Das Greisenalter verändert in der Breite des Gesunden die
Geistestätigkeit insofern, als die Fähigkeit zur Aufnahme neuer
Eindrücke nachläßt, die eigenen Meinungen unerschütterlich werden, das
Gedächtnis für die jüngste Zeit und namentlich die Merkfähigkeit
schwinden -- daher die Neigung zur Wiederholung derselben Erzählungen --
und das Gemüt stumpfer wird, insbesondere die Teilnahme an fremdem
Geschick sich verringert. Die geistigen Hemmungen treten mehr zurück,
und dadurch entsteht einesteils die bekannte senile Geschwätzigkeit,
andernteils oft eine merkliche Vernachlässigung des Anständigen in
Gespräch und Benehmen.
Unter krankhaften Verhältnissen steigern sich alle diese
Eigentümlichkeiten. Die Abnahme der Merkfähigkeit läßt die Gegenwart
fast vergessen, Zeiten und Generationen werden verwechselt, Tag und
Datum nicht beachtet, wichtige Geschäfte versäumt. Die Leiden der
Umgebung erfahren keinerlei Rücksicht, nur die eigene Bequemlichkeit
soll alles bestimmen. Dabei wird lebhaftes Mißtrauen gegen alle Personen
und Vorgänge rege. Alles, was gegen die Erwartung oder gegen den Wunsch
geht, bewirkt Zorn und Aufregung. Für die eigene Behaglichkeit ist
nichts zu teuer, aber für die nächsten Angehörigen soll nichts
aufgewendet werden. Hat der Kranke vergessen, wo er dies und jenes
hingetan hat, so tritt alsbald der Gedanke auf, bestohlen zu sein;
dagegen eignet er selbst sich gern an, was ihm in die Hände kommt. Nicht
selten ist die Erotik deutlich gesteigert; schlüpfrige Unterhaltungen
werden bevorzugt, junge Mädchen unter dem Scheine väterlicher
Zärtlichkeit geliebkost; sehr häufig sind Eheversprechen und Heiraten
mit Personen niederen Standes, ohne Rücksicht auf die vorhandenen
Kinder. In anderen Fällen kommt es, der Impotenz entsprechend, zu
unsittlichen Handlungen an Kindern (vgl. S. 182). Besonders gestört ist
oft die Nachtruhe, es kommt nicht nur zu Schlaflosigkeit, sondern zu
zwecklosem Umherirren im Zimmer, zum Herumkramen in den Sachen usw.
Häufig sind auch nächtliche Visionen und andere Sinnestäuschungen. Auch
bei Tage kommen Illusionen und Personenverkennungen vor, noch häufiger
werden die Erlebnisse in der Erinnerung verfälscht und Lücken des
Gedächtnisses durch selbst geglaubte Erfindungen ausgefüllt. Oft kommt
es zu einer wirklichen Gefräßigkeit, teils durch Schwinden des
Sättigungsgefühles, teils, weil die vorige Mahlzeit schon dem Gedächtnis
entschwunden ist, teils aus einer Art Mißgunst gegen die Tischgenossen.
Unter diesen Erscheinungen tritt bei vielen Kranken allmählich ein immer
größeres Schwinden des Verstandes auf, sie werden, wie man so sagt,
kindisch, und müssen schließlich wirklich wie kleine Kinder behandelt,
gepflegt und gewartet werden. Namentlich die zunehmende Unsauberkeit
macht oft große Schwierigkeiten. Oft besteht sehr hartnäckige
Verstopfung, so daß der verhärtete Kot mit Werkzeugen entfernt werden
muß.
In anderen Fällen kommt es zu =Erregungszuständen=. Teils werden
die Kranken weinerlich, ängstlich, selbstmordsüchtig, teils
führt die Erregung sie zu Streit und Gewalttätigkeiten oder zu
geschlechtlichen Ausschweifungen, zum Umherirren, wobei sie wegen
ihrer Gedächtnisschwäche sich verirren -- vermögen sie doch oft sich
im eigenen Hause nicht mehr zurechtzufinden --, zu allerlei
unvernünftigen Handlungen.