1. Paranoia, Verrücktheit.

Die Paranoia ist eine der häufigeren Geisteskrankheiten. Ihr Wesen

besteht darin, daß sich ganz allmählich bei erhaltener Besonnenheit und

ohne primären Affekt =Wahnvorstellungen= entwickeln, die sich festsetzen

und in eine gewisse logische Verknüpfung gebracht werden; sie gehen

entweder aus Sinnestäuschungen hervor: =halluzinatorische= Form, oder

sie entstehen rein durch krankhafte Vorstellungsverknüpfungen:

=kombinatorische= Form. Eine Trennung dieser beiden Formen ist übrigens

nur künstlich durchführbar. Nach dem Hauptinhalt der Wahnvorstellungen

unterscheidet man gewöhnlich noch die depressiven Formen, mit

Verfolgungswahn, und die expansiven, mit Größenwahn (vgl. S. 31). Aber

auch diese vermischen sich oder gehen ineinander über.

Die Paranoia entsteht fast immer bei Personen, die schon vorher gewisse

Eigentümlichkeiten boten. Abgesehen von den körperlichen

Entartungszeichen (vgl. S. 41) haben sie sich oft schon in der Jugend

durch eine Neigung zur Absonderung von anderen Kindern, einseitige

Begabung, lebhafte Einbildungskraft, grundlose Verstimmungen und

Abneigungen, auffallendes Haften einzelner Eindrücke und Vorstellungen

u. dgl. m. ausgezeichnet. In der weiteren Entwicklung tritt häufig eine

zu große Beachtung der eigenen Persönlichkeit in körperlicher oder

geistiger Beziehung hervor. Sie bemerken abnorme Organgefühle und

beschäftigen sich in Gedanken damit, während normalen Menschen ihres

Alters solche Kleinigkeiten gar nicht bewußt werden; sie legen auch

übermäßigen Wert darauf, was andre über sie denken. Diese egoistischen

Züge erklären sich wohl so, daß durch abnorme Veranlagung die höheren

Assoziationen, das »sekundäre Ich«, gegenüber dem primären, kindlichen

Ich, das im wesentlichen das körperliche Selbstgefühl umfaßt, in der

Entwicklung zurückgeblieben sind, wie das für etwas andere Beziehungen

SIOLI in geistvoller Weise angenommen hat. Jedenfalls finden sich so

schon in dem heranwachsenden Menschen die Keime =abnormer

Gefühlsbetonung= der auf die eigene Person bezüglichen Vorstellungen,

die in der weiteren Entwicklung die Fälschung des Urteils zu

Wahnvorstellungen ermöglicht. So bringt beim Anblick eines Kaiserbildes,

beim Hören der Worte »das ist gefährlich«, beim Lesen der

Niederlassungsanzeige einer Hebamme usw. die krankhafte Gefühlsbetonung

es zuwege, daß dem Betreffenden der Gedanke aufschießt; »Ich bin des

Kaisers Sohn« oder »Man will mich umbringen« oder »Ich bin in anderen

Umständen«. Diese krankhafte Eigenbeziehung tritt auch in anderen

Psychosen deutlich hervor, wo entweder ein Affekt überwiegt, wie bei der

Melancholie, oder das Vorstellungsleben geschwächt ist (Verwirrtheit,

Schwachsinn, Hysterie). In der angedeuteten Weise knüpft sich an normale

Wahrnehmungen, besonders gern auch an solche, die aus dem eigenen Körper

stammen (z. B. Magenverstimmung), eine wahnhafte Auslegung (als

Vergiftung); in anderen Fällen werden Halluzinationen oder Illusionen

willig aufgenommen und zu Wahnideen verarbeitet. Der Kranke hört sich

durch Stimmen aus der Ferne bedrohen, oder er vernimmt Schimpfworte aus

dem Rasseln der Räder eines vorbeifahrenden Wagens. Zunächst werden

diese Wahrnehmungen und Gedanken oft noch zweifelnd betrachtet,

allmählich aber erlangen sie Gewalt über das Vorstellungsleben, und in

demselben Maße pflegt auch die Ausführlichkeit der halluzinierten Reden

und Handlungen, die weitere Deutung der abnormen Auffassungen

fortzuschreiten. Die bedrohenden Reden werden nach ihrem Inhalt oder

nach dem Klange der Stimme auf bestimmte Personen, oft auf Bekannte aus

früherer Zeit, andere Male auf zufällig Vorübergehende, auf Nachbarn,

auf unbestimmte Vereinigungen (Freimaurer, Jesuiten, Advokaten usw.)

bezogen. Scheinen sie aus weiter Entfernung zu kommen, so werden

unterirdische Gänge, telegraphische oder telephonische Verbindungen

u. dgl. angenommen, mit unsichtbaren Drähten oder durch die Luft, durch

ein »Ätherverfahren« usw. Gewöhnlich bleibt es nicht bei

Gehörstäuschungen, obwohl diese am häufigsten sind. Das Gemeingefühl und

die Organgefühle werden ebenfalls gestört, die Kranken fühlen sich

anblasen, zwicken, verbrühen, man speit ihnen in den Mund, preßt ihnen

die Brust zusammen, setzt ihnen Schlangen in den Leib, zapft ihnen den

Samen ab, nimmt alle Arten von Unzucht an ihnen vor, elektrisiert und

chloroformiert sie usw. Durch Gesichtstäuschung erscheinen ihnen die

eigenen Züge in ein Affengesicht verwandelt, Bilder bewegen die Augen

und den Mund. Gesichtshalluzinationen sind (außer bei Paranoia der

Alkoholisten und der Hysterischen) selten, am meisten kommen noch

Erscheinungen von Gott, von Heiligen u. dgl. vor. Geschmacks- und

Geruchstäuschungen sind um so häufiger. Zimmer und Speisen riechen und

schmecken nach Kot, Schwefel, Leichen usw. Die verschiedenen Arten von

Täuschungen verbinden sich zu abgeschlossenen Bildern: der Kranke sieht

und hört, daß seine Speisen Gift enthalten, er schmeckt und riecht es

und verspürt auch die Wirkung. Zuweilen werden Fluchtversuche

angestellt, um dem Treiben zu entgehen, aber nach wenigen Tagen sind die

Verfolger auf der Spur. Der Gequälte verstopft sich die Ohren, wendet

alle möglichen Vorsichtsmaßregeln beim Essen an, beschwert sich bei den

Behörden, stellt die nichts ahnenden Verfolger zur Rede, greift sie auch

wohl gefährlich an. Andere Kranke suchen durch lautes Schimpfen ihre

Gehörstäuschungen zu übertäuben. Von ihrer Umgebung nehmen sie ohne

weiteres an, daß sie alles mit höre, die entgegengesetzte Behauptung

erfüllt sie nur mit Mißtrauen. Oft hören sie, wie alle ihre Gedanken

ihnen laut vor- oder nachgesprochen werden, so daß ihre Umgebung alles

weiß, was sie denken. Alle ihre Kenntnisse werden zur Erklärung der

Empfindungen hervorgezogen: ein früherer Offizier, der einmal einen

Aufsatz über das Sprachzentrum gelesen, erklärte sich eine eingebildete

Erschwerung des Sprechens dadurch, daß eine bestimmte ihm feindliche

Persönlichkeit auf seiner dritten linken Stirnwindung sitze. Zur

Bezeichnung derartig barocker Vorstellungen werden oft eigene Worte

gebildet, z. B. »der Zeif zötscht mich«, als Ausdruck für bestimmte

qualvolle Empfindungen. Eine Erklärung derartiger Wortbildungen ist

meist nicht zu erlangen, es sind Einfälle oder halluzinierte Wörter.

Sehr oft entwickeln sich neben den Verfolgungsideen früher oder später

=Größenvorstellungen=. Wenn beide, wie gewöhnlich, nebeneinander

fortbestehen, so wird auch dafür ein logischer Zusammenhang hergestellt.

Weil der Kranke alle Quälereien mutig ertragen hat, wird er jetzt von

Gott erhöht oder von mächtigen Freunden losgekauft, oder umgekehrt, er

wird verfolgt, weil er ein so bedeutender Mensch, ein Sohn des Kaisers,

ein neuer Christus usw. ist. Zuweilen halten sich die Würden und Vorzüge

zunächst in bescheidenen Grenzen: der ehemalige Unteroffizier ist

Leutnant geworden, der Handwerker ein wohlhabender Fabrikant usw.,

andere Male werden die höchsten Titel genannt, Kaiser, Gott und

Obergott. Übernatürliche Stimmen geben ihm Befehle und stellen ihm

köstliche Genüsse in Aussicht.

Besonders phantastische Wahngebäude kommen zustande in den Fällen, wo

Halluzinationen die Nebenrolle spielen und wesentlich =Kombinationen=

und freie Erfindung herrschen. Die Kranken bezeichnen als Quelle ihrer

Erkenntnis oft »=innere Stimmen=«. Sie sind nicht mehr dieselben wie

früher, sie sind vertauscht, verwechselt, um für andere, für Verbrecher

zu leiden. Ihre Bekannten sind ganz anders gegen sie; im Gespräch und in

öffentlichen Reden kommen Sätze vor, durch die sie zum Gespötte aller

Leute dastehen; die Zeitungen werden alle anders gedruckt, um sie zu

täuschen; Kaiser Wilhelm I. und Moltke sind gar nicht gestorben;

Bismarck ist noch Reichskanzler usw. Besonders reich ist die Tätigkeit

dieser Kombinationen im Verein mit =Erinnerungsfälschungen= gewöhnlich

bei Kranken mit Überschätzungsvorstellungen. Ein früherer

Elementarlehrer behauptete, der eigentliche Friedrich Wilhelm IV. von

Preußen zu sein, er habe noch den Thron bestiegen, sei aber dann durch

Hofränke vertauscht worden. Er schilderte ganz im einzelnen seine

Erziehung, seinen Verkehr mit den Eltern mit seinem Bruder Wilhelm, dem

nachmaligen ersten Deutschen Kaiser, beschrieb die Hofempfänge und

Truppenbesichtigungen, die er abgehalten habe. Als seinerzeit der

Kultusminister VON GOSSLER die betreffende Irrenanstalt besuchte, war

der Kranke sehr unzufrieden, daß der Minister keine Audienz erbeten

habe, er habe ihn früher mit Wohltaten überhäuft. Oft leben die Kranken

sich im Benehmen, in der Redeweise usw. auffallend in ihre Rolle hinein,

zwischendurch ist aber der Gegensatz zwischen ihren naiven Vorstellungen

und den wahren Verhältnissen sehr groß, wenn z. B. eine vermeintliche

Kaiserin den Aufwand ihrer Hoffeste dadurch ins Licht setzen will, daß

sie erzählt, sie habe ihren Gästen zur Rückfahrt ganze Pferdebahnwagen

vorbehalten lassen. In diesen Fällen fehlen die Sinnestäuschungen oft

ganz oder sie beschränken sich auf einzelne bestätigende Zurufe, oder

sie stehen mit dem Wahnsystem nicht in Zusammenhang (Halluzinationen von

Schwefelgestank usw.). Auffallend ist es, wie viele dieser Kranken sich

in der Anstalt ganz leicht in die Ordnung fügen, sich sogar ohne

weiteres zur Arbeit bereit finden lassen, zuweilen mit der Begründung,

man müsse doch vorläufig etwas zu tun haben, andere Male unter

ausdrücklichem Widerspruch. Andere gehören freilich zu den

unangenehmsten Anstaltsbewohnern, indem sie beständig Ansprüche im Sinne

ihrer vermeintlichen Stellung machen und bei der Nichterfüllung zu

Tätlichkeiten schreiten.

=Ursachen.= Wie erwähnt, entsteht die Paranoia vorzugsweise auf dem

Boden abnormer Anlage, die in mindestens drei Vierteln der Fälle ererbt,

in den übrigen durch Kopfverletzungen, Gehirnerkrankungen im

jugendlichen Alter u. dgl. erworben ist. Die Gelegenheitsursache zum

Ausbruch der Krankheit sind häufig die Entwicklungszeit und die

Wechseljahre, ferner Frauenkrankheiten, Onanie, Gemütsbewegungen.

=Verlauf.= Die meisten Fälle beginnen im 3., 4. oder 5. Jahrzehnt des

Lebens, zunächst gewöhnlich mit einer Zeit der Vorbereitung, der

Ahnungen, der unklaren Verstimmung, die dann häufig durch ein

plötzliches »Klarwerden«, zuweilen durch einige deutliche

Halluzinationen in die eigentliche Krankheit übergehen.

Nicht selten berühren die Wahnvorstellungen die übrige geistige

Tätigkeit zunächst so wenig, daß die Kranken lange Zeit, Monate und

Jahre hindurch, ihrem Beruf nachgehen können, innerlich freilich immer

auch den krankhaften Gedanken fortspinnend. Man bezeichnete das früher

als =partielle Verrücktheit=, übel genug, weil die Verfälschung der

Auffassung und des Urteils unaufhaltsam gegen die andern Gebiete

fortschreitet, und tatsächlich die ganze geistige Persönlichkeit

erkrankt ist.

Bei einem gewissen Grade der Störung sind dann Zusammenstöße mit der

Außenwelt unvermeidlich. Ob nun Halluzinationen in beeinträchtigendem

Sinne oder mehr allgemeine Verfolgungsideen, ob Größenwahn auf Grund von

Sinnestäuschungen oder von Kombinationen vorliegen -- es gibt einen

Punkt, wo die Gegensätze mit dem gesunden Leben sich berühren müssen.

Häufig gibt dazu die nicht seltene sprunghafte Weiterentwicklung der

Krankheit Anlaß. Es hängt dann von der Art des Wahns, vom Charakter des

Kranken oder von zufälligen äußeren Einflüssen ab, welche Richtung nun

eintritt: Anrufung der Behörden oder Selbsthilfe, harmlose Schutzmittel

oder Selbstmord. Oft wechseln die Kranken den Ort, um den unangenehmen

Einflüssen zu entfliehen, gewöhnlich ist nach kurzer Zeit alles wieder

wie vorher.

Nicht selten treten die Sinnestäuschungen und in unvollständigem Maße

auch die Wahnvorstellungen nach einiger Zeit mehr zurück, so daß

zuweilen für eine Reihe von Monaten Genesung vorgetäuscht wird. Aber

schon die mangelnde Krankheitseinsicht mahnt den Erfahrenen zur

vorsichtigen Beurteilung. Mit dem Wiederhervortreten der krankhaften

Erscheinungen pflegt dann zunächst die Stimmungsreaktion lebhafter zu

werden. Erst im Verlauf von Jahren, manchmal nach Jahrzehnten, nimmt die

Gefühlsbetonung ab, indem sich zugleich eine gewisse ethische Schwäche,

Gleichgültigkeit gegen andere Menschen, gegen die Vorgänge der

Öffentlichkeit usw. zeigt und das geistige Leben sich mehr und mehr auf

den Kreis der Wahnvorstellungen beschränkt, die übrigens mit längerer

Zeit ebenfalls zerfahrener werden. In andern Fällen führt die Überfülle

der Sinnestäuschungen zu einer dauernden sekundären Verwirrtheit. Wohl

zu unterscheiden ist davon eine vorläufig unerklärte völlige und

dauernde =Verwirrtheit der= =sprachlichen Äußerungen=, wobei die

Kranken doch zugleich Aufträge sachlich richtig ausführen, sehr gut

Karten spielen können (transkortikale Paraphasie).

Die kombinatorischen Formen, die im allgemeinen eine stärkere erbliche

Belastung vorauszusetzen scheinen, entwickeln sich demgemäß auch

gewöhnlich in etwas früherem Lebensalter, im dritten Jahrzehnt oder gar

schon zu Ende des zweiten. Die Angaben der Kranken darüber sind wegen

der Erinnerungsfälschungen mit großer Vorsicht aufzunehmen. Der Übergang

in geistige Schwäche erfolgt meist noch langsamer als bei den

halluzinatorischen Formen. Von diesen steht der verwickeltere

»physikalische« Verfolgungswahn, der zur Erklärung der Sinnestäuschungen

so phantastische Annahmen macht (vgl. S. 199 f.), den kombinatorischen

Formen durch das zeitigere Auftreten nahe, während der Verstand bei ihm

schneller zu leiden pflegt. Immerhin bleibt bei allen Paranoischen das

Urteil für äußere Verhältnisse, das Gedächtnis und eine gewisse formale

Logik meist jahrelang erhalten, so daß die Kranken, solange nicht gerade

über den Gegenstand ihres Wahns gesprochen wird, auf den Laien einen

»ganz vernünftigen Eindruck machen«. Es wirkt dann oft sehr

überraschend, wenn sie durch entsprechende Fragen auf die krankhaften

Beziehungen gebracht werden. In zahlreichen Fällen verstehen es die

Kranken übrigens vorzüglich, ihre Wahnvorstellungen zu =verheimlichen=,

weil sie die Stellung der Umgebung dazu kennen. (Vgl. S. 29.) Der

Gesichtsausdruck gibt hier oft wichtige Hinweise (vgl. Fig. 8 u. 9).

[Illustration: Fig. 8. Paranoia. Finsterer, verschlossener Ausdruck.]

Die Kranken halten sich selbst für gesund, oder denken doch, daß die

körperlichen Leiden, die sie verspüren, ihnen nur »gemacht« werden. Nur

bei einer besonderen Form, der =hypochondrischen Paranoia=, steht die

Annahme einer schweren körperlichen oder geistigen Krankheit im

Vordergrunde. Oft auf Grund wirklicher körperlicher Leiden entwickelt

sich hierbei der Wahn, ausgehöhlt, teilweise abgestorben, mit Gift

angefüllt zu sein, einzelne Teile verloren oder durch Nachbildungen von

Holz usw. ersetzt erhalten zu haben. Das unheilbare Krankheitbild, das

entweder, bei schwererem Affekt, zum Selbstmord, oder bei geringerem

Affekt, bald zur Verblödung führt, ist eine Steigerung der

hypochondrischen Züge, die sich bei erblicher Belastung finden (vgl.

S. 198), und scheint immer eine solche vorauszusetzen. Die =Paranoia=

der =Hysterischen= zeichnet sich besonders durch sexuelle

Wahnvorstellungen (Notzucht, Schwangerschaft, Liebschaft mit Fürsten)

oder durch religiösmystischen Wahn aus.

[Illustration: Fig. 9. Paranoia. (Nach WEYGANDT.)]

Die schon in der späteren Kindheit oder in der ersten Jugend beginnenden

Fälle von Paranoia, sog. =originäre Paranoia=, haben oft etwas

Gemeinsames darin, daß sich aus schwereren Erscheinungen der Belastung

schon früh allerlei vereinzelte Wahn- und Zwangsanwandlungen

(Vorstellungen der Zurücksetzung im Vergleich zu den Geschwistern,

Andeutungen von Berührungsfurcht, Zwangshandlungen u. dgl., z. B.

Auswählen bestimmter Steine beim Gehen) zeigen, bis schließlich die

Ahnung auftaucht, nicht bei den rechten Eltern, sondern vornehmer Leute

Kind zu sein. Vermeintliche Ähnlichkeiten, zufällige Äußerungen und

Vorgänge erheben den Verdacht zur Gewißheit, und nun kommt es zu

phantastischer, kombinatorischer Auslegung, =Konfabulation=, im Sinne

unserer früheren Schilderung (S. 200).

Einen etwas anderen Verlauf nimmt eine Gruppe von Paranoiafällen, wobei

sich verhältnismäßig schnell eine erhebliche =Geistesschwäche=

entwickelt. KRAEPELIN hat sie deshalb als =paranoide Formen der Dementia

praecox= aufgefaßt und von der eigentlichen Paranoia abgetrennt. Er

unterscheidet dabei noch wieder die =Dementia paranoides= und eine

zweite Gruppe, die früher von ihm als =phantastische Form der Paranoia=

aufgefaßt wurde.

Die =Dementia paranoides= entwickelt sich meist nach einer einleitenden

Verstimmung, wie sie auch der Dementia praecox vorausgeht, mit einer

verwirrten Erregung, die an Amentia erinnert: die Kranken sind erregt,

verstimmt, ängstlich von zahlreichen Wahnvorstellungen erfüllt. Sie

glauben sich beobachtet, verfolgt, fühlen sich körperlich auf das

schlimmste verändert und glauben auch ihre Umgebung ganz anders

geworden. Meist sind lebhafte Gehörstäuschungen vorhanden. In der

Erregung kommt es oft zu gewalttätigen Handlungen der Kranken gegen sich

selbst oder gegen ihre Umgebung, zu Brandstiftung usw. Gewöhnlich tritt

bald an die Stelle der Angst und Verzweiflung eine gehobene Stimmung,

oft mit den abenteuerlichsten Größenideen, dem Inhalte nach durchaus an

den Größenwahn der Dementia paralytica erinnernd. Das Bewußtsein wird

allmählich deutlich getrübt, die Umgebung falsch aufgefaßt, namentlich

auch infolge von =Erinnerungsfälschungen=, und die Intelligenz läßt

erheblich nach. Sie reden viel, aber in mehr und mehr zusammenhangsloser

und verwirrter Sprache, die durch selbsterfundene Worte und Ausdrücke

noch unverständlicher wird. Nach längstens 1-2 Jahren ist eine

ausgesprochene Verblödung eingetreten. Zuweilen schieben sich in den

Verlauf Wiederholungen der anfänglichen Erregung und Verstimmung ein.

Bei der sog. =phantastischen Paranoia= entwickeln sich, wie KRAEPELIN

ausführt, abenteuerliche Wahnvorstellungen, meist von zahlreichen

Sinnestäuschungen begleitet, in mehr zusammenhängender Weise und werden

eine Reihe von Jahren festgehalten, um dann entweder zu verschwinden

oder völlig verworren zu werden. Eine besondere Rolle spielen dabei

meistens die Wahnvorstellungen körperlicher Beeinflussung, die man als

physikalischen Verfolgungswahn bezeichnet hat; auch der

Besessenheitswahn gehört hierher. Daneben bestehen gewöhnlich mehr oder

weniger ausgeprägte Größenwahnvorstellungen. Die Krankheit führt

meistens in einigen Jahren unter Zurücktreten und manchmal unter einer

gewissen Korrektur der Wahnideen zu geistiger Schwäche; das

absonderliche Benehmen deutet gewöhnlich noch auf einen Rest von

Wahnvorstellungen hin.

Es ist nicht zu bestreiten, daß diese beiden Formen sich von der

gewöhnlichen Paranoia durch ihren baldigen Ausgang in Geistesschwäche

und durch das Ausbleiben einer Systematisierung und logischen Verwertung

der Wahnvorstellungen erheblich unterscheiden und durch ihren Ausgang

der später zu besprechenden Dementia praecox nahestehen.

Die =Vorhersage= ist in Bezug auf die Heilung bei allen Formen

ungünstig; die Wahnvorstellungen treten zwar mit der Zeit, oft erst nach

Jahrzehnten, bedeutend zurück, aber dann ist fast immer eine bedeutende

Geistesschwäche vorhanden, die allerdings nie die Grade erreicht, wie

bei der Hebephrenie und Katatonie. Einzelne Spätheilungen chronisch

Verrückter sind nach zufälligen Erkrankungen an Typhus u. dgl.

beobachtet. Die Lebensdauer wird durch die Paranoia selbst nicht

eingeschränkt, außer durch den auch noch in späten Stadien vorkommenden

=Selbstmord=, der oft ganz unvermutet in sehr überlegter, lang

vorbereiteter Weise vorgenommen wird.

=Diagnose.= Die allmähliche Entwickelung von Wahnvorstellungen mit oder

ohne Sinnestäuschungen bei erhaltener Besonnenheit ist das

Kennzeichnende. Die Unterscheidung von Melancholie ist S. 129 berührt,

über die Differentialdiagnose der Hebephrenie s. den betreffenden

Abschnitt.

=Behandlung.= Die Paranoischen gehören in der ganzen Zeit, wo die

Krankheit mit Erregungszuständen oder mit lebhafterer Gemütsreaktion

einhergeht, in die Irrenanstalt. Ein Heilerfolg ist allerdings nicht zu

erzielen, aber während die Kranken ohne Aufsicht und Anleitung, wie

zumeist in den häuslichen Verhältnissen, gewöhnlich bald sehr entartet,

in Gewohnheiten und Kleidung nachlässig werden und sich nur in das Netz

ihrer Wahnvorstellungen einspinnen, werden sie in einer guten Anstalt

durch Ablenkung und Beschäftigung zum großen Teil auf einer gewissen

Höhe gehalten, und vielfach fühlen sie sich dort wohler als zu Hause.

Nur ein Bruchteil, namentlich viele Kranke mit physikalischem

Verfolgungswahn, bewahrt dauernd eine schwere Abneigung gegen die

Anstalt, der alle Quälereien zugeschrieben werden. Die ruhigen

Paranoischen sind es auch (neben Idioten und Imbezillen) besonders,

denen die Wohltat der heutigen möglichst freien Behandlung in den

Kolonien und Landgütern der Irrenanstalten zugute kommt. Versucht man

dann einmal ihre Entlassung, so leben sie sich zu Hause doch nicht mehr

recht ein, der vorhandene mäßige Schwachsinn erschwert ihnen die

Selbstfürsorge, oder es treten mit der Rückkehr in die alten

Verhältnisse auch die krankhaften Vorstellungen lebhafter hervor.

Außerdem bleibt auch bei anscheinend harmlosen Verrückten immer die

Gefahr, daß sie durch ein zufälliges Ereignis oder durch eine veränderte

Richtung ihres Vorstellungslebens oder durch unzweckmäßige Behandlung zu

Selbstmord oder zu gefährlichen Angriffen auf andere usw. getrieben

werden. Im ganzen wird also die Ausdehnung der Anstaltspflege auch auf

ruhige, nicht »gemeingefährliche« chronische Geisteskranke zu erstreben

sein.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 54 / 133 题