Zureden keine Waffen mit; doch hatte er sich im geheimen mit recht
probaten Waffen gegen den Schlaf versehen; er hatte sich Disteln und
Dornen gesucht und diese, als er sich abends in den Garten an seinen
Wächterplatz verfügt, vor sich aufgebaut. Wenn er nun einnicken wollte,
stieß er allemal mit der Nase an die Stacheln und wurde gleich wieder
munter. Als die Mitternacht herbeikam, hörte er ein Getrappel, es kam
näher und näher, machte sich in den Hirsesamen und da hörte Johannes ein
recht fleißiges Abraufen. Halt, dachte er, da hab’ ich dich! und er zog
einen Strick aus der Tasche, schob leise die Dornen zurück und schlich
dem Dieb vorsichtig näher. Als er hinzukam — wer hätte sich das
vermutet? — war der Dieb — ein allerliebstes kleines Pferdchen. Johannes
war innerlich erfreut; hatte auch mit dem Einfangen gar keine Mühe; das
Tierchen folgte ihm willig zum Stall, den Johannes fest verschloß. Und
nun konnte er noch ganz gemach in seinem Bette ausschlafen. Früh, als
seine Brüder aufstiegen und hinunter in den Garten gehen wollten, sahen
sie mit Staunen, daß Johannes in seinem Bette lag und schlief. Da
weckten sie ihn und höhnten ihn mit allerlei Neckreden, daß er der beste
Wächter sei, da er sogar nicht einmal die Nacht ausgehalten habe auf
seiner Wache. Aber Johannes sagte: „Seid ihr nur ganz stille, ich will
euch den Hirsedieb schon zeigen.“ Und sein Vater und seine Brüder mußten
ihm zum Stalle folgen, wo das wunderseltsame Pferdlein stand, von dem
niemand zu sagen wußte, woher es gekommen und wem es zugehöre. Es war
allerliebst anzusehen, von zartem und schlankem Bau, und dazu ganz
silberweiß. Da hatte der Kaufmann eine große Freude und schenkte seinem
wackern Johannes das Pferdchen als Belohnung, der nahm es freudig an und
nannte es Hirsedieb.
Bald vernahmen die Brüder, daß eine schöne Prinzessin verzaubert wäre im
Schloß, das auf dem gläsernen Berge stehe, zu welchem niemand wegen der
großen Glätte emporklimmen könne. Wer aber glücklich hinauf und dreimal
um das Schloß herumreite, der erlöse die schöne Prinzessin und bekomme
sie zur Gemahlin. Gar unendliche viele hätten schon den Bergritt
probiert, wären aber alle wieder herabgestürzt und lägen tot umher.
Diese Wundermär erscholl durchs ganze Land und auch die drei Brüder
bekamen Lust, ihr Glück zu versuchen, nach dem gläsernen Berg zu reiten
und — womöglich die schöne Prinzessin zu gewinnen. Michel und Georg
kauften sich junge, starke Pferde, deren Hufeisen sie tüchtig schärfen
ließen, und Johannes sattelte seinen kleinen Hirsedieb, und so ging es
aus zum Glücksritt. Bald erreichten sie den gläsernen Berg, der älteste
ritt zuerst, aber ach — sein Roß glitt aus, stürzte mit ihm nieder und
beide, Roß und Mann, vergaßen das Wiederaufstehen. Der zweite ritt, aber
ach — sein Roß glitt aus, stürzte mit ihm nieder und beide, Mann und
Roß, vergaßen auch das Aufstehen. Nun ritt Johannes, und es ging trapp
trapp trapp trapp trapp — droben waren sie, und wieder trapp trapp trapp
trapp trapp und sie waren dreimal ums Schloß herum, als wenn Hirsedieb
schon hundertmal diesen gefährlichen Weg gelaufen wäre. Nun standen sie
vor der Schloßtüre; diese ging auf und es trat die reizendschöne
Prinzessin heraus; sie war ganz in Seide und Gold gekleidet und breitete
freudig die Arme gegen Johannes aus. Und derselbe stieg schnell vom
Pferdlein und eilte, die holde Prinzessin und somit sein ganzes überaus
großes Glück zu umfangen.
Und die Prinzessin wandte sich zum Pferdlein, liebkosete dasselbe und
sprach: „Ei, du kleiner Schelm, warum warst du mir denn entlaufen, daß
ich nicht mehr die einzige Nachtstunde, die mir vergönnet war, unten auf
der grünen Erde zu weilen, genießen konnte, da du mich nicht mehr den
gläsernen Berg hinunter und wieder herauftrugst? Nun darfst du uns
nimmermehr verlassen.“ — Und da ward Johannes gewahr, daß sein
Hirsediebchen das Zauberpferdlein seiner himmelschönen Prinzessin war.
Seine Brüder kamen wieder auf von ihrem Fall, Johannes aber sahen sie
nicht wieder, denn der lebte glücklich und allen Erdensorgen entrückt
mit seinem Engel im Zauberschloß auf dem gläsernen Berge, aber auch zu
diesem Berge fand kein Menschenkind mehr den Weg, weil der Zauber gelöst
und die Prinzessin von ihrem Bann befreit worden war durch ihr kluges
Rößlein, das den rechten Befreier und Gemahl ihr zugetragen.
Der goldne Rehbock.
Es waren einmal zwei arme Geschwister, ein Knabe und ein Mädchen, das
Mädchen hieß Margarete, der Knabe hieß Hans. Ihre Eltern waren
gestorben, hatten ihnen auch gar kein Eigentum hinterlassen, daher sie
ausgehen mußten, um durch Betteln sich fortzubringen. Zur Arbeit waren
beide noch zu schwach und klein; denn Hänschen zählte erst zwölf Jahre
und Gretchen war noch jünger. Des Abends gingen sie vors erste beste
Haus, klopften an und baten um ein Nachtquartier, und vielmal waren sie
schon von guten mildtätigen Menschen aufgenommen, gespeiset und
getränket worden; auch hatte mancher und manche Barmherzige ihnen ein
Kleidungsstückchen zugeworfen.
So kamen sie einmal des Abends vor ein Häuschen, welches einzeln stand;
da klopften sie ans Fenster, und als gleich darauf eine alte Frau
heraussah, fragten sie diese, ob sie hier nicht über Nacht bleiben
dürften? Die Antwort war: „Meinetwegen, kommt nur herein!“ Aber wie sie
eintraten, sprach die Frau: „Ich will euch wohl über Nacht behalten,
aber wenn es mein Mann gewahr wird, so seid ihr verloren; denn er isset
gern einen jungen Menschenbraten, daher er alle Kinder schlachtet, die
ihm vor die Hand kommen!“ Da wurde den Kindern sehr angst; doch konnten
sie nunmehr nicht weiter, es war schon ganz dunkle Nacht geworden. So
ließen sie sich gutwillig von der Frau in ein Faß verstecken und
verhielten sich ruhig. Einschlafen konnten sie aber lange nicht, zumal
da sie nach einer Stunde die schweren Tritte eines Mannes vernahmen, der
wahrscheinlich der Menschenfresser war. Des wurden sie bald gewiß, denn
jetzt fing er an mit brüllender Stimme auf seine Frau zu zanken, daß sie
keinen Menschenbraten für ihn zugerichtet. Am Morgen verließ er das Haus
wieder und tappte so laut, daß die Kinder, die endlich doch
eingeschlummert waren, darüber erwachten.
Als sie von der Frau etwas zu frühstücken bekommen hatten, sagte diese:
„Ihr Kinder müßt nun auch etwas tun, da habt ihr zwei Besen, geht oben
hinauf und kehrt mir meine Stuben aus, deren sind zwölf, aber ihr kehret
davon nur elf, die zwölfte dürft ihr ums Himmels willen nicht aufmachen.
Ich will derzeit einen Ausgang tun. Seid fleißig, daß ihr fertig seid,
wenn ich wiederkomme.“ Die Kinder kehrten sehr emsig, und bald waren sie
fertig. Nun mochte Gretchen doch gar zu gerne wissen, was in der
zwölften Stube wäre, das sie nicht sehen sollten, weil ihnen verboten
war, die Stube zu öffnen. Sie guckte ein wenig durchs Schlüsselloch und
sah da einen herrlichen kleinen goldenen Wagen, mit einem goldenen
Rehbock bespannt. Geschwind rief sie Hänschen herbei, daß er auch
hineingucken sollte. Und als sie sich erst tüchtig umgesehen, ob die
Frau nicht heimkehre, und da von dieser nichts zu sehen war, schlossen
sie schnell die Türe auf, zogen den Wagen samt Rehbock heraus, setzten
drunten sich hinein in den Wagen und fuhren auf und davon. Aber nicht
lange, so sahen sie von weitem die alte Frau und auch den
Menschenfresser sich entgegenkommen, gerade des Wegs, den sie mit dem
geraubten Wagen eingeschlagen hatten. Hänslein sprach: „Ach, Schwester,
was machen wir? Wenn uns die beiden Alten entdecken, sind wir verloren.“
„Still!“ sprach Gretchen, „ich weiß ein kräftiges Zaubersprüchlein,
welches ich noch von unsrer Großmutter gelernt habe:
Rosenrote Rose sticht;
Siehst du mich, so sieh mich nicht!“
und alsbald waren sie verwandelt in einen Rosenstrauch. Gretchen wurde
zur Rose, Hänslein zu Dornen, der Rehbock zum Stiele, der Wagen zu
Blättern.
Nun kamen beide, der Menschenfresser und seine Frau, dahergegangen und
letztere wollte sich die schöne Rose abbrechen, aber sie stach sich so
sehr, daß ihre Finger bluteten und sie ärgerlich davonging. Wie die
Alten fort waren, machten sich die Kinder eilig auf und fuhren weiter
und kamen bald an einen Backofen, der voll Brot stund. Da hörten sie aus
demselben eine hohle Stimme rufen: „Rückt mir mein Brot, rückt mir mein
Brot.“ Schnell rückte Gretchen das Brot und tat es in ihren Wagen,
worauf sie weiterfuhren. Da kamen sie an einen großen Birnbaum, der voll
reifer schöner Früchte hing, aus diesem tönte es wieder: „Schüttelt mir
meine Birnen, schüttelt mir meine Birnen!“ Gretchen schüttelte sogleich,
und Hänschen half gar fleißig auflesen und die Birnen in den goldenen
Wagen schütten. Und wieder kamen sie an einen Weinstock, der rief mit
angenehmer Stimme: „Pflückt mir meine Trauben, pflückt mir meine
Trauben!“ Gretchen pflückte auch diese und packte sie in ihren Wagen.
Unterdessen aber waren der Menschenfresser und seine Frau daheim
angelangt und hatten mit Ingrimm wahrgenommen, daß die Kinder ihren
goldenen Wagen samt Rehbock gestohlen, gerade wie diese beiden ebenfalls
vor langen Jahren Wagen und Rehbock gestohlen und noch dazu bei dem
Diebstahl auch einen Mord begangen hatten, nämlich den rechtmäßigen
Eigentümer erschlagen. Der mit dem Rehbock bespannte Wagen war nicht nur
an und für sich von großem Wert, sondern er besaß auch noch die
vortreffliche Eigenschaft, daß, wo er hinkam, von allen Seiten Gaben
gespendet wurden, von Baum und Beerstrauch, von Backofen und Weinstock.
So hatten denn die Leute, der Menschenfresser und seine Frau, lange
Jahre den Wagen, wenn auch auf unrechtmäßige Weise, besessen, hatten
sich gute Eßwaren spenden lassen und dabei herrlich und in Freuden
gelebt. Da sie nun sahen, daß sie ihres Wagens beraubt waren, machten
sie sich flugs auf, den Kindern nachzueilen und ihnen die köstliche
Beute wieder abzujagen. Dabei wässerte dem Menschenfresser schon der
Mund nach Menschenbraten; denn die Kinder wollte er sogleich fangen und
schlachten. Mit weiten Schritten eilten die beiden Alten den Kindern
nach und wurden derselben bald von ferne ansichtig, weil sie
vorausfuhren. Die Kinder kamen jetzt an einen großen Teich und konnten
nicht weiter, auch war weder eine Fähre, noch eine Brücke da, daß sie
hinüber hätten flüchten können. Nur viele Enten waren darauf zu sehen,
die lustig umherschwammen. Gretchen lockte diese ans Ufer, warf ihnen
Futter hin und sprach:
„Ihr Entchen, ihr Entchen, schwimmt zusammen,
Macht mir ein Brückchen, daß ich hinüber kann kommen!“
Da schwammen die Enten einträchtiglich zusammen, bildeten eine Brücke
und die Kinder samt Rehbock und Wagen kamen glücklich ans andere Ufer.
Aber flugs hinterdrein kam auch der Menschenfresser und brummte mit
häßlicher Stimme:
„Ihr Entchen, ihr Entchen, schwimmt zusammen,
Macht mir ein Brückchen, daß ich hinüber kann kommen!“
Schnell schwammen die Entchen zusammen und trugen die beiden Alten
hinüber — meint ihr? Nein! in der Mitte des Teiches, da das Wasser am
tiefsten war, schwammen die Entchen auseinander, und der böse
Menschenfresser nebst seiner Alten plumpten in die Tiefe und kamen um.
Und Hänschen und Gretchen wurden sehr wohlhabende Leute, aber sie
spendeten auch von ihrem Segen den Armen viel und taten viel Gutes, weil
sie immer daran dachten, wie bitter es gewesen, da sie noch arm waren
und betteln gehen mußten.
Das Nußzweiglein.
Es war einmal ein reicher Kaufmann, der mußte in seinen Geschäften in
fremde Länder reisen. Da er nun Abschied nahm, sprach er zu seinen drei
Töchtern: „Liebe Töchter, ich möchte euch gerne bei meiner Rückkehr eine
Freude bereiten, sagt mir daher, was ich euch mitbringen soll?“ Die
älteste sprach: „Lieber Vater, mir eine schöne Perlenhalskette!“ Die
andre sprach: „Ich wünschte mir einen Fingerring mit einem Demantstein.“
Die jüngste schmiegte sich an des Vaters Herz und flüsterte: „Mir ein
schönes, grünes Nußzweiglein, Väterchen.“ — „Gut, meine lieben Töchter!“
sprach der Kaufmann, „ich will mir’s aufmerken und dann lebet wohl.“
Weit fort reisete der Kaufmann und machte große Einkäufe, gedachte aber
auch treulich der Wünsche seiner Töchter. Eine kostbare Perlenhalskette
hatte er bereits in seinen Reisekoffer gepackt, um seine Älteste damit
zu erfreuen, und einen gleich wertvollen Demantring hatte er für die
mittlere Tochter eingekauft. Einen grünen Nußzweig aber konnte er
nirgends gewahren, wie er sich auch darum bemühte. Auf der Heimreise
ging er deshalb große Strecken zu Fuß und hoffte, da sein Weg ihn
vielfach durch Wälder führte, endlich einen Nußbaum anzutreffen; doch
dies war lange vergeblich, und der gute Vater fing an betrübt zu werden,
daß er die harmlose Bitte seines jüngsten und liebsten Kindes nicht zu
erfüllen vermochte.
Endlich, als er so betrübt seines Weges dahinzog, der ihn just durch
einen dunkeln Wald und an dichtem Gebüsch vorüberführte, stieß er mit
seinem Hut an einen Zweig und es raschelte, als fielen Schloßen darauf;
wie er aufsah, war’s ein schöner, grüner Nußzweig, daran eine Traube
goldner Nüsse hing. Da war der Mann sehr erfreut, langte mit der Hand
empor und brach den herrlichen Zweig ab. Aber in demselben Augenblicke
schoß ein wilder Bär aus dem Dickicht und stellte sich grimmig brummend
auf die Hintertatzen, als wollte er den Kaufmann gleich zerreißen. Und
mit furchtbarer Stimme brüllte er: „Warum hast du meinen Nußzweig
abgebrochen, du? warum? ich werde dich auffressen.“ Bebend vor Schreck
und zitternd sprach der Kaufmann: „O, lieber Bär, friß mich nicht und
laß mich mit dem Nußzweiglein meines Weges ziehen, ich will dir auch
einen großen Schinken und viele Würste dafür geben!“ Aber der Bär
brüllte wieder: „Behalte deinen Schinken und deine Würste! Nur wenn du
mir versprichst, mir dasjenige zu geben, was dir zu Hause am ersten
begegnet, so will ich dich nicht fressen.“ Dies ging der Kaufmann gerne
ein, denn er gedachte, wie sein Pudel gewöhnlich ihm entgegenlaufe, und
diesen wollte er, um sich das Leben zu retten, gerne opfern. Nach derbem
Handschlag tappte der Bär ruhig ins Dickicht zurück; und der Kaufmann
schritt, aufatmend, rasch und fröhlich von dannen.
Der goldene Nußzweig prangte herrlich am Hut des Kaufmanns, als er
seiner Heimat zueilte. Freudig hüpfte das jüngste Mägdlein ihrem lieben
Vater entgegen; mit tollen Sprüngen kam der Pudel hinterdrein; und die
ältesten Töchter und die Mutter schritten etwas weniger schnell aus der
Haustüre, um den Ankommenden zu begrüßen. Wie erschrak nun der Kaufmann,
als seine jüngste Tochter die erste war, die ihm entgegenflog! Bekümmert
und betrübt entzog er sich der Umarmung des glücklichen Kindes und
teilte nach den ersten Grüßen den Seinigen mit, was ihm mit dem Nußzweig
widerfahren. Da weinten nun alle und wurden betrübt, doch zeigte die
jüngste Tochter den meisten Mut und nahm sich vor, des Vaters
Versprechen zu erfüllen. Auch ersann die Mutter bald einen guten Rat und
sprach: „Ängstigen wir uns nicht, meine Lieben, sollte ja der Bär kommen
und dich, mein lieber Mann, an dein Versprechen erinnern, so geben wir
ihm, anstatt unsrer Jüngsten, die Hirtentochter, mit dieser wird er auch
zufrieden sein.“ Dieser Vorschlag galt und die Töchter waren wieder
fröhlich und freuten sich recht über diese schönen Geschenke. Die
Jüngste trug ihren Nußzweig immer bei sich; sie gedachte bald gar nicht
mehr an den Bären und an das Versprechen ihres Vaters.
Aber eines Tages rasselte ein dunkler Wagen durch die Straße vor das
Haus des Kaufmanns und der häßliche Bär stieg heraus und trat brummend
in das Haus und vor den erschrockenen Mann, die Erfüllung seines
Versprechens begehrend. Schnell und heimlich wurde die Hirtentochter,
die sehr häßlich war, herbeigeholt, schön geputzt und in den Wagen des
Bären gesetzt. Und die Reise ging fort. Draußen legte der Bär sein
wildes, zotteliges Haupt auf den Schoß der Hirtin und brummte:
„Graue mich, krabble mich,
Hinter den Ohren zart und fein,
Oder ich fress’ dich mit Haut und Bein!“
Und das Mädchen fing an zu krabbeln; aber sie machte es dem Bären nicht
recht und er merkte, daß er betrogen wurde; da wollte er die geputzte
Hirtin fressen, doch diese sprang rasch in ihrer Todesangst aus dem
Wagen.
Darauf fuhr der Bär abermals vor das Haus des Kaufmanns und forderte
furchtbar drohend die rechte Braut. So mußte denn das liebliche Mägdlein
herbei, um nach schwerem bittern Abschied mit dem häßlichen Bräutigam
fortzufahren. Draußen brummte er wieder, seinen rauhen Kopf auf des
Mädchens Schoß legend:
„Graue mich, krabble mich,
Hinter den Ohren zart und fein,
Oder ich fress’ dich mit Haut und Bein!“
Und das Mädchen krabbelte, und so sanft, daß es ihm behagte und daß sein
furchtbarer Bärenblick freundlich wurde, so daß allmählich die arme
Bärenbraut einiges Vertrauen zu ihm gewann. Die Reise dauerte nicht gar
lange, denn der Wagen fuhr ungeheuer schnell, als brause ein Sturmwind
durch die Luft. Bald kamen sie in einen sehr dunkeln Wald, und dort
hielt plötzlich der Wagen vor einer finstergähnenden Höhle. Diese war
die Wohnung des Bären. O wie zitterte das Mädchen! Und zumal, da der Bär
sie mit seinen furchtbaren Klauenarmen umschlang und zu ihr freundlich
brummend sprach: „Hier sollst du wohnen, Bräutchen, und glücklich sein,
so du drinnen dich brav benimmst, daß mein wildes Getier dich nicht
zerreißt.“ Und er schloß, als beide in der dunkeln Höhle einige Schritte
getan, eine eiserne Türe auf und trat mit der Braut in ein Zimmer, das
voll von giftigem Gewürm angefüllt war, welches ihnen gierig
entgegenzüngelte. Und der Bär brummte seinem Bräutchen ins Ohr:
„Seh’ dich nicht um!
Nicht rechts, nicht links;
Geradezu, so hast du Ruh’.“
Da ging auch das Mädchen, ohne sich umzublicken, durch das Zimmer und es
regte und bewegte sich so lange kein Wurm. Und so ging es noch durch
zehn Zimmer, und das letzte war von den scheußlichsten Kreaturen
angefüllt, Drachen und Schlangen, giftgeschwollenen Kröten, Basilisken
und Lindwürmern. Und der Bär brummte in jedem Zimmer:
„Seh’ dich nicht um!
Nicht rechts, nicht links;
Geradezu, so hast du Ruh’!“
Das Mädchen zitterte und bebte vor Angst und Bangigkeit wie ein
Espenlaub, doch blieb sie standhaft, sah sich nicht um, nicht rechts,
nichts links. Als sich aber das zwölfte Zimmer öffnete, strahlte beiden
ein glänzender Lichtschimmer entgegen, es erschallte drinnen eine
liebliche Musik und es jauchzte überall wie Freudengeschrei, wie Jubel.
Ehe sich die Braut nur ein wenig besinnen konnte, noch zitternd vom
Schauen des Entsetzlichen und nun wieder dieser überraschenden
Lieblichkeit — tat es einen furchtbaren Donnerschlag, also daß sie
dachte, es breche Erde und Himmel zusammen. Aber bald ward es wieder
ruhig. Der Wald, die Höhle, die Gifttiere, der Bär — waren verschwunden;
ein prächtiges Schloß, mit goldgeschmückten Zimmern und schön
gekleideter Dienerschaft stand dafür da, und der Bär war ein schöner
junger Mann geworden, war der Fürst des herrlichen Schlosses, der nun
sein liebes Bräutchen an das Herz drückte und ihr tausendmal dankte, daß
sie ihn und seine Diener, das Getier, so liebreich aus seiner
Verzauberung erlöset.
Die nun so hohe, reiche Fürstin trug aber noch immer ihren schönen
Nußzweig am Busen, der die Eigenschaft hatte, nie zu verwelken, und trug
ihn jetzt nur noch um so lieber, da er der Schlüssel ihres holden
Glückes geworden. Bald wurden ihre Eltern und ihre Geschwister von
diesem freundlichen Geschick benachrichtigt und wurden für immer, zu
einem herrlichen Wohlleben, von dem Bärenfürsten auf das Schloß
genommen.
Der alte Zauberer und seine Kinder.
Es lebte einmal ein böser Zauberer, der hatte vorlängst zwei zarte
Kinder geraubt, einen Knaben und ein Mägdlein, mit denen er in einer
Höhle ganz einsam und einsiedlerisch hauste. Diese Kinder hatte er, Gott
sei’s geklagt, dem Bösen zugeschworen, und seine schlimme Kunst übte er
aus einem Zauberbuche, das er als seinen besten Schatz verwahrte.
Wenn es nun aber geschah, daß der alte Zauberer sich aus seiner Höhle
entfernte und die Kinder allein in derselben zurückblieben, so las der
Knabe, welcher den Ort erspäht hatte, wohin der Alte das Zauberbuch
verbarg, in dem Buche und lernte daraus gar manchen Spruch und manche
Formel der Schwarzkunst, und lernte selbst ganz trefflich zaubern. Weil
nun der Alte die Kinder nur selten aus der Höhle ließ und sie gefangen
halten wollte bis zu dem Tage, wo sie dem Bösen zum Opfer fallen
sollten, so sehnten sie sich um so mehr von dannen, berieten
miteinander, wie sie heimlich entfliehen wollten, und eines Tages, als
der Zauberer die Höhle sehr zeitig verlassen hatte, sprach der Knabe zur
Schwester: „Jetzt ist es Zeit, Schwesterlein! Der böse Mann, der uns so
hart gefangen hält, ist fort, so wollen wir uns jetzt aufmachen und von
dannen gehen, soweit uns unsere Füße tragen!“ Dies taten die Kinder,
gingen fort und wanderten den ganzen Tag.
Als es nun gegen den Nachmittag kam, war der Zauberer nach Hause
zurückgekehrt und hatte sogleich die Kinder vermißt. Alsobald schlug er
sein Zauberbuch auf und las darin, nach welcher Gegend die Kinder
gegangen waren, da hatte er sie wirklich fast eingeholt; die Kinder
vernahmen schon seine zornig brüllende Stimme, und die Schwester war
voller Angst und Entsetzen und rief: „Bruder, Bruder! Nun sind wir
verloren; der böse Mann ist schon ganz nahe!“ Da wandte der Knabe seine
Zauberkunst an, die er gelernt hatte aus dem Buche; er sprach einen
Spruch, und alsbald wurde seine Schwester zu einem Fisch und er selbst
wurde ein großer Teich, in welchem das Fischlein munter herumschwamm.
Wie der Alte an den Teich kam, merkte er wohl, daß er betrogen war,
brummte ärgerlich: „Wartet nur, wartet nur, euch fange ich doch!“ und
lief spornstreichs nach seiner Höhle zurück, Netze zu holen und den
Fisch darin zu fangen. Wie er aber von hinnen war, wurden aus dem Teich
und Fisch wieder Bruder und Schwester, die bargen sich gut und schliefen
aus, und am andern Morgen wanderten sie weiter und wanderten wieder
einen ganzen Tag.
Als der böse Zauberer mit seinen Netzen an die Stelle kam, die er sich
wohl gemerkt hatte, war kein Teich mehr zu sehen, sondern es lag eine
grüne Wiese da, in der es wohl Frösche, aber keine Fische zu fangen gab;
da wurde er noch zorniger wie zuvor, warf seine Netze hin und verfolgte
weiter die Spur der Kinder, die ihm nicht entging, denn er trug eine
Zaubergerte in der Hand, welche ihm den richtigen Weg zeigte.
Und als es Abend war, hatte er die wandernden Kinder beinahe wieder
eingeholt; sie hörten ihn schon schnauben und brüllen und die Schwester
rief wieder: „Bruder, lieber Bruder! Jetzt sind wir verloren, der böse
Feind ist dicht hinter uns!“
Da sprach der Knabe wiederum einen Zauberspruch, den er aus dem Buche
gelernt, und da ward aus ihm eine Kapelle am Weg, und aus dem Mägdlein
ein schönes Altarbild in der Kapelle.
Wie nun der Zauberer an die Kapelle kam, merkte er wohl, daß er abermals
geäfft war und lief, fürchterlich brüllend, um dieselbe herum; er durfte
sie aber nicht betreten, weil das immer im Pakt der Zauberer mit dem
Bösen stand, daß sie niemals eine Kirche oder eine Kapelle betreten
durften.
„Darf ich dich auch nicht betreten, so will ich dich doch mit Feuer
anstoßen und auch zu Asche brennen!“ schrie der Zauberer und rannte
fort, sich aus seiner Höhle Feuer zu holen.
Während er nun fast die ganze Nacht hindurch rannte, wurden aus der
Kapelle und dem schönen Altarbild wieder Bruder und Schwester; sie
bargen sich und schliefen, und am dritten Morgen wanderten sie weiter
und wanderten den ganzen Tag, während der Zauberer, der einen weiten Weg
hatte, ihnen aufs neue nachsetzte. Als er mit seinem Feuer dahin kam, wo
die Kapelle gestanden, stieß er mit der Nase an einen großen
Steinfelsen, der sich nicht mit Feuer anstoßen und zu Asche verbrennen
ließ, und dann rannte er mit wütenden Sprüngen auf der Spur der Kinder
weiter fort.
Gegen Abend war er ihnen nun ganz nahe, und zum drittenmal zagte die
Schwester und gab sich verloren; aber der Knabe sprach wieder einen
Zauberspruch, den er aus dem Buche gelernt, da ward er eine harte Tenne,
darauf die Leute dreschen, und sein Schwesterlein war in ein Körnlein
verwandelt, das wie verloren auf der Tenne lag.