2. Manisch-depressives Irresein.

(Manie, periodisches und zirkuläres Irresein.)

Noch vor nicht langer Zeit war unter den Formen des Irreseins die

=Manie= allgemein als selbständige Krankheitform anerkannt. Früher galt

sie als eine häufige Erkrankung; nachdem man die mit Aufregungszuständen

beginnenden Fälle von akuter Verwirrtheit (S. 80) und die manieähnlichen

Formen der Katatonie und Hebephrenie abtrennen gelernt hatte, wurde die

reine Manie als seltene Krankheit bezeichnet, und neuerdings hat

KRAEPELIN gute Gründe dafür vorgebracht, daß es wahrscheinlich überhaupt

keine =reine Manie= gibt, sondern daß das so bezeichnete Zustandsbild

mit den als =periodisches= und =zirkuläres Irresein= benannten

Krankheitformen zusammengehört, und hat diese ganze Gruppe als

=manisch-depressives Irresein= bezeichnet. Wenn auch die Frage noch

nicht spruchreif ist und die Mehrzahl der Autoren noch an dem älteren

Begriff festhält, so muß man doch jedenfalls KRAEPELIN darin

beistimmen, daß niemand imstande ist, aus dem Zustandsbild allein zu

erkennen, ob ein gegebener Krankheitfall als einfache, als periodische

Manie oder als zirkuläres Irresein aufzufassen ist. So erscheint es

jedenfalls zweckmäßig, die verschiedenen Formen zusammen zu beschreiben.

Das manisch-depressive Irresein verläuft in einzelnen Anfällen, die

entweder die Zeichen einer Manie oder die einer psychischen Depression

oder eine Mischung beider Zustände darbieten.

a) =Die Manie= ist eine geistige Störung, die sich wesentlich in

=krankhaft beschleunigtem Ablauf der Vorstellungen=, zumal ihres

=motorischen= Teiles, und in =gesteigerter Gemütserregung=, zumal nach

der Seite des =heiteren= oder des =zornigen= Affekts, äußert.

Die Beschleunigung des Vorstellungsablaufes (der Ideenassoziation)

besteht weniger in einem erleichterten und beschleunigten Denken

überhaupt, als in einer gesteigerten Lebhaftigkeit, der

Sinneswahrnehmungen und besonders der willkürlichen Bewegungen

einschließlich der Sprachtätigkeit. Der sensorische und noch mehr der

motorische Teil der Gehirnrindenzellen ist in voller Arbeit. Der Kranke

sieht alles, was um ihn vorgeht, die geringste Veränderung im

Mienenspiel, im Anzug, im Benehmen der Umgebung wird wahrgenommen und

ohne Überlegung besprochen. Die gesteigerte Gemütserregbarkeit verwendet

je nach ihrer Grundstimmung den Eindruck im heiteren Sinne, unter Witz

und Spott, oder im zornigen, unter Schelten und Drohungen. Aber es wird

nicht lange dabei verweilt, die Eindrücke jagen sich, und das ruhelose

Sprachzentrum hat gleich wieder anderes zu verarbeiten. Zur kritischen

Tätigkeit des Verstandes ist keine Zeit, die Vorstellungen verbinden

sich nach Gleichklang, Reim, Gleichzeitigkeit und anderen äußeren

Beziehungen, die wirkliche Denkleistung ist geringer als im gesunden

Zustande. Trotzdem gibt das Gefühl des Alleswahrnehmens und der

schlagfertigen Rede, verbunden mit der Empfindung gesteigerter

körperlicher Kraft und Gewandtheit, dem Kranken eine sehr hohe

Selbstschätzung. Im Anfange der Manie und in ihren leichten Formen, wo

die Verstandestätigkeit noch nicht zu sehr durch die Überleistung der

anderen Geistesvermögen unterdrückt ist, drängt das gesteigerte

Selbstgefühl gern zu gesellschaftlichen Leistungen, die häufig als

»Aussichherausgehen« mit Freude begrüßt werden. Der vorsichtige

Geschäftsmann ergreift mit Eifer neue Beziehungen, macht große

Bestellungen, weil ihm die Aussichten und die eigene Gewandtheit im

rosigen Lichte erscheinen, der schüchterne Freund der Einsamkeit

fühlt sich verjüngt und lebenslustig und strebt darnach, andere zu

beglücken; das junge Mädchen läßt die anerzogene Vorsicht außer acht

und bewegt sich z. B. auf der Eisbahn in lebhaftester, prickelnder

Unterhaltung allein und ungeniert in einem Kreise von lauter Herren.

Gewöhnlich ist in diesen Zuständen das Geschlechtsleben gesteigert,

so daß es leicht zu Ausschreitungen kommt; Männer neigen dann wohl

noch mehr zu übermäßigem Alkoholgenuß ohne große Rücksicht auf Ort

und Umgebung. Dabei führt nun die gesteigerte Gemütserregbarkeit um

so leichter zu Anstößen, da die Zunge keine Zügel trägt und alle

Witzeleien und Spöttereien ungescheut herausbringt. Im grundlosen

Zorn kommt es dann auch zu körperlichen Angriffen auf die Umgebung.

Die Sorglosigkeit und die Selbstüberschätzung lassen den Kranken

ohne genügende Mittel Reisen antreten, in Gasthäusern große Zechen

anlegen u. dgl. m.

Es gibt Fälle, wo die Manie auf diesem Punkte stehen bleibt und dann

ganz allmählich wieder zurückgeht: =manische Erregung=, =Hypomanie=;

meist steigert sie sich aber noch, bis die Redegewandtheit in unsinniges

Aneinanderreihen von Worten, Logorrhoe, =Ideenflucht=, und völlig

verwirrtes Schwatzen und Schreien übergeht, von lebhaften Gebärden,

lautem Lachen und Händeklatschen, beständigem Umherspringen begleitet.

Schimpfworte und unanständige Reden werden auch von Personen bevorzugt,

zu deren Gewohnheiten sie sonst durchaus nicht gehören. In den höchsten

Graden ist der Kranke gar nicht mehr für die Umgebung zugänglich, er

verflicht wohl noch die jedesmaligen neuen Sinneseindrücke in seinen

Wortschwall, wird aber damit keineswegs ablenkbar. Der Gesichtsausdruck

spiegelt noch deutlicher als vorher die lebhafte Erregung wieder, der

Blick wird lebhaft durch beständige Bewegungen der Augäpfel, die Augen

glänzen oder funkeln und das Gesicht ist gerötet, weil der Säftezufluß

zum Kopfe gesteigert ist, was ja auch dem allgemeinen Ausdruck des

freudigen und des zornigen Affektes entspricht (vgl. Fig. 10 u. 12). Das

erhöhte Selbstgefühl steigert zugleich die Lebhaftigkeit der

Bewegungen, der Kranke schmückt sich mit Blumen oder Blättern, zieht

wohl auch der Besonderheit wegen seinen Rock verkehrt an oder drapiert

sich mit zerrissenen »umzuändernden« Kleidungsstücken. In seiner

Vielgeschäftigkeit pflanzt er Blumen um, zerteilt Pflanzen in Ableger,

ohne Rücksicht auf die Sauberkeit des Zimmers, um in der nächsten Minute

seiner Vielgeschäftigkeit schon wieder anderen Ausdruck zu geben,

zahllose Briefe zu schreiben usw. Die Bedürfnisse werden ohne Beachtung

von Schamhaftigkeit und Sauberkeit befriedigt, zumal geschlechtlich

erregte Weiber salben ihre Haare mit Speichel, Urin und Kot. Auch

erotische oder feindliche Angriffe auf die Umgebung sind nicht selten.

Das Gefühl für Ermüdung, Hunger, Kälte usw. ist unterdrückt, der Kranke

redet und wirkt Tag und Nacht, schüttet Speisen und Getränke auf den

Fußboden, läuft nackt umher. Wertlose Gegenstände werden zwecklos

gesammelt: Steinchen, Blätter, Zigarrenreste, fremde Taschentücher,

Speisereste usw. füllen die Taschen. Die Rücksichtlosigkeit der

Kraftäußerungen hat im Volk die irrige Meinung hervorgerufen, daß der

»Tobsüchtige« vermehrte Kräfte habe.

[Illustration: Fig. 10. Manische Erregung. (Nach ZIEHEN.)]

Nicht selten steigert sich die heitere, prahlende Stimmung bis zu

ausgesprochenen Größenideen; der Kranke erklärt sich für schwer reich,

für den Weltbeglücker, für den Meister in allen Künsten usw., aber er

läßt diese Vorstellungen ebenso schnell wieder fallen und spottet binnen

kurzem selbst darüber. Zwischendurch schieben sich weinerliche und

ängstliche oder, bei der =remittierenden= Form, apathische Zustände

tage- oder wochenlang ein, wenn dem Kranken doch einmal seine

Erschöpfung oder der Zwiespalt zwischen seiner gehobenen Stimmung und

der Wirklichkeit bewußt wird (vgl. S. 217).

[Illustration: Fig. 11. Dieselbe Kranke wie Fig. 10 im

Depressionszustande. (Nach ZIEHEN.)]

Halluzinationen sind selten, die Kranken erzählen wohl manchmal von

Tieren oder von Fratzen, die sie gesehen hätten, aber es dürfte sich

meist um Aufschneidereien handeln oder um Illusionen, um Falschdeutungen

ungenauer Gesichtswahrnehmungen.

Die Körperwärme bleibt im ganzen normal, nur in den schwersten Zuständen

mit ununterbrochenem Bewegungstrieb kommen Steigerungen vor, die der

Manie als solcher angehören. Der Puls ist sehr wechselnd, auch die

Gesichtsröte weicht zeitweise einer blassen Gedunsenheit, das Gewicht

sinkt stets nicht unbedeutend wegen des Übermaßes körperlicher Bewegung

und wegen unregelmäßiger Nahrungsaufnahme.

[Illustration: Fig. 12. Manische Erregung.]

b) Die =Depressionszustände= bestehen in einer =primären psychischen

Hemmung und trüber Stimmung=. Diese =nervöse Depression=[7] entwickelt

sich häufig so unscheinbar, daß sie der Umgebung gar nicht als eine

Krankheit erscheint. In den nachfolgenden Beispielen ist das wohl

verständlich. Eine junge Frau, die als Mädchen im Elternhause nichts zu

tun brauchte und in jeder Weise verwöhnt wurde, auch reichlichen Verkehr

ohne die daran hängenden Unbequemlichkeiten hatte, verliert in der Ehe

den Frohsinn, sie wird nicht recht fertig mit den häuslichen Geschäften,

nimmt alles schwer, findet schließlich an nichts mehr Vergnügen, und gar

ein Dienstbotenwechsel macht sie völlig mutlos. Eine andere kann die

Trauer um ein gestorbenes Kind nicht überwinden, sie leidet Monate und

Jahre unter dem Kummer, und die Zeit scheint ihn eher zu vergrößern als

zu mildern. Eine dritte erleidet dieselbe dauernde Depression nach

einem Wochenbett, sie erholt sich nicht davon, obwohl körperlich keine

Folgekrankheiten zurückgeblieben sind. Bei anderen wieder gibt schon der

Eintritt der Menstruation den Anstoß zu anhaltendem Deprimiertsein. Auch

bei Männern ist die Krankheit häufig, nach einzelnen Autoren sogar

häufiger als bei Frauen. Hier spielen mehr die Vorgänge des

Erwerbslebens eine Rolle als Ursache: Überarbeitung, Fehlschläge im

Beruf, Enttäuschungen; zuweilen löst bei Männern wie bei Frauen die

Verlobung die Krankheit aus. Auch unglückliche Ehe, durch

Verschiedenheit der Charaktere und Lebensanschauungen oder der

Interessen oder die fortgesetzten Reibungen mit einer reizbaren oder

überhaupt psychopathischen Ehehälfte, gibt für beide Geschlechter nicht

selten die Ursache einer krankhaften Depression ab. Je schwerer die

erbliche Anlage, um so geringer braucht der äußere Anstoß zur Erkrankung

zu sein. Manchmal ist ein solcher in der Tat nicht wohl aufzufinden. Man

kann dann z. B. zweifelhaft sein, wieweit eine unzweckmäßige Kur in der

heute sehr beliebten Art, mit völlig ungeeigneter Kost, kalten Bädern

u. dgl., die Depression direkt hervorgerufen hat oder wegen der

Mißempfindungen im Beginne der Depression unternommen worden ist.

Jedenfalls hat sie immer einen ungünstigen Einfluß auf das Leiden.

Man kann wesentlich =zwei Richtungen= der Depression unterscheiden: nach

der geistigen oder der Gemütseite und nach der körperlichen Seite.

Die =psychische und Gemütsdepression= äußert sich in einer Veränderung

der normalen Gefühlsbetonungen, meist für alle Eindrücke. Entweder

erscheinen sie nur =gleichgültig=, so daß der Sinn für die gewohnte

Tätigkeit und Erholung, für die Familie, für alles, was zum täglichen

Behagen gehört, verloren geht und das Gefühlsleben erheblich abgestumpft

und die geistigen Fähigkeiten deutlich verringert zu sein scheinen, oder

es kommt zu einer direkt =schmerzhaften= Empfindung bei allem, was sonst

erfreulich oder auch gleichmütig aufgenommen wurde. Jeder harmlose

Scherz wird wie eine Kränkung empfunden, das Lachen der Kinder tut dem

Kranken in den Ohren weh, Musik reizt zu Tränen, das Gespräch der am

Fenster Vorübergehenden oder in demselben Straßenbahnwagen Fahrenden

ist unerträglich, jede sonst gar nicht bemerkte Unruhe im Hause ruft

Aufregung hervor, helles Licht und grelle Farben werden nach Möglichkeit

gemieden. Der Umgebung erscheinen die Kranken oft als entsetzliche

Nörgler, die sich an allem zu reiben suchen und sich über die Fliege an

der Wand ärgern. Besonders groß ist die Empfindlichkeit oft während der

Nacht, und da der Schlaf meist sehr gestört ist, besteht hier eine

reiche Quelle der Klagen. Handelt es sich mehr um =Gleichgültigkeit=, so

wird gewöhnlich das Erstaunen oder je nachdem die Entrüstung der

Umgebung hervorgerufen durch die völlige Untätigkeit und durch die

Aufhebung des Sinnes für Ordnung, Reinlichkeit und gesellschaftliche

Rücksichten. Es ist auch wirklich überraschend, wie sonst feingebildete

und wohlerzogene Kranke in nachlässigem, oft geradezu unanständigem

Anzüge vor ihren Angehörigen und auch vor Fremden auftreten, beim Essen

rücksichtslos schmatzen, die Speisen auf dem Teller und darüber hinaus

verschmieren, in den Zähnen stochern, die Serviette als Nastuch

gebrauchen usw. Und dieser Mangel an Anstand wird gewöhnlich um so mehr

empfunden, weil der Kranke für sich wegen seiner Reizbarkeit und

Verstimmung die allergrößte Rücksicht verlangt. Geringe Leistungen, wie

ein notwendiger Brief, werden manchmal zugesagt, aber meist erst nach

wiederholter Aufforderung, nicht selten nach stundenlangem Brüten fertig

gebracht, und dann oft in einer Ausführung, die nicht den einfachsten

Anforderungen entspricht. Alle Aufforderungen, sich zusammen zu nehmen,

nützen nichts; auch die Teilnahme an vorgeschlagenen Zerstreuungen wird

meist abgelehnt. Das bringt dann wieder den Eindruck hervor, als ob der

Kranke seinen Angehörigen nichts gönne. Notwendige Entschlüsse werden

immer wieder hinausgeschoben, geändert, ohne Rücksicht auf ihre

Geringfügigkeit immer von neuem erörtert.

Die =körperliche Depression= führt vor allem zu =hypochondrischen

Gedanken=. Zuweilen sind die Beschwerden lokalisiert auf irgend ein

Organ und treten so sehr in den Vordergrund, daß die psychische

Grundlage völlig übersehen wird. Man vermutet dann einen Magenkatarrh,

ein Hämorrhoidalleiden, ein Unterleibsleiden, je nach den zufällig

daneben vorhandenen oder durch die Neurose hervorgerufenen Beschwerden;

sehr häufige Diagnosen sind natürlich auch Bleichsucht und Blutarmut;

manchmal wird wegen der Schwächegefühle und der Gewichtsabnahme eine

latente Tuberkulose angenommen. Für den Internisten wie für den

Gynäkologen bietet sich auf diese Art ein reicher diagnostischer

Tummelplatz. Nicht selten gibt es bei der Unklarkeit der körperlichen

Erscheinungen so viel Diagnosen, wie Ärzte den Kranken untersucht haben.

Noch schwieriger wird die Sache natürlich, wenn wirklich körperliche

Erkrankungen nebenherlaufen, wie z. B. ein Spitzenkatarrh. Die

Rückwirkung derartiger Leiden auf den psychischen Zustand ist ja

ungemein verschieden, und der tröstende Einfluß einer genauen

Untersuchung, einer bestimmten Diagnose und einer neuen Kurvorschrift

erweckt oft genug bei Arzt, Patient und Umgebung den Eindruck, daß

nunmehr das Richtige gefunden sei. Ein dauernder Erfolg ist damit

natürlich nicht zu erzielen. Bald tritt, neben der vielleicht errungenen

Besserung einzelner Erscheinungen, die psychische Depression wieder

deutlich hervor, oder die Beschwerden suchen eine neue Stelle auf. -- In

vielen Fällen läßt diese Hypochondrie die Arbeitfähigkeit im Beruf

ziemlich unversehrt und bringt auch in dem Gemütsleben keine erheblichen

Änderungen hervor, in anderen aber =vereint sie sich= mit den

allerschwersten =Hemmungen in intellektueller und in ethischer

Hinsicht=, so daß für den Nichtsachverständigen die Annahme einer

schweren Gehirnerkrankung nahe liegt. Sie wird auch oft genug

ausgesprochen, natürlich sehr zum Schaden der Kranken.

Von selbst oder unter dem Einflusse von Kurvornahmen kann die Depression

erhebliche =Schwankungen= aufweisen. Am günstigsten wirken in dieser

Richtung alle Maßregeln, die auch sonst dem kranken Nervensystem

wohltun, vor allem ein Aufenthalt an einem ruhigen, schönen Orte, eine

sehr milde Wasserbehandlung, zuweilen eine leichte Karlsbader Kur usw.

Nach einiger Zeit kommt aber immer wieder die Depression zum Vorschein.

So kann sich die Krankheit viele Jahre lang hinziehen und bei ungenauer

Beobachtung den Eindruck einer =periodischen= oder doch

=rezidivierenden= Krankheit machen. C. LANGE, der bekannte dänische

Arzt, hat die periodischen Depressionszustände als eine Äußerung der

=Gicht= aufgefaßt wie ich meine, mit Unrecht; ich halte die in der Tat

öfters zu beobachtenden Stoffwechselstörungen mit Verminderung der

Oxydationsvorgänge nicht für die Ursache, sondern für die Folge der

nervösen Störung. Der Beweis dürfte in den therapeutischen Erfolgen

liegen. Dasselbe läßt sich auch gegen die zeitgemäße Neigung anführen,

die Depression kurzweg auf eine =Autointoxikation= vom Magendarmkanal

aus zu beziehen. Nach allem, was ich gesehen habe, -- und die Zahl der

aus entsprechenden Kuren zum Nervenarzt kommenden Kranken ist sehr groß

-- bringt die Behandlung der angenommenen Magen- und Darmstörungen nur

insoweit Besserung, als sie mit einer geeigneten Diätetik des

Nervensystems und zumal mit einer Ruhe- und Schonungskur verbunden ist.

Sobald diese aufhört, ist meist auch die Depression wieder da, um erst

mit der gründlichen Behandlung des Nervenleidens dauernd zu

verschwinden.

In der bisher besprochenen Gruppe leichterer Depressionszustände bleibt

die Besonnenheit der Kranken vollständig erhalten. Die psychische

Hemmung kann aber auch so weit gehen, daß alle geistigen Äußerungen

aufgehoben werden und völliger =Stupor= eintritt. Die Kranken bleiben

dann regungslos und stumm im Bett liegen, reagieren auf Anreden und

Aufforderungen nicht, nehmen keine Nahrung an oder lassen sie sich

besten Falles widerstandslos in den Mund schieben und schlucken sie dann

zögernd hinunter, manchmal lassen sie auch Teile davon wieder aus dem

Munde herauslaufen. In ihren Bedürfnissen und in der Reinlichkeit müssen

sie wie kleine Kinder besorgt werden, wenn sie nicht völlig in

Vernachlässigung geraten sollen. Der Gesichtsausdruck läßt meist eine

gewisse Ängstlichkeit oder Ratlosigkeit erkennen. Oft werden die

Vorgänge der Umgebung gar nicht aufgefaßt, in manchen Fällen ergibt sich

aber nach der Lösung des Zustandes, daß sie eine überraschend genaue

Erinnerung an alles Vorgefallene haben; sie sagen dann, sie hätten wohl

gewollt, aber nicht anders gekonnt.

Eine andere schwerere Form der Depression geht mit =depressiven

Wahnvorstellungen= einher, zumal mit Versündigungs-, hypochondrischem

und Verfolgungswahn, wie das für die Melancholie (S. 127) beschrieben

ist. Nicht selten kommt es zu eigentümlichen negativen Vorstellungen,

der Kranke ist gar nicht mehr vorhanden oder doch kein Mensch mehr, die

ganze Welt ist untergegangen, es gibt keine Stadt mehr, keine Eisenbahn

mehr, ihr Körper ist von Holz oder von Glas, auch die Personen der

Umgebung sind derartig verwandelt usw. Zwischendurch versinken die

Kranken auch in diesen Fällen öfters in Stupor.

Je nach der Schwere des Depressionszustandes ist auch das =körperliche

Befinden= gestört. Der Gesichtsausdruck ist trübe und matt (vgl.

Fig. 11), die Haltung schlaff, am liebsten liegen die Kranken im Bett,

sie klagen über Kopfdruck, Angstgefühle, Beklemmung, Herzklopfen,

Schwere und Schmerzen in allen Gliedern. Der Appetit ist meist gering,

der Geschmack erloschen, die Zunge belegt, so daß oft fälschlich ein

Magenkatarrh angenommen wird; der Stuhlgang ist meist sehr träge, die

Harnentleerung verlangsamt. Gewöhnlich geht das Gewicht erheblich

zurück.

c) =Manisch-depressive Mischformen.= Nicht immer sind die manischen und

die depressiven Zustände so scharf ausgesprochen und so streng

voneinander geschieden, wie es vorhin beschrieben worden ist. Oft

schieben sich in die manischen oder in die depressiven Zustände

vorübergehend Zustände des entgegengesetzten Krankheitbildes ein,

stunden- oder tageweise, oder es kommt, wie KRAEPELIN betont hat, zu

wirklichen Mischungen gleichzeitig bestehender manischer und depressiver

Krankheitzeichen. Im Gegensatz zu der echten Melancholie können

depressiv gestimmte Kranke mitten aus der trüben Stimmung heraus

lächeln, lachen oder Witze machen, und ebenso sind manische Kranke

zwischendurch trübe gestimmt und von Verfolgungsideen erfüllt. Endlich

hat KRAEPELIN =manische Zustände mit Hemmung= und =Depressionszustände

mit Erregung= beschrieben und das eigentümliche Bild des =manischen

Stupors= beobachtet. Zu diesen Zuständen gehören auch die zuerst von

HECKER beschriebenen =nörgelnden= Formen der Manie, wobei die Kranken

neben dem erhöhten Selbstgefühl der Manie mißmutige, oft ängstliche

Stimmung zeigen, mit allem unzufrieden sind, überall hetzen und kränken

und immerfort zu klagen haben. Dieselben Zustände zeigen sich vielfach

beim Abklingen manischer Erregungszustände oder beim Übergang von

Depressionszuständen in manische Erregung (s. u.).

d) =Periodische und zirkuläre Formen.= Alle eben beschriebenen

Zustände haben eine ausgesprochene Neigung, sich bei denselben

Personen im Laufe des Lebens mehrfach einzustellen, und zwar

entweder immer in derselben Form, als =periodische Manie= oder als

=periodischer Depressionszustand=, oder in der Weise, daß Manie und

Depression in regelmäßigem Wechsel auftreten: =zirkuläres Irresein=.

In noch anderen Fällen kommt es zu unregelmäßigem Auftreten von

einzelnen oder mehrfachen Anfällen von Manie und von Depression.

KRAEPELIN hat mit guten Gründen darauf hingewiesen, daß ein nur

einmaliges Auftreten einer solchen Erkrankung kein Grund sein kann,

diese seltenen Fälle von der großen Gruppe loszulösen, wie ja auch

bei der ausgesucht periodischen Krankheit Epilepsie gelegentlich

während des ganzen Lebens nur wenige oder gar nur ein einziges Mal

ein Anfall auftritt, und ähnlich verhalte es sich bei anderen

Formen des Irreseins, die aus einem gleichmäßigen psychischen

Schwächezustande hervorwachsen, bei hysterischen Zuständen, bei

Zwangsirresein usw. Die Übergänge von den Formen mit regelmäßiger

Periodizität zu denen mit völlig unregelmäßigem Auftreten und

Verlauf sind so häufig, daß man auch die vereinzelten Anfälle nur

nach dem Grade, nicht nach dem Wesen von den übrigen verschieden

halten kann.

Die strenge Periodizität gehört zu den Ausnahmen. Nur vereinzelte Fälle

verlaufen so, daß etwa regelmäßig mit jedem Frühling eine manische

Erregung oder eine Depression einträte oder etwa der Sommer eine

Erregung, der Winter eine Depression brächte und umgekehrt. Die

Zwischenzeiten sind vielmehr meistens ganz verschieden lang, die

einzelnen Anfälle gleichen sich nur selten photographisch, wie früher

oft behauptet wurde, einzelne manische Anfälle beginnen oder schließen

mit depressiven Phasen, während diese bei anderen ganz fehlen; manche

Depressionen enden mit leichter manischer Erregung, und daß die

einzelnen Anfälle oft gemischte Stimmungen bieten, ist vorhin schon

mitgeteilt worden. Vorläufig ist man, wie schon eingangs gesagt, aus dem

Studium eines einzelnen Anfalles durchaus nicht imstande, etwas darüber

zu sagen, ob es sich um eine einmalige Erkrankung handelt, oder ob noch

gleichartige oder anders geartete Störungen später folgen werden. In

den meisten Fällen ist der erste Anfall ein Depressionszustand

verschiedenen Grades; daran schließt sich in etwa gleicher Häufigkeit

eine freie Zeit oder ein manischer Zustand, worauf dann die Genesung

eintritt. Selten schließt sich hier gleich wieder ein Depressionszustand

an, dem nachher wieder eine manische Periode folgt. Es können aber auch

mehrere Depressionszustände mit freien Zwischenzeiten aufeinander

folgen, ohne daß manische Zeichen auftreten.

Die Dauer der einzelnen Zustände schwankt von wenigen Tagen bis zu

Monaten und Jahren, ebenso die Dauer der freien Zwischenzeiten.

Allmählich pflegen die Anfälle länger und die Zwischenzeiten kürzer

zu werden, so namentlich in den Rückbildungsjahren; nachher wird oft

das Verhältnis wieder günstiger. Allmählich macht sich auch in den

freien Zwischenzeiten eine gewisse geistige Veränderung geltend, es

tritt keine rechte Krankheitseinsicht für die überstandenen Zustände

ein, die Leistungsfähigkeit nimmt ab, das Selbstbewußtsein

verringert sich oder wird umgekehrt krankhaft erhöht, die Stimmung

bekommt etwas Schwankendes. Der neue Anfall beginnt entweder

allmählich, so daß die Umgebung aus den bekannten Erscheinungen

schon weiß, was bevorsteht, und darnach ihre Vorbereitungen treffen

kann; manchmal merken die Kranken es auch selbst und begeben sich in

die Anstalt oder ergreifen die Flucht, um die Verbringung in die

Anstalt zu umgehen. Oft tritt die neue Erkrankung oder der Übergang

in die andere Phase ganz unvermittelt ein, während einer Nacht usw.

Der Wechsel in dem Aussehen und im ganzen Wesen der Kranken kann

höchst überraschend sein (vgl. Figur 10 u. 11 auf S. 210 f., die

dieselbe Person im manischen und im Depressionszustand zeigen). Das

richtige Vorgefühl für den herannahenden Zustand hat besonders eine

Gruppe von leichteren Depressions- und Erregungszuständen, die

KAHLBAUM als =Cyklothymie= bezeichnet hat; sie sollen auch bei

langer Dauer die geistigen Fähigkeiten völlig unberührt lassen,

während in einer anderen Gruppe, wo Anfälle und Zwischenzeiten kurz

dauern und die Anfälle mit schwerer manischer Erregung verlaufen,

allmählich ein erheblicher Rückgang der Geisteskräfte zu erwarten

ist.

Das =Wesen= des manischdepressiven Irreseins ist bisher ganz unklar. Man

hat zum Vergleich die Menstruation und die epileptischen Anfälle

herangezogen, ohne damit eine Erklärung zu bringen. MEYNERT hat die

Theorie aufgestellt, daß z. B. bei allgemeiner Blutarmut auch das

Gefäßzentrum in Hirnschenkeln, Pons und Oblongata blutarm sei, daß damit

seine Leistung, die Verengerung der Arterien, abnähme und die Arterien

des Gesamthirns sich erweiterten: apnoetische Atmungsphase der

Rindenzellen mit dem subjektiven Ausdruck der heiteren Verstimmung. Die

arterielle Erweiterung beträfe aber auch die Arterien des Gefäßzentrums

selbst, dessen Leistung damit wieder hergestellt würde: Genesung.

Übermäßige Erweiterung der Arterien im Gefäßzentrum bewirke umgekehrt

Überleistung desselben, abnorme Arterienverengung: dyspnoetische

Atmungsphase der Rindenzellen mit trauriger Verstimmung und Hemmung des

Gedankenablaufs usw. Jedenfalls ist damit nur eine geistreiche Theorie

ausgesprochen.

Die =Diagnose= hat zunächst mit der richtigen Deutung des einzelnen

Zustandes zu rechnen, in den Fällen, wo keine früheren Anfälle dagewesen

sind, oder wo die Anamnese im Stich läßt. Die Feststellung einer

psychischen Depression, die gar nicht oder ungenügend durch nachweisbare

Verhältnisse bedingt ist, gehört bei einiger Aufmerksamkeit nicht zu den

schwierigen Dingen. Jedenfalls spricht die Erfahrung dafür, daß höchst

selten eine nervöse Verstimmung angenommen wird, wo wirkliche Ursachen

der Verstimmung auf irgend einem Gebiete vorliegen. Um so häufiger wird

der krankhafte Ursprung der Verstimmung übersehen. Ist die Depression

als krankhaft erkannt, so sind zunächst die schwereren Erkrankungen

auszuschließen, die mit ähnlichen Zuständen beginnen oder verlaufen

können. Dahin gehört vor allem die Dementia paralytica in den Formen mit

depressiv-hypochondrischem Beginn. Pupillenstarre, Ungleichheit oder

Aufhebung des Kniereflexes, häsitierende Sprache und Silbenstolpern,

Störungen der Gesichtsinnervation u. dgl. kommen bei einfacher nervöser

Depression nicht vor, aber auch vor dem Erscheinen dieser körperlichen

Zeichen läßt sich fast immer aus der Intelligenzstörung die Dementia

paralytica erkennen. Der einfach Deprimierte =klagt= über

Gedächtnisschwäche, aber die Prüfung ergibt, daß sein Gedächtnis

ungestört, daß ihm nur das Nachdenken durch die psychische Hemmung und

die Unlustgefühle erschwert ist; der Paralytiker klagt in unbestimmten

Befürchtungen, übersieht aber gerade die wirklichen Ausfallerscheinungen

und weiß sie immer zu entschuldigen, wenn man ihn darauf hinweist. Trotz

aller Depression nimmt er die Äußerungen seiner Krankheit im ganzen

leicht, während der einfach Deprimierte in jeder Kleinigkeit eine Stütze

für seine Verzweiflung findet. Bei der Beschreibung der Dementia

paralytica ist hierauf noch genauer einzugehen. Außerdem bleibt der

Paralytiker fast nie bei den einfachen trüben Vorstellungen stehen, er

kommt vielmehr gewöhnlich zu widersinnigen oder doch übertriebenen

Gedanken, die den Charakter der geistigen Schwäche tragen und mindestens

in das Gebiet der Wahnvorstellungen reichen, die bei einfacher

Depression nicht vorkommen.

Schwieriger ist oft die Unterscheidung von beginnender =Paranoia=,

solange nämlich die Kranken sich über die neuen Empfindungen und

Vorstellungen noch im unklaren sind und mit der Aussprache zurückhalten.

Bei genauer Beobachtung läßt sich aber meist bald erkennen, daß der

Paranoiker nicht einfach traurig und gehemmt ist, sondern einen

mißtrauischen, beobachtenden, trotzigen Zug hat, worin sich die

beginnenden Beeinträchtigungsvorstellungen widerspiegeln. Bei der

=Dementia praecox= in ihren verschiedenen Formen finden sich neben der

Depression regelmäßig von vornherein schwachsinnige Züge, Albernheiten,

Andeutungen von körperlicher Spannung oder Sonderbarkeit, kein

deprimierter, sondern schlaffer oder sonstwie veränderter

Gesichtsausdruck.

Von der =Melancholie= unterscheiden sich die hier behandelten

Depressionszustände ohne weiteres durch das Alter der Kranken, wenn sie

vor den klimakterischen Jahren beginnen (vgl. S. 127). Nicht so leicht

sind die Depressionszustände zu trennen, die erst in den

Rückbildungsjahren beginnen. Sie haben gegenüber der echten Melancholie

im ganzen den rascheren und günstigeren Verlauf, sie zeigen mehr Hemmung

und Verlangsamung der Willenshandlungen gegenüber der ängstlichen oder

reizbaren Verstimmung der Melancholie. Deutlicher noch sprechen für die

Depressionszustände des manisch-depressiven Irreseins Andeutungen von

manischer Erregung, Ideenflucht, Selbstüberschätzung usw., die natürlich

der echten Melancholie nicht zukommen.

Die leichteren Formen der Depression werden, wie schon angedeutet (vgl.

S. 214), leicht für Neurasthenie oder Hysterie gehalten. Die

gleichmäßige trübe Stimmung, die nicht gerade von den körperlichen

Beschwerden der Neurasthenie oder von dem hysterischen Befinden abhängt,

wohl aber gelegentlich von manischen Anklängen durchbrochen wird, die zu

der sonstigen Gebundenheit in auffallendem Gegensatze stehen, ist das

für den Depressionszustand Entscheidende.

Auch die =manischen Zustände= werden oft übersehen. Ihre geringeren

Grade gelten wohl geradezu als Zustände besonders guter Gesundheit,

namentlich wenn sie mit leichten Depressionszuständen abwechseln, die

dem Laien und dem Kranken selbst eher als krankhaft erscheinen.

Schwerere manische Erregungen können mit den Erregungszuständen der

=Katatonie= und der =Dementia paralytica= verwechselt werden; die

Unterscheidung ist bei diesen Krankheiten behandelt. Sie kann auch

dadurch Schwierigkeiten bieten, daß bei beiden Krankheiten ebenfalls ein

Wechsel zwischen Erregungs- und Depressionszuständen vorkommt, also eine

einfache zirkuläre Störung vorgetäuscht werden kann. Immer ist für die

manische Erregung die deutliche Ideenflucht und die Ablenkbarkeit der

Vorstellungen kennzeichnend; das unterscheidet sie auch von den

=epileptischen Dämmerzuständen=, die sonst mit den verwirrten manischen

Erregungen eine gewisse Ähnlichkeit haben. Auch den =hysterischen

Aufregungszuständen= fehlen Ideenflucht und Ablenkbarkeit.

Am größten sind, wie KRAEPELIN ausführt, die diagnostischen

Schwierigkeiten naturgemäß bei den noch wenig bekannten Mischzuständen,

der Manie mit Denkhemmung und dem manischen Stupor. Erstere wird von den

Erregungszuständen Imbeziller durch die Ideenflucht, die

Unbesinnlichkeit der Kranken und ihre tobsüchtigen Handlungen bei

geringer Unruhe unterschieden; im manischen Stupor widerstreben die

Kranken aus Gereiztheit, nicht aus einfachem Negativismus, sie beachten

die Umgebung und reagieren darauf, während die Katatonischen stumpf oder

absichtlich gleichgültig sind.

=Behandlung=. Ob die Lebensweise und die äußeren Verhältnisse einen

Einfluß auf die frühere oder spätere Wiederkehr und auf die Schwere der

einzelnen Anfälle des manisch-depressiven Irreseins haben, ist sehr

zweifelhaft. Auch bei dauernder Anstaltpflege sieht man die Anfälle,

soweit sie früher bestimmte Zeiten hatten, ebenso regelmäßig

wiederkehren. Gegen die manischen Anfälle ist empfohlen, bei den ersten

Anzeichen umschlagender Stimmung, die dem Anfall vorhergehen, große

Gaben Bromsalze, 12,0-15,0, zu reichen, oder größere Morphiummengen,

0,03, einzuspritzen, oder endlich in der Zwischenzeit Atropin

einzuspritzen (HITZIG).

In den Depressionszuständen geringeren Grades werden gewöhnlich alle

Mittel und Methoden angewendet, womit man neuerdings gegen nervöse

Zustände kämpft. Hat die Depression ihre Zeit gedauert und hört damit

von selbst auf, so sind die Kranken meist der Meinung, daß sie durch

ihre eigene Energie oder durch die unternommenen Reisen geheilt worden

wären. Viele von diesen Fällen füllen die günstigen Statistiken der

Wasserheilanstalten und der modernen Anstalten mit Arbeitkuren. Wenn der

Kranke mit dem Nachlassen der Depression wieder anfängt, gern zu

arbeiten, nimmt man an, daß die Arbeit ihn geheilt habe. Ist eine Anzahl

von Anstalten besucht, wie das bei der langen Dauer der Krankheit oft

vorkommt, so wird natürlich der letztbesuchten der Ruhm zuteil, oft nur

so lange, bis die Schwankung zum Besseren wieder vorüber ist. Ähnlich

geht es mit den Kranken, die in Frauen-, Magen-, Stoffwechsel- oder

sonstwie ärztliche Kuren kommen. Bei der unbestimmten Dauer der

Krankheit wäre es schwer, ein wirkliches, sachliches Urteil zu gewinnen,

wenn nicht die von mir gerade für die einfachen Depressionszustände

dringend empfohlene =Opiumkur= als wirkliches =Heilmittel= dadurch

erwiesen würde, daß sie (richtige Diagnose vorausgesetzt) wohl

ausnahmslos in 2-3 Monaten zu einer völligen und oft endgültigen Heilung

führt. In leichteren Fällen kommt man auch hier mit dem =Kodein= aus

(vgl. S. 60). Neben der Arzneibehandlung, die hier entschieden als

spezifische Kur an die erste Stelle tritt, sind =Bettruhe= für die erste

Zeit, =milde Wasserbehandlung= und geeignete =Ernährung=, wie im vierten

Abschnitt angegeben (S. 118 f.), unentbehrliche Hilfsmittel. Sobald der

krankhafte Affekt verschwunden ist, kann man die Patienten fast immer

ohne Mühe an eine Tätigkeit gewöhnen, die ihren Kräften angemessen ist.

Am meisten Schwierigkeit macht das in den alten, ganz verschleppten

Fällen, wo eine vieljährige Depression die Kranken ganz von der Idee

der Arbeit entwöhnt hat. Hier mag dann wohl ein Arbeitsanatorium

wünschenswert sein. Über ihre dauernden Erfolge ist mir nichts bekannt

geworden.

Die Behandlung der =Manischen= ist nur in einer Anstalt richtig

durchführbar. Auch in dem besteingerichteten Hause ist es unmöglich, die

Kranken vor den sie erregenden Einflüssen der Außenwelt und der

gewohnten Umgebung zu bewahren und ihre krankhaften Handlungen ohne

gewaltsame Beschränkung unschädlich zu machen. Im Anfange der Krankheit

ist es bei der Unternehmungslust der Kranken meist nicht schwer, sie zu

einem Ausflug nach einer Anstalt zu bereden und ihnen an Ort und Stelle

klar zu machen, daß eine ärztliche Behandlung ihrer Nervosität u. dgl.

wünschenswert sei. Leider wird der Zustand gewöhnlich erst dann richtig

beurteilt, wenn schwere Erregung eingetreten ist. Dann ist eine

gewaltsame Verbringung, sogar unter Anwendung einer Zwangsjacke,

manchmal nicht zu umgehen, in den meisten Fällen wird es aber auch nun

noch genügen, wenn Eltern oder sonstige Achtungspersonen mit der nötigen

Bestimmtheit aussprechen, daß man nach ärztlichem Rat den Aufenthalt in

einer Heilanstalt für notwendig halte und erforderlichen Falles

notgedrungen Gewalt brauchen werde. Die Anwesenheit reichlicher

Hilfskräfte erspart dabei meist wirklichen Zwang.

Für die Behandlung selbst ist =Ruhe= die Hauptsache. Der Manische gehört

ins Bett. In der Anstalt wird man zunächst versuchen, die

=Bettbehandlung= in einem gemeinsamen Krankensaale durchzuführen,

vielfach wird das aber vereitelt, weil der Kranke durch die Vorgänge in

seiner Umgebung gereizt wird und seinen Übermut an den Genossen ausläßt.

Dann ist es ratsam, ihn allein, in einem größeren Raum unter Aufsicht zu

Bett liegen zu lassen. Von der =Isolierung= im kleinen Einzelraum

(üblerweise vielfach Zelle genannt) ist so viel wie irgend möglich

abzusehen, weil dabei leicht Unsauberkeit und andere schlechte

Gewohnheiten einreißen. Freilich kommt man nicht immer darum weg. Dann

sind glatte, aber möglichst wenig unfreundliche Räume mit Strohsack oder

Matratze und sogenannter unzerreißbarer Decke, Nachtgeschirr aus

gepreßter Pappe usw. unentbehrlich. Es muß aber immer wieder versucht

werden, den Kranken an ein besseres Lager, an ein besser ausgestattetes

Zimmer zu gewöhnen. Man lasse lieber ein paar Decken und Bezüge

zerreißen, als den Kranken das Gefühl der Fürsorge entbehren. Luft,

Licht, Reinlichkeit, gute Nahrung und Erfüllung aller unschädlichen

Wünsche, auch wenn sie überflüssig erscheinen, sind selbstverständlich

freigebig zu gewähren. Der Arzt hat durch ruhiges, freundliches

Auftreten bei taktvollem Ausweichen gegenüber den höhnenden und

anreizenden Äußerungen des Kranken oft doch großen Einfluß auf ihn.

Das beste Hilfsmittel bei schweren Erregungen ist das erst im letzten

Jahrzehnt allgemein bekannt gewordene =Dauerbad= (vgl. S. 57). Kranke

mit der heftigsten tobsüchtigen Erregung, bei denen die Isolierung

unmöglich erscheint, werden im =vielstündigen=, nötigenfalls =Tag und

Nacht= fortgesetzten Bade von 34°C durchaus erträglich und allmählich

beruhigt. Das Badezimmer muß so eingerichtet und die Pfleger oder

Pflegerinnen müssen so gekleidet sein, daß es nichts ausmacht, wenn die

Kranken anfangs oder zwischendurch etwas stürmisch mit dem Wasser

umgehen.

Beim Gebrauch der Dauerbäder kann man die beruhigenden Arzneimittel fast

immer entbehren. In der Privatpraxis, bevor die Kranken der Anstalt

übergeben werden und für den Weg dahin, ist das beste Mittel das

Skopolamin (S. 61). Man kann es geradezu als Reagens für Manie

bezeichnen. Man gibt es am besten innerlich, zu 0,0005-0,001-0,002! pro

dosi und nötigenfalls mehrmals täglich. Was in der Literatur von üblen

Wirkungen des Mittels gesagt worden ist, bezieht sich auf die subkutane

Anwendung, die viel stärker wirkt und Benommenheit, taumelnden Gang,

Akkommodationslähmung hervorruft. Man greift also nur im Notfall dazu,

hauptsächlich wenn der Kranke das völlig geschmacklose und daher leicht

in jedem Getränk unterzubringende Mittel auf keine Weise einnimmt. Man

gibt dann nur die Hälfte der innerlichen Dosis. Manchmal kann man auch

nur dadurch das Dauerbad durchführbar machen, daß man zu Anfang nebenher

Skopolamin gibt.

Läßt die Erregung nach, so kann man die Kranken täglich einige Stunden

aufstehen und im Garten spazieren gehen lassen. Besteht zugleich noch

Schlaflosigkeit, so gibt man zweckmäßig und auch mit guter Wirkung für

den nachfolgenden Tag abends Trional, Sulfonal und vielleicht noch

besser Dormiol oder Veronal. Die beiden letzteren kann man auch bei Tage

in kleinen Gaben als Beruhigungsmittel reichen, zumal im Abklingen der

Erregung. Für die ganz verschleppt verlaufenden Erregungen hat JOLLY

systematische Anwendung von Opium empfohlen.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 55 / 133 题