Das Wesen der Idiotie und der Imbezillität besteht darin, daß sich durch
angeborene oder in den ersten Lebensjahren erworbene Schädigungen der
Gehirnentwicklung das geistige Leben gar nicht oder nur mangelhaft
ausgebildet hat. Weil die im frühen Kindesalter erworbenen Störungen
psychologisch und praktisch ziemlich auf dasselbe hinauskommen wie die
angeborenen, faßt man beide unter die gemeinsamen Namen zusammen. Von
dem schwereren Zustande, der Idiotie oder dem angeborenen Blödsinn, zu
dem leichteren, der Imbezillität oder dem angeborenen Schwachsinn, gibt
es fließende Übergänge, während sich zwischen die Imbezillität und die
normale Geistesentwicklung die psychopathische Belastung mit ihren
Parapsychien (vgl. Abschnitt V) als Bindeglied einschiebt.
Die Trennung der Idiotie und der Imbezillität hat man zuweilen nach der
Entwicklung der Sprache vorgenommen, das ist aber unrichtig, weil nicht
immer und ausschließlich in Sprachvorstellungen gedacht wird, und da
außerdem Taubstummheit und motorische Aphasie den sprachlichen Ausdruck
auch bei gutem Verstande sehr zurückhalten können. Den wirklichen
Unterschied der beiden Gruppen muß man in dem Grade der geistigen
Entwicklung suchen, die bei der Idiotie gar keine oder doch nur konkrete
Begriffe zuläßt, während die Imbezillen vergleichen, urteilen und
abstrakte Begriffe bilden.
Die =Ursachen= sind bei beiden Klassen dieselben, nur dem Grade nach
verschieden. Für die angeborenen Entwicklungshemmungen sind die
Erblichkeit (vgl. S. 5), namentlich Trunksucht und Syphilis der Eltern,
ferner schwere Ernährungstörungen und vielleicht auch Gemütsbewegungen
der Mutter während der Schwangerschaft, fötale Gehirnkrankheiten
einschließlich Rachitis, Kopfverletzungen während der Geburt (durch
relative Beckenenge, Zangendruck usw.), für die erworbenen namentlich
Gehirnerkrankungen (Meningitis, Störungen der Gehirnernährung bei
Scharlach, Masern, Rachitis, Enkephalitis), Kopfverletzungen und
Branntweindarreichung (als Beruhigungsmittel!) am meisten
anzuschuldigen. Vorzeitige Nahtverknöcherung ist wenigstens in der
großen Mehrzahl der Fälle die Folge, nicht die Ursache des
Zurückbleibens der Gehirnentwicklung.
Die angeborenen Erkrankungen pflegen für die äußere Erscheinung der
Kranken weit größere Abweichungen mit sich zu bringen als die
erworbenen, deren Träger häufig ganz wohlgebildet sind und vielleicht
nur durch leeren Blick und die direkten Folgen der Gehirnveränderungen
(einseitige spastische Parese oder Lähmung mit Atrophie nach
Polioenkephalitis, bei Porenkephalie usw., vgl. Fig. 20) von gesunden
Kindern abweichen. Geistig unterscheiden sie sich, wenigstens bei dem
gegenwärtigen Stande des Wissens, nicht scharf von den Idioten und
Imbezillen mit Hydrokephalie, Mikrokephalie usw. und von den =Kretinen=,
die körperlich die kennzeichnenden Folgen der Schilddrüsenentartung, den
sog. myxödematösen Habitus darbieten (vgl. Fig. 21): Zwergwuchs, großen
Kopf, kurzen Hals, dicke Weichteile besonders um den Mund, breite
Sattelnase, Schlitzaugen u. dgl. Die Idioten und Imbezillen aus fötalen
Einwirkungen zeigen häufig die körperlichen Entartungszeichen (vgl.
S. 7) in so großer Entwicklung, daß man sie schon von weitem daran
erkennt, und in Verbindung mit allerlei funktionellen oder organischen
Störungen: Grimassieren, Schielen, Chorea, Athetose, Ataxie, Tics (vgl.
S. 34) usw. Zuweilen erinnern sie an das Aussehen fremder Volksstämme:
Mongolen- oder Aztekentypus, oder an die menschenähnlichen Affen, ohne
daß man darin einen Atavismus zu erblicken berechtigt wäre.
[Illustration: Fig. 20. Idiotismus mit zebraler Kinderlähmung.]
Die =tiefstehenden Idioten= sind vollkommen automatische Wesen, ohne
bewußte Wahrnehmung, mit dunklem Triebleben, häufig ohne deutliche
Unterscheidung von Lust- und Unlustgefühlen, freundlichen oder
feindlichen Einwirkungen. In manchen Fällen sind die Rindenorgane der
Sinneswahrnehmungen ganz unausgebildet, in anderen fehlen nur die
Aufmerksamkeit, d. h. die verbindende Leistung der Assoziationen, und
das Gedächtnis, die Dauer der Erinnerungsbilder. Nichts aus der Umgebung
wird erkannt und wiedererkannt Auch die Nahrung wird automatisch
verschlungen, ebenso bereitwillig wie Speisen werden auch ungenießbare
Gegenstände in den Mund gebracht und verschluckt. In diesen schwersten
Fällen fehlt häufig die willkürliche Bewegung ganz; die Kranken wiegen
automatisch den Oberkörper vor- und rückwärts oder seitwärts oder drehen
den Kopf hin und her, aber sie können weder gehen noch stehen und lernen
es auch bei sorgfältiger Anleitung nicht. Unartikulierte Schreie werden
unterschiedlos für alle Stimmungen als Äußerung verwendet.
[Illustration: Fig. 21. Kretinismus.]
Auf einer etwas höheren Stufe werden wenigstens Wahrnehmungen gemacht.
Der Kranke äußert namentlich seinen Hunger und merkt, daß ihm Speisen
zur Stillung desselben gegeben werden. Aber schon in den ersten
Lebensmonaten weichen solche Kinder von den normalen ab; sie finden die
Mutterbrust nicht von selbst, schreien gar nicht oder viel, jedenfalls
ohne Unterschied für die verschiedenen Stimmungen; sie folgen mit dem
Blick nicht den Bewegungen ihrer Umgebung und äußern weder Freude noch
Schmerz. Ihre Bewegungen sind ungeordnet und zwecklos; sie unterrichten
sich nicht über die persönliche Zusammengehörigkeit der einzelnen Teile
des Körpers.
Einen wesentlichen Fortschritt bedeutet eine nächste, die beste Stufe
der Idiotie, wo wenigstens das Gefühl der körperlichen Persönlichkeit,
das enge Ich, auftaucht, und zu der Umgebung in einen gewissen
Gegensatz und in Beziehung gebracht wird. Es sind also Erinnerungsbilder
und Assoziationen in geringer Ausdehnung vorhanden. Die Sprache bleibt
meist noch lange aus, bis in das vierte, fünfte Jahr hinein und noch
länger, oder sie besteht in unvollkommenen, schlecht artikulierten
Äußerungen, die nur der nächsten Umgebung verständlich sind. Eine
Erziehung zur Reinlichkeit ist undurchführbar, obwohl strafende
Eingriffe unangenehm empfunden werden. Nicht selten erfolgt in diesen
Fällen, namentlich unter geeigneter Anstaltspflege, noch in der zweiten
Hälfte des ersten Jahrzehnts eine Weiterentwicklung zum Guten, die den
Kranken den tiefstehenden Imbezillen nahebringt und eine unvollkommene
Teilnahme am Volksschulunterricht ermöglicht. Immer aber bleibt der
Vorstellungschatz auf das Greifbare beschränkt, das Gedächtnis schwach;
vom Rechnen wird höchstens das Addieren und das Subtrahieren begriffen,
soweit direkt an den Fingern abgezählt werden kann, Multiplizieren und
Dividieren gehen über den Horizont, die Anwendung der Addition auf
praktische Beispiele versagt meistens. Die Sprache bleibt trotz der
Schulhilfe unvollkommen, es werden Konsonanten verwechselt oder schlecht
ausgesprochen, die Silben schlecht artikuliert, gestammelt, ihre
Buchstaben verstellt usw. Die Redeweise bleibt kindlich ungrammatisch,
Schreiben und Lesen sind höchst unvollkommen, mehr mechanische als
verstandene Fertigkeiten. Nur die Gegenstände des täglichen Gebrauchs
wissen sie zu benennen; was ihnen nicht immer in der Hand und im Auge
liegt, beachten sie nicht, für die Farben haben sie keine richtigen
Namen, die Abbildungen bekannter Gegenstände werden nicht mit diesen
geistig vereinigt. Die Stimmung zeigt vielfache Schwankungen ohne
äußeren Anlaß, und geringfügige Reizungen führen zu heftigen
Affektäußerungen, zu Schelten und rachsüchtigen Gewalttaten. Zuweilen
kommen vorzeitige oder perverse Erregungen des Geschlechtstriebes mit
deutlichem, spezifischem Wollustgefühl vor, häufiger findet sich
Masturbation als Ausdruck unbestimmter Lustgefühle oder als Folge
örtlicher Reizungen. Die Anhänglichkeit an Eltern und Versorger ist
meist recht äußerlich, wer zuletzt Gutes gegeben hat, ist der Beste,
beim Besuch der Eltern in der Anstalt wird ohne weiteres an ihnen vorbei
nach den mitgebrachten Gaben gegriffen, der Abschied wird sehr leicht
verschmerzt. In einzelnen Fällen stellt sich dagegen lebhaftes Heimweh
ein, in der Anstalt gebrauchen die Kranken Wochen, um sich
einzugewöhnen, sie sitzen weinend oder in dumpfem Schmerz da und machen
gelegentlich ernstliche Selbstmordversuche, teils im Affekt, teils aus
mehr instinktivem Antriebe.
Die meisten Idioten zeigen ein Verhalten von mittlerer Regsamkeit; weit
seltener sind die Extreme: die =apathische Form= oder Torpidität, wo
Wahrnehmungen, Vorstellungen und Handlungen deutlich gehemmt sind, und
die =versatile Form= oder der Erethismus, wo Flüchtigkeit der Eindrücke
und Vorstellungen neben unruhiger Beweglichkeit des Körpers bestehen.
Häufig ist ein automatischer Nachahmungstrieb vorhanden, so daß
irgendwelche Bewegungen (z. B. Händereiben) unwillkürlich und kaum
bewußt nachgeahmt werden, dagegen fehlt die von der Einbildungskraft
geleitete Nachahmung, die den normalen Kindern eigen ist.
Ungemein häufig finden sich auch bei den besseren Idioten körperliche
Zeichen der in ihren Folgen fortbestehenden Gehirnerkrankung. In etwa
einem Fünftel der Fälle treten häufig epileptische Anfälle auf, oft
kommt es auch nur zu vereinzelten Krampfanfällen bei besonderen Anlässen
(Infektionskrankheiten, Hitze, Schreck); bei den Kranken mit einseitiger
spastischer Parese usw. weisen die Krämpfe nicht selten deutlich auf den
bestehenden Gehirnherd hin. Außerdem findet man hier besonders häufig
Schielen, Nystagmus, Chorea, Athetose, Speichelfluß, Enuresis,
unfreiwilligen Kotabgang usw.
Bei den =Imbezillen= ist, wie bereits gesagt, die Fähigkeit vorhanden,
geistige Vergleiche zu ziehen, zu urteilen und abstrakte Begriffe zu
bilden. Die Abweichung von der normalen Geistesbeschaffenheit besteht
entweder in einem gleichmäßigen Zurückbleiben hinter der normalen
Entwicklung, so daß die Betreffenden ihr Leben lang auf kindlicher Stufe
verbleiben, oder die Störung ist in den verschiedenen Geistesgebieten
verschieden stark ausgeprägt, so daß sich sehr wechselnde Bilder
ergeben. Häufig kann man die geistig =Zurückgebliebenen= ziemlich genau
mit Kindern einer bestimmten Alterstufe vergleichen, etwa mit solchen
von 6-8 Jahren oder mit solchen, die kurz vor dem Übergange in das
Jugendalter stehen, wo also noch die Reife des Charakters fehlt; in
anderen Fällen wird diese Vergleichung durch einzelne hervorstechende
Begabungen oder Lücken erschwert. Oft ist auch die körperliche
Entwicklung zurückgeblieben, die Kranken sehen zart und unfertig aus,
ihr Alter läßt sich nach dem Aussehen schwer oder gar nicht abschätzen,
Imbezille von 40-50 Jahren können wie Leute in den Zwanzigern aussehen.
Die Gesichtszüge behalten etwas Weiches und Unbestimmtes, die
Bartentwicklung ist oft mangelhaft, bei Männern bleibt die Sprache auf
der jugendlichen Stufe, Gang und Haltung verraten mangelndes
Selbstgefühl und geringe Bestimmtheit. Auch nach Neigungen und Wünschen
behalten die Kranken etwas Knabenhaftes.
Bei den =ungleichmäßig entwickelten Imbezillen= kann die Störung
zunächst vorzugsweise das =Gemütsleben= betreffen. Die Stimmung ist
schwankend, oft weniger von äußeren Einflüssen als von unbewußten,
inneren Regungen abhängig, häufig in periodischem Wechsel (vgl. S. 174).
Dadurch erscheinen die Kranken launenhaft, bald mehr nach der
körperlichen Seite, durch das Hervortreten hypochondrischer Züge (vgl.
S. 110) oder durch abnorme Begierden, wechselnden Nahrungs- und
Geschlechtstrieb oft in halb instinktiver Form usw., bald nach der
affektiven Seite, indem trübe oder alberne Stimmungen oder große
Reizbarkeit vorherrschen. Geringe unliebe Eindrücke, das Versagen eines
Wunsches, ein milder Verweis, vermeintliche Bevorzugung anderer u. dgl.
erregen trotz vorsichtiger Begründung schwere und lange anhaltende
Verstimmung, die sich sehr gewöhnlich in kräftigen Zornausbrüchen.
Schimpfreden, Abreißen der Kleidung, Umwerfen von Stühlen, Zerschlagen
von Fensterscheiben, Selbstmorddrohungen u. dgl. Luft macht, nicht
selten auch zu Angriffen und zu Selbstbeschädigungen führt.
Zwangsmaßregeln, die von den Angehörigen meist sehr reichlich angewendet
werden, sind bei der krankhaften Stärke des Affekts ganz nutzlos, aber
auch gutes Zureden versagt namentlich auf der Höhe der Erregung sehr
oft, Ablenkung erreicht häufig am meisten.
Sehr vielseitig sind die =intellektuellen Störungen=. Die
=Wahrnehmungen= sind oberflächlich und ungenau und verändern sich in der
Erinnerung nicht selten zu ausgesprochenen Fälschungen (vgl. S. 27
u. 173). Am schwächsten ist das =Urteil= da, wo die eigene
Persönlichkeit ins Spiel kommt, die gewöhnlich an Leistungen und
Beziehungen sehr überschätzt wird. Eigene Vergehen und Versehen werden
schnell vergessen oder entschuldigt, fremde um so schwerer und dauernder
aufgefaßt. Bei Streitigkeiten hat stets der andere Schuld. Ähnlich
entsteht oft der Gedanke, zurückgesetzt oder beeinträchtigt zu werden.
Wo ein gewisses ursprüngliches oder durch Belehrung erworbenes Gefühl
verminderter Leistungsfähigkeit besteht, wird Schonung und Nachsicht in
großer Ausdehnung beansprucht, während andere, die auf derselben Stufe
stehen, rücksichtslos verantwortlich gemacht werden. Kranke, die für
ihre eigenen Zornausbrüche alle Verantwortung ihrer »Reizbarkeit«
zuschieben, wünschen bei ihren Genossen in der Anstalt jede Neckerei
streng bestraft zu sehen. Der =Egoismus= nimmt ihnen völlig das
Verständnis und das Mitgefühl für andere und die Achtung für deren
Rechte. In diesem Sinne sind viele Imbezille durchaus =antisozial=. Auch
die übrigen ethischen Gefühle zeigen eine geringe Entwicklung, der Kreis
des sekundären, erweiterten Ich (vgl. S. 198) bleibt eng. Die Familie,
die Gesellschaft, der Staat erfüllen die Gedanken nur so weit, wie der
eigene Vorteil und die eigenen Wünsche davon abhängen. Häufig kann man
von einer wahren =Gefühlsentartung=, einem =Gemütsdefekt= sprechen,
wobei auch die eingelernten Gebote und Verbote nur so lange gültig
erscheinen, als die eigenen Wünsche damit zufrieden sind. Besteht
daneben eine gewisse Logik, so schaffen die Kranken für sich
gewissermaßen Ausnahmegesetze, wie z. B. ein mir bekannter
Schwachsinniger seine wiederholten Pferdediebstähle damit begründete,
daß er von jeher eine so große Vorliebe für Pferde gehabt hätte! Auf
diese Art fallen viele Imbezille unter den Begriff der _moral insanity_,
aus dem man fälschlich eine eigene Krankheitform hat bilden wollen (vgl.
S. 189).
Teils auf der Urteilschwäche, teils auf der ethischen Mangelhaftigkeit
beruht der häufige Hang dieser Kranken zum Lügen. Namentlich Vergehen
werden trotz aller Beweise einfach in Abrede gestellt; auch um Vorteile
zu erreichen, wird gern von Täuschung und Betrug, oft in sehr
durchsichtiger Weise, Gebrauch gemacht, und die Überführung erzeugt wohl
Bedauern, aber keine Scham und Reue.
Die =formelle Intelligenz= zeigt Störungen aller Grade. Die Denkvorgänge
sind meist verlangsamt, namentlich die Merkfähigkeit ist gestört, neue
Eindrücke werden sehr mühsam aufgefaßt und verarbeitet. Die leichte
Ermüdbarkeit tritt dabei außerordentlich hervor. Deshalb haften auch die
Eindrücke vielfach sehr schlecht, die Kranken bewahren einen gewissen
Bestand erworbener Kenntnisse, das kleine Einmaleins, die zehn Gebote
u. dgl., aber sie lernen nichts dazu, und namentlich versagen sie, wenn
neue Anwendungen davon gemacht werden sollen. Sie können z. B. richtig
zählen, die Wochentage hersagen und ihre Gesamtzahl angeben, kommen aber
nicht mit der Aufgabe zustande, der wievielte Wochentag der Freitag sei.
Ihre Sprache ist zuweilen wortreich und gewandt, aber dabei auf
alltägliche Dinge beschränkt und namentlich reich an Schlagworten und
aufgeschnappten Redensarten. Vielfach läßt sie in der grammatischen Form
zu wünschen übrig. Bei dem Bericht über ein bestimmtes Ereignis
überwuchern zufällige Nebengedanken den eigentlichen Zug der
Vorstellungen, so daß oft der Faden völlig verloren geht; eine kurze,
sachliche Schilderung ist nicht zu erreichen. Daneben finden sich oft
gewisse Eigentümlichkeiten der Sprechweise, die geradezu kennzeichnend
sind, von den gröberen Sprachstörungen, wie sie bei den Idioten
regelmäßig sind, bis zu verwaschener Aussprache, Auslassen von Silben,
Umstellen von Buchstaben u. dgl. Da auch die Imbezillität durch
organische Gehirnveränderungen bedingt sein kann, kommt natürlich auch
echte Aphasie vor. Ganz gewöhnlich ist es, daß wie das Gehen so auch das
Sprechen verspätet, erst in der zweiten Hälfte des ersten Jahrzehntes
gelernt wird. Der Grund dieser Schwierigkeit und weiterhin der
Undeutlichkeit des Sprechens liegt vielfach in den angeborenen
Formveränderungen des Gaumens, der Kiefer, der Zähne und der Zunge. Sehr
wichtig sind auch die Störungen der Schrift. Da werden Buchstaben und
Silben verwechselt, verstellt: =Schreibstammeln=, weggelassen oder
hinzugefügt, bis zur Unleserlichkeit; die Schrift ist ungleich groß, der
Zeilenabstand sehr wechselnd usw. Neben diesen Störungen gibt der
nachfolgende Teil eines Briefes einer etwa 30jährigen Schwachsinnigen
auch von den häufigen Wiederholungen ein gutes Bild:
»Liebe Marrie und leibe Anna Ich Läse euh sehr schön grrüssen und ih
teile dir mit liebe Marrie und leibe Anna den ich weis schon nih mehr
wes ih hir schon mahen sol da möchte ih mir schon gleih mein liäben mir
abnem aber ih denke mir noh auf liben Gott den ih denke mir wen ih auf
den leiben Gott nih vergese da wirnd der liebe Gott mih auh nih verlasen
den wen ih solte nah Freiburg schon varen. Da hatzi mir schon alles
gesprochen wie wert hier schon sein die Schwägerim und ih nähte dih
liebe Marrie sehr schöm bieten wen du möchst so gut sein und dem Paul
sagen das ih läse im sehr schöm bieten wen er möhte so gut sein und auf
die Polizei gen den es tut mih Füße so wej und auf dem Pukel auh und
alles tut mih so wej und du weistja liebe Marrie wie lange lebe ih schon
auf den Erde da hates mih noh nih so wej getan« usw.
Einseitige Begabungen, zumal für Musik, seltener im Zeichnen oder im
Zahlengedächtnis kommen vor. Ein Imbeziller, den ich kennen lernte,
wußte von zahlreichen Angestellten und Kranken seiner Anstalt die
Geburtstage und -jahre und viele andere Lebensdaten, von den Kühen im
Stall den Tag der Geburt und des Ankaufs, ferner konnte er auf viele
Jahre zurück beim Nennen eines beliebigen Datums ohne Zögern den
Wochentag angeben, auf den dieses gefallen war -- eine Erklärung für die
höchst überraschende Fertigkeit war nicht zu erlangen, weil er den Sinn
meiner Fragen auf keine Weise verstehen konnte. Im ganzen sind
einseitige Begabungen jedenfalls selten, ebenso wie umschriebene
Ausfälle, z. B. völliges Fehlen des Zahlensinns. Die Angabe, dass
Idioten und Imbezille im allgemeinen bedeutenden Sinn für Musik und
besonders für Rhythmus hätten, stimmt mit meinen Erfahrungen nicht:
z. B. können sie fast alle nicht ordentlich tanzen, auch wo die Übung
und das körperliche Geschick dafür vorhanden ist.
Zuweilen wird eine gewisse Begabung durch ihre =Unstetigkeit=
vorgetäuscht. Sie nehmen neue Eindrücke begierig auf und zeigen für
alles große Aufmerksamkeit, aber sie bleiben dabei auf der Oberfläche
hängen und gehen ebenso schnell auf anderes über. Derartige Kranke sind
auch gewöhnlich sehr leichtgläubig, was von ihrer Umgebung recht oft zu
Neckereien, Unfug und Verbrechen ausgenutzt wird.
Je nachdem sich nun diese verschiedenen Eigentümlichkeiten des
Imbezillen im Einzelfalle zusammenmischen, entstehen natürlich sehr
wechselnde Bilder, deren klinische Zerlegung nach dem S. 45 ff.
angegebenen Verfahren die einzelnen krankhaften Teile klarlegt. Dem
Laien ist die Beurteilung namentlich in den Fällen erschwert, wo der
eigentliche Verstand weniger beeinträchtigt ist als das Gleichgewicht
der Stimmung und die ethischen Gefühle. Verhältnismäßig selten kommt es
bei Idioten und Imbezillen zu ausgesprochenen Geistesstörungen. Auch
deutliche krankhafte Triebe sind bei ihnen viel seltener als bei
hereditär Irren (S. 188), aber verbrecherische Handlungen kommen aus
Urteilschwäche oder ethischen Mängeln, aus Zornmütigkeit und andern
Affekten und unter dem Druck der eigenen Unfähigkeit häufig vor. Daher
ist für den Gerichtsarzt das genaue Kennenlernen dieser Kranken von
großem Wert. Die Unterscheidung vom »geborenen Verbrecher«, der ihnen
körperlich und geistig nahe steht, ist vielfach nur durch die geringen
Defekte der Intelligenz herbeizuführen, um so schwerer, weil diese bei
jedem Einzelnen und bei jedem Stande so ungemein wechselt. Die
Aufdeckung der Entwicklung im Kindes- und Jugendalter ist hier von der
größten Wichtigkeit, aber auch sie ist nicht immer entscheidend, weil
bei manchen Imbezillen die Schwäche im Gegensatz zu dem sonst meist
gleichbleibenden Zustande erst mit der Pubertät oder später zunimmt,
oder aber erst dann hervortritt, wenn der Eintritt ins Leben, die
Lehrzeit, der Militärdienst, die Begründung des eigenen Haushalts
größere Anforderungen stellen. Unter den Fahnenflüchtigen und
Ungehorsamen im Heere sind zahlreiche Imbezille, die oft erst nach
vieljährigen Kämpfen und Strafen erkannt und einer Irrenanstalt
zugeführt werden. Zahllose Schwachsinnige werden durch die Not, als
Unterliegende im Kampfe ums Dasein, zu Verbrechern oder zu Vagabunden,
und was sie geworden sind, bleiben sie um so mehr, weil sie jeder
Verführung leicht nachgeben und noch weniger als andere imstande sind,
sich den Weg zum geordneten Leben wieder zu erkämpfen.
Die =pathologische Anatomie= der Idiotie und der Imbezillität ist bei
der großen Zahl der Ursachen und der Grade erklärlicherweise sehr
mannigfaltig. Außer der Hydrokephalie und der Mikrokephalie findet man
alle Arten von Hemmungsbildung des Gehirns (Balkenmangel, unvollkommene
Entwicklung der Windungen, Asymmetrie usw.), allgemeine Veränderungen
der Gehirnhäute und des Gehirns (multiple tuberöse Sklerose,
chagrinartige Atrophie, _état criblé_, der Rinde usw.), Herderkrankungen
(Polioenkephalitis, Porenkephalie, Narben, sulzige Entartungen),
zuweilen nur mikroskopisch das Fehlen der Rindenfasern und abnorme
Stellung der Pyramidenzellen usw. bei normalem grobanatomischen
Aussehen. Der Grad der Veränderungen steht nicht selten in einem
gewissen Gegensatz zu dem klinischen Bilde.
Die =Erziehung= der Idioten kann nur in einer eigens dazu eingerichteten
Anstalt erfolgen. Die Notwendigkeit besonders vorgebildeter Lehrer und
Erzieher ebensowohl wie die günstige Einwirkung des Zusammenlebens mit
andern Kindern, die geistig nicht allzuviel höher stehen, sprechen
gleichermaßen dafür. Derartige Anstalten haben bisher fast ganz in den
Händen von Pädagogen und von Geistlichen gelegen, obwohl historisch die
Begründung der Idiotenpflege Ärzten zu verdanken ist. In neuerer Zeit
ist durch die staatliche Fürsorge für Idioten die Frage brennend
geworden, wem die Leitung derartiger Anstalten zuzufallen habe. Wegen
der großen Bedeutung der Gesundheitspflege für die Idioten und bei der
Häufigkeit körperlicher Nebenkrankheiten scheint mir die ärztliche
Leitung und die medizinische Grundlage der Anstalt allgemein vorzuziehen
zu sein, dagegen kann man ohne weiteres den Bruchteil der Idioten, der
bei geringen körperlichen Störungen gut bildungsfähig erscheint, dem
Pädagogen anvertrauen. Zu wünschen wäre nur, daß diese sich mehr
psychologische und psychiatrische Kenntnis verschafften und der
Ausbildung der willkürlichen Bewegungen und der Sinne mehr
Aufmerksamkeit zuwendeten, als das bisher -- von glänzenden Ausnahmen
abgesehen -- durchschnittlich der Fall ist. Eine wissenschaftliche,
umfassende und eingehende geistige Untersuchung und Würdigung der
Kranken sucht man bisher allzu oft vergebens, um so mehr wird mit
allgemeinen Redensarten gefochten. Die Ärzte, die an solchen Anstalten
wirken, sind von Schuld insofern nicht freizusprechen, als sie mangels
psychiatrischer Kenntnisse häufig ihre Aufgabe auf die Behandlung
zwischenlaufender Krankheiten beschränken. -- Die =Imbezillen= werden
vielfach in den Volksschulen mit durchgeschleppt und scheitern dann
während der Lehrzeit. Für ihren Unterricht sind die in vielen Städten
Deutschlands eingerichteten =Klassen für Schwachbefähigte= von größtem
Wert, die uneingeschränktes Lob verdienen, soweit sie nicht etwa Idioten
und Imbezille festhalten, die eigentlich in Anstalten gehörten. Von den
Imbezillen sind schon im Schulalter alle die anstaltsbedürftig, die
lebhaftere krankhafte Affekte, auffallende und verbrecherische Neigungen
und gröbere Denkstörungen zeigen. Auch späterhin ist, wenn nicht die
häuslichen Verhältnisse sehr günstig liegen, die Anstaltspflege meist
vorzuziehen, schon im Interesse der Kranken, die überall so lange
umhergestoßen zu werden pflegen, bis sie dem Vagabundenleben oder dem
Verbrechen in die Arme getrieben werden, oder den Arbeits- und den
Armenhäusern zur Last fallen. Im Jugendalter finden sie in guten
Anstalten die Ausbildung in einem ihnen entsprechenden Fache,
ordentliche Gewöhnung, Fernhaltung von dem ihnen besonders gefährlichen
Alkohol usw. -- nicht selten können sie weiterhin als minderwertige,
aber leidlich brauchbare Glieder in das Leben zurückkehren; in späterer
Zeit gibt die Anstalt ihnen Beschäftigung geeigneter Art, erhält sie in
menschenwürdigem, auch der Freuden nicht barem Dasein und schützt die
Gesellschaft vor ihren antisozialen Handlungen. Im Geleise der ruhigen
Gewohnheit sind sie, soweit das Leben sie nicht verdorben hat, meist
harmlose, freundliche Menschen und wie Kinder zu lenken.
Fußnoten.
[1] Man hat solche Formen als _Moral insanity_, moralisches Irresein,
bezeichnet; vgl. im zweiten Buch das Kapitel Grenzzustände.
[2] DORNBLÜTH, Therap. Monatsh. 1889, Nr. 8.
[3] Berl. Klin. Woch. 1888, Nr. 49; Therapeut. Monatsh. 1889, Nr. 8.
[4] ERLENMEYER, die Morphiumsucht und ihre Behandlung. 3. Aufl. 1887.
[5] Vgl. Münchener Medizinische Wochenschrift 1901, Nr. 1. -- Nervöse
Anlage und Neurasthenie, 1. Aufl. 1896.
[6] Während es früher üblich war, alle Formen von ängstlicher
Verstimmung als Melancholie zu bezeichnen, einerlei ob sie primär
entstanden waren oder nur, wie bei Paranoia insipiens, die Reaktion
auf psychische Veränderungen darstellten, hat KRAEPELIN zuerst darauf
hingewiesen, daß die =reine Melancholie= vorzugsweise eine Krankheit
des Rückbildungsalters sei. Er rechnet alle depressiven Verstimmungen
der jugendlicheren Alterstufen nicht zur Melancholie, sondern zum
manisch depressiven Irresein oder zur Dementia praecox, einzelne zum
Entartungsirresein und vielleicht auch zur Hysterie.
[7] Hypomelancholie (ZIEHEN).
[8] Progressive Paralyse der Irren, im Volksmunde Gehirnerweichung oder
Größenwahn.
Register.
Abasie 138.
Abreibungen 57. 119.
_Absence_ 158.
Abstinenz vom Alkohol 103. 168;
geschlechtliche 196.
Abstinenzerscheinungen 105.
Abulie 36.
Acetanilid 63.
Äquivalente bei Epilepsie 158 ff.
-- bei Hysterie 140.
Affekte 33. 81. 134 f. 176. 208. 212.
Affekthandlungen 176. 189.
Agoraphobie 177.
Alkohol als Krankheitsursache 13. 52. 62. 168. 259. 269. 280.
-- als Heilmittel 63. 80. 89.
Alkoholempfindlichkeit 95. 175.
Alkoholhalluzinose 100.
Alkoholintoleranz 95. 175.
Alkoholismus 92 ff.
Alkoholneuritis 90.
Alkoholtrieb 159. 189.
Alraunwurzel 3.
Alter 10. 267.
Altruistische Gefühle 33.