Die Wirtin ward weiß wie eine Wand und fiel zitternd auf ihre Knie,

brachte aber kein Wort hervor, des es auch nicht bedurfte, denn der Star

war schon wieder am Fenster und verriet der Wirtin böse Tat, indem er

sang: In einem Lustgarten im grünen Gras, saß ein zartes Kind in einem

Badewännelein, und wie die Wärterin nur einen Augenblick zur Seite

gegangen war, da kam die böse Zigeunerin und trug das Kind samt dem

Wännelein von dannen!

Darüber wurde Herr Konrad so entrüstet, daß er das Schwert zückte, und

es der Wirtin durch die Ohren spießte, zu einem hinein, zum andern

heraus. Dann küßte er züchtiglich seine allerschönste Schwester, nahm

das Badewännelein, führte sie an ihrer schneeweißen Hand aus dem Hause,

hob sie auf den Sattel und sie mußte das Badewännelein vor sich auf dem

Schoß tragen. Auf ihre Schulter setzte sich der Star. So ritten sie vor

das Königsschloß am Rhein, darin die Mutter, die Königin, herrschte, und

als sie in das Tor einritten, kam ihnen die Mutter gerade

entgegengegangen. Die fragte verwundert: „Ach, mein liebster Sohn! Was

für eine Dirne bringst du da herein? Sie führt ja ein Badewännelein mit

sich, als ob sie mit einem Kinde ginge!“

„O, meine liebste Mutter!“ antwortete der junge Königssohn, „sie ist

drum keine Dirne, sondern ist Eure Tochter Gertraud, die in diesem

Wännelein Euch geraubt wurde!“ Und da stieg die Prinzessin aus dem

Sattel, die Königin aber fiel vor Freuden in eine Ohnmacht, aus der sie

in den Armen ihrer Kinder wieder erwachte. Der Star sang: Heut sind es

gerade achtzehn Jahre, seit die Königstochter geraubt und in dem

Wännelein über den Rhein getragen worden ist! Das sang der Star, und

auch noch dies:

Der Zigeunerin tun die Ohren so weh,

Sie wird keine Kinder stehlen mehr!

Die Prinzessin aber ließ einen Goldschmied berufen, der mußte ein

goldnes Gitterlein über das Badewännelein schmieden, da hinein tat sie

den Star und pflegte sein, bis an sein Ende.

Die beiden kugelrunden Müller.

Es war einmal ein Müller, der war schon an sich sehr stark und dick,

wollte aber auch fest sein gegen Hieb und Stich, gegen Bolz und Pfeil,

darum steckte er sich in eine wunderliche Kleidung. Er ließ sich

zuvörderst ein Wams machen, das fütterte er mit Kalk und Sand, und ließ,

um das zu verbinden, geschmolznes Pech hineinfließen, hinten machte er

ein Futter von mehreren Körben und vorn beblechte er es mit alten

Reibeisen und eisernen Hafendeckeln, da wurde das Wams schwerer als der

schwerste Brust- und Rückenharnisch, den jemals ein streithafter Ritter

trug.

Darüber zog dieser Müller nun drei Hemden, und unter das Wams legte er

einen wirklichen Panzer an, über die Hemden auch einen Panzer, und

darüber zog er neun lodene Röcke, wie sie die Wollenweber im

Schwabenlande noch heute fertigen. Wenn nun der Müller sich mit diesem

stattlichen Kleiderbollwerk angetan, wobei er die Beine mit mehr als

vier alten übereinandergezogenen Lederhosen verwahrt, so war er ein so

stattliches kugelrundes Kerlchen, daß er ebenso breit war, als hoch, wie

eine rechte Kugel sein muß, und konnte schier nicht ohne Gezwang durch

ein Stadttor aus- und eingehen, konnte sich auch kaum rühren und regen,

und mußte denn seine Freundschaft mit ihm gehen, ihn führen und

geleiten. Da er nun alljährlich zu St. Oswalds Kirchtag ging und sich

auch sehen lassen wollte vor den Leuten, so fuhr er einher auf einem

Karren in seiner Rüstung und so gewappnet, wie jedermänniglich noch nie

gesehen hatte. Den Wagen zogen vier starke Ochsen, und hinterdrein

gingen alle Bauern seines Orts mit ihren Weibern und Kindern, die

steckten sich, wenn sich ein Feind zeigte, hinter ihres Müllers Karren,

wie hinter eine Feste und Schirmhut. Er war gewaffnet mit zween Spießen

und einer Armbrust, an seiner Seite hing ein Schwert einer Mannslänge

lang, ein Zweihander; und neben ihm lag noch ein Bogen nebst einem

Pfeilköcher.

Wenn nun der kugelrunde Müller mit seinem Karren und seinen vier Ochsen

an einen gewissen Berg kam, über welchen der Weg führte, so harreten

seiner dort ein Paar Neffen mit Weib und Kindern, die halfen den Wagen

in die Höhe hinaufschieben, während vorn noch sechs Ochsen als Vorspann

zogen, und so brachten sie ihn denn endlich hinauf mit Ach und Krach und

Vergießung vieler Schweißtropfen. Ging es nun auf der andern Seite des

Berges wieder abwärts, so mußte eingehemmt werden soviel als nur

möglich, daß es nicht mit dem Kugelrunden kopfüber kopfunter ging. Wenn

seine Sippschaft ihn nun endlich am Ziele hatte, so wurde er mit Leitern

und Hebebäumen vom Wagen herabgeschrotet, wie ein großes volles Weinfaß,

und dann scharten sie sich um ihn her, und zumeist hinter ihm wie die

Philister hinter ihrem Goliath.

Dabei war der runde Mehlsack von großer Stärke und Unerschrockenheit und

es ging von ihm die Rede, daß er einst in einem Schimpfspiel, wo ein

Kämpfer einen Apfel, der andre eine Birne an der Spitze seiner Klinge

geführt, und sich ein großer Lärm erhob, dermaßen in den Haufen mitten

hineingeschlagen, wie ein Hagelschauer in das Getreide, so daß er vielen

Bauern viel Leids gebracht. Aber da war ihm ein Gegner entgegengetreten,

stark und kräftig, der führte einen Hauptstreich nach dem Müller, daß

seine Blechhaube gleich zu Boden fiel, und meinten alle, die das sahen,

der Kopf wäre mit vom Rumpfe geflogen; der kugelrunde Kämpe hatte aber,

wie sein Gegner ausholte, seinen Kopf aus der Haube schnell heraus und

unter die hohe Halsberge gezogen, und jetzt tat er einen Streich nach

dem Gegner, der ihm so tief in den Hals schnitt, wie die Sense des

Mähers in das Gras. Da fürchteten sich alle vor dem gewaltigen Mann, dem

die Taten, die man von Recken las, nur ein Spaß schienen.

Nun war aber ein andrer Müller in der Nachbarschaft, der war ebenso

stark und groß, ebenso kugelrund und trug auch so ein wohlausgefüttertes

und geblechtes Wams, und keiner mochte den andern leiden, weil keiner

dem andern nachstand. Und haßten und bekriegten einander schon zehn

Jahre. Auf jedem Kirchweihtag, wo sie hinkamen, gerieten sie aneinander,

und fochten gegeneinander mit Worten und Waffen; es konnte aber ihrer

keiner dem andern etwas anhaben, und waren zwei gar sehr gefürchtete

Kampfhelden. Der eine Müller hatte einen Sohn, der andre eine Tochter,

welche beide einander so sehr liebten, als die Väter einander haßten,

darüber wurde der Zwiespalt noch größer, bis endlich gute und

einsichtsvolle Freunde sich ins Mittel schlugen und beiden Müllern

rieten, gute Freunde zu werden und ihre Kinder miteinander zu

verheiraten.

Wie das Gerücht vom Bündnis der beiden Müller ins Land erscholl, und daß

sie sogar ihre Kinder miteinander verheiraten wollten, da erhob sich

große Unruhe und Besorgnis, denn jedermänniglich konnte sich nun an den

Fingern abzählen, daß die beiden Kugelrunden sein würden wie zwei

Mühlsteine, zwischen denen alles, was ihnen zu nahe käme, würde

aufgerieben werden. Und wer jetzt dem einen Müller zu nahe trat, der

hatte es gleich mit beiden zu tun, und konnte kein Fürst beide Wämser

überwinden, denn die Müller glichen runden Burgen, waren auch nicht

auszuhungern durch eine Belagerung, denn sie hatten auch in ihren

Wämsern manche Metze gefaßt, von der sie zehren konnten lange Zeit. Da

aber nun die beiden unüberwindlichen Helden also mannhaft waren, daß

selbst der Kaiser große Mühe gehabt haben würde, sie zu überwältigen, so

mußte man nur froh sein, daß sie ihre große Macht gegen die Feinde des

Reiches kehrten, und begehrten gar keinen Sold und Lohn, sondern nur die

Ehre fechten und streiten zu dürfen. Und war das nur ihre einzige Klage,

daß so mancher Tag verging, an dem sie keines Gegners ansichtig wurden,

weil ihr Ruf so weit und breit genannt war, daß sich alles vor ihnen

fürchtete.

Viele tapfre Taten vollführten die beiden kugelrunden Müller, seit sie

miteinander verbunden waren, und wenn man diese Taten und die Abenteuer,

welche durch sie bestanden wurden, niedergeschrieben hätte, so wäre das

ein Buch geworden, zweimal so stark wie die Bibel und die Weltchronik.

Auch taten sie mehr Wundertaten als alle die Recken, von denen die alten

Lieder und Geschichten sagen. Endlich schlugen sie ihre Wohnung in einer

Wüste hinten an der Welt Ende auf, und wenn sie nicht gestorben sind, so

leben sie heute noch.

Der Richter und der Teufel.

In einer Stadt saß ein Mann, der hatte alle Kisten voll Geld und Gut, er

selbst aber war voll aller Laster, so schlimm war er, daß es die Leute

schier Wunders dünkte, daß ihn die Erde nicht verschlang. Dieser Mann

war noch dazu ein Richter, das heißt, ein Richter, der aller

Ungerechtigkeit voll war. An einem Markttage ritt er des Morgens aus,

seinen schönen Weingarten zu sehen, da trat der Teufel auf dem Heimweg

ihn an, in reichen Kleidern und wie ein gar vornehmer Herr gestaltet. Da

der Richter nicht wußte, wer dieser Fremdling war, und solches doch gern

wissen mochte, so fragte er ihn nicht eben höflich, wer und von wannen

er sei? Der Teufel antwortete: „Euch ist besser, wenn ihr’s nicht

wisset, wer und woher ich bin!“ — „Hoho!“ fuhr der Richter heraus, „seid

wer ihr wollt, so muß ich’s wissen, oder ihr seid verloren, denn ich bin

der Mann, der hier Gewalt hat, und wenn ich euch dies und das zuleide

tue, so ist niemand, der es mir wehren wird und kann. Ich nehm’ euch

Leib und Gut, wenn ihr mir nicht auf meine Frage Bescheid gebt!“ —

„Steht es so schlimm,“ antwortete der Arge, „so muß ich euch wohl meinen

Namen und mein Herkommen offenbaren; ich bin der Teufel.“

„Hm!“ brummte der Richter, „und was ist hier deines Gewerbes, das will

ich auch wissen!“ — „Schau, Herr Richter,“ antwortete der Böse, „mir ist

Macht gegeben, heute in diese Stadt zu gehen, und das zu nehmen, was mir

in vollem Ernst gegeben wird.“

„Wohlan!“ versetzte der Richter, „tue also, aber laß mich dessen Zeuge

sein, daß ich sehe, was man dir geben wird!“

„Fordere das nicht, dabei zu sein, wenn ich nehme, was mir beschieden

wird,“ widerriet der Teufel dem Richter; dieser aber hub an, den Fürsten

der Hölle mit mächtigen Bannworten zu beschwören, und sprach: „Ich

gebiete und befehle dir bei Gott und allen Gottes-Geboten, bei Gottes

Gewalt und Gottes Zorn, und bei allem, was dich und deine Genossen

bindet, und bei dem ewigen Gerichte Gottes, daß du vor meinem Angesicht,

und anders nicht, nehmest was man dir ernstlich geben wird.“

Der Teufel erschrak, daß er zitterte bei diesen fürchterlichen Worten,

und machte ein ganz verdrießlich Gesicht, sprach auch: „Ei, so wollte

ich, daß ich das Leben nicht hätte! Du bindest mich mit einem so starken

Band, daß ich kaum jemals in größerer Klemme war. Ich gebe dir aber mein

Wort als Fürst der Hölle, das ich als solcher niemals breche, daß es dir

nicht zum Frommen dient, wenn du auf deinem Sinn bestehst. Stehe ab

davon!“

„Nein, ich stehe nicht ab davon!“ rief der Richter. „Was mir auch darum

geschehe, das muß ich über mich ergehen lassen; ich will jenes nun

einmal sehen! Und sollte es mir an das Leben gehn!“

Nun gingen beide, der Richter und der Teufel, miteinander auf den Markt,

wo gerade Markttag war, daher viel Volks versammelt, und überall bot man

dem Richter und seinem Begleiter, von dem niemand wußte, wer er sei,

volle Becher und hieß sie Bescheid tun. Der Richter tat das auch nach

seiner Gewohnheit, und reichte auch dem Teufel eine Kanne, dieser aber

nahm den Trunk nicht an, weil er wohl wußte, daß es des Richters Ernst

nicht war.

Nun geschah es von ungefähr, daß ein Weib ein Schwein dahertrieb,

welches nicht nach ihrem Willen ging, sondern die Kreuz die Quere, da

schrie das zornige Weib im höchsten Ärger dem Schwein zu: „Ei, so geh

zum Teufel, daß dich der mit Haut und Haar hole!“

„Hörst du, Geselle?“ rief der Richter dem Teufel zu. „Jetzt greife hin

und nimm das Schwein.“ Aber der Teufel antwortete: „Es ist leider der

Frau nicht Ernst mit ihrem Wort. Sie würde ein ganzes Jahr lang trauern

und sich grämen, nähme ich ihr Schwein. Nur was mir im Ernste gegeben

wird, das darf ich nehmen.“

Ähnliches geschah bald hernach mit einem Weib und einem Kind. Das

letztere ging auch nicht so, wie die Frau es lenken wollte, so daß sie

auch zu schreien begann: „Hole dich der Teufel, und drehe dir den Hals

um!“ „Hörst du, Geselle?“ fragte da wieder der Richter. „Das Kind ist

dein, hörst du nicht, daß man es dir ernstlich gibt?“

„O nein, es ist auch nicht ihr Ernst!“ antwortete der Teufel. „Sie würde

bitterlich wehklagen, nähme ich sie beim Wort, und das Kind nicht fahren

lassen.“

Jetzt sahen beide ein Weib, das hatte viel mit einem Kinde zu schaffen,

welches heftig schrie und sich sehr unartig gebärdete, so daß die Frau

voll Unwillens war und ausrief: „Willst du mir nicht folgen, so nehme

dich der böse Feind, du Balg!“

„Nun? nimmst du auch nicht dieses Kind?“ fragte der Richter ganz

verwundert, und der Teufel antwortete: „Ich habe des keine Macht, das

Kindlein zu nehmen. Dieses Weib nähme nicht zehn, nicht hundert und

nicht tausend Pfund, und gönnte mir im Ernst das Kind; wie gern ich’s

auch nähme, darf ich doch nicht, denn es ist nicht des Weibes rechter

Ernst.“

Nun kamen die beiden recht mitten auf den Markt, wo das dichteste

Volksgedränge war, da mußten sie ein wenig stille stehen, und konnten

nicht durch das Gewimmel und Getümmel schreiten. Da wurde ein Weib des

Richters ansichtig, das war arm und alt und krank und trug ein großes

Ungemach; sie begann laut zu weinen und zu schreien, und ließ vor allem

Volk folgende heftige Rede vernehmen: „Weh über dich, Richter! Weh über

dich, daß du so reich bist und ich so arm bin; du hast mir ohne Schuld,

göttliche und menschliche Barmherzigkeit verleugnend, mein einziges

Kühlein genommen, das mich ernährte, von dem ich meinen ganzen Unterhalt

hatte. Weh über dich, der du es mir genommen hast! Ich flehe und schreie

zu Gott, daß er durch seinen Tod und bitteres Leiden, die er für die

Menschheit und für uns arme Sünder trug, meine Bitte gewähre, und die

ist, daß deinen Leib und deine Seele der Teufel zur Hölle führe!“ Auf

diese Rede tat der Richter weder Sage noch Frage, aber der Teufel fuhr

ihn höhnisch an und sprach: „Siehst du, Richter, _das_ ist Ernst, und

den sollst du gleich gewahr werden!“ Damit streckte der Teufel seine

Krallen aus, nahm den Richter beim Schopf, und fuhr mit ihm durch die

Lüfte von dannen, wie der Geier mit einem Huhn. Alles Volk erschrak und

staunte, und weise Männer sprachen die Lehre aus:

Es ist ein unweiser Rat,

Der mit dem Teufel umgaht.

Wer gern mit ihm umfährt,

Dem wird ein böser Lohn beschert.

Hans im Glücke.

Es war einmal ein Bauernknabe, hieß Hans, ein ehrlich Blut, dünkte sich

nicht auf den Kopf gefallen, der diente treu und ehrlich einem großen,

reichen Herrn eine Reihe von Jahren. Zuletzt aber bekam Hans das

Heimweh, wollte gern bei seiner Mutter sein und sprach seinen Herrn um

den verdienten Lohn an. Der gab Hansen ein Stück Gold, das war so groß

wie Hansens Kopf, und Hansens Kopf gehörte nicht zu den dünnen und

kleinsten. Der war zufrieden, packte den schweren Goldklumpen in ein

Tüchlein und machte sich auf die Spazierhölzer. Das Gehen wurde ihm aber

blutsauer, er schwitzte, daß er troff, denn der Goldklumpen war

schrecklich schwer, er mochte ihn tragen wie er wollte, auf dem Kopf

oder auf den Schultern.

Da trottelte ein Reiter leicht und wohlgemut an Hans vorbei, saß auf

einem spiegelglatten Pferd. „Ei!“ rief Hans, „reiten ist eine schöne

Kunst, wer sie kann und ein Pferd hat!“ Der Reiter hielt sein Rößlein

an, weil er Hansens Rede in seine Ohren hinein gehört und fragte ihn,

womit er sich denn da so mühselig schleppe?

„Ach! es ist Gold, pures schweres Gold! Der Mensch ist ein geplagtes

Tier!“ sagte Hans, indem er den Klumpen ächzend zur Erde warf.

„Ei!“ sprach der Reiter, „wenn du gern reiten willst, so laß uns einen

Tausch machen. Gibst mir deinen Lastklumpen und nimmst mein Pferd

dafür!“ Das ließ sich Hans nicht zweimal bieten, er rief fröhlich:

„Topp, schlagt ein!“ und der Handel war geschlossen. Der Reiter nahm das

Gold und machte, daß er damit Hansen aus dem Gesicht kam, dachte, der

Handel könnte jenen reuen. Hans aber kletterte auf den Gaul und ritt

davon, daß es stäubte, aber nicht gar lange, da tat das Pferd einen

Satz, daß Hans, der nicht reiten konnte, herunterfiel wie ein Nußsack.

Konnte kaum ein Glied regen. Ein Bauer, der mit einer Kuh des Weges zog,

fing das ledige Pferd und führt’s dahin, wo Hans lag. Der weinte und

rieb sich die Knochen. „Nimmermehr reiten, tut nicht gut! Wer doch so

ein sanftes Kühchen hätte wie Ihr dort, guter Freund! Da könnte man

tagtäglich Milch essen, und Butter und Käse und wird nicht

heruntergeworfen.“

„Ei,“ sagte der pfiffige Bauer, „wenn Euch die Kuh so wohlgefällt, so

gefällt mir nun gerade auch Euer mutiges Pferd, geb’ Euch die Kuh für

das Pferd!“

„Das ist ein guter Tausch, den lob’ ich mir,“ sprach Hans, nahm die Kuh

und trieb sie vor sich her, während der Bauer sich auf das Roß setzte

und heidi, hast du nicht gesehen, davonritt.

Als Hans in ein Wirtshaus kam, verzehrte er seine letzten paar Heller,

denn er meinte nun, da er die Kuh habe, brauche er kein Geld, und

marschierte weiter. Es war aber den Tag sehr heiß und noch eine weite

Strecke zum Dorfe, wo Hans her war und wo seine Mutter wohnte, und es

durstete Hansen. Da schickte er sich an, die Kuh zu melken, aber so

ungeschickt, daß keine Milch kam, und daß ihm zuletzt die Kuh einen

Tritt gab, davon ihm Hören und Sehen verging und er nicht wußte, ob er

ein Bub oder ein Mädchen war. Da trieb just ein Metzger des Weges mit

einem jungen Schwein, der fragte mitleidvoll den geschlagenen Hans, was

ihm fehle, und bot ihm einmal aus seiner Flasche zu trinken. Hans

erzählte sein Abenteuer und der Metzger machte ihm bemerklich, daß von

einer so alten Kuh keine Milch zu erwarten sei, die müsse man

schlachten. „Hm!“ meinte Hans, „wird auch keinen sonderlichen Braten

geben, altes Kuhfleisch! Ja, wer so ein nettes fettes Schweinchen hätte,

das schmeckt und gibt Fetzenwürstel!“

„Guter Freund!“ sagte der Metzger, „wenn Euch das Schweinchen so

gefällt, so laßt uns einen Tausch treffen, gerade auf, Ihr das Schwein,

ich die Kuh! Ist’s recht?“ — „Ist schon recht!“ sagte Hans, von Herzen

innerlich froh über sein Glück. Zog heiter seine Straße und dachte:

„Bist doch ein rechtes Glückskind, Hans! Immer wird der Schade wieder

ersetzt. O, wie soll dieser Schweinebraten schmecken!“

Bald kam ein Bursche desselben Wegs und holte den Hans ein, der trug

eine fette, schwere, weiße Gans im Arm, grüßte Hans, und da sie

miteinander ins Gespräch kamen, erzählte er ihm, daß die Gans zu einem

Kindtaufsbraten bestimmt sei. Das müßte ein Braten werden, der

seinesgleichen suche. Dabei ließ er die Gans den Hans in der Hand wiegen

und unter den Flügeln die Fettklumpen befühlen.

„Die Gans ist gut, mein Schweinchen da ist aber auch kein Hund!“ sagte

Hans. „Wo hast du denn das Schwein her?“ fragte der Bursche, und Hans

erzählte, daß er es vor kurzem erst erhandelt. Da sah sich jener

bedenklich um und sprach: „Höre, ein Wort im Vertrauen! Da hinten im

letzten Dorfe ist dem Schulzen alleweil ein junges Schwein gestohlen

worden. Der Dieb hat’s an dich verpascht, und wenn jetzt der Flurschütz

uns nachkommt (mich deucht, ich sehe seinen Spieß schon dort über den

Kornähren blinken), so faßt er dich für den Dieb und du kommst, statt

mit dem Schwein in die Küche deiner Mutter, in des Teufels Küche!“

„Ach du mein lieber Herrgott! Was bin ich für ein Unglücksvogel!“ schrie

Hans. „Hilf mir doch um Gottes willen, guter, liebster Freund!“

„Weißt du was,“ sprach der Bursche, „geschwind gib mir das Schwein und

nimm du meine Gans! Ich weiß hier herum die Schleichwege und ich will

mich schon unsichtbar machen!“

Gesagt, getan, Handel geschlossen und in zwei Augenblicken waren Bursch

und Schwein dem Hans aus den Augen. „Bin doch ein Glücksvogel!“ lachte

Hans innerlich und trug die Gans eine gute Strecke. Vom Flurschütz oder

sonst einem Nachsetzenden war nichts zu sehen. Hans berechnete den guten

Braten, das Fett, die Federn, die Freude seiner Mutter; und so kam er in

das letzte Dorf vor dem seinigen. Da stand ein Scherenschleifer an

seinem Karren, der sah ganz fröhlich aus, schliff und pfiff und pfiff

und schliff, daß es nur so schnurrte, dann sang er einen lustigen

Gassenhauer:

„Es kam ein junger Schleifer her,

Schliff die Messer und die Scher!

Hat’s gern getan,

Tut’s noch einmal,

Was geht’s dich an?

Was hast denn du davon?“

Hans blieb ganz verwundert stehen mit seiner Gans und hatte seine

Verwunderung über des Schleifers Lustigkeit, dann bot er ihm guten Tag

und fragte: „Euch geht’s gewiß recht gut, daß Ihr so lustig und fröhlich

seid? Wer’s doch auch so hätte!“

„O ja, mein guter Kamerad,“ sprach der Scherenschleifer, „bin alldieweil

lustig, immer Geld in der Tasche, kannst’s auch so haben mit deiner

Gans. Woher hast du die Gans?“

„Hab’ sie gekriegt für ein Schwein!“ berichtete Hans. „Und das Schwein?“

— „Für eine Kuh gekriegt!“ — „Und die Kuh?“ — „Für ein Pferd

eingehandelt.“ — „Und das Pferd?“ — „Einen Klumpen Gold hingegeben, so

groß wie mein Kopf.“ — „O, du Schlaukopf! Und woher das Gold?“ — „Sieben

Jahre gedient, Lohn bekommen!“ — „Pfiffikus, dir fehlt nichts, als daß

du ein Schleifer würdest wie ich, dann klingt dir das Geld in allen

Taschen. Dazu braucht es nur eines guten Hirnschleifsteins; hier hab’

ich noch einen liegen, ist zwar schon etwas abgenutzt, geht aber doch

mit (wenn du ihn trägst)! Den geb’ ich dir für deine Gans. Willst du?“

„Ob ich will? Freilich!“ rief Hans ganz erfreut. „Geld in allen Taschen

ist eine schöne Profession.“

Der lose Schleifer gab dem guten Hans einen alten Wetzstein und einen

Kiesel, der am Wege lag, und Hans zog fürbaß, ganz glücklich, daß sich

alles so schön getroffen, meinte, er müsse in einer Glückshaut geboren

sein.

Aber die Sonne schien und brannte heiß, Hans hatte Hunger und Durst, war

matt und müde und die Steine waren schwer, fast so schwer, wie der

Goldklumpen gewesen war, und er dachte: o, wenn ich mich doch nicht mit

diesen Schleifsteinen schleppen müßte. Da war ein Brünnlein am Wege,

daraus wollte Hans seinen Durst löschen, bückte sich, und beim Bücken

fielen die Steine in den Brunnen hinab. Wer war froher als Hans im

Glücke, daß er so mit einem Male ohne sein Zutun die schweren Steine

losgeworden! Freudig sprang er auf, los und ledig aller Sorgen, aller

Lasten, pries sich als den glücklichsten Menschen, und langte guten

Mutes bei seiner Mutter an, — Hans im Glücke.

Die drei Federn.

Einem Mann wurde ein Söhnlein geboren, und da der Vater ausging, einen

Paten zu suchen, der das Kind aus der Taufe hebe, so fand er einen

jungen wunderschönen Knaben, gegen den sein Herz gleich ganz voll Liebe

wurde. Und als er nun ihm seine Bitte vortrug, war der schöne Knabe gern

bereit mitzugehen und das Kind zu heben, und hinterließ ein junges

weißes Roß als Patengeschenk. Dieser Knabe ist aber niemand anders

gewesen als Jesus Christus, unser Herr.

Ludwig Bechsteins Märchenbuch Mit 176 Holzschnitten nach Originalzeichnungen von Ludwig Richter · 第 8 / 26 段