Nun geschah es zu einer Zeit, daß der König in ein Bad ging; da sandte

Gott, auf daß er büße für den Frevel am heiligen Wort des Evangeliums,

einen Engel, der nahm des Königs Gestalt an, und schlug die Augen aller

mit Blindheit, daß sie ihn für den König hielten, den König selbst aber

nicht als solchen, der er war, erkannten. Als der König aus dem Bade

trat, setzte er sich auf eine Bank, auf welcher der Engel schon saß. Da

hieß ihn der Bader aufstehen und sich anderswo hinsetzen. „Bist du

trunken, Bader?“ fragte der König, „daß du also schmachvoll zu mir

redest? Ich bin’s, der König, dein Gebieter!“ — „Ein Narr mögt Ihr

sein!“ antwortete der Bader. „Mein Herr, der König sitzt ja hier; wessen

König seid Ihr denn? Und wo ist das Reich Eurer Majestät? Wohl

Narragonia?“

„Bösewicht!“ schrie der König voller Zorn, nahm einen Kübel und warf den

an des Baders Kopf, da hörte das Badegesinde den Lärm, eilte herzu, und

salbte den König mit Faustöl, bis der Engel als König dazwischentrat und

ihn aus den Händen des Gesindes befreite. Dann aber verließ er ihn, trat

aus der Badestube, und da legten ihm des Königs Diener, die den Engel

für ihren Herrn halten mußten, jenes köstliche Gewand an, und geleiteten

ihn auf stolzen Rossen in allem Glanze nach der Hofburg. Den König aber

warfen der Bader und seine Gesellen nackt und bloß aus dem Hause, und da

stand er vor der Türe, und wußte nicht, wie ihm geschehen war. Und das

Volk sammelte sich um ihn, und spottete über ihn, dazu sein eignes

Gesinde, denn es kannte ihn keiner mehr. Und er eilte nackend, wie er

war, und mit großer Scham von den Leuten hinweg, die ihm aber

nachliefen, wie einem Toren, zum Hause seines Schenken und viel treuen

Rates.

Es war nach der Zeit des Mittagsimbisses, und der Schenk saß und pflegte

der Mittagsrast, als der König am Tor schellte und Einlaß begehrte. Der

Pförtner fragte, wer er sei und was er begehre? und jener sagte: „Ich,

der König!“

„Ei pfui dich!“ rief der Pförtner. „So schandbar hab’ ich noch keinen

König gesehn. Du kommst mitnichten herein!“ Da schrie und lärmte der

König ungetümlich, daß der Schenk es hörte, und fragte, was es gebe. Der

Pförtner sprach: „Herr, es stehet ein Mann draußen, der ist nackt und

bloß, und sagt, er sei dein Herr und König, und das Volk ist hinter ihm,

und hat seinen Narren an dem Affen.“

„Laßt ihn herein!“ sprach mitleidvoll der Schenk, „und reicht ihm ein

notdürftig Gewand, auf daß er seine Blöße bedecke.“ Dies geschah, und

dann trat der König herein zu dem Schenken, der ihn auch nicht als

seinen Herrn zu erkennen vermochte, und sprach: „O mein Freund, du wirst

und mußt mich erkennen, daß ich dein König bin, obschon mich heut ein

wunderlich Verhängnis heimsucht und von Ehren und Gute mich vertreibt.

Denke der Reden, die wir gestern früh vertraulich miteinander pflogen,

als ich Euch, meinen Räten, einen Befehl gab, den ich erfüllt sehen

wollte, und Ihr mir es ausredetet, als eines Fürsten nicht würdig.“ Und

solcher Heimlichkeiten sagte der König zum Schenken noch mehr, der aber

begann zu lachen und sprach: „Die Wahrheit sagt Ihr, ja, aber Euch muß

sie der Teufel ins Ohr geblasen haben!“ Und der König sprach: „Womit ich

auch das Unglück verdient, das mich schlägt, mein Herz sagt mir, daß ich

ein gerechter und wahrhafter König bin.“

Der Schenke mochte nicht widersprechen, weil das die Narren aufzubringen

pflegt und bei Klugen auch nicht für ein Zeichen von guter Lebensart

gilt, aber er gebot, dem Fremden Speise aufzutragen, und dachte bei

sich: ich will diesen seltnen Fall doch dem König als Neuigkeit

hinterbringen. Er, der Schenke, galt bei Hof soviel durch seine weisen

Ratschläge, daß er zu jeder Zeit freien Zutritt hatte, und so machte er

sich gleich auf zur Königsburg, trat vor den Engel und verkündete ihm

die Mär von seinem wunderlichen Gast. Der gebot ihm, den König zu Hofe

zu führen, und es sammelte sich in einem großen Saale der ganze

Hofstaat, und das Gesinde erfüllte alle Treppen und Galerien. Wie nun

der Schenk den gedemütigten König brachte, schrie alles spöttisch: „Grüß

Gott, Herr König ohne Land!“

Der Engel saß in reicher Pracht neben der schönen Königin auf dem Throne

und grüßte seinen Doppelgänger, dessen Herz in Haß aufwallte, als er den

vermeinten Feind bei seiner eignen Gemahlin sitzen sah. Der Engel

sprach: „Sagt an, ist das wahr, seid Ihr hier König?“ und der König

antwortete: „Wohl sah ich den Tag, da ich hier gewaltig war, wo meine

Gemahlin noch mich empfing als ihren König und Herrn, deren gütlichen

Gruß ich nun ganz entbehre, der mir doch sonst nie versagt ward, bis

heute an diesem Tag meiner Schmach und meines Leides. O wie freundlich

schied ich noch heute morgen aus ihren minniglichen Armen!“

Die Königin ward ob dieser Rede ganz schamrot, daß sie sollte den

fremden Mann umfangen haben und sprach zum Engel: „Mein königlicher Herr

und Gemahl, dieser Mann ist wohl unsinnig!?“ und ein alter Hofritter

rief: „Schweige, Bösewicht! Dich müsse man auf einer Kuhhaut zum Galgen

schleifen!“ und die jungen Lecker am Hofe wollten schon sich Gunst

machen und ihren Heldenmut sehen lassen und griffen nach dem König,

hätten ihm auch übel genug mitgespielt, aber der Engel wehrte sie ab und

führte den König mit sich hinweg in ein schönes einsames Gemach. Dort

sprach er zu ihm: „Sag’ an, glaubst du oder glaubst du nicht, daß Gott

Gewalt habe über alle Geschöpfe? Siehe, wie seine allmächtige Kraft dich

in den Staub tritt! Was hilft dir dein mächtiges Kriegsheer? Wer

gehorcht deinem Rufe und Gebote? Noch lebt die Wahrheit: _Deposuit

potentes de sede_, und du und deinesgleichen werdet sie ewig nicht

unterdrücken!“

So sprach der Engel zum König, und dieser fragte erbebend: „Mann, wer

seid Ihr? Seid Ihr Gott der Allmächtige, von dem Ihr redet, so erbarme

sich Eure Gnade über mich armen, betörten Mann!“

„Ich bin nicht Gott!“ sprach darauf der Engel, „aber seiner Boten einer

bin ich und des wahren Christus Diener. Der sandte mich und dir sandte

er die Strafe deiner Hoffart. Gott erhöhet und erniedrigt, wen er will!

Warum verfolgst du diese Wahrheit?“

Da fiel der König hin zu des Engels Füßen und bat um Gottes Huld und

Verzeihung. Der Engel hieß ihn aufstehen und sprach: „Du mußt Glauben

haben an das Wort der Schrift aus der Priester Munde! Du mußt barmherzig

sein gegen die, so dir ihren Kummer klagen! Du mußt gerecht sein gegen

den Kleinen wie gegen den Großen! Willst du das, so sollst du wieder

einnehmen den Stuhl deiner Macht und deiner Ehren.“

Da demütigte sich aufs neue der König vor dem Boten des Herrn, neigete

sich, kniete nieder und sprach: „Ich folge dir gerne, gewähre mir durch

Gott Gnade!“ Da bot ihm der Engel seine Hand und reichte ihm die

Königsgewande und verlieh ihm die Königsgestalt wieder, und der König

legte das dürftige Röcklein ab, das der Schenk ihm geben ließ. Der Engel

aber verschwand vor den Augen des Königs und flog wieder auf gen Himmel,

in die Heimat der Seelen, in das Reich des ewigen Vaters.

Der König sprach: „Gelobt sei der süße Christ, der Gewaltige. Was der

Engel mir sagte, das ist die rechte Wahrheit.“ Und ging hervor aus dem

Gemach wie einer, dem nie ein Leid widerfahren. Da fragten ihn die

Dienstmannen ehrfurchtsvoll: „Herr, wo ist der Narr geblieben?“ Er aber

berief die Königin und alle die Seinen um sich her und erzählte ihnen

alles, wie es sich begeben und was er erlitten; seinen Streit mit dem

Bader und alles andere, und zeigte ihnen das dürftige Röcklein. Des

erschraken die Schranzen und schämten sich, daß sie den Herrn also

gekränkt und mißkannt und meinten ihrer viele, es werde ihnen nunmehr an

Leib und Gut gehen. Selbst die Königin bat den Gemahl um Huld und Gnade

und versicherte heilig und teuer, daß sie ihn nicht erkannt habe. Er

schloß sanft ihre Hände in seine Hand und sprach: „Frau, schweiget

stille! Gott hat es so gewollt! Kannte ich doch zuletzt mich selbst

nicht mehr.“ —

Dann hieß er den Spruch _Deposuit_ wieder in alle Bücher schreiben, wo

er ausgelöscht worden, und ließ ihn wieder in den Kirchen lesen und ward

gar ein demütiger Herrscher. Und wer diese Mär lieset, der demütige sein

Herz vor Gott und bitte, daß er ihn vor Hoffart und Übermut gnädiglich

bewahren wolle.

Der kleine Däumling.

Es war einmal ein armer Korbmacher, der hatte mit seiner Frau sieben

Jungen, da war immer einer kleiner als der andere, und der jüngste war

bei seiner Geburt nicht viel über Fingers Länge, daher nannte man ihn

_Däumling_. Zwar ist er hernach noch in etwas gewachsen, doch nicht gar

zu sehr, und den Namen Däumling hat er behalten. Doch war es ein gar

kluger und pfiffiger kleiner Knirps, der an Gewandtheit und Schlauheit

seine Brüder alle in den Sack steckte.

Den Eltern ging es erst gar übel, denn Korbmachen und Strohflechten ist

keine so nahrhafte Profession wie Semmelbacken und Kälberschlachten, und

als vollends eine teure Zeit kam, wurde dem armen Korbmacher und seiner

Frau himmelangst, wie sie ihre sieben Würmer satt machen sollten, die

alle mit äußerst gutem Appetit gesegnet waren. Da beratschlagten eines

Abends, als die Kinder zu Bette waren, die beiden Eltern miteinander,

was sie anfangen wollten, und wurden Rates, die Kinder mit in den Wald

zu nehmen, wo die Weiden wachsen, aus denen man Körbe flicht, und sie

heimlich zu verlassen. Das alles hörte der Däumling an, der nicht

schlief wie seine Brüder, und schrieb sich der Eltern übeln Ratschlag

hinter die Ohren. Simulierte auch die ganze Nacht, da er vor Sorge doch

kein Auge zutun konnte, wie er es machen sollte, sich und seinen Brüdern

zu helfen.

Frühmorgens lief der Däumling an den Bach, suchte die kleinen Taschen

voll weiße Kiesel und ging wieder heim. Seinen Brüdern sagte er von dem,

was er erhorcht hatte, kein Sterbenswörtchen. Nun machten sich die

Eltern auf in den Wald, hießen die Kinder folgen, und der Däumling ließ

ein Kieselsteinchen nach dem andern auf den Weg fallen, das sah niemand,

weil er, als der jüngste, kleinste und schwächste, stets hintennach

trottelte. Das wußten die Alten schon nicht anders.

Im Wald machten sich die Alten unvermerkt von den Kindern fort, und auf

einmal waren sie weg. Als das die Kinder merkten, erhoben sie allzumal,

Däumling ausgenommen, ein Zetergeschrei. Däumling lachte und sprach zu

seinen Brüdern: „Heult und schreit nicht so jämmerlich! Wollen den Weg

schon allein finden.“ Und nun ging Däumling voran und nicht hinterdrein,

und richtete sich genau nach den weißen Kieselsteinchen, fand auch den

Weg ohne alle Mühe.

Als die Eltern heimkamen, bescherte ihnen Gott Geld ins Haus; eine alte

Schuld, auf die sie nicht mehr gehofft hatten, wurde von einem Nachbar

an sie abbezahlt, und nun wurden Eßwaren gekauft, daß sich der Tisch

bog. Aber nun kam auch das Reuelein, daß die Kinder verstoßen worden

waren, und die Frau begann erbärmlich zu lamentieren: „Ach du lieber,

allerlieber Gott! Wenn wir doch die Kinder nicht im Wald gelassen

hätten! Ach, jetzt könnten sie sich dicksatt essen, und so haben die

Wölfe sie vielleicht schon im Magen! Ach, wären nur unsre liebsten

Kinder da!“ — „Mutter, da sind wir ja!“ sprach ganz geruhig der kleine

Däumling, der bereits mit seinen Brüdern vor der Türe angelangt war und

die Wehklage gehört hatte; öffnete die Türe und herein trippelten die

kleinen Korbmacher — eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Ihren

guten Appetit hatten sie wieder mitgebracht, und daß der Tisch so

reichlich gedeckt war, war ihnen ein gefundenes Essen. Die Herrlichkeit

war groß, daß die Kinder wieder da waren, und es wurde, solange das Geld

reichte, in Freuden gelebt, dies ist armer Handarbeiter Gewohnheit.

Nicht gar lange währte es, so war in des Korbmachers Hütte Schmalhans

wieder Küchenmeister und ein Kellermeister mangelte ohnehin, und es

erwachte aufs neue der Vorsatz, die Kinder im Walde ihrem Schicksal zu

überlassen. Da der Plan wieder als lautes Abendgespräch zwischen Vater

und Mutter verhandelt wurde, so hörte auch der kleine Däumling alles,

das ganze Gespräch, Wort für Wort und nahm sich’s zu Herzen.

Am andern Morgen wollte Däumling abermals aus dem Häuschen schlüpfen,

Kieselsteine aufzulesen, aber o weh, da war’s verriegelt, und Däumling

war viel zu klein, als daß er den Riegel hätte erreichen können, da

gedachte er sich anders zu helfen. Wie es fort ging zum Walde, steckte

Däumling Brot ein und streute davon Krümchen auf den Weg, meinte, ihn

dadurch wiederzufinden.

Alles begab sich wie das erstemal, nur mit dem Unterschied, daß Däumling

den Heimweg nicht fand, dieweil die Vögel alle Krümchen rein

aufgefressen hatten. Nun war guter Rat teuer, und die Brüder machten ein

Geheul in dem Walde, daß es zum Steinerbarmen war. Dabei tappten sie

durch den Wald, bis es ganz finster wurde und fürchteten sich über die

Maßen, bis auf Däumling, der schrie nicht und fürchtete sich nicht.

Unter dem schirmenden Laubdach eines Baumes auf weichem Moos schliefen

die sieben Brüder, und als es Tag war, stieg Däumling auf einen Baum,

die Gegend zu erkunden. Erst sah er nichts als eitel Waldbäume, dann

aber entdeckte er das Dach eines kleinen Häuschens, merkte sich die

Richtung, rutschte vom Baume herab und ging seinen Brüdern tapfer voran.

Nach manchem Kampf mit Dickicht, Dornen und Disteln sahen alle das

Häuschen durch die Büsche blicken und schritten gutes Mutes darauflos,

klopften auch ganz bescheidentlich an der Türe an. Da trat eine Frau

heraus und Däumling bat gar schön, sie doch einzulassen, sie hätten sich

verirrt und wüßten nicht wohin? Die Frau sagte: „Ach, ihr armen Kinder!“

und ließ den Däumling mit seinen Brüdern eintreten, sagte ihnen aber

auch gleich, daß sie im Hause des Menschenfressers wären, der besonders

gern die kleinen Kinder fräße. Das war eine schöne Zuversicht! Die

Kinder zitterten wie Espenlaub, als sie dieses hörten, hätten gern

lieber selbst etwas zu essen gehabt und sollten nun statt dessen

gegessen werden. Doch die Frau war gut und mitleidig, verbarg die Kinder

und gab ihnen auch etwas zu essen. Bald darauf hörte man Tritte und es

klopfte stark an der Türe; das war kein anderer, als der heimkehrende

Menschenfresser. Dieser setzte sich an den Tisch zur Mahlzeit, ließ Wein

auftragen und schnüffelte, als wenn er etwas röche, dann rief er seiner

Frau zu: „Ich wittre Menschenfleisch!“ Die Frau wollte es ihm ausreden,

aber er ging seinem Geruch nach und fand die Kinder. Die waren ganz hin

vor Entsetzen. Schon wetzte er sein langes Messer, die Kinder zu

schlachten, und nur allmählich gab er den Bitten seiner Frau nach, sie

noch ein wenig am Leben zu lassen und aufzufüttern, weil sie doch gar zu

dürr seien, besonders der kleine Däumling. So ließ der böse Mann und

Kinderfresser sich endlich beschwichtigen. Die Kinder wurden zu Bette

gebracht, und zwar in derselben Kammer, wo ebenfalls in einem großen

Bette Menschenfressers sieben Töchter schliefen, die so alt waren wie

die sieben Brüder. Sie waren von Angesicht sehr häßlich, jede hatte aber

ein goldenes Krönlein auf dem Haupte. Das alles war der Däumling gewahr

geworden, machte sich ganz still aus dem Bette, nahm seine und seiner

Brüder Nachtmützen, setzte diese Menschenfressers Töchtern auf und deren

Krönlein sich und seinen Brüdern.

Der Menschenfresser trank vielen Wein, und da kam ihn seine böse Lust

wieder an, die Kinder zu morden, nahm sein Messer und schlich sich in

die Schlafkammer, wo sie schliefen, willens, ihnen die Hälse

abzuschneiden. Es war aber stockdunkel in der Kammer, und der

Menschenfresser tappte blind umher, bis er an ein Bette stieß, und

fühlte nach den Köpfen der darin Schlafenden. Da fühlte er die Krönchen

und sprach: „Halt da! Das sind deine Töchter. Bald hättest du

betrunkenes Schaf einen Eselsstreich gemacht!“

Nun tappelte er nach dem andern Bette, fühlte da die Nachtmützen und

schnitt seinen sieben Töchtern die Hälse ab, einer nach der andern. Dann

legte er sich nieder und schlief seinen Rausch aus. Wie der Däumling ihn

schnarchen hörte, weckte er seine Brüder, schlich sich mit ihnen aus dem

Hause und suchte das Weite. Aber wie sehr sie auch eilten, so wußten sie

doch weder Weg noch Steg und liefen in der Irre herum voll Angst und

Sorge, nach wie vor.

Als der Morgen kam, erwachte der Menschenfresser und sprach zu seiner

Frau: „Geh und richte die Krabben zu, die gestrigen!“ Sie meinte, sie

sollte die Kinder nun wecken, und ging voll Angst um sie hinauf in die

Kammer. Welch ein Schrecken für die Frau, als sie nun sah, was geschehen

war; sie fiel gleich in Ohnmacht über diesen schrecklichen Anblick, den

sie da hatte. Als sie nun dem Menschenfresser zu lange blieb, ging er

selbst hinauf, und da sah er, was er angerichtet. Seine Wut, in die er

geriet, ist nicht zu beschreiben. Jetzt zog er die Siebenmeilenstiefel

an, die er hatte, das waren Stiefel, wenn man damit sieben Schritte tat,

so war man eine Meile gegangen, das war nichts Kleines. Nicht lange, so

sahen die sieben Brüder ihn von weitem über Berg und Täler schreiten und

waren sehr in Sorgen, doch Däumling versteckte sich mit ihnen in die

Höhlung eines großen Felsens. Als der Menschenfresser an diesen Felsen

kam, setzte er sich darauf, um ein wenig zu ruhen, weil er müde geworden

war, und bald schlief er ein und schnarchte, daß es war, als brause ein

Sturmwind. Wie der Menschenfresser so schlief und schnarchte, schlich

sich Däumling hervor wie ein Mäuschen aus seinem Loch und zog ihm die

Meilenstiefel aus und zog sie selber an. Zum Glück hatten diese Stiefel

die Eigenschaft, an jeden Fuß zu passen, wie angemessen und angegossen.

Nun nahm er an jede Hand einen seiner Brüder, diese faßten wieder

einander an den Händen, und so ging es, hast du nicht gesehen, mit

Siebenmeilenstiefelschritten nach Hause. Da waren sie alle willkommen,

Däumling empfahl seinen Eltern, ein sorglich Auge auf die Brüder zu

haben, er wolle nun mit Hilfe der Stiefel schon selbst für sein

Fortkommen sorgen, und als er das kaum gesagt, so tat er einen Schritt

und er war schon weit fort, noch einen und er stand über eine halbe

Stunde auf einem Berge, noch einen, und er war den Eltern und Brüdern

aus den Augen.

Nach der Hand hat der Däumling mit seinen Stiefeln sein Glück gemacht

und viele große und weite Reisen, hat vielen Herren gedient, und wenn es

ihm wo nicht gefallen hat, ist er spornstreichs weitergegangen. Kein

Verfolger zu Fuß noch zu Pferd konnte ihn einholen, und seine Abenteuer,

die er mit Hilfe seiner Stiefel bestand, sind nicht zu beschreiben.

Der Zauberwettkampf.

Einstmals ging ein junger Buchbindergeselle in die Fremde und wanderte,

bis kein Kreuzerlein mehr in seiner Tasche klimperte. Da endlich nötigte

ihn sein gespanntes Verhältnis mit dem schlaffgewordenen Geldbeutel

ernstlich der Arbeit nachzufragen, und bald ward er auch von einem

Meister angenommen und bekam es sehr gut, sehr gut. Sein Meister sprach

zu ihm: „Gesell, du wirst es gut bei mir haben; die Arbeit, die du

täglich zu tun hast, ist ganz geringe. Du kehrst nur die Bücher hier

alle Tage recht säuberlich ab und stellst sie dann nach der Ordnung

wieder auf. Aber dieses _eine_ Büchlein, welches hier apart steht,

darfst du nicht anrühren, viel weniger hineinsehen, sonst ergeht dir’s

schlimm, Bursche, merke dir’s. Dagegen kannst du in den andern Büchern

lesen, soviel du nur magst.“

Der Geselle beherzigte die Worte seines Meisters sehr wohl und hatte

zwei Jahre lang die besten Tage, indem er täglich nur die Bücher

säuberte, dann in manchem derselben las und dabei die vortrefflichste

Kost hatte — jenes verbotene Büchlein ließ er gänzlich unangerührt.

Dadurch erwarb er sich das volle Vertrauen seines Herrn, so daß dieser

öfters tagelang vom Hause entfernt blieb und auch zuweilen eine Reise

unternahm. Aber wie stets den Menschen nach Verbotenem gelüstet, so

regte sich einstmals, als der Meister auf mehrere Tage verreist war, in

dem Gesellen eine mächtige Begierde, endlich doch zu wissen, was in dem

Büchlein stehe, das immer ganz heilig an seinem bestimmten Orte lag. —

Denn alle andern Bücher hatte er bereits durchgelesen. Zwar sträubte

sich sein Gewissen, das Verbotene zu tun, aber die Neugierde war

mächtiger; er nahm das Büchlein, schlug es auf und fing an, darinnen zu

lesen. In dem Büchlein standen die größesten, kostbarsten Geheimnisse,

die größesten Zauberformeln waren darinnen enthalten, und es stellte

sich dem staunenden, höchst verwunderten Gesellen nach und nach alles so

sonnenklar heraus, daß er schon anfing, Versuche im Zaubern zu machen.

Alles gelang. Sprach der Bursche ein kräftiges Zaubersprüchlein aus

diesem Büchlein, so lag im Nu das Gewünschte vor ihm da. Auch lehrte das

Büchlein jede menschliche Gestalt in eine andere zu verwandeln. Nun

probierte er mehr und mehr und zuletzt machte er sich zu einer Schwalbe,

nahm das Büchlein und flog im schnellsten Fluge seiner Heimat zu. Sein

Vater war nicht wenig erstaunt, als eine Schwalbe zu seinem Fenster

einflog und plötzlich dann aus ihr sein Sohn wurde, den er zwei Jahre

lang nicht gesehen. Der Bursche aber drückte den Alten herzlich an seine

Brust und sprach: „Vater, nun sind wir glücklich und geborgen, ich

bringe ein Zauberbüchlein mit, durch welches wir die reichsten Leute

werden können.“ Das gefiel dem Alten wohl, denn er lebte sehr dürftig.

Bald darauf machte sich der junge Zauberer zu einem überaus großen,

fetten Ochsen und sprach zu seinem Vater: „Nun, führet mich zum Markt

und verkauft mich, aber fordert ja viel, recht viel, man wird mich teuer

bezahlen, und vergesset ja nicht das kleine Stricklein, welches um

meinen linken Hinterfuß gebunden ist, abzulösen, und wieder mit

heimzunehmen, sonst bin ich verloren.“

Das machte der Vater alles so; er verkaufte den Ochsen für ein schweres

Geld, denn als er nun mit ihm auf dem Markte erschien, versammelte sich

gleich ein Haufen Volkes um ihn, alles bewunderte den Raritätsochsen,

und Christen und Juden schlugen sich darum, ihn zu kaufen. Der Käufer

aber, der das höchste Gebot tat und bezahlte, und den Ochsen im Triumph

von dannen führte, hatte am andern Morgen statt des herrlichen Ochsen

ein Bündlein Stroh in seinem Stalle liegen. Und der Buchbindergeselle —

der war wohlgemut wieder daheim bei seinem Vater und lebte mit ihm

herrlich und in Freunden von dem Gelde. Manch einer macht sich auch zu

einem großen fetten Ochsen, aber keiner kauft ihn teuer.

Bald darauf verzauberte der Bursch sich wieder in einen prächtigen

Rappen, und ließ sich von seinem Vater auf den Roßmarkt führen und

verkaufen. Da lief wieder das Volk zusammen, um das wunderschöne

glänzend schwarze Roß zu sehen. — Jener Meister Buchbinder aber, als er

nach Hause zurückgekehrt war, hatte gleich gesehen, was vorgegangen, und

da er eigentlich kein Buchbinder, sondern ein mächtiger Zauberer war,

der nur zum Schein diese Beschäftigung trieb, so wußte er auch gleich,

wieviel es geschlagen hatte, und setzte dem Entflohenen nach. Auf jenem

Roßmarkt nun war der Meister unter den Käufern, und da er alle Stücklein

des Zauberbüchelchens kannte, so merkte er alsobald, was es für eine

Bewandtnis mit dem Pferd habe, und dachte: Halt, jetzt will ich dich

fangen. Und so suchte er für jeden Preis das Pferd zu kaufen, was ihm

auch ohne große Mühe gelang, weil er es gleich um den ersten Kaufpreis

annahm. Der Vater kannte den Käufer nicht, aber das Pferd fing an heftig

zu zittern und zu schwitzen, und gebärdete sich äußerst scheu und

ängstlich, doch es konnte der Vater die nun so gefährliche Lage seines

Sohnes nicht ahnen. Als das Pferd des neuen Eigentümers eingeführt und

an den für dasselbe bestimmten Platz gestellt war, wollte der Vater

wieder das Stricklein ablösen; aber der Käufer ließ dieses durchaus

nicht zu, da er sehr wohl wußte, daß es dann um seinen Fang geschehen

wäre. So mußte denn der Vater ohne Stricklein abziehen, und dachte in

seinem Sinn: er wird sich schon selbst helfen, kann er so viel, daß er

sich zu einem Pferde macht, kann er sich gewiß auch wieder durch seine

Zauberkunst dort in dem Stall losmachen und heimkommen.

Ludwig Bechsteins Märchenbuch Mit 176 Holzschnitten nach Originalzeichnungen von Ludwig Richter · 第 11 / 26 段