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[Illustration: Märchen Erzählerin]
Ludwig Bechsteins
Märchenbuch
Mit 176 Holzschnitten
nach Originalzeichnungen
von
Ludwig Richter
Hesse & Becker Verlag, Leipzig
Vom tapfern Schneiderlein.
Es war einmal ein Schneiderlein, das saß in einer Stadt, die hieß
Romadia; das hatte auf eine Zeit, da es arbeitete, einen Apfel neben
sich liegen, darauf setzten sich viele Fliegen, wie das Sommerszeiten so
gewöhnlich, die angelockt waren von dem süßen Geruch des Apfels. Darob
erzürnte sich das Schneiderlein, nahm einen Tuchlappen, den es eben
wollte in die Hölle fallen lassen, schlug auf den Apfel, und befand im
Hinsehn, daß damit sieben Fliegen erschlagen waren. Ei, dachte bei sich
das Schneiderlein, bist du solch ein Held?! Ließ sich stracklich einen
blanken Harnisch machen, und auf das Brustschild mit goldnen Buchstaben
schreiben: Sieben auf einen Streich. Darauf zog das Schneiderlein mit
seinem Harnisch angetan umher auf Gassen und Straßen, und die es sahen,
vermeinten, der Held habe sieben Männer auf _einen_ Streich gefällt, und
fürchteten sich.
Nun war in demselben Lande ein König, dessen Lob weit und breit
erschallte, zu dem begab sich der faule Schneider, der gleich nach
seiner Heldentat Nadel, Schere und Bügeleisen an den Nagel gehangen,
trat in den Hof des Königspalastes, legte sich alldort in das Gras und
entschlief. Die Hofdiener, so aus- und eingingen, den Schneider in dem
reichen Harnisch sahen, und die Goldschrift lasen, verwunderten sich
sehr, was doch jetzt, zu Friedenszeiten, dieser streitbare Mann an des
Königs Hof tun wolle? Er deuchte sie ohne Zweifel ein großer Herr zu
sein.
Des Königs Räte, so den schlafenden Schneider gleichfalls gesehen, taten
solches Sr. Majestät, ihrem allergnädigsten König, zu wissen, mit dem
untertänigsten Bemerken, daß, so sich kriegerischer Zwiespalt erhebe,
dieser Held ein sehr nützlicher Mann werden und dem Lande gute Dienste
leisten könne. Dem König gefiel diese Rede wohl, sandte alsbald nach dem
geharnischten Schneider, und ließ ihn fragen, ob er Dienste begehre? Der
Schneider antwortete, eben deshalb sei er hergekommen, und bäte die
Königliche Majestät, wo höchstdieselbe ihn zu brauchen gedächte, ihm
allergnädigst Dienste zu verleihen. Der König sagte dem Schneiderlein
Dienste zu, verordnete ihm ein stattliches Losament und Zimmer, und gab
ihm eine gute Besoldung, von der es, ohne etwas zu tun, herrlich und in
Freuden leben konnte.
Da währete es nicht lange Zeit, so wurden die Ritter des Königs, die nur
eine karge Löhnung hatten, dem guten Schneider gram, und hätten gern
gewollt, daß er beim Teufel wäre, fürchteten zumal, wenn sie mit ihm
uneins würden, möchten sie ihm nicht sattsam Widerstand leisten, da er
ihrer sieben allwege auf _einen_ Streich totschlagen würde, sonsten
hätten sie ihn gern ausgebissen, und so sannen sie täglich und stündlich
darauf, wie sie doch von dem freislichen Kriegsmann kommen möchten. Da
aber ihr Witz und Scharfsinn etwas kurz zugeschnitten war, wie ihre
Röcklein, so fanden sie keine List, den Helden vom Hofe zu entfernen,
und zuletzt wurden sie Rates miteinander, alle zugleich vor den König zu
treten, und um Urlaub und Entlassung zu bitten, und das taten sie auch.
Als der gute König sahe, daß alle seine treuen Diener um eines einzigen
Mannes willen ihn verlassen wollten, ward er traurig, wie nie zuvor, und
wünschte, daß er den Helden doch nie möge gesehen haben; scheute sich
aber doch, ihn hinwegzuschicken, weil er fürchten mußte, daß er samt all
seinem Volk von ihm möchte erschlagen, und hernach sein Königreich von
dem stracklichen Krieger möchte besessen werden. Da nun der König in
dieser schweren Sache Rat suchte, was doch zu tun sein möge, um alles
gütlich abzutun und zum Besten zu lenken, so ersann er letztlich eine
List, mit welcher er vermeinte, des Kriegsmannes (den niemand für einen
Schneider schätzte) ledig zu werden und abzukommen. Er sandte sogleich
nach dem Helden und sprach zu ihm, wie er (der König) wohl vernommen,
daß ein gewaltigerer und stärkerer Kampfheld auf Erden nimmer zu finden
sei, denn er (der Schneider). Nun hauseten im nahen Walde zwei Riesen,
die täten ihm aus der Maßen großen Schaden mit Rauben, Morden, Sengen
und Brennen im Lande umher, und man könne ihnen weder mit Waffen noch
sonst wie beikommen, denn sie erschlügen alles, und so er sich’s nun
unterfangen wolle, die Riesen umzubringen, und brächte sie wirklich um,
so solle er des Königs Tochter zur ehelichen Gemahlin, und das halbe
Königreich zur Aussteuer erhalten, auch wolle der König ihm hundert
Reiter zur Hilfe gegen die Riesen mitgeben.
Auf diese Rede des Königs ward dem Schneiderlein ganz wohl zumute und
deuchte ihm schön, daß es sollte eines Königs Tochtermann werden und ein
halbes Königreich zur Aussteuer empfangen; sprach daher kecklich: er
wolle gern dem König, seinem allergnädigsten Herrn, zu Diensten stehen,
und die Riesen umbringen, und sie wohl ohne Hilfe der hundert Reiter zu
töten wissen. Darauf verfügte er sich in den Wald, hieß die hundert
Reiter, die ihm auf des Königs Befehl dennoch folgen mußten, vor dem
Walde warten, trat in das Dickicht, und lugte umher, ob er die Riesen
irgendwo sehen möchte. Und endlich nach langem Suchen fand er sie beide
unter einem Baume schlafend, und also schnarchend, daß die Äste an den
Bäumen, wie vom Sturmwind gebogen, hin- und herrauschten.
Der Schneider besann sich nicht lange, las schnell seinen Busen voll
Steine, stieg auf den Baum, darunter die Riesen lagen, und begann, den
einen mit einem derben Steine auf die Brust zu werfen, davon der Riese
alsbald erwachte, über seinen Mitgesellen zornig ward und fragte, warum
er ihn schlüge? Der andere Riese entschuldigte sich bestens, so gut er’s
vermochte, daß er mit Wissen nicht geschlagen, es müsse denn im Schlafe
geschehen sein; da sie nun wieder entschliefen, faßte der Schneider
wieder einen Stein, und warf den andern Riesen, der nun auffahrend über
seinen Kameraden sich erzürnte und fragte, warum er ihn werfe? der aber
nun auch nichts davon wissen wollte. Als beiden Riesen nun die Augen
nach einigem Zanken vom Schlafe wieder zugegangen waren, warf der
Schneider abermals gar heftig auf den andern, daß er es nun nicht länger
ertragen mochte, und auf seinen Gesellen, von dem er sich geschlagen
vermeinte, heftig losschlug; das wollte denn der andere Riese auch nicht
leiden, sprangen beide auf, rissen Bäume aus der Erde, ließen aber doch
zu allem Glück den Baum stehen, darauf der Schneider saß, und schlugen
mit den Bäumen so heftig aufeinander los, bis sie einander gegenseitig
totschlugen.
Als der Schneider von seinem Baume sahe, daß die beiden Riesen einander
totgeschlagen hatten, ward ihm besser zumute, als ihm jemals gewesen,
stieg fröhlich vom Baume, hieb mit seinem Schwerte jeglichem Riesen eine
Wunde oder etliche, und ging aus dem Walde hervor zu den Reitern. Die
fragten ihn, ob er die Riesen entdeckt oder ob er sie nirgends gesehen
habe? „Ja,“ sagte der Schneider, „entdeckt und gesehen und alle zwei
totgeschlagen — habe ich, und sie liegen lassen unter einem Baume.“ Das
war den Reitern verwunderlich zu hören, konnten und wollten’s nicht
glauben, daß der eine Mann so unverletzt von den Riesen sollte gekommen
sein, und sie noch dazu totgeschlagen habe, ritten nun selbst in den
Wald, dies Wunder zu beschauen, und fanden es also, wie der
Schneiderheld gesagt hatte. Darob verwunderten sich die Reiter gar sehr,
und empfanden einen grauslichen Schrecken, ward ihnen auch noch übler
zumute denn vorher, da sie fürchteten, der Sieger werde sie alle
umbringen, wenn er ihnen feind würde; ritten heim und sagten dem König
an, was geschehen.
Da nun der Schneider zum Könige kam, seine Tat selbst anzeigte, und die
Königstochter samt dem halben Königreich begehrte, gereute den König
sein Versprechen, das er dem unbekannten Kriegsmann gegeben, gar übel,
denn die Riesen waren nun erwürgt, und konnten keinen Schaden mehr tun;
dachte darüber nach, wie er des Helden mit Fug abkommen möchte, und war
nicht im mindesten gesonnen, ihm die Tochter zu geben. Sprach daher zum
Schneider, wie er in einem andern Walde leider noch ein Einhorn habe,
das ihm sehr großen Schaden tue an Fischen und Leuten; dasselbe solle er
doch auch noch fangen, und so er dieses vollbringe, wolle der König ihm
die Tochter geben. Der gute Schneider war auch das zufrieden, nahm einen
Strick, ging hin zu jenem Walde, allwo das wilde Einhorn hauste, und
befahl seinen Zugeordneten, draußen vor dem Walde zu warten, er wolle
allein hineingehen und allein die Tat bestehen, wie er die gegen die
zwei Riesen auch allein und ohne andere Hilfe bestanden. Als der
Schneider eine Weile im Walde umherspaziert war, ersieht er das Einhorn,
das gegen ihn daher rennt mit vorgestrecktem Horn und will ihn
umbringen. Er aber war nicht unbehende, wartete, bis das Einhorn gar
nahe an ihn herankam, und als es nahe bei ihm war, schlüpfte er rasch
hinter den Baum, neben dem er zu allernächst stand, und da lief das
Einhorn, das im vollen Rennen war und sich nicht mehr wenden konnte, mit
aller Hast gegen den Baum, daß es ihn mit seinem spitzen Horn fast durch
und durch stieß, und das Horn unverwandt darin stecken blieb. Da trat
der Schneider, als er das Einhorn am Baume fest zappeln sah, hervor,
schlang ihm den mitgenommenen Strick um den Hals, band es an den Baum
vollends fest, ging heraus zu seinen Jagdgesellen, und zeigte ihnen
seinen Sieg über das wilde Einhorn an. Darauf ging das Schneiderlein zum
König, tät demütiglich Meldung von der glücklichen Erfüllung des
königlichen Wunsches, und erinnerte bescheidentlich an das königliche
zweimalige Versprechen. Darob ward der König über die Maßen traurig,
wußte nicht, was zu tun sei, da der Schneider der Tochter begehrte, die
er doch nicht haben sollte. Und begehrte noch eins an den Kriegsmann.
Dieser solle nämlich auch das grausame Wildschwein, das in einem dritten
Walde liefe und alles verwüste, einfahen, und so er auch dieses
vollbringe, dann wolle der König ihm die Tochter ohne allen Verzug
geben, wolle ihm auch seine ganze Jägerei zur Hilfe beiordnen.
Der Schneider zog, nicht sonderlich erbaut von des Königs abermaligem
Begehren, mit seinen Gesellen zum Walde hinaus, und befahl ihnen, als
der Forst erreicht war, draußen zu bleiben. Des waren die Jäger gar
herzlich froh und zufrieden, denn das Wildschwein hatte sie schon öfter
dermaßen empfangen, daß ihrer viele das Wiederkommen auf immer vergessen
hatten, und sie alle nicht mehr begehrten, ihm nachzustellen, dankten
daher dem Schneider sehr aufrichtig, daß er sich allein in die Fahrnis
wage und sie in Numero Sicher dahinten lasse. Der Schneider war noch
nicht lange in den Wald getreten, so wurde das Wildschwein seiner
ansichtig und stürzte auf ihn zu mit schäumendem Rachen und wetzenden
Hauern und wollte ihn gleich zu Boden rennen, so daß sein Herz
erzitterte und er sich schnell nach Rettung umsah. Da stand zum Glück
eine alte verfallene Kapelle in dem Walde, darin man vorzeiten Ablaß
geholt, und da der Schneider nahe dabei stand und die Kapelle ersah,
sprang er mit _einem_ Satz hinein, aber auch der Türe gegenüber mit
einem Luftsprung durch ein Fenster, darin keine Scheiben mehr waren,
wieder heraus, und alsbald folgte ihm die Wildsau, die nun in der
Kapelle rumorte, der Schneider aber lief flugs um das Häuslein herum,
wischte vor an die Türe, warf sie eilends zu und versperrte so das
grausame Gewild in das Kirchlein, ging dann hin zu den Jagdgesellen,
zeigte ihnen seine Tat an, die kamen hin, befanden die Sache also wahr
und richtig und ritten heim mit großer Verwunderung, dem König Bericht
erstattend. Ob nun die Nachricht vom abermaligen glückhaften Sieg des
heldenhaften Kriegsmannes den König mehr froh oder mehr traurig gemacht,
das mag ein jeglicher, selbst mit geringem Verstand, leichtlich
ermessen, denn der König mußte nun dem Schneider die Tochter geben oder
fürchten, daß dieser seine Heldenkraft, davon er drei so erstaunliche
Proben gegeben, gegen ihn selber wenden dürfte. Doch ist wohl
zweifelsohne, hätte der König vollends gewußt, daß der Held ein
Schneider wäre, so hätte er ihm lieber einen Strick zum Aufhenken, denn
seine Tochter geschenkt. Ob nun aber der König einem Manne ohne Herkunft
und ohne Geburt, außer der von seiner Mutter, seine Tochter mit kleiner
oder mit großer Bekümmernis, gern oder ungern, gebe, danach fragte
Schneiderlein gar wenig oder gar nicht, genug, er war stolz und froh,
des Königs Tochtermann geworden zu sein. Also wurde die Hochzeit nicht
mit allzu großer Freudigkeit von königlicher Seite begangen, und aus
einem Schneider war ein Königseidam geworden, ja ein König.
Als eine kleine Zeit vergangen war, hörte die junge Königin, wie ihr
Herr und Gemahl im Schlafe redete, und vernahm deutlich die Worte:
„Knecht, mache mir das Wams — flicke mir die Hosen — spute dich — oder
ich — schlage dir das Ellenmaß über die Ohren!“ Das kam der jungen
Königsgemahlin sehr verwunderlich vor, merkte schier, daß ihr Gemahl ein
Schneider sei, zeigte das ihrem Herrn und Vater an und bat ihn, er möge
ihr doch von diesem Manne helfen. Solche Rede durchschnitt des Königs
Herz, daß er habe seine einzige Tochter einem Schneider antrauen müssen,
tröstete sie auf das beste und sagte, sie solle nur in der künftigen
Nacht die Schlafkammer öffnen, so sollten vor der Tür etliche Diener
stehen, und wenn sie wieder solche Worte vernähmen, sollten diese Diener
hineingehen und den Mann geradezu umbringen. Das ließ sich die junge
Frau gefallen und verhieß also zu tun. Nun hatte der König aber einen
Waffenträger am Hofe, der war dem Schneider hold und hatte des Königs
untreue Rede gehört, verfügte sich daher eilend zu dem jungen König und
eröffnete ihm das schwere Urteil, das über ihn soeben jetzt ergangen und
gefällt war, und bat ihn, er möge seines Leibes sich nach besten Kräften
wehren. Dem sagte der Schneider-König ob seines Warnens großen Dank und
er wisse wohl, was in dieser Sache zu tun sei. Wie nun die Nacht
gekommen war, begab sich zu gewohnter Zeit der junge König mit seiner
Gemahlin zur Ruhe und tat bald, als ob er schliefe. Da stand die Frau
heimlich auf und öffnete die Tür, worauf sie sich wieder ganz still
niederlegte. Nach einer Weile begann der junge König wie im Schlafe zu
reden, aber mit heller Stimme, daß die draußen vor der Kammer es wohl
hören konnten: „Knecht, mache mir die Hosen — bletze mir — das Wams oder
ich will dir das Ellenmaß über die Ohren schlagen. Ich — hab’ Sieben auf
_einen_ Streich — totgeschlagen — zwei Riesen hab’ ich — totgeschlagen —
das Einhorn hab’ ich gefangen — die Wildsau hab’ ich auch gefangen —
sollt’ ich die fürchten — die draußen vor der Kammer stehen?“
Als die vor der Kammer solche Worte vernahmen, so flohen sie nicht
anders, als jagten sie tausend Teufel, und keiner wollte der sein, der
sich an den Schneider wagte. Und so war und blieb das tapfere
Schneiderlein ein König all sein Lebetag und bis an sein Ende.
Das Märchen von den sieben Schwaben.
Es waren einmal sieben Schwaben, die wollten große Helden sein und auf
Abenteuer wandern durch die ganze Welt. Damit sie aber ein gut Gewaffen
hätten, zogen sie zunächst in die weltberühmte Stadt Augsburg und gingen
sogleich zu dem geschicktesten Meister allda, um sich mit Wehr und
Waffen zu versehen. Denn sie hatten nichts Geringeres im Sinne, als das
gewaltige Ungetüm zu erlegen, das zur selben Zeit in der Gegend des
Bodensees gar übel hausete. Der Meister staunte schier, als er die
Sieben sah, öffnete aber flugs seine Waffenkammer, die für die wackeren
Gesellen eine treffliche Auswahl bot. „Bygott!“ rief der Allgäuer, „send
des au Spieß? So oaner wär mer grad reacht zume Zahnstihrer. For mi
ischt e Spieß von siebe Mannslengene noh net lang gnueg.“ — Drob schaute
ihn der Meister wiederum an mit einem Blick, der den Allgäuer beinahe
verdroß. Denn dieser lugte zurück mit grimmigen Augen, und bei einem
Haar hätt’s etwas gegeben, wenn der Blitzschwab nicht just zur rechten
Zeit sich ins Mittel gelegt. „Hotz Blitz!“ rief er, „du hoscht Reacht
und i merk doin Maining: _Wie älle Siebe for Oin, so for älle Siebe noh
oin Spieß._“ Dem Allgäuer war dies nicht ganz klar, aber weil’s den
andern just eben recht, so sagte er: „Joh“. Und der Meister fertigte in
weniger als einer Stunde den Spieß, der sieben Mannslängen maß. — Ehe
sie aber die Werkstatt verließen, kaufte sich jeder noch etwas Apartes,
der Knöpflesschwab einen Bratspieß, der Allgäuer einen Sturmhut mit
einer Feder drauf, der Gelbfüßler aber Sporen für seine Stiefel, indem
er bemerkte: solche seien nicht nur gut zum Reiten, sondern auch zum
Hintenausschlagen. Als der Seehas sich endlich einen Harnisch gewählt,
pflichtete ihm der Spiegelschwab in solcher Vorsicht vollkommen bei,
meinte aber, es sei besser, den Harnisch hinten als vorn anzulegen. Und
kaufte sich ein altes Barbierbecken aus der Rumpelkammer des Meisters,
groß genug, um seine untere Kehrseite zu bedecken. „Merks: han i
Curasche und gang i voran, noh brauch i koan Harnisch, gohts aber
hintersche und fällt mer d’ Curasche andersmohnah, noh ischt der
Harnisch an seinn reachte Blatz.“
Und nachdem die sieben Schwaben wie ehrliche Leute alles richtig bis auf
Heller und Pfennig bezahlt, auch als gute Christen bei St. Ulrich eine
Messe gehört und zuletzt noch beim Metzger am Gögginger Tore gute
Augsburger Würste eingekauft hatten, so zogen sie zum Tor hinaus ihres
Weges weiter. Den Spieß aber hielten sie alle sieben und gingen in einer
Reihe hintereinander, daß sie schier aussahen wie angespießte Lerchen.
Voran ging der Herr Schulz, der Allgäuer, als der mannlichste unter
ihnen, dann kam der Jockele, genannt der Seehas, hierauf der Marle,
genannt der Nestelschwab, dem folgte der Jerkle, war der Blitzschwab
geheißen, hernach ging der Michel, Spiegelschwab zubenamset, dann kam
der Hans, Knöpflesschwab, und zuletzt kam Veitle, das war der
Gehlfießler. Der Herr Schulz wurde der Allgäuer geheißen, weil er aus
Allgau gebürtig war; der Seehas hatte am Bodensee gesessen; der
Nestelschwab führte darum seinen Namen, weil er statt der Knöpfe Nesteln
hatte, er mußte aber bei den Hosen fast immer mit der Hand nachhelfen
und halten, dieweil die Nesteln oftmalen abgerissen waren. Der
Blitzschwab hieß also, weil er sich die Redensart: „Hotz Blitz!“
angewöhnt hatte. Der Spiegelschwab hatte die Gewohnheit, seine Nase
allezeit an dem Vorderteil seiner Jacke abzuputzen, die davon einen
gewissen Spiegelglanz annahm; das schaffte jenem den saubern Namen.
Knöpflesschwab war ein Mann, der verstand gute Knöpfle oder Spätzle zu
kochen, das ist im bayrischen Deutsch Knötel, und im sächsischen Deutsch
Klöße. Der Gelbfüßler endlich war aus der Bopfinger Landschaft, deren
Einwohner die Umwohner Gehlfießler schimpfen. Darum, daß sie einstmals
einen Wagen voll Eier, den sie ihrem Herzog als Abgabe bringen müssen,
recht voll stampfen wollen, und die Eier mit den Füßen festgetreten,
davon denn die Eier etwas Weniges zerbrochen, und die Füße der Bopfinger
gegilbt hätten.
Zogen nun die Sieben allesamt gutes Mutes mit ihrem Spieß dahin, kamen
eines Heumondtages in der späten Dämmerung über eine grüne Wiese, da hob
sich eine Horniß nicht weit von ihnen mit feindlichem Gebrummel hinter
einer Dornhecke hervor, und flog vorüber. Darob erschrak der Schulz,
Allgäuer, mächtiglich, und begann Angstschweiß zu schwitzen, und schrie
seinen Kriegsgesellen zu: „Horchet! Horchet! der Feind drommelt schoh!“
Da schmeckte der Jackele, der dicht hinter dem Schulzen ging, einen
übeln Geruch und rief: „Wohl! wohl! ’s ist ebbes in der Näche! I schmeck
schaun ’s Pulver!“ Da nahm der Herr Schulz Reißaus, ließ den Spieß
fahren und sprang über einen Zaun, kam aber gerade auf die Zinken eines
Rechens zu springen, und da fuhr ihm der Stiel ins Gesicht und gab ihm
einen ungewaschnen Schlag. Der Schulz vermeinte, der Feind haue auf ihn
ein, und schrie: „Gib Bardohn! i ergeb me.“ Die andern Sechs waren
nachgesprungen über den Zaun, und da sie ihren Anführer also schreien
hörten, so schrien sie alle: „Ergibscht du de, noh ergeb i me au!
Ergibscht du de, noh ergeb i me au!“ Aber es war niemand vorhanden, der
die sieben Schwaben gefangennehmen wollte; und da sie das merkten,
schämten sie sich ihrer wenigen Herzhaftigkeit, und verschwuren sich,
diese ihre erste Heldentat nicht weiterzuerzählen.
Weiter so kamen die sieben Schwaben auf ihrem Zuge in einen Hohlweg, und
wie sie so tapfer darauflosmarschierten, merkten sie nicht, daß ein
großmächtiger Bär im Wege lag, bis der Allgäuer fast mit der Nase an ihn
stieß. Als er ihn nun sah, war er hin vor Schreck, stolperte und stieß
mit dem Spieße geradezu auf den Bären los, wozu er aber nichts konnte,
und schrie dazu gottsjämmerlich: „E Bär! E Bär!“ Vermeinte, sein letztes
Brot wäre gebacken und bereits verzehrt. Doch rührte sich der Bär nicht,
dieweil er maustot war. Des war der Allgäuer hoch erfreut, schaute nun
nach seinen Brüdern, und sah mit neuem Schreck, daß alle mäusleinstill
für tot auf dem Boden lagen, meinte, er habe sie gar mit dem Spieße
hinterrücks erstochen, und erhub ein Wehegeschrei. Als die am Boden
Liegenden vermerkten, daß der Bär den Allgäuer nicht aufgefressen, denn
sie waren nur vor Schreck dahin gepurzelt, lugten sie vorsichtig in die
Höh, und wie sie sahen, daß der Bär tot war, erhoben sie sich frisch und
gesund, traten um den Bären herum und auf ihn, und untersuchten, wie
tief wohl die Wunde sei, die der Spieß ihm beigebracht, fanden aber
keine, und der Blitzschwab sagte: „Hotz Blitz! Der Bär ischt verreckt
und schoh lang dodt!“ — „Joh, joh,“ sprach der Jockele, „mer schmeckt de
Brohde.“ Wurden eins, dem Bär das Fell abzuziehen und als Siegeszeichen
mit sich zu führen, das Aas aber liegen zu lassen. „Jetzt kennet d’
Schoof de Bäre fresse, wie er d’ Schoof gfresse hod!“ sprach einer unter
ihnen, und so zogen sie fürbaß mit ihrem Bärenfell und ihrem Spieß.
Kamen nun just in einen Wald und gerieten tiefer und tiefer in die
Stauden hinein, bis sie darin stecken blieben. Die Bäume standen zuletzt
so dicht, daß des Fortkommens kein Gedanke war, bis der Allgäuer endlich
vor einem derben Stamme stehenblieb, den Spieß erhob und wie ein Löw’
brüllte: „Bygott! durch muß e.“ Sprach’s und rannte den Spieß mit
solcher Gewalt zur Seite des Baums in den Boden, daß der Knöpflesschwab
zwischen Baum und Spieß eingeklemmt wurde, wie ein Treibkeil, und sich
weder rühren noch regen konnte. Und das war eben kein Kinderspiel, denn
jetzt stockte der Zug vollends, konnte keiner vor- noch rückwärts. Zwar
machten die Gesellen einige mächtige Versuche, den Knöpflesschwab aus
der Klemme herauszuziehen, aber es war eitel Mühen: der Hans saß fest
und wankte nicht. Da war es plötzlich, als ob dem Allgäuer ein großer
Gedanke durch das Hirn dämmerte; er lugte um sich und rief: „Bygott! i
mießt ’s Teufels sei, wenn mer Gott et helfe dät!“ Und er sagte: „Hui
Ochs!“ und packte den Baum mit gewaltiger Faust und riß ihn heraus samt
Wurzel, Stumpf und Stiel. Der Knöpflesschwab, mehr tot als lebendig,
schnellte heraus just wie der Ball beim Pritschenschlagen, flog sechs
Klafter himmelanwärts und plumpte hernieder, daß die Erde drob wackelte.
Die fünf andern aber schauten gar ehrerbietig zu dem Allgäuer empor,
denn erst jetzt ging ihnen ein Licht auf, welchen Fund sie an dem Herrn
Schulz getan.
Um ein wenigs weiter, zeigte sich’s abermals, daß der Allgäuer das Herz
nicht im Sprungriemen trug, denn als die Sieben sich aus den Stauden
herausgefunden, kam ein Bräuer aus München des Wegs, der trieb ein Rudel
Borstenvieh vor sich her und man konnt’s ihm auf hundert Schritt
ansehen, wes Landes Kind er war. Blieb groß und breit stehen, als er die
Sieben mit dem Spieß erblickte und zog ein Gesicht, als wollt’ er die
wackern Leut’ auslachen. Gleich war der Blitzschwab vor ihn her und
fragte protzig: „Was luegscht, Gsell? hoscht du noh koan Schwohbe
gseah?“ — „O genug,“ gab jener zurück, „bei mir daheim auf der Malzdarre
laufen sie zu Tausenden herum.“ Meinte spottweise die schwarzen Käfer,
also geheißen, weiß keine Menschenseele warum. Das war genug, um dem
Blitzschwab, der zuzeiten giftig war wie ein Maifrosch, die Laus über
den Grind laufen zu lassen. Machte sich an den Bayer heran, und gab ihm
flugs eine Watschel, daß jenem die Augen hell aufblitzten und die Ohren
summten just ebenso, wie die große Horniß. Der Bayer, nicht faul, langte
mit den Armen weitmächtig aus, um dem Schwäblein auch eine zu versetzen;
und es wär’ auch eine gewesen, an die er sein Lebtag gedacht hätte. Nun
war aber der Blitzschwab ein putzigs Kerlchen, drehte sich auf einem
Beine siebenmal herum, und hatte sein Lebtag nichts besser gelernt als
das Ausreißen. So kam es, daß der Bayer gar mächtiglich in die Luft
schlug, sich um und um drehte wie ein Kreisel, stolperte und zu Boden
stürzte wie ein Wiesbaum. Das half ihm zum Garaus; der Blitzschwab
stürzte über ihn her wie ein Queckenhamster und packte ihn an der
Gurgel, während die andern Hände und Füße hielten und lustig
darauflostrommelten. Er wäre ihrer aber doch letztlich noch Herr
geworden, weil er ein großer starker Kerl war, wäre nicht auch der
Allgäuer über ihn hergefallen wie ein Maltersack. Da mußte er Abbitte
tun, wohl oder übel, denn das Häuflein ließ nicht eher locker und ledig.
Und es geschah, daß die guten Gesellen auf ihrer Weiterreise an einen
weiten blauen See kamen, so dünkete es ihnen, denn es war alleweil etwas
dämmerig geworden, der schlug Wellen im Wind, und droben an seinem
Abhang standen die sieben Schwaben und lugten hinunter, wie sie wohl am
geschwindesten über diesen See kommen möchten. Es war aber kein Wasser
da drunten, sondern ein Feld voll Flachses, der so recht in seiner
schönsten, blauen Blüte stand.
„Hotz Blitz!“ rief der Blitzschwab, „was ischt doh z’ tuan? Über des
wild Wasser müßet mer nüber.“
„Allgäuer, trag du es nüber, wie der hoilich Krischdof ed Pilgersleut,“
sagte der Seehas. — „Bygott!“ antwortete der Allgäuer, „ins Wasser gieng
i wohl, wenn’s net tiefer gieng als an de Hals.“ Der Nestelschwab griff
mit der Hand an seinen Hosenbund, das edle Kleidungsstück festzuhalten,
daß es ihm nicht entfalle, während er mit der andern Hand schwimmen
täte; dem Knöpflesschwab war das Ding gar nicht einerlei, er lugte
scharf, ob kein Haifisch, Walfisch oder Krokodil im Wasser brause; und
so standen auch die andern ganz verlegen da, bis der Blitzschwab sich
hinter ihnen herumdrückte und ein paar hinunterstieß, indem er ausrief:
„Frisch gwohgt ischt halb gschwomme.“ Da die nicht untersanken, faßte
sich auch der Gelbfüßler ein Herz und tat einen Hupf hinunter; ihm
folgten der Blitzschwab und der Nestelschwab mit besserem Vertrauen, und
zuletzt ritt der Allgäuer auf dem Spieße hinab, und plumpte drunten
einer auf den andern, bis sie merkten, daß sie mit der Nase ins Feld
gefallen waren, und allgemach mit etwas gequetschten Rippen sich wieder
aufmachten, den Spieß auffischten und an ihm wiederum fürbaß schritten.
Bis zur Stunde hatten die Sieben einträchtig an dem Spieße gehalten, war
weder Unrecht noch Unfried zwischen ihnen vorgekommen. Da kam der böse
Feind und säete Zwietracht zwischen dem Blitzschwab und dem
Spiegelschwab mitten hinein. Das trug sich folgendermaßen zu. Als die
Schar ein gut Stück weiter kam, war es schon Nacht und der Mond ging
eben auf. Da wurde es dem Spiegelschwab wunderlich zumute, just wie
daheim und meinte: „Jetzt hent mers gwonne, Memmenge ischt nemme weit.“
Lugt ihn der Blitzschwab verwundert an und fragt, wie er das wissen
könne. Der Spiegelschwab lachte pfiffig: „Werd joh doch de Memmenger
Mond kenne.“ Drob lachte jener, daß ihm das Wasser aus den Augen rannte,
und schrie: „Hotz Blitz! Gsell, wie bischt du so blitzdumm!“ Nun vertrug
zwar der Spiegelschwab einen derben Puff, hatten ihn oft schon kurz und
lang geheißen, aber für dumm gelten wollte er nicht. Das war so eben
seine empfindliche Seite. Dies kaum gesagt, hatte der Blitzschwab daher
auch schon seine Dachtel. Fuhren nun zusammen die beiden, gerade wie ein
paar Metzgerhunde und draschen sich schier um die Wette, den andern zur
Kurzweil, bis endlich der Seehas den Allgäuer bat, Frieden zu stiften.
Der ließ sich nicht lange bitten, sondern packte sogleich den
Blitzschwaben am Hosenbündel und hielt ihn in der Luft wie einen Frosch;
er mochte zappeln, wie er wollte. Inzwischen ließ der Spiegelschwab
nicht nach, den Blitzschwaben aufs Brett zu klopfen; daher ergriff der
Allgäuer auch diesen und hielt ihn am Leibe unter der Gurgel so steif
und fest, daß er bockstarr da stand und nicht mucksen konnte. „Bygott!“
rief der Herr Schulz, „i will euch Mores lehre, ihr donnderschlechtiche
Strohlkerle.“ Schüttelte den einen und drosselte den andern immer ärger
und ärger, bis sie endlich einander das Wort gegeben, daß sie wieder gut
Freund sein wollten, was sie denn auch geblieben von der Zeit an bis an
ihren Tod.
Es wies sich auch bald aus, daß der Spiegelschwab gar nicht so dumm
gewesen, wie der Blitzschwab allermeist geglaubt, denn als sie zwei
Viertelstunden Weges gegangen, kamen sie richtig nach Memmingen, wie
jener aus dem Monde prophezeit. Aber als ob just dieses Städtlein dem
Spiegelschwaben heut nur Unglück bringen sollte, so geschah es alsbald
wieder, daß es dem Armen zu Haut und Haaren ging. „Durch Memmenge ganget
mer net,“ hatte er gesagt und als man ihn ob der Ursache gefragt, hatte
er den Kopf geschüttelt und gemeint, er wisse das selbst am besten!
Gingen deshalb rings um die Stadtmauer, die Sieben, um just am andern
Ende wieder die Heerstraße zu gewinnen. Aber da hat sich’s denn wiederum
augenfällig gezeigt, daß der Mensch seinem Schicksal nicht entgehen
könne. Denn ehe sich’s der Spiegelschwab versehen, sprang aus einem
Hopfengarten ein Weib auf ihn zu, eine rechte Runkunkel, und schrie in
einem Ton, der durch Mark und Bein ging: „Bischt endlich wieder doh, du
Schlingel? Wo bischt so lang rumkalfaktert, du Galgenstrick?“ Dem
Spiegelschwab wurde es grün und gelb vor den Augen und vermeinte, sein
Ende sei gekommen, denn die Alte war niemand anders, als seine liebwerte
Ehehälfte, die er mir nichts dir nichts sitzen gelassen, als er
hinausgezogen war mit den andern Gesellen auf die Wanderschaft. Hier
galt’s, nicht lange zu überlegen, war daher flugs mit einem Satze
hinüber in die Hopfengärten, zum großen Jubel der andern, die schier
bersten wollten vor Lachen. Aber die Alte, schnell wie eine Bachstelze
auf den spindeldürren Füßen, war hurtig hinterdrein, und es hätte wohl
einen argen Strauß gegeben zwischen den beiden, wenn dem Spiegelschwaben
nicht gerade zu guter Stunde ein Schelmenstückchen eingefallen wäre. Er
hatte nichts zu tragen, weil er nichts hatte, als das Bärenfell; das tat
ihm nun guten Dienst. Eilig warf er es über den Kopf, schlüpfte behend
in die Tatzen und lief nun auf allen vieren, nicht anders als ein
leibhaftiger Bär, rannte brummend auf das Weib zu, umfing sie mit den
scharfen Krallen und drückte und herzte sie, daß ihr Hören und Sehen
verging. Die Alte war froh, als sie dem Schalk entronnen, der nun
freudig mit den andern von dannen zog. Von Stund an aber schreibt sich
der Brauch, daß böse Männer von ihren Ehehälften gar häufig Brummbären
genannt werden.
„Uf Leid folgt Freid!“ rief der Allgäuer und zeigte nach dem Leutkircher
Tor, wo ein Wirtshaus stand, über dessen Tür zu lesen war: „Hier schenkt
man Märzenbier aus!“ War keiner unter den Sieben, der nicht gern einen
Trunk Bier geschenkt genommen hätte, richteten daher im Nu ihre Schritte
nach dem Wirtshaus und langten mit dem Spieße in der Hausflur an, in
demselben Augenblick, als der dicke Bräuer vor die Tür trat, nach dem
Wetter auszulugen. Als der die Schar erblickte mit dem furchtbaren
Spieß, wurde es ihm eben nicht warm ums Herz, zog aber schnell sein
Käppchen und fragte höflich nach ihrem Begehr. „Se wellet e bißle sei
Bier brobiere,“ sagte der Allgäuer und schritt schnurstracks mit den
Gesellen in die Zechstube. Da ward’s dem Wirt klar, daß die
Gesandtschaft mit dem Spieße abgeschickt sei von der schwäbischen
Kreisregierung, wie wohl zuzeiten geschieht, um das Bier zu kosten und
zu prüfen, ob es preiswürdig sei. Rannte daher spornstreichs in den
Keller und holte ein Körble vom besten herauf, wie er nur für sich und
seine Leute gebraut. Das Körble war leer im Umsehen, das zweite in noch
kürzerer Zeit, und als die Sieben in weniger als zwei Stunden nahe an
einen halben Eimer getrunken, meinte der Wirt, er sehe, daß es ihnen
schmecke. Der Blitzschwab aber, der immer das Maul vorweg hatte, sagte:
„’s kennt besser sei, wenn net z’ wenig Malz und Hopfe drin wär.“ „Das
ist nicht wahr,“ versetzte der Wirt, der ein Schalk war, „Hopfen und
Malz ist nicht zu wenig darin, aber zu viel Wasser.“ Da merkte der
Blitzschwab, daß er seinen Mann gefunden, trank noch ein Mäßle und sagte
den Spruch, der ihm einfiel:
In Langesalz, in Langesalz
(kennt au Memmenge hoiße, sagte er)
Braut mer drui Bier aus oinem Malz
Es erschte hoißet se de Kern,
Des drinket d’ Burgemoischter gern,
Es andre hoißt es Mittelbier,
Des setzt mer de gmoane Leud fir;
Es dritt des hoißt Covent,
Drink di potz Sapperment!
Zogen dann allesamt fürbaß, und der Wirt in Memmingen schwört heute noch
Stein und Bein, daß das Häuflein nichts anders gewesen, als des
Memminger Kreises Oberbierbeschauer.
„Uf Leid folgt Freid!“ hatte der Allgäuer gesagt, ohne zu bedenken, daß
das weise Sprüchlein umgekehrt sich noch bei weitem häufiger
bewahrheitet. Es sollte nun einmal Regen und Sonnenschein auf der
abenteuerlichen Fahrt der sieben Gesellen fast immer abwechseln, drum
war’s eben kein Wunder, daß das arme Häuflein gar bald wieder in die
Tinte geriet. Noch drehte und wirbelte es in ihren Köpfen von dem
überreichlich genossenen Märzenbier, da harrte ihrer schon wieder das
tückische Geschick. Zogen eben bei Kronburg vorüber, da lauschte der
gestrenge Herr Junker aus dem Fenster. Mochte ihm nicht recht geheuer
vorkommen mit der lustigen Schar, die auch dem Äußern nach nicht eben
allzu reputierlich einherzog. Er rief deshalb seinen Schergen und sagte:
„Lug einmal nach den Landstreichern da drüben — scheint mir eine saubere
Sippschaft zu sein.“ Der Scherg nahm sieben Bullenbeißer mit sich, jeder
groß genug, um zur Not mit einem Bären kämpfen zu können, und stieg
hinab, Jagd auf die unglücklichen Schwaben zu machen. Hatte sie bald
ereilt, und da der Blitzschwab schnippisch war wie immer, machte der
Haltmichfest kurze Sache und nahm das Häuflein mit sich. Zwar wollte der
Allgäuer nicht so ohne weiteres mitgehen, als aber die Hunde gar grimmig
knurrten, da senkte er den Spieß mit den Ohren zugleich und trabte
hinterdrein. Wurden nun sämtlich vor den Junker von Kronburg geführt,
der ein strenges Verhör begann. Der Seehas machte den Sprecher für alle
und erzählte getreulich: Wie in der Gegend am Bodensee ein schreckliches
Tier hause, und da hätten sie sich denn als brave Landsleute und biedere
Männer zusammengetan aus allen schwäbischen Gauen, um das Land vom
Ungeheuer zu befreien.
Das aber glaubte der Junker nicht, sondern blieb bei seiner Meinung, sie
seien Strolche und Diebsgesindel, und ließ sie in das Häusle, das ist
ins Gefängnis, stecken.
So geht ’s in Schnitzlebutz Heusle,
Doh singet und tanzet die Meusle
Und bellet die Schnecken im Heusle —
hat der Blitzschwab im Häusle gesungen, aber ganz still, wie ein Mäusle.
Es hatte aber der Junker erst tags zuvor, da ihn das Zipperlein plagte,
den löblichen Entschluß gefaßt, ein Zuchthaus zu stiften zum Schrecken
aller Gauner und Tagediebe, zu Nutz und Frommen der Bürgerschaft und zur
Aufklärung des gemeinen Volkes. Da kamen ihm die sieben Schwaben eben
recht. Sonst war er ein gar frommer und milder Herr, der sogar seinen
eigenen Bauern nicht mehr Wolle abschor, als er eben nötig hatte, um
sich selbst warm zu kleiden. Befahl daher auch, daß man den Gefangenen
Nahrung reichen solle, soweit sie des bedürften. Der Spiegelschwab aber,
der ihn wohl kannte und wußte, daß Schmalhans in dessen Küche und Keller
hauste, legte seinen Plan darauf an, welchen er den Gesellen mitteilte.
Wie also der Scherg mittags eine große Pfanne voll kleiner Klöße, die
sie Milchspätzle nennen, brachte, sprach der Blitzschwab zum
Knöpflesschwaben: „Die ghairet wohl for di?“ Der Scherg meinte, das sei
wohl für alle genug. Der Knöpflesschwab aber sagte, er wolle lugen, ob’s
für ihn lange, setzte sich und aß die Pfanne allein aus, so daß kein
Krümchen noch Bröckchen übrigblieb. Der Scherg erschrak und lief zum
Junker, meinend, man müsse für die Landstreicher eine ganze Braupfanne
voll Spätzle auf einmal kochen, und das sei, dünke ihm, noch nicht
genug. Da ging der Junker von und auf Kronburg in sich und meinte, er
sei dem schwäbischen Kreis und der Menschheit kein so großes Opfer
schuldig, daß er sich aushungern lassen sollte in seinem Schloß um
einiger weniger Strolche willen. Stracks wurden die Sieben in Freiheit
gesetzt, nur daß ihnen der Junker noch einen Steckbrief mit auf den Weg
gab, um andere Behörden und Kerkerknechte pflichtschuldigst vor des
Knöpflesschwaben großer Freßsucht zu warnen.
Nach mehr als einem andern Abenteuer, das zuviel wäre zu erzählen,
gelangten die Schwaben an einen großen See, und da sagte der Seehas, der
ihn gleich erkannte: „Des ischt der Bodesee.“ An dessen Ufern sollte,
wie die Sage ging, das gefährliche Ungeheuer hausen, welches zu
bekämpfen und zu erlegen die sieben Schwaben sich bekanntlich fest
vorgenommen hatten. Da sie nun des Sees ansichtig geworden und zugleich
des Waldes, in dem das Ungeheuer sich aufhielt, man wußte nicht, war es
ein greulicher Lindwurm oder ein feuerspeiender Drache, so fiel ihnen
zumeist das Herz in die Hosen, sie machten Halt und zündeten ein
Feuerlein an, auf daß der Knöpflesschwab noch zu guter Letzt (denn wer
konnte wissen, ob das Untier sie nicht allesamt mit Haut und Haar
verschlingen werde, mit oder ohne Spieß) eine Mahlzeit Knöpfle oder
Spätzle bereite, und stellten während dem Essen Todesbetrachtungen an.
„Joh,“ sagte der Allgäuer und seufzte recht von unten ’rauf, „’s ischt e
Sach, wenn mer bei sich so recht bedenkt, daß mer zum letztenmohl in
seim Leben z’ Mittag ißt.“ Und wieder seufzte er und sagte: „’s ischt e
Sach!“ und der Knöpflesschwab fing an, still vor sich hin zu flennen,
wobei er jedoch des Essens nicht vergaß. Als aber der Allgäuer zum
drittenmal ganz erschrecklich tief seufzte und sagte: „’s ischt e Sach!“
da fingen sie alle an, so erbärmlich zu flennen und zu heulen, daß es
einen wilden Heiden hätte erbarmen können. Der Nestelschwab allein ließ
sich das Sterben nicht zu Herzen gehen; denn, sagte er, meine Mutter hat
mir oft gesagt, daß mein Stündlein gar niemals kommen würde. Heulte aber
dennoch aus gutem Willen zur Gesellschaft mit. Als sie aber endlich
nicht mehr konnten, fiel’s ihnen doch ein, daß es Zeit sei, ihre
Schlachtordnung herzurichten; dabei gab es aber allerlei Span und
Zwietracht. Der Allgäuer sagte, er sei bislang emmer der Vorderscht gwe,
’s wär jetzt Zeit, daß er au emohl der Henterscht sei, und es soll der
Blitzschwob voran. Der meinte aber: „Curasche han i gnueg em Leib, aber
net Leib gnueg for d’ Curasche und dehs Bescht von Ongheuer.“ Der
Spiegelschwab wischte sich die Nase am Ärmel und tat den Vorschlag, es
solle doch wohl besser sein, wenn einer für alle sterbe, und meinte, der
Knöpflesschwab könne ihnen diesen kleinen Gefallen tun; der aber schrie
Zetermordio, als habe ihn das Ungeheuer schon am Schlafittig. Und so
sprachen und stritten sie noch eine Weile hin und her, bis sie sich
friedsam einigten und hurtiglich mit ihrem Spieße vorwärts schritten,
gerade auf den Wald zu, wo das Untier hausen sollte. Ehe sie den
erreichten, kamen sie an einen Rain davor, da saß ein Has und machte ein
Männlein, und streckte die langen Löffel in die Höh; das war den
Schwaben grauentlich anzuschauen, hemmten darum ihren Schritt, hielten
Rat und besannen sich, ob sie vorwärts rücken und aufs Untier einrücken
sollten mit lang vorgestrecktem Spieß, oder ob sie sich zur Flucht
wenden sollten; doch hielt jeder fest am Spieß. Da nun der Veitle hinten
am meisten in Numero Sicher war, schwoll ihm der Kamm und er schrie dem
Schulzen zu, der vorne stand:
„Stoßt zue in äller Schwobe Name,
Sonscht wünscht ih, daß Ihr möcht erlahme!“
Der Hans, des Veitle Gehlfießlers Vordermann, Knöpflesschwab, spottete
der Curasche des Veitle, indem er sagte:
„Beim Element, du hoscht guat schwätze,
Du bischt der Letscht beim Drachahetze!“
Dem Michel sträubte die Herzhaftigkeit das Haar empor, er blickte gar
nicht hin nach dem Ungeheuer, sondern sprach mit abgewandtem Gesicht,
indem er den Ärmel seinem Gesicht näherte:
„Es wird net fehle um a Hoar,
So ist es wohl der Teufel gar!“
Jergle lugte dem Michel ins Gesicht, und schauete auch gar nicht hin
nach dem Bescht von Ungeheuer, indem er zaghaft beistimmte:
„Blitz! ischt er’s net, so ischt’s sei Mueder,
Oder ’s Teufels sei Stiefbrueder!“
Dem Marle Nestelschwab, der sich schon ziemlich weit vorn am Spieß
befand, daran die Schwaben gingen, gefiel sein Platz nicht, und er hatte
einen guten Einfall; er kehrte sich auch um, da er nicht für nötig fand,
das Ungeheuer anzusehen, und rief dem Veit zu:
„Gang, Veitle, gang, gang du vorahn,
I will dohente for di stahn!“
Veitle drückte aber seine Ohren auf und tat, als hörte er nicht, worauf
der Marle zu Jockele sagte:
„Gang, Jockele, gang, gang du vorahn,
Du hoscht Sporn und Stiefel ahn,
Daß di der Drach net beiße kahn!“
Aber Jockele fand seinen Trost darinnen, daß der Allgäuer an der Spitze
des Spießes der sieben Schwaben und des zu bestehenden Abenteuers stand,
und sagte:
„Der Schulz, der mueß der Erschte sei,
Denn ehm gebiehrt die Ehr allei.“
Schulz Allgäuer faßte sich ein Herz und sprach mutig, da es nun einmal
in die unvermeidliche Gefahr ging:
„So zieht denn herzhaft in de Streit,
Dohran erkennt mer tapfre Leut.“
Und so ging es in Gottes Namen und im Sturmschritt auf das Ungeheuer
los, und als dem Schulzen das Herz pfupferte, konnte er sich seiner
Angst nicht erwehren und schrie: „Hau, huelhau! Hau, hauhau!“ Da
erschrak der Has und gab spornstreichs Fersengeld querfeldein, und lief,
was er laufen konnte. Jetzt rief Schulz Allgäuer freudiglich:
„Potz Veitle, luag, luag, was ischt das?
Es Ohngeheuer ischt noh e Has!“
„Hoschts gsehe? Hoschts gsehe?“ fragten sich nun die andern
untereinander. „Hotz Blitz! E Ding wie ne Kalb!“ rief der Blitzschwab.
Der Nestelschwab tat seinen größten Fluch: „Mit Verlaub! Daß dih es
Meusle beiß’! E Tier wie ne Mastochs!“ „Oho!“ rief der Knöpflesschwab:
„En Elefand ischt noh e Katz gege des Ohntier.“ „Bygott!“ erwiderte der
Allgäuer, „wenn des koa Has gweh ischt, noh woiß i de Dreimänner Wei vom
Rachebutzer net z’ unterschaide!“
„Noh, Noh!“ vermittelte der Seehas: „Has her! Has hen! E Seehas ischt
halt greßer und gremmiger, als älle Hase im heiliche remische Reich.“
„Wie der Seewei seurer und herber als älle Wei im heiliche remische
Reich,“ sagte hinten der Gehlfüßler, und über diese Anzüglichkeit hätte
ihm der Seehas fast ein paar Watscheln gegeben, denn es kränkte ihn
schwer, daß der Veitle über den Seewein spottete, der ihm von
Kindesbeinen an geschmeckt. Mit den Seeweinen verhält es sich aber also:
es gibt ihrer drei Arten, zum ersten der Sauerampfer, schmeckt nur ein
weniges besser als Essig und verzieht das Maul nur ein bißchen, zumal
wenn man sich daran gewöhnt hat. Die zweite Gattung ist Dreimännerwein
geheißen, steht im Geschmack noch zehn Grad unter Essig und wurde so
getauft, weil man behauptet, daß derjenige, so ihn zu trinken
verurteilt, von zweien gehalten werden muß, während ihn ein dritter
eingießt. Die dritte Sorte ist der Rachenputzer, hat die rühmliche
Eigenschaft, daß er Schleim und alles andere abführt, tut aber dabei
not, daß wer sich mit dem Wein im Leib schlafen legt, in der Nacht sich
wecken lasse, damit er sich umkehren möge, sonst möchte ihm der
Rachenputzer ein Loch in den Magen fressen.
Da nun das Abenteuer mit dem Ungeheuer von den sieben Schwaben so
glückhaft bestanden war, so wurden sie eins, nunmehr von ihren Taten
auszuruhen und wieder friedlich heimzuziehen. Zuvor aber tat not, ein
Siegeszeichen zu errichten, das der Mit- und Nachwelt ihren Triumph auf
ewige Zeiten vermelde. Da nun unmöglich war, wie vor Zeiten tapfere
Ritter getan, die Drachenhaut in einer Kirche aufzuhängen, dieweil kein
Drache sein Fell zu Markte getragen und der Has in seinem Balg
wohlbehalten entkommen war, so wurden die guten Gesellen dahin eins, ihr
Bärenfell und ihren Spieß als eine Trophäe in die nächstgelegene Kapelle
zu stiften, die hieß man hernach die Kapell zum schwäbischen Heiland.
Dort wird wohl der Spieß noch hängen, das Bärenfell aber haben die
Motten verzehrt, und die Sperlinge haben die Haare in ihre Nester
getragen.
Vom Schwaben, der das Leberlein gefressen.
Als unser lieber Herr und Heiland noch auf Erden wandelte, von einer
Stadt zur andern, das Evangelium predigte und viele Zeichen tat, kam zu
ihm auf eine Zeit ein guter einfältiger Schwab und fragte ihn: „Mein
Leiden-Gesell, wo willt du hin?“ Da antwortete ihm unser Herrgott: „Ich
ziehe um, und mache die Leute selig.“ So sagte der Schwab: „Willt du
mich mit dir lassen?“ — „Ja,“ antwortete unser Herrgott, „wenn du fromm
sein willt und weidlich beten.“ Das sagte der Schwab zu. Als sie nun
miteinander gingen, kamen sie zwischen zwei Dörfer, darinnen läutete
man. Der Schwab, der gern schwätzte, fragte unsern Herrgott: „Mein
Leiden-Gesell, was läutet man da?“ Unser Heiland, dem alle Dinge wissend
waren, antwortete: „In dem einen Dorfe läutet man zu einer Hochzeit, in
dem andern zum Begängnis eines Toten.“ — „Gang du zum Toten!“ sprach der
Schwab, „so will ich zur Hochzeit gehn.“
Darauf ging unser Herrgott in das Dorf und machte den Toten wieder
lebendig, da schenkte man ihm hundert Gulden. Der Schwab tät sich auf
der Hochzeit um, half einschenken, einem Gast um den andern, und auch
sich selbst, und als die Hochzeit zu Ende war, da schenkte man ihm einen
Kreuzer. Das war der Schwab wohl zufrieden, machte sich auf den Weg und
kam wieder zu unserm Herrgott. Alsbald, wie der Schwab diesen von weitem
sahe, hub er sein Kreuzerlein in die Höhe und schrie: „Lug, mein
Leiden-Gesell! Ich hab’ Geld; was hast denn du?“, trieb also viel
Prahlens mit seinem Kreuzerlein. Unser Herrgott lachte seiner und
sprach: „Ach, ich hab’ wohl mehr als du!“ tät den Sack auf und ließ den
Schwaben die hundert Gulden sehen. Der aber war nicht unbehend, warf
geschwind sein armes Kreuzerlein unter die hundert Gulden, und rief:
„Gemein, gemein! Wir wollen alles gemein miteinander haben!“ Das ließ
unser Herrgott gut sein.
Nun als sie weiter miteinander gingen, begab es sich, daß sie zu einer
Herde Schafe kamen, da sagte unser Herrgott zum Schwaben: „Gehe, Schwab,
zu dem Hirten, heiße ihn uns ein Lämmlein zu geben, und koche uns das
Gehänge oder Geräusch zu einem Mahle.“ — „Ja!“ sagte der Schwab, tat,
wie ihm der Herr geheißen, ging zum Hirten, ließ sich ein Lämmlein
geben, zog’s ab und bereitete das Gehänge zum Essen. Und im Sieden da
schwamm das Leberlein stets empor; der Schwab drückt’s mit dem Löffel
unter, aber es wollte nicht unten bleiben, das verdroß den Schwaben über
alle Maßen. Nahm deshalb ein Messer, schnitt das Leberlein, dieweil es
gar war, voneinander und aß es. Und als nun das Essen auf den Tisch kam,
da fragte unser Herrgott, wo denn das Leberlein hingekommen wär? Der
Schwab aber war gleich mit der Antwort bei der Hand, das Lämmlein habe
keines gehabt. „Ei!“ sagte unser Herrgott, „wie wollte es denn gelebt
haben ohne ein Leberlein?“ Da verschwur sich der Schwab hoch und teuer:
„Es hat bei Gott und allen Gottes-Heiligen keines gehabt!“ Was wollte
unser Herrgott tun? Wollte er haben, daß der Schwab still schwieg, mußt’
er wohl zufrieden sein.