und trug sie in

die Stadt zum Kaufe.

„Solch ein Bursche ist mir gerade vonnöten,“ dachte der Vogelsteller,

als er Goldener erblickte, der auf der grünen Wiese nah’ an den Garnen

stand und in den weiten blauen Himmel hineinsah und sich nicht satt

sehen konnte.

Der Vogelsteller wollte sich einen Spaß machen, er zog seine Garne und

husch! war Goldener gefangen und lag unter dem Garne ganz erstaunt, denn

er wußte nicht, wie das geschehen war. „So fängt man die Vögel, die aus

dem Walde kommen“ — sprach der Vogelsteller laut lachend, — „deine roten

Federn sind mir eben recht. Du bist wohl ein verschlagener Fuchs? Bleibe

bei mir, ich lehre dich auch die Vögel fangen!“

Goldener war gleich dabei, ihm deuchte unter den Vögeln ein gar lustig

Leben, zumal er ganz die Hoffnung aufgegeben hatte, die Hütte seines

Vaters wiederzufinden.

„Laß erproben, was du gelernt hast,“ sprach der Vogelsteller nach

einigen Tagen zu ihm. Goldener zog die Garne und bei dem ersten Zuge

fing er einen schneeweißen Finken.

„Packe dich mit diesem weißen Finken!“ schrie der Vogelsteller, — „du

hast es mit dem Bösen zu tun!“ und so stieß er ihn gar unsanft von der

Wiese, indem er den weißen Finken, den ihm Goldener gereicht hatte,

unter vielen Verwünschungen mit den Füßen zertrat.

Goldener konnte die Worte des Vogelstellers nicht begreifen, er ging

traurig, doch getrost, wieder in den Wald zurück und nahm sich noch

einmal vor, die Hütte seines Vaters zu suchen. Tag und Nacht lief er

über Felsensteine und alte gefallene Baumstämme, fiel auch gar oft über

die schwarzen Wurzeln, die aus dem Boden überall hervorragten.

Am dritten Tage aber wurde der Wald endlich wieder heller, und da kam er

hinaus in einen schönen lichten Garten, der war voll der lieblichsten

Blumen, und weil Goldener dergleichen noch keine erblickt, blieb er voll

Bewunderung stehen. Der Gärtner im Garten erblickte ihn nicht sobald, —

denn Goldener stand unter den Sonnenblumen und seine Haare glänzten im

Sonnenschein nicht anders, als so eine Blume — als er sprach: „Ha! solch

einen Burschen hab’ ich gerade vonnöten!“ und das Tor des Gartens

schloß. Goldener ließ es sich gefallen, denn ihm deuchte unter den

Blumen ein gar buntes Leben, zumal da er ganz die Hoffnung aufgegeben

hatte, die Hütte seines Vaters wiederzufinden.

„Fort in den Wald!“ sprach der Gärtner eines Morgens zu Goldener, „hol’

mir einen wilden Rosenstock, damit ich zahme Rosen darauf pflanze!“

Goldener ging und kam mit einem Stock der schönsten goldfarbenen Rosen

zurück, die waren auch nicht anders, als hätte sie der geschickteste

Goldschmied für die Tafel eines Königs geschmiedet.

„Packe dich mit diesen goldnen Rosen!“ schrie der Gärtner, — „du hast es

mit dem Bösen zu tun,“ und so stieß er ihn gar unsanft aus dem Garten,

indem er die goldenen Rosen unter vielen Verwünschungen in die Erde

trat.

Goldener konnte die Worte des Gärtners nicht begreifen, doch ging er

getrost wieder in den Wald zurück und nahm sich nochmals vor, die Hütte

seines Vaters zu suchen.

Er lief Tag und Nacht, von Baum zu Baum, von Fels zu Fels. Am dritten

Tage endlich wurde der Wald hell und immer heller, und da kam Goldener

hinaus an das blaue Meer; das lag in einer unermeßlichen Weite vor ihm,

die Sonne spiegelte sich eben in der kristallhellen Fläche, da war es

wie fließendes Gold, darauf schwammen schön geschmückte Schiffe mit

langen fliegenden Wimpeln. Einige Fischer hielten in einer zierlichen

Barke am Ufer, in die trat Goldener und sah mit Erstaunen in die Helle

hinaus.

„Ein solcher Bursch ist uns gerade vonnöten,“ sprachen die Fischer, und

husch stießen sie vom Lande. Goldener ließ es sich gefallen, denn ihm

deuchte bei den Wellen ein goldenes Leben, zumal er ganz die Hoffnung

aufgegeben hatte, seines Vaters Hütte wiederzufinden. Die Fischer warfen

ihre Netze aus und fingen nichts. „Laß sehen, ob du glücklicher bist!“

sprach ein alter Fischer mit silbernen Haaren zu Goldener. Mit

ungeschickten Händen senkte Goldener das Netz in die Tiefe, zog und

fischte — eine Krone von hellem Golde.

„Triumph!“ — rief der alte Fischer und fiel Goldener zu Füßen, — „ich

begrüße dich als unsern König! Vor hundert Jahren versenkte der alte

König, welcher keine Erben hatte, sterbend seine Krone in das Meer, und

so lange, bis irgendeinem Glücklichen das Schicksal bestimmt hätte, die

Krone wieder aus der Tiefe zu ziehen, sollte der Thron ohne Nachfolger

in Trauer gehüllt bleiben.“

„Heil unserm König!“ riefen die Fischer und setzten Goldenern die Krone

auf. Die Kunde von Goldener und der wiedergefundenen Königskrone

erscholl bald von Schiff zu Schiff und über das Meer weit in das Land

hinein. Da war die goldne Fläche bald mit bunten Nachen besetzt und mit

Schiffen, die mit Blumen und Laubwerk geziert waren; diese begrüßten mit

lautem Jubel alle das Schiff, auf welchem König Goldener stand. Er

stand, die helle Krone auf dem Haupte, am Vorderteile des Schiffs und

sah ruhig der Sonne zu, wie sie im Meer erlosch. Im Abendwinde wehten

seine goldnen Locken.

Siebenschön.

Es waren einmal in einem Dorfe ein paar arme Leute, die hatten ein

kleines Häuschen und nur eine einzige Tochter, die war wunderschön und

gut über alle Maßen. Sie arbeitete, fegte, wusch, spann und nähte für

sieben, und war so schön wie sieben zusammen, darum ward sie Siebenschön

geheißen. Aber weil sie ob ihrer Schönheit immer von den Leuten

angestaunt wurde, schämte sie sich, und nahm Sonntags, wenn sie in die

Kirche ging — denn Siebenschön war auch frömmer wie sieben andre, und

das war ihre größte Schönheit, — einen Schleier vor ihr Gesicht. So sah

sie einstens der Königssohn, und hatte seine Freude über ihre edle

Gestalt, ihren herrlichen Wuchs, so schlank wie eine junge Tanne, aber

es war ihm leid, daß er vor dem Schleier nicht auch ihr Gesicht sah, und

fragte seiner Diener einen: „Wie kommt es, daß wir Siebenschöns Gesicht

nicht sehen?“ — „Das kommt daher“ — antwortete der Diener, „weil

Siebenschön so sittsam ist.“ Darauf sagte der Königssohn: „Ist

Siebenschön so sittsam zu ihrer Schönheit, so will ich sie lieben mein

Leben lang und will sie heiraten. Gehe du hin und bringe ihr diesen

goldnen Ring von mir und sage ihr, ich habe mit ihr zu reden, sie solle

abends zu der großen Eiche kommen.“ Der Diener tat wie ihm befohlen war,

und Siebenschön glaubte, der Königssohn wolle ein Stück Arbeit bei ihr

bestellen, ging daher zur großen Eiche und da sagte ihr der Prinz, daß

er sie lieb habe um ihrer großen Sittsamkeit und Tugend willen, und sie

zur Frau nehmen wolle; Siebenschön aber sagte: „Ich bin ein armes

Mädchen und du bist ein reicher Prinz, dein Vater würde sehr böse

werden, wenn du mich wolltest zur Frau nehmen.“ Der Prinz drang aber

noch mehr in sie, und da sagte sie endlich, sie wolle sich’s bedenken,

er solle ihr ein paar Tage Bedenkzeit gönnen. Der Königssohn konnte aber

unmöglich ein paar Tage warten, er schickte schon am folgenden Tage

Siebenschön ein Paar silberne Schuhe und ließ sie bitten, noch einmal

unter die große Eiche zu kommen. Da sie nun kam, so fragte er schon, ob

sie sich besonnen habe? Sie aber sagte, sie habe noch keine Zeit gehabt

sich zu besinnen, es gebe im Haushalt gar viel zu tun, und sie sei ja

doch ein armes Mädchen und er ein reicher Prinz, und sein Vater werde

sehr böse werden, wenn er, der Prinz, sie zur Frau nehmen wolle. Aber

der Prinz bat von neuem und immer mehr, bis Siebenschön versprach, sich

gewiß zu bedenken und ihren Eltern zu sagen, was der Prinz im Willen

habe. Als der folgende Tag kam, da schickte der Königssohn ihr ein

Kleid, das war ganz von Goldstoff, und ließ sie abermals zu der Eiche

bitten. Aber als nun Siebenschön dahin kam, und der Prinz wieder fragte,

da mußte sie wieder sagen und klagen, daß sie abermals gar zuviel und

den ganzen Tag zu tun gehabt, und keine Zeit zum Bedenken, und daß sie

mit ihren Eltern von dieser Sache auch noch nicht habe reden können, und

wiederholte auch noch einmal, was sie dem Prinzen schon zweimal gesagt

hatte, daß sie arm, er aber reich sei, und daß er seinen Vater nur

erzürnen werde. Aber der Prinz sagte ihr, das alles habe nichts auf

sich, sie solle nur seine Frau werden, so werde sie später auch Königin,

und da sie sah, wie aufrichtig der Prinz mit ihr es meinte, so sagte sie

endlich ja, und kam nun jeden Abend zu der Eiche und zu dem Königssohne

— auch sollte der König noch nichts davon erfahren. Aber da war am Hofe

eine alte häßliche Hofmeisterin, die lauerte dem Königssohn auf, kam

hinter sein Geheimnis und sagte es dem Könige an. Der König ergrimmte,

sandte Diener aus und ließ das Häuschen, worin Siebenschöns Eltern

wohnten, in Brand stecken, damit sie darin anbrenne. Sie tat dies aber

nicht, sie sprang, als sie das Feuer merkte, heraus und alsbald in einen

leeren Brunnen hinein, ihre Eltern aber, die armen alten Leute,

verbrannten in dem Häuschen.

Ludwig Bechsteins Märchenbuch Mit 176 Holzschnitten nach Originalzeichnungen von Ludwig Richter · 第 14 / 26 段