Als der böse Zauberer herankam, sah er wohl, daß er zum drittenmal

geäfft war, besann sich aber diesmal nicht lange, lief auch nicht erst

wieder nach Hause, sondern sprach auch einen Spruch, den er aus dem

Zauberbuche gelernt hatte; da ward er in einen schwarzen Hahn

verwandelt, der schnell auf das Gerstenkorn zulief, um es aufzupicken;

aber der Knabe sprach noch einmal einen Zauberspruch, den er aus dem

Buche gelernt, da wurde er schnell ein Fuchs, packte den schwarzen Hahn,

ehe er noch das Gerstenkorn aufgepickt hatte, und biß ihm den Kopf ab,

da hatte der Zauberer, wie dies Märlein, gleich ein Ende.

Gevatter Tod.

Es lebte einmal ein sehr armer Mann, hieß Klaus, dem hatte Gott eine

Fülle Reichtum beschert, der ihm große Sorge machte, nämlich zwölf

Kinder, und über ein kleines, so kam noch ein Kleines, das war das

dreizehnte Kind. Da wußte der arme Mann seiner Sorge keinen Rat, wo er

doch einen Paten hernehmen sollte, denn seine ganze Sipp- und Magschaft

hatte ihm schon Kinder aus der Taufe gehoben, und er durfte nicht

hoffen, noch unter seinen Freunden eine mitleidige Seele zu finden, die

ihm sein jüngstgebornes Kindlein hebe. Gedachte also an den ersten

besten wildfremden Menschen sich zu wenden, zumal manche seiner

Bekannten ihn in ähnlichen Fällen schon mit vieler Hartherzigkeit

abschlägig beschieden hatten.

Der arme Kindesvater ging also auf die Landstraße hinaus, willens, dem

ersten ihm Begegnenden die Patenstelle seines Kindleins anzutragen. Und

siehe, ihm begegnete bald ein gar freundlicher Mann, stattlichen

Aussehens, wohlgestaltet, nicht alt, nicht jung, mild und gütig von

Angesicht, und da kam es dem Armen vor, als neigten sich vor jenem Manne

die Bäume und Blümlein und alle Gras- und Getreidehalme. Da dünkte dem

Klaus, das müsse der liebe Gott sein, nahm seine schlechte Mütze ab,

faltete die Hände und betete ein Vaterunser. Und es war auch der liebe

Gott, der wußte, was Klaus wollte, ehe er noch bat, und sprach: „Du

suchst einen Paten für dein Kindlein! Wohlan, ich will es dir heben,

ich, der liebe Gott!“

„Du bist allzu gütig, lieber Gott!“ antwortete Klaus verzagt. „Aber ich

danke dir; du gibst denen, welche haben, einem Güter, dem andern Kinder,

so fehlt es oft beiden am Besten, und der Reiche schwelgt, der Arme

hungert!“ Auf diese Rede wandte sich der Herr und ward nicht mehr

gesehen. Klaus ging weiter, und wie er eine Strecke gegangen war, kam

ein Kerl auf ihn zu, der sah nicht nur aus wie der Teufel, sondern war’s

auch und fragte Klaus, wen er suche? — Er suche einen Paten für sein

Kindlein. — „Ei, da nimm mich, ich mach’ es reich!“ — „Wer bist du?“

fragte Klaus. „Ich bin der Teufel!“ — „Das wär’ der Teufel!“ rief Klaus

und maß den Mann vom Horn bis zum Pferdefuß. Dann sagte er: „Mit

Verlaub, geh heim zu dir und zu deiner Großmutter; dich mag ich nicht

zum Gevatter, du bist der Allerböseste! Gott sei bei uns!“

Da drehte sich der Teufel herum, zeigte dem Klaus eine abscheuliche

Fratze, füllte die Luft mit Schwefelgestank und fuhr von dannen. Hierauf

begegnete dem Kindesvater abermals ein Mann, der war spindeldürr wie

eine Hopfenstange, so dürr, daß er klapperte; der fragte auch: „Wen

suchst du?“ und bot sich zum Paten des Kindes an. „Wer bist du?“ fragte

Klaus. „Ich bin der Tod!“ sprach jener mit ganz heiserer Stimme. — Da

war der Klaus zum Tod erschrocken, doch faßte er sich Mut, dachte: bei

dem wär’ mein dreizehntes Söhnlein am besten aufgehoben, und sprach: „Du

bist der Rechte! Arm oder reich, du machst es gleich. Topp! Du sollst

mein Gevattersmann sein! Stell’ dich nur ein zu rechter Zeit, am Sonntag

soll die Taufe sein.“

Und am Sonntag kam richtig der Tod, und ward ein ordentlicher Dot, das

ist Taufpat des Kleinen, und der Junge wuchs und gedieh ganz fröhlich.

Als er nun zu den Jahren gekommen war, wo der Mensch etwas erlernen muß,

daß er künftighin sein Brot erwerbe, kam zu der Zeit der Pate und hieß

ihn mit sich gehen in einen finstern Wald. Da standen allerlei Kräuter,

und der Tod sprach: „Jetzt, mein Pat, sollt du dein Patengeschenk von

mir empfahen. Du sollt ein Doktor über alle Doktoren werden durch das

rechte wahre Heilkraut, das ich dir jetzt in die Hand gebe. Doch merke,

was ich dir sage. Wenn man dich zu einem Kranken beruft, so wirst du

meine Gestalt jedesmal erblicken.

Stehe ich zu Häupten des Kranken, so darfst du versichern, daß du ihn

gesund machen wollest, und ihm von dem Kraute eingeben; wenn er aber

Erde kauen muß, so stehe ich zu des Kranken Füßen; dann sage nur: Hier

kann kein Arzt der Welt helfen und auch ich nicht. Und brauche ja nicht

das Heilkraut gegen meinen mächtigen Willen, so würde es dir übel

ergehen!“

Damit ging der Tod von hinnen und der junge Mensch auf die Wanderung,

und es dauerte gar nicht lange, so ging der Ruf vor ihm her und der

Ruhm, dieser sei der größte Arzt auf Erden, denn er sahe es gleich den

Kranken an, ob sie leben oder sterben würden. Und so war es auch. Wenn

dieser Arzt den Tod zu des Kranken Füßen erblickte, so seufzte er und

sprach ein Gebet für die Seele des Abscheidenden; erblickte er aber des

Todes Gestalt zu Häupten, so gab er ihm einige Tropfen, die er aus dem

Heilkraut preßte, und die Kranken genasen. Da mehrte sich sein Ruhm von

Tage zu Tage.

Nun geschah es, daß der Wunderarzt in ein Land kam, dessen König schwer

erkrankt danieder lag, und die Hofärzte gaben keine Hoffnung mehr seines

Aufkommens. Weil aber die Könige am wenigsten gern sterben, so hoffte

der alte König noch ein Wunder zu erleben, nämlich daß der Wunderdoktor

ihn gesund mache, ließ diesen berufen und versprach ihm den höchsten

Lohn. Der König hatte aber eine Tochter, die war so schön und so gut,

wie ein Engel.

Als der Arzt in das Gemach des Königs kam, sah er zwei Gestalten an

dessen Lager stehen, zu Häupten die schöne weinende Königstochter, und

zu Füßen den kalten Tod. Und die Königstochter flehte ihn so rührend an,

den geliebten Vater zu retten, aber die Gestalt des finstern Paten wich

und wankte nicht. Da sann der Doktor auf eine List. Er ließ von raschen

Dienern das Bette des Königs schnell umdrehen, und gab ihm geschwind

einen Tropfen vom Heilkraut, also daß der Tod betrogen war, und der

König gerettet. Der Tod wich erzürnt von hinnen, erhob aber drohend den

langen knöchernen Zeigefinger gegen seinen Paten.

Dieser war in Liebe entbrannt gegen die reizende Königstochter, und sie

schenkte ihm ihr Herz aus inniger Dankbarkeit. Aber bald darauf

erkrankte sie schwer und heftig, und der König, der sie über alles

liebte, ließ bekannt machen, welcher Arzt sie gesund mache, der solle

ihr Gemahl und hernach König werden. Da flammte eine hohe Hoffnung durch

des Jünglings Herz, und er eilte zu der Kranken — aber zu ihren Füßen

stand der Tod. Vergebens warf der Arzt seinem Paten flehende Blicke zu,

daß er seine Stelle verändern und ein wenig weiter hinauf, womöglich bis

zu Häupten der Kranken treten möge. Der Tod wich nicht von der Stelle,

und die Kranke schien im Verscheiden, doch sah sie den Jüngling um ihr

Leben flehend an. Da übte des Todes Pate noch einmal seine List, ließ

das Lager der Königstochter schnell umdrehen, und gab ihr geschwind

einige Tropfen vom Heilkraut, so daß sie wieder auflebte, und den

Geliebten dankbar anlächelte. Aber der Tod warf seinen tödlichen Haß auf

den Jüngling, faßte ihn an mit eiserner eiskalter Hand und führte ihn

von dannen, in eine weite unterirdische Höhle. In der Höhle da brannten

viele tausend Kerzen, große und halbgroße und kleine und ganz kleine;

viele verloschen und andere entzündeten sich, und der Tod sprach zu

seinem Paten: „Siehe, hier brennt eines jeden Menschen Lebenslicht; die

großen sind den Kindern, die halbgroßen sind den Leuten, die in den

besten Jahren stehen, die kleinen den Alten und Greisen, aber auch

Kinder und Junge haben oft nur ein kleines bald verlöschendes

Lebenslicht.“

„Zeige mir doch das meine!“ bat der Arzt den Tod, da zeigte dieser auf

ein ganz kleines Stümpchen, das bald zu erlöschen drohte. „Ach liebster

Pate!“ bat der Jüngling, „wolle mir es doch erneuen, damit ich meine

schöne Braut, die Königstochter, freien, ihr Gemahl und König werden

kann!“ — „Das geht nicht —“ versetzte kalt der Tod. „Erst muß eins ganz

ausbrennen, ehe ein neues auf- und angesteckt wird.“

„So setze doch gleich das alte auf ein neues!“ sprach der Arzt — und der

Tod sprach: „Ich will so tun!“ Nahm ein langes Licht, tat als wollte er

es aufstecken, versah es aber absichtlich und stieß das kleine um, daß

es erlosch. In demselben Augenblick sank der Arzt um und war tot. Wider

den Tod kein Kraut gewachsen ist.

Der Mann ohne Herz.

Es sind einmal sieben Brüder gewesen, waren arme Waisen, hatten keine

Schwester, mußten alles im Hause selbst tun, das gefiel ihnen nicht,

wurden Rates untereinander, sie wollten heiraten. Nun gab es aber da, wo

sie wohnten, keine Bräute für sie, da sagten die älteren, sie wollten in

die Fremde ziehen, sich Bräute suchen und ihr Jüngster sollte das Haus

hüten, und dem wollten sie eine recht schöne Braut mitbringen. Das war

der Jüngste gar wohl zufrieden und die Sechse machten sich fröhlich und

wohlgemut auf den Weg. Unterwegs kamen sie an ein kleines Häuschen, das

stand ganz einsam in einem Walde, und vor dem Häuschen stand ein alter

alter Mann, der rief die Brüder an und fragte: „Heda! Ihr jungen

Gieke-in-die-Welt! Wohin denn so lustig und so geschwind?“ — „Ei, wir

wollen uns jeder eine hübsche Braut holen, und unserm jüngsten Bruder

daheim auch eine!“ antworteten die Brüder.

„O liebe Jungen!“ sprach da der Alte, „ich lebe hier so

mutterseelensternallein, bringt mir doch auch eine Braut mit, aber eine

junge hübsche muß es sein!“

Die Brüder gingen von dannen und dachten: Hm, was will so ein alter

eisgrauer Hozelmann mit einer jungen hübschen Braut anfangen? —

Da nun die Brüder in eine Stadt gekommen waren, so fanden sie dort

sieben Schwestern, so jung und so hübsch als sie sie nur wünschen

konnten, die nahmen sie, und die jüngste nahmen sie für ihren Bruder

mit. Der Weg führte sie wieder durch den Wald, und der Alte stand wieder

vor seinem Häuschen, als wartete er auf sie, und sagte: „Ei ihr braven

Jungen! Das lob’ ich, daß ihr mir so eine junge hübsche Braut

mitgebracht habt!“ — „Nein!“ sagten die Brüder, „die ist nicht für dich,

die ist für unsern Bruder zu Hause, dem haben wir sie versprochen!“ —

„So?“ sagte der Alte, „versprochen? Ei daß dich! ich will euch auch

versprechen!“ und nahm ein weißes Stäbchen und murmelte ein paar

Zauberworte, und rührte die Brüder und die Bräute mit dem Stäbchen an —

bis auf die jüngste — da wurden sie alle in graue Steine verwandelt. Die

jüngste aber von den Schwestern führte der Mann in das Haus, und das

mußte sie nun beschicken und in Ordnung halten, tat das auch gern, aber

sie hatte immer angst, der Alte könne bald sterben, und dann werde sie

in dem einsamen Häuschen im wilden öden Walde auch so

mutterseelensternallein sein, wie der Alte zuvor gewesen war. Das sagte

sie ihm und er antwortete: „Hab kein Bangen, fürchte nicht und hoffe

nicht, daß ich sterbe. Sieh, ich habe kein Herz in der Brust! stürbe ich

aber dennoch, so findest du über der Türe mein weißes Zauberstäbchen,

und rührst damit an die grauen Steine, so sind deine Schwestern und ihre

Freier befreit und du hast Gesellschaft genug.“

„Wo aber in aller Welt hast du denn dein Herz, wenn du es nicht in der

Brust hast?“ fragte die junge Braut. „Mußt du alles wissen?“ fragte der

Alte. „Nun, wenn du es denn wissen mußt, in der Bettdecke steckt mein

Herz.“

Da nähte und stickte die junge Braut, wenn der Alte fort und seinen

Geschäften nachging, in ihrer Einsamkeit gar schöne Blumen auf seine

Bettdecke, damit sein Herz eine Freude haben sollte. Der Alte aber

lächelte darüber und sagte: „Du gutes Kind, es war ja nur mein Scherz;

mein Herz, das steckt — das steckt“ — „Nun, wo steckt es denn, lieber

Vater?“ — „Das steckt in der — Stubentür!“ —

Da hat die junge Frau am andern Tage, als der Alte fort war, die

Stubentüre gar schön geschmückt mit bunten Federn und frischen Blumen

und hat Kränze daran gehangen. Fragte der Alte, als er heimkam, was das

bedeuten solle? Sagte sie: „Das tat ich, deinem Herzen was zuliebe zu

tun.“ Da lächelte wieder der Alte, und sagte: „Gutes Kind, ganz wo

anders, als in der Stubentüre, ist mein Herz.“ Da wurde die junge Braut

sehr betrübt und sprach: „Ach, Vater, so hast du doch ein Herz, und

kannst sterben und ich werde dann so allein sein.“ Da wiederholte der

Alte alles, was er ihr schon zweimal gesagt, und sie drang aufs neue in

ihn, ihr zu sagen, wo doch eigentlich sein Herz sei? Da sprach der Alte:

„Weit weit von hier liegt in tiefer Einsamkeit eine große uralte Kirche,

die ist fest verwahrt mit eisernen Türen, um sie ist ein tiefer

Wallgraben gezogen, über den führt keine Brücke, und in der Kirche da

fliegt ein Vogel wohl ab und auf, der ißt nicht und trinkt nicht und

stirbt nicht, und niemand vermag ihn zu fangen und so lange der Vogel

lebt, so lange lebe auch ich, denn in dem Vogel ist mein Herz.“

Da wurde die Braut traurig, daß sie dem Herzen ihres Alten nichts

zuliebe tun konnte, und die Zeit wurde ihr lang, wenn sie so allein saß,

denn der Alte war fast den ganzen Tag auswärts.

Da kam einmal ein junger Wandergesell am Häuschen vorüber, der grüßte

sie und sie grüßte ihn und sie gefiel ihm, und er kam näher und sie

fragte ihn, wohin er reise, woher er komme? — „Ach!“ seufzte der junge

Gesell, „ich bin gar traurig. Ich hatte noch sechs Brüder, die sind von

dannen gezogen, sich Bräute zu holen, und mir, dem Jüngsten, wollten sie

auch eine mitbringen, sind aber nimmer wiedergekommen, und da bin ich

nun auch fort vom Hause, und will meine Brüder suchen.“

„Ach, lieber Gesell!“ rief die Braut, „da brauchst du nicht weiter zu

gehen! Erst setze dich und iß und trinke etwas, und dann laß dir

erzählen!“ Und gab ihm zu essen und zu trinken, und erzählte ihm, wie

seine Brüder in die Stadt gekommen, und wie sie ihre Schwestern und sie

selbst als Bräute mit sich nach Hause hätten führen wollen, und daß sie

für ihn, ihren Gast, bestimmt gewesen, und wie der Alte sie bei sich

behalten, und die andern in graue Steine verwandelt habe. Das alles

erzählte sie ihm aufrichtig und weinte dazu, und auch daß der Alte kein

Herz in der Brust habe und daß es weit, weit weg sei in einer festen

Kirche und in einem unsterblichen Vogel. Da sagte der Bräutigam: „Ich

will fort, ich will den Vogel suchen, vielleicht hilft mir Gott, daß ich

ihn fange.“ — „Ja, das tue, daran wirst du wohl tun, dann werden deine

Brüder und meine Schwestern wieder Menschen werden!“ und versteckte den

Bräutigam, denn es wurde schon Abend, und als am andern Morgen der Alte

wieder fort war, da packte sie dem Wandergesellen viel zu essen und zu

trinken ein, und gab es ihm mit, und wünschte ihm alles Glück und Gottes

Segen auf seine Fahrt.

Als nun der Gesell eine tüchtige Strecke gegangen war, deuchte ihm, es

sei wohl Zeit zu frühstücken, packte seine Reisetasche aus, freute sich

der vielen Gaben und rief: „Holla! nun wollen wir schmausen! Herbei, wer

mein Gast sein will!“

Da rief es hinter dem Gesellen: „Muh!“ und wie er sich umsah, stand ein

großer roter Ochse da und sprach: „Du hast eingeladen, ich möchte wohl

dein Gast sein!“ — „Sei willkommen und lange zu, so gut ich’s habe!“ Da

legte sich der Ochse gemächlich an den Boden, und ließ sich’s schmecken,

und leckte sich dann mit der Zunge sein Maul recht schön ab, und als er

satt war, sagte er: „Habe du großen Dank und wenn du einmal jemand

brauchst, dir in Not und Gefahr zu helfen, so rufe nur in Gedanken nach

mir, deinem Gast.“ Und erhob sich und verschwand im Gebüsch. Der Gesell

packte seine Tafelreste zusammen und pilgerte weiter, wieder eine

tüchtige Strecke, da deuchte ihm nach dem kurzen Schatten, den er warf,

es müsse Mittag sein, und seinem Magen deuchte das nämliche. Da setzte

er sich an den Boden hin, breitete sein Tafeltuch aus, setzte seine

Speisen und Getränke darauf, und rief: „Wohlan! Mittagmahlzeit! Jetzt

melde sich, was mittafeln will!“ Da rauschte es ganz stark in den

Büschen, und es brach ein wildes Schwein heraus, das grunzte: oui oui

oui, und sagte: „Es hat hier jemand zum Essen gerufen! Ich weiß nicht,

ob du es warst, und ob ich gemeint bin?“

„Immerhin, lange nur zu, was da ist!“ sprach der Wandersmann, und da

aßen sie beide wohlgemut miteinander und schmeckte beiden gut. Darauf

erhob sich das wilde Schwein und sagte: „Habe Dank, bedarfst du mein, so

rufe dem Schwein!“ und damit trollte es in die Büsche. Nun wanderte der

Gesell gar eine lange Strecke, und war schon gar weit gewandert, da

wurde es gegen Abend, und er fühlte wieder Hunger und hatte auch noch

Vorrat, und da dachte er: wie wär’ es mit dem Vespern? Zeit wär’ es,

dächt’ ich; und breitete wieder sein Tuch aus und legte seine Speisen

darauf, hatte auch noch etwas zu trinken, und rief: „Wer Lust hat mit zu

essen, der soll eingeladen sein. Es ist nicht, als wenn nichts da wäre!“

Da rauschte über ihm ein schwerer Flügelschlag und wurde dunkel auf dem

Boden, wie vom Schatten einer Wolke, und es ließ sich ein großer Vogel

Greif sehen, der rief: „Ich hörte jemand hier unten zur Tafel einladen!

Für mich wird wohl nichts abfallen?“

„Warum denn nicht? Lasse dich nieder und nimm vorlieb, viel wird’s nicht

mehr sein!“ rief der Jüngling, und da ließ sich der Vogel Greif nieder

und aß zur Genüge und dann sagte er: „Brauchst du mich, so rufe mich!“

hob sich in die Lüfte und verschwand. Ei, dachte der Geselle, der hat’s

recht eilig; er hätte mir wohl den Weg nach der Kirche zeigen können,

denn so finde ich sie wohl nimmer, und raffte seine Sachen zusammen, und

wollte vor dem Schlafengehen noch ein Stückchen wandern. Und wie er gar

nicht lange gegangen war, so sah er mit einem Male die Kirche vor sich

liegen und war bald bei ihr, das heißt, am breiten und tiefen Graben,

der sie rings ohne Brücke umzog. Da suchte er sich ein hübsches

Ruheplätzchen, denn er war müde von dem weiten Weg und schlief, und am

andern Morgen da wünschte er sich über den Graben und dachte: Schau,

wenn der rote Ochse da wär’ und hätte rechten Durst, so könnte der den

Graben aussaufen und ich käme trocken hinüber. Kaum war dieser Wunsch

getan, so stand der Ochse schon da und begann den Graben auszusaufen.

Nun stand der Gesell an der Kirchenmauer, die war gar dick und die Türme

waren von Eisen, da dachte er so in seinen Gedanken: ach, wer doch einen

Mauerbrecher hätte! Das starke wilde Schwein könnte vielleicht hier eher

etwas ausrichten als ich. Und siehe, gleich kam das wilde Schwein

dahergerannt und stieß heftig an die Mauer und wühlte mit seinen Hauern

einen Stein los, und wie erst einer los war, so wühlte es immer mehr und

immer mehr Steine aus der Mauer, bis ein großes tiefes Loch gewühlt war,

durch das man in die Kirche einsteigen konnte. Da stieg nun der Jüngling

hinein, und sah den Vogel darin herumfliegen, vermochte aber nicht ihn

zu ergreifen. Da sprach er: „Wenn jetzt der Vogel Greif da wäre, der

würde dich schon greifen, dafür ist er ja der Vogel Greif!“ Und gleich

war der Greif da und gleich griff er den Vogel, in dem des alten Mannes

Herz war, und der junge Gesell verwahrte selbigen Vogel sehr gut, der

Vogel Greif aber flog davon.

Nun eilte der Jüngling so sehr er konnte zur jungen Braut, kam noch vor

abends an und erzählte ihr alles, und sie gab ihm wieder zu essen und zu

trinken und hieß ihn unter die Bettstelle kriechen mit samt seinem

Vogel, damit ihn der Alte nicht sähe. Dies tat er alsbald, nachdem er

gegessen und getrunken hatte; der Alte kam nach Hause und klagte, daß er

sich krank fühle, daß es nicht mehr mit ihm fortwolle — das machte, weil

sein Herzvogel gefangen war. Das hörte der Bräutigam unter dem Bette und

dachte, der Alte hat dir zwar nichts Böses getan, aber er hat deine

Brüder und ihre Bräute verzaubert, und deine Braut hat er für sich

behalten, das ist des Bösen nicht zu wenig, und da kneipte er den Vogel,

und da wimmerte der Alte: „Ach, es kneipt mich! Ach, der Tod kneipt

mich, Kind — ich sterbe!“ Und fiel vom Stuhl und war ohnmächtig, und ehe

sich’s der Jüngling versah, hatte er den Vogel totgekneipt, und da war

es aus mit dem Alten. Nun kroch er hervor, und die Braut nahm den weißen

Stab, wie sie der Alte gelehrt hatte, und schlug damit an die zwölf

grauen Steine, siehe, da wurden sie wieder die sechs Brüder und die

sechs Schwestern, das war eine Freude und ein Umarmen und Herzen und

Küssen, und der alte Mann war tot und blieb tot, konnt’ ihn keine

Meisterwurz wieder lebendig machen, wenn sie ihn auch hätten wieder

lebendig haben wollen. Da zogen sie alle miteinander fort, und hielten

Hochzeit miteinander und lebten gut und glücklich miteinander lange

Jahre.

Star und Badewännlein.

Vor einem Wirtshaus im Walde hielt ein junger stattlicher Reitersmann,

da trat eine feine Maid aus der Türe, grüßte ihn züchtig, und fragte,

was er begehre. Da heischte er einen Becher kühlen Weins, den brachte

ihm die Jungfrau. Der Reitersmann trank aber nicht eher, bis die Maid

mit ihren roten Lippen von dem Weine genippt und den Trunk ihm kredenzt

hatte. Während er nun trank, trat die Wirtin aus der Türe, ein häßliches

Weib von brauner Gesichtsfarbe und widrigem Ansehen. Die fragte der

Reitersmann: „Holla, Frau Wirtin! Ihr habt fürwahr ein feines

Töchterlein! Nicht also?“ — „Nein, Herr!“ antwortete die Wirtin, „diese

Dirne da ist nicht meine Tochter, sie ist nur meine angenommene Magd,

hat nicht Eltern und Heimat mehr. Habe sie angenommen aus

Barmherzigkeit.“

Der Reitersmann fühlte Liebe zu der schönen Maid, stieg ab vom Roß,

begehrte ein Nachtquartier, und daß ihm die Magd ein Fußbad rüste, weil

er gern mit ihr reden wollte. Die Wirtin gebot der Magd in den Garten zu

gehen, und Rosmarin, Thymian und Majoran für das Bad zu pflücken. Dies

tat sie gern und freudig, ging und brach die Kräuter, da flog ein Star

auf ein Sträuchelein neben ihr und sang und sprach: O weh, du Braut! Du

sollst dem Junker die Füße zwagen in dem Badewännelein, darin du

hierhergetragen worden! Dein Vater ist vor Herzeleid gestorben, und

deine Mutter hat sich schier um dich zu Tode gegrämt!

O weh, du Braut, du Findelkind!

Weißt nicht, wer dein Vater und Mutter sind!

Da erschrak die fromme Maid und grämte sich, rüstete das Bad unter

Tränen in dem kleinen Wännelein, und trug’s hinauf in die Stube, wo der

junge Ritter ihrer harrte. Als der sie weinen sah, fragte er: „Warum

weinest du, Schönste? Willst du nicht lieber mit mir fröhlich sein?“

„Wie kann ich mit Euch fröhlich sein?“ fragte sie weinend zurück. „Ich

weine über das, was mir der Star sang, da ich drunten im Garten die

Kräuter pflückte in Euer Bad. Der Star, der sang: O weh, du Braut! Du

sollst dem Junker die Füße zwagen in dem Badewännelein, darin du

hergetragen bist. Dein Vater ist vor Herzeleid gestorben, und deine

Mutter hat sich schier um dich zu Tode gegrämt!

O weh, du Braut, du Findelkind!

Weißt nicht, wer dein Vater und Mutter sind!“

Da betrachtete der Herr das Badewännelein, und sah daran das Wappen des

Königs am Rhein, verwunderte sich über alle Maßen und rief: „Das ist

meines Vaters Wappenschild! Wie kommt dies Wännelein in dies schlechte

Wirtshaus?“

Da schlug ein Vogel draußen an das Fenster, das war wieder der Star, der

sang: In dem Badewännelein ist sie hergetragen!

O weh, du Braut, du Findelkind!

Weißt nicht, wer dein Vater und Mutter sind!

Jetzt sah der junge Herr am Hals der Maid ein Muttermal, und rief

freudig aus: „Grüß dich Gott, du Schönste! Du bist meine liebe

Schwester! Dein Vater war der König am Rhein! Christine heißt deine

Mutter! Konrad heiße ich, dein Zwillingsbruder bin ich. Darum empfand

mein Herz nach dir, gleich als ich dich zum ersten sah, solch ein

heftiges Verlangen!“

Da fielen sie einander um den Hals und weinten beide, knieten nieder und

dankten Gott, und sprachen liebreich miteinander die ganze Nacht. Wie

nun der Morgen graute, rief die Wirtin vor der Tür mit lauter Stimme und

voll Hohn: „Steh auf, steh auf, du junge Braut, und kehre deiner Frauen

die Stube aus!“ Da antwortete aber die Stimme Herrn Konrads: „Weder ist

sie eine junge Braut, noch kehrt sie der Wirtin ihre Stube aus! Bringet

uns nur selbst den Morgenwein!“ Als die Wirtin mit dem Morgenwein

hereingetreten war, fragte sie Herr Konrad: „Von wem und von wannen habt

Ihr diese edle Jungfrau? Sie ist eines Königs Tochter und meine

Schwester!“

Ludwig Bechsteins Märchenbuch Mit 176 Holzschnitten nach Originalzeichnungen von Ludwig Richter · 第 7 / 26 段