(Dementia simplex, Hebephrenie, Katatonie.)
KAHLBAUM hat zuerst erkannt, daß unter den als Melancholie, Manie oder
Paranoia mit Ausgang in Verblödung aufgefaßten Krankheiten eine große
und häufige Gruppe gemeinsame klinische und prognostische Züge aufweist,
die hinreichenden Grund geben, sie jenen früher so viel umfassenden
Begriffen zu entziehen und sie in einen gemeinsamen Rahmen
zusammenzufassen. Sein Schüler HECKER beschrieb 1871 die Hebephrenie,
KAHLBAUM selbst 1874 die Katatonie, und in den letzten Jahren hat
KRAEPELIN diese beide Formen nebst der einfachen Verblödung jugendlicher
Individuen unter dem gemeinsamen Namen Dementia praecox als besondere,
nahe zusammengehörige Krankheitgruppe mit schlagenden Gründen erwiesen.
Ihre gemeinsamen Eigenheiten bilden Entstehung auf Grund erblicher
Anlage, der Verlauf unter eigentümlichen Verblödungserscheinungen und
die im ganzen ungünstige Prognose. Misch- und Übergangsformen zwischen
den drei Arten sind nicht selten. Im wesentlichen kann man folgende
Bilder für die einzelnen Formen aufstellen.
a) Die Dementia simplex, der primäre konstitutionelle Schwachsinn.
In den der Pubertät folgenden Jahren, seltener erst im dritten
Lebensjahrzehnt, stellt sich ohne auffallende Erscheinungen ein gewisser
geistiger Rückgang ein. Oft handelt es sich um mäßig begabte oder von
vornherein leicht imbezille Menschen, die bis dahin durch Fleiß und
Anstrengung ihre Unvollkommenheit verdeckt hatten, andere Male um
anscheinend besonders begabte Menschen. In dem Alter, wo bei anderen die
selbständige, bewußte Arbeit und die Bildung des Charakters anfängt,
versagen ihnen die geistigen Kräfte. Statt vorwärts zu kommen, versinken
sie in dumpfes Brüten, verlieren das Interesse an der Arbeit und die
Übersicht über abstrakte Verhältnisse. Nicht selten machen sich
erhebliche ethische Defekte geltend; die Kranken lügen und betrügen,
ergeben sich der Onanie, quälen Tiere und Menschen, verbummeln und
werden auch bei günstigen äußeren Verhältnissen zu Vagabunden. Die
Stimmung ist meist reizbar, abwechselnd kleinmütig und zornig, in
manchen Fällen überaus albern. Im Laufe der Jahre kommt es zu völligem
Aufhören der geistigen Antriebe, die Kranken sprechen nicht mehr und
rühren sich nur, soweit sie angetrieben werden, und führen ein rein
vegetatives Leben. Trotzdem zeigt sich, wenn sie zum Sprechen zu bewegen
sind, daß sie ihre früher erworbenen Kenntnisse behalten haben. Je nach
dem Grade ihres Schwachsinns bilden diese Kranken einen großen Teil der
Insassen der Arbeitshäuser oder der Pflegeanstalten.
b) Die Hebephrenie.
Bei dieser Form tritt der geistige Rückgang nicht so unvermerkt ein,
sondern =unter den Erscheinungen einer subakuten, seltener akuten
Geistesstörung=. Gewöhnlich beginnt sie mit einem Depressionszustande.
Die Kranken klagen über Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Schwindelgefühl,
auch wohl über Gleichgültigkeit gegen alles, was sie sonst bewegt hätte,
trübe und freudige Vorfälle. Allmählich stellt sich Niedergeschlagenheit
ein, Angstgefühle treten auf, meistens auch bald Sinnestäuschungen,
allerlei Visionen, unbestimmte Geräusche, üble Gerüche und schlechte
Geschmacksempfindungen. Weiterhin hören sie sich beschimpfen oder
bedrohen und fühlen sich körperlich verändert. Dann treten
Wahnvorstellungen hinzu, manchmal die Sinnestäuschungen überwiegend.
Weibliche Kranke glauben schwanger zu sein, andere glauben sich verhext,
entehrt, körperlich zerstört, vergiftet, Männer fühlen, wie ihnen der
Samen abgezogen wird, oder glauben, in ein Weib verwandelt zu sein.
Vielfach treten Versündigungsvorstellungen auf. Früher oder später
kommen auch Größenideen vor, nicht selten in der abenteuerlichsten Weise
und an die dementen Größenvorstellungen der Paralytiker erinnernd. Das
Unsinnige der Wahnvorstellungen gibt meist einen deutlichen Hinweis auf
die Krankheitform. Trotzdem fühlen sie sich oft selbst krank und
behalten eine gewisse Besonnenheit und Ordnung der Gedanken und des
Benehmens, nur zeitweise tritt unter manischen Erregungen stärkere
Verwirrtheit und Unklarheit auf, mit Verkennung der Umgebung und ihrer
Personen. Die früher erworbenen Vorstellungen und Erinnerungen bleiben
meist erhalten, aber die neuen Eindrücke werden wohl gemerkt, aber nicht
verwertet, sie können und wollen nichts mehr lernen und nichts mehr
leisten. Ihr Handeln ist teils von Trägheit, teils von albernen
Antrieben geleitet. Zuweilen begehen sie ganz unsinnige Handlungen,
entkleiden sich auf der Straße, drängen sich mit törichten oder
unanständigen Anforderungen in fremde Häuser, lachen beständig oder in
endlosen Anfällen, prostituieren sich geschlechtlich, begehen im Heere
die auffälligsten Ausschreitungen oder gehen einfach davon. Auch schwere
Angriffe auf irgend welche Personen, ohne den leisesten Grund, werden
beobachtet. In Rede und Schrift tritt oft eine starke Verworrenheit
hervor, sie sprechen geziert, mit absichtlicher Verdrehung der Wörter
oder in gesuchten Ausdrücken, unter beständiger Wiederholung
gleichgültiger oder selbstgeschaffener Wortverbindungen, aber unter
Beibehaltung eines geordneten Satzgefüges, das den sinnlosen Inhalt auf
den ersten Blick noch verschleiert. Auch in der äußeren Anordnung
verraten die Schriftstücke den krankhaften Charakter: die Buchstaben
weisen eigentümliche Schnörkel auf, die Schriftart wechselt in demselben
Briefe mehrmals ohne Bezug auf den Inhalt, Ausrufungs-, Fragezeichen und
Unterstreichungen sind wie verstreut in die Aufzeichnungen. Durch
unregelmäßiges Essen kommen die Kranken zunächst oft sehr herunter,
später sind sie oft geradezu gefräßig und daher in sehr gutem oder
überreichem Ernährungszustande. Allmählich stellt sich in der Mehrzahl
der Fälle, nach KRAEPELIN bei etwa 75% der in die Anstalten gelangenden
Kranken, tiefe Verblödung ein, teils unter völligem Verlust der
menschlichen Gewohnheiten, teils unter einer oberflächlichen geistigen
Regsamkeit, die durch läppisches oder verwirrtes Reden, bizarre
Angewohnheiten, eigentümliche Bewegungen, Neigung zum Zupfen an den
Kleidern oder Gliedern, Neigung zum Zerreißen oder Schmieren, Onanieren,
eintönige Selbstbeschädigungen usw. ein krankhaftes, schwachsinniges
Gepräge erhält. Dieses Benehmen kann sich durch Jahrzehnte unverändert
erhalten. Zwischendurch können dann noch wieder Andeutungen der früheren
Erregungszustände, der Sinnestäuschungen und Wahnvorstellungen
auftauchen. Eine größere Anzahl der Kranken kann unter Anstaltspflege
eine gewisse Haltung bewahren, mechanische Arbeit leisten, an den
Anstaltsvergnügen teilnehmen usw. Nur ein sehr kleiner Teil, nach
KRAEPELIN etwa 8%, kommt zur Genesung in dem Sinne der bürgerlichen
Lebensanforderungen bescheidener Kreise.
c) Die Katatonie.
Als Katatonie oder Spannungsirresein hat KAHLBAUM ein Krankheitbild
gezeichnet, das der Reihe nach die Erscheinungen der Melancholie, der
Manie, des Stupors und bei ungünstigem Verlaufe auch der Verwirrtheit
und des Blödsinns bietet und sich daneben durch motorische Krampf- und
Hemmungserscheinungen auszeichnet. Die Mehrzahl der Fachgenossen hat
sich lange gesträubt, das Bild in seiner ganzen Ausdehnung anzuerkennen,
vielmehr glaubte man, die katatonischen Symptome ganz verschiedenen
Krankheitformen zuschreiben zu müssen, insbesondere der Amentia, der
Paranoia, dem periodischen und zirkulären Irresein usw. Insbesondere
durch die Bemühungen von NEISSER (1887) und neuerdings vor allem der
KRAEPELINschen Schule ist gegenwärtig die Frage als dahin entschieden
anzusehen, daß in der Tat die KAHLBAUMsche Schilderung im wesentlichen
zutrifft, daß die katatonischen Erscheinungen eine klinisch und
prognostisch einheitliche Gruppe ausmachen und daß sie endlich der
Hebephrenie und der einfachen Verblödung des Jugendalters nahestehen.
Die Katatonie bildet somit einen wichtigen Teil der von KRAEPELIN
aufgestellten Gruppe der Dementia praecox.
Die Katatonie beginnt gewöhnlich mit einem =Vorstadium= von allgemeinem
=nervösen Übelbefinden=, das zuweilen monatelang anhält, manchmal nur
durch Mattigkeit, Unlust, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, wilde Träume
ausgezeichnet, manchmal mit einem oder mehreren deutlichen
=Depressionszuständen= durchsetzt ist. Weiterhin stellen sich dann,
nicht selten unter =Ohnmachten= oder vereinzelten =Krampfanfällen= von
epileptoider Art, =Sinnestäuschungen= und =Wahnvorstellungen= ein. Die
Kranken sehen religiöse oder Teufelsbilder, wilde Tiere, Flammen, Hölle
und Gräber, abgehackte Köpfe und Würmer im Essen, hören Musik, Lärm und
Bedrohungen, Reden, Stimmen allerart, spüren elektrische Ströme im
Körper usw.; halten sich für verloren, sündig, vom Teufel besessen,
glauben den Weltuntergang gekommen, fürchten hingerichtet oder gemartert
zu werden, fühlen sexuelle Schändungen und Verlockungen und glauben
ihren Körper auf die wundersamste Art zerstört und verändert. Meistens
erst später kommen Größenideen hinzu und stehen dann beglückend im
Vordergrunde: die Kranken sind ungeheuer reich, berühmt, in den höchsten
Stellungen, Christus und Gott, die Frauen sind ebenfalls reich und
vornehm, gehen mit hohen Verlobungen und Heiraten um, bestellen
Hochzeitmähler usw. Fast immer ist bei beiden Geschlechtern die sexuelle
Erregung sehr groß und von rücksichtslosem Ausdruck. Die Handlungen
vollziehen sich ganz im Sinne dieser Wahnvorstellungen, die Kranken
begehen Ausschweifungen, beten viel, fangen auch wohl an, den
Gottesdienst zu stören; andere machen Selbstmordversuche oder
gefährliche Angriffe auf ihre Umgebung. Im Gespräch zeigen sie sich
verkehrt und voller Widersprüche, sie verkennen alle Personen, fassen
aber doch gut auf und begrüßen daher die Personen immer mit derselben
verkehrten Bezeichnung. Die Erinnerung an die Vergangenheit ist
ungestört, sie erzählen oft beständig davon.
Entweder aus diesem Vorstadium, das den Hauptzügen der Hebephrenie sehr
ähnelt (vgl. S. 227), oder ganz ohne bemerkbare Vorboten, aus voller
Gesundheit heraus, entwickeln sich dann die kennzeichnenden Zustände der
Katatonie: der =katatonische Stupor= und die =katatonischen
Erregungszustände=. Jeder von beiden Zuständen kann den Anfang machen.
Der =katatonische Stupor= unterscheidet sich von dem gewöhnlichen
Stupor (vgl. S. 216), der eine allgemeine Erschlaffung darstellt,
sehr wesentlich durch die Erscheinungen =starrer motorischer
Gebundenheit=. Die Kranken nehmen bestimmte, oft sehr eigentümliche
Haltungen und Stellungen ein und behalten sie Tage, Wochen, ja
Monate unverändert bei. Sie liegen oder stehen bildsäulenartig oder
in den verzwicktesten Stellungen und Haltungen da, vielleicht den
Kopf oder den Oberkörper zum Bett hinaushängend, lassen sich in
solcher Haltung steif in die Höhe heben, knieen so lange auf einer
Stelle, bis sie Gelenkentzündungen bekommen, falten die Hände bis
zum Druckbrand. Das Gesicht ist maskenartig starr, die Augen sind
geschlossen und fest zusammengekniffen, oder starr weit geöffnet,
die Pupillen weit, der Lidschlag erfolgt sehr selten. Beim Versuch,
dem Kranken die Augen zu öffnen, rollt er die Augäpfel stark nach
oben. Die Lippen werden oft rüsselartig zusammengeschoben,
Schnauzkrampf. Gibt man dem Kranken Nahrung, so klemmen sich seine
Kiefer fest zusammen. Jedes Glied leistet dem Versuch, es zu
bewegen, starken Widerstand und nimmt nach passiver Beugung mit
Federkraft die alte Stellung wieder ein. Man bezeichnet dies
widerstrebende Verhalten als =Negativismus=. Wenn die Kranken zum
Gehen zu bewegen sind, tun sie das oft in der sonderbarsten Weise,
auf den Zehen, mit gestreckten Knien, auf dem äußeren Fußrande,
unter sonderbarer Drapierung des Hemdes oder der Kleider, auch wohl
rutschend oder springend, meistens langsam und steif, manchmal
ruckweise und schnellend.
Gewöhnlich sprechen die Kranken in diesem Zustande gar nicht oder nur
einzelne Worte, lispelnd und flüsternd, sie beantworten keine Frage,
reagieren auf keine Berührung oder Reizung, lassen sich nicht zum
Schreiben bewegen. Nicht selten hat man aus ihrem Mienenspiel den
Eindruck, als ob sie sprechen oder reagieren wollten, aber nicht können.
Auch darin zeigt sich dieser Negativismus, daß sie vielfach das
Gegenteil von dem tun, was vernünftig wäre: keine Kleider dulden, sich
neben das Bett legen, Kleider und Betten verkehrt anwenden, fremde
Betten aufsuchen usw. Kranke, die hartnäckig ihre Nahrung zurückweisen,
verzehren öfters mit Gier die für andere hingestellten Speisen. Auch zur
Entleerung des Harns und Stuhlganges sind sie nicht zu bewegen, solange
sie auf dem Klosett sind oder das Nachtgeschirr vor sich haben;
unmittelbar darauf lassen sie alles ins Bett. Auch den Speichel und bei
Schnupfen den Nasenschleim lassen sie achtlos herunterlaufen, zuweilen
spucken sie auch rücksichtslos um sich.
[Illustration: Fig. 13. Katatonikergruppe. (Nach KRAEPELIN.)]
Manchmal wird der Negativismus zeitweise durch =Katalepsie= ersetzt. Die
Glieder nehmen dabei die bekannte wächserne Biegsamkeit an und
behalten längere Zeit die gegebenen Stellungen bei. Figur 13, aus
KRAEPELINs Lehrbuch, zeigt eine Gruppe solcher Kranken photographiert.
In diesen Zuständen haben die Kranken auch die Neigung, Worte oder
Gebärden der Umgebung nachzuahmen usw. Zwischendurch kommen auch
vereinzelte plötzliche Bewegungen, Schimpfen, Schreien, Krähen oder
Singen vor, auch unvermutete Gewalthandlungen sind nicht selten.
[Illustration: Fig. 14. Manierierte katatonische Schrift. (Nach
WEYGANDT).]
Die =katatonischen Erregungen= haben ihre Eigentümlichkeit in
=stereotypen Wort- und Bewegungsäußerungen=. Die Wortstereotypie oder
=Verbigeration= besteht in der beständigen Wiederholung derselben Worte
oder Sätze, oft verstümmelter Worte oder ganz sinnloser
Silbenverbindungen oder einzelner Buchstaben in immer derselben
rhythmischen Betonung, schreiend, flüsternd oder singend, nur durch
zufällige Einwirkungen manchmal etwas umgeändert. Dazwischen heulen,
brüllen, kreischen und johlen sie, lachen unmäßig, auch gewöhnlich in
rhythmischer Weise. Auch in der Schrift zeigt sich die Stereotypie in
der beständigen Wiederholung derselben Wörter, Buchstaben, Zahlen und
Schnörkel, in sonderbarer Schrift und Interpunktion, in eigentümlicher
Anordnung der Niederschrift und seltsamen Zeichnungen (vgl. Fig. 14).
Die stereotypen =Bewegungen= zeigen sich in starrer Haltung, z. B. in
der Stellung des Gekreuzigten, oder in merkwürdigen Bewegungen. Die
Kranken drehen sich mit großer Schnelligkeit um sich selbst, wälzen sich
im Zimmer umher, schlagen mit Armen und Beinen um sich, nicht selten
kommen ähnliche Bilder wie im großen hysterischen Anfall zustande. Oft
machen sie unaufhörlich taktmäßige Bewegungen, trommeln mit den Fäusten,
stampfen mit den Füßen auf, alles in seltsam veränderter, zweckloser
Weise, ohne Beziehung zur Umgebung oder zu irgend welchen Vorstellungen,
aber ohne jede Rücksicht auf Beschädigung ihrer selbst oder der
Umgebung. Zwischendurch folgen sie allerlei plötzlichen Antrieben,
stürzen sich mit dem Kopf voran ins Bett oder in die Stube, klettern auf
Tische und Öfen, stellen sich in das Klosett, rennen in bestimmter
Richtung oder in sonderbaren Schlangenlinien im Zimmer umher, tanzen,
greifen die Umgebung an oder kratzen sich selbst, beißen sich Lippen und
Zunge ab, beißen sich in den Arm usw. Sie urinieren und defäkieren
überall hin, verzehren die Ausleerungen, suchen Spucknäpfe auszutrinken,
spucken sich ins Essen usw. Auch ihre geschlechtliche Erregung äußern
sie in der rücksichtslosesten Weise.
In vielen Fällen schieben sich die Äußerungen der =katatonischen
Erregung= und des =katatonischen Stupors= regellos abwechselnd
durcheinander, oder es kommt in einer der beiden Formen, die längere
Zeit anhält, vorübergehend zur Einschiebung von Äußerungen der anderen
Form. Nicht selten werden die Erregungen durch =epileptiforme Anfälle=
ersetzt, andere Male gleichen sie zum Verwechseln den großen
=hysterischen Anfällen= (vgl. S. 138). Das =Bewußtsein= ist auf der Höhe
der Erregungen immer tief getrübt, trotzdem werden Einzelheiten aus der
Umgebung aufgefaßt und in der Erinnerung behalten, wenn auch oft
wahnhaft gedeutet. Bei leichterer Erregung besteht oft ein gewisses
Krankheitgefühl, die Kranken fühlen sich verändert und sind sich über
das Zwingende und und Unsinnige ihrer Antriebe bis zu einem gewissen
Grade klar. Auch nach dem Aufhören des Stupors äußern sie sich oft in
ähnlichem Sinne, aber ohne rechtes Verständnis für die Schwere der
Zustände, sie scheinen sich nie besonders darüber zu wundern, sondern
berichten einfach, es sei so gewesen.
=Verlauf und Ausgänge.= In der Mehrzahl der Fälle schwinden allmählich
die Erregung oder der Stupor und machen einem eigenartigen =Blödsinn=
Platz; der Verstand ist ausgebrannt, es wird nichts Neues mehr gelernt,
es besteht keinerlei wirkliches Interesse und kein Gefühl für die
gegenwärtige Lage. Im Anstaltsleben kommen die Kranken so mit fort, sie
nehmen an der Arbeit teil, soweit sie mechanisch zu erledigen ist,
können auch noch Karten spielen, wenn sie es früher gelernt hatten,
stehen aber im ganzen auf dem Standpunkte eines Kindes. Ein großer Teil
der Kranken erreicht aber diese relative Ordnung nicht, sondern bleibt
abweisend, unbeeinflußbar, unzugänglich, oder aber reizbar und unruhig;
diese Kranken zeichnen sich auch äußerlich kennbar dadurch ab, daß sie
die =stereotypen Haltungen und Bewegungen= beibehalten und sie zu
dauernden =Manieren= ausbilden. Sie stehen Tag für Tag in derselben
eigentümlichen, oft sehr unbequemen Stellung da, gehen in sonderbaren
Linien, zupfen sich die Haare aus, heben ihr Kleid immer in derselben
Weise, schütteln und nicken mit dem Kopf, schneiden Gesichter,
schmatzen, knirschen mit den Zähnen, lachen unmäßig und zeigen
sonderbare Gebärden in reichster Abwechselung, aber für jeden einzelnen
stereotyp. Auch im Sprechen behalten sie die beschriebenen
Eigentümlichkeiten bei, oft kommt es auch zu einer charakteristischen
=Sprachverworrenheit=, wobei sie in der Form eines Satzes, oft in
pathetischem Vortrag, einen wirklichen Wortsalat, wie FOREL sich
ausgedrückt hat, ohne jeden Sinn zusammenmischen. Auf jede Frage erhält
man eine derartige Antwort, auch wenn die Kranken z. B. imstande sind,
einen Auftrag richtig zu erfassen, mit den Genossen Karten zu spielen
usw. Manche Kranke bekommen diese Sprachverworrenheit nur in der
Erregung.
Bei der katatonischen Verblödung kommen zwischendurch immer noch von
Zeit zu Zeit =Aufregungszustände= von kurzer Dauer vor, nicht selten mit
Gewalthandlungen gegen sich oder gegen die Umgebung.
Ein kleiner Teil der Kranken gelangt zur =Heilung=, nach KRAEPELIN von
seinen Fällen etwa 13%. Wenigstens verschwanden dabei die
Krankheiterscheinungen so vollständig, daß die Genesenen ihre frühere
Stellung im Leben ganz wie früher ausfüllen konnten. Ob die Genesung
dauernd ist, läßt der Autor dahingestellt, da noch nach 8-10 Jahren
Rückfälle vorkommen können.
Häufiger kommt es zu vorübergehenden =Nachlässen=, oft ganz plötzlich
aus den schwersten Zuständen heraus, manchmal nur Stunden oder Tage
dauernd, viel öfter auf Wochen und Monate oder Jahre ausgedehnt, so daß
eine Heilung vorgetäuscht werden kann. Gewöhnlich ist aber dabei das
Benehmen nicht ganz frei, sondern die Kranken sind still, reizbar, ohne
volle Einsicht für die Krankheit. Solange noch die geringsten Zeichen
von Negativismus oder Stereotypen bestehen, darf jedenfalls nicht von
einer eigentlichen Remission gesprochen werden; sind keine Andeutungen
von Negativismus mehr da, und bleibt doch das Gemütsleben der Kranken
erloschen, das Interesse für die Umgebung, für die Angehörigen, für die
eigene Zukunft ohne Regung, so sind die Aussichten auf Besserung
vernichtet.
Einzelne Kranke erliegen der =Erschöpfung= oder den =Verletzungen= der
Erregungszustände, von den chronischen Kranken sterben sehr viele an
=Tuberkulose=, der sie sowohl durch die mangelhafte Ernährung als durch
ihre Unsauberkeit, ihre oft schlechte Atmung usw. sehr ausgesetzt sind.
=Ursachen.= Wie schon der von KAHLBAUM gewählte Name =Jugendirresein=
sagt, gehört die Hebephrenie vorwiegend dem Jugendalter an, und das
trifft auch für die Katatonie zu. KRAEPELIN stellt von der Hebephrenie
72, von der Katatonie 68% mit dem Beginn vor das 25. Lebensjahr.
Ausnahmsweise beginnt die Katatonie noch in den vierziger Jahren, die
Hebephrenie noch zu Anfang der dreißiger. Die Erklärung dafür liegt
darin, daß die Hauptursache der Erkrankungen die erbliche Belastung ist,
und zwar in einem Grade, der schon in den ersten Jahrzehnten des
erwachsenen Alters unter den Anforderungen des Lebens zusammenbrechen
läßt. Bei der Hebephrenie überwiegen die Männer, bei der Katatonie die
Frauen. KRAEPELIN nimmt an, daß Beziehungen der Katatonie zum weiblichen
Geschlechtsleben bestehen, da nicht nur in 18% seiner Fälle
Menstruationstörungen vorhanden waren, sondern in 24% der Fälle die
Katatonie geradezu während der Schwangerschaft oder häufiger im Anschluß
an das Wochenbett entstand. Auch Rückfälle schlossen sich mehrfach an
Geburten und Schwangerschaft an. Bei 10-11% der KRAEPELINschen Kranken
waren schwere Infektionskrankheiten vorausgegangen, am häufigsten Typhus
und Scharlach. In der Regel lagen allerdings Jahre zwischen der
Infektionskrankheit und der Psychose, aber mehrfach waren seit der
Infektionskrankheit gewisse psychische Veränderungen bemerkt worden.
Militärdienst und Gefängnis scheinen ebenfalls öfters zur Dementia
praecox zu führen. Alkohol und Syphilis haben keinen nachweisbaren
Einfluß. Gemütsbewegungen, Kopfverletzungen usw. scheinen höchstens als
Gelegenheitsursachen mitzuwirken. Bei einem Teil der Kranken bestehen
von Kind auf psychische Eigentümlichkeiten und körperliche
Entartungszeichen in der S. 41 besprochenen Weise.
Das eigentliche Wesen der Krankheit ist damit natürlich noch nicht
erklärt. Wahrscheinlich handelt es sich bei den schweren Erscheinungen,
die so oft zu völliger Zerstörung der feineren Gehirnfunktionen führen
und mit so erheblichen zerebralen Bewegungstörungen verbunden sind, um
die Wirkung eines Giftes, das gerade die feinsten Organe der Gehirnrinde
angreift. Daß es sich dabei um eine =Autointoxikation= handelt, läßt
sich bei dem heutigen Stande unserer Kenntnisse nicht beweisen.
=Diagnose.= Die Anfänge der Hebephrenie wie das Vorstadium der Katatonie
werden sehr häufig für =Neurasthenie= oder für die Äußerungen erblicher
Belastung im Sinne der =Grenzzustände= angesehen, die ja auch oft erst
nach der Pubertät und gegenüber den erhöhten Anforderungen des Lebens
beim Militärdienst usw. hervortreten. Entscheidend für die Dementia
praecox sind die Zeichen von psychischer Schwäche und von
Gemütsstumpfheit, Interesselosigkeit, die bei der Neurasthenie überhaupt
nicht, bei den Grenzzuständen jedenfalls nicht in dieser Weise
vorkommen. Namentlich kennzeichnet sich die Dementia praecox sehr bald
durch die Unsinnigkeit der hypochondrischen Klagen. Auftreten von
Negativismus oder Katatonie, von Stupor oder Katalepsie sichert
natürlich in dieser Richtung die Unterscheidung völlig.
Schwieriger ist die Unterscheidung der Katatonie von der =Amentia= (vgl.
S. 80). Man muß daran festhalten, daß der Amentia sowohl der
Negativismus als die Stereotypie völlig fehlen, auch die kataleptischen
Erscheinungen höchstens angedeutet zu sein pflegen. Das Bewußtsein, die
Orientierung und die Merkfähigkeit sind bei der Amentia viel stärker
gestört, dagegen folgen die Kranken in ganz natürlicher Weise ihrer
Stimmung und den krankhaften Vorstellungen, ohne eine Spur des
verschrobenen und manierierten Benehmens der Katatonischen.
Vielfach wird die beginnende Katatonie mit =Epilepsie= oder mit
=Hysterie= verwechselt, wenn nur die vorgekommenen Krampfzustände
berücksichtigt werden. Wenn man die psychischen Bilder beachtet, kann
nur der epileptische Dämmerzustand zu Verwechselungen veranlassen. Trotz
der schwereren Bewußtseinstörung haben die epileptischen Dämmerzustände
nicht das Sinnlose und noch weniger das Stereotype der katatonischen
Verwirrtheit, auch die Sprachverworrenheit fehlt bei der Epilepsie, und
ihre Ängstlichkeit ist etwas ganz anderes als der starre Negativismus
des Katatonischen.
Dauerndere Schwierigkeiten entstehen oft für die Unterscheidung der
Katatonie und des =manisch-depressiven Irreseins=, sowohl in seiner
Depression als in den manischen und vor allem in den gemischten
Zuständen. In der Depression steht der wirkliche Seelenschmerz, in der
manischen Periode die heitere natürliche Ausgelassenheit des Kranken in
erheblichem Gegensatz zu der Gemütsstumpfheit des Katatonikers, der bei
seiner Verstimmung wie bei seinen Erregungen stets eine gewisse
Stumpfheit und Äußerlichkeit verrät, und dessen Verworrenheit durchaus
nicht mit der Erregung parallel läuft. Der katatonische =Stupor=
zeichnet sich durch völligen Negativismus aus, er beantwortet Anregungen
zur Bewegung überhaupt nicht oder wie in plötzlichem Ausfahren, während
der reine Stupor die Hemmung allmählich, in langsamer Ausführung der
Bewegung, überwinden kann. Man darf nur nicht glauben, immer gleich bei
der ersten Beobachtung des Kranken eine sichere Diagnose stellen zu
können, das gelingt nur in den ganz ausgesprochenen Fällen der einen
oder der anderen Art.
Auch die Trennung von der =Paranoia= macht oft Schwierigkeiten.
KRAEPELIN hat eine große Gruppe der bisher allgemein als Paranoia
aufgefaßten Zustände unter der Bezeichnung =Dementia paranoides= unter
die Dementia praecox eingereiht, insbesondere die Fälle, die mit
erheblicher Verblödung und mit starker Sprachverworrenheit verlaufen und
nicht zu Systematisierung des Wahnes führen (vgl. S. 205). Ich bin
seiner Auffassung vorläufig hier nicht gefolgt, um nicht allzusehr von
der noch allgemein angenommenen Anschauung abzuweichen. Es kann nicht
die Aufgabe des für den Praktiker berechneten Kompendiums sein, in
dieser noch überaus streitigen Frage Stellung zu nehmen.
Die Katatonie kann auch mit =Dementia paralytica= verwechselt werden,
solange deren motorische Zeichen noch unausgesprochen sind. Auch bei der
Paralyse kommen Negativismus, Stereotypien, Verbigeration vor, aber
gewöhnlich nicht so anhaltend und niemals in der Art der
Gewohnheitsmanieren. Ferner pflegt sich bei der Paralyse schneller ein
deutlicher geistiger Verfall und Schwinden des Gedächtnisses und der
Merkfähigkeit zu entwickeln.
=Behandlung.= Fast immer wird bei den Erregungszuständen der Dementia
praecox und bei der Katatonie dauernd die Anstaltbehandlung nötig sein.
Auch aus dem Grunde ist schnelle Erkennung gegenüber der Amentia, der
Hysterie usw. wichtig, die unter Umständen zu Hause behandelt werden
können. Die Erregungen reagieren viel weniger als die manischen auf
Arzneimittel, auch auf das Skopolamin, so daß man auch dadurch
diagnostische Winke bekommen kann. Dauerbäder und feuchte Einwickelungen
geben hier die besten Erfolge. Im Stupor ist die Ernährung oft sehr
schwierig; regelmäßige Wägungen sind dann unentbehrlich, und bei
erheblichem Rückgange des Gewichtes darf man nicht zu lange mit der
Sondenfütterung warten. Nach dem Eintritt der Verblödung können die
Kranken, bei denen Erregungszustände, Unreinlichkeit und
Nahrungsverweigerung fehlen, zweckmäßig der eigenen Familie übergeben
werden; am besten sind auch sie in einer Pflegeanstalt oder in einer
irrenärztlich überwachten Familienpflege aufgehoben.