und klein, alt und jung — alles wollte das ausgezeichnet schöne Roß
beschauen. Ein kecker Knabe wagte sogar das Pferd zu streicheln und
liebkosend zu klopfen, und es ließ sich dieses, wie es schien, gar gerne
gefallen, und als dieser Knabe sich immer vertraulicher näherte und das
Pferd am Kopf und am Hals streichelte, da flüsterte es dem Knaben ganz
leise zu: „Liebster Junge, hast du kein Messerchen einstecken?“ Und der
froh verwunderte Knabe antwortete: „O ja, ich habe ein recht scharfes.“
Da sprach der Rappe wieder ganz leise: „Schneide einmal das Stricklein
an meinem linken Hinterfuß ab,“ und schnell schnitt es der Knabe
entzwei. Und in diesem Augenblicke fiel das schöne Roß vor aller Augen
zusammen und ward ein Bündlein Stroh, und daraus flog eine Schwalbe
hervor, und aus dem Stall empor in die hohen blauen Lüfte. Der Meister
hatte das Roß nur einen Augenblick außer acht gelassen, jetzt war keine
Zeit zu verlieren. Er brauchte seine Kunst, verwandelte sich rasch in
einen Geier, und schoß der flüchtigen Schwalbe nach. Es bedurfte nur
noch einer kleinen Weile, so hatte der Geier die Schwalbe in seinen
Klauen, aber das Schwälblein merkte den Feind, blickte nieder auf die
Erde, und sah da gerade unter sich ein schönes Schloß und vor dem Schloß
saß eine Prinzessin, und flugs verwandelte sich das Schwälblein in einen
goldnen Fingerreif, fiel nieder, und gerade der holden Prinzessin auf
den Schoß. Die wußte nicht, wie ihr geschah, und steckte das Ringlein an
den Finger. Aber die scharfen Augen des Geiers hatten alles gesehen, und
rasch verwandelte sich der Zaubermeister aus einem Geier in einen
schmucken Junker und trat heran zur Prinzessin und bat sie höflichst und
untertänigst, dieses Ringlein, mit welchem er soeben ein Kunststück
gemacht habe, ihm wieder einzuhändigen. Die schöne Prinzessin lächelte
errötend, zog das Ringlein vom Finger, und wollte es dem Künstler
überreichen, doch siehe, da entfiel es ihren zarten Fingern und rollte
als ein winziges Hirsekörnlein in eine Steinritze. Im Augenblicke
verwandelte sich der Junker und wurde ein stolzer Gückelhahn, der mit
seinem Schnabel emsig in der Steinritze nach dem Hirsekörnlein pickte,
aber gleich darauf wurde aus dem Hirsekörnlein ein Fuchs, und dieser biß
dem Gückel den Kopf ab. Und somit war der Zaubermeister besiegt. Jetzt
aber nahm der junge Geselle wieder seine Gestalt an, sank der Prinzessin
zu Füßen, und pries sie dankend, daß sie ihn an ihrem Finger getragen
und sich so mit ihm verlobt habe. Die Prinzessin war über alles, was
vorgegangen war, mächtig erschrocken, denn sie war noch sehr jung und
unerfahren und schenkte ihm ihr Herz und ihre Hand, doch unter der
Bedingung, daß er fortan aller Verwandlung entsage, und ihr unwandelbar
treu bleibe. Dies gelobte der Jüngling und opferte sein Zauberbüchlein
den Flammen, woran er indes sehr übel tat, denn er hätte es ja dir,
lieber Leser, oder mir schenken und vermachen können; in _Ochsen_ hätten
_wir zwei_ uns gewißlich nicht verwandelt.
Mann und Frau im Essigkrug.
Es war einmal ein Mann und eine Frau, die haben lange lange miteinander
in einem Essigkruge gewohnt. Am Ende sind sie’s überdrüssig geworden,
und der Mann hat zu der Frau gesagt: „Du bist schuld daran, daß wir in
dem sauern Essigkrug leben müssen, wären wir nur nicht da!“ Die Frau hat
aber gesagt: „Nein, du bist schuld daran.“ Und da haben sie angefangen,
miteinander zu kippeln und zu zanken, und ist eins dem andern in dem
Essigkrug nachgelaufen. Da ist gerade ein goldiges Vögelein an den
Essigkrug gekommen, dies hat gesagt: „Was habt ihr denn nur so
miteinander?“ — „Ei,“ hat die Frau gesagt, „wir sind’s Essigkrügel
überdrüssig, und möchten auch einmal wohnen wie andere Leute, hernach
wollen wir gern zufrieden sein.“ Da hat sie das goldene Vögelein aus dem
Essigkrug herausgelassen, hat sie an ein neues Häuschen geführt, wo
hinten ein zierliches Gärtchen gewesen ist, und hat zu ihnen gesagt:
„Dies ist jetzt euer! Lebt jetzt einig und zufrieden untereinander, und
wenn ihr mich braucht, so dürft ihr nur dreimal in die Hände klatschen
und rufen:
‚Goldvögelein im Sonnenstrahl!
Goldvögelein im Demantsaal!
Goldvögelein überall!‘
so bin ich da.“
Damit flog das Goldvögelein fort und der Mann und die Frau waren froh,
daß sie nicht mehr in dem sauern Essigkrug wohnten, und freuten sich
über ihr nettes Häuschen und grünes Gärtchen. Das dauerte aber nur eine
Weile, denn wie sie nun ein paar Wochen in dem Häuschen gewohnt hatten,
und in der Nachbarschaft herumgekommen waren, da hatten sie die großen
stattlichen Bauernhöfe gesehen, mit großen Stallungen, Gärten, Äckern,
vielem Gesinde und Vieh. Und da hat es ihnen schon wieder nicht mehr
gefallen in ihrem winzigen Häuslein, und sind’s ganz überdrüssig
geworden, und an einem schönen Morgen haben sie alle zwei fast zu
gleicher Zeit in die Hände geklatscht und haben gerufen:
„Goldvögelein im Sonnenstrahl!
Goldvögelein im Demantsaal!
Goldvögelein überall!“
Witsch, da ist das goldige Vöglein zum Fenster hereingeflogen gekommen,
und hat sie gefragt, was sie denn schon wieder wollten?
„Ach,“ haben sie gesagt, „das Häuslein ist doch gar zu klein, wenn wir
nur auch so einen großen prächtigen Bauernhof hätten, nachher wollten
wir zufrieden sein.“ Das goldige Vöglein blinzte ein wenig mit seinen
Guckäugelein, sagte aber nichts, und führte den Mann und die Frau an
einen großen prächtigen Bauernhof, wo viele Äcker daran waren, und
Stallungen mit Vieh, und Knechten und Mägden, und hat ihnen alles
geschenkt.
Der Mann und die Frau sprangen deckenhoch, und konnten sich vor Freuden
gar nicht lassen. Und jetzt sind sie ein ganzes Jahr lang zufrieden und
fröhlich gewesen und haben sich gar nichts Besseres denken können. Aber
länger hat’s auch nicht gedauert, keinen Tag, denn weil sie jetzt
manchmal in die Stadt gefahren sind, haben sie die schönen großen Häuser
und die schöngeputzten Herren und Madamen sehen spazieren gehn, da haben
sie gedacht: Ei, in der Stadt muß es aber herrlich sein, und da braucht
man nicht viel zu tun und zu arbeiten; und die Frau hat sich gar nicht
können satt sehen an dem Staat und dem Wohlleben und hat zu ihrem Mann
gesagt: „Wir wollen auch in die Stadt, ruf’ du dem goldigen Vöglein! Wir
sind nun schon lange genug auf dem Bauernhof.“ Der Mann hat aber gesagt:
„Frau, ruf’ du ihm!“ — Endlich hat die Frau dreimal in die Hände
geklatscht und hat gerufen:
„Goldvögelein im Sonnenstrahl!
Goldvögelein im Demantsaal!
Goldvögelein überall!“
Da ist das goldige Vöglein wieder zum Fenster hereingeflogen, und hat
gesagt: „Was wollet ihr nur von mir?“ — „Ach,“ hat die Frau gesagt, „wir
sind das Bauernleben müde, wir möchten auch gern Stadtleute sein, und
schöne Kleider haben, und in so einem großen prächtigen Haus wohnen,
hernach wollen wir zufrieden sein.“ Das goldne Vöglein hat wieder mit
seinen Guckäugelein geblinzt, hat aber nichts gesagt, und hat sie in das
schönste Haus in der Stadt geführt, da war alles raritätisch aufgeputzt,
und waren Schränke darin und Kommoden, da hingen und lagen Kleider
drinnen nach der neuesten Mode. Jetzt haben der Mann und die Frau
gemeint, es gibt auf der Welt nichts Besseres und Schöneres, und waren
vor lauter Freude außer sich. Das hat aber leider wieder nicht lange
gedauert, so hatten sie es wieder satt, und sprachen zueinander: „Wenn
wir’s nur so hätten wie die Edelleute; die wohnen in herrlichen Palästen
und Schlössern, und haben Kutschen und Pferde, und Bedienten mit
goldbordierten Röcken stehen auf den Kutschen. Ja, das wär’ erst etwas
Rechtes; so ist’s doch nur eine armselige bürgerliche Lumperei.“ Und die
Frau hat gesagt: „Jetzt ist’s an dir, dem goldigen Vögelein zu rufen.“
Der Mann hat doch wieder lange nicht gewollt, endlich, wie die Frau gar
nicht nachgelassen hat mit Dringen und Drängen, hat er dreimal in die
Hände geklatscht und gerufen:
„Goldvögelein im Sonnenstrahl!
Goldvögelein im Demantsaal!
Goldvögelein überall!“
Da ist das goldene Vöglein wieder zum Fenster hereingeflogen und hat
gefragt: „Was wollt ihr nur von mir?“ Da sagte der Mann: „Wir möchten
gern Edelleute werden, hernach wollen wir zufrieden sein.“ Da hat aber
das goldene Vögelein gar arg mit den Äuglein geblinzelt, und hat gesagt:
„Ihr unzufriednen Leute! Werdet ihr denn nicht einmal genug haben? Ich
will euch auch zu Edelleuten machen, es ist euch aber nichts nutz!“ und
hat ihnen gleich ein schönes Schloß geschenkt, Kutschen und Pferde und
eine zahlreiche Bedienung. — Jetzt sind sie nun Edelleute gewesen, und
sind alle Tage spazieren gefahren, und haben an nichts mehr gedacht, als
wie sie die Tage herumbringen wollten in Freuden und mit Nichtstun,
außer daß sie die Zeitungen gelesen haben.
Einmal sind sie in die Hauptstadt gefahren, ein großes Fest zu sehen. Da
sind der König und die Königin in ihrer ganz vergoldeten Kutsche
gesessen, in goldgestickten Kleidern, und vorn und hinten und auf beiden
Seiten sind Marschälle, Hofleute, Edelleute und Soldaten geritten, und
alle Leute haben die Hüte und Taschentücher geschwenket, wo der König
und die Königin vorbeigefahren sind. Ach wie hat da dem Manne und der
Frau vor Ungeduld das Herz geklopft! Kaum waren sie wieder nach Hause,
so sprachen sie: „Jetzt wollen wir noch König und Königin werden,
hernach wollen wir aber einhalten.“ Und da haben sie wieder alle zwei
miteinander in die Hände geklatscht, und haben gerufen, was sie nur
rufen konnten:
„Goldvögelein im Sonnenstrahl!
Goldvögelein im Demantsaal!
Goldvögelein überall!“
Da ist das goldne Vöglein wieder zum Fenster hereingeflogen, und hat
gefragt: „Was wollt ihr nur von mir?“ Da haben sie beide geantwortet:
„Wir möchten gern König und Königin sein.“ Da hat aber das Vöglein ganz
schrecklich mit den Augen geblinzelt, hat alle Federchen gesträubt, hat
mit den Flügeln geschlagen und hat gesagt: „Ihr wüsten Leute, wann
werdet ihr denn einmal genug haben? Ich will euch auch noch zum König
und zur Königin machen, aber dabei wird’s doch nicht bleiben sollen,
denn ihr habt nimmermehr genug!“
Jetzt sind sie nun König und Königin gewesen, und haben übers ganze Land
zu gebieten gehabt, haben sich einen großen Hofstaat gehalten und ihre
Minister und Hofleute haben müssen auf die Knie niederfallen, wenn sie
eines von ihnen ansichtig wurden. Auch haben sie nach und nach alle
Beamten im ganzen Lande vor sich kommen lassen, und ihnen vom Thron
herab ihre strengsten Befehle erteilt. Und was es nur Teures und
Prächtiges in aller Herren Ländern gab, das mußte herbeigeschafft
werden, daß ein Glanz und ein Reichtum sie umgab, der unbeschreiblich
ist. Und doch sind sie jetzt noch nicht zufrieden gewesen, und sagten
immer: „Wir müssen noch etwas mehr werden!“ Da sprach die Frau: „Werden
wir Kaiser und Kaiserin.“ — „Nein!“ sagte der Mann, „wir wollen Papst
werden!“ — „Hoho! Das ist alles nicht genug!“ schrie die Frau in ihrem
Eifer. „Wir wollen lieber Herrgott sein!“
Kaum aber hatte sie dies Wort ausgeredet, so ist ein mächtiger Sturmwind
gekommen, und ein großer schwarzer Vogel mit funkelnden Augen, die wie
Feuerräder rollten, ist zum Fenster hereingeflogen, und hat gerufen, daß
alles erzitterte: „_Daß ihr versauern müßt im Essigkrug!_“
Pautz, und da war alle Herrlichkeit zum Kuckuck, und da saßen sie alle
beide, der Mann und die Frau, wieder in ihrem engen Essigkrug drin; da
sitzen sie noch und können drin bleiben bis an den Jüngsten Tag.
Das ist eine Lehre für solche, die nie genug bekommen können.
Das Kätzchen und die Stricknadeln.
Es war einmal eine arme Frau, die in den Wald ging, um Holz zu lesen.
Als sie mit ihrer Bürde auf dem Rückwege war, sah sie ein krankes
Kätzchen hinter einem Zaun liegen, das kläglich schrie. Die arme Frau
nahm es mitleidig in ihre Schürze und trug es nach Hause zu. Auf dem
Wege kamen ihre beiden Kinder ihr entgegen und wie sie sahen, daß die
Mutter etwas trug, fragten sie: „Mutter, was trägst du?“ und wollten
gleich das Kätzchen haben; aber die mitleidige Frau gab den Kindern das
Kätzchen nicht, aus Sorge, sie möchten es quälen, sondern sie legte es
zu Hause auf alte weiche Kleider und gab ihm Milch zu trinken. Als das
Kätzchen sich gelabt hatte und wieder gesund war, war es mit einem Male
fort und verschwunden. Nach einiger Zeit ging die arme Frau wieder in
den Wald, und als sie mit ihrer Bürde Holz auf dem Rückwege wieder an
die Stelle kam, wo das kranke Kätzchen gelegen hatte, da stand eine ganz
vornehme Dame dort, winkte die arme Frau zu sich und warf ihr fünf
Stricknadeln in die Schürze. Die Frau wußte nicht recht, was sie denken
sollte, und dünkte diese absonderliche Gabe ihr gar zu gering; doch nahm
sie die fünf Stricknadeln des Abends auf den Tisch. Aber als die Frau
des andern Morgens ihr Lager verließ, da lag ein Paar neue
fertiggestrickte Strümpfe auf dem Tisch. Das wunderte die arme Frau über
alle Maßen, und am nächsten Abend legte sie die Nadeln wieder auf den
Tisch, und am Morgen darauf lagen neue Strümpfe da. Jetzt merkte sie,
daß zum Lohn ihres Mitleids mit dem kranken Kätzchen ihr diese fleißigen
Nadeln beschert waren, und ließ dieselben nun jede Nacht stricken, bis
sie und die Kinder genug hatten. Dann verkaufte sie auch Strümpfe und
hatte genug, bis an ihr seliges Ende.
Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel.
Diese Geschichte ist ganz lügenhaft zu erzählen, Jungens, aber wahr ist
sie doch, denn mein Großvater, von dem ich sie habe, pflegte immer, wenn
er sie erzählte, dabei zu sagen: „Wahr muß sie doch sein, meine Söhne,
denn sonst könnte man sie ja nicht erzählen.“ Die Geschichte aber hat
sich so zugetragen:
Es war einmal an einem Sonntagmorgen in der Herbstzeit, just als der
Buchweizen blühte. Die Sonne war goldig am Himmel aufgegangen, der
Morgenwind ging frisch über die Stoppeln, die Lerchen sangen in der
Luft, die Bienen summten in dem Buchweizen und die Leute gingen in ihren
Sonntagskleidern nach der Kirche, kurz, alle Kreatur war vergnügt und
der Swinegel auch.
Der Swinegel aber stand vor seiner Türe, hatte die Arme übereinander
geschlagen, kuckte dabei in den Morgenwind hinaus und trällerte ein
Liedchen vor sich hin, so gut und so schlecht als es nun eben am lieben
Sonntagmorgen ein Swinegel zu singen vermag. Indem er nun noch so
halbleise vor sich hinsang, fiel ihm auf einmal ein, er könne wohl,
während seine Frau die Kinder wüsche und anzöge, ein bißchen im Felde
spazieren und dabei sich umsehn, wie seine Steckrüben stünden. Die
Steckrüben waren das nächste bei seinem Hause, und er pflegte mit seiner
Familie davon zu essen, und deshalb sah er sie denn auch als die
seinigen an. Der Swinegel machte die Haustüre hinter sich zu und schlug
den Weg nach dem Felde ein. Er war noch nicht sehr weit vom Hause und
wollte just um den Schlehenbusch, der da vor dem Felde liegt,
hinaufschlendern, als ihm der Hase begegnete, der in ähnlichen
Geschäften ausgegangen war, nämlich um seinen Kohl zu besehen. Als der
Swinegel des Hasen ansichtig wurde, bot er ihm einen freundlichen guten
Morgen. Der Hase aber, der nach seiner Weise ein gar vornehmer Herr war
und grausam hochfahrig dazu, antwortete nichts auf des Swinegels Gruß,
sondern sagte zu ihm, wobei er eine gewaltig höhnische Miene annahm:
„Wie kommt es denn, daß du schon bei so frühem Morgen im Felde
rumläufst?“ „Ich gehe spazieren,“ sagte der Swinegel. „Spazieren?“
lachte der Hase, „mir deucht, du könntest die Beine auch wohl zu
besseren Dingen gebrauchen.“ Diese Antwort verdroß den Swinegel über
alle Maßen, denn alles kann er vertragen, aber auf seine Beine läßt er
nichts kommen, eben weil sie von Natur schief sind. „Du bildest dir wohl
ein,“ sagte nun der Swinegel, „daß du mit deinen Beinen mehr ausrichten
kannst?“ „Das denk’ ich,“ sagte der Hase. „Nun, es käme auf einen
Versuch an,“ meinte der Swinegel, „ich pariere, wenn wir wettlaufen, ich
laufe dir vorbei.“ „Das ist zum Lachen, du mit deinen schiefen Beinen!“
sagte der Hase, „aber meinetwegen mag es sein, wenn du so übergroße Lust
hast. Was gilt die Wette?“ „Einen goldnen Lujedor und eine Buttelje
Schnaps,“ sagte der Swinegel. „Angenommen,“ sprach der Hase, „schlag ein
und dann kann’s gleich losgehen.“ „Nein, so große Eile hat es nicht,“
meinte der Swinegel, „ich bin noch ganz nüchtern; erst will ich zu Hause
gehn und ein bißchen frühstücken. In einer halben Stunde bin ich auf dem
Platze.“ Darauf ging der Swinegel, denn der Hase war es zufrieden.
Unterwegs dachte der Swinegel bei sich: „Der Hase verläßt sich auf seine
langen Beine, aber ich will ihn schon kriegen. Er dünkt sich zwar ein
vornehmer Herr zu sein, ist aber doch ein dummer Kerl und bezahlen muß
er doch.“ Als nun der Swinegel zu Hause ankam, sagte er zu seiner Frau:
„Frau, zieh dich eilig an, du mußt mit ins Feld hinaus.“ „Was gibt es
denn?“ sagte die Frau. „Ich habe mit dem Hasen um einen goldnen Lujedor
und eine Buttelje Schnaps gewettet, ich will mit ihm um die Wette laufen
und da sollst du dabei sein.“ „O mein Gott, Mann!“ schrie dem Swinegel
seine Frau, „bist du nicht klug, hast du den Verstand verloren? Wie
kannst du mit dem Hasen um die Wette laufen wollen?“ „Halt das Maul,
Weib,“ sagte der Swinegel, „das ist meine Sache. Räsoniere nicht in
Männergeschäfte. Marsch, zieh dich an und dann komm mit.“ Was sollte dem
Swinegel seine Frau machen? Sie mußte wohl folgen, sie mochte wollen
oder nicht.
Als sie nun miteinander unterwegs waren, sprach der Swinegel zu seiner
Frau also: „Nun pass’ auf, was ich dir sagen werde. Sieh, auf dem langen
Acker, dort wollen wir unsern Wettlauf machen. Der Hase läuft nämlich in
der einen Furche und ich in der andern, und von oben fangen wir an zu
laufen. Nun hast du weiter nichts zu tun, als du stellst dich hier unten
in die Furche und wenn der Hase auf der andern Seite ankommt, so rufst
du ihm entgegen: „Ich bin schon da.“
Damit waren sie beim Acker angelangt, der Swinegel wies seiner Frau
ihren Platz an und ging nun den Acker hinauf. Als er oben ankam, war der
Hase schon da. „Kann es losgehen?“ sagte der Hase. „Jawohl,“ erwiderte
der Swinegel. „Dann man zu!“ Und damit stellte sich jeder in seine
Furche. Der Hase zählte: „Eins, zwei, drei!“ und los ging er wie ein
Sturmwind den Acker hinunter. Der Swinegel aber lief nur ungefähr drei
Schritte, dann duckte er sich in die Furche nieder und blieb ruhig
sitzen.
Als nun der Hase im vollen Laufe unten ankam, rief ihm dem Swinegel
seine Frau entgegen: „Ich bin schon da!“ Der Hase stutzte und
verwunderte sich nicht wenig. Er meinte nicht anders, es wäre der
Swinegel selbst, der ihm das zurufe, denn bekanntlich sieht dem Swinegel
seine Frau gerade so aus wie ihr Mann.
Der Hase aber meinte: „Das geht nicht mit rechten Dingen zu.“ Er rief:
„Noch einmal gelaufen, wieder herum!“ Und fort ging es wieder wie der
Sturmwind, so daß ihm die Ohren am Kopfe flogen. Dem Swinegel seine Frau
aber blieb ruhig auf ihrem Platze. Als nun der Hase oben ankam, rief ihm
der Swinegel entgegen: „Ich bin schon da!“ Der Hase aber ganz außer sich
vor Eifer schrie: „Nochmal gelaufen, wieder herum!“ „Mir recht,“
antwortete der Swinegel, „meinetwegen sooft als du Lust hast.“ So lief
der Hase dreiundsiebzigmal, und der Swinegel hielt es immer mit ihm aus.
Jedesmal, wenn der Hase unten oder oben ankam, sagte der Swinegel oder
seine Frau: „Ich bin schon da.“
Zum vierundsiebzigstenmal aber kam der Hase nicht mehr zu Ende. Mitten
auf dem Acker stürzte er zur Erde, das Blut floß ihm aus dem Halse und
er blieb tot auf dem Platze. Der Swinegel aber nahm seinen gewonnenen
Louisdor und die Flasche Branntwein, rief seine Frau aus der Furche ab
und beide gingen vergnügt nach Hause, und wenn sie nicht gestorben sind,
leben sie noch.
So begab es sich, daß auf der Buxtehuder Heide der Swinegel den Hasen zu
Tode gelaufen hat, und seit jener Zeit hat es sich kein Hase wieder
einfallen lassen, mit dem Buxtehuder Swinegel um die Wette zu laufen.
Die Lehre aber aus dieser Geschichte ist erstens, daß keiner, und wenn
er sich auch noch so vornehm dünkt, sich soll beikommen lassen, über den
geringen Mann sich lustig zu machen, und wäre es auch nur ein Swinegel.
Und zweitens, daß es geraten ist, wenn einer freiet, daß er sich eine
Frau aus seinem Stande nimmt, die just so aussieht, als er selbst. Wer
also ein Swinegel ist, der muß darauf sehen, daß seine Frau auch ein
Swinegel sei.
Oda und die Schlange.
Es war einmal ein Mann, der hatte drei Töchter, von denen hieß die
jüngste Oda. Nun wollte der Vater dieser drei einmal zu Markte fahren,
und fragte seine Töchter, was er ihnen mitbringen sollte. Da bat die
älteste um ein goldnes Spinnrad, die zweite um eine goldne Weife, Oda
aber sagte: „Bringe mir das mit, was unter deinem Wagen wegläuft, wenn
du auf dem Rückweg bist.“ Da kaufte denn nun der Vater auf dem Markt
ein, was sich die älteren Mädchen gewünscht, und fuhr heim, und siehe,
da lief eine Schlange unter den Wagen, die fing der Mann und brachte sie
Oda mit. Er warf sie untenhin in den Wagen, und nachher vor die Haustür,
wo er sie liegen ließ. Wie nun Oda herauskam, da fing die Schlange an zu
sprechen: „Oda! liebe Oda! Soll ich nicht hinein auf die Diele?“ (In die
Hausflur.) — „Was?“ sagte Oda, „mein Vater hat dich bis an unsere Türe
mitgenommen, und du willst auch herein auf die Diele?“ Aber sie ließ sie
doch ein. Da nun Oda nach ihrer Kammer ging, so rief die Schlange
wieder: „Oda, liebe Oda! Soll ich nicht vor deiner Kammertüre liegen?“ —
„Ei seht doch!“ sagte Oda. „Mein Vater hat dich bis an die Haustür
gebracht, ich habe dich hereingelassen auf die Diele, und nun willst du
auch noch vor meiner Kammertür liegen? Doch es mag drum sein!“ — Wie nun
Oda in ihre Schlafkammer eingehen wollte, und die Kammertür öffnete, da
rief die Schlange wieder: „Ach, Oda, liebe Oda! Soll ich nicht in deine
Kammer?“ — „Wie?“ rief Oda, „hat dich mein Vater nicht bis an die
Haustür mitgenommen? Hab’ ich dich nicht auf die Diele gelassen und vor
meine Kammertür? Und nun willst du auch noch mit in die Kammer? — Aber,
wenn du nun zufrieden sein willst, so komm nur herein, lieg aber stille,
das sag’ ich dir!“ Damit so ließ Oda die Schlange ein, und fing an, sich
auszukleiden. Wie sie nun ihr Bettchen besteigen wollte, so rief die
Schlange doch wieder: „Ach Oda, liebste Oda! Soll ich denn nicht mit in
dein Bette?“ — „Nun wird es aber zu toll!“ rief Oda zornig aus. „Mein
Vater hat dich bis an die Haustür mitgenommen; ich habe dich auf die
Diele gelassen, nachher vor die Kammertür, nachher herein in die Kammer
— und nun willst du gar noch zu mir ins Bett? Aber du bist wohl
erfroren? Nun so komm mit herein und wärme dich, du armer Wurm!“ Und da
streckte die gute Oda selbst ihre weiche warme Hand aus und hob die
kalte Schlange zu sich herauf in ihr Bette. Da mit einem Male
verwandelte sich die Schlange, die eine lange Zeit verzaubert gewesen
war, und die nur erlöst werden konnte, wenn alles das geschah, was mit
ihr sich zugetragen hatte — in einen jungen und schönen Prinzen, der
alsobald die gute Oda zu seiner Frau nahm.
Die drei Gaben.
Es war einmal ein armer Leinweber, zu dem kamen drei reiche Studenten,
und da sie sahen, daß der Mann sehr arm war, so schenkten sie ihm in
seine Wirtschaft hundert Taler. Der Leinweber freute sich sehr über
diese Gabe, gedachte sie gut anzuwenden, wollte aber noch eine Zeitlang
seine Augen an den blanken Talern weiden, sagte daher seiner Frau, die
nicht zu Hause gewesen war, nichts von seinem Glück und versteckte das
Geld dahin, wo niemand Geld sucht, nämlich in die Lumpen.
Als er einmal auswärts war, kam ein Lumpensammler, und verkaufte die
Frau ihm den ganzen Vorrat für einige Kreuzer. Da war groß Herzeleid,
wie der Leinweber heimkam und seine Frau ihm erfreut das für die Lumpen
gelöste wenige Geld zeigte.
Über ein Jahr so kamen die drei Studenten wieder, hofften den Leinweber
nun in guten Umständen zu treffen, fanden ihn aber noch ärmer wie zuvor,
da er ihnen sein Mißgeschick klagte. Mit der Ermahnung, vorsichtiger zu
sein, schenkten ihm die Studenten abermals hundert Taler; nun wollte
er’s recht klug machen, sagte seiner Frau wieder nichts und steckte das
Geld in den Aschentopf. Und da ging’s gerade wieder so wie das vorige
Mal; die Frau vertauschte die Asche an einen Aschensammler gegen ein
paar Stückchen Seife, als gerade ihr Mann wieder abwesend war,
irgendeinem Kunden bestellte Leinwand abzuliefern. Als er wiederkam und
den Aschenhandel erfuhr, wurde er so böse, daß er seine Frau mit
ungebrannter Asche laugte.