Nun begab es sich, daß sie wiederum miteinander spazierten, und da

läutete es abermals in zwei Dörfern. Der Schwab fragte: „Lieber, was

läutet man da?“ — „In dem einen Dorf läutet man zu einem Toten, in dem

andern zur Hochzeit,“ sagte unser Herrgott. „Wohl!“ sprach der Schwab.

„Jetzt gang du zur Hochzeit, so will ich zum Toten!“ (vermeinte, er

wolle auch hundert Gulden verdienen). Fragte den Herrn weiter: „Lieber,

wie hast du getan, daß du den Toten auferwecket hast?“ — „Ja,“

antwortete der Herr, „ich sprach zu ihm, steh auf im Namen des Vaters,

Sohnes und Heiligen Geistes! Da stand er auf.“ — „Schon gut, schon gut!“

rief der Schwab, „nun weiß ich’s wohl zu tun!“ und zog zum Dorfe, wo man

ihm den Toten entgegentrug. Als der Schwab das sahe, rief er mit heller

Stimme: „Halt da! Halt da! Ich will ihn lebendig machen, und wenn ich

ihn nit lebendig mache, so henkt mich ohne Urtel und Recht.“

Die guten Leute waren froh, verhießen dem Schwaben hundert Gulden, und

setzten die Bahre, darauf der Tote lag, nieder. Der Schwab tät den Sarg

auf und fing an zu sprechen: „Steh auf im Namen der heiligen

Dreifaltigkeit!“ Der Tote aber wollte nicht aufstehen. Dem Schwaben ward

angst, er sprach seinen Segen zum andern und zum drittenmal, als aber

jener Tote sich nicht erhob, so rief er voll Zorn: „Ei, so bleib liegen

in tausend Teufel Namen!“ Als die Leute diese gottlose Rede hörten, und

sahen, daß sie von dem Gecken betrogen waren, ließen sie den Sarg

stehen, faßten den Schwaben und eileten demnächst mit ihm dem Galgen zu,

warfen die Leiter an und führten den Schwaben hinauf.

Unser Herrgott zog fein gemachsam seine Straße heran, da er wohl wußte,

wie es dem Schwaben ergehen werde, wollte doch sehen, wie er sich

stellen würde, kam nun zum Gericht, und rief: „O guter Gesell, was hast

du doch getan? In welcher Gestalt erblick’ ich dich?“ Der Schwab war

blitzwild und begann zu schelten, der Herr hätte ihn den Segen nicht

recht gelehrt. „Ich habe dich recht belehrt,“ sprach der Herr. „Du aber

hast es nicht recht gelernt und getan, doch dem sei, wie ihm wolle.

Willt du mir sagen, wo das Leberlein hinkommen ist, so will ich dich

erledigen!“ — „Ach!“ sagte der Schwab, „das Lämmlein hat wahrlich kein

Leberlein gehabt! Wes zeihest du mich?“ — „Ei, du willst’s nur nicht

sagen!“ sprach der Herr. „Wohlan, bekenn’ es, so will ich den Toten

lebendig machen!“ Der Schwab aber fing an zu schreien: „Henket mich,

henket mich! So komm’ ich der Marter ab. Der will mich zwingen mit dem

Leberlein, und hört doch wohl, daß das Lämmlein kein Leberlein gehabt

hat! Henket mich nur stracks und flugs!“

Wie solches unser Herrgott hörte, daß sich der Schwab eher wollt henken

lassen, als die Wahrheit gestehen, befahl er, ihn herabzulassen, und

machte nun selbst den Toten lebendig.

Als sie nun miteinander wieder von dannen zogen, sprach unser Herrgott

zum Schwaben: „Komm her, wir wollen miteinander das gewonnene Geld

teilen, und dann voneinander scheiden, denn wenn ich dich allewege und

überall sollte vom Galgen erledigen, würde mir das zuviel.“ Nahm also

die zweihundert Gulden und teilte sie in drei Teile. Als solches der

Schwab sahe, fragte er: „Ei, Lieber, warum machst du drei Teile, so doch

unsrer nur zween sind?“ — „Ja,“ antwortete unser lieber Herrgott, „der

eine Teil, der ist mein; der andere Teil, der ist dein, und der dritte

Teil, der ist dessen, der das Leberlein gefressen hat!“ Als der Schwab

solches hörte, rief er fröhlich aus: „So hab’ ich’s bei Gott und allen

lieben Gottes-Heiligen doch gefressen!“ Sprach’s und strich auch den

dritten Teil ein, und nahm also Urlaub von unserm lieben Herrgott.

Die Probestücke des Meisterdiebes.

Es wohnten in einem Dorfe ein Paar sehr arme alte Leute

mutterseelenallein in einem geringen Häuslein, das ganz weit draußen

stand, und hörte gerade mit diesem Häuslein das Dorf auf. Die beiden

Alten waren brav und fleißig, aber sie hatten keine Kinder. Einen Sohn,

einen einzigen, hatten sie gehabt, aber der war ein ungeratener Bube

gewesen, und heimlich auf und davongegangen, hatte auch sein Lebetag

nichts wieder von sich hören und sehen lassen, und so glaubten die

beiden Alten, ihr Einziger sei lange tot und bei Gott gut aufgehoben.

Nun saßen einstmals die beiden Alten vor ihrer Haustür, an einem

Feiertage, da fuhr zum Dorfe herein ein stattlicher Wagen, den zogen

sechs schöne Rosse, und darin saß ein einzelner Herr, hintenauf stand

ein Bedienter, dessen Hut und Rock von Gold und Silber nur so starrte.

Der Wagen fuhr durch das ganze Dorf, und die Bäuerlein, die gerade aus

der Kirche kamen, meinten schier, es fahre ein Herzog oder gar ein König

vorbei, denn solche Pracht konnte der Edelmann, der droben im alten

Schloß wohnte, nicht aufwenden. Da hielt mit einem Male der Wagen vor

dem letzten Häuslein still, der Bediente sprang vom Bocke und öffnete

dem darin sitzenden Herrn den Schlag, welcher ausstieg und auf die

beiden Alten zueilte, die sich ganz bestürzt von ihrer Bank erhoben

hatten. Er bot ihnen freundlich guten Tag und Handschlag und fragte, ob

er nicht ein Gericht Kartoffelhütes (Klöße) mit ihnen essen könne?

Darüber verwunderte sich am meisten das Mütterlein, aber der junge

hübsche und sehr vornehm gekleidete Herr stillte alsbald ihr Staunen,

indem er sagte, daß ihm noch kein Koch diese Hütes habe recht machen

können, er wolle sie einmal von Landleuten zubereitet essen, wie in

seiner Jugend. Da luden die Alten den edlen Junker, für den sie den

Fremdling hielten, freundlich in ihre Hütte, und er ließ den Wagen mit

Kutscher und Bedienten einstweilen in das Wirtshaus fahren. Das

Mütterlein holte eilends Kartoffeln aus dem kleinen Keller des Häusleins

herauf, schälte, rieb und preßte sie, ließ Wasser sieden, tat die

geballten Klöße, zu denen sie etwas Schmalz getan, hinein, und segnete

dieses Essen mit dem frommen Spruch: „Gott behüt es,“ davon denn auch

die Klöße an vielen Orten Südthüringens Hütes heißen. In dieser Zeit,

daß die Alte ihr Mahl bereitete, war ihr Mann mit dem Fremdling in das

Hausgärtchen gegangen, wo er an kurz zuvor gepflanzten jungen Bäumen

sich eine kleine Beschäftigung machte, und nachsah, ob die Pfähle, an

welche die Stämmchen mit Weide gebunden waren, noch festhielten, und der

Wind keine Weide losgerissen hatte, und wo dies geschehen war, da band

der Alte jedes Stämmchen wieder fest. Da hub der junge Fremde an zu

fragen: „Warum bindet Ihr dieses kleine Stämmchen dreimal an?“ — „Ja!“

sprach der Alte, „da hat es drei Krümmen, darum bind’ ich’s fest, daß es

gerade wächst.“ — „Das ist recht, Alter!“ sprach der Fremde; „aber dort

habt Ihr ja einen alten krummen Knorz von Baum! Warum bindet Ihr den

nicht auch an einen Pfahl auf, daß er gerade wird?“ — „Hoho!“ lachte der

Alte, „alte Bäume, wenn sie krumm sind, werden nicht wieder gerad. Wenn

man sie gerade haben will, muß man sie jung gut ziehen.“ — „Habt Ihr

auch Kinder?“ fragte der Fremde weiter. „O lieber Gott, Euer Gnaden!“

antwortete der Mann, „gehabt hab’ ich einen Jungen, war ein erzer

Nichtsnutzer, hat wilde böse Streiche gemacht, und ist mir zuletzt

davongelaufen, und sein Lebtag nicht wiedergekommen. Wer weiß, wo ihn

der liebe Gott hingeführt hat, oder der Böse.“ — „Warum habt Ihr denn

Euern Sohn nicht beizeiten gerad gezogen, wie diese da, Eure Bäumchen!“

sprach betrübt und vorwurfsvoll der Fremde. „Wenn er nun ein ungeratner

krummer Knorz und Wildling worden, so ist’s Eure Schuld. Aber wenn er

Euch nun wieder unter die Augen käme, würdet Ihr ihn wohl erkennen?“ —

„Weiß auch nicht, lieber Herr!“ erwiderte der Bauer, „er wird wohl in

die Höhe geschossen sein, wenn er noch lebt, doch hatte er ein Muttermal

am Leibe, daran allenfalls könnt’ ich ihn kennen. Der kommt aber doch

erst am Nimmermehrstag wieder heim.“ Da zog der Fremde seinen Rock aus,

und zeigte dem Alten ein Muttermal; der schlug die Hände überm Kopf

zusammen und schrie: „Herr Jes’s! Du bist mein Sohn — aber nein — du

bist so schrecklich fürnehm. Bist du denn ein Graf geworden, oder gar

ein Herzog?“ — „Das nicht, Vater,“ sprach der Sohn leise, „aber etwas

anders, ein Spitzbub bin ich geworden, weil Ihr mich nicht gerade

gezogen habt, doch laßt’s gut sein, ich hab’ meine Kunst tüchtig

studiert, bin nicht etwa so ein miserabler Pfuscher, wie’s ihrer viele

gibt.“

Der alte Mann war ganz stumm vor Schreck und vor Freude, führte den Sohn

an der Hand ins Haus und zur Mutter, die justement die Klöße fertig

hatte und auftrug, und sagte ihr alles. Da fiel das Mütterlein ihrem

Sohn an das Herz und um den Hals, küßte ihn und weinte und sagte: „Dieb

hin, Dieb her! Du bist doch mein lieber Sohn, den ich unterm Herzen

getragen habe, und mir hüpft das Herz hoch in der Brust, daß ich dich in

meinen alten Tagen wiedergesehen! Ach, was wird dein Herr Pate sagen,

droben auf dem Schloß der Edelmann!“ — „Ja!“ sprach dazwischen der

Vater, während alle drei nun miteinander tapfer in die Klöße einhieben,

„dein Herr Pate wird nichts von dir wissen wollen, bei so bewandten

Umständen, wie es mit dir steht; er wird dich am Ende an dem lichten

Galgen zappeln lassen.“ — „Nun, besuchen will ich ihn doch, den Herrn

Paten!“ antwortete der Sohn, ließ seinen Wagen anspannen und fuhr aufs

Schloß hinauf.

Der Edelmann war sehr erfreut, seinen Paten, den er als armes Kind aus

Gnaden zur Taufe gehoben, so stattlich wieder vor sich treten zu sehen,

als dieser sich ihm zu erkennen gab. Aber darüber freute er sich nicht

im mindesten, als auf Befragen, was er denn in der Welt geworden sei,

der junge Pate zur Antwort gab, er wäre ein ausgelernter Spitzbube

geworden. Sann alsobald darüber nach, wie er mit guter Art einen so

gefährlichen Menschen inzeiten loswerden möchte.

„Wohlan!“ sprach der Edelmann zu seinem Paten, „wir wollen sehen, ob du

das Deinige ordentlich gelernt hast, und ein so großer Dieb geworden

bist, den man mit Ehren laufen lassen kann, oder nur so ein kleiner, den

man an den ersten besten Galgen henkt. Letzteres werde ich in meinem

Gerichtsbann mit dir unfehlbar tun, wenn du nicht die drei Proben

bestehst, die ich dir auferlegen werde!“ — „Nur her damit, gestrenger

Herr Pate! Ich fürchte mich vor keiner Arbeit.“

Der Edelmann sann eine kleine Weile nach, dann sprach er: „Hör’ an!

Dieses sind die drei Proben. Zum ersten: stiehl mir mein Leibpferd aus

dem Stalle, den ich wohl bewachen lasse von Soldaten und Stalleuten, die

jeden totschlagen, der Miene macht, in den Stall zu dringen. Zum andern,

stiehl mir, wenn ich mit meiner Frau im Bette liege, das Bettuch unterm

Leibe weg, und meiner Frau den Trauring vom Finger, doch wisse, daß ich

geladene Pistolen zur Hand habe. Zum dritten und letzten, — und merke,

das ist das schwerste Stück: stiehl mir Pfarrer und Schulmeister aus der

Kirche und hänge sie beide lebend in einem Sack in meinen Schornstein.

Tor und Türen im Schlosse sollen dir dazu offenstehen.“

Der Meisterdieb bedankte sich freundlich bei seinem Herrn Paten, daß er

ihm so leichte Stücklein aufgegeben, und ging seiner Wege, um in

nächster Nacht gleich das erste Stück auszuführen. Der Edelmann traf

alle Anstalten, sein Leibroß gut bewachen zu lassen. Sein erster

Reitknecht mußte sich daraufsetzen, ein anderer Diener mußte den Zaum

fassen, ein dritter den Schwanz, und vor die Türe ordnete der Herr eine

Soldatenwache. Die wachten und wachten, froren und fluchten, denn es war

kalt und alle waren durstig; da zeigte sich ein altes müdes Mütterlein,

das trug ein Fäßlein auf einem Korbe, hüstelte schwer und keuchte zum

Schloßhof hinein. Das Fäßlein weckte in der Seele der Soldaten ganz

besonders anziehende Gedanken, nämlich die, daß möglicherweise

Branntwein darin sein könne, und daß Branntwein ein Spezifikum gegen den

Nachtfrost sei und gegen die bösen Nebel. Riefen daher das alte

Mütterlein zum Feuer, daß sich’s wärme, und forschten nach dem Inhalt

des Fäßleins. Richtig geahnet! Branntwein war darin, und noch dazu

veredelter, Doppelpomeranzen, Spanischbitter oder so eine Sorte. Auch

war das Fäßlein nicht tückischerweise verpicht und verspundet, sondern

es war ein Hähnlein daran, und die Frau hatte, das war das Beste, den

Branntwein zu verkaufen. Da kauften die Soldaten ein Becherlein ums

andere, riefen’s auch den Wächtern im Stalle zu, daß draußen im Hofe der

Weizen blühe, und das alte Frauchen hatte alle Hände voll zu tun mit

Einschänken, so daß ihr Fäßlein schier leer war. Die alte Frau war aber

kein anderer Mensch als der Erzdieb, der sich gut verkleidet und in den

Schnaps einen barbarischen Schlaftrunk gemischt hatte. Es währte gar

nicht lange, so fiel ein Soldat nach dem andern in Schlaf und den

Wächtern im Stalle fielen auch die Augen zu, und es war gut, daß der

Dieb schon im Stalle bei dem Pferde stand, so konnte er den Reitknecht

in seinen Armen auffangen, als dieser gerade vom Pferde fiel, und ihn

sanft rittlings auf die Schranke setzen und was weniges anbinden, damit

der gute Mensch nicht etwa auch da herunterfalle und Schaden leide. Dem

Leibkutscher, der den Zaum hielt, und in der Ecke schnarchte, lieh der

Dieb einen Strick in die Hand, und dem Stallknecht statt des

Roßschweifes ein Strohseil. Dann nahm er eine Pferdedecke, schnitt sie

in Stücke, wickelte sie um des Rosses Füße, schwang sich in den Sattel

und heidi, hast du nicht gesehen — zum Stall und zum offengebliebenen

Schloßtor hinaus.

Als es heller Tag geworden, sah der Edelmann zum Fenster hinaus, und sah

einen stattlichen Reiter dahergaloppiert kommen, auf einem nicht minder

stattlichen Roß, das ihm so bekannt vorkam. Der Reiter hielt an und bot

guten Morgen hinauf zum Schloßfenster. „Guten Morgen, Herr Pate! Euer

Pferd ist Goldes wert!“ — „Ei, daß dich alle Teufel!“ rief der Edelmann,

wie er sah, daß das Pferd seine Schecke war. „Du bist ein Gaudieb! Nu,

nu — nur zu! Laß deine Kunst weiter sehen!“ Der Edelmann nahm seine

Reitpeitsche und ging nach dem Stalle voller Zorn; als er aber die

wunderlichen Gruppen der noch immer schlafenden Wächter sah, mußte er

laut auflachen; gedachte aber bald in seinem Herzen: wenn der Gauner

diese Nacht kommt, mir das Bettuch zu stehlen, will ich ihm eine Kugel

durch den Kopf schießen, denn solch einen gefährlichen Kerl möchte ich

nicht in meiner Nähe wissen.

Da nun die Nacht herbeigekommen war, legte sich der Edelmann mit seiner

Frau zu Bette, und neben sich legte er eine geladene Pistole und

unterschiedliche andere Wehr und Waffen, schlief auch nicht ein, sondern

blieb wachsam, horchte und lauschte, ob sich nichts regte. Lange blieb

alles still, jetzt endlich, es war schon ziemlich dunkel, war es, als

würde eine lange Leiter angelehnt, und bald darauf wurde draußen am

Fenster die Gestalt eines Menschen sichtbar, der hereinsteigen wollte.

„Erschrick nicht, Frau!“ rief leise der Edelmann, nahm die Pistole,

zielte gut, drückte los, und schoß den Räuber mitten durch den Kopf,

dieser wankte, und gleich darauf hörte man unten einen schweren Fall.

„Der steht nicht wieder auf,“ sprach der Edelmann, „doch möcht’ ich

Aufsehen vermeiden, ich will deshalb geschwind die Leiter

hinuntersteigen, daß im Hause kein Lärm wird, und den Erschossenen

beiseite schaffen.“ Das war der Edelfrau recht, und ihr Mann tat, wie er

gesagt. Bald darauf kam er wieder herauf und sprach zur Frau: „Der ist

mausetot; ich will den armen Teufel aber doch, ehe ich ihn in die Grube

werfe, in ein Leilaken hüllen, und da er um deines Ringes willen sein

Leben hat lassen müssen, so wollen wir ihm diesen anstecken; gib mir den

Ring und auch das Bettuch.“ Die Frau gab beides her, und jener stieg

eilend wieder hinunter. Es war aber nicht der Edelmann, sondern der

Meisterdieb, der, um sein Stücklein auszuführen, vom ersten besten

Galgen (damals gab es in Deutschland noch allewege viele Galgen), einen

frisch Gehenkten abgeschnitten und ihn dann auf seine Schultern geladen

hatte, als er die Leiter emporstieg. Wie drinnen der Schuß fiel, ließ er

den Leichnam hinunterstürzen, stieg eilend die Leiter herab und

versteckte sich. Und wie nun der Edelmann herunterkam und sich mit dem

vermeintlich Erschossenen zu schaffen machte, wischte er rasch hinauf

ins Zimmer der Frau, ahmte des Paten Stimme nach und forderte Ring und

Bettuch.

Am andern Morgen sah der Edelmann wieder nach seiner Gewohnheit zum

Fenster hinaus, da ging drunten ein Mann auf und ab, der hatte, wie es

schien, Leinwand zu verkaufen, mindestens trug er ein

zusammengeschlagenes Bündel über der Schulter, und ließ einen schönen

Ring in der Morgensonne blitzen und funkeln. Mit einem Male rief der

Mann hinauf: „Schönsten guten Morgen, Herr Pate! Ich wünsche Ihnen und

der Frau Patin recht wohl geruht zu haben!“ — Der Edelmann war wie vom

Donner gerührt, als er seinen Paten, den er die vorige Nacht mit eigner

Hand erschossen und mit derselben Hand in eine Grube geworfen,

leibhaftig stehen sah, und fragte hastig seine Frau nach Ring und Tuch.

„Nun, du hast mir’s ja diese Nacht abverlangt!“ erwiderte die Dame. „Der

Satan! Aber ich nicht!“ tobte der Edelmann — doch gab er sich bald

wieder, in Erwägung, daß der kühne Dieb noch mehr hätte nehmen können.

Er machte dem Paten eine Faust zum Fenster hinaus und rief: „Erzgauner!

Das dritte! Das dritte bringt dich sicherlich an den Galgen!“

In der nächsten Nacht darauf begab sich etwas Seltsames auf dem

Gottesacker. Der Schulmeister, der diesem zunächst wohnte, wurde es

zuerst gewahr, und meldete es dem Herrn Pfarrer. Über den Gräbern

wandelten kleine brennende Lichtlein in unsteter Bewegung umher. „Das

sind die armen Seelen, Schulmeister!“ flüsterte der Pfarrer mit Grausen.

Plötzlich erschien eine große schwarze Gestalt auf den Stufen der

Kirchtüre, die rief mit hohlem Tone:

Kommt all’ zu mir, kommt all’ zu mir,

Der Jüngste Tag ist vor der Tür!

O Menschenkinder, betet still!

Die Toten sammeln schon ihr Gebein!

Wer mit mir in den Himmel will,

Der kreuch in diesen Sack hinein!

„Wollen wir?“ fragte der Schulmeister den Pfarrer mit Zähneklappern.

„Zeit wär’s, vorm Torschluß. Der heilige Apostel Petrus ruft uns, das

ist keine Frage. Aber Reisegeld?“ — „Ich habe mir zwanzig Kronen

erdarbt,“ wisperte das Schulmeisterlein. „Ich habe hundert Dicketonnen

(Laubtaler) für den Notfall zurückgelegt!“ sprach der Pfarrer. „Holen

wir’s und nehmen’s mit!“ riefen beide und taten also, dann näherten sie

sich der schwarzen Gestalt mit Furcht und Zittern. Diese war der

Meisterdieb; er hatte Krebse gekauft und ihnen brennende

Wachslichterlein auf den Rücken geklebt, das waren die armen Seelen,

hatte einen Mönchsbart und eine Mönchskutte, und einen Hopfensack, in

den er die beiden Schwarzröcke aufnahm, nachdem er ihnen ihr Erspartes

abgenommen. Jetzt schnürte er den Sack zu und schleifte ihn hinter sich

her durch das Dorf und durch einen Tümpel, wobei er rief: „Jetzt geht’s

durch das Rote Meer!“, dann durch den Bach: „Jetzt geht’s durch den Bach

Kidron!“, dann durch die Schloßflur, allwo es kühl war: „Jetzt geht’s

durch das Tal Josaphat!“, dann zur Treppe hinauf: „Dieses ist schon die

Himmelsleiter!“, endlich hing er den Sack im Schornstein auf an einen

Haken, daran man die Schinken räuchert, machte darunter einen ziemlichen

Qualm und rief mit schrecklicher Stimme: „Dieses ist das Fegefeuer!

Dieses dauert etwelche Jahre!“ und machte sich fort. Da schrien Pfarrer

und Schulmeister Zetermordio, daß das ganze Hausgesinde zusammenlief.

Der Meisterdieb aber trat kecklich zum Edelmann: „Herr Pate, meine

dritte Probe ist auch gelöst. Pfarrer und Schulmeister hängen im

Schornstein, und so es Euch gefällig, könnt Ihr sie selber zappeln sehen

und schreien hören!“ — „O du Erzschalk und Erzgauner, du Erzbösewicht

und Meisterdieb aller Meisterdiebe!“ rief der Edelmann und gab gleich

Befehl, jene aus dem Fegefeuer zu erlösen. „Du hast mich überwunden,

hebe dich von dannen! Hier hast du ein Goldstück. Hebe dich von dannen,

komme mir nicht wieder vor Augen, und laß dich für dein Geld henken, wo

es dir gefällig ist.“

„Danke zum Allerschönsten, gestrenger Herr Pate, und will so tun!“

antwortete der Spitzbub, „aber wollt Ihr nicht die Pfänder auslösen, die

ich redlich erworben habe? Euer Leibroß mit zweihundert Kronen, Eurer

Gemahlin Trauring und das Tuch mit hundert Kronen, des Pfarrers und

Schulmeisters Geld mit hundertundzwanzig Kronen! Wo nicht, so fahr’ ich

damit von dannen.“ Den Edelmann rührte fast der Schlag; er sprach:

„Lieber Pate, das war ja alles nur ein Spaß, du wirst diese Güter nicht

an dir behalten wollen; ich schenke dir ja das Leben.“ „Nun, so will ich

gehen und Euch die Sachen alle herbringen!“ sprach der Meisterdieb; ging

und ließ seinen Wagen anspannen, seinen alten Vater und seine Mutter

hineinsetzen, setzte sich selbst auf des Edelmanns Roß, steckte den

prächtigen Ring an den Finger und schickte dem Edelmann nur das Bettuch

mit einem Brieflein, darin stand: „Gebt dem Pfarrer und dem Schulmeister

ihr Geld zurück, sonst stiehlt Euch Eure Frau

Dero untertäniger Pate und Meisterdieb.“

Da bekam der Edelmann große Furcht, trug den Schaden und wollte nichts

mehr von seinem Paten wissen, erfuhr auch nichts mehr von ihm, denn der

war mit seinen Eltern in ein fernes Land gezogen und ein ehrlicher und

angesehener Mann geworden.

Die verzauberte Prinzessin.

Es war einmal ein armer Handwerksmann, der hatte zwei Söhne, einen

guten, der hieß Hans, und einen bösen, der hieß Helmerich. Wie das aber

wohl geht in der Welt, der Vater hatte den bösen mehr lieb als den

guten.

Ludwig Bechsteins Märchenbuch Mit 176 Holzschnitten nach Originalzeichnungen von Ludwig Richter · 第 2 / 26 段