Da dachte der dritte Hund: die Hochzeitgäste sind beim Schmaus in voller

Arbeit, und kalte und warme Speisen wechseln ab, wollte daher nichts

versäumen und wenigstens zum Nachtisch da sein, wenn der mürbe Kuchen

aufgetragen wird. Eilte sich was er konnte. Kaum aber war er im Hause,

so erwischte ihn einer, klemmte ihm den Schwanz zwischen die Stubentür,

gerbte ihm das Fell windelweich und klemmte so lange, bis die Haut vom

Schwanze sich abstreifte und der Hund verschändet entsprang.

„Nun, wie hat es dir auf der Hochzeit gefallen?“ fragten die Freunde,

jeder mit etwas Spott im Herzen. Der Übelzugerichtete zog seinen

geschundenen Schwanz, so gut es gehen wollte, zwischen die Beine, daß

man diesen nicht sah, und sprach: „Ganz wohl, es ging recht toll her und

gab viel Mürbes, aber Haare lassen muß einer können.“

Und da dachten die drei Hunde noch lange daran, wie wohl ihnen die

Hochzeitsuppe, die Hochzeitbrühe und der Hochzeitkuchen geschmeckt

hatte, und vom Braten hat jeder genug gerochen.

Der Hase und der Fuchs.

Ein Hase und ein Fuchs reisten beide miteinander. Es war Winterszeit,

grünte kein Kraut, und auf dem Felde kroch weder Maus noch Laus. „Das

ist ein hungriges Wetter,“ sprach der Fuchs zum Hasen, „mir schnurren

alle Gedärme zusammen.“ — „Jawohl,“ antwortete der Hase. „Es ist überall

Dürrhof, und ich möchte meine eignen Löffel fressen, wenn ich damit ins

Maul langen könnte.“

So hungrig trabten sie miteinander fort. Da sahen sie von weitem ein

Bauernmädchen kommen, das trug einen Handkorb, und aus dem Korb kam dem

Fuchs und dem Hasen ein angenehmer Geruch entgegen, der Geruch von

frischen Semmeln. „Weißt du was!“ sprach der Fuchs: „Lege dich hin der

längelang und stelle dich tot. Das Mädchen wird seinen Korb hinstellen

und dich aufheben wollen, um deinen armen Balg zu gewinnen, denn

Hasenbälge geben Handschuhe; derweilen erwische ich den Semmelkorb, uns

zum Troste.“

Der Hase tat nach des Fuchsen Rat, fiel hin und stellte sich tot, und

der Fuchs duckte sich hinter eine Windwehe von Schnee. Das Mädchen kam,

sah den frischen Hasen, der alle viere von sich streckte, stellte

richtig den Korb hin und bückte sich nach dem Hasen. Jetzt wischte der

Fuchs hervor, erschnappte den Korb und strich damit querfeldein, gleich

war der Hase lebendig und folgte eilend seinem Begleiter. Dieser aber

stand gar nicht still und machte keine Miene, die Semmeln zu teilen,

sondern ließ merken, daß er sie allein fressen wollte. Das vermerkte der

Hase sehr übel. Als sie nun in die Nähe eines kleinen Weihers kamen,

sprach der Hase zum Fuchs: „Wie wäre es, wenn wir uns eine Mahlzeit

Fische verschafften? Wir haben dann Fische und Weißbrot, wie die großen

Herren! Hänge deinen Schwanz ein wenig ins Wasser, so werden die Fische,

die jetzt auch nicht viel zu beißen haben, sich daran hängen. Eile aber,

ehe der Weiher zufriert.“

Das leuchtete dem Fuchs ein, er ging hin an den Weiher, der eben

zufrieren wollte, und hing seinen Schwanz hinein, und eine kleine Weile,

so war der Schwanz des Fuchses fest angefroren. Da nahm der Hase den

Semmelkorb, fraß die Semmeln vor des Fuchses Augen ganz gemächlich, eine

nach der andern, und sagte zum Fuchs: „Warte nur, bis es auftaut, warte

nur bis ins Frühjahr, warte nur, bis es auftaut!“ und lief davon, und

der Fuchs bellte ihm nach, wie ein böser Hund an der Kette.

Gott Überall.

Es waren ein Paar Geschwister, hießen Görgel und Lieschen, seelengute

Kinder, die blieben einmal ganz allein zu Hause; ihre Eltern waren über

Feld gegangen und trugen Körbe, die sie von Weiden geflochten hatten,

zum Verkauf in die Stadt. Zwar hatten die guten Eltern ihren Kindern,

Görgeln und Lieschen, jedem ein ziemliches Stück Brot gegeben, davon sie

sich diesen Tag über nähren sollten; allein bald hatte Görgel seines

aufgezehrt und verspürte noch Eßlust, hatte aber nichts mehr zu brocken

und nichts mehr zu beißen. Lieschen gab ihm noch ein wenig von ihrem

Brot, doch auch dieses sättigte den Jungen nicht ganz, und er fing an

mit schelmischen Schmeichelworten zu seinem jüngern Schwesterchen zu

reden: „Komm, lieb’ Lieschen, wir wollen ein wenig von dem süßen

Rübensaft naschen, den die Mutter draußen im Schrank aufbewahrt, es ist

ein großer Topf voll, sie merkt es gewiß nicht daran, und es sieht’s ja

auch gar niemand.“ Aber Lieschen sprach: „Ei, du bist sehr böse, Görgel,

wenn du das tust; siehst du nicht die Sonnenstrahlen dort am Schrank?

die läßt der liebe Gott hinanscheinen, und der sieht’s auch, wenn wir

naschen.“ Da sprach Görgel: „So wollen wir auf den Dachboden gehen, wo

die Mutter schöne Birnen liegen hat, davon wollen wir essen, dort ist

kein Fenster, kann die Sonne nicht hineinscheinen und dort sieht uns

also der liebe Gott auch nicht.“

Lieschen weigerte sich anfangs, endlich gingen die Kinder doch nach dem

Dachboden; aber hier fielen die gebrochenen Sonnenstrahlen reichlich

durch die Lücken der Dachziegel und flimmerten ganz eigentümlich über

den Birnen, als wenn sie darauf tanzten, und Lieschen sprach wieder: „O

Görgel, auch hier sieht uns der liebe Gott, hier dürfen wir nicht

naschen.“ Sie gingen wieder herunter, und auf der Treppe fiel dem Görgel

etwas bei, was er gleich aussprach: „Ei, im Keller hat die Mutter ein

Töpfchen voll Rahm (Sahne) stehen, und drunten ist’s ganz dunkel, da

kann unmöglich der liebe Gott hineinsehen; komm, laß uns hinuntergehen,

Lieschen, komm geschwind, geschwind!“ — Görgel faßte sein zögerndes

Schwesterchen fest an der Hand und zog es schnell mit sich fort,

hinunter in den Keller, wo er sorgfältig die Türe von innen zumachte,

daß kein Tag hineinscheine und es der liebe Gott nicht sähe, wenn sie

von dem Rahm naschten. Aber nach einigen Minuten wurde es ein wenig

licht im Keller, Lieschen sah, daß durch eine Mauerspalte die liebe

Sonne hereinschien, und gerade auf das Rahmtöpfchen, da erschrak das

gute Lieschen und ging eilig wieder hinauf in die Stube. Görgel aber

blieb, verstopfte ärgerlich die Spalte mit Moos und fing an, von dem

Rahm zu essen. Doch wie er im besten Lecken und Schlecken war, rollte

ein mächtiger Donner über ihn, und der Blitz zuckte durch die

Mauerspalte, daß es ganz hell und feurig im Keller war, und ein

schwarzer Mann stieg aus einer Ecke des Kellers, schritt auf Görgeln zu

und setzte sich ihm gerade gegenüber; er hatte zwei feurige Augen, mit

denen er fort und fort nach dem Rahmtöpfchen hinfunkelte, so daß der

Görgel vor Angst keinen Finger regen konnte und daß er ganz stillsitzen

bleiben mußte.

Indessen war zum Lieschen droben in der Stube ein gar holdes Engelein

gekommen, hatte ihm, nebst vielen schönen Spielsachen und Kleidern, auch

Zuckerküchlein und süße Milch gebracht, und hatte so lange mit Lieschen

gespielt, bis dessen Eltern zurückkamen, die mit großer Freude die

schönen Sachen betrachteten. Als dieselben nach dem Görgel fragten,

erschrak Lieschen, denn sie hatte über die schönen Geschenke von dem

Engelskindlein ganz vergessen, daß ihr Bruder im Keller geblieben war,

und rief nun: „Ach, du lieber Gott, der ist ja noch im Keller, wir

wollen ihn geschwinde holen, vielleicht kann er die Türe nicht wieder

aufbringen.“ Alle gingen schnell hinunter, machten die Kellertüre auf

und siehe, da saß Görgel noch ganz starr und hielt den Rahmtopf in der

Hand. Und wie er das Geräusch hörte und seine Mutter sahe, erschrak er

heftig und fuhr zusammen und weinte. Und die Mutter nahm ihm den

halbgeleerten Rahmtopf aus den Händen führte ihn heraus aus dem Keller

und gab ihm seinen wohlverdienten Plätzer.

Der Görgel hat aber in seinem ganzen Leben nicht wieder genascht, und

wenn später manchmal andre ihn zu etwas Bösem verleiten wollten und zu

Taten, die das Licht scheuen, so sagte er immer: „Ich tu’s nicht, ich

gehe nicht mit, der Gott Überall sieht’s, Gott behüte mich!“ — Und ist

ein durchaus rechtlicher und braver Mann geworden.

Der beherzte Flötenspieler.

Es war einmal ein lustiger Musikant, der die Flöte meisterhaft spielte;

er reiste daher in der Welt herum, spielte auf seiner Flöte in Dörfern

und in Städten und erwarb sich dadurch seinen Unterhalt. So kam er auch

eines Abends auf einen Pachtershof und übernachtete da, weil er das

nächste Dorf vor einbrechender Nacht nicht erreichen konnte. Er wurde

von dem Pachter freundlich aufgenommen, mußte mit ihm speisen und nach

geendigter Mahlzeit einige Stücklein auf seiner Flöte vorspielen. Als

dieses der Musikant getan hatte, schaute er zum Fenster hinaus und

gewahrte in kurzer Entfernung bei dem Scheine des Mondes eine alte Burg,

die teilweise in Trümmern zu liegen schien. „Was ist das für ein altes

Schloß?“ fragte er den Pachter, „und wem hat es gehört?“ Der Pachter

erzählte, daß vor vielen, vielen Jahren ein Graf da gewohnt hätte, der

sehr reich, aber auch sehr geizig gewesen wäre. Er hätte seine

Untertanen sehr geplagt, keinem armen Menschen ein Almosen gegeben und

sei endlich ohne Erben (weil er aus Geiz sich nicht einmal verheiratet

habe) gestorben. Darauf hätten seine nächsten Anverwandten die Erbschaft

in Besitz nehmen wollen, hätten aber nicht das geringste Geld gefunden.

Man behaupte daher, er müsse den Schatz vergraben haben und dieser möge

heute noch in dem alten Schloß verborgen liegen. Schon viele Menschen

wären des Schatzes wegen in die alte Burg gegangen, aber keiner wäre

wieder zum Vorschein gekommen. Daher habe die Obrigkeit den Eintritt in

dies alte Schloß untersagt und alle Menschen im ganzen Lande ernstlich

davor gewarnt. — Der Musikant hatte aufmerksam zugehört, und als der

Pachter seinen Bericht geendigt hatte, äußerte er, daß er großes

Verlangen habe, auch einmal hineinzugehen, denn er sei beherzt und kenne

keine Furcht. Der Pachter bat ihn aufs dringendste und endlich schier

fußfällig, doch ja sein junges Leben zu schonen und nicht in das Schloß

gehen. Aber es half kein Bitten und Flehen, der Musikant war

unerschütterlich.

Zwei Knechte des Pachters mußten ein paar Laternen anzünden und den

beherzten Musikanten bis an das alte schaurige Schloß begleiten. Dann

schickte er sie mit _einer_ Laterne wieder zurück, er aber nahm die

zweite in die Hand und stieg mutig eine hohe Treppe hinan. Als er diese

erstiegen hatte, kam er in einen großen Saal, um den ringsherum Türen

waren. Er öffnete die erste und ging hinein, setzte sich an einen darin

befindlichen altväterischen Tisch, stellte sein Licht darauf und spielte

die Flöte. Der Pachter aber konnte die ganze Nacht vor lauter Sorgen

nicht schlafen und sah öfters zum Fenster hinaus. Er freute sich

jedesmal unaussprechlich, wenn er drüben den Gast noch musizieren hörte.

Doch als seine Wanduhr elf schlug und das Flötenspiel verstummte,

erschrak er heftig und glaubte nun nicht anders, als der Geist oder der

Teufel, oder wer sonst in diesem Schlosse hauste, habe dem schönen

Burschen nun ganz gewiß den Hals umgedreht. Doch der Musikant hatte ohne

Furcht sein Flötenspiel abgewartet und gepflegt; als aber sich endlich

Hunger bei ihm regte, weil er nicht viel bei dem Pachter gegessen hatte,

so ging er in dem Zimmer auf und nieder und sah sich um. Da erblickte er

einen Topf voll ungekochter Linsen stehen, auf einem andern Tische stand

ein Gefäß voll Wasser, eines voll Salz und eine Flasche Wein. Er goß

geschwind Wasser über die Linsen, tat Salz daran, machte Feuer in dem

Ofen an, weil auch schon Holz dabei lag, und kochte sich eine

Linsensuppe. Während die Linsen kochten, trank er die Flasche Wein leer

und dann spielte er wieder Flöte. Als die Linsen gekocht waren, rückte

er sie vom Feuer, schüttete sie in die auf dem Tische schon

bereitstehende Schüssel und aß frisch darauflos. Jetzt sah er nach

seiner Uhr und es war um die elfte Stunde. Da ging plötzlich die Türe

auf, zwei lange schwarze Männer traten herein und trugen eine

Totenbahre, auf der ein Sarg stand. Diesen stellten sie, ohne ein Wort

zu sagen, vor den Musikanten, der sich keineswegs im Essen stören ließ,

und gingen ebenso lautlos, wie sie gekommen waren, wieder zur Türe

hinaus. Als sie sich nun entfernt hatten, stand der Musikant hastig auf

und öffnete den Sarg. Ein altes Männchen, klein und verhutzelt, mit

grauen Haaren und grauem Barte lag darinnen; aber der Bursche fürchtete

sich nicht, nahm es heraus, setzte es an den Ofen und kaum schien es

erwärmt zu sein, als sich schon Leben in ihm regte. Er gab ihm hierauf

Linsen zu essen und war ganz mit dem Männchen beschäftigt, ja fütterte

es wie eine Mutter ihr Kind. Da wurde das Männchen ganz lebhaft und

sprach zu ihm: „Folge mir!“ Das Männchen ging voraus, der Bursche aber

nahm seine Laterne und folgte ihm sonder Zagen. Es führte ihn nun eine

hohe verfallene Treppe hinab und so gelangten endlich beide in ein

tiefes schauerliches Gewölbe.

Hier lag ein großer Haufen Geld. Da gebot das Männchen dem Burschen:

„Diesen Haufen teile mir in zwei ganz gleiche Teile, aber daß nichts

übrigbleibt, sonst bringe ich dich ums Leben!“ Der Bursche lächelte

bloß, fing sogleich an zu zählen auf zwei große Tische herüber und

hinüber und brachte so das Geld in kurzer Zeit in zwei gleiche Teile,

doch zuletzt — war noch ein Kreuzer übrig. Der Musikant aber besann sich

kurz, nahm sein Taschenmesser heraus, setzte es auf den Kreuzer mit der

Schneide und schlug ihn mit einem dabeiliegenden Hammer entzwei. Als er

nun die eine Hälfte auf diesen, die andere auf jenen Haufen warf, wurde

das Männchen ganz heiter und sprach: „Du himmlischer Mann, du hast mich

erlöst! Schon hundert Jahre muß ich meinen Schatz bewachen, den ich aus

Geiz zusammengescharrt habe, bis es einem gelingen würde, das Geld in

zwei gleiche Teile zu teilen. Noch nie ist es einem gelungen und ich

habe sie alle erwürgen müssen. Der eine Haufe Geld ist nun dein, den

andern aber teile unter die Armen. Göttlicher Mensch, du hast mich

erlöst!“ Darauf verschwand das Männchen. Der Bursche aber stieg die

Treppe hinan und spielte in seinem vorigen Zimmer lustige Stücklein auf

seiner Flöte.

Da freute sich der Pachter, daß er ihn wieder spielen hörte, und mit dem

frühesten Morgen ging er auf das Schloß (denn am Tage durfte jedermann

hinein) und empfing den Burschen voller Freude. Dieser erzählte ihm die

Geschichte, dann ging er hinunter zu seinem Schatz, tat wie ihm das

Männchen befohlen hatte und verteilte die eine Hälfte unter die Armen.

Das alte Schloß aber ließ er niederreißen und bald stand an der vorigen

Stelle ein neues, wo nun der Musikant als reicher Mann wohnte.

Der Hasenhüter.

Es hatte ein reicher König eine sehr schöne Tochter; als diese sich

verheiraten wollte, mußten sich alle Freier, die sich eingefunden

hatten, auf einer großen grünen Wiese versammeln, da warf sie nun einen

goldnen Apfel mehrmal in die Luft und wer ihn auffing und sich

unterstand, drei Bund oder drei Aufgaben, die sie selbst aufgab, zu

lösen, der sollte sie dann zur Gemahlin haben. Da hatten nun viele den

Apfel aufgefangen, zuletzt auch ein schöner muntrer Schäfersbursch, aber

von allen war keiner imstande, die drei Aufgaben zu lösen. Da kam nun

die Reihe an den Schäfersburschen, als an den letzten und geringsten

unter den Freiern. Die erste Aufgabe war die: Der König hatte in einem

Stalle hundert Hasen, wer die auf die Weide trieb, hütete und am Abend

alle wieder zurückbrachte, der hatte die erste Aufgabe erledigt. Als das

der Schäfersbursche vernahm, sprach er, er wollte sich erst noch einen

Tag darüber besinnen, am andern Tage aber ganz gewiß bestimmen, ob er

sich getraue, die Sache zu unternehmen oder nicht. Nun lief aber der

Schäfersbursche auf den Bergen umher und war traurig, denn er scheute

sich vor dem gewagten Unternehmen. Da begegnete ihm ein altes Mütterchen

und fragte ihn nach der Ursache seiner Traurigkeit; er aber sagte: „Ach,

mir kann niemand helfen.“ Da sprach das graue Mütterchen: „Urteile nicht

so vorlaut; sage dein Anliegen, vielleicht kann ich dir helfen.“ Und da

erzählte er denn die Aufgabe. Da gab ihm das Mütterchen ein Pfeifchen

und sagte: „Hebe es wohl auf, es wird dir nützen!“ und ehe noch der

Bursche sich bedankt hatte, war das Mütterchen verschwunden. Nun ging er

fröhlich hin zum König und sprach: „Ich will die Hasen hüten!“ Und da

wurden sie aus dem Stalle herausgelassen. Als aber der letzte heraus

war, sah man den ersten schon nicht mehr, der war schon über alle Berge.

Der Bursche aber ging hinaus aufs Feld und setzte sich auf einen grünen

Hügel und dachte: Was fang ich an? Da fiel ihm sein Pfeifchen ein; er

tat es schnell heraus und pfiff, da kamen die hundert Hasen alle wieder

gesprungen und weideten lustig um ihn herum an dem grünen Hügel.

Dem König und der schönen Prinzessin aber war gar nichts daran gelegen,

daß der Schäfer die Aufgabe löse und die Prinzessin sich gewinne, weil

er ein so geringer Schlucker war und nicht hochgeboren, und sie sannen

auf Listen, wie sie machen wollten, daß der Hasenhüter seine Herde nicht

vollzählig heimbringe.

Da kam die Königstochter dahergegangen und hatte sich verkleidet und ihr

Gesicht verändert, daß er sie nicht kennen sollte, aber er kannte sie

doch. Als sie nun die Hasen noch alle erblickte, fragte sie: „Kann man

hier nicht einen von den Hasen kaufen?“ Da sagte der Bursche: „Zu

verkaufen gibt’s keinen, aber abzuverdienen!“ Da fragte sie weiter: „Wie

ist das zu verstehen?“ Da sprach der Bursche: „Wenn Ihr Euch mir zum

Liebchen gebet und eine süße Schäferstunde mit mir haltet!“ Sie wollte

aber nicht. Da sie aber doch gern einen Hasen wollte und er keinen

anders hergab, so bequemte sie sich endlich doch dazu. Da er sie nun

genugsam geherzt und geküßt hatte, fing er ihr einen Hasen und steckte

ihn in ihr Handkörbchen, und sie ging fort. Als sie nun wohl eine

Viertelstunde weit von ihm weg war, pfiff er auf seinem Pfeifchen, und

geschwind drückte der Hase den Deckel des Körbchens auf, sprang heraus

und kam wieder gesprungen.

Nicht lange währte es, da kam der alte König und hatte sich auch

vermummt, aber der Bursche kannte ihn doch. Der König kam auf einem Esel

geritten und hatte hüben und drüben einen Korb hängen. Der König fragte:

„Wird kein Hase verkauft?“ — „Nein, verkauft nicht, aber abverdient kann

einer werden!“ antwortete ihm dreist der Bursche. „Wie ist das zu

verstehen?“ fragte der König. „Wenn Ihr den Esel hier unter den Schwanz

küßt,“ begann der Bursche, „sollt Ihr einen haben!“ Das wollte der König

aber nicht tun; und er bot ihm schweres Geld, wenn er einen verkaufen

wollte; der Bursche aber tat es nicht. Da nun der König sah, daß er

keinen Hasen zu kaufen kriegte, bequemte er sich endlich dazu und gab

dem Esel einen tüchtigen Schmatz unter den Schwanz; dann wurde ein Hase

gefangen, in den einen Korb am Esel gesteckt und der König zog fort. Er

war aber noch nicht weit, da pfiff der Bursche, und der Hase hüpfte aus

dem Korbe heraus und kam wieder. Darauf kam der König nach Hause und

sagte: „Es ist ein loser Bursche, ich konnte keinen Hasen bekommen!“ Was

er getan hatte, sagte er nicht. „Ja!“ erwiderte die Prinzessin, „so ging

mir es auch!“ Was sie aber getrieben hatte, gestand sie auch nicht. Als

es Abend war, kam der Bursche mit seinen Hasen und zählte dem Könige sie

vor, alle hundert zum Stall hinein.

Nun begann der König: „Die erste Aufgabe ist gelöst und nun geht es an

die zweite! Merk auf! Hundert Maß Erbsen und hundert Maß Linsen liegen

auf meinem Boden, diese habe ich untereinanderschütten und wohl

durchmengen lassen, wenn du diese in einer Nacht ohne Licht

auseinandersonderst, dann hast du die zweite Aufgabe vollbracht.“ Der

Bursche sprach: „Ich kann es!“ Und da wurde er auf den Boden gesperrt

und es wurde die Türe fest verschlossen. Da nun alles im Schlosse ruhig

war, pfiff er auf seinem Pfeifchen; da kamen gekrochen viele tausend

Ameisen und wimmelten und kribbelten so lange, bis die Erbsen wieder auf

einem besondern Haufen waren und die Linsen auch. Als nun früh der König

nachsah, war die Aufgabe gelöst, die Ameisen aber sah er nicht, die

waren wieder fort. Der König wunderte sich und wußte nicht, wie es der

Kerl machte. Darauf sprach er: „Ich will dir nun auch die dritte Aufgabe

sagen. Wenn du in künftiger Nacht dich durch eine große Kammer voll Brot

hindurchissest, daß nichts übrigbleibt, dann hast du die dritte Aufgabe

vollbracht und dann sollst du meine Tochter haben!“

Als es nun dunkel war, wurde der Bursche in eine Brotkammer gesteckt,

die war so voll, daß bei der Türe nur ein Plätzchen leer war, wo er

hintrat. Wie aber alles ruhig im Schlosse war, pfiff er wieder auf

seinem Pfeifchen; da kamen daher so viele Mäuse, daß es ihm schier

unheimlich wurde; und als es tagte, war das Brot alles aufgefressen, daß

kein Krümchen mehr übrig war! Er aber polterte an der Türe und schrie:

„Macht auf! Ich habe Hunger!“ Da war nun auch die dritte Aufgabe gelöst.

Der König aber sagte: „Sage uns zum Spaß noch einen Sack voll Lügen,

dann sollst du meine Tochter bekommen!“ Da fing der Bursche an und sagte

schreckliche Lügen einen halben Tag lang, aber der Sack wollte immer

nicht voll werden. Da erzählte er endlich: „Ich habe mit der

allerliebsten Prinzessin, meiner Braut, auch schon ein Schäferstündchen

gehalten!“ Bei diesen Worten wurde sie feuerrot, der König sah sie an

und ob es gleich Lügen sein sollten, so glaubte er’s doch, und bildete

sich schon ein, wie und wo es geschehen sei. „Der Sack ist aber noch

nicht voll!“ rief er. Da begann der Bursche: „Der Herr König hat auch

den Esel.“ — „Er ist voll, er ist voll! Strickt zu!“ rief der König,

denn er schämte sich und wollte es nicht wissen lassen, welche Ehre dem

Esel durch seinen königlichen Mund zuteil geworden war, da sein ganzer

Hofstaat im Kreise herumstand. Und wurde die Hochzeit des

Schäferburschen mit der Königstochter gefeiert, vierzehn Tage lang, und

da ging es so hoch her und so lustig zu, daß, der es erzählt hat,

wünscht, er wäre auch ein Gast dabeigewesen.

Das Märchen vom Mann im Monde.

Vor uralten Zeiten ging einmal ein Mann am lieben Sonntagmorgen in den

Wald, haute sich Holz ab, eine großmächtige Welle, band sie, steckte

einen Staffelstock hinein, huckte die Welle auf und trug sie nach Hause

zu.

Da begegnete ihm unterwegs ein hübscher Mann in Sonntagskleidern, der

wollte wohl in die Kirche gehen, blieb stehen, redete den Wellenträger

an und sagte: „Weißt du nicht, daß auf Erden Sonntag ist, an welchem

Tage der liebe Gott ruhte, als er die Welt und alle Tiere und Menschen

geschaffen? Weißt du nicht, daß geschrieben steht im dritten Gebot, du

sollst den Feiertag heiligen?“ Der Fragende aber war der liebe Gott

selbst; jener Holzhauer jedoch war ganz verstockt und antwortete:

„Sonntag auf Erden oder Mondtag im Himmel, was geht das mich an, und was

geht es dich an?“

„So sollst du deine Reisigwelle tragen ewiglich!“ sprach der liebe Gott,

„und weil der Sonntag auf Erden dir so gar unwert ist, so sollst du

fürder ewigen Mondtag haben, und im Mond stehen, ein Warnungsbild für

die, welche den Sonntag mit Arbeit schänden!“

Von der Zeit an steht im Mond immer noch der Mann mit dem Holzbündel,

und wird wohl auch so stehenbleiben bis in alle Ewigkeit.

Der König im Bade.

Es war einmal ein König, dem waren viele Lande deutscher und welscher

Zunge untertan, darob wurde sein Herz übermütig, und er glaubte, es gäbe

in der Welt keinen mächtigen Herrn, außer ihm allein. Nun geschah es,

daß er eines Abends in die Vesper ging, und hörte den Priester die Worte

lesen: _Deposuit potentes de sede, et exaltavit humiles._ Da fragte er,

weil er kein Latein verstand, die gelehrten Männer, die um ihn waren,

was diese Worte bedeuteten? Und da wurde ihm die Deutung: Gott der Herr

wirft die Mächtigen vom Throne, und erhöhet die Niedrigen. Der König

erschrak über diesen Spruch und wurde zornig, und gab ein Gebot, daß

dieser Ausspruch des Evangelisten Lukas fürder nicht mehr solle gelesen

werden, auch solle niemand ihn hören und er solle ganz und gar vertilgt

werden aus den heiligen Büchern. Das Gebot trugen des Königs Sendboten

in alle Lande und zu allen Geistlichen und in alle Klöster. Die Bücher

aber, darin diese Schriftstelle stehenblieb, die sollten verbrannt

werden. Also wurden jene Worte vielfach zerstört und ausgetilgt, und

wurden öffentlich in den Kirchen nicht mehr gelesen oder gesungen.

Ludwig Bechsteins Märchenbuch Mit 176 Holzschnitten nach Originalzeichnungen von Ludwig Richter · 第 10 / 26 段