Die Dementia paralytica besteht in einem =unaufhaltsam fortschreitenden
geistigen und körperlichen Verfall= =mit tödlichem Ausgange=. Neben der
zunehmenden geistigen Schwäche, die in vielen Fällen von
Wahnvorstellungen expansiven oder depressiven Inhaltes begleitet wird,
treten allmählich immer deutlicher zerebrale Ausfallerscheinungen auf
motorischem Gebiete hervor. Daneben kommt es auch oft zu apoplektiformen
oder epileptiformen Anfällen. Man kann mehrere Stadien der Krankheit
unterscheiden, die in den einzelnen Fällen sehr verschieden ausgeprägt
sind.
=Vorläuferstadium.=
In den meisten Fällen geht der eigentlichen Krankheit eine Zeit voran,
die man nachträglich als Beginn des Leidens erkennt, die aber zunächst
fast immer als Neurasthenie, Überarbeitung usw. aufgefaßt wird. Die
Kranken schlafen schlecht, klagen über Kopfdruck, Abspannung, Müdigkeit,
Reizbarkeit, Schwindelgefühle, Magen- und Darmstörungen, geschlechtliche
Erregung oder Schwäche, kalte Hände und Füße, Blutandrang zum Kopf
u. dgl. Meistens wird bei dem sachverständigen Untersucher ein gewisser
Verdacht rege, indem außer diesen allgemeinen Erscheinungen gelegentlich
Erschwerungen der Sprachartikulation, Stolpern über schwierige Wörter,
flüchtige Augenmuskelparesen, Auslassungen von Buchstaben beim Schreiben
vorkommen. Ein bedenkliches Zeichen ist es, wenn zugleich Trägheit der
Pupillenreaktion festgestellt wird; dagegen hat eine einfache Differenz
der Pupillen keine besondere Bedeutung (vgl. S. 44).
=Einleitungstadium.=
Aus diesen undeutlichen Zeichen des Vorläuferstadiums, die immer Monate,
oft mehrere Jahre dauern, entwickelt sich die Krankheit zuweilen langsam
und allmählich weiter, indem sie nach und nach die ganze =geistige
Persönlichkeit verändert=, ohne daß der Kranke es merkt, oder doch ohne
daß er sich darüber =beunruhigt=. Die Veränderung kann schwer
nachweisbar sein, wenn es sich um Kranke handelt, deren intellektuelle
und ethische Fähigkeiten von vornherein wenig entwickelt waren, wie
z. B. bei Menschen der ungebildeten Kreise, oder bei denen sie durch die
Art ihrer Lebensführung, durch Alkoholmißbrauch u. dgl. schon länger
geschädigt und beeinträchtigt waren. Um so deutlicher macht sie sich
bei geistig und ethisch Hochstehenden geltend. Die gewohnten Grundsätze,
Ordnung, Pünktlichkeit, Rücksicht auf andere, geselliger Anstand,
angemessene und geordnete Kleidung werden mit völliger Sorglosigkeit
aufgegeben, im Gespräch und im Handeln kommt es zu Auffälligkeiten, die
»niemand einem solchen Manne zugetraut hätte«, dienstliche Aufgaben
werden ohne weiteres hinausgeschoben oder mit unerhörter Flüchtigkeit
erledigt. Wird den Kranken darüber eine Vorhaltung gemacht, so nehmen
sie das sehr leicht und gehen mit einem Scherz oder einer Ausrede
darüber hinweg, ohne sich fortan mehr vorzusehen. Eine Anzahl der
Kranken wird sich der Änderung ihres Wesens noch bewußt, aber sie machen
sich nichts daraus, sie entschuldigen alles vor sich selbst mit
irgendwelchen Ausreden: sie haben auch endlich einmal eine Erholung
verdient, sie sehen nicht ein, weshalb sie immer das Lasttier spielen
sollen, sie wollen auch einmal freie Menschen sein, usw. Je nach ihrer
Lebensstellung und ihren Verhältnissen kann man ihnen darin zunächst gar
nicht so ganz Unrecht geben; das Krankhafte tritt dann erst mit der
weiteren Entwicklung deutlich hervor. Immerhin hat der Gegensatz gegen
das frühere Verhalten etwas Verdächtiges, und meistens widersprechen
auch das Übermaß oder das Unzweckmäßige der aufgesuchten Erholungen,
Ausschreitungen in Alkoholgenuß, Aufsuchen geringeren Verkehrs,
geschlechtliche Ausschweifungen niederen Ranges oder mit allzugroßem
Geldaufwande nur zu deutlich der harmlosen Begründung, die der Kranke
vorgibt. Nicht selten steigert sich die Neigung zu allerhand ungewohnten
Unternehmungen bis zu verbotenen Handlungen: es kommt zu unsittlichen
Angriffen auf weibliche Personen, zu übermütigem Exhibitionismus, zu
schwindelhaften Einkäufen, Bestellungen, Unternehmungen, zu
Unterschlagung und Gelegenheitsdiebstahl. Man hat nicht ohne Grund dies
Stadium als das gerichtlich-medizinische Stadium der Paralyse
bezeichnet, so oft kommen die Kranken in dieser Zeit wegen ihrer
unüberlegten Handlungen vor Gericht. Eine andere Quelle von
Übertretungen bildet die gewöhnlich vorhandene große =Reizbarkeit=, die
leicht zu Streit und zu Körperverletzungen führt, um so leichter, wenn
Alkoholmißbrauch hinzukommt.
An die Störung der Urteilsfähigkeit und der Selbstkritik schließt sich
meist bald eine =Schwäche des Gedächtnisses= an. Zuerst kommt es
gewöhnlich zu einer Unsicherheit in den Erinnerungen. Zumal die neuen
Eindrücke werden schlecht gemerkt und zeitlich nicht richtig im
Gedächtnis geordnet, die Ereignisse der letzten Tage und Wochen werden
in ihrer Reihenfolge und Gleichzeitigkeit durcheinandergeworfen, beim
Erzählen verliert der Kranke bald den Faden und kommt vom Hundertsten in
Tausendste. Die Flüchtigkeit des Aufmerkens läßt Versehen und
Verwechselungen zu, Geträumtes wird für Erlebtes gehalten. Aber die
gehobene Stimmung, die scheinbar gesteigerte Tatkraft, die Leichtigkeit,
womit der Kranke selbst über alle Bedenken hinweggeht, verdecken für
seine Umgebung gewöhnlich so sehr die Lücken seiner Begründung und
seines Gedächtnisses, daß seine Angehörigen auch hinterher oft noch
diese Zeit für eine gesundere, leistungsfähigere ansehen und vielleicht
gar der Meinung sind, daß er sich dabei überarbeitet und damit die
spätere Krankheit herbeigeführt habe. Noch öfter werden die
Ausschweifungen im Alkoholgenuß usw., die auf der Krankheit beruhen,
später für ihre Ursache gehalten.
In einer kleineren Gruppe von Fällen besteht von vornherein oder mit der
beschriebenen gehobenen Stimmung abwechselnd eine =Gemütsdepression=.
Der Kranke ist niedergeschlagen, schweigsam, klagt über allerlei
körperliche und geistige Beschwerden, erklärt sich für schwerkrank,
äußert wohl gar die Befürchtung, an »Gehirnerweichung« zu erkranken. Das
Bild ist dann ganz ähnlich wie das des Vorläuferstadiums.
Neben den beschriebenen geistigen Erscheinungen des Anfangstadiums
finden sich regelmäßig auch =körperliche Zeichen=, die dem
Sachverständigen die schwere Bedeutung der vorhandenen geistigen Zeichen
sicherstellen. In erster Linie steht dabei die =Trägheit oder die
Aufhebung des Lichtreflexes der Pupillen=. Sehr oft findet sich auch
eine Ungleichheit der Pupillenweite beider Augen, aber sie hat nichts
Kennzeichnendes, da sie häufig bei verschiedenen physikalischen
Verhältnissen beider Augen oder auch als Zeichen nervöser Anlage
vorkommt. Dagegen ist die Aufhebung der Lichtreaktion bekanntlich ein
sehr wichtiges Zeichen, da sie außer bei Dementia paralytica nur noch
bei Tabes, bei Gehirnsyphilis und selten bei Polyneuritis vorkommt. Bei
der Dementia paralytica tritt gewöhnlich zunächst eine Trägheit der
Lichtreaktion ein, die Pupille verengert und erweitert sich bei
wechselnder Beleuchtung nur ganz langsam oder gar nicht, während sie
sich bei Akkommodation des Auges, beim Sehen in die Nähe, schnell und
deutlich verengert: ROBERTSONsches Zeichen. In späteren Stadien kann
auch die Akkommodationsreaktion fehlen. Oft ist die Form der Pupille
verändert, unregelmäßig oder eiförmig statt rund. In einem Drittel der
Fälle ist die Pupille dauernd abnorm eng, viel seltener besteht dauernde
Erweiterung. Zuweilen ist die indirekte Lichtreaktion der Pupille, auf
Beleuchtung oder Beschattung des anderen Auges, früher erloschen als die
direkte.
Die nächst häufigen körperlichen Erscheinungen des Anfangstadiums
der Dementia paralytica sind die =paralytischen Anfälle=. Man
versteht darunter =apoplektiforme= oder =epileptiforme= Anfälle der
verschiedensten Art und verschiedensten Stärke, die sich ohne
äußeren Anlaß einstellen. Zuweilen kommen sie so frühzeitig vor, daß
sie für die Umgebung des Kranken das erste Krankheitzeichen
darstellen. Oft werden sie auch nur als vorübergehender
Ohnmachtanfall oder als Kongestion zum Kopfe oder als ein Hitzschlag
aufgefaßt und damit die Erscheinung als erledigt betrachtet, bis
ernstere Störungen den Ernst der Sache an den Tag bringen. Die
leichtesten Fälle machen nur den Eindruck einer =Migräne=, und zwar
verläuft sie gewöhnlich als sogenannte _migraine ophtalmique_, d. h.
entweder als Supraorbitalschmerz mit Flimmerskotom und Erbrechen,
oder daneben noch mit vorübergehender Aphasie, Hemiopie, Bewegungs-
oder Gefühlstörung des rechten Armes oder auch wohl mit Zuckungen
des Gesichtes und des Armes, _migraine ophtalmique accompagnée_ der
Franzosen. Auch =Trigeminusneuralgien= oder Anfälle von allgemeinem
heftigen =Kopfschmerz= kommen mit derselben Bedeutung vor. Andere
Male stellen sich stärkere =Schwindel=- oder =Ohnmachtanwandlungen=
ein, oft mit nachfolgender motorischer Aphasie von kurzer Dauer,
oder als schwerste Erscheinung ausgeprägte =apoplektiforme= oder
=epileptiforme Anfälle=. Die Krämpfe gehen oft von einer bestimmten
Muskelgegend aus, meist von einer Gesichtshälfte oder von einem
Arme, und können darauf beschränkt bleiben oder die gesamte
Körpermuskulatur ergreifen. Nach den Krämpfen bleibt häufig eine
Gliederstarre auf der zuerst befallenen Seite zurück, die dann durch
neue Krampfstöße unterbrochen werden kann. Die apoplektiformen
Anfälle verlaufen fast immer mit tiefer Bewußtlosigkeit, die
tagelang anhalten kann, und hinterlassen öfters vorübergehende oder
dauernde Lähmungen, Paresen, aphasische Zustände, Hemiopie,
Asymbolie, Apraxie und andere Herderscheinungen. Oft gehen diese
aber so schnell zurück, daß die Umgebung sich des so folgenlos
überstandenen Schlaganfalles freut. Zuweilen treten nur rhythmische
=Zuckungen= im Fazialis, =Paresen= oder =Lähmungen= desselben
Nerven, =Zähneknirschen=, unwillkürliche =Gliederbewegungen= usw.
ohne Bewußtlosigkeit auf, die man als unvollkommene Anfälle
auffassen kann. Andere Male wechseln diese Zeichen von JACKSONscher
Epilepsie mit ausgesprochenen Krampf- oder Insultanfällen ab. Auch
=aphasische Zustände= kommen ohne Insulterscheinungen und ohne
Hemiplegie vor. Meist sind sie motorisch, seltener sensorisch, ihre
Dauer und ihre Ausdehnung wechselt von den kürzesten und
flüchtigsten Graden bis zu den schwersten und dauerndsten Formen.
Oft kann man auch schon in der Anfangszeit der Krankheit gewisse
dauernde =motorische Störungen= feststellen, vor allem Schlaffheit der
Gesichtszüge, Ungleichheit der Gesichtshälften durch einseitige
Fazialisparese, die sich durch Verstrichensein der Nasenlippenfalte
einer Seite kundgibt, fibrilläres Zittern der Gesichtsmuskeln, besonders
beim Sprechen, Zittern und Ataxie der vorgestreckten Zunge usw. Häufig
ist das ganze Gesicht maskenartig starr, mit blödem oder vielleicht in
der Depression versteinertem Ausdruck (vgl. Fig. 15). Meistens machen
sich auch schon früh die Anfänge der =paralytischen Sprachstörung=
geltend, die weiterhin genauer dargestellt werden wird. Auch deutliche
Lähmungen verschiedener Gehirnnerven können vorübergehend in dieser Zeit
erscheinen, vor allem Ptosis, Schielen und Doppelsehen.
Die =Geschlechtsorgane= zeigen ebenfalls gewöhnlich Störungen, bald im
Sinne gesteigerter Erregung, bald im Sinne der Unfähigkeit. Die
=Blasenfunktion= ist häufig gestört, sowohl =Harnverhaltung= als nach
längerer Verhaltung zeitweilige oder dauernde =Inkontinenz= kommen vor.
Höhestadium der Krankheit.
Aus dem beschriebenen Zustande entwickelt sich allmählich, nach kürzerer
oder längerer Zeit, das Höhestadium der Krankheit. Es kennzeichnet sich
vorzugsweise durch die =Zunahme des Schwachsinns= und =der motorischen
Störungen= und durch das =Auftreten von Wahnvorstellungen=, oft auch von
=Sinnestäuschungen=. Eine scharfe Trennung von dem vorigen Stadium ist
nicht durchzuführen, oft entwickelt sich die Höhe der Krankheit
unmittelbar aus den Vorläufererscheinungen.
[Illustration: Fig. 15. Dementia paralytica. Depressive Demenz.]
Der geistige Rückgang äußert sich vor allem in zunehmender
=Gedächtnisschwäche=. Namentlich die =Merkfähigkeit= nimmt reißend ab.
Der Kranke weiß heute nicht mehr, was er gestern getan hat, kann abends
nicht mehr angeben, was er Mittags gegessen hat, weiß vielleicht eine
Stunde nach der Mahlzeit nicht mehr, daß er schon gegessen hat,
verwechselt die Tageszeiten usw. Der Arzt vergißt Krankenbesuche zu
machen, oder geht zweimal am Tage zu demselben Kranken, da er sich des
ersten Besuches nicht mehr erinnert. Im Gasthof oder in der Anstalt
findet er sein Zimmer nicht wieder; der Lehrer geht in verkehrte
Klassenzimmer oder versäumt die Stunde, weiß nicht mehr, welche Schüler
er vor sich hat, verlangt griechisch in den Klassen, wo diese Sprache
noch nicht gelehrt wird, usw. Gebildete Menschen wissen weder Wochentag
noch Datum und entschuldigen das damit, daß sie keinen Kalender bei sich
hätten, daß die heutige Zeitung noch nicht da sei usw. Die erteilte
Auskunft haben sie nach kurzem wieder vergessen. Bald wissen sie gar
nicht mehr, wo sie sind; die Personen der neuen Umgebung, z. B. in der
Anstalt, werden gar nicht mehr in das Gedächtnis aufgenommen.
Schließlich gehen auch die Erinnerungen aus etwas zurückliegender Zeit
verloren, die Familiendaten, das Erlernte, die miterlebten Ereignisse
werden vergessen, der Kranke ist bei einem Besuch seiner Kinder
überrascht, einen Enkel vorzufinden, obwohl er vor einigen Monaten
seiner Taufe beigewohnt hat, er erkennt nach kurzer Trennung seine
Angehörigen nicht wieder und vergißt wohl seinen eigenen Namen. Die
Ausdehnung dieses Gedächtnisverlustes ist übrigens in den einzelnen
Fällen sehr verschieden, je nach den Bezirken des Gehirns, deren
Assoziationsfasern zerstört worden sind. Am meisten leidet immer das
Urteil über die eigene Person und deren Beziehungen, ein wirkliches
Einleben in neue Verhältnisse findet nicht mehr statt. Auch die
ethischen und moralischen Eigenschaften gehen immer mehr zugrunde. Die
Erfahrungen verlieren ihren Zusammenhang, die Gegenwart schwebt
sozusagen zwischen Vergangenheit und Zukunft ganz in der Luft. Was er
tun will, hat der Kranke im nächsten Augenblick vergessen, er ist daher
auch zu den einfachen Anstaltsbeschäftigungen kaum mehr zu gebrauchen.
Die Fähigkeit zum Kopfrechnen ist völlig verloren gegangen; das kleine
Einmaleins haftet vielleicht noch, aber der Kranke, der eben dreimal
neun richtig ausgerechnet hat, muß sich lange besinnen, ehe er neun mal
drei herausbringt, und die einfachsten Additionen und Subtraktionen
mißlingen ihm. Er nimmt an sich, was ihm gefällt, und bestreitet die
Entwendung, während er den entwendeten Gegenstand in der Hand hält.
[Illustration: Fig. 16. Dementia paralytica im Exaltationsstadium. (Nach
ZIEHEN.)]
[Illustration: Fig. 17. Dementia paralytica. Strahlende Euphorie.
Demenz. (Nach WEYGANDT.)]
Neben diesen Ausfallerscheinungen besteht häufig eine gesteigerte
Tätigkeit der =Phantasie=, wie sie bei Gesunden nur im Traum vorkommt.
In schreiendem Gegensatz zu der tatsächlichen Unfähigkeit fühlt sich der
Kranke gesund und arbeitskräftig wie noch nie, er verfügt über
unerschöpfliche persönliche und materielle Mittel, macht Reisen,
sinnlose Einkäufe, Heiratsanträge usw. und überwindet alle
Schwierigkeiten mit spielender Leichtigkeit, Das erhöhte Wohlbefinden,
die auch im Gesichtsausdruck hervortretende =Euphorie= des Paralytikers
(vgl. Fig. 16 und 17) geht regelmäßig in =Größenwahn= über, der in
seiner Eigenart so bezeichnend ist, daß er im Volke der Krankheit den
Namen gegeben hat. Er kann sich auf die Vergangenheit wie auf die
Zukunft erstrecken. Der Kranke erzählt wahre Münchhauseniaden, hat als
Feldherr Kriege gewonnen, als Erfinder schwierigste Aufgaben gelöst und
die herrlichsten Belohnungen dafür erhalten; häufiger liegen aber seine
großen Leistungen erst in der Zukunft. Binnen kurzem ist er das, was er
erstrebt hat, General, Millionär, Minister, dann wird er Kaiser, Kaiser
beider Welten, Sonnengott, Obergott, Besitzer von tausend Tonnen voll
Tausendmarkscheinen usw. Als Arzt kann er Kranken das Gehirn
herausnehmen und ihnen ein Kalbshirn einsetzen, das durch seinen Einfluß
alle Leistungen des besten Menschenhirnes geben kann; als Techniker
vollendet er durch seine persönliche Kraft den Panamakanal in wenigen
Tagen, verlegt Eisenbahnen und Tunnels durch wunderbare Maschinen,
Schwerkraft und Entfernung sind für ihn überwunden, sein Penis reicht
von der Erde bis zum Monde, er zeugt täglich Hunderte von Kindern, alle
von ungeahnter Größe und Schönheit, usw. Er hält seine Ideen nicht fest,
im Verlauf eines Gespräches erfindet er immer neue Wunder dazu, oft nur
in den Zahlen eine gewisse Einförmigkeit bewahrend: er ist 80000 Jahre
alt, hat 80000 Schlößer, 80000 Orden usw. Die Überschwenglichkeit der
Größenideen wird nur zuweilen von Kranken mit Dementia praecox erreicht
(vgl. S. 227), ihr schneller Wechsel kommt aber wohl nur der Dementia
paralytica zu.
Der Wahn ist aber nicht immer expansiver Natur, auch =depressive
Wahnvorstellungen= sind häufig. Wohl am häufigsten sind
=hypochondrische= Wahnvorstellungen, die sich auf Veränderung oder
Zerstörung des Körpers oder seiner Teile richten. Die Kranken glauben
z. B., kein Gehirn, keinen Magen, keinen After mehr zu haben, ganz
verfault zu sein, von Glas oder von Holz, mit anderen Menschen oder mit
Tieren ganz oder teilweise ausgetauscht, klein und schwach gemacht
anstatt wie früher zwei Meter groß zu sein, sie glauben, nicht mehr
sehen, nicht mehr essen oder nicht mehr ihren Darm und ihre Blase
entleeren zu können, tot und begraben zu sein usw. Sie sprechen dann
wohl von sich als von einer dritten Person. Unter Umständen erstreckt
sich dieser Negationswahn auch auf die Umgebung: es gibt keine Stadt
mehr, keine Menschen mehr, die ganze Welt ist untergegangen. Seltener
kommt es zu =Verfolgungswahn=, bei Frauen zum Wahn, beständig
geschlechtlich mißbraucht zu werden usw., während sich bei Frauen häufig
die Größenidee findet, zahllose Kinder zu haben und beständig Massen von
Kindern zur Welt zu bringen.
Nicht selten steigert sich die Euphorie zu schwerer =manischer
Erregung=. Die Kranken springen in beständiger Unruhe umher, schlagen
mit den Fäusten an die Wand, bis das Blut strömt, reiben sich Wunden,
schmieren sie mit Urin und Kot ein, daß schwere Phlegmonen entstehen,
und arbeiten sich ab bis zur völligen, zuweilen tödlichen Erschöpfung,
schreien sich heiser usw.
=Sinnestäuschungen= spielen im ganzen keine große Rolle bei der
Paralyse. Vor einigen Jahrzehnten wurden sie von den meisten Autoren
überhaupt verneint, aber ihr Vorkommen läßt sich nicht bestreiten.
Gewöhnlich sind sie nur zeitweise vorhanden, fast immer in ziemlich
elementarer Form, als Scheltworte u. dgl. oder als Bilder, die den
Wahnvorstellungen entsprechen, jedenfalls sind sie ohne großen Einfluß
auf das Krankheitbild. Dagegen kommt es in den meisten Fällen zu einer
erheblichen Abstumpfung der Empfindlichkeit der =Sinnesorgane= durch
verminderte Anspruchsfähigkeit ihrer Zentren, so daß das Erkennen des
Gesehenen, das Verstehen des Gehörten erschwert und schließlich
aufgehoben wird, Zustände, die der Seelenblindheit und der Worttaubheit
entsprechen. Sehr oft finden sich organische Veränderungen der
Sinnesnerven, namentlich Sehnervenatrophie. An den =Gliedern und am
Rumpf= stellen sich oft schon im Vorläuferstadium =neuritische
Erscheinungen= ein, die sich zunächst durch =rheumatoide Schmerzen=,
weiterhin durch =Analgesie= und =Anästhesie= kundgeben. Man hat
besonders auf die oft vorkommende Analgesie des Ulnarisstammes
hingewiesen.
Diese Sensibilitätstörungen, die zum Teil auch durch
Rückenmarkveränderungen bedingt sein können, sind die Hauptursache für
das leichte Eintreten von Dekubitus, wie VON GUDDEN nachgewiesen hat;
der Kranke nimmt die Druckschädigung nicht wahr und gleicht sie nicht
aus. Die frühere Annahme, daß trophische Störungen den Dekubitus
herbeiführten, ist ebenso wenig stichhaltig wie ihre Anschuldigung als
Ursache des =Othämatoms= und der =Rippenbrüche=; beide Erscheinungen
sind ebenfalls durch GUDDEN als Folge von Verletzungen nachgewiesen
worden, denen die hilfslosen und unruhigen Kranken besonders ausgesetzt
sind. Auf den Sensibilitätstörungen beruht ferner zum Teil die
Unsauberkeit der Kranken, die die herannahende Blasen- und
Darmentleerung nicht fühlen. Zum anderen Teil spielt die
Gleichgültigkeit der Demenz eine Rolle dabei, und ein Rest der Kranken
wünscht die Ausleerungen bei sich zu behalten, weil er sie für Gold oder
sonstige wertvolle Stoffe hält.
Unter den =motorischen Störungen= des Höhestadiums stehen wie im
Vorläuferstadium die paralytischen Anfälle obenan. Sie zeichnen sich
gewöhnlich durch ihren ungünstigen Einfluß auf das Allgemeinbefinden
aus, jeder Anfall pflegt eine deutliche Stufe im geistigen Rückgang zu
bewirken, und oft schließt sich eine etwas längere Verwirrtheit oder
Benommenheit daran an. Auch die =Sprachstörung= nimmt meistens nach den
Anfällen zu. Abgesehen von dem häufigen Auftreten aphasischer Zustände
und von einer allgemeinen Beeinflussung der Sprechweise durch die
Stimmung -- der euphorische Kranke spricht schnell, laut, gewaltsam, der
deprimierte leise, eintönig usw. -- zeichnet sich die Dementia
paralytica durch bestimmte Störungen der =Sprachartikulation= aus, die
mit Ataxie und Parese der Sprechmuskeln zusammenhängen, die kortikalen
oder bulbären Ursprunges sind. Zunächst kommt es gewöhnlich zu einem
gewissen Zaudern, =Häsitieren=, oft auch zu Pausen zwischen den
einzelnen Silben, =Skandieren=, zugleich wird die Sprache rauh,
eintönig. Die Konsonantenverbindungen werden unvollkommen artikuliert,
teils durch Vokalzwischenschiebung getrennt und verdoppelt
ausgesprochen, =Silbenstolpern=, teils abgeschliffen, so daß die Sprache
lallend, schmierend erscheint. Besonders deutlich zeigen sich die
Störungen bei gewissen Worten, die daher herkömmlich zur Probe benutzt
werden: Flanellappen, dritte reitende Artilleriebrigade, dreizehnter
Dezember, Elektrizität. Zum Unterschied von der Spracherschwerung
mancher Neurastheniker, die diesen gewöhnlich große Sorge macht, geht
der Paralytiker über die gröbsten Unvollkommenheiten seiner Sprache
leicht hinweg, er bemerkt sie gar nicht oder entschuldigt sich mit
irgend einem zufälligen Einfluß.
[Illustration: Fig. 18. Leichte Ataxie. Schwachsinn (bei Dementia
paralytica). ¾ natürl. Größe. (Nach WEYGANDT.)]
Auch die =Schrift= wird entsprechend verändert. Sie wird unsicher und
ungleich, oft ataktisch ausfahrend, läßt Buchstaben und Silben aus und
verstellt sie, ohne daß der Kranke es bemerkt. Auch beim Wiederlesen
entgehen sie ihm wegen seiner Unaufmerksamkeit, wie er überhaupt beim
Lesen oft ganz anderes vorbringt, als dortsteht. Weitere
Eigentümlichkeiten bekommen seine Schriftstücke durch die geistigen
Veränderungen, durch Flüchtigkeit und Unsauberkeit, vieles
Unterstreichen usw. (Vgl. Fig. 18 und 19.)
[Illustration: Fig. 19. Hochgradige Ataxie. Auslassungen. ½ natürl.
Größe. (Nach WEYGANDT.)]
Auch andere feinere Verrichtungen der Hände leiden bald erheblich. Das
Einfädeln einer Nadel, das Zuknöpfen eines Kleidungstücks, alle
Handfertigkeiten, das Klavierspiel usw. werden allmählich unvollkommen
und schließlich ganz unmöglich. Dann werden auch die gröberen
Verrichtungen gestört, der Händedruck wird ungleichmäßig, stoßend,
zuweilen tritt deutliches Intentionszittern ein, der Gang wird unsicher,
tappend, schlürfend, öfters durch Rückenmarkveränderung
spastisch-paretisch oder schleudernd wie bei der tabischen Ataxie. In
den meisten Fällen sind die =Kniereflexe= gesteigert, nach manchen
Zählungen in etwa 80%, in einer Minderzahl sind sie aufgehoben, 5-10%.
Mit dem fortschreitenden Verlauf hört gewöhnlich die Steigerung auf und
tritt schließlich Aufhebung oder doch Verringerung der Reflexe ein. Auch
die Armreflexe sind oft gesteigert.
Endstadium.
Mit der Zunahme der Demenz tritt schließlich auch ein schwererer
körperlicher Verfall ein. Die Haltung wird immer schlaffer, häufig
hängen die Kranken mit dem Oberkörper ganz zur Seite über, so daß sie in
Gefahr sind, umzufallen, oder sie werden auf den Beinen so wacklig, daß
man sie ins Bett legen muß. Namentlich beim Zusammensein mit anderen
Kranken werden sie leicht umgestoßen, auch beim Treppensteigen kommen
sie leicht zu Fall und zu Schaden. Die vorher gewöhnlich nur zeitweise
vorhandene Unreinlichkeit wird nun zur Regel, die Kranken lassen Harn
und Kot beständig unter sich. Anfangs tritt nächtliches Bettnässen ein,
besonders deshalb, weil die Blase nicht länger als anderthalb oder zwei
Stunden ihren Inhalt halten kann, dann wird sie überdehnt, und dadurch
kommt es auch bei Tage zu beständigem Harnträufeln. Die Blase gehorcht
auch dem Willen nicht mehr; hält man die Kranken zur Entleerung an, so
gelingt sie ihnen nicht, gleich darauf aber nässen sie ein. Die
Gleichgültigkeit gegen die Verunreinigung trägt natürlich auch dazu bei,
daß der Zustand nicht besser wird. Ohne erkennbaren Grund wechseln
übrigens in dieser Beziehung bessere und schlechtere Zeiten miteinander
ab. Viel trägt die Füllung des Darmes zu der Inkontinenz der Blase bei,
Verstopfung ist die Regel, oft sammeln sich sehr große Kotmassen im
untersten Darmabschnitt an und verhindern eine normale Füllung der
Blase. Von Zeit zu Zeit erfolgt dann eine Entleerung dieser Kotmassen in
das Bett oder in die Kleider, wenn nicht sorgsame Aufsicht zu rechter
Zeit eingegriffen hat.
Der geistige Verfall erreicht die höchsten Grade. Schließlich verstummt
der Kranke gänzlich, oder seine Äußerungen beschränken sich auf
unartikulierte Laute oder auf einzelne Reste seiner Größenideen (goldene
Pferde, 100000 u. dgl.); er beachtet seine Umgebung gar nicht mehr, muß
wie ein kleines Kind gepflegt werden, ißt und trinkt nur, wenn ihm
etwas vorgehalten wird. Das Gesicht hat allen Ausdruck verloren. Der
Körper setzt mit dem Ende des Höhestadiums oft sehr viel Fett an, so daß
die Kranken ganz unbeholfen werden, zum Schluß kommt es aber meist
wieder zu einer starken Abmagerung, die das Entstehen von Dekubitus
natürlich sehr begünstigt.
=Verlauf und Ausgänge.= Die häufigste Form der Dementia paralytica
scheint gegenwärtig die =demente= Form zu sein; wahrscheinlich ist sie
früher sehr oft nicht richtig erkannt worden. Der geistige Verfall
entwickelt sich hier allmählich aus den Vorläufererscheinungen. Die
motorischen Störungen können dabei schon früh sehr deutlich sein, aber
auch ohne das sind das allmähliche primäre Schwinden des Gedächtnisses
und des Urteils, die traumartige Apathie und die gemütliche Stumpfheit,
die Verstöße gegen Anstand und Sitte ziemlich charakteristisch. Die
Dementia paralytica des =weiblichen Geschlechts= verläuft fast
ausschließlich in dieser Form, wobei sich dann zuweilen Größenideen
finden, die meist besonderen Inhalt haben: schöne Kleider, schöne und
viele Kinder, alle fünf Minuten ein neuer Prinz geboren usw.
Die =expansive=, =klassische= Form der paralytischen Demenz tritt mit
ihrer Unternehmungslust und dem gesteigerten Kraftgefühl oft sehr
überraschend hervor zu einer Zeit, wo die Umgebung noch gar nichts
Krankhaftes oder doch nur nervöse Beschwerden, eine gewisse Abspannung
mit Neigung zu alkoholischen Reizmitteln usw. bemerkt hat. Die Reisen,
Ankäufe, Verschleuderungen und Geschenke ruinieren dann nicht selten den
ganzen Wohlstand der Familie. Die Neigung zu Kraftäußerungen,
Übergriffen und Ausschreitungen, die Urteillosigkeit bezüglich eigenen
und fremden Eigentums, der gesteigerte Geschlechtstrieb bei
herabgesetzter Ethik bringen den Kranken überaus häufig mit der Polizei
und dem Strafgesetz in Zusammenstoß, auch Selbstmord ist als triebartige
Handlung oder als Reaktion auf Beschränkungen nicht selten,
Unglücksfälle sind bei dem großen Widerspruch zwischen Selbstgefühl und
Leistungsfähigkeit recht häufig. Zuweilen geht die manische Erregung in
eine wilde Unruhe mit Delirien und schwerer Verwirrtheit und
Benommenheit über, die durch Erschöpfung schnell zum Tode führt:
=galoppierende Dementia paralytica=, meist bleibt die Aufregung in
mäßigen Grenzen, und es tritt nach einigen Wochen oder Monaten ein
=Nachlaß= der geistigen und körperlichen Erscheinungen ein, der zuweilen
dem Laien eine =Heilung vortäuscht=, während den Sachverständigen eine
gewisse geistige Schwäche, die mangelnde Krankheiteinsicht und ein Rest
von motorischen Störungen die =Remission= anzeigt, der nach Wochen oder
Monaten, seltener erst nach Jahren die Verschlimmerung folgen wird.
Auch die =depressive= Form, die sich ebenfalls aus dem Vorstadium
langsamer oder schneller herausbildet, ist einer Remission fähig, an die
sich weiterhin eine neue depressive Phase oder eine zunehmende
Verblödung oder auch eine expansive Form mit Größenwahn anschließen
kann. Die beiden letzten Ausgänge können aber auch direkt den Ausgang
des depressiven Zustandes bilden. Beachtenswerte Zufälle in der
Depression sind zumal Selbstmordneigung und Nahrungsverweigerung.
Zu jeder Zeit und in jeder Form der Dementia paralytica können sich
=paralytische Anfälle= einschieben. Zuweilen eröffnen sie das Bild, und
der schnell überwundene »Schlaganfall« wird in seiner unheilvollen
Bedeutung oft gar nicht gewürdigt. Fast immer ziehen sie, wie gesagt,
eine Verschlimmerung des ganzen Zustandes nach sich. In manchen Fällen
fehlen sie ganz, in anderen kommen sie in häufiger Wiederholung. Nicht
selten enden sie durch Gehirnlähmung tödlich, oder sie führen durch die
Bewußtlosigkeit Schluckpneumonien, bei mangelhafter Fürsorge
Blinddarmentzündungen durch Koststauung, Blasenkatarrh, Dekubitus
u. dgl. herbei. Ihre Dauer beträgt meist 1-2, selten 8-10 Tage.
Gewöhnlich werden sie von mittlerem Fieber begleitet; namentlich durch
die Nebenerkrankungen kann dies bis zu lebensgefährdender Höhe steigen.
Nach den Anfällen kommen auch tiefe Senkungen vor, bis 30°C im After,
vor dem Tode sogar bis 25° und darunter. Leichte Temperatursteigerungen
kommen ohne äußeren Anlaß bei Dem. paral. häufig vor, nach manchen in
periodischer Wiederkehr und als Zeichen frischer Entzündungsnachschübe
im Gehirn.
Die =motorischen Störungen= verbinden sich mit den psychischen zeitlich
in sehr wechselnder Weise; bald treten sie gewissermaßen als erstes
Zeichen hervor, bald fehlen sie noch, wenn das geistige Bild der
Krankheit schon unverkennbar ist. Prognostisch ist das Verhalten ohne
Bedeutung.
Im weiteren Verlauf der paralytischen Demenz, die im Durchschnitt 2½
Jahre, bei der klassischen Form etwas weniger, bei der dementen zuweilen
länger (4-6-8 Jahre) zu dauern pflegt, halten die körperliche und die
geistige Abnahme meist gleichen Schritt. Der Tod erfolgt dann
schließlich, häufig nach langem Bettlager, an Marasmus. Beschleunigungen
des tödlichen Ausganges werden nicht selten durch den Dekubitus, durch
Phlegmonen, die sich an unbedeutende Verletzungen anschließen, oder
durch Ersticken infolge der Schlingstörungen hervorgerufen. Nicht selten
erfolgt der Tod auf der Höhe der Krankheit durch paralytische Anfälle,
Unfälle, Selbstbeschädigungen infolge der Unruhe, zuweilen auch durch
Selbstmord in den schweren Angstzuständen des depressiven Stadiums. --
=Heilungen= der _Dementia paralytica_ sind bisher nur aus den
Frühstadien berichtet, wo die Erkennung immerhin unsicher ist.
=Pathologische Anatomie.= Die Gehirne der an Dementia paralytica
Verstorbenen zeigen -- mit Ausnahme der ganz frischen Fälle -- schon für
das bloße Auge erhebliche Veränderungen. Die wichtigsten Befunde sind:
allgemeine Verdickung oder Verdünnung des Schädels, nicht selten
Verwachsung der Dura mater mit dem Knochen, Hämatome der Dura und
fibrinöse oder hämorrhagisch-fibrinöse Auflagerungen auf ihrer
Innenseite, ganz gewöhnlich namentlich über dem Stirn- und Scheitelhirn
ausgebreitete Verdickung der zarten Gehirnhaut mit starker, oft
sulziger, milchiger Trübung zumal längs der großen Gefäße und über den
Sulcis, Ödem der Pia über den Sulcis, knötchenförmige Epithelanhäufungen
in der Pia, die oft mit der Hirnrinde untrennbar verwachsen ist, so daß
beim Abziehen die Rindenoberfläche mitgeht; zuweilen Bildung einer
lederartigen fibrinösen Haut zwischen Dura und zarter Haut; fast stets
Klaffen der Sulci durch Verschmälerung der Windungen, stärkerer Schwund
einzelner Bezirke oder einer Hemisphäre, namentlich im Stirn- und
Scheitelhirn; zuweilen _état criblé_ der Oberfläche; sehr oft
Erweiterung der Ventrikel mit Hydrocephalus internus, Granulierung des
Ependyms, das namentlich im 4. Ventrikel oft reibeisenartig rauh wird:
mittlerer Blutgehalt der Gehirnmasse, sklerotische Beschaffenheit der
Rinde, Weichheit des Marks, siebartige Zeichnung desselben durch Klaffen
von perivaskulären Räumen; bedeutende Gewichtsabnahme zumal des
Hirnmantels (am meisten im Stirnhirn, dann im Scheitellappen) und des
Stammes.
Die =mikroskopische= Anatomie der Anfangstadien der Krankheit hat
gelehrt, daß diffuse, aber in den verschiedenen Rindenbezirken
verschieden starke atrophisch-degenerative Veränderungen der
Ganglienzellen, der feinsten Nervenausbreitungen, dann auch der
markhaltigen Nervenfasern in der Rinde und schließlich auch der
Gliazellen den Anfang bilden. Das massenhafte Zugrundegehen von
Nervenfasern und Zellen ist für die Dementia paralytica kennzeichnend.
Stauungen und degenerative Veränderungen, später auch Wandverdickungen
und zuletzt Obliterationen in den feinsten Venen und in den Saftbahnen
folgen nach. Weiterhin gesellen sich Exsudationen von Serum und Zellen
in die Saftbahnen hinzu. Die zarte Gehirnhaut zeigt ebenfalls Verdickung
und Kernvermehrung der Endotheladventitia der Gefäße.
Für die paralytischen Anfälle ergibt sich makroskopisch nur
ausnahmsweise ein ursächlicher Befund; wahrscheinlich sind sie teils auf
Hirndruckschwankungen, teils auf örtliche exsudativ-entzündliche
Nachschübe oder auf Gefäßverschließungen zurückzuführen.
Im Rückenmark finden sich häufig Strangerkrankungen, und zwar entweder
graue Degeneration der Hinterstränge, nicht selten mit etwas anderer
Verteilung als bei der eigentlichen Tabes, oder chronisch-entzündliche
Veränderungen in den Pyramidenseitensträngen, am häufigsten beides
vereint. Nur bei einem kleinen Bruchteil der Fälle bleibt das Rückenmark
gesund. Auch in den vorderen und hinteren Wurzeln kommen
Entartungsvorgänge oft vor. In den peripheren Nerven ist mehrfach
Neuritis nachgewiesen.
=Ursachen.= Die =Erblichkeit= spielt bei der Dementia paralytica eine
geringere Rolle als bei vielen anderen Geisteskrankheiten, doch ist sie
in etwa 20% der Fälle nachweisbar. Bedeutenden Einfluß hat die
=Syphilis=, woran etwa 70% der Paralytiker früher gelitten haben.
Dementsprechend liegen weitaus die meisten Erkrankungen zwischen dem 35.
und 45. Jahre. Im Kindes- und Jugendalter sind neuerdings mehrfach
Erkrankungen beobachtet, sie beruhten wohl sämtlich auf Syphilis der
Eltern. Das ursächliche Verhältnis ist voraussichtlich ähnlich wie bei
Tabes, nämlich so, daß ein chemisches Produkt der Syphilisbazillen oder
eine Veränderung des Serums Erscheinungen hervorruft, die von den
direkten Wirkungen der Syphilisbazillen, den Granulationsgeschwülsten,
ganz verschieden sind. Nächstdem haben =Trunk= und =Kopfverletzungen=
den größten Einfluß auf die Entstehung, endlich auch =Überanstrengung=
in Verbindung mit =Gemütsbewegungen=. Zwischen der Erkrankung an
Syphilis und dem Beginn der Dementia paralytica liegen meist viele
Jahre; nicht selten tritt die Paralyse in solchen Fällen auf, wo alle
Sekundärerscheinungen gefehlt haben und deshalb keine oder doch keine
genügende Behandlung vorgenommen worden war, oder sie schließt sich an
die bestehende =Tabes= an. Nach der ursächlichen Kopfverletzung können
Jahre vergehen, ehe deutliche Folgen erscheinen.
=Diagnose.= Die frühzeitige Erkennung der Dementia paralytica ist wegen
ihrer Häufigkeit -- fast 1/5 aller Geisteskrankheiten --, wegen ihrer
durchaus ungünstigen Prognose und wegen ihrer sozialen Bedeutung (vgl.
S. 241) überaus wichtig. Sehr häufig wird sie in den Anfängen mit der
Neurasthenie verwechselt, aber eine sorgfältige Untersuchung kann häufig
schon Pupillenveränderungen und leichte charakteristische
Sprachstörungen, die meistens besonders deutlich beim Vorlesen
hervortreten, namentlich aber die oft traumartige Gemüts- und
Geistesschwäche herausfinden, wodurch sich die Dementia paralytica auch
vor allen anderen Geisteskrankheiten von vornherein auszeichnet. Diesen
gegenüber sind namentlich auch Schwindelanfälle u. dgl. ein wichtiger
Hinweis auf paralytische Demenz. Gerade die Anfälle mit schnell
verschwindenden Lähmungen, mit flüchtiger Aphasie u. dgl. sind sehr
verdächtig. Natürlich müssen urämische Anfälle, Alkoholepilepsie und
echte Epilepsie ausgeschlossen werden. Sehr schwer ist oft die
Unterscheidung von Gehirnsyphilis (vgl. den folgenden Teil dieses
Abschnittes) sowie von manchen Formen des chronischen Alkoholismus; hier
entscheidet für Alkoholismus das Fehlen der Sprachstörung und der
reflektorischen Pupillenstarre. Trägheit der Lichtreaktion kommt
freilich auch beim Alkoholisten vor, sie bessert sich aber bei längerer
Alkoholabstinenz.
Besondere Schwierigkeiten bietet die Unterscheidung der Paralyse von
=manischen Erregungszuständen=, die als erste Phase eines
=manisch-depressiven= Irreseins im mittleren Lebensalter auftreten,
namentlich wenn vorher oder im Beginn des Anfalles Alkoholmißbrauch
stattgefunden hat. Euphorie, Selbstüberschätzung bis zu ausgesprochenen
Größenideen, Stimmungswechsel und Reizbarkeit, Vernachlässigung
ethischer und gesellschaftlicher Rücksichten kommen auch bei manischer
Erregung vor; bei der Dementia paralytica zeigt sich aber gewöhnlich
schon frühzeitig deutliche Trübung der Auffassung und der Erinnerung,
und die Kranken sind leichter zu beeinflussen, zeigen weniger Konsequenz
und Nachdruck in ihren Forderungen usw. Entscheidend ist natürlich auch
hier das Auftreten kennzeichnender Sprachstörung und deutlicher
Lichtstarre der Pupillen.
Auch das =depressive Stadium= des =manisch-depressiven Irreseins= und
die einfache =Melancholie des Rückbildungsalters=, letztere namentlich
beim weiblichen Geschlecht, können erhebliche Ähnlichkeiten mit der
Dementia paralytica aufweisen. Die depressive Beschränkung der Gedanken
auf einen kleinen Kreis, die scheinbar schwachsinnige beständige
Wiederholung derselben Klagen und Befürchtungen, die ebenfalls oft nur
scheinbare Vernachlässigung der Umgebung usw. können bei der Melancholie
und bei den Depressionszuständen durchaus den Gedanken an eine Paralyse
nahelegen. Abenteuerliche Wahnvorstellungen von ungenügender Motivierung
sprechen jedenfalls für Dementia paralytica. Oft können auch hier nur
die körperlichen Zeichen entscheiden.
Nicht ganz selten erwachsen diagnostische Schwierigkeiten zwischen der
=Dementia paralytica= und der =Katatonie=. Auch die letztere kann mit
epileptiformen Anfällen beginnen und Steigerung der Kniereflexe und
träge Reaktion der erweiterten Pupillen aufweisen, andererseits kommen
bei der Paralyse Erregungs- und Stuporzustände vor, die den
katatonischen sehr ähnlich sehen. Für Paralyse spricht die
Gedächtnisschwäche und die schwerere Störung der Auffassung, für
Katatonie das Hervortreten von anhaltenden Stereotypen in Haltung und
Bewegung und im Stupor das hartnäckigere Widerstreben.
Vor allem gilt für die Erkennung der Dementia paralytica der Satz, daß
es grundsätzlich verwerflich ist =Augenblicksdiagnosen= machen zu
wollen. Der Praktiker, der sich ein wenig mit Psychiatrie beschäftigt
hat, ist geneigt, immer nach der ersten Untersuchung eine bestimmte
Diagnose zu stellen, und möchte auch den hinzugezogenen Spezialisten
gern zu einer sofortigen endgültigen Äußerung bringen. Dadurch werden
nach beiden Richtungen schwere Fehler begangen: es werden Kranke für
Paralytiker erklärt, die an heilbaren Krankheiten, z. B. an Melancholie,
leiden, sie werden dadurch mit ihren Angehörigen aufs höchste
beunruhigt, es wird vielleicht die richtige Behandlung unterlassen, das
Geschäft aufgegeben usw., anderseits wird die richtige Zeit versäumt,
den Paralytiker durch Fürsorge und nötigenfalls durch Entmündigung vor
dem Verstreuen seines Vermögens, vor dem Ruin seiner Familie zu
bewahren, und statt dessen werden kostspielige Reisen und Badekuren
u. dgl. verordnet, die dem Kranken keinerlei Nutzen bringen können.
Gerade für die Diagnose der Dementia paralytica ist große Vorsicht und
genaue Überlegung erforderlich!
=Behandlung.= Die Quecksilberbehandlung der auf Syphilis
zurückzuführenden Fälle hat bisher keine zweifellosen Erfolge, wohl aber
manchmal Verschlimmerungen zur Folge gehabt. Man hat sich daher in
dieser Richtung jedenfalls auf =Jodkalium= zu beschränken, das auch in
den übrigen Fällen zuweilen Nachlässe hervorzubringen scheint (1,0-3,0
täglich). Noch wirksamere Jodbehandlung erreicht man bekanntlich mit
subkutanen Einspritzungen von =Jodipin= 25%, täglich 5-10 ccm.
wochenlang. Von anderen inneren Mitteln ist nur =Ergotin= (0,2-0,5
mehrmals täglich) zu nennen, das namentlich bei den Fällen mit stärkeren
vasomotorischen Störungen angewendet zu werden verdient.
Im übrigen ist =Ruhe=, Entfernung aus den gewohnten Verhältnissen und
aus der Arbeit, und namentlich bei erregten oder unternehmungslustigen
Kranken Unterbringung in einer =Anstalt= dringend nötig. Leichte
Wasserbehandlung in ganz milder Form, gute Ernährung, Fernhaltung von
Reizmitteln sind wichtige Verordnungen. Von großer Bedeutung
ist die symptomatische Behandlung im weiteren Verlauf: in den
Aufregungszuständen womöglich Bettruhe, als Beruhigungsmittel
Dauerbäder, Opium, Skopolamin, Veronal, dabei sorgfältigste Überwachung
in bezug auf Phlegmonen, Verletzungen, Nahrungsaufnahme, in den späteren
Stadien namentlich genaue Fürsorge für regelmäßige Darmentleerung,
Überwachung des Blasenzustandes, Hautpflege zur Verhütung des Dekubitus.
Im paralytischen Anfall ist dazu besondere Sorgfalt erforderlich; außer
der Eisbehandlung des Kopfes und der Vermeidung von Nahrungszufuhr durch
den Mund, die fast immer zum Teil in die Luftwege gelangt, ist es hier
die Hauptsache, das Lager rein, trocken und glatt zu halten, die
bedrohten Hautstellen, namentlich Kreuz-, Schulter-, Trochanteren- und
Fersengegend, mit Zitronenwasser, Sublimatspirituswasser u. dgl.
abzuwaschen, durch Eingießungen den Darm frei zu halten und nötigenfalls
zu katheterisieren. In Benommenheitszustände läßt man zur Verhütung von
Dekubitus und hypostatischer Pneumonie nach VON GUDDEN den Kranken Tag
und Nacht jede Viertelstunde anders legen. Wo die Nahrungszufuhr wegen
längerer Dauer des Anfalles nicht entbehrt werden kann, ebenso bei
Nahrungsverweigerung ist die Schlundsonde (vgl. S. 64) anzuwenden.