anderer Rittersmann, der war reich an Geld und Gut und hatte
Freiersgedanken, war auch hübsch vom Angesicht und höflich von Sitten,
der vernahm auf Fragen und Sagen, wie schön und wie häßlich zugleich
jenes Nachbarn Tochter sei, und dachte: ich wag’ es frei und wende ihr
Gemüt zur Tugend, und mache sie gut, wo nicht, so will ich sie doch um
ihrer Schöne wohl oder übel nehmen. Ritt darauf mit seinen Gefreunden
zum Vater der Maid und bat ihn um seine Tochter. Dieser Rittersmann
offenbarte dem jungen Werber, wie seine Tochter gesittet sei, und jener
sprach: „Ich hab’ es wohl vernommen, aber gebt Ihr mir sie nur zum
Weibe! Will Gott, daß wir nur ein Jahr miteinander leben, so sollt Ihr
sehen, wie gut sie wird!“ — Darauf antwortete der künftige Schwäher:
„Gott soll Euch behüten vor ihrem Übelmut! Hütet Euch, denn wenn sie auf
ihrer Mutter Spur kommt, so lebt Ihr bei ihr, wie lang sie lebe, nimmer
einen guten Tag.“ Der Freier beharrte aber bei seinem Entschluß, und es
ward ein Übereinkommen getroffen und eine Eheberedung, daß der junge
Ritter, sobald er wiederkäme, die Maid mit sich nehmen und heimführen
solle.
Die Mutter wußte von dieser Verhandlung weder viel noch wenig, sondern
gar nicht, daß die Tochter einem Mann verlobt war, und als sie’s nun
erfuhr, ward sie überaus zornig, rief die Tochter und sprach: „Tochter,
wisse, daß mein Fluch dich trifft, wenn du nicht deinem Manne so
widerstehst, wie deinem Vater ich mit Krieg und harter Rede allezeit und
an jedem Ort. Höre, was ich dir ansage: Ich war ein kleines Mägdelein,
als ich zu deinem Vater kam, viel geringer als du, denn du bist
vollgewachsen. Drei Wochen lang schlug mich alle Tage dein Vater, daß
ich krank wurde, und gab mir Wasser zur Labe, und doch hab’ ich meinen
Streit gewonnen und mein Recht bis da immer behauptet!“
„Mutter!“ antwortete das feine Töchterlein, „ich sage Euch, und sollt’
ich tausend Jahre leben, so mache ich meinen Mann zum Affen.“
Inzwischen kam nun der Tag der Heimführung; da kam der Ritter heran auf
einem schönen Roß von hohem Preis, führte auch mit sich ein schlankes
Windspiel und trug auf der Hand einen wohlgetanen Falken, nahm die Maid
in Empfang ohne weiteres und setzte sie hinter sich auf sein Roß,
entsandte seine Diener alle, daß ihrer keiner mit den Zweien ritt, und
nahm gleich Urlaub vom Vater seiner Braut. Der sprach zum Abschied ein
bewegliches Wort: „Gottes Güte sei mit dir, o Tochter! Er gebe dir Ruhe
im Glück und ein friedlicheres Herz, als ich an meiner Frau erfunden
habe!“
Kaum war diese Rede gesprochen, so schlug die Mutter einen Lärmen auf
und schrie der Tochter nach: „Vernimm auch mein Wort! Du sollst alle
deine Lebetage deinem Mann untertan sein, so, wie ich dich gelehret
habe!“ und die Tochter rief zurück: „Wohl, meine Mutter, so soll es
geschehen nach deiner Lehre.“
So ritten nun die beiden ganz allein miteinander hin, aber der Ritter
vermied die Straße, um der Braut Argheit willen, und ritt einen
unbequemen, steilen und engen Seitenweg, wohl einer Meile lang, doch
ritt er rasch, daß er in kurzer Zeit eine halbe Meile zurücklegte auf
dem rauhen, ungebahnten Steinpfad. Da kamen sie an einen umbuschten
Werder und der Falke begann nach seiner Art mit den Flügeln zu schlagen
und von der Hand zu begehren, weil er auf Reiher stoßen wollte. Sprach
der Ritter: „Mit deinem Federschlagen laß es gut sein oder ich reiße dir
den Kopf ab.“ Bald darauf sah der Falke eine Krähe fliegen, der wollte
er nach; da sprach wiederum der Ritter: „Du bist betrogen, wenn du nach
Ungemach strebst und nicht gern in Ruhe dich hältst, und so will ich dir
gleich dein Recht tun. Stirb, da du nicht meinen Willen halten willst!“
Und er erwürgte den Falken wie ein Huhn.
Die Maid erschrak ob dieser Rede und der tödlichen Tat und begann den
Ritter zu fürchten. Nun wurde der Pfad immer enger, steiniger und
dorniger, und dem Windspiel schmerzten die Füße, und es vermochte nicht
mehr, sich wie vor an des Pferdes Seite zu halten. Der Ritter, der es an
einem Riemen führte, mußte es immer nachziehen, das war dem Ritter
ungelegen, und er schalt das Windspiel: „Du böser Hofwart, hab’ acht, es
kommt dir zum Unheil, daß du mir den Arm so zerziehst!“ Der arme Hund
vermochte aber nicht zu folgen, und da zog der Ritter sein Schwert und
hieb ihn tot.
Die Maid unterdrückte einen Schrei des Unwillens, aber das Herz in der
Brust erschrak ihr, es ward ihr weh zumute und sie dachte: Herr Gott,
welch ein Wütrich ist dieser Mann! brachte mich denn der Teufel zu ihm!
— Der Ritter aber behielt das Schwert blank in der Hand und begann nun
mit seinem Roß zu schelten: „Was schnaubst du? Warum gehst du nicht Paß
oder Trab? Du willst wohl nur auf ebnem Plan gehen? Du mußt sterben!“ Da
nun das arme Roß nicht Paß traben konnte, welcher Gang ihm nie gelehrt
worden war, so sprach der Ritter: „Frau, steiget ab!“ Sie sprach: „Ich
tue, was Ihr mich heißt.“ Darauf stieg der Ritter auch ab und hieb dem
Pferd das Haupt vom Rumpfe, sprechend: „Wärest du nach meinem Sinn
gegangen, so wäre dir nicht der Tod geworden. Frau, dies ist geschehen,
wie Ihr seht. Mir war das Pferd gar unlieb geworden, wie auch Windspiel
und Falke. Nun aber ist mir ein ungewohnt und beschwerlich Ding, zu Fuße
zu gehn, und ich habe des keine Übung. Ich werde nun _Euch_ reiten!“ und
damit begann er, ihr Riemen und Bande anzulegen und auch den Sattel
wollte er ihr aufschnallen. Sie sprach: „Herr, ich trüge schon genug an
Euch, lasset den Sattel und die Seile, viel herzlieber Herre mein, ich
trage Euch ja sanfter und besser ohne ihn.“
„Ei, Frau, wie stände mir das an, daß ich Euch ritte ohne Sattel und
Zeug?“ fragte der Ritter heftig. „Ihr habt böse Sitte, daß Ihr gegen
meinen Willen zu reden Euch erkühnet!“ Und da ließ sie sich gefallen,
daß er zur Stund sie sattelte und aufzäumte wie ein Roß, und ihr Zaum
und Gebiß in den Mund legte, und gab ihr die Steigbügel in die Hände,
die stramm zu halten, saß dann auf und ritt sie so eine kleine Weile,
etwa dreier Speerlängen weit, bis ihr die Ohnmacht zuging von der
schweren Last.
Da stieg der Ritter von ihr ab und sprach: „Frau, schnappt Ihr nach
Luft?“ — „O nein, Herr!“ antwortete sie. Weiter sprach er: „Das ist ein
schönes Feld, da könnt Ihr nun im Zelt (Schritt) gehen.“ Sie sprach,
indem sie auf Händen und Füßen weiterkroch: „Ich will es gern tun. Auf
meines Vaters Hofe laufen viele Pferde, denen hab’ ich Zeltgang
abgelernt.“
„So wollt Ihr alles tun, was ich will?“ fragte der Ritter, und sie
gegenredete: „Und wenn ich tausend Jahre leben sollte, so wollte ich
tun, was Euch lieb ist!“ Da hieß er sie aufstehn und nahm sie schön an
der Hand, und führte sie sittsamlich heim in sein Schloß, wo seine
Freunde versammelt waren, die grüßten sie ehrfurchtsvoll und geleiteten
sie in ihr Zimmer. Das geschah mit großen Freuden, und die Frau war das
allerliebste Weib, ehrbar und wohlgezogen, ohne List und Trug, treu,
ruhig, mild, keine Tugend fehlte ihr. Ihre Gäste empfing sie freundlich
und fröhlich, und ohne Haß und Unwillen erfüllte sie, wie ein biederes
Weib tun soll, die Wünsche ihres Eheherrn.
Als nun sechs Wochen vergangen waren, fuhren der jungen Frau Vater und
Mutter zu ihrer Tochter hin, zu sehn, wie es ihr ergehe und wie sie sich
gehabe. Bald genug erfuhr die Mutter, was geschehen war, und wie ihre
Tochter ihrem Manne gehorsamte, als sie diese zornig schalt und ihr
zurief: „O über dich unseliges Weib! Was ich sehen und hören muß, läßt
mich zweifeln, daß du mein Kind bist. Was? Du lässest deinen Mann deinen
Meister sein?“ Und dabei schlug die böse Mutter die Tochter ins Gesicht
und wo sie sonst hinkam, und fiel ihr in die Haare und raufte sie,
schlug und schalt und trieb einen schrecklichen Unfug. Die junge Frau
weinte und schrie: „Seid Ihr hergekommen zu schelten, so wartet doch,
bis Ihr des Ursach findet! Ich habe den allerbesten Mann, und er ist gut
und bieder, wer aber seinen Willen nicht tut, dem geht er in seinem Zorn
gleich ans Leben. Darum, Mutter, habt weisen Sinn und hütet Euch, Arges
wider ihn zu sprechen, denn er ist so zornmütig, daß er alles, was
seinem Willen entgegen ist, im Zorn richtet und vernichtet.“
„Hoho! Morgen ist auch noch ein Tag!“ höhnte die Mutter. „Wie schlimm
dein Mann sei, das macht mir den geringsten Kummer! Nicht ein Haar stark
acht’ ich seiner! Du alberne Trine! Dir muß der Teufel durchs Hirn
fahren, daß du wagst, mir, deiner Mutter, mit deinem Mann zu dräuen!“
„Mutter, ich dräue Euch ja nicht!“ verteidigte die Tochter sich. „Ich
sage Euch ja nur die Wahrheit; ich darf Euch doch wohl raten, meinen
Mann baß zu grüßen, denn wolltet Ihr ihm tun, wie meinem Vater, so
zerbläut er Euch den Rücken, und obschon Ihr nicht viel Haares mehr
habt, ist’s dessen noch genug, daß er’s Euch ausreißt!“
„Das wäre ein Hauptwerk!“ erwiderte böse die Mutter. „Ich fürcht’ ihn
nicht, und wenn er so groß wie ein Berg wäre; nicht mehr und nicht
weniger fürcht’ ich ihn, wie deinen Vater! Was hat der ausgerichtet mit
mir nun die zwanzig Jahre? Noch heute geb’ ich ihm um kein Haar breit
nach!“
Während dieser Schalkrede der ältern Frau standen der Schwäher und der
Tochtermann an einer heimlichen Stelle, wo sie jedes Wort hörten, und
der Alte sprach leise zu seinem Schwiegersohn: „Ich bin inniglich froh,
daß Ihr meiner Tochter starren Sinn bezwungen, und gern hinterlasse ich
Euch und ihr mein Hab und Gut, wenn ich dahinfahre.“ Der Schwiegersohn
bedankte sich für die freundliche Gesinnung des Schwähers, der dann
wieder zu ihm sprach: „Ratet mir doch, wie ich Eurer Schwieger tue, die
mir allezeit widerstrebt und mir mein Leben so bitterlich vergällt! Wär’
es nur zu machen, daß sie etwa ein Jahr vor ihrem Tode wenigstens von
ihrer Härte ließe, so hätte ich die sonderste Freude und all mein Leid
ein Ende!“
Darauf verhieß der Schwiegersohn die Schwiegermutter gut zu machen auf
seine Weise, wenn der Schwiegervater ihm das nicht wehren wolle. Der
sprach: „Ich will Euch nichts verwehren, siedet oder bratet sie, so will
ich noch Holz dazu tragen.“
Der Ritter nahm alsbald heimlich vier flinke, starke Knechte, vermaß
sich großen Zorns und ging nach der Kemnate, wo noch die Alte saß und
immerfort auf ihn und ihre Tochter schalt. Als sie ihn kommen sah,
grüßte sie ihn spöttisch: „Seid Gott willkommen, Herr Engelhart!“
„Schönsten Dank, Frau Schlechthart!“ klang sein Gegengruß, und dabei
trat er fest an sie heran und sprach: „Frau, laßt Eure Unart, das bitt’
ich Euch, gegen Euern und meinen Herrn. Er sollte Euch ungezählte
Schläge auf euern Rücken mit einer eichenen Elle zumessen, bis Euch so
weh würde, daß Ihr ein gut Weib würdet.“
„Ei!“ sprach sie, „ich höre wohl, daß Ihr viele so erschlagen habt,
lieber Herr Guguguk! Ich habe aber doch bisher noch Haut und Haar
behalten, hoff’ es auch noch länger zu tragen! Was hab’ ich aber Euch
getan?“
„Ihr scheltet täglich meinen Herrn, Euern Mann, und verleidet ihm sein
eignes Haus!“ antwortete der junge Ritter; sie war aber gleich mit der
Gegenrede zur Hand: „In meinem Hause heiße ich Kratzmaus! Ich kann darin
sein Meister sein wie mein eigner, und es soll ihm Gott, solang ich
lebe, nun keinen einzigen guten Tag mehr geben!“
„Und gibt Gott _mir_ Glück,“ sprach der Schwiegersohn, „so acht’ ich,
daß Ihr noch, ehe wir voneinander gehen, Eure bösen Ränke und Schwänke
laßt.“
„Daß es Euch nur nicht mißglücke!“ rief sie, „sonst habt Ihr, so mir der
große Gott von Schaafhausen, nur Schande und Spott davon!“
„Ich weiß, was Euch so irr’ und wirr und böse macht,“ nahm der Ritter
wieder das Wort. „Ihr habt zwei _Zornbraten_ hier an jeder Hüfte, davon
kommt’s, daß Ihr so üble Sitte habt; wenn Euch die jemand ausschnitte,
das wär’ vortrefflich gut, denn Ihr würdet fröhlicher als jemals eine
Frau, und für Euern Mann wär’s nicht minder gut.“
„Ach! Ich freue mich, daß Ihr so ein guter Arzt seid, lehrt doch Eure
Kunst meine Tochter!“ war ihre Antwort. „Habt Ihr auch Bertram feil und
Nieswurz? Ihr mischt wohl Beifuß zum Tranke?“ —
„He! Euer Spott ist groß!“ rief der Ritter, „aber er wird Euch gleich
versalzen werden; sobald wir Eure Zornnieren und Zornbraten haben, so
werdet Ihr besser und frommer als ein Kind werden!“
„Genug mit Eurem Klaffen, Klaffer!“ schalt die Frau. Da griffen aber die
Knechte auf des Ritters Wink sie an, warfen sie nieder, und der
Tochtermann wetzte ein großes scharfes Messer, das setzte er ihr an ihre
Hüfte und schnitt ihr durch Gewand und Hemde eine lange, tiefe Wunde,
daß ihr Hohnlachen ihr ganz verging; dann sprach er, indem er ein Stück
Fleisch in ein Gefäß warf: „Seht, Frau, Ihr seid manches Jahr ein
schlimmes Weib gewesen, daran waren Eure Zornbraten schuld, die kann ich
Euch nicht länger lassen.“ Sie aber lag traurig und schreiend: „Das wußt
ich an mir selbst nicht, aber ich weiß, welcher Teufel Ihr mich beraten
habt!“
„Ja, Ihr habt noch einen Zornbraten,“ sprach der Ritter, „an Euerm
andern Bein, der muß noch heraus!“
„Ach,“ klagte sie fast weinend, „der ist ganz klein, der schadet mir
nicht zuviel! Helfe mir Gott! der, den Ihr schon ausgeschnitten habt,
der war an allem Schaden schuld. Ich bin alles Zornes ledig, und will
still sein, laßt nur den andern ungeschnitten.“
Da sprach die Tochter heiter zu ihrem Gatten: „Bedenket wohl, was Ihr
tut; ich fürchte, wenn auch der andere Zornbraten nicht herfürkömmt, so
ist die große Arbeit an dem einen verloren, und am Ende bekommt der
andere Zornbraten Junge, so Ihr den nicht auch ausschneidet.“
„Nein, nein, liebe Tochter!“ rief die Mutter, „sprich ihm doch zu, daß
er mich unversehrt lasse, ich will ja gut sein!“
„Frau Mutter,“ antwortete die junge Frau, „Ihr gabt mir den Rat, wider
meinen Mann zu streiten, ihm nicht untertan zu sein; darum, und daß sie
meinem Vater so übel mitgespielt, schneidet nur ihren Zornbraten aus!“
Und da griff der Ritter zum andern an, jene aber schrie: „Nein, nein! Es
ist mehr als genug! Tochter, denke, daß ich dich unterm Herzen getragen,
und gewinne mir Frieden von deinem Manne! Ich will beschwören, daß ich
gütevoll leben will, und der milde und gerechte Gott behüte mich vor
Zorn. Den großen Zorn hat mir der Ritter schon genommen, und der kleine
ist keines Eies wert zu achten!“
„Wohl,“ sprach der Ritter, „begehrt sie Friedens, so lasse ich ab von
ihr, doch gelobe sie zur Hand, daß, wenn sie den Zorn nicht meidet, sie
sich aber will schneiden lassen.“ Hierauf ward sie aufgehoben und ihre
Wunde verbunden.
Und die Frau warf allen Krieg und Hader unter die Füße, wurde ein gut
sittig Weib, ließ ab von ihrer bösen Heftigkeit, und als der andere Tag
kam, nahm sie Urlaub mit ihrem Mann von dem Schwiegersohn, und er
wünschte ihr, daß Gott sie bewahren möge vor allem Übel.
Wenn sie nun nach der Hand dennoch noch manchmal etwa ein Wörtlein oder
mehr zu ihrem Manne sprach, das ihm leid und unlieb war, so durfte er
nur sagen: „Ich kann mir nicht helfen, ich muß nach unserm Tochtermann
senden,“ so wurde sie rot vor Furcht und sprach: „Es ist nicht not
darum, sein Kommen wäre mir nicht zum Heile. Ich habe ja Mut und Sinn,
zu tun, was Euch lieb ist, und rate auch allen Frauen, daß sie ihren
Männern das entbieten, was ich jetzt dem meinen, so sie nämlich in
Frieden bestehen wollen.“
Damit hat diese Mär ein Ende, und kann davon eine beliebige
Nutzanwendung jeder Mann und jede Frau sich selbst machen. Der alte
Dichter aber, der diese Mär erzählt, gibt noch folgenden Rat:
Wenn wer ein übel Weib hat,
Der tu’ sich ihr’r in Zeit ab,
Empfehl’ sie dem Ritter,
Und leg’ sie auf ein’n Schlitten,
Und kauf’ ihr ein Bästchen,
Und henk’ sie an ein Ästchen.
Und henk’ dabei
Zwei Wölf’ oder drei.
Wer sah dann ein’n Galgen
Mit böseren Balgen?
Es sei denn, daß wer den Teufel fing,
Und ihn auch dazwischen hing.
Hänsel und Gretel.
Es war einmal ein armer Holzhauer, der lebte mit seiner Frau und zwei
Kindern in einer dürftigen Waldhütte. Die Kinder hießen Hänsel und
Gretel, und wie sie so heranwuchsen, gebrach es immer mehr den armen
Leuten an Brot. Auch wurde die Zeit immer schwerer und alle Nahrung
teurer, das machte den beiden Eltern große Sorge. Eines Abends als sie
ihr hartes Lager gesucht hatten, seufzte der Mann: „Ach Frau, wie wollen
wir nur die Kinder durchbringen, da der Winter herankommt, und wir für
uns selbst nichts haben!“ Und da erwiderte die Mutter: „Keinen andern
Rat weiß ich, als daß du sie in den Wald führst je eher je lieber, gibst
jedem noch ein Stücklein Brot, machst ihnen ein Feuer an, befiehlst sie
dem lieben Gott, und gehst hinweg.“
„O lieber Gott! wie soll ich das vollbringen an meinen eigenen Kindern,
Frau?“ fragte der Holzhauer bekümmert. „Nun wohl, so laß es bleiben!“
fuhr die Frau böse heraus, „so kannst du eine Totenlade für uns alle
viere zimmern, und die Kinder Hungers sterben sehen!“
Die zwei Kinder, welche der Hunger in ihrem Moosbettchen noch wach
hielt, hörten mit an, was die Mutter und der Vater miteinander sprachen,
und das Schwesterlein begann zu weinen, Hänsel aber tröstete es und
sprach: „Weine nicht, Gretel, ich helfe uns schon“, wartete, bis die
Alten schliefen, wischte aus der Hütte, suchte im Mondschein weiße
Steinchen, verbarg sie wohl, und schlich wieder herein, worauf er und
das Schwesterlein bald entschlummerten.
Am Morgen geschah nun, was die Eltern vorher besprochen. Die Mutter
reichte jedem Kind ein Stück Brot und sagte: „Das ist für heute alles;
haltet’s zu Rate.“ Gretel trug das Brot, Hänsel trug heimlich seine
Steinchen, der Vater hatte seine Holzaxt im Arm, die Mutter schloß das
Haus zu und folgte mit einem Wasserkruge nach. Hänsel machte sich hinter
die Mutter, so daß er der letzte war auf dem Wege, guckte oft zurück
nach dem Häuschen, und wie er es nicht sah, ließ er gleich ein weißes
Steinchen fallen, und nach ein paar Schritten wieder eins, und so immer
fort.
Nun waren alle mitten in dem tiefen Walde, und da machte der Vater ein
Feuer an, wozu die Kinder des Reisigs viel herbeitrugen, und die Mutter
sagte zu den Kindern: „Ihr seid wohl müde, jetzt legt euch an das Feuer
und schlaft, indes wir Holz fällen, nachher kommen wir wieder und holen
euch ab.“
Die Kinder schlummerten ein wenig, und als sie erwachten, stand die
Sonne hoch im Mittag, das Feuer war abgebrannt, und da Hänsel und Gretel
Hunger hatten, verzehrten sie ihr Stücklein Brot. Wer nicht kam, das
waren die Eltern. Und nachher sind die Kinder wieder eingeschlafen, bis
es dunkel wurde, da waren sie noch immer allein, und Gretel fing an zu
weinen und sich zu fürchten. Hänsel tröstete sie aber und sagte:
„Fürchte dich nicht, Schwester, der liebe Gott ist ja bei uns, und bald
geht der Mond auf, da gehen wir heim.“
Und wirklich ging bald darauf der Mond in voller Pracht auf und
leuchtete den Kindern auf den Heimweg und beglänzte die silberweißen
Kieselsteine. Hänsel faßte Gretel bei der Hand und so gingen die Kinder
miteinander fort ohne Furcht und ohne Unfall, und wie der frühe Morgen
graute, da sahen sie des Vaters Dach durch die Büsche schimmern, kamen
an das Waldhäuslein und klopften an. Wie die Mutter die Tür öffnete,
erschrak sie ordentlich, als sie die Kinder sah, wußte nicht, ob sie
schelten oder sich freuen sollte, der Vater aber freute sich, und so
wurden die beiden Kinder wieder mit Gottwillkommen in das Häuslein
eingelassen.
Es währte aber gar nicht lang, so wurde die Sorge aufs neue laut und
jenes Gespräch und der Beschluß, die Kinder in den Wald zu führen und
sie dort allein und in des Himmels Fürsorge zu lassen, wiederholten
sich. Wieder hörten die Kinder das traurige Gespräch mit an, bekümmerten
Herzens, und der kluge Hänsel machte sich vom Lager auf, wollte wieder
blanke Steine suchen, aber da war die Tür des Waldhäusleins fest
verschlossen, denn die Mutter hatte es gemerkt und darum die Türe
zugemacht. Da tröstete Hänsel abermals das weinende Schwesterlein und
sagte: „Weine nicht, lieb Gretel, der liebe Gott weiß alle Wege, wird
uns schon den rechten führen.“
Am andern Morgen in der Frühe mußten alle aufstehen, wieder in den Wald
zu wandern, und da empfingen die Kinder wieder Brot, noch kleinere
Stücklein wie zuvor, und der Weg ging noch tiefer in den Wald hinein;
Hänslein aber zerbröckelte heimlich sein Brot in der Tasche, und
streute, statt jener Steine, Krümlein auf den Weg, meinte, danach sich
mit dem Schwesterchen wohl zurückzufinden. Und nun geschah alles, wie
zuvor auch; ein großes Feuer wurde entzündet, und die Kinder mußten
wieder schlafen, und wie sie aufwachten, waren sie allein, und die
Eltern kamen nimmer wieder. Und der Mittag kam, und Gretel teilte ihr
Stückchen Brot mit Hänsel, weil er seines verstreut in lauter Bröselein
auf dem Weg, und dann schliefen sie wieder ein und erwachten abends
verlassen und einsam. Gretel weinte, Hänsel aber war gottgetrost, meinte
den Weg durch die Brotbröselein wohl zu finden, wartete, bis der Mond
aufgegangen war, nahm dann die Gretel bei der Hand und sprach zu ihr:
„Komm, Schwester, nun gehen wir heim.“
Aber wie Hänsel die Krümlein suchte, war ihrer keines mehr da, denn die
Waldvögelein hatten alle, alle aufgepickt und sie sich wohlschmecken
lassen. Und da wanderten die Kinder die ganze Nacht durch den Wald,
kamen bald vom Wege ab, verirrten sich und waren sehr traurig. Endlich
schliefen sie ein auf weichem Moos, und erwachten hungrig, wie der
Morgen graute, denn sie hatten keinen Bissen Brot mehr, und mußten ihren
Durst und Hunger nur mit den schönen Waldbeeren stillen, die da und dort
standen. Und wie sie so im Walde herumirrten, ohne Weg und Steg zu
finden, siehe, da kam ein schneeweißes Vöglein geflogen, das flog immer
vor ihnen her, als wenn es den Kindern den Weg zeigen wollte, und sie
gingen dem Vöglein fröhlich nach. Mit einem Male sahen sie ein kleines
Häuschen, auf dessen Dach das Vöglein flog; es pickte darauf, und wie
die Kinder ganz nahe daran waren, konnten sie sich nicht genug freuen
und wundern, denn das Häuschen bestand aus Brot, davon waren die Wände,
das Dach war mit Eierkuchen gedeckt, und die Fenster waren von
durchsichtigen Kandiszuckertafeln. Das war den Kindern recht, sie aßen
vom Häusleindach und von einer zerbrochenen Fensterscheibe. Da ließ sich
plötzlich drinnen eine Stimme vernehmen, die rief:
„Knusper, knusper, kneischen!
Wer knuspert mir am Häuschen?“
Darauf antworteten die Kinder:
„Der Wind, der Wind,
Das himmlische Kind!“
und aßen weiter, denn sie waren sehr hungrig gewesen, und schmeckte
ihnen ganz vortrefflich.
Da ging die Tür des Häusleins auf, und trat ein steinaltes,
krummgebücktes, triefäugiges Mütterlein heraus von nicht geringer
Häßlichkeit, Gesicht und Stirne voll Runzeln und inmitten eine große,
große Nase. Hatte auch grasgrüne Augen. Die Kinder erschraken nicht
wenig, die Alte aber tat ganz freundlich und sagte: „Ei, traute
Kindlein, kommt doch herein ins Häuschen, kommt doch herein! Da gibt’s
noch viel bessern Kuchen!“
Die Kinder folgten der Alten gerne, und drinnen trug die Alte auch auf,
daß es eine Lust war. Da gab es, Herz, was magst du? Biskuit und
Marzipan, Zucker und Milch, Äpfel und Nüsse, und köstlichen Kuchen. Und
während die Kinder immerfort aßen und fröhlich waren, richtete die Alte
zwei Bettchen zu von feinen Dunenkissen und lilienweißen Linnen, da
hinein brachte sie die Kinder zur Ruhe, die meinten im Himmel zu sein,
beteten einen frommen Abendsegen und entschliefen alsbald.
Es hatte aber mit der Alten ein gar schlimmes Bewenden. Sie war eine
böse und garstige Hexe, welche die Kinder fraß, die sie durch ihr Brot-
und Kuchenhäuslein anlockte, nachdem sie sie erst recht fett gefüttert.
Dies hatte sie auch mit Hänsel und Gretel im Sinne. In aller Frühe stand
die Alte schon vor dem Bette der noch süß schlafenden Kinder, freute
sich über ihren Fang, riß Hänsel aus dem Bette und trug ihn nach dem eng
vergitterten Gänsestall, verstopfte ihm auch, damit er nicht schreie,
den Mund. Dann weckte sie die arme Gretel mit Heftigkeit und schrie sie
mit rauher Stimme an: „Steh auf, faule Dirne! Dein Bruder steckt im
Stall, wir müssen ihm ein gutes Essen kochen, auf daß er fett wird, und
für mich einen guten Braten gibt!“