fast als Lumpen und sagten ihm, indem sie ihm ein Stück Blei vor die
Füße warfen: „Was nutzt der Kuh Muskate? Dir Tropf Geld zu schenken,
wäre dümmer als du selbst bist. Zu dir kommen wir auch nicht wieder.“
Damit gingen sie ganz ärgerlich fort, und der Leinweber hob das Stück
Blei vom Boden auf und legte es aufs Fensterbrett. Bald darauf kam sein
Nachbar herein, der war ein Fischer, bot guten Tag und sprach: „Lieber
Nachbar, habt Ihr nicht etwa ein Stückchen Blei oder sonst was Schweres,
das ich an mein Netz brauchen könnte? Ich habe nichts mehr von
dergleichen.“ Da gab ihm der Leinweber das Stückchen Blei, und der
Nachbar bedankte sich gar schön und sagte: „Den ersten großen Fisch, den
ich fange, den sollt Ihr zum Lohne haben!“ — „Schon gut, es ist nicht
darum,“ sprach der zufriedene Leinweber.
Bald darauf brachte der Nachbar wirklich einen hübschen Fisch von ein
Pfunder vier bis fünfe und der Leinweber mußte ihn annehmen. Dieser
schlachtete alsbald den Fisch, da hatte derselbe einen großen Stein im
Magen. Den Stein legte der Leinweber auch auf das Fensterbrett. Abends,
als es dunkel wurde, fing der Stein an zu glänzen, und je dunkler es
wurde, je heller leuchtete der Stein, wie ein Licht. „Das ist eine
wohlfeile Lampe,“ sagte der Leinweber zu seiner Frau. „Willst du sie
nicht vermöbelieren, wie du die zweihundert Taler vermöbeliert hast?“
Und legte den Stein so, daß er die ganze Stube erhellte.
Am folgenden Abend ritt ein Herr am Hause vorbei, erblickte den
Glanzstein, stieg ab und trat in die Stube, besah den Stein und bot zehn
Taler dafür. Der Weber sagte: „Dieser Stein ist mir nicht feil!“ — „Auch
nicht für zwanzig Taler?“ fragte der Herr. „Auch nicht,“ antwortete der
Leinweber. Jener aber fuhr fort zu bieten und zu bieten, bis er
_tausend_ Taler bot, denn der Stein war ein kostbarer Diamant und noch
viel mehr wert. Jetzt schlug der Weber ein und war der reichste Mann im
Dorfe. Nun hatte die Frau das letzte Wort und sagte: „Siehst du, Mann!
Wenn ich das Geld nicht zweimal mit fortgegeben hätte! Das hast du doch
nur mir zu danken!“ —
Tischlein deck dich, Esel streck dich, Knüppel aus dem Sack.
In einem kleinen Städtchen lebte ein ehrlicher Schneider mit seiner
Familie, die fünf Häupter zählte: Vater, Mutter und drei Söhne. Letztere
wurden sowohl von den Eltern als auch von sämtlichen Einwohnern des
Städtchens nicht nach ihren Taufnamen genannt, sondern schlechtweg nur
der Lange, der Dicke, der Dumme. So folgten sie der Älte nach
aufeinander. Der Lange wurde ein Schreiner, der Dicke ein Müller, der
Dumme ein Drechsler. Als nun der Lange aus der Lehre kam, wurde sein
Bündel geschnürt und er in die Fremde geschickt, und er zog wohlgemut
mit langen Schritten zum Tore des heimatlichen Städtchens hinaus. Lange
Zeit wanderte der Bursche von Ort zu Ort und konnte keine Arbeit
bekommen; da nun sein ohnehin knappes Reisegeld sehr zu Ende ging und er
keine frohe Aussicht hatte zu Arbeit und Verdienst, so wurde er traurig
und ging kopfhängerisch und sachte auf seinem Wege weiter. Dieser führte
just durch einen stillen, schönen Wald, und wie der Bursche so eine
Strecke hinein war, begegnete ihm ein kleiner, etwas wohlbeleibter Mann,
der ihn gar freundlich grüßte, stehen blieb und fragte: „Na, Bürschlein,
wo hinaus denn? siehst ja gar traurig aus, was fehlt dir denn?“ — „Mir
fehlt Arbeit,“ sprach der Bursche treuherzig. „Das ist meine ganze
Trauer — bin schon lange gewandert — hab’ kein Geld mehr.“ — „Was kannst
du denn für ein Handwerk?“ forschte das Männlein weiter. — „Ich bin ein
Schreiner.“ — „O, so komm doch mit mir,“ rief der Kleine fröhlich aus,
„ich will dir Arbeit geben! Sieh, ich wohne hier in diesem Wald — ja,
ja, komm nur mit, du wirst’s gleich sehen.“ Und kaum hundert Schritte
weiter lag ein schönes Haus, und ringsherum war ein dichter,
frischgrüner Tannenzaun, anzusehen wie eine Schutzmauer, und vorne am
Eingang standen zwei hohe Tannen, gleich wie riesige Schildwachen. Da
hinein führte das Männlein den Schreinergesellen, der nun alsbald seine
Traurigkeit fahren ließ und mit vergnügten Mienen in das trauliche
Zimmer des einsamen Meisters einschritt. „Willkommen!“ rief da aus der
Ecke hinterm Ofen ein ältliches Mütterlein und trippelte auf den
Burschen zu, um ihn seines Felleisens entledigen zu helfen. Der Meister
plauderte den Abend noch gar lange mit dem Burschen, und das Mütterlein
trug Speisen auf und stellte auch ein Krüglein auf den Tisch, worin
etwas weit Besseres war, als Wasser oder Kofent.
Dem jungen Schreiner gefiel es ganz wohl bei seinem Meister; er bekam
nicht allzuviel zu tun, arbeitete fleißig und hielt sich auch sonst brav
und ordentlich, so daß keine Klage über ihn geführt wurde. Doch nach
etlichen Monaten sprach das alte Männlein: „Lieber Gesell, ich kann dich
nun nicht länger brauchen, sondern muß dir Feierabend geben. Und mit
Geld kann ich dir deine Arbeiten, die du mir getan, auch nicht belohnen;
aber ich will dir ein schönes Andenken geben, das dir mehr helfen wird,
als Gold und Silber.“ Dabei reichte er ihm ein allerliebstes kleines
Tischchen und sprach weiter: „Sooft du dieses ‚Tischlein deck dich‘
hinstellen wirst und dreimal sprechen: ‚Tischlein, decke dich‘, sooft
wird es dir diejenigen Speisen und Getränke zum Mahle darbieten, die du
nur wünschen magst. Und nun lebe wohl und gedenke fein deines alten
Meisters.“ Ungern verließ der Geselle seine bisherige Werkstätte, er
nahm betrübt und froh zugleich das wundertätige Tischlein aus den Händen
des Gebers und zog, noch vielmals dankend, ab und lenkte seine Schritte
der lieben Heimat wieder zu. Unterwegs bot ihm das Tischlein, sooft der
Bursche die Zauberformel nur sprach, seine reichen Genüsse, da standen
im Nu die feinsten Gerichte, die edelsten Weine darauf und alle Gefäße
waren von Silber, und darunter glänzte das feinste schneeweiße
Tischgedeck. Natürlich hielt der Geselle sein „Tischlein, decke dich“
sehr hehr; auf seiner letzten Herberge, ehe er heimkam, gab er es noch
seinem Wirt aufzuheben. Da er aber vorher nichts im Wirtshaus gezehrt,
sondern sich mit dem Tischchen eingeschlossen hatte, so hatte der Wirt
ihn belauscht durch eine Klinse in der Brettertür und hatte des
Tischleins Geheimnis entdeckt. Daher war er über alle Maßen froh, daß er
das Tischlein in seine Verwahrung bekam, freute sich mächtig über die
herrliche Eigenschaft desselben. Er ließ sich’s ganz trefflich behagen
vor der kleinen Tafel und sann dabei nach, wie er sich auf die beste
Weise das Tischchen aneignen möchte. Da fiel ihm bei, daß er ein ganz
ähnliches Tischchen, obschon kein „Tischchen, decke dich“ besitze. Der
schlaue Wirt versteckte daher das echte Tischlein und stellte das
andere, unechte, am andern Morgen dem Gesellen zu, der sich ohne
Bedenken damit belud und nun fröhlich seiner Heimat zueilte. Mit Freude
grüßte der lange Schreiner daheim die Seinen und entdeckte sogleich
seinem Vater die köstliche Bewandtnis, die es mit dem Tischchen habe.
Der Vater zweifelte stark, der Sohn aber stellte es vor sich hin, sprach
dreimal: „Tischlein, decke dich“ — aber es deckte sich nicht und der
ehrliche Schneidermeister sprach zu seinem Sohne: „Du dummer Hans, bist
du darum in der Fremde gewesen, deinen alten Vater zu uzen? Geh, laß
dich nicht auslachen!“ Der lange Schreiner wußte in der Welt keinen Rat,
wie es nun so einmal mit dem Tischchen die Quere gehe? Er probierte noch
einmal; aber es deckte sich nicht wieder, und der Lange mußte wieder zum
Hobel greifen und arbeiten, daß die Schwarte knackte.
Unterdessen war der dicke Müller auch aus der Lehre gekommen und
wanderte fort in die Fremde. Und es fügte sich, daß dieser ebenfalls
denselben Weg nahm, auch das nämliche kleine Männlein fand und von ihm
in Arbeit genommen wurde. Das Waldhaus war aber jetzt eine Mühle. Als
der junge Mühlknappe eine Zeitlang brav, treu und fleißig in Arbeit
gestanden hatte, schenkte ihm sein Meister zum Andenken einen schönen
Müllerlöwen und sprach: „Nimm zum Abschied noch eine kleine Gabe, die
dir, obgleich ich dir deine Arbeiten nicht mit Geld belohnen kann, doch
mehr nützen wird als Gold und Silber. Sooft du zu diesem Eselein
sprechen wirst: ‚Eselein, strecke dich!‘ sooft wird es dir Dukaten —
niesen.“
Fast öfter als der Lange unterwegs gesprochen hatte: „Tischlein, decke
dich“ sprach jetzt der Dicke: „Eselein, strecke dich“, und da streckte
sich’s und ließ Dukaten fallen daß es rasselte und prasselte. Es war
eine allerliebste Sache — die blanken Goldstücke. — Aber auch der
Müllergeselle kam mit seinem Esel in die Herberge des betrüglichen und
schlauen Wirtes, ließ auftafeln, bewirtete, wer nur bewirtet sein
wollte, und als der Wirt die Zeche forderte, sprach er: „Harret ein
wenig, ich will nur erst Geld holen.“ Nahm das Tischtuch mit, ging in
den Stall, breitete es über das Stroh, darauf der Esel stand, und
sprach: „Eselein, strecke dich!“ — da streckte sich der Esel und nieste
und es klingelten Dukaten auf dem Tuche, draußen aber stand der Wirt,
sah durch ein Astloch in der Türe und merkte sich die Sache. Am andern
Morgen stand zwar ein Esel da, aber nicht der rechte, und der Dicke,
keinen Betrug ahnend, setzte sich heiter auf und ritt fort. Als er zu
seinem Vater kam, verkündete er ihm auch sein Glück und sprach, als alle
die Seinen froh verwundert den Esel umstanden: „Nun habt Achtung!“ und
zum Esel sich wendend: „Eselein, strecke dich!“ Das fremde Eselein
streckte sich zwar auch, aber was selbiges fallen ließ, das waren nichts
weniger als Goldstücke. Der Dicke wurde von allen, denen er die Kunst
hatte wollen sehen lassen, fürchterlich ausgelacht; er schlug den Esel
windelweich, schlug ihm dennoch keine Dukaten aus der Haut und mußte
fortan wieder arbeiten und im Schweiß seines Angesichts sein Brot essen.
Es war nun wieder ein Jahr verflossen, und auch der Dumme hatte seine
Lehrzeit überstanden und zog als ein wackrer Drechsler in die Fremde.
Recht mit Fleiß nahm er denselben Lauf wie seine Brüder und wünschte
sehr, bei jenem kleinen Männlein auch in Arbeit zu kommen, da dasselbe,
wie die Brüder erzählt hatten, in allen Fächern bewandert war, in
Handwerken wie in Gelehrtheit und Weisheit und so schöne Sachen zu
verschenken hatte. Richtig gelangte auch der Drechslergeselle in den
gewissen Wald, fand die einsame Wohnung des Männleins, und auch ihn nahm
es als einen fleißigen Burschen gerne in Arbeit. Nach etlichen Monaten
hieß es jedoch wieder: „Lieber Gesell, ich kann dich nun nicht länger
behalten, du hast Feierabend.“ Zum Abschied sprach das Männlein: „Ich
schenkte dir gerne auch, wie deinen Brüdern, ein schönes Andenken, aber
was würde dir das helfen, da sie dich den Dummen nennen? Dein langer
Bruder und dein dicker Bruder sind durch ihre Dummheit um die Gaben
gekommen, was würde es erst bei dir werden? Doch nimm dieses schlichte
Säcklein; es kann dir sehr nützlich werden. Sooft du zu ihm sagen wirst:
Knüppel aus dem Sack! — sooft wird ein darinsteckender wohlgedrehter
Prügel herausfahren zu deinem Schutz, deiner Wehr und Hilfe, und dieser
wird so lange ausprügeln, bis du gebieten wirst: Knüppel in den Sack!“
Der Drechsler bedankte sich schön und zog mit seinem Säcklein heimwärts;
er bedurfte jedoch auf seiner Reise der Schutzwehr erst lange nicht,
denn jedermann ließ ihn, der leicht und lustig seine Straße zog,
ungehindert fürbaß wandern. Nur manchmal einem gestrengen Herrn
Bettelvogt gab er einiges aus dem Säcklein zu kosten oder den
Dorfhunden, die aus allen Höfen herausfahren und den Wanderer an- und
nachbellen. So kam er denn endlich bis an jene Herberge, wo der arge
Wirt seine Brüder um das Ihrige betrogen hatte und jetzt herrlich und in
Freuden lebte, aber dennoch immer ein Gelüst hatte, sich vom Gut der
Reisenden etwas anzueignen. Beim Schlafengehen gab der Drechsler dem
Wirt den Sack in Verwahrung und warnte ihn, er möge ja nicht zu diesem
Säcklein sagen: „Knüppel aus dem Sack!“ denn damit habe es eine
besondere Bewandtnis und könne einer, wenn er das sage, wohl etwas
davontragen. Jedoch dem Wirt gefiel sein Tischlein und Eselein zu wohl,
als daß er nicht noch ein drittes wundertuendes Gegenständlein hätte so
heimlich wegfangen mögen; er konnte kaum die Zeit erwarten, bis der Gast
sich zur Ruhe gelegt hatte, um zu sprechen: „Knüppel aus dem Sack!“ Und
im Nu fuhr der Knüppel heraus und wirbelte wie ein Trommelschläger auf
des Wirtes Rücken, prügelte fort und fort, und prügelte den Wirt
dermaßen braun und blau, daß dieser ein jämmerliches Geschrei erhub und
heulend den Drechslergesellen munter rief. Dieser sagte: „Wirt, das
geschieht dir recht! Ich warnte dich ja. Du hast meinen Brüdern das
Tischlein decke dich und das Eselein strecke dich gestohlen.“ Der Wirt
kreischte: „Ach, helft mir nur um Gottes willen! Ich werde umgebracht!“
(Denn der Knüppel arbeitete noch immer rastlos auf des Wirts Rücken.)
„Ich will alles wieder herausgeben, das Tischlein und das Eselein! Ach,
ich falle um und bin tot!“
Jetzt gebot der Geselle: „Knüppel in den Sack!“ und da kroch das
Prügelein im Nu wieder in den Sack. Und der Wirt war nur froh, daß er
sein Leben davongebracht und gab willig das Tischlein und das Eselein
wieder heraus. Da packte der Drechsler seinen Kram zusammen, lud sein
Bündel und sich selbst auf den Esel und trabte dem Heimatstädtlein zu.
Da war keine geringe Freude bei den Brüdern, als sie die überaus
wertvollen Geschenke und Andenken wiedergewonnen sahen, die jetzt gerade
noch so herrlich ihre Wunder taten wie ehemals, — wiedergewonnen durch
den, den sie immer den Dummen gescholten hatten und der doch klüger war
wie sie. Und die Brüder blieben zusammen bei den Eltern und brauchten
nicht mehr zu arbeiten, um vom Verdienst das tägliche Brot zu schaffen,
denn sie hatten von nun an von allem, was das menschliche Leben bedarf,
die Hülle und die Fülle.
Die drei Musikanten.
Es zogen einmal drei junge Musikanten aus ihrer Heimat in die Fremde;
sie hatten alle drei bei _einem_ Meister die Musik gelernt und wollten
nun auch vereint bleiben und ihr Glück in fremden Landen versuchen. Von
Ort zu Ort wanderten sie fröhlich dahin, spielten auf zu Kirmes- und
Festtagtänzen, und gewannen durch ihre lustigen Musikstücklein gar
manchen schweren Batzen neben dem stillen und lauten Beifall. So kamen
sie denn auch einmal in ein Städtchen und belustigten am Abend die
Gesellschaft mit schöner Musik. Endlich hörten sie auf, aufzuspielen,
sondern tranken eins, taten manchem Bescheid und gaben auch zum Gespräch
der Gäste ihren Teil. Da ward mancherlei Verwunderliches durcheinander
geplaudert und erzählt. Zunächst ging die Rede von einem Zauberschloß,
welches sich in der Nähe des Städtchens befände, und von welchem
ebensoviel Wunderschönes als Wunderbares erzählt wurde. Bald hieß es:
ja, dort sind ungeheure Schätze, dort ist stets Überfluß an den
köstlichsten Lebensmitteln, obgleich keine Menschenseele darinnen wohnt,
— bald hieß es wieder: aber dort ist ein schrecklicher Gespensterspuk.
Wer seinen Buckel weiß hineinträgt, bringt ihn braun und blau gefärbt
wieder heraus, ohne die Schätze gehoben oder den Zauber gelöst zu haben.
Dies und vieles andere wurde hin und her geredet über das verzauberte
Schloß. Die drei Musikanten waren nicht sobald allein in ihrem
Schlafkämmerlein, als sie sich lange unterredeten und zugleich den
Gedanken erfaßten, das rätselhafte Schloß sich näher zu besehen, ja,
sogar sich hineinzuwagen, um möglicherweise die dort verborgenen und
verzauberten Schätze zu heben. Nun wurden sie einig unter sich, daß ein
jeder einzeln, einer nach dem andern, sich hineinwagen sollte, je nach
der Älte, und daß einem jeden ein ganzer Tag dazu vergönnt sein sollte,
sein Abenteuer zu bestehen. Der erste Glücksversuch fiel dem _Geiger_
zu. Der machte sich mutvoll und ohne Säumen auf das Schloß und fand, als
er dort anlangte, die Eingangspforten schon offen, als ob man seiner
geharrt hätte; doch als er über die Schwelle geschritten war, schlug
hinter ihm die schwere Türe zu und es sprang ein riesiger Eisenriegel
vor, obgleich kein lebendes Wesen zu erblicken war, doch als wenn ein
strenger Pförtner hier sein Amt verrichte und Wache halte — und dem
Geiger kam ein Grausen an, so daß sein Haar sich auf dem Wirbel
sträubte. Aber er konnte weder umkehren noch verweilen, und es kräftigte
ihn wieder der Gedanke an das zu hoffende Glück, an Gold und Schätze.
Treppe auf, Treppe ab wanderte der Jüngling, durch herrliche Zimmer,
kostbare Säle, trauliche Kabinettchen — alles prachtvoll ausgestattet
und in der schönsten Sauberkeit erhalten. Aber überall war eine
Totenstille, auch nicht das kleinste Mückchen lebte und wohnte hier.
Doch dem Jüngling wuchs der Mut aufs neue, zumal als er den untern
Räumen, Küche und Gewölben, sich zuwandte, wo in Fülle die seltensten
und köstlichsten Speisevorräte vorhanden waren, in den Gewölben die
Weinflaschen hoch aufgespeichert lagen und alle Sorten süßer,
eingemachter Früchte in großen Gläsern nach der Reihe standen. In der
schönen blanken Küche knisterte vertraulich ein helles Feuerlein, und
darüber ward von unsichtbarer Hand ein Bratrost gesetzt, und ein
ausgesuchtes Wildbretfleisch tanzte aus dem Gewölbe herein in die Küche
und auf den Rost; und viele andre Speisen, feine Gemüse und Pasteten und
köstliches Backwerk wurden ebenso schnell als kostbar von unsichtbaren
Händen zubereitet und dann in eins der schönsten Zimmer, wohin sich der
Jüngling begeben hatte, ihm nachgetragen und auf einer gedeckten Tafel
vor ihm ausgesetzt. Der Jüngling ergriff zuerst sein Instrument und ließ
klangvoll seine schönen Melodien durch die stillen Räume schallen,
worauf er sich dann ohne Zaudern zur einladenden Tafel setzte und zu
schmausen anfing. Doch nicht lange, so öffnete sich die Türe und es trat
ein Männlein herein, etwa drei Ellenbogen hoch, mit einem
Scharlachröcklein angetan, mit verwelktem Gesichtlein und einem grauen
Bart, der bis auf die großen silbernen Schuhschnallen reichte. Und das
Männlein setzte sich schweigend neben den Geiger und schmausete mit. Als
nun die Reihe an den schönen Wildbretbraten kam, nahm der Geiger die
Schüssel und nickte dem Männlein zu, doch zuerst zuzulangen, und dieses
spießte lächelnd ein Stück Fleisch an die Gabel und nickte wieder und
ließ dabei das Bratenstückchen unter den Tisch fallen. Gefällig bückte
sich da gleich der gute Geiger, um es wieder aufzuheben; aber im Nu saß
ihm schon das Bartmännlein auf dem Rücken und bläute so unbarmherzig auf
ihn los, als ob es ihm das Lebenslicht ausblasen wollte. Und auch des
Geigers Mund wurde zugehalten, bis unter unaufhörlichen Prügeln derselbe
endlich zur großen Eingangspforte hinausgeschoben ward. Draußen schöpfte
der halbtote Geiger frischen Odem und schlich dann ächzend dem Gasthof
zu, wo die Kameraden geblieben waren. Es war schon Nacht, als er ihn
erreichte und jene beiden schliefen bereits. Am andern Morgen sahen sie
ganz erstaunt den Geiger ebenfalls im Bette liegen und bestürmten ihn
bald mit vielen Fragen; doch er kraute sich Kopf und Rücken, gab sehr
kurze Antworten und sprach: „Gehet hin und sehet selber zu! Es ist eine
kitzlige Sache.“
Der zweite Musiker, ein _Trompeter_, trat nun den Gang nach dem
Zauberschloß an, fand alles ebenso wie das gebläute Geigerlein, und
wurde auch ebenso bewirtet mit Pasteten und Prügeln, so daß er am
folgenden Morgen ebenfalls wie ein geprellter Fuchs auf seinem Lager lag
und klagte, es sei ihm absonderlich aufgespielt worden, aus grober
Tonart. Dennoch hatte der dritte, ein _Flötenbläser_, noch Mut genug, um
sein Heil im Zauberschloß zu versuchen. Er war der pfiffigste. Furchtlos
durchwanderte er das ganze Schloß, es deuchte ihm recht angenehm, diese
schönen Räume für immer zu besitzen; in Küche und Keller war ja Vorrat
an Lebensmitteln die Hülle und Fülle. Bald ward auch für ihn eine
kostbare Tafel gedeckt, und als er lange genug fröhlich singend und
flöteblasend herumgewandert war, nahm er Platz und ließ es sich behagen.
Da trat wieder das Bartmännlein herein und setzte sich neben den Gast.
Und der unerschrockene Musikant ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein
und tat gerade, als ob er ihn schon hundertmal hier getroffen, doch war
das Männlein nicht sehr redselig. Endlich kam es wieder an den Braten
und das Männlein ließ wieder mit Absicht sein Stück fallen; gutmütig war
eben der Flötenbläser im Begriff, es aufzunehmen, als er gewahrte, daß
das Zwerglein flugs auf seinen Rücken springen wollte. Da wandte er sich
alsbald rasch um, riß es von sich und packte und schüttelte das Männlein
an seinem Bart so derb, bis er denselben zuletzt ganz herausriß und der
kleine Alte ächzend niederstürzte. Aber sowie der Jüngling den Bart in
seinen Händen hatte, überkam ihn eine außerordentliche Kraft und er
erschaute im Schloß noch viel wunderbarere Dinge wie vorher; dagegen
hatte das Männlein fast alles Leben verloren; es winselte und flehte:
„Gib, o gib mir meinen Bart wieder, so will ich dir allen Zauber, der
dieses Schloß umfaßt, kundtun und dir dazu verhelfen, den Zauber zu
lösen, so daß du dadurch reich und ewig glücklich werden wirst.“ Der
kluge Flötenbläser aber sprach: „Deinen Bart sollst du wieder haben,
doch mußt du mir _zuvor_ alles dies kundtun, sonst bist du ein Schalk.
Und eher gebe ich den Bart nicht aus meinen Händen.“ Da mußte der Alte
sich bequemen, erst sein Versprechen zu erfüllen, ob er es gleich nicht
willens gewesen war, sondern nur mit List seinen Bart wieder an sich
bringen wollte. Der Jüngling mußte ihm nun folgen durch dunkle, geheime
Gänge, unterirdische Gewölbe und grauliche Felsklüfte, bis sie endlich
auf ein freies Gefilde kamen, das gänzlich aussah wie eine viel schönere
Welt als die unsrige. Und an einen Strom kamen sie, der brausete wild;
doch das Männlein zog einen kleinen Stab hervor und schlug ins Wasser,
worauf alsobald die Flut auseinandertrat und stille stand, bis beide
trockenen Fußes hinüber waren. Drüben war es eine Pracht! — da ging es
weiter durch grüne, herrliche Laubgänge, überall Blumen, Vöglein mit
Silber- und Goldfedern, die sangen wundersam, und glänzende Käfer und
Schmetterlinge gaukelten und tanzten herum, und andere niedliche Tiere
schäkerten in Büschen und Hecken; und der Himmel über ihnen sah nicht
blau, sondern wie pure Goldstrahlen, und die Sterne waren viel größer
und kreiseten wie in verschlungenen Tänzen durcheinander.