war und dem Meister der Beutel leer ward. Ei! dachte er, man muß zu
leben wissen. Sind die Kunden doch so oft zu dir gekommen, nun ist es an
dir, höflich zu sein und dich zu ihnen zu bemühen. Gesagt, getan.
Frühmorgens zog er aus und klopfte an mancher stattlichen Tür; aber wie
es sich denn so trifft, daß die stattlichsten Herren nicht die besten
Zahler sind, die Rechnung zu bezahlen hatte niemand Lust. So kam der
Handwerksmann müde und matt des Abends in seine Heimat und trübselig
setzte er sich vor die Türe der Schenke ganz allein, denn er hatte weder
das Herz, mit den Zechgästen zu plaudern, noch freute er sich sehr auf
das lange Gesicht seines Weibes. Aber wie er dasaß in Gedanken
versunken, konnte er doch nicht lassen, hinzuhören auf das Gespräch, das
drinnen geführt ward. Ein Fremder, der eben aus der Hauptstadt angelangt
war, erzählte, daß die schöne Königstochter von einem bösen Zauberer
gefangen gesetzt sei und müsse im Kerker bleiben ihr lebelang, wenn
nicht jemand sich fände, der die drei Proben löste, welche der Zauberer
gesetzt hatte. Fände sich aber einer, so wäre die Prinzeß sein und ihr
ganzes herrliches Schloß mit all seinen Schätzen. Das hörte der Meister
an, zuerst mit halbem Ohr, dann mit dem ganzen und zuletzt mit allen
beiden, denn er dachte: mein Sohn Helmerich ist ein aufgeweckter Kopf,
der wohl den Ziegenbock barbieren möchte, so das einer von ihm heischte;
was gilt’s, er löst die Proben und wird der Gemahl der schönen Prinzeß
und Herr über Land und Leute. Denn also hatte der König, ihr Vater,
verkündigen lassen. — Schleunig kehrte er nach Haus und vergaß seine
Schulden und Kunden über der neuen Mär, die er eilig seiner Frau
hinterbrachte. Des andern Morgens schon sprach er zum Helmerich, daß er
ihn mit Roß und Wehr ausrüsten wolle zu der Fahrt, und wie schnell
machte der sich auf die Reise! Als er Abschied nahm, versprach er seinen
Eltern, er wolle sie samt dem dummen Bruder Hans gleich holen lassen in
einem sechsspännigen Wagen; denn er meinte schon, er wäre König.
Übermütig wie er dahinzog, ließ er seinen Mutwillen aus an allem, was
ihm in den Weg kam. Die Vögel, die auf den Zweigen saßen und den
Herrgott lobten mit Gesang, wie sie es verstanden, scheuchte er mit der
Gerte von den Ästen und kein Getier kam ihm in den Weg, daran er nicht
seinen Schabernack ausgelassen hätte. Und zum ersten begegnete er einem
Ameisenhaufen; den ließ er sein Roß zertreten, und die Ameisen, die
erzürnt an sein Roß und an ihn selbst krochen und Pferd und Mann bissen,
erschlug und erdrückte er alle. Weiter kam er an einen klaren Teich, in
dem schwammen zwölf Enten. Helmerich lockte sie ans Ufer und tötete
deren elf, nur die zwölfte entkam. Endlich traf er auch einen schönen
Bienenstock; da machte er es den Bienen wie er es den Ameisen gemacht.
Und so war seine Freude, die unschuldige Kreatur nicht sich zum Nutzen,
sondern aus bloßer Tücke zu plagen und zu zerstören.
Als Helmerich nun bei sinkender Sonne das prächtige Schloß erreicht
hatte, darin die Prinzessin verzaubert war, klopfte er gewaltig an die
geschlossene Pforte. Alles war still; immer heftiger pochte der Reiter.
Endlich tat sich ein Schiebfenster auf und hervor sah ein altes
Mütterlein mit spinnewebfarbigem Gesichte, die fragte verdrießlich, was
er begehre. „Die Prinzeß will ich erlösen,“ rief Helmerich, „geschwind
macht mir auf.“ „Eile mit Weile, mein Sohn,“ sprach die Alte; „morgen
ist auch ein Tag, um neun Uhr werde ich dich hier erwarten.“ Damit
schloß sie den Schalter.
Am andern Morgen um neun Uhr, als Helmerich wieder erschien, stand das
Mütterchen schon seiner gewärtig mit einem Fäßchen voll Leinsamen, den
sie ausstreute auf eine schöne Wiese. „Lies die Körner zusammen,“ sprach
sie zu dem Reiter, „in einer Stunde komme ich wieder, da muß die Arbeit
getan sein.“ — Helmerich aber dachte, das sei ein alberner Spaß und
lohne es nicht, sich darum zu bücken; er ging derweil spazieren und als
die Alte wiederkam, war das Fäßchen so leer wie vorher. „Das ist nicht
gut,“ sagte sie. Darauf nahm sie zwölf goldene Schlüsselchen aus der
Tasche und warf sie einzeln in den tiefen dunklen Schloßteich. „Hole die
Schlüssel herauf,“ sprach sie, „in einer Stunde komme ich wieder, da muß
die Arbeit getan sein.“ Helmerich lachte und tat wie vorher. — Als die
Alte wiederkam und auch diese Aufgabe nicht gelöst war, da rief sie
zweimal: „Nicht gut! Nicht gut!“ Doch nahm sie ihn bei der Hand und
führte ihn die Treppe hinauf in den großen Saal des Schlosses; da saßen
drei Frauenbilder, alle drei in dichte Schleier verhüllt. „Wähle, mein
Sohn,“ sprach die Alte, „aber sieh dich vor, daß du recht wählst. In
einer Stunde komme ich wieder.“ Helmerich war nicht klüger, da sie
wiederkam als da sie wegging; übermütig aber rief er aufs Geratewohl:
„Die zur Rechten wähl’ ich.“ — Da warfen alle drei die Schleier zurück;
in der Mitte saß die holdselige Prinzeß, rechts und links zwei
scheußliche Drachen, und der zur Rechten packte den Helmerich in seine
Krallen und warf ihn durch das Fenster in den tiefen Abgrund.
Ein Jahr war verflossen seit Helmerich ausgezogen, die Prinzeß zu
erlösen, und noch immer war bei den Eltern kein sechsspänniger Wagen
angelangt. „Ach!“ sprach der Vater, „wäre nur der ungeschickte Hans
ausgezogen statt unsres besten Buben, da wäre das Unglück doch
geringer.“ — „Vater,“ sagte Hans, „laßt mich hinziehn, ich will’s auch
probieren.“ Aber der Vater wollte nicht, denn was dem Klugen mißlingt,
wie führte das der Ungeschickte zu Ende? Da der Vater ihm Roß und Wehr
versagte, machte Hans sich heimlich auf und wanderte wohl drei Tage
denselben Weg zu Fuß, den der Bruder an einem geritten war. Aber er
fürchtete sich nicht, und schlief des Nachts auf dem weichen Moos unter
den grünen Zweigen so sanft wie unter dem Dach seiner Eltern; die Vögel
des Waldes scheuten sich nicht vor ihm, sondern sangen ihn in Schlaf mit
ihren besten Weisen. Als er nun an die Ameisen kam, die beschäftigt
waren, ihren neuen Bau zu vollenden, störte er sie nicht, sondern wollte
ihnen helfen, und die Tierchen, die an ihm hinaufkrochen, las er ab ohne
sie zu töten, wenn sie ihn auch bissen. Die Enten lockte er auch ans
Ufer, aber um sie mit Brosamen zu füttern; den Bienen warf er die
frischen Blumen hin, die er am Wege gepflückt hatte. So kam er fröhlich
an das Königsschloß und pochte bescheiden am Schalter. Gleich tat die
Türe sich auf und die Alte fragte nach seinem Begehr. „Wenn ich nicht zu
gering bin, möchte ich es auch versuchen, die schöne Prinzeß zu
erlösen,“ sagte er. „Versuche es, mein Sohn,“ sagte die Alte, „aber wenn
du die drei Proben nicht bestehst, kostet es dein Leben.“ „Wohlan,
Mütterlein,“ sprach Hans, „sage, was ich tun soll.“ Jetzt gab die Alte
ihm die Probe mit dem Leinsamen. Hans war nicht faul sich zu bücken,
doch schon schlug es drei Viertel und das Fäßchen war noch nicht halb
voll. Da wollte er schier verzagen; aber auf einmal kamen schwarze
Ameisen mehr als genug und in wenigen Minuten lag kein Körnlein mehr auf
der Wiese. Als die Alte kam, sagte sie: „Das ist gut!“ und warf die
zwölf Schlüssel in den Teich, die sollte er in einer Stunde herausholen.
Aber Hans brachte keinen Schlüssel aus der Tiefe; so tief er auch
tauchte, er kam nicht an den Grund. Verzweifelnd setzte er sich ans
Ufer; da kamen die zwölf Entchen herangeschwommen, jede mit einem
goldenen Schlüsselchen im Schnabel, die warfen sie ins feuchte Gras. So
war auch diese Probe gelöst, als die Alte wiederkam, um ihn nun in den
Saal zu führen, wo die dritte und schwerste Probe seiner harrte.
Verzagend sah Hans auf die drei gleichen Schleiergestalten; wer sollte
ihm hier helfen? Da kam ein Bienenschwarm durchs offene Fenster
geflogen, die kreisten durch den Saal und summten um den Mund der drei
Verhüllten. Aber von rechts und links flogen sie schnell wieder zurück,
denn die Drachen rochen nach Pech und Schwefel, wovon sie leben; die
Gestalt in der Mitte umkreisten sie alle und surrten und schwirrten
leise: „Die Mittle, die Mittle.“ Denn da duftete ihnen der Geruch ihres
eigenen Honigs entgegen, den die Königstochter so gern aß. Also, da die
Alte wiederkam nach einer Stunde, sprach Hans ganz getrost: „Ich wähle
die Mittle.“ Und da fuhren die bösen Drachen zum Fenster hinaus, die
schöne Königstochter aber warf ihren Schleier ab und freute sich der
Erlösung und ihres schönen Bräutigams. Und Hans sandte dem Vater der
Prinzeß den schnellsten Boten und zu seinen Eltern einen goldenen Wagen
mit sechs Pferden bespannt, und sie alle lebten herrlich und in Freuden,
und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.
Der Teufel ist los
oder
Das Märlein, wie der Teufel den Branntwein erfand.
Es hatten einmal zwei Landesherren einen Grenzstreit; da waren auf jeder
Seite Zeugen, die das Recht behaupteten, und darunter waren zwei, die
hatten vom Teufel die Schwarzkunst erlernt und ihm dafür ihre Seelen
verschrieben.
Diese beiden haben einmal ein jeder in der Nacht wollen falsche
Grenzsteine setzen, so, wie jeder von ihnen die Grenze behauptete, und
haben die Steine mit schwarzer Kunst wollen machen, daß sie aussähen,
als ob sie schon viele, viele Jahre dagestanden hätten. Da sind sie alle
zwei, als feurige Männer, hinauf auf die Höhe gegangen. Und wie der eine
hinaufkommt, da ist der andere schon da. Aber keiner hat etwas von dem
andern gewußt, daß dieser denselben Gedanken hatte.
Da fragte der eine den andern: „Was machst du da?“
„„Was hast du danach zu fragen? Sage mir zuvor, was du da machen
willst?““
„Grenzsteine will ich setzen, und will den Grenzzug machen, wie dieser
eigentlich sein muß.“
„„Das habe ich selbst schon getan, und da stehen die Steine, und so geht
der Grenzzug.““
„Das ist nicht richtig, und _so_ geht der Grenzzug. Mein Herr hat
gesagt, ich hätte recht, und ich solle nicht nachgeben.“
„„Wer ist denn dein Herr? Das wird auch ein schöner Musjö sein!““
„Der Teufel ist mein Herr! Hast du nun Respekt?“
„„Das ist nicht wahr, das ist _mein_ Herr, und mein Herr hat mir gesagt,
ich habe recht und solle nicht nachgeben. Packe dich den Augenblick,
oder es geht dir schlecht!““
Und so kamen die zwei hintereinander, und zuletzt da gab der eine
feurige Mann dem andern eine Maulschelle, daß ihm der Kopf herabflog und
kullerte den ganzen Berg hinab. Und der feurige Mann ohne Kopf rannte
hinter seinem feurigen Kopfe her und wollte ihn haschen und ihn sich
wieder aufsetzen. Aber er konnte ihn nicht einholen bis ganz drunten im
Graben.
Wie nun der eine dem andern die Maulschelle gegeben hatte, und jener
hinter seinem Kopfe herlief, da kam auf einmal ein dritter feuriger Mann
dazu, und fragte den, der oben blieb: „Was hast du da gemacht?“
„„Was geht es dich an und was hast du mir zu befehlen? Den Augenblick
packe dich deiner Wege, oder ich mache es dir gerade so wie jenem.““
„Halunke! Hast du nicht mehr Respekt vor mir? Weißt du nicht, daß ich
dein Herr, der Teufel, bin?“
„„Und wenn du zehnmal der Teufel selbst bist, so liegt mir daran gar
nichts; du kannst mich meinetwegen recht schön reinmachen!““
„Diesen Gefallen will ich dir tun, du sollst aber dein Lebtag daran
gedenken!“
Und da fing der Teufel an und machte ihn rein, daß die Feuerputzen auf
dem ganzen Bergrücken herumflogen.
Aber wie er ihn so reinmachte, da ersah mein feuriger Mann den günstigen
Augenblick, und griff hin und erwischte den Teufel im Nacken, hielt ihn
fest und sagte ihm:
„Nun bist du in meiner Gewalt; nun sollst du sehen, daß du in der
Menschen Hände bist! Du hast dein Lebenlang genug armen Leuten den Hals
herumgedreht, nun sollst du auch selbst einmal erfahren, wie es tut,
wenn einem der Hals umgedreht wird!“
Und fing an und wollte dem Teufel den Hals umdrehen. Wie der Teufel sah,
daß der feurige Mann Ernst mit ihm machte, legte er sich aufs Bitten und
gab ihm die himmelbesten Worte, er solle ihn doch gehen lassen und solle
ihm den Hals nicht herumdrehen; er wolle ihm auch alles tun, was er nur
von ihm verlangte. Da sagte ihm der: „Weil du also erbärmlich tust, so
will ich dich nur gehen lassen; aber zuvor mußt du mir meine
Verschreibung wiedergeben, in welcher ich dir meine Seele verschrieben
habe, und mußt mir auch versprechen, ja, du mußt mir das bei deiner
Großmutter beschwören, daß du kein Teil mehr an mir haben willst, auch
all dein Lebetage von keinem Menschen dir wieder die Seele verschreiben
lassen.“
Wollte der Teufel wohl oder übel, einmal stak er in der Klemme, und wenn
er loskommen wollte und wollte nicht den Hals herumgedreht haben, so
mußte er in einen sauern Apfel beißen, und gab ihm seine Verschreibung
wieder und versprach’s ihm und verschwur sich bei seiner Großmutter, daß
er keinen Teil mehr an ihm haben wolle, und wolle auch alle sein Lebetag
von keinem Menschen sich wieder lassen die Seele verschreiben. Wie er
das alles getan hatte, ließ jener den Teufel los.
Wie aber der Teufel wieder ledig war, da tat er einen Sprung zurück, daß
ihn jener nicht etwa unversehens noch einmal erwische, und stellte sich
hin und sagte: „So, nun bin ich wieder ledig; wenn ich dir, du
Schalksnarr, nun auch meine Verschreibung wiedergegeben habe und habe
dir versprochen und beschworen, daß ich kein Teil mehr an dir haben
wolle, so habe ich dir doch nicht versprochen, daß ich den Hals dir
nicht auch umdrehen wolle, so ich wieder ledig wäre. Und auf dem Flecke
da sollst du alleweil sterben, dafür, daß du mich gegurgelt hast und
hast mir wollen den Hals umdrehen!“
Und damit fuhr der Teufel auf ihn hinein und wollte ihm den Garaus
machen, der aber riß aus und lief zum Wald hinein. Und der Teufel immer
hinter ihm her. Endlich ersah es jener, und kam an eine alte Buche, die
war hohl und hatte unten ein Loch. Da kroch er geschwind hinein und
wollte sich verstecken vor dem Teufel. Aber er war nicht weit genug
hineingekrochen, und die Fußzehe guckte ihm noch heraus. Und weil er
über und über feurig war, da leuchtete die Zehe durch die Nacht, und der
Teufel wurde es gewahr, wo jener sich hinversteckt hatte, und kam und
wollte ihn an der Fußzehe erwischen.
Aber der in seinem Baume hörte es, wie der Teufel getappt kam, wie er
nach ihm greifen und ihn erwischen wollte; da zog er sich vollends
hinein und machte sich weiter im Baume hinauf. Da kroch der Teufel auch
hinein, und jener machte immer weiter im Baume hinauf und der Teufel
immer hinter ihm her. Endlich da hatte der Baum oben in der Höhe ein
weites Astloch, da kam jener dran und kroch heraus. Und wie er draußen
war, da nahm er etwas und verkeilte das Astloch, wo er herausgekrochen
war, und stieg geschwind herab und verkeilte auch das untere Loch, und
machte es mit schwarzer Kunst so fest, daß es der Teufel selbst und
seine Großmutter und die ganze Hölle nicht wieder aufbringen konnten.
Danach ging er seiner Wege.
Und da steckte nun der Teufel in der alten Buche, und konnte nicht
herauskommen, und half ihm alles nichts, er mußte drin stecken bleiben.
Und da hat er lange Zeit darin gesteckt, und vielmal zu jener Zeit, wenn
Leute des Wegs über jenen Berg gegangen sind, da haben sie ihn darin
hören blöken und grunzen in seiner Buche. Endlich aber, wie der
Holzschlag dort hinaufgekommen ist, da ist die Buche abgehauen worden.
Da ist er endlich wieder herausgekommen und ist wieder freigeworden, der
Teufel. Wie er nun wieder los war, da machte er sich auf und ging heim
in die Hölle und wollte sehen, wie es aussähe? Aber da war alles leer
darin, wie es in der Kirche in der Woche ist, und war keine Seele mehr
zu hören, noch zu sehen. Seit der Teufel damals fortgegangen und nicht
wiedergekommen war, und auch kein Mensch nicht gewußt hatte, wo er
hingekommen war, da war nicht eine einzige Seele wieder in die Hölle
gekommen. Und da war seine Großmutter aus Herzeleid gestorben, und wie
die tot war, da packten alle die armen Seelen, die dazumal in der Hölle
waren, auf, und machten sich auf und davon und gingen alle miteinander
in den Himmel. Und da stand er, Maus-Mutter-Stern-allein in der Hölle,
und wußte seines Leides keinen Rat, wie er’s wohl anfinge, daß er wieder
arme Seelen bekäme, weil er es nicht mehr tun durfte, und hatte es
damals bei seiner Großmutter verschwören müssen, daß er von keinem
Menschen sich wieder wollte die Seele verschreiben lassen, und auf
andere Weise bekam er damals keine Menschen in die Hölle. Und da stand
er und wußte seines Herzeleids kein Ende, und wollte sich die Hörner aus
dem Kopfe raufen vor lauter Herzeleid und Jammer. — Da fiel ihm auf
einmal etwas ein.
Wie er in der alten Buche gesteckt hatte und nicht herausgekonnt, da war
ihm zuletzt die Zeit lang geworden, und da hatte er über allerlei
nachsimuliert und den Branntwein erdacht und erfunden. Das fiel ihm
alleweil mitten in seinem Herzeleide wieder ein, und da dachte er sich,
das müsse ein Mittelchen sein, wie er doch wieder arme Seelen in die
Hölle bekommen könne.
Und da packte er auf der Stelle auf und ließ die Hölle Hölle sein, und
ging nach Nordhausen und wurde ein Schnapsbrenner und machte Branntwein
drein und drauf und schenkte ihn in die Welt hinein. Und er zeigte auch
den Nordhäusern allen miteinander, wie der Schnaps gemacht wird, und
versprach ihnen viel Geld und Gut, wenn sie’s lernten und Branntwein
brennten. Und die Nordhäuser ließen sich’s auch nicht zweimal sagen, und
wurden alle Schnapsbrenner, und machten Branntwein, und schenkten ihn in
die Welt hinein. Seit dieser Zeit schreibt sich’s her, daß bis auf den
heutigen Tag so viel Branntwein in Nordhausen gebrennt wird, wie an
keinem andern Orte in der ganzen Welt.
Aber wie sich’s der Teufel gedacht hatte, also ging es auch. Wenn die
Leute erst ein wenig Branntwein im Leibe hatten, da fingen sie an zu
fluchen und zu schwören, und fluchten und schwuren ihre Seele zum
Teufel, daß sie der Teufel bekam, wenn sie gestorben waren, und brauchte
ihnen darum nicht zu dienen, wie er sonst hatte tun müssen, wenn er eine
arme Seele hatte haben wollen. Und wenn sie sich den Kopf erst richtig
vollgesoffen hatten im Branntwein, da fingen sie auch an und zankten
sich und prügelten sich und brachen sich selber die Hälse, daß sich der
Teufel nicht erst brauchte die Mühe zu geben und brauchte sie ihnen
herumzudrehen. Und wenn der Teufel sonst mit aller Mühe und Not hatte
alle Wochen einmal eine arme Seele in die Hölle bekommen können, da
kamen sie jetzt dutzend- und schockweise alle Tage hinein, und es
dauerte kein Jahr, da war die Hölle zu klein geworden und konnte der
Teufel die Seelen nicht mehr unterbringen und mußte ein ganz neues Stück
lassen anbauen an die Hölle.
Und kurz und gut, seit der Teufel aus der alten Buche jenesmal wieder
losgekommen ist, seit der Zeit ist der Branntwein aufgekommen, und seit
der Branntwein in der Welt ist, da kann man erst recht eigentlich sagen:
„Der Teufel ist los!“
Der Schmied von Jüterbogk.
Im Städtlein Jüterbogk hat einmal ein Schmied gelebt, von dem erzählen
sich Kinder und Alte ein wundersames Märlein. Es war dieser Schmied erst
ein junger Bursche, der einen sehr strengen Vater hatte, aber treulich
Gottes Gebote hielt. Er tat große Reisen und erlebte viele Abenteuer,
dabei war er in seiner Kunst über alle Maßen geschickt und tüchtig. Er
hatte eine Stahltinktur, die jeden Harnisch und Panzer undurchdringlich
machte, welcher damit bestrichen wurde, und gesellte sich dem Heere
Kaiser Friedrichs II. zu, wo er kaiserlicher Rüstmeister wurde und den
Kriegszug nach Mailand und Apulien mitmachte. Dort eroberte er den Heer-
und Bannerwagen der Stadt und kehrte endlich, nachdem der Kaiser
gestorben war, mit vielem Reichtum in seine Heimat zurück. Er sah gute
Tage, dann wieder böse, und wurde über hundert Jahre alt. Einst saß er
in seinem Garten unter einem alten Birnbaum, da kam ein graues Männlein
auf einem Esel geritten, das sich schon mehrmals als des Schmiedes
Schutzgeist bewiesen hatte. Dieses Männchen herbergte bei dem Schmied
und ließ den Esel beschlagen, was jener gern tat, ohne Lohn zu heischen.
Darauf sagte das Männlein zu Peter, er solle drei Wünsche tun, aber
dabei das Beste nicht vergessen. Da wünschte der Schmied, weil die Diebe
ihm oft die Birnen gestohlen, es solle keiner, der auf den Birnbaum
gestiegen, ohne seinen Willen wieder herunter können — und weil er auch
in der Stube öfters bestohlen worden war, so wünschte er, es solle
niemand ohne seine Erlaubnis in die Stube kommen können, es wäre denn
durch das Schlüsselloch. Bei jedem dieser törichten Wünsche warnte das
Männlein: „Vergiß das Beste nicht!“ und da tat der Schmied den dritten
Wunsch, sagend: „Das Beste ist ein guter Schnaps, so wünsche ich, daß
diese Bulle niemals leer werde!“ — „Deine Wünsche sind gewährt,“ sprach
das Männchen, strich noch über einige Stangen Eisen, die in der Schmiede
lagen, mit der Hand, setzte sich auf seinen Esel und ritt von dannen.
Das Eisen war in blankes Silber verwandelt. Der vorher arm gewordene
Schmied war wieder reich und lebte fort und fort bei gutem Wohlsein,
denn die nie versiegenden Magentropfen in der Bulle waren, ohne daß er
es wußte, ein Lebenselixier. Endlich klopfte der Tod an, der ihn so
lange vergessen zu haben schien; der Schmied war scheinbar auch gern
bereitwillig, mit ihm zu gehen, und bat nur, ihm ein kleines Labsal zu
vergönnen und ein paar Birnen von dem Baum zu holen, den er nicht selbst
mehr besteigen könne aus großer Altersschwäche. Der Tod stieg auf den
Baum, und der Schmied sprach: „Bleib droben!“ denn er hatte Lust, noch
länger zu leben. Der Tod fraß alle Birnen vom Baum, dann gingen seine
Fasten an, und vor Hunger verzehrte er sich selbst mit Haut und Haar,
daher er jetzt nur noch so ein scheußlich dürres Gerippe ist. Auf Erden
aber starb niemand mehr, weder Mensch noch Tier, darüber entstand viel
Unheil, und endlich ging der Schmied hin zu dem klappernden Tod und
akkordierte mit ihm, daß er ihn fürder in Ruhe lasse, dann ließ er ihn
los. Wütend floh der Tod von dannen und begann nun auf Erden
aufzuräumen. Da er sich an dem Schmied nicht rächen konnte, so hetzte er
ihm den Teufel auf den Hals, daß dieser ihn hole. Dieser machte sich
flugs auf den Weg, aber der pfiffige Schmied roch den Schwefel voraus,
schloß seine Türe zu, hielt mit den Gesellen einen ledernen Sack an das
Schlüsselloch, und wie Herr Urian hindurchfuhr, da er nicht anders in
die Schmiede konnte, wurde der Sack zugebunden, zum Amboß getragen, und
nun ganz unbarmherziglich mit den schwersten Hämmern auf den Teufel
losgepocht, daß ihm Hören und Sehen verging, er ganz mürbe wurde und das
Wiederkommen auf immer verschwur. Nun lebte der Schmied noch gar lange
Zeit in Ruhe, bis er, wie alle Freunde und Bekannte ihm gestorben waren,
des Erdenlebens satt und müde wurde. Machte sich deshalb auf den Weg und
ging nach dem Himmel, wo er bescheidentlich am Tore anklopfte. Da
schaute der heilige Petrus herfür, und Peter der Schmied erkannte in ihm
seinen Schutzpatron und Schutzgeist, der ihn oft aus Not und Gefahr
sichtbarlich errettet und ihm zuletzt die drei Wünsche gewährt hatte.
Jetzt aber sprach Petrus: „Hebe dich weg, der Himmel bleibt dir
verschlossen; du hast das Beste zu erbitten vergessen: die Seligkeit!“ —
Auf diesen Bescheid wandte sich Peter, und gedachte sein Heil in der
Hölle zu versuchen, und wanderte wieder abwärts, fand auch bald den
rechten, breiten und vielbegangenen Weg. Wie aber der Teufel erfuhr, daß
der Schmied von Jüterbogk im Anzuge sei, schlug er das Höllentor ihm vor
der Nase zu und setzte die Hölle gegen ihn in Verteidigungsstand. Da nun
der Schmied von Jüterbogk weder im Himmel noch in der Hölle seine
Zuflucht fand, und auf Erden es ihm nimmer gefallen wollte, so ist er
hinab in den Kyffhäuser gegangen zu Kaiser Friedrichen, dem er einst
gedient. Der alte Kaiser, sein Herr, freute sich, als er seinen
Rüstmeister Peter kommen sah und fragte ihn gleich, ob die Raben noch um
den Turm der Burgruine Kyffhausen flögen? Und als Peter das bejahte, so
seufzte der Rotbart. Der Schmied aber blieb im Berge, wo er des Kaisers
Handpferd und die Pferde der Prinzessin und die der reitenden Fräulein
beschlägt, bis des Kaisers Erlösungsstunde auch ihm schlagen wird. — Und
das wird geschehen nach dem Munde der Sage, wenn dereinst die Raben
nicht mehr um den Berg fliegen, und auf dem Ratsfeld nahe dem Kyffhäuser
ein alter dürrer abgestorbener Birnbaum wieder ausschlägt, grünt und
blüht. Dann tritt der Kaiser hervor mit all seinen Wappnern, schlägt die
große Schlacht der Befreiung und hängt seinen Schild an den wieder
grünen Baum. Hierauf geht er ein mit seinem Gesinde zu der ewigen Ruhe.
Vom Zornbraten.
Es war einmal ein Ritter, der hatte neben vielem Geld und Gut ein böses
Weib, das wußte er nimmer zu bemeistern, und war schier auf Erden kein
ärger Weib zu finden. Er aber war ehrenhaft und sanften Muts. Beide
hatten eine einzige Tochter, und die erzog die Mutter also in ihren
eignen bösen Sitten und nach ihrem Schlag, daß sie arg und karg,
mückisch und tückisch wurde. Gleichwohl hatte Gott das Maidlein zu einer
schönen Jungfrau gebildet, daß, wer sie schaute, dem deuchte sie ein
Bild voll minniglicher Güte, wer aber näher mit ihr bekannt wurde, der
nahm bald ihre Argheit wahr und mied sie gänzlich. Nun war die Jungfrau
achtzehn Jahre alt und hätte gern einen Mann genommen, aber keiner kam,
der ihrer begehrt hätte.
Das bekümmerte den Vater mächtiglich, und eines Tages sprach er zu ihr:
„Tochter, deiner Mutter Sitten und ihr übler Rat machen, daß du ohne
Mann bleibest, oder aber, so einer dich nimmt, der nicht Lust hat, wie
ich, böse Weibertücken geduldig zu tragen, so wirst du öfter geschlagen,
als das Jahr Tage zählt, und wird dich noch baß gereuen, daß du so in
allen Stücken deiner Mutter gefolgt bist und gefolgt hast.“
Das hörte die Tochter des frommen Ritters sehr ungern, und sprach
zornig: „Ei, Herr Vater! Ihr könnt viel reden, ehe mir Eurer Worte auch
nur eins gefällt! Ihr habt meiner Mutter auch immer viel zu viel gute
Lehren gegeben, die sie Euch nicht danket. Wißt Ihr was? Tut, was Euch
gut dünket, und mich lasset gewähren. Denn wenn auch schon morgen ein
Freier käme, der mein begehrte, so wollte ich doch allezeit in der Ehe
das längere Messer tragen.“
„O meine Tochter!“ antwortete der Rittersmann, „das dünkt mich nicht
gut, daß du solche Gedanken hast. Du solltest doch darauf denken, besser
zu sein, als deine arge Mutter, sonst könnte es wohl kommen, daß du
einen Mann bekämest, der so biderb und fromm ist, daß er dich bezwingt,
und du hernach mit Scham, mit Schimpf und Schande nachgeben mußt.“
„Ei, jawohl!“ antwortete die Tochter. „Eh’ der Markt aus ist, gibt es
noch mehr selben Kofents zu kaufen!“ und solche häßliche Spottreden
mehr, die sie dem Vater gab, so daß er zornig ausrief: „O du böse
Kriemhild! So du deinem Vater nicht folgen willt, so soll dir dein
Rücken satt von Schlägen werden! Wer immer dein begehre, er sei Ritter
oder sei Knecht, der soll dich haben und soll dich ziehen nach seinem
Willen!“
„Oder ich ihn nach dem meinen!“ erwiderte trotzig die Tochter, und
andere Reden mehr, bis dieser Wortwechsel endete.