2. Psychosen bei Hirnsyphilis.

Abgesehen von der Dementia paralytica und von den geistigen Störungen,

die sich an die syphilitischen Gehirngeschwülste anschließen und im

wesentlichen als reizbarer Schwachsinn mit mehr oder weniger großer

Benommenheit verlaufen, kommen durch die syphilitischen

Gefäßerkrankungen nicht selten Geistesstörungen zustande, die schon aus

prognostischen und therapeutischen Rücksichten einer Hervorhebung

bedürfen.

Diese Form der syphilitischen Geistesstörung entwickelt sich allmählich

aus körperlichen Störungen (Kopfschmerzen, besonders Nachts, leichte

Schwindelanfälle oder vorübergehende, angedeutete Sprachstörungen)

heraus, die nicht selten zu hypochondrischen Verstimmungen führen oder

mit Angstanfällen und allgemein neurasthenischen Erscheinungen verbunden

sind. Auf dieser Grundlage entwickelt sich nun ziemlich rasch eine

=geistige Schwäche=, die entsprechend der umschriebenen organischen

Ursache besonders häufig die Bedeutung eines =Herdsymptoms= hat

(Vergessen einer bestimmten fremden Sprache, Erschwerung des Rechnens

u. dgl.) und mit dem Wechsel der organischen Veränderung ebenfalls

=wechselt=, wieder zurücktritt oder andere Gebiete des geistigen Lebens

befällt (Gemütsreizbarkeit, ethische Schwäche). Dabei finden sich fast

immer keine Krankheiteinsicht, leichte Ermüdbarkeit (bis zum Einschlafen

im Gespräch), Empfindlichkeit gegen Alkohol, häufig auch

Überschätzungsideen, blödsinnige Euphorie und wirklicher Größenwahn. In

diesen Verlauf schieben sich nun ganz gewöhnlich =epileptische= oder

=apoplektische Anfälle= ein, die übrigens auch aus der einleitenden

Verstimmung heraus das Bild der schwereren Erscheinungen =eröffnen= und

der Entwicklung des Schwachsinnes vorausgehen können. An die Anfälle,

die im ganzen den paralytischen (S. 243) gleichen, schließen sich

zuweilen manische Erregung und eigentümliche Zustände von =rauschartiger

Verwirrtheit= an, die auch den Charakter des akuten Deliriums (S. 80)

tragen können.

Die den ganzen Verlauf begleitenden =motorischen Störungen= sind im

ganzen gröber als die der Dementia paralytica und bestehen in Lähmungen

der Gehirnnerven (Ptosis, Schielen, Zungen- und Gesichtlähmungen),

Monoplegien, Kontrakturen und Koordinationstörungen der Glieder,

Sprachstörungen allerart usw. Auch ihnen ist, ebensowie den

epileptiformen und apoplektiformen Anfällen, eine eigentümliche

=Flüchtigkeit= und der =sprunghafte Wechsel= zwischen schwersten

Erscheinungen und anscheinender Gesundheit eigentümlich. In vielen

Fällen treten sie übrigens sehr zurück.

Die Krankheit setzt häufig schon im Beginn der zwanziger Jahre ein,

wo die Dementia paralytica noch zu den großen Seltenheiten gehört,

und dauert häufig zehn, fünfzehn und mehr Jahre in wechselvollstem

Verlauf, aber gewöhnlich ohne so lange und ausgeprägte Remissionen

wie die paralytische Demenz. Die =Behandlung= besteht in

Quecksilber- und Jodkuren, besonders hat sich auch hier das

=Jodipin= (vgl. S. 260) bewährt. Bei bedrohlichen Erscheinungen

dürfte es sich empfehlen, mit den schnellwirkenden Injektionen von

Quecksilbersalzen (Salizylquecksilber usw.) zu beginnen und

nötigenfalls eine Schmierkur folgen zu lassen. Daneben sind Bäder

usw. notwendig, wie die innere Medizin es lehrt.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 59 / 133 题