4. Dementia senilis, Altersblödsinn.

Das Greisenalter verändert in der Breite des Gesunden die

Geistestätigkeit insofern, als die Fähigkeit zur Aufnahme neuer

Eindrücke nachläßt, die eigenen Meinungen unerschütterlich werden, das

Gedächtnis für die jüngste Zeit und namentlich die Merkfähigkeit

schwinden -- daher die Neigung zur Wiederholung derselben Erzählungen --

und das Gemüt stumpfer wird, insbesondere die Teilnahme an fremdem

Geschick sich verringert. Die geistigen Hemmungen treten mehr zurück,

und dadurch entsteht einesteils die bekannte senile Geschwätzigkeit,

andernteils oft eine merkliche Vernachlässigung des Anständigen in

Gespräch und Benehmen.

Unter krankhaften Verhältnissen steigern sich alle diese

Eigentümlichkeiten. Die Abnahme der Merkfähigkeit läßt die Gegenwart

fast vergessen, Zeiten und Generationen werden verwechselt, Tag und

Datum nicht beachtet, wichtige Geschäfte versäumt. Die Leiden der

Umgebung erfahren keinerlei Rücksicht, nur die eigene Bequemlichkeit

soll alles bestimmen. Dabei wird lebhaftes Mißtrauen gegen alle Personen

und Vorgänge rege. Alles, was gegen die Erwartung oder gegen den Wunsch

geht, bewirkt Zorn und Aufregung. Für die eigene Behaglichkeit ist

nichts zu teuer, aber für die nächsten Angehörigen soll nichts

aufgewendet werden. Hat der Kranke vergessen, wo er dies und jenes

hingetan hat, so tritt alsbald der Gedanke auf, bestohlen zu sein;

dagegen eignet er selbst sich gern an, was ihm in die Hände kommt. Nicht

selten ist die Erotik deutlich gesteigert; schlüpfrige Unterhaltungen

werden bevorzugt, junge Mädchen unter dem Scheine väterlicher

Zärtlichkeit geliebkost; sehr häufig sind Eheversprechen und Heiraten

mit Personen niederen Standes, ohne Rücksicht auf die vorhandenen

Kinder. In anderen Fällen kommt es, der Impotenz entsprechend, zu

unsittlichen Handlungen an Kindern (vgl. S. 182). Besonders gestört ist

oft die Nachtruhe, es kommt nicht nur zu Schlaflosigkeit, sondern zu

zwecklosem Umherirren im Zimmer, zum Herumkramen in den Sachen usw.

Häufig sind auch nächtliche Visionen und andere Sinnestäuschungen. Auch

bei Tage kommen Illusionen und Personenverkennungen vor, noch häufiger

werden die Erlebnisse in der Erinnerung verfälscht und Lücken des

Gedächtnisses durch selbst geglaubte Erfindungen ausgefüllt. Oft kommt

es zu einer wirklichen Gefräßigkeit, teils durch Schwinden des

Sättigungsgefühles, teils, weil die vorige Mahlzeit schon dem Gedächtnis

entschwunden ist, teils aus einer Art Mißgunst gegen die Tischgenossen.

Unter diesen Erscheinungen tritt bei vielen Kranken allmählich ein immer

größeres Schwinden des Verstandes auf, sie werden, wie man so sagt,

kindisch, und müssen schließlich wirklich wie kleine Kinder behandelt,

gepflegt und gewartet werden. Namentlich die zunehmende Unsauberkeit

macht oft große Schwierigkeiten. Oft besteht sehr hartnäckige

Verstopfung, so daß der verhärtete Kot mit Werkzeugen entfernt werden

muß.

In anderen Fällen kommt es zu =Erregungszuständen=. Teils werden

die Kranken weinerlich, ängstlich, selbstmordsüchtig, teils

führt die Erregung sie zu Streit und Gewalttätigkeiten oder zu

geschlechtlichen Ausschweifungen, zum Umherirren, wobei sie wegen

ihrer Gedächtnisschwäche sich verirren -- vermögen sie doch oft sich

im eigenen Hause nicht mehr zurechtzufinden --, zu allerlei

unvernünftigen Handlungen.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 61 / 133 题