hatte, wuchs zu seines Vaters und seiner Mutter Freude, und wie er die
Jünglingsjahre erreicht hatte, da hielt es ihn nicht mehr daheim,
sondern es zog ihn in die Ferne, nach Taten und Abenteuern. Nahm daher
Urlaub von seinen Eltern, setzte sich auf sein gesatteltes Rößlein, das
ihm der unbekannte Knabe zum Patengeschenk gegeben, obschon er nicht
wußte, wieviel dieses Rößlein wert war, und ritt frisch und fröhlich
darauf in die Welt hinein. Da ritt er eines Tages durch einen Wald, und
siehe, da lag hart am Wege eine Feder aus dem Rad eines Pfauen, und die
Sonne schien auf die Feder, daß ihre bunten Farben in ihrem Glanze
prächtig leuchteten. Der junge Knabe hielt sein Rößlein an und wollte
absteigen, um die Feder aufzuheben und sie an seinen Hut zu stecken. Da
tat das Rößlein sein Maul auf und sprach: „Ach, laß die Feder auf dem
Grunde liegen!“ Des verwunderte sich der junge Reiter, daß das Rößlein
sprechen konnte, und es kam ihm ein Schauer an; blieb im Sattel, stieg
nicht ab, hob die Feder nicht auf, ritt weiter. Nach einer Zeit geschah
es, daß der Knabe am Ufer eines Bächleins hinritt, siehe, da lag eine
bunte, viel schönere Feder auf dem grünen Gras, als jene war, die im
Walde gelegen hatte, und des Knaben Herz verlangte nach ihr, seinen Hut
damit zu schmücken; denn dergleichen Pracht von einer Feder hatte er all
sein Lebtag noch nicht gesehen. Aber wie er absteigen wollte, sprach das
Rößlein abermals: „Ach, laß die Feder auf dem Grunde!“ Und wieder
verwunderte sich der Knabe über alle Maßen, daß das Rößlein sprach,
während es doch sonst nicht redete, folgte auch dieses Mal, blieb im
Sattel, stieg nicht ab, hob die Feder nicht auf, ritt weiter.
Nun währte es nur eine kleine Zeit, da kam der Knabe an einen hohen
Berg, wollte da hinaufreiten, da lag an seinem Fuße im Wiesengrunde
wieder eine Feder, das war nach seinem Vermeinen aber die allerschönste
in der ganzen weiten Welt, und die mußte er haben. Sie glänzte und
funkelte wie lauter blaue und grüne Edelgesteine oder wie die hellen
Tautropfen in der Morgensonne. Aber wiederum sprach das Rößlein: „Ach,
laß die Feder auf dem Grunde!“ Dieses Mal vermochte der Jüngling dem
Rößlein nicht zu gehorchen und wollte seinen Rat nicht hören, denn es
gelüstete ihn allzusehr nach dem lieblichen und stattlichen Schmuck. Er
stieg ab, hob die Feder vom Grunde und steckte sie auf seinen Hut. Da
sprach das Rößlein: „O weh, was tust du dir zum Schaden? Es wird dich
wohl noch reuen!“ Weiter sprach es nichts. Wie der Jüngling weiterritt,
so kam er an eine stattliche und wohlgebaute Stadt, da sah er viel
geschmückte Bürgersleute, und es kam ihm ein feiner Zug entgegen mit
Pfeifern, Paukern und Trompetern und vielen wehenden Fahnen, und das war
prächtig anzusehen. Und in dem Zuge gingen Jungfrauen, die streuten
Blumen, und die vier schönsten trugen auf einem Kissen eine Königskrone.
Und die Ältesten der Stadt reichten die Krone dem Jüngling und sprachen:
„Heil dir, du uns von Gott gesandter edler Jüngling! Du sollst unser
König sein! Gelobt sei Gott der Herr in alle Ewigkeit!“ Und alles Volk
schrie: „Heil unserm König!“ Der Jüngling wußte nicht wie ihm geschehen,
als er auf seinem Haupt die Königskrone fühlte, kniete nieder und lobte
Gott und den Heiland. Hätte er die erste Feder aufgehoben, so wär’ er
ein Graf geworden; die zweite: ein Herzog, und hätte er die dritte Feder
nicht aufgehoben, so hätte er auf dem Bergesgipfel eine vierte gefunden,
und das Rößlein hätte dann gesprochen: „Diese Feder nimm vom Grunde.“
Dann wär’ er ein mächtiger Kaiser geworden über viele Reiche der Welt,
und die Sonne wäre nicht untergegangen in seinen Landen. Doch war er
auch so zufrieden und ward ein gütiger, weiser, gerechter und frommer
König.
Die sieben Raben.
Wie in der Welt gar viele wunderliche Dinge geschehen, so trug sich’s
auch einmal zu, daß eine arme Frau sieben Knäblein auf einmal gebar; und
diese lebten alle und gediehen alle. Nach etlichen Jahren bekam sie auch
noch ein Töchterchen. Ihr Mann war gar fleißig und tüchtig in seiner
Arbeit, deshalb ihn auch die Leute, welche Handarbeiter bedurften, gerne
in Dienst nahmen, wodurch er nicht nur seine zahlreiche Familie auf
ehrliche Weise ernähren konnte, sondern soviel erwarb, daß auch noch bei
genauer Einrichtung seine brave Hausfrau einen Notpfennig zurücklegen
konnte. Doch dieser treue Vater starb in seinen besten Jahren, und die
arme Witwe geriet bald in Not, denn sie konnte nicht soviel erschaffen,
um ihre acht Kinder zu ernähren und zu kleiden. Dazu wurden die sieben
Knaben immer größer und brauchten immer mehr, und wurden aber auch zur
größten Betrübnis ihrer Mutter immer unartiger, ja, sie wurden sogar
wild und böse. Die arme Frau vermochte kaum zu ertragen, was sie alles
bekümmerte und drückte. Sie wollte doch ihre Kinder gut und fromm
erziehen, und ihre Strenge und Milde fruchtete nichts, der Knaben Herzen
waren und blieben verstockt. Darum sprach sie eines Tages, als ihre
Geduld ganz zu Ende war: „O, ihr bösen Rabenjungen, ich wollte, ihr
wäret sieben schwarze Raben und flöget fort, daß ich euch nimmer
wiedersähe.“ Und alsbald wurden die sieben Knaben zu Rabenvögeln, fuhren
zum Fenster hinaus und verschwanden.
Nun lebte die Mutter mit ihrem einzigen Töchterlein recht stille und
zufrieden, sie verdienten sich mehr noch als sie brauchten. Und die
Tochter wurde ein hübsches gutes und sittsames Mädchen. Doch nach
etlichen Jahren bekamen beide, Mutter und Tochter, gar herzliche
Sehnsucht nach den sieben Brüdern, und sprachen oft von ihnen und
meinten: wenn doch die Brüder wiederkämen, und brave Bursche wären, wie
könnten wir durch unsere Arbeit uns so gut stehen und untereinander so
viele Freude haben. Und weil die Sehnsucht nach ihren Brüdern im Herzen
des Mägdleins immer heftiger wurde, sprach sie einst zur Mutter: „Liebe
Mutter, laß mich fortwandern und die Brüder aufsuchen, daß ich sie
umlenke von ihrem bösen Wesen, und sie dir zuführe zur Ehre und Freude
deines Alters.“ Die Mutter antwortete: „Du gute Tochter, ich kann und
will dich nicht abhalten, die fromme Tat zu vollführen, wandre fort, und
Gott geleite dich!“ Gab ihr darauf ein kleines goldnes Ringelein, das
sie schon als kleines Kind am Finger getragen, wie die Brüder in Raben
verwandelt wurden.
Da machte sich das Mädchen sogleich auf und wanderte fort, gar weit,
weit fort, und fand lange keine Spur von ihren Brüdern; aber einmal kam
sie an einen sehr hohen Berg, auf dessen Höhe ein kleines Häuschen
stand, da hatte sie sich drunten niedergesetzt, um auszuruhen, und
blickte sinnend immer hinauf nach dem Häuschen. Dasselbe kam ihr bald
vor wie ein Vogelnest, denn es sah grau aus, als ob es von Steinchen und
Kot zusammengefügt wäre, bald kam es ihr vor wie eine menschliche
Wohnung. Sie dachte: ob nicht da droben deine Brüder wohnen? Und als sie
endlich sieben schwarze Raben aus dem Häuschen fliegen sah, bestätigte
sich ihre Vermutung noch mehr. Sie machte sich freudig auf, um den Berg
zu ersteigen; doch der Weg, der hinaufführte, war mit so seltsamen,
spiegelglatten Steinen gepflastert, daß sie allemal, wenn sie mit großer
Mühe eine Strecke hinan war, ausglitt und wieder herunterfiel. Da wurde
sie betrübt, und wußte nicht, wie sie nur hinaufkommen könnte. Da sah
sie eine schöne weiße Gans, und dachte: wenn ich nur deine Flügel hätte,
so wollte ich bald droben sein. Dann dachte sie wieder: kann ich mir
denn ihre Flügel nicht abschneiden? Ei, dann wäre mir ja geholfen! Und
sie fing rasch die schöne Gans, schnitt ihr die Flügel ab, und auch die
Beine, und nähte sich dieselben an. Und siehe, wie sie das Fliegen
probierte, ging es so schön, so leicht und gut, und wenn sie müde war
vom Fliegen, lief sie ein wenig mit den Gänsefüßen, und glitt nicht
einmal wieder aus. So kam sie schnell und gut an das langersehnte Ziel.
Droben ging sie hinein in das Häuschen, doch war es sehr klein; drinnen
standen sieben winzigkleine Tischchen, sieben Stühlchen, sieben
Bettchen, und in der Stube waren auch sieben Fensterchen, und in dem
Ofen standen sieben Schüsselchen, darauf lagen gebratene Vögelchen und
gesottene Vogeleier. Die gute Schwester war von der weiten Reise müde
geworden, und freute sich nun, einmal ordentlich ausruhen zu können;
auch fühlte sie Hunger. Da nahm sie die sieben Schüsselchen aus dem
Ofen, und aß von einem jeden ein wenig, und setzte sich auf jedes
Stühlchen ein wenig, und legte sich in jedes Bettchen ein wenig, und in
dem letzten Bettchen schlief sie ein, und blieb darinnen liegen, bis die
sieben Brüder zurückkamen. Diese flogen durch die sieben Fenster herein
in die Stube, nahmen ihre Schüsseln aus dem Ofen und wollten essen,
merkten aber, daß schon davon gegessen war. Nun wollten sie sich
schlafen legen, und fanden ihre Bettchen verrückt, und einer der Brüder
tat einen lauten Schrei, und sprach: „O was liegt für ein Mägdlein in
meinem Bett!“ Die andern Brüder liefen schnell herbei, und sahen
erstaunt das schlafende Mädchen liegen. Da sprach einer um den andern:
„Wenn es doch unser Schwesterchen wäre!“ und wieder rief einer um den
andern voll Freude: „Ja, das ist unser Schwesterchen, ja, das ist es!
Solche Haare hatte es, und solch ein Mündlein hatte es, und solch ein
Ringlein trug es damals an seinem größten Finger, wie es jetzt am
kleinsten eins trägt!“ Und sie jauchzten alle, und küßten das
Schwesterchen alle; aber dieses schlief so fest, daß es lange nicht
erwachte.
Endlich schlug das Mädchen die Äuglein auf, und sah die sieben schwarzen
Brüder um ihr Bett sitzen. Da sagte sie: „O, seid herzlich gegrüßt,
meine lieben Brüder, Gott sei gedankt, daß ich euch endlich gefunden
habe; ich habe euretwegen eine lange, mühevolle Reise gemacht, um euch
wieder aus eurer Verbannung zurückzuholen, wenn ihr nämlich einen
bessern Sinn in euern Herzen gefaßt habt, daß ihr eure gute Mutter nie
mehr ärgern wollet, daß ihr fleißig mit uns arbeitet, und die Ehre und
Freude eurer alten Mutter werden wollet.“ Während dieser Rede hatten die
Brüder bitterlich geweint, und sprachen nun: „Ja, herzige Schwester, wir
wollen gut sein, und nie wieder die Mutter beleidigen, ach, als Raben
haben wir ein elendigliches Leben, und ehe wir uns dieses Häuschen
erbaut, sind wir oft vor Hunger und Elend bald umgekommen. Dazu kam die
Reue, die uns Tag und Nacht folterte: denn wir mußten die Leichname von
den armen gerichteten Sündern fressen, und wurden dadurch stets an des
Sünders schauerliches Ende erinnert.“
Die Schwester weinte Freudentränen, daß ihre Brüder sich bekehrt hatten,
und so voll frommen Sinnes sprachen. „O!“ rief sie aus, „nun ist alles
gut; wenn ihr nach Hause kommt, und die Mutter vernimmt, daß ihr besser
worden seid, wird sie euch herzlich verzeihen, und euch wieder zu
Menschen machen.“
Als nun die Brüder mit dem Schwesterchen heimreisen wollten, sprachen
sie erst, indem sie ein hölzernes Kästchen öffneten: „Liebe Schwester,
nimm hier diese schönen goldenen Ringe und blitzenden Steinchen, die wir
draußen so nach und nach fanden, in dein Schürzchen und trage es mit
nach Hause, denn dadurch können wir als Menschen reich werden. Als Raben
trugen wir sie nur um des schönen Glanzes willen zusammen.“
Das Schwesterchen tat so wie die Brüder wollten, und hatte selbst Freude
an dem schönen Schmuck. Auf der Heimreise trugen die Rabenbrüder einer
um den andern das Schwesterchen auf ihren Flügeln, bis sie an die
Wohnung ihrer Mutter kamen; da flogen sie zum Fenster hinein und baten
ihre Mutter um Verzeihung und gelobten, fortan stets gute Kinder zu
sein. Auch die Schwester half bitten und flehen, und die Mutter war voll
Freude und Liebe und verzieh ihren sieben Söhnen. Da wurden sie wieder
Menschen und gar schöne blühende Jünglinge, einer so groß und so
anmutvoll wie der andre. Dankend herzten und küßten sie die gute Mutter
und die liebevolle Schwester. Und bald darauf nahmen alle sieben Brüder
sich junge sittsame Frauen, bauten sich ein großes schönes Haus, denn
sie hatten für ihre Kleinodien sehr vieles Geld bekommen. Und des neuen
Hauses erste Weihe war der Brüder siebenfache Hochzeit.
Dann nahm auch die Schwester einen braven Mann, mußte aber auf der
Brüder Flehn und Bitten bei ihnen wohnen bleiben.
So hatte die gute Mutter noch viel Freude an ihren Kindern, und wurde
von denselben bis in ihr spätes Alter liebevoll gepflegt und kindlich
verehrt.
Das Tränenkrüglein.
Es war einmal eine Mutter und ein Kind, und die Mutter hatte das Kind,
ihr einziges, lieb von ganzem Herzen, und konnte ohne das Kind nicht
leben und nicht sein. Aber da sandte der Herr eine große Krankheit, die
wütete unter den Kindern und erfaßte auch jenes Kind, daß es auf sein
Lager sank und zum Tod erkrankte. Drei Tage und drei Nächte wachte,
weinte und betete die Mutter bei ihrem geliebten Kinde, aber es starb.
Da erfaßte die Mutter, die nun allein war auf der ganzen Gotteserde, ein
gewaltiger und namenloser Schmerz, und sie aß nicht und trank nicht und
weinte, weinte wieder drei Tage lang und drei Nächte lang ohne Aufhören,
und rief nach ihrem Kinde. Wie sie nun so voll tiefen Leides in der
dritten Nacht saß, an der Stelle, wo ihr Kind gestorben war, tränenmüde
und schmerzensmatt bis zur Ohnmacht, da ging leise die Türe auf, und die
Mutter schrak zusammen, denn vor ihr stand ihr gestorbenes Kind. Das war
ein seliges Engelein geworden und lächelte süß wie die Unschuld und
schön wie in Verklärung. Es trug aber in seinen Händchen ein Krüglein,
das war schier übervoll. Und das Kind sprach: „O lieb Mütterlein, weine
nicht mehr um mich! Siehe, in diesem Krüglein sind deine Tränen, die du
um mich vergossen hast; der Engel der Trauer hat sie in dieses Gefäß
gesammelt. Wenn du nur noch _eine_ Träne um mich weinest, so wird das
Krüglein überfließen, und ich werde dann keine Ruhe haben im Grabe und
keine Seligkeit im Himmel. Darum, o lieb Mütterlein, weine nicht mehr um
dein Kind, denn dein Kind ist wohlaufgehoben, ist glücklich, und Engel
sind seine Gespielen.“ Damit verschwand das tote Kind, und die Mutter
weinte hinfort keine Träne mehr, um des Kindes Grabesruhe und
Himmelsfrieden nicht zu stören.
Die schöne junge Braut.
Es ging einmal ein hübsches Landmädchen in den Wald, um Futter für ihre
Kuh zu holen; wie sie nun in Gottes Namen grasete und an gar nichts
Arges dachte, so kamen auf einmal viele Räuber, umringten sie und
führten sie mit sich fort, ohne Gnad’ und Barmherzigkeit, sie mochte
schreien und zappeln, bitten und betteln soviel sie wollte. Weit ab von
des Mädchens Heimat in einem finstern Walde hatten die Räuber ein Haus,
worin sie sich aufhielten, wenigstens blieben immer einige daheim, wenn
die andern auf Raub auszogen. Dem Mädchen taten aber die Räuber weiter
nichts zuleide, als daß sie sie eben aus ihrer Heimat fortführten, und
sie in dem Hause gleichsam gefangen hielten; sie mußte den Haushalt
besorgen, kochen, backen und waschen, sonst hatte sie es gut, wurde aber
immer scharf bewacht. Dabei hatten ihr die Räuber den Namen gegeben:
Schöne junge Braut.
So war nun das Mädchen schon einige Jahre in der Räuberherberge, als es
sich einmal traf, daß ein Hauptraub ausgeführt werden sollte, an dem,
wenn er gelingen sollte, die ganze helle Bande teilnehmen mußte.
Da das Mädchen sich an das Leben in der Räuberhöhle gewöhnt zu haben
schien, auch noch keinen Versuch zu entfliehen gemacht hatte, und auch
schwerlich durch den wilden Wald die Wege finden würde — so dachte der
Hauptmann — so blieb sie diesesmal allein und unbewacht im Waldhause
zurück. Aber die Räuber waren kaum fort, so sann die schöne Braut
darauf, wie sie unerkannt entfliehen könne. Sie machte geschwind eine
Gestalt von Stroh, zog derselben ihre Kleider an, setzte ihr ihre Haube
auf, sich selbst aber bestrich sie von Kopf bis zu den Füßen mit Honig,
wälzte sich darauf über und über in Federn, so daß sie ganz unkennbar
wurde, und aussah wie ein seltsamer Vogel. Die Gestalt in ihren Kleidern
lehnte sie an ein Fenster über der Haustür, und ließ sie hinaussehen,
doch mit verdecktem Gesicht, und dann eilte sie von dannen.
Mochte es aber nun sein, daß dem Hauptmann eine Ahnung von des Mädchens
beabsichtigter Flucht kam, oder daß etwas vergessen worden war, genug,
er sandte einige seiner Räuber nach dem Hause zurück, und gerade mußte
es sich treffen, daß ihnen auf ihrem Wege das fiedrige Käuzlein
aufstieß. Sie dachten aber, es wäre einer ihrer Kumpane, der sich
unkenntlich gemacht hätte, und riefen die Gestalt lachend und fragend
an:
„Wohin, wohin, Herr Federsack?
Was macht die schöne junge Braut?“
Diese, die es selbst war, war zwar sehr erschrocken, doch faßte sie sich
ein Herz und antwortete mit verstellter Stimme:
„Sie fegt und säubert unser Haus
Und schaut wohl auch zum Fenster heraus!“
Damit machte sie, daß sie den Räubern aus dem Gesichte kam, kam auch
glücklich aus dem Walde, erreichte ein Dorf, kaufte sich Kleider, badete
sich und erlangte glücklich und wohlbehalten, obschon nach langer
Wanderung, ihre Heimat wieder, und da sie nicht gerade das Beste in der
Räuberherberge zurückgelassen hatte, sondern für ihren Jahrlohn mitgehen
heißen, so hatte sie auch wohl zu leben und heiratete einen wackern
Burschen.
Jene Räuber, wie die nun des Hauses ansichtig wurden, sahen die Gestalt
der schönen jungen Braut am Fenster und grüßten schon von weitem, indem
sie riefen:
„Grüß Gott, o schöne junge Braut,
Die freundlich uns entgegenschaut.“
Da aber der Gruß unerwidert blieb, so verwunderten sich die Räuber, und
als sie näher kamen, vermeinten sie, die schöne junge Braut sei
eingeschlafen. Vergebens riefen sie, sie ermunterte sich nicht;
vergebens geboten sie ihr, zu öffnen, alle ihr Pochen und Schreien,
Rufen und Schelten war erfolglos, und wütend traten sie zuletzt die Türe
in Trümmer, stürmten die Treppe hinauf und faßten die Gestalt der
schönen jungen Braut hart an, da fiel ihnen die Strohpuppe in die Arme.
Da riefen die Räuber:
„Fahr’ wohl, du schöne junge Braut!
Ein Tor ist, wer auf Weiber baut!“
Die Kornähren.
Es war einmal eine Zeit, aber das ist schon undenklich lange her, da
trugen alle Kornhalme und auch die von anderem Getreide volle goldgelbe
Ähren herab bis auf den Boden; da gab es keine Armut und keine
Hungersnot, niemals, und das war die goldene Zeit. Da konnten sich alle
Menschen mit Wonne sättigen und auch die Vögel, die gerne Körner
fressen, Hühner und Tauben und andere Vögel fanden Futter vollauf.
Aber da waren unter den Menschen welche, die waren undankbar und
gottvergessen und achteten die schöne werte Gottesgabe, das liebe
Getreide, für gar nichts. Da gab es Frauen, die nahmen, wenn ihre
kleinen Kinder sich verunreinigt hatten, die vollen Ährenbüschel und
reinigten damit ihre Kinder und warfen die Ähren auf den Mist; und die
Mägde scheuerten mit den vollen Ähren, und die Buben und kleine Mädchen
jagten sich durch das liebe Korn, spielten Verstecken darin, wälzten
sich darauf herum und zertraten es. Das jammerte den lieben Gott, der
das Getreide den Menschen zur Nahrung gegeben hatte und dem Vieh zum
Futter und nicht zum Verurzen[1] und dachte bei sich, wir wollen es
anders machen und die goldne Zeit soll ein Ende haben.
Und da schuf der liebe Gott, daß hinfort jeder Halm nur eine einzige
Ähre trug, einmal für die Menschen, damit sie das liebe Getreide besser
schonen lernten, und einmal für die unschuldigen Tiere, damit sie doch
noch ihr Futter haben sollten, wenn auch die Menschen nicht einmal die
eine Ähre wert wären.
Von da an ist Hunger und Teuerung und Armut in die Welt gekommen. Nur
zuweilen und selten läßt der liebe Gott da oder dort einen Wunderhalm
mit vielen, vielen Ähren emporschießen und zeigt so dem Menschen, wie es
einst beschaffen war um das Getreide, und was er kann. Und es geht eine
alte Prophezeiung unter dem Volke, daß einmal nach langen Jahren, wenn
das Engelwort sich erfüllt haben wird: Ehre sei Gott in der Höhe, Friede
auf Erden und unter allen Menschen Wohlwollen, Segnung und Liebe, daß
dann der Boden auch wieder von Gott erweckt werden solle, solche Halme
zu tragen, die bis zur Wurzel voll Ähren sind. Unser keiner aber wird
das erleben.
[1] Mutwillig verderben.
Vom Hühnchen und Hähnchen.
Es war einmal ein Hühnchen und Hähnchen, die gingen miteinander auf den
Nußberg und suchten sich Nüßchen. Das Hähnchen sprach zum Hühnchen:
„Wenn du ein
Nüßchen findest, iß es ja nicht allein, gib mir die Hälfte davon, sonst
erwürgst du.“ Aber das Hühnchen hatte ein Nüßchen gefunden und es allein
gegessen, und der Kern war in seinem Hälschen steckengeblieben, daß es
im Erwürgen war und ängstlich rief: „Hähnchen, Hähnchen, hol’ mir
geschwind ein wenig Brunnen, ich erwürge sonst!“ Da lief das Hähnchen
flugs zum Brunnen und sprach: „Brunn’, Brunn’, gib mir Brunn’, daß ich
den Brunn’ meinem Hühnchen geb’, es liegt oben auf dem Nußberg und will
ersticken.“ Und der Brunnen sprach: „Erst geh’ hin zur Braut und hole
mir den Kranz!“ Da lief das Hähnchen hin zur Braut und sprach: „Braut,
Braut, gib mir den Kranz, daß ich den Kranz dem Brunnen geb’, daß mir
der Brunnen Brunnen gibt, daß ich den Brunnen meinem Hühnchen geb’, es
liegt oben auf dem Nußberge und will erwürgen.“ Aber die Braut sprach:
„Erst geh’ hin zum Schuster und hole mir meine Schuhe.“ Und wie das
Hähnchen zum Schuster kam, sprach dieser: „Erst geh’ hin zur Sau und
hole mir Schmer.“ Und die Sau sprach: „Erst geh’ hin zur Kuh und hole
mir Milch.“ Und die Kuh sprach: „Erst geh’ hin zur Wiese und hole mir
Gras!“ — Wie nun das Hähnchen zur Wiese kam und sie um Gras bat, war
diese gütig und gab ihm viele Blumen und Gras, dieses gab geschwinde das
Hähnchen der Kuh und erhielt Milch dafür, und für die Milch tat auch das
Schwein von seinem Fett her, und damit schmierte der Schuster sein Leder
und machte flugs die Schuhe der Braut, und gegen die Schuhe tat
freundlich die Braut den Kranz her, und das Hähnchen reichte denselben
dem Brunnen, und dieser sprudelte sogleich sein klares Wasser heraus und
in das Gefäßchen, welches das Hähnchen unterhielt. Im schnellen Lauf
kehrte nun das Hähnchen zurück zum Nußberg; aber wie es zum Hühnchen
kam, war dasselbe unterdessen erwürgt. Da kikirikite das Hähnchen vor
Schmerz hell auf, das hörten alle Tiere in der Nachbarschaft, die liefen
herbei und weinten um das Hühnchen. Und da bauten sechs Mäuselein einen
Trauerwagen, darauf legten sie das tote Hühnchen und spannten sich davor
und zogen den Wagen fort. Wie sie nun, das Hähnchen, das tote Hühnchen,
die Mäuslein und der Trauerwagen, so auf dem Wege waren, da kam der
Fuchs hinterdrein und fragte: „Wo willst du hin, Hähnchen?“ — „Ich will
mein Hühnchen begraben!“ — „Das will ich tun, du Narr!“ rief der Fuchs,
fraß das Hühnchen, weil es noch nicht lange tot war und begrub’s in
seinem Magen. Da trauerte das Hähnchen und rief: „So wünsch’ ich mir den
Tod, um bei meinem Hühnchen zu sein.“ — „So soll es sein!“ sprach der
Fuchs und fraß das Hähnchen, daß es zu seinem Hühnchen kam. Da weinten
die Mäuselein um das Hähnchen, und da dachte der Fuchs, sie wollten auch
tot sein, und schlang sie hinter. Weil aber die Mäuselein an den Wagen
gespannt waren, so schlang er auch den Wagen mit hinunter, und da stieß
ihm die Deichsel das Herz ab, daß er längelang hinfiel und alle viere
von sich streckte. Da flog ein Vöglein auf einen Lindenzweig und sang:
„Fuchs ist mausetot! Fuchs ist mausetot!“
Die drei Hochzeitsgäste.
Es waren einmal in einem Dorfe drei Hofhunde, die hielten gute
Nachbarschaft miteinander, und da sollte eine große Bauernhochzeit sein;
zu derselbigen war alt und jung geladen und wurde gekocht und gebacken,
gesotten und gebraten, daß der Geruch durchs ganze Dorf zog. Die drei
Hunde waren auch beisammen und rochen den feinen Dunst und ratschlagten,
wie sie auch hin zur Hochzeit gehen wollten und sehen, ob nichts für sie
abfallen werde? Aber um unnützes Aufsehen zu vermeiden, beschlossen sie,
nicht zugleich, alle drei auf einmal, hinzulaufen, sondern einzeln,
einer nach dem andern.
Der erste ging, machte sich in das Schlachthaus, erschnappte jählings
ein großes Stück Fleisch und wollte damit seiner Wege gehen, allein er
wurde erwischt und empfing eine fürchterliche Tracht Prügel, nächstdem,
daß man ihm das Stück Fleisch aus den Zähnen riß.
So kam er hungrig und übelgeschlagen zurück auf den Hof zu seinen
Nachbargesellen, die hungerten schon nach guter Nachricht und fragten:
„Nun, wie hat es dir ergangen und gefallen?“ Nun schämte sich aber der
Hund, die Wahrheit zu gestehen, daß sein Hochzeitmahl in einer
scharfgesalzenen Prügelsuppe bestanden, sprach deshalb: „Ganz wohl! Aber
es geht dort scharf her und muß einer hart und weich vertragen können!“
Die Kameraden, als sie das hörten, vermeinten, es werde über alle Maßen
gegessen und getrunken auf der Hochzeit, und es fallen viele gute
Bröcklein ab, harte und weiche, Fleisch und Bein, und alsbald rannte der
zweite Hund in vollen Sprüngen nach dem Hochzeithaus, gerade in die
Küche und nahm, was er fand, — aber ehe er noch den Rückweg fand, war er
schon bemerkt, und ward ihm ein Topf voll siedend heißes Wasser über den
Rücken gegossen, daß es nur so dampfte, als er von dannen schoß, wie ein
Pudel, der aus dem Wasser kommt; doch ob’s ihn auch schrecklich brannte,
er verbiß seinen Schmerz. Als er nun auf den Hof kam, wo die beiden
Kameraden seiner harrten, fragten die gleich: „Nun, wie hat es dir
gefallen?“ — „Ganz wohl!“ antwortete der Hund, „aber es geht dort heiß
her, und muß einer kalt und warm vertragen können!“