Abgesehen von der Dementia paralytica und von den geistigen Störungen,
die sich an die syphilitischen Gehirngeschwülste anschließen und im
wesentlichen als reizbarer Schwachsinn mit mehr oder weniger großer
Benommenheit verlaufen, kommen durch die syphilitischen
Gefäßerkrankungen nicht selten Geistesstörungen zustande, die schon aus
prognostischen und therapeutischen Rücksichten einer Hervorhebung
bedürfen.
Diese Form der syphilitischen Geistesstörung entwickelt sich allmählich
aus körperlichen Störungen (Kopfschmerzen, besonders Nachts, leichte
Schwindelanfälle oder vorübergehende, angedeutete Sprachstörungen)
heraus, die nicht selten zu hypochondrischen Verstimmungen führen oder
mit Angstanfällen und allgemein neurasthenischen Erscheinungen verbunden
sind. Auf dieser Grundlage entwickelt sich nun ziemlich rasch eine
=geistige Schwäche=, die entsprechend der umschriebenen organischen
Ursache besonders häufig die Bedeutung eines =Herdsymptoms= hat
(Vergessen einer bestimmten fremden Sprache, Erschwerung des Rechnens
u. dgl.) und mit dem Wechsel der organischen Veränderung ebenfalls
=wechselt=, wieder zurücktritt oder andere Gebiete des geistigen Lebens
befällt (Gemütsreizbarkeit, ethische Schwäche). Dabei finden sich fast
immer keine Krankheiteinsicht, leichte Ermüdbarkeit (bis zum Einschlafen
im Gespräch), Empfindlichkeit gegen Alkohol, häufig auch
Überschätzungsideen, blödsinnige Euphorie und wirklicher Größenwahn. In
diesen Verlauf schieben sich nun ganz gewöhnlich =epileptische= oder
=apoplektische Anfälle= ein, die übrigens auch aus der einleitenden
Verstimmung heraus das Bild der schwereren Erscheinungen =eröffnen= und
der Entwicklung des Schwachsinnes vorausgehen können. An die Anfälle,
die im ganzen den paralytischen (S. 243) gleichen, schließen sich
zuweilen manische Erregung und eigentümliche Zustände von =rauschartiger
Verwirrtheit= an, die auch den Charakter des akuten Deliriums (S. 80)
tragen können.
Die den ganzen Verlauf begleitenden =motorischen Störungen= sind im
ganzen gröber als die der Dementia paralytica und bestehen in Lähmungen
der Gehirnnerven (Ptosis, Schielen, Zungen- und Gesichtlähmungen),
Monoplegien, Kontrakturen und Koordinationstörungen der Glieder,
Sprachstörungen allerart usw. Auch ihnen ist, ebensowie den
epileptiformen und apoplektiformen Anfällen, eine eigentümliche
=Flüchtigkeit= und der =sprunghafte Wechsel= zwischen schwersten
Erscheinungen und anscheinender Gesundheit eigentümlich. In vielen
Fällen treten sie übrigens sehr zurück.
Die Krankheit setzt häufig schon im Beginn der zwanziger Jahre ein,
wo die Dementia paralytica noch zu den großen Seltenheiten gehört,
und dauert häufig zehn, fünfzehn und mehr Jahre in wechselvollstem
Verlauf, aber gewöhnlich ohne so lange und ausgeprägte Remissionen
wie die paralytische Demenz. Die =Behandlung= besteht in
Quecksilber- und Jodkuren, besonders hat sich auch hier das
=Jodipin= (vgl. S. 260) bewährt. Bei bedrohlichen Erscheinungen
dürfte es sich empfehlen, mit den schnellwirkenden Injektionen von
Quecksilbersalzen (Salizylquecksilber usw.) zu beginnen und
nötigenfalls eine Schmierkur folgen zu lassen. Daneben sind Bäder
usw. notwendig, wie die innere Medizin es lehrt.