3. Arteriosklerotische Psychosen.

Die Arteriosklerose der Gehirnarterien erscheint wesentlich in zwei sehr

verschiedenen klinischen Formen, erstens als verhältnismäßig gutartige

Erkrankung nur mit nervösen Störungen, und zweitens als progressive

Hirnerkrankung mit psychotischen Folgen.

a) =Die gutartige Gehirnarteriosklerose= äußert sich gewöhnlich zuerst

in Kopfdruck, Schwindelgefühl oder Gefühl von Blutandrang zum Kopf,

Benommenheitsempfindungen, geistiger und körperlicher Ermüdbarkeit und

meist auch in großer Reizbarkeit. Die Kranken haben selbst ein sehr

unangenehmes Bewußtsein ihrer Krankheit, sie fühlen, daß sie nicht mehr

arbeiten können wie früher, schämen sich ihrer übermäßigen, nicht selten

bei geringem Anlaß zu Wutanfällen führenden Reizbarkeit und fürchten

geisteskrank oder blödsinnig zu werden oder einen Schlaganfall zu

bekommen. Oft besteht eine deutliche Gedächtnisschwäche, insbesondere

für Namen und Zahlen, oder eine Erschwerung der Auffassung, so daß der

Kranke einen Brief mehrmals lesen muß, um ihn zu verstehen, oder sich

das Gesagte noch wiederholen lassen muß: psychische Schwerhörigkeit.

Alle Erscheinungen steigern sich oder erneuern sich bei der geringsten

Aufregung, ferner werden sie leicht durch Genuß kleiner Mengen von

Alkohol oder auch wohl von Kaffee hervorgerufen.

Die beschriebenen Erscheinungen entstehen meist zwischen dem 50. und

60. Jahre, selten schon 10 Jahre früher. Manchmal sind gar keine

weiteren Zeichen von Arteriosklerose vorhanden, nur die vermehrte

=Spannung= des Pulses fehlt wohl nie. Manchmal besteht eine auffallende

Rötung des Gesichtes andauernd. In anderen Fällen deuten Atemnot bei

geringen Anstrengungen, immer wiederkehrende Katarrhe der Luftwege,

Verstopfung und Blähungen auf die sich entwickelnde Arteriosklerose hin.

Meist besteht eine Verstärkung des zweiten Aortentones; die beginnende

Vergrößerung des linken Herzens ist oft wegen leichten Emphysems nicht

nachweisbar. Nicht immer sind Härte und Schlängelung der Radialis,

verstärkte Pulsation der Karotis, Schlängelung der Temporalis

nachweisbar. Auch die Veränderung der Netzhautarterien kann fehlen.

Ohne weiteres ergibt sich die Diagnose, wenn Angina pectoris, Asthma

cardiacum, Schrumpfniere hinzutreten. Aber wie gesagt, die

Arteriosklerose der Gehirnarterien kann das erste und lange Zeit das

einzige Zeichen der Krankheit sein. Der beschriebene Zustand kann

jahrelang, auch über ein Jahrzehnt, auf derselben Stufe stehen bleiben,

aber auch wesentliche Nachlässe erfahren, namentlich unter dem Einflusse

einer geeigneten =Behandlung=. Diese besteht in einer großen Zahl der

Fälle in gründlicher =antisyphilitischer Kur=, zunächst mit Jodnatrium

und noch besser mit subkutanen Einspritzungen von =Jodipin= Merck,

darnach mit einer Quecksilberkur. Auch in den syphilisfreien Fällen ist

das Jod in den genannten Formen das beste Heilmittel. Immer muß es

monatelang angewendet werden. Zweckmäßig ist es, eine gründliche

Jodipinkur, die einen Monat dauert, mit Pausen von einem bis zwei

Monaten wiederholen zu lassen. Gute, aber nicht übermäßige Ernährung,

mit reichlicher Heranziehung von Gemüsen und Milch, Enthaltung von

Alkohol und Aufregungen, körperliche Übung ohne Überanstrengung,

kohlensaure Solbäder und milde nasse Abreibungen sind wertvoll. In den

meisten Fällen wird schließlich durch die hinzutretende

Allgemeinerkrankung oder durch =Apoplexie= der Tod herbeigeführt.

b) =Die progressive Gehirnarteriosklerose= ist 1891 von KLIPPEL als

arthritische Hirnatrophie, der französischen Auffassung von Arthritismus

folgend -- einer Krankheitsanlage, die Rheumatismus, Gicht, gewisse

Formen von Migräne und Hautleiden, sowie Neuralgien, Fettsucht,

Diabetes, Asthma umfassen soll --, und 1894 von BINSWANGER und ALZHEIMER

beschrieben worden und seitdem besonders von dem letzteren genauer

erforscht worden. Vorher wurde sie mit der Dementia paralytica

zusammengeworfen oder als =Pseudoparalyse= bezeichnet.

Während die vorhin beschriebene Form mehr durch den Elastizitätsverlust

der Arterien bedingt zu sein scheint, handelt es sich bei der schwereren

Form jedenfalls mehr um Verdickungen der Intima, die zum Verschluß der

Gefäße und damit zu Störung oder zur Aufhebung der Blutversorgung

kleinerer oder größerer Bezirke führen. Soweit kleinste Gefäße betroffen

sind, kommt es dabei nicht zu den bekannten Erscheinungen der

thrombotischen Erweichung, sondern zu einer unvollkommenen Zerstörung,

zu einer allmählichen Auflösung des nervösen Gewebes, während zum Ersatz

die Glia wuchert. Manchmal ist diese Veränderung nur mikroskopisch zu

erkennen, in anderen Fällen stellen sich die Teile infolge der

Gliawucherung als kleine Verhärtungen dar. Die Verbreitung der Vorgänge

im Gehirn wechselt sehr. Die Arteriosklerose der höheren Jahre ist

gewöhnlich ziemlich gleichmäßig durch das ganze Gehirn verbreitet,

dagegen befällt die frühe Arteriosklerose, wie sie meistens durch

Syphilis, seltener durch Alkoholismus oder durch ererbte Anlage

hervorgerufen wird, oft einzelne Gehirnteile. Dann treten besonders gern

Andeutungen von Herderscheinungen hervor, vorübergehende

Sprachstörungen, Veränderungen des Gesichtsfeldes, z. B. Hemiopie,

leichte Monoplegien, kortikale Störungen des Haut- und Muskelgefühls,

apoplektiforme Anfälle. Andere Male kommt es nur zu Schwindelanfällen

oder aber zu epileptiformen Anfällen. Zuweilen beginnt die Krankheit mit

diesen Erscheinungen, häufiger schieben sie sich erst in ihren Verlauf

ein, abwechselnd mit Anfällen von vorübergehender Benommenheit oder

Verwirrtheit, Aufregung oder halluzinatorischen Delirien.

In den meisten Fällen ist das erste, was dem Kranken selbst und der

Umgebung auffällt, eine Erschwerung der Auffassung und des Nachdenkens

und eine Schwäche des Gedächtnisses. Namentlich die Merkfähigkeit ist

sehr beeinträchtigt. Besonders, wenn der Kranke ermüdet ist, und das

wird durch verhältnismäßig kurze Anstrengungen hervorgerufen, behält er

gar nichts mehr. Zwischendurch kommt oft in überraschender Weise zum

Vorschein, daß der Kranke vieles behalten hat, was man unbemerkt

vorbeigegangen glaubte, und daß er tatsächliche Verhältnisse noch sehr

gut zu beurteilen weiß. Der Zustand wechselt überhaupt sehr, zwischen

annähernd freien Zeiten und anderen, wo die Kranken weinerlich, gereizt,

unruhig, und wieder anderen, wo sie teilnahmlos sind. Sie machen sich

selbst gewöhnlich viel Gedanken über ihren Zustand, sind traurig und

hoffnungslos darüber. Zuweilen kommt es dauernd, manchmal nur zu Anfang

der Krankheit, zu Angstzuständen, manchmal zu ausgeprägten

Zwangsvorstellungen, auch bei Personen, die sonst nie daran gelitten

hatten.

Die =Unterscheidung= der progressiven Gehirnarteriosklerose von der

Dementia paralytica beruht, wie ALZHEIMER richtig hervorgehoben hat, auf

den anatomischen Unterschieden beider Krankheiten. Die Dementia

paralytica als völlig diffuse Rindenerkrankung zerstört regelmäßig die

ganze Persönlichkeit und läßt den daran Leidenden als Geisteskranken

erscheinen; die Arteriosklerose macht ihn zum Hirnkranken, verlangsamt

und erschwert den Gedankenablauf, hemmt die Assoziationstätigkeit,

erhält aber den Kern der Persönlichkeit und ein richtiges Selbsturteil.

Die psychischen Defekte gehen oft sehr tief, aber sie sind nicht so über

das ganze Geistesleben ausgedehnt wie bei der Paralyse. So kann man auch

die =atypische Paralyse= LISSAUERs, eine Dementia paralytica mit

gleichzeitigen anatomischen Veränderungen im Hirnstamm und

entsprechenden organischen Zeichen, die an die arteriosklerotischen

erinnern, doch durch das geistige Bild von der progressiven

arteriosklerotischen Hirnatrophie unterscheiden. Weitere

Unterscheidungszeichen geben die der Paralyse eigentümliche

Pupillenstarre, die Sprachstörung, die Störung der Patellarreflexe usw.

Eine etwas besondere Stellung nehmen die von BINSWANGER als

=Encephalitis subcorticalis chronica= bezeichneten Fälle von

Gehirnarteriosklerose ein, wobei besonders die langen Gefäße des

Gehirnmarkes betroffen sind und das Marklager stark atrophiert, während

die Rinde ziemlich frei bleibt. Dementsprechend sind die

Herderscheinungen besonders ausgeprägt: motorische oder sensorische

Aphasie, Agraphie, Monoplegien, Asymbolie, Gesichtsfeldveränderungen,

epileptiforme und apoplektiforme Anfälle, Störungen der

Sprachartikulation, oft zahlreiche solche Herderscheinungen zugleich,

die in ihrer Intensität sehr wechseln. Daneben besteht auch hier die

erschwerte Assoziation, nicht selten deprimierte oder weinerliche

Stimmung und trotz des geistigen Verfalles verhältnismäßig lange

erhaltene Krankheitseinsicht. Zum Schluß erreicht die Verblödung

allerdings oft die höchsten Grade und erinnert nach BINSWANGER an den

Blödsinn der großhirnlosen Versuchstiere.

=Verlauf und Ausgänge.= Die arteriosklerotische Hirnatrophie kann sehr

chronisch verlaufen, viele Jahre anhalten. In den meisten Fällen kommt

es nicht zu den schweren Formen der Verblödung, weil vorher Apoplexien,

Nieren- und Herzkrankheiten infolge des Allgemeinleidens zum Tode

führen. Die =Behandlung= ist dieselbe wie für die leichteren Formen

angegeben worden ist.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 60 / 133 题