sie mußte gehorchen und aufstehn, Essen kochen helfen, und durfte es
selbst nach dem Stalle tragen, und mit ihrem eingesperrten Bruder
weinen. Sie selbst ward von der Hexe gar gering gehalten. Das dauerte so
eine Zeit, während welcher die Alte öfters nach dem Stalle schlich und
Hänsel befahl, einen Finger durch das Gitter zu stecken, damit sie
fühle, ob er fett werde. Hänsel aber steckte immer ein dürres
Knöchelchen heraus, und sie verwunderte sich, daß der Junge trotz dem
guten Essen so mager blieb. Endlich war sie das müde und sprach zur
Gretel: „Kurz und gut, heute wird er gebraten“, und machte ein mächtiges
Feuer in den Backofen, der neben dem Häuschen stand; da schob sie
hernach Brot hinein, damit sie frischbackenes zum Braten habe. Das
Gretel wußte seines Herzens keinen Rat, und endlich hieß ihm die alte
Hexe sich auf die Schiebeschaufel zu setzen und in den Backofen zu
lugen, die Alte wollte sie nur ein bissel in den Ofen schieben, damit
die Gretel sehe, ob das Brot braun sei, eigentlich aber wollte sie das
arme Mägdlein gleich zuerst darin braten.
Da kam aber das schneeweiße Vögelein geflogen und sang: Hüt dich, hüt
dich, sieh dich für! Und da gingen der Gretel die Augen auf, daß sie der
Alten böse List durchschaute und sagte: „Zeiget mir’s zuvor, wie ich’s
machen muß, dann will ich’s tun.“ Gleich setzte sich die Alte auf das
Ofenbrett, und die Gretel schob am Stiel, und schob sie so weit in den
Backofen, als der Stiel lang war, und dann klapp, schlug sie das eiserne
Türlein vor dem Ofen zu, schob den Riegel vor, und da der Ofen noch
erstaunlich heiß war, mußte die alte Hexe drinnen brickeln und braten
und elendiglich umkommen zum Lohn ihrer Übeltaten. Gretel aber lief zum
Hänsel, ließ den aus dem Gänsestall, und der kam heraus und fiel vor
Freude dem treuen Schwesterchen um den Hals, küßten sich und weinten vor
Freude und dankten Gott.
Und da war das weiße Vöglein wieder da, und auch viele viele andre
Waldvöglein, die flogen auf das Kuchendach des Häusleins, darauf war ein
Nest, und daraus nahm jedes Vöglein ein buntes Steinchen oder eine
Perle, und trugen sie hin zu den Kindern, und Gretel hielt sein
Schürzchen auf, daß es alle die vielen Steinchen fasse. Das schneeweiße
Vöglein sang:
„Perlen und Edelstein
Für die Brotbröselein.“
Da merkten die Kinder, daß die Vöglein dankbar dafür waren, daß Hänsel
Brotkrumen auf den Weg gestreut hatte, und nun flog das weiße Vöglein
wieder vor ihnen her, daß es ihnen den Weg aus dem Walde zeige. Bald
kamen sie an ein mächtiges Wasser, da standen sie ratlos, und konnten
nicht weiter und nicht darüber. Plötzlich aber kam ein großer schöner
Schwan geschwommen, dem riefen die Kinder zu: „O schöner Schwan, sei
unser Kahn!“ Und der Schwan neigte seinen Kopf und ruderte zum Ufer, und
trug die Kinder, eins nach dem andern, hinüber ans andre Ufer. Das weiße
Vöglein aber war schon hinübergeflattert, und flog immer vor den Kindern
her, bis sie endlich aus dem Walde kamen, wieder an der Eltern kleines
Haus.
Der alte Holzhauer und seine Frau saßen traurig und still in dem engen
Stüblein und hatten großen Kummer um die Kinder, bereueten auch viele
Tausend mal, daß sie dieselben fortgelassen und seufzten: „Ach, wenn
doch der Hänsel und die Gretel nur noch ein allereinziges Mal wieder
kämen, ach, da wollten wir sie nimmermehr wieder allein im Walde lassen“
— da ging gerade die Türe auf, ohne daß erst angeklopft worden wäre, und
Hänsel und Gretel traten leibhaftig herein! Das war eine Freude! Und als
nun vollends erst die kostbaren Perlen und Edelsteine zum Vorschein
kamen, welche die Kinder mitbrachten, da war Freude in allen Ecken und
alle Not und Sorge hatte fortan ein Ende.
Das Rotkäppchen.
Es war einmal ein gar allerliebstes niedliches Ding von einem Mädchen,
das hatte eine Mutter und eine Großmutter, die waren gar gut und hatten
das kleine Ding so lieb. Die Großmutter absonderlich, die wußte gar
nicht, wie gut sie’s mit dem Enkelchen meinen sollte, schenkt’ ihm immer
dies und das und hatte ihm auch ein feines Käppchen von rotem Samt
geschenkt, das stand dem Kind so überaus hübsch, und das wußte auch das
kleine Mädchen und wollte nichts andres mehr tragen, und darum hieß es
bei alt und jung nur das Rotkäppchen. Mutter und Großmutter wohnten aber
nicht beisammen in _einem_ Häuschen, sondern eine halbe Stunde
voneinander, und zwischen den beiden Häusern lag ein Wald. Da sprach
eines Morgens die Mutter zum Rotkäppchen: „Liebes Rotkäppchen,
Großmutter ist schwach und krank geworden und kann nicht zu uns kommen.
Ich habe Kuchen gebacken, geh und bringe Großmutter von dem Kuchen und
auch eine Flasche Wein, und grüße sie recht schön von mir, und sei recht
vorsichtig, daß du nicht fällst und etwa die Flasche zerbrichst, sonst
hätte die kranke Großmutter nichts. Laufe nicht im Walde herum, bleibe
hübsch auf dem Wege und bleibe auch nicht zu lange aus.“
„Das will ich alles so machen wie du befiehlst, liebe Mutter,“
antwortete Rotkäppchen, band ihr Schürzchen um, nahm einen leichten
Korb, in den es die Flasche und den Kuchen von der Mutter legen ließ,
und ging fröhlichen Schrittes in den Wald hinein. Wie es so völlig
arglos dahinwandelte, kam ein Wolf daher. Das gute Kind kannte noch
keine Wölfe und hatte keine Furcht. Als der Wolf näher kam, sagte er:
„Guten Tag, Rotkäppchen!“ — „Schönen Dank, Herr Graubart!“ — „Wo soll es
denn hingehen so in aller Frühe, mein liebes Rotkäppchen?“ fragte der
Wolf. „Zur alten Großmutter, die nicht wohl ist!“ antwortete
Rotkäppchen. „Was willst du denn dort machen? Du willst ihr wohl was
bringen?“ — „Ei freilich, wir haben Kuchen gebacken, und Mutter hat mir
auch Wein mitgegeben, den soll sie trinken, damit sie wieder stark
wird.“
„Sage mir doch noch, mein liebes scharmantes Rotkäppchen, wo wohnt denn
deine Großmutter? Ich möchte wohl einmal, wenn ich an ihrem Hause
vorbeikomme, ihr meine Hochachtung an den Tag legen,“ fragte der Wolf.
„Ei, gar nicht weit von hier, ein Viertelstündchen, da steht ja das
Häuschen gleich am Walde, Ihr müßt ja daran vorbeigekommen sein. Es
stehen Eichenbäume dahinter, und im Gartenzaun wachsen Haselnüsse!“
plauderte das Rotkäppchen.
O du allerliebstes, appetitliches Haselnüßchen du — dachte bei sich der
falsche böse Wolf. Dich muß ich knacken, das ist einmal ein süßer Kern.
— Und tat als wolle er Rotkäppchen noch ein Stückchen begleiten, und
sagte zu ihm: „Sieh nur, wie da drüben und dort drüben so schöne Blumen
stehen, und horch nur, wie allerliebst die Vögel singen! Ja, es ist sehr
schön im Walde, sehr schön, und wachsen so gute Kräuter hierinne,
Heilkräuter, mein liebes Rotkäppchen.“
„Ihr seid gewiß ein Doktor, werter grauer Herr?“ fragte Rotkäppchen,
„weil Ihr die Heilkräuter kennt. Da könntet Ihr mir ja auch ein
Heilkraut für meine kranke Großmutter zeigen!“
„Du bist ein ebenso gutes als kluges Kind!“ lobte der Wolf. „Ei,
freilich bin ich ein Doktor und kenne alle Kräuter, siehst du! hier
steht gleich eins, der Wolfsbast, dort im Schatten wachsen die
Wolfsbeeren, und hier am sonnigen Rain blüht die Wolfsmilch, dort drüben
findet man die Wolfswurz.“ —
„Heißen denn _alle_ Kräuter nach dem Wolf?“ fragte Rotkäppchen.
„Die besten, _nur_ die besten, mein liebes, frommes Kind!“ sprach der
Wolf mit rechtem Hohn. Denn alle, die er genannt, waren _Giftkräuter_.
Rotkäppchen aber wollte in ihrer Unschuld der Großmutter solche Kräuter
als Heilkräuter pflücken und mitbringen, und der Wolf sagte:
„Lebewohl, mein gutes Rotkäppchen, ich habe mich gefreut, deine
Bekanntschaft zu machen; ich habe Eile, muß eine alte schwache Kranke
besuchen!“
Und damit eilte der Wolf von dannen, und spornstreichs nach dem Hause
der Großmutter, während das Rotkäppchen sich schöne Waldblumen zum
Strauße pflückte und die vermeintlichen Heilkräuter sammelte.
Als der Wolf an das Häuschen der Großmutter des Rotkäppchens kam, fand
er es verschlossen und klopfte an. Die Alte konnte nicht vom Bette
aufstehen und nachsehen, wer da sei, und rief: „Wer ist draußen?“
„Das Rotkäppchen!“ rief der Wolf mit feiner, verstellter Stimme. „Die
Mutter schickt der guten Großmutter Wein und auch Kuchen! Wir haben
gebacken!“
„Greife unten durch das Loch in der Türe, da liegt der Schlüssel!“ rief
die Alte, und der Wolf tat also, öffnete die Türe, trat in das Häuschen,
in das Stübchen und verschlang die Großmutter ohne weiteres — zog ihre
Kleider an, legte sich in ihr Bett und zog die Decke über sich her und
die Bettvorhänge zu. Nach einer Weile kam das Rotkäppchen; es war sehr
verwundert, alles so offen zu finden, da doch sonst die Großmutter sich
selbst gern unter Schloß und Riegel hielt, und wurd’ ihm schier bänglich
um das junge Herzchen.
Wie das Rotkäppchen nun an das Bett trat, da lag die alte Großmutter,
hatte eine große Schlafhaube auf und war nur wenig von ihr zu sehen, und
das wenige sah gar schrecklich aus. „Ach, Großmutter, was hast du so
große Ohren?“ rief das Rotkäppchen. — „Daß ich dich damit gut hören
kann!“ war die Antwort. — „Ach, Großmutter, was hast du für große
Augen!“ — „Daß ich dich damit gut sehen kann!“ — „Ei, Großmutter, was
hast du für haarige große Hände!“ — „Daß ich dich damit gut fassen und
halten kann!“ — „Ach, Großmutter, was hast du für ein so großes Maul und
so lange Zähne!“ — „Daß ich dich damit gut fressen kann!“ Und damit fuhr
der ganze Wolf grimmig aus dem Bette heraus und fraß das arme
Rotkäppchen. Weg war’s.
Jetzt war der Wolf sehr satt, und es gefiel ihm sehr im Stübchen der
Alten und in dem weichen Bett, und legte sich wieder hin und schlief ein
und schnarchte, daß es klang, als schnarre ein Räderwerk in einer Mühle.
Zufällig kam ein Jäger vorbei, der hörte das seltsame Geräusch und
dachte:
Ei, ei, die arme alte Frau da drinnen hat einen bösen Schnarcher am
Leib, sie röchelt wohl gar und liegt im Sterben! Du mußt hinein und
nachsehen, was mit ihr ist. — Gedacht, getan; der Jäger ging in das
Häuschen, da fand er den Herrn Isegrim im Bette der Alten liegen und die
Alte war nirgends zu erblicken. „Bist _du_ da?“ sprach der Jäger und riß
die Kugelbüchse von der Schulter. „Komm du her, du bist mir oft genug
entlaufen!“ — Schon legte er an — da fiel ihm ein: halt — die Alte ist
nicht da, am Ende hat der Unhold sie mit Haut und Haar verschlungen, war
ohnedies nur ein kleines dürres Weiblein. Und da schoß der Jäger nicht,
sondern er zog seinen scharfen Hirschfänger und schlitzte ganz sanft dem
fest schlafenden Wolf den Bauch auf, da guckte ein rotes Käppchen heraus
und unter dem Käppchen war ein Köpfchen, und da kam das niedliche
allerliebste Rotkäppchen heraus und sagte: „Guten Morgen! Ach, was war
das für ein dunkles Kämmerchen da drinnen!“ — Und hinter dem Rotkäppchen
zappelte die alte Großmutter, die war auch noch lebendig, vielen Platz
hatten sie aber nicht gehabt im Wolfsbauch. — Der Wolf schlief noch
immer steinfest, und da nahmen sie Steine, gerade wie die alte Geiß im
Märchen von den sieben Geißlein, füllten sie dem Wolf in den Bauch und
nähten den Ranzen zu, hernach versteckten sie sich, und der Jäger trat
hinter einen Baum, zu sehen, was der Wolf endlich anfangen werde. Jetzt
wachte der Wolf auf, machte sich aus dem Bett heraus, aus dem Stübchen,
aus dem Häuschen, und humpelte zum Brunnen, denn er hatte großen Durst.
Unterwegs sagte er: „Ich weiß gar nicht, ich weiß gar nicht, in meinem
Bauch wackelt’s hin und her, hin und her, wie Wackelstein — sollte das
die Großmutter und Rotkäppchen sein?“ — Und wie er an den Brunnen kam
und trinken wollte, da zogen ihn die Steine und er bekam das Übergewicht
und fiel hinein und ertrank. So sparte der Jäger seine Kugel; er zog den
Wolf aus dem Brunnen und zog ihm den Pelz ab, und alle drei, der Jäger,
die Großmutter und das Rotkäppchen, tranken den Wein und aßen den Kuchen
und waren seelenvergnügt, und die Großmutter wurde wieder frisch und
gesund, und Rotkäppchen ging mit ihrem leeren Körbchen nach Hause und
dachte: du willst niemals wieder vom Wege ab und in den Wald gehen, wenn
es dir die Mutter verboten hat.
Das Rebhuhn.
Es war ein reicher Jude, der reiste durch ein Königreich und trug mit
sich einen großen Schatz an Geld und Gute. Da ihn nun sein Weg durch
einen großen Wald führen sollte, fürchtete er sich, daß er um seines
Geldes willen darin etwa sein Leben lassen müsse, und ging daher zu dem
Könige des Landes, reichte ihm ein Geschenk dar und bat, daß der König
ihm einen sichern Mann mitgebe zum Geleite durch den Wald und durch sein
ganzes Reich. Da gebot der König seinem Schenken, dem Juden das Geleit
zu geben, und dieser tat, was ihm geboten war, und geleitete den Juden.
Als nun diese beiden in den Wald gekommen waren, da gelüstete dem
Schenken nach dem Schatz des Juden, und er stand still auf dem Weg und
sprach zu ihm: „Gehe voran!“ Der Jude erschrak, ahnte des Schenken böse
Absicht und wollte nicht vorangehen. Der Schenke zog alsbald sein
Schwert aus der Scheide und rief: „Jud, so mußt du hier von meiner Hand
sterben!“ — „O, lieber Schenke, tut das nicht!“ rief der Jude; „solche
Mordtat an mir würde nicht verborgen bleiben! Und ob heimlicher Mord von
allen Menschen ungesehen vollzogen wird, so werden ihn die Vögel
offenbaren, die unter dem Himmel fliegen!“
Wie der Jude das noch sprach, flog eben ein Rebhuhn im Walde auf und
über ihnen beiden hin. Da hohnlachte der Schenke und sprach spöttisch:
„Hab’ acht, Jud, das Rebhuhn wird’s dem Könige sicherlich ansagen, daß
ich dich hier ermordet.“ Und so ermordete der Schenke den Juden im
Walde, nahm ihm alle sein Geld und seinen Schatz, den er bei sich trug,
begrub ihn heimlich und ging wieder zu Hofe.
Und es verging ein ganzes Jahr nach des Schenken ungetreuer Tat, da
geschah es, daß dem Könige Rebhühner geschenkt wurden, die gab der
Schenke dem Koch, ließ sie wohl bereiten und brachte sie zur Tafel. Und
wie er die Rebhühner vor den König hin auf den Tisch stellte, dachte er
an den Juden, den er ermordet hatte, und an dessen letzte Rede von den
Vögeln und mußte lachen. Der König sahe es und fragte, worüber er lache?
Der Schenk aber gab dem Könige eine falsche Ursache seines Lachens an.
Nachher über vier Wochen geschah es, daß der König seinen Amtleuten und
Dienern ein Gastmahl gab, dabei war auch der Schenke, und der König
selbst war sehr fröhlich und heiter, scherzhaft und lustig, und ließ so
viel Wein und edle Getränke auftragen, daß etliche seiner Diener trunken
wurden. Und da alle so lustig waren, sprach der König zum Schenken:
„Lieber Schenk, jetzt sage mir die freie Wahrheit, worüber hast du
gelacht unlängst, da du mir die Rebhühner auftrugst, denn du hast mir
damals nicht mit wahren Worten berichtet!“ Der Schenk war trunkenen
Mutes, denn wenn der Wein eingeht, geht die Weisheit aus, und sprach:
„Ei, mein Herr König, als der Jude schrie, die Vögel würden seinen
heimlichen Mord offenbaren, die unter dem Himmel fliegen, da flog eben
ein Rebhuhn in die Höhe, dessen mußte ich gedenken und darüber lachen.“
Der König schwieg auf diese Rede still, ließ sich nichts merken und tat,
als sei er nicht in seiner Fröhlichkeit gestört. Aber des andern Tages
ging er zu Rate mit seinen heimlichen Räten und sprach also zu ihnen:
„Was hat der verschuldet, der von des Königs wegen einen durch das Reich
sicher geleiten sollte und hat denselben selbst ermordet und beraubet?“
Darauf antworteten die Räte einstimmig: „Der hat den Galgen verdient!“
Darauf saß der König öffentlich zu Gericht, bestellte einen Kläger, der
den Schenken anklagte, und da er seine Tat vor Zeugen im Rausche
erzählt, so mußte er sie auch vor Gericht bekennen und wurde zum Galgen
verurteilt. So ward der heimliche Mord durch die Rebhühner kund und
offenbar.
Die Goldmaria und die Pechmaria.
Es war einmal eine Witwe, die hatte zwei Töchter, eine rechte Tochter
und eine Stieftochter; beide hießen Maria. Die rechte Tochter war nicht
gut und fromm, dagegen war die Stieftochter ein bescheidenes, sittiges
Mädchen, das aber gar viele Kränkungen und Zurücksetzungen von Mutter
und Schwester erdulden mußte. Doch sie war stets freundlich, tat die
Küchenarbeiten unverdrossen, und weinte nur manchmal heimlich in ihrem
Schlafkämmerlein, wenn sie von Mutter und Schwester soviel Unbilliges zu
leiden hatte. Aber bald war sie dann allemal wieder heiter und frischen
Mutes und sprach zu sich selbst: „Sei ruhig, der liebe Gott wird dir
schon helfen.“ Dann tat sie fleißig ihre Arbeit und machte alles nett
und sauber. Ihrer Mutter arbeitete sie immer nicht genug; eines Tages
sagte diese sogar: „Maria, ich kann dich nicht länger zu Hause behalten,
du arbeitest wenig und issest viel, und deine Mutter hat dir kein
Vermögen hinterlassen, auch dein Vater nicht, es ist alles mein, und ich
kann und mag dich nicht länger ernähren, daher du ausgehen mußt, dir
einen Dienst bei einer Herrschaft zu suchen.“ Und sie buk von Asche und
Milch einen Kuchen, füllte ein Krüglein mit Wasser, gab beides der armen
Maria und schickte sie aus dem Hause.
Maria war sehr betrübt ob dieser Härte; doch schritt sie mutig durch die
Felder und Wiesen und dachte: es wird dich schon jemand als Magd
aufnehmen, und vielleicht sind fremde Menschen gütiger als die eigene
Mutter. Als sie Hunger fühlte, setzte sie sich ins Gras nieder, zog
ihren Aschenkuchen hervor und trank aus ihrem Krüglein, und viele
Vöglein flatterten herbei, pickten an ihrem Kuchen, und sie goß Wasser
in ihre Hand und ließ die munteren Vöglein trinken. Und da verwandelte
sich unvermerkt ihr Aschenkuchen in eine Torte, ihr Wasser in köstlichen
Wein. Gestärkt und freudig zog die arme Maria weiter, und kam, als es
dunkel wurde, an ein seltsam gebautes Haus, davor waren zwei Tore, eins
sah pechschwarz aus, das andere glänzte von purem Gold. Bescheiden ging
Maria durch das minder schöne Tor in den Hof und klopfte an die
Haustüre. Ein Mann von schreckbar wildem Ansehen tat die Türe auf und
fragte barsch nach ihrem Begehren. Sie sprach zitternd: „Ich wollte nur
fragen, ob Ihr nicht so gütig sein möchtet, mich über Nacht zu
beherbergen?“ und der Mann brummte: „Komm herein!“ Sie folgte ihm, und
bebte noch mehr zusammen, als sie drinnen im Zimmer nichts weiter sah
und hörte als Hunde und Katzen, und deren abscheuliches Geheul. Es war
außer dem wilden Thürschemann (so hieß dieser Mensch) niemand weiter in
dem ganzen Hause.
Nun brummte der Thürschemann der Maria zu: „Bei wem willst du schlafen,
bei mir oder bei Hunden und Katzen?“ Maria sprach: „Bei Hunden und
Katzen.“ Da mußte sie aber gerade neben ihm schlafen, und er gab ihr ein
schönes weiches Bette, daß Maria ganz herrlich und ruhig schlief. Am
Morgen brummte Thürschemann: „Mit wem willst du frühstücken, mit mir
oder mit Hunden und Katzen?“ Sie sprach: „Mit Hunden und Katzen.“ Da
mußte sie mit ihm trinken, Kaffee und süßen Rahm. Wie Maria fortgehen
wollte, brummte Thürschemann abermals: „Zu welchem Tor willst du hinaus,
zum Goldtor oder zum Pechtor?“ und sie sprach: „Zum Pechtor.“ Da mußte
sie durchs goldene gehen, und wie sie durchging, saß Thürschemann oben
darauf und schüttelte so derb, daß das Tor erzitterte und daß Maria ganz
von Gold überdeckt war, das von dem Goldtore auf sie herabfiel.
Nun ging sie wieder heim, und ins elterliche Haus eintretend, kamen ihre
Hühner, die sie sonst immer gefüttert, ihr freudig entgegengeflogen und
gelaufen, und der Hahn schrie: Kikiriki, da kommt die Goldmarie!
Kikiriki! Und ihre Mutter kam die Treppe herunter und knickste so
ehrfurchtsvoll vor der goldenen Dame, als wenn es eine Prinzessin wäre,
die ihr die Ehre ihres Besuches schenkte. Aber Maria sprach: „Liebe
Mutter, kennst du mich denn nicht mehr? Ich bin ja die Maria.“
Jetzt kam auch die Schwester ganz erstaunt und verwundert, wie die
Mutter, und beide voll Neides, und Maria mußte erzählen, wie wunderbar
es ihr ergangen, und wie sie zu dem Golde gekommen war.
Nun nahm sie ihre Mutter wohl auf, und hielt sie auch besser wie zuvor,
und Maria wurde von jedermann geehrt und geliebt; bald fand sich auch
ein braver junger Mann, der Marien als Gattin heimführte und glücklich
mit ihr lebte.
Der andern Maria aber wuchs der Neid im Herzen, und sie beschloß, auch
fortzugehen und übergoldet wiederzukommen. Ihre Mutter gab ihr süßen
Kuchen und Wein mit auf die Reise, und wie Maria davon aß und Vöglein
geflogen kamen, um auch mit zu schmausen, jagte sie dieselben ärgerlich
fort. Ihr Kuchen aber verwandelte sich unvermerkt in Asche, und ihr Wein
in mattes Wasser. Am Abend kam Maria ebenfalls an Thürschemanns Tore;
sie ging stolz zu dem goldenen hinein, und klopfte dann an die Haustüre.
Wie Thürschemann auftat und nach ihrem Begehren fragte, sagte sie
schnippisch: „Nun, ich will hier übernachten.“ Und er brummte: „Komm
herein!“ Dann fragte er auch sie: „Bei wem willst du schlafen, bei mir
oder bei Hunden und Katzen?“ Sie sagte schnell: „Bei Euch, Herr
Thürschemann!“ Aber er führte sie in die Stube, wo Hunde und Katzen
schliefen und schloß sie hinein. Am Morgen war Mariens Angesicht häßlich
zerkratzt und zerbissen. Thürschemann brummte wieder: „Mit wem willst du
Kaffee trinken, mit mir oder mit Hunden und Katzen?“ „Ei, mit Euch,“
sagte sie, und mußte nun gerade wieder mit Katzen und Hunden trinken.
Nun wollte sie fort. Thürschemann brummte abermals: „Zu welchem Tor
willst du hinaus, zum Goldtor oder zum Pechtor?“ und sie sagte: „Zum
Goldtor, das versteht sich!“ Aber dieses wurde sogleich verschlossen und
sie mußte zum Pechtor hinaus, und Thürschemann saß obendrauf, rüttelte
und schüttelte, daß das Tor wackelte, und da fiel soviel Pech auf Marien
herunter, daß sie über und über voll wurde.
Als nun Maria voll Wut ob ihres häßlichen Ansehens nach Hause kam,
krähte der Gluckhahn ihr entgegen: Kikiriki, da kommt die Pechmarie!
Kikiriki! Und ihre Mutter wandte sich voll Abscheu von ihr und konnte
nun ihre häßliche Tochter nicht vor den Leuten sehen lassen, die hart
gestraft blieb, darum, daß sie so auf Gold erpicht gewesen.
Hirsedieb.
In einer Stadt wohnte ein sehr reicher Kaufmann, der hatte am Haus einen
großen und prächtigen Garten, in dem auch ein Stück Land mit Hirse
besäet war. Da nun dieser Kaufmann einmal in seinem Garten
herumspazierte — es war zur Frühjahrszeit, und der Same stand frisch und
kräftig — so sah er zu seinem größten Ärger und Verdruß, daß verwichene
Nacht von frecher Diebeshand ein Teil von seinem Hirsesamen abgegrast
worden war, und gerade dieses Gartenäckerlein, darauf er alle Jahre
Hirse hinsäete, war ihm ganz besonders lieb, wie manchmal die Menschen
eine ausschließliche Vorliebe für eine Sache haben. Er beschloß, den
Dieb zu fangen und dann nachdrücklich zu strafen, oder dem Gericht zu
übergeben. Daher er seine drei Söhne, Michel, Georg und Johannes zu sich
rief und sprach: „Heute nacht war ein Dieb in unserm Garten und hat mir
einen Teil Hirsesamen abgegrast, was mich höchlich ärgert. Dieser
Frevler muß gefangen werden und soll mir büßen! Ihr, meine Söhne, mögt
nun wachen die Nächte hindurch, einer um den andern, und welcher den
Dieb fängt, soll von mir eine stattliche Belohnung bekommen.“ Der
älteste, Michel, wachte die erste Nacht; er nahm sich etliche geladene
Pistolen und einen scharfen Säbel, auch zu essen und zu trinken mit,
hüllte sich in einen warmen Mantel und setzte sich hinter einen
blühenden Hollunderbusch, hinter dem er bald hart und fest einschlief.
Wie er am hellen Morgen erwachte, war ein noch größeres Stück Hirsesamen
abgegrast, als in voriger Nacht. Und wie nun der Kaufmann in den Garten
kam und das sahe und merkte, daß sein Sohn, anstatt zu wachen und den
Dieb zu fangen, geschlafen hatte, ward er noch ärgerlicher, und schalt
und höhnte ihn als einen braven Wächter, der ihm samt seinen Pistolen
und Säbel selbst gestohlen werden könne!
Die andre Nacht wachte Georg; dieser nahm sich nebst den Waffen, die
sein Bruder vorige Nacht bei sich geführt, auch noch einen Knittel und
starke Stricke mit. Aber der gute Wächter Georg schlief ebenfalls ein,
und fand am Morgen, daß der Hirsedieb wieder tüchtig gegraset hatte. Der
Vater ward ganz wild und sagte: „Wenn der dritte Wächter ausgeschlafen
hat, wird die Hirsesaat vollends zum Kuckuck sein, und es wird dann
keines Wächters mehr bedürfen!“