Die Arteriosklerose der Gehirnarterien erscheint wesentlich in zwei sehr
verschiedenen klinischen Formen, erstens als verhältnismäßig gutartige
Erkrankung nur mit nervösen Störungen, und zweitens als progressive
Hirnerkrankung mit psychotischen Folgen.
a) =Die gutartige Gehirnarteriosklerose= äußert sich gewöhnlich zuerst
in Kopfdruck, Schwindelgefühl oder Gefühl von Blutandrang zum Kopf,
Benommenheitsempfindungen, geistiger und körperlicher Ermüdbarkeit und
meist auch in großer Reizbarkeit. Die Kranken haben selbst ein sehr
unangenehmes Bewußtsein ihrer Krankheit, sie fühlen, daß sie nicht mehr
arbeiten können wie früher, schämen sich ihrer übermäßigen, nicht selten
bei geringem Anlaß zu Wutanfällen führenden Reizbarkeit und fürchten
geisteskrank oder blödsinnig zu werden oder einen Schlaganfall zu
bekommen. Oft besteht eine deutliche Gedächtnisschwäche, insbesondere
für Namen und Zahlen, oder eine Erschwerung der Auffassung, so daß der
Kranke einen Brief mehrmals lesen muß, um ihn zu verstehen, oder sich
das Gesagte noch wiederholen lassen muß: psychische Schwerhörigkeit.
Alle Erscheinungen steigern sich oder erneuern sich bei der geringsten
Aufregung, ferner werden sie leicht durch Genuß kleiner Mengen von
Alkohol oder auch wohl von Kaffee hervorgerufen.
Die beschriebenen Erscheinungen entstehen meist zwischen dem 50. und
60. Jahre, selten schon 10 Jahre früher. Manchmal sind gar keine
weiteren Zeichen von Arteriosklerose vorhanden, nur die vermehrte
=Spannung= des Pulses fehlt wohl nie. Manchmal besteht eine auffallende
Rötung des Gesichtes andauernd. In anderen Fällen deuten Atemnot bei
geringen Anstrengungen, immer wiederkehrende Katarrhe der Luftwege,
Verstopfung und Blähungen auf die sich entwickelnde Arteriosklerose hin.
Meist besteht eine Verstärkung des zweiten Aortentones; die beginnende
Vergrößerung des linken Herzens ist oft wegen leichten Emphysems nicht
nachweisbar. Nicht immer sind Härte und Schlängelung der Radialis,
verstärkte Pulsation der Karotis, Schlängelung der Temporalis
nachweisbar. Auch die Veränderung der Netzhautarterien kann fehlen.
Ohne weiteres ergibt sich die Diagnose, wenn Angina pectoris, Asthma
cardiacum, Schrumpfniere hinzutreten. Aber wie gesagt, die
Arteriosklerose der Gehirnarterien kann das erste und lange Zeit das
einzige Zeichen der Krankheit sein. Der beschriebene Zustand kann
jahrelang, auch über ein Jahrzehnt, auf derselben Stufe stehen bleiben,
aber auch wesentliche Nachlässe erfahren, namentlich unter dem Einflusse
einer geeigneten =Behandlung=. Diese besteht in einer großen Zahl der
Fälle in gründlicher =antisyphilitischer Kur=, zunächst mit Jodnatrium
und noch besser mit subkutanen Einspritzungen von =Jodipin= Merck,
darnach mit einer Quecksilberkur. Auch in den syphilisfreien Fällen ist
das Jod in den genannten Formen das beste Heilmittel. Immer muß es
monatelang angewendet werden. Zweckmäßig ist es, eine gründliche
Jodipinkur, die einen Monat dauert, mit Pausen von einem bis zwei
Monaten wiederholen zu lassen. Gute, aber nicht übermäßige Ernährung,
mit reichlicher Heranziehung von Gemüsen und Milch, Enthaltung von
Alkohol und Aufregungen, körperliche Übung ohne Überanstrengung,
kohlensaure Solbäder und milde nasse Abreibungen sind wertvoll. In den
meisten Fällen wird schließlich durch die hinzutretende
Allgemeinerkrankung oder durch =Apoplexie= der Tod herbeigeführt.
b) =Die progressive Gehirnarteriosklerose= ist 1891 von KLIPPEL als
arthritische Hirnatrophie, der französischen Auffassung von Arthritismus
folgend -- einer Krankheitsanlage, die Rheumatismus, Gicht, gewisse
Formen von Migräne und Hautleiden, sowie Neuralgien, Fettsucht,
Diabetes, Asthma umfassen soll --, und 1894 von BINSWANGER und ALZHEIMER
beschrieben worden und seitdem besonders von dem letzteren genauer
erforscht worden. Vorher wurde sie mit der Dementia paralytica
zusammengeworfen oder als =Pseudoparalyse= bezeichnet.
Während die vorhin beschriebene Form mehr durch den Elastizitätsverlust
der Arterien bedingt zu sein scheint, handelt es sich bei der schwereren
Form jedenfalls mehr um Verdickungen der Intima, die zum Verschluß der
Gefäße und damit zu Störung oder zur Aufhebung der Blutversorgung
kleinerer oder größerer Bezirke führen. Soweit kleinste Gefäße betroffen
sind, kommt es dabei nicht zu den bekannten Erscheinungen der
thrombotischen Erweichung, sondern zu einer unvollkommenen Zerstörung,
zu einer allmählichen Auflösung des nervösen Gewebes, während zum Ersatz
die Glia wuchert. Manchmal ist diese Veränderung nur mikroskopisch zu
erkennen, in anderen Fällen stellen sich die Teile infolge der
Gliawucherung als kleine Verhärtungen dar. Die Verbreitung der Vorgänge
im Gehirn wechselt sehr. Die Arteriosklerose der höheren Jahre ist
gewöhnlich ziemlich gleichmäßig durch das ganze Gehirn verbreitet,
dagegen befällt die frühe Arteriosklerose, wie sie meistens durch
Syphilis, seltener durch Alkoholismus oder durch ererbte Anlage
hervorgerufen wird, oft einzelne Gehirnteile. Dann treten besonders gern
Andeutungen von Herderscheinungen hervor, vorübergehende
Sprachstörungen, Veränderungen des Gesichtsfeldes, z. B. Hemiopie,
leichte Monoplegien, kortikale Störungen des Haut- und Muskelgefühls,
apoplektiforme Anfälle. Andere Male kommt es nur zu Schwindelanfällen
oder aber zu epileptiformen Anfällen. Zuweilen beginnt die Krankheit mit
diesen Erscheinungen, häufiger schieben sie sich erst in ihren Verlauf
ein, abwechselnd mit Anfällen von vorübergehender Benommenheit oder
Verwirrtheit, Aufregung oder halluzinatorischen Delirien.
In den meisten Fällen ist das erste, was dem Kranken selbst und der
Umgebung auffällt, eine Erschwerung der Auffassung und des Nachdenkens
und eine Schwäche des Gedächtnisses. Namentlich die Merkfähigkeit ist
sehr beeinträchtigt. Besonders, wenn der Kranke ermüdet ist, und das
wird durch verhältnismäßig kurze Anstrengungen hervorgerufen, behält er
gar nichts mehr. Zwischendurch kommt oft in überraschender Weise zum
Vorschein, daß der Kranke vieles behalten hat, was man unbemerkt
vorbeigegangen glaubte, und daß er tatsächliche Verhältnisse noch sehr
gut zu beurteilen weiß. Der Zustand wechselt überhaupt sehr, zwischen
annähernd freien Zeiten und anderen, wo die Kranken weinerlich, gereizt,
unruhig, und wieder anderen, wo sie teilnahmlos sind. Sie machen sich
selbst gewöhnlich viel Gedanken über ihren Zustand, sind traurig und
hoffnungslos darüber. Zuweilen kommt es dauernd, manchmal nur zu Anfang
der Krankheit, zu Angstzuständen, manchmal zu ausgeprägten
Zwangsvorstellungen, auch bei Personen, die sonst nie daran gelitten
hatten.
Die =Unterscheidung= der progressiven Gehirnarteriosklerose von der
Dementia paralytica beruht, wie ALZHEIMER richtig hervorgehoben hat, auf
den anatomischen Unterschieden beider Krankheiten. Die Dementia
paralytica als völlig diffuse Rindenerkrankung zerstört regelmäßig die
ganze Persönlichkeit und läßt den daran Leidenden als Geisteskranken
erscheinen; die Arteriosklerose macht ihn zum Hirnkranken, verlangsamt
und erschwert den Gedankenablauf, hemmt die Assoziationstätigkeit,
erhält aber den Kern der Persönlichkeit und ein richtiges Selbsturteil.
Die psychischen Defekte gehen oft sehr tief, aber sie sind nicht so über
das ganze Geistesleben ausgedehnt wie bei der Paralyse. So kann man auch
die =atypische Paralyse= LISSAUERs, eine Dementia paralytica mit
gleichzeitigen anatomischen Veränderungen im Hirnstamm und
entsprechenden organischen Zeichen, die an die arteriosklerotischen
erinnern, doch durch das geistige Bild von der progressiven
arteriosklerotischen Hirnatrophie unterscheiden. Weitere
Unterscheidungszeichen geben die der Paralyse eigentümliche
Pupillenstarre, die Sprachstörung, die Störung der Patellarreflexe usw.
Eine etwas besondere Stellung nehmen die von BINSWANGER als
=Encephalitis subcorticalis chronica= bezeichneten Fälle von
Gehirnarteriosklerose ein, wobei besonders die langen Gefäße des
Gehirnmarkes betroffen sind und das Marklager stark atrophiert, während
die Rinde ziemlich frei bleibt. Dementsprechend sind die
Herderscheinungen besonders ausgeprägt: motorische oder sensorische
Aphasie, Agraphie, Monoplegien, Asymbolie, Gesichtsfeldveränderungen,
epileptiforme und apoplektiforme Anfälle, Störungen der
Sprachartikulation, oft zahlreiche solche Herderscheinungen zugleich,
die in ihrer Intensität sehr wechseln. Daneben besteht auch hier die
erschwerte Assoziation, nicht selten deprimierte oder weinerliche
Stimmung und trotz des geistigen Verfalles verhältnismäßig lange
erhaltene Krankheitseinsicht. Zum Schluß erreicht die Verblödung
allerdings oft die höchsten Grade und erinnert nach BINSWANGER an den
Blödsinn der großhirnlosen Versuchstiere.
=Verlauf und Ausgänge.= Die arteriosklerotische Hirnatrophie kann sehr
chronisch verlaufen, viele Jahre anhalten. In den meisten Fällen kommt
es nicht zu den schweren Formen der Verblödung, weil vorher Apoplexien,
Nieren- und Herzkrankheiten infolge des Allgemeinleidens zum Tode
führen. Die =Behandlung= ist dieselbe wie für die leichteren Formen
angegeben worden ist.