2. Es besteht bloß Neigung zum eigenen Geschlecht: =Homosexualität=.

3. Auch das ganze psychische Sein ist der abnormen Geschlechtsempfindung

entsprechend geartet: =Effeminatio= und =Viraginität=.

4. Die Körperform nähert sich der, der die abnorme Geschlechtsempfindung

entspricht. Nie aber finden sich wirkliche Übergänge zum Hermaphroditen,

im Gegenteil vollkommen differenzierte Zeugungsorgane, so daß wie bei

allen krankhaften Perversionen des Sexuallebens die Ursache im Gehirn

gesucht werden muß: =Androgynie= und =Gynandrie=.

Soviel bis jetzt bekannt ist, kommt die Störung bei Männern häufiger vor

als bei Frauen, doch fehlt es gerade aus der neuesten Zeit auch nicht an

Bekenntnissen weibliebender Frauen (Lesbierinnen). Meist ist der Trieb

in seiner verkehrten Richtung angeboren, schon die ersten

geschlechtlichen Empfindungen der Betreffenden zeigen die Neigung zum

eigenen Geschlecht. Normal Veranlagte gelangen trotz des in den

Verhältnissen liegenden Austausches der ersten geschlechtlichen

Empfindungen mit Angehörigen desselben Geschlechtes, trotz oft jahrelang

betriebener gegenseitiger Onanie von Knaben mit Knaben oder von Mädchen

mit Mädchen, mit dem erwachsenen Alter zu normaler Äußerung des

Geschlechtstriebes. Dagegen machen die konträr sexual Veranlagten

gewöhnlich bei dem ersten normalen Versuch mit dem anderen Geschlecht

die Erfahrung, daß ihnen hier der zur Ausübung erforderliche Reiz fehlt.

Bei nicht übermäßigem Triebe gelingt es ihnen, sich zurückzuhalten und

das hier und da aufsteigende Verlangen nach dem eigenen Geschlecht zu

unterdrücken. Nicht selten schließen homosexuale Männer eine Ehe, in der

Hoffnung, dadurch normale Triebe herbeizuführen und sich vor den

Gefahren des verbotenen Triebes zu bewahren, aber fast immer ohne

Erfolg. Meist sind und bleiben sie ihrer Ehefrau gegenüber impotent,

zuweilen können sie den Beischlaf vollziehen, indem sie sich dabei

vorstellen, daß sie einen Knaben umarmten usw. Geraten sie in die Hände

eines erfahrenen Perversen ihres Geschlechtes, so sind sie meist ihm

verfallen. Sie werden verführt oder lassen sich auch verführen, durch

eine konträre Liebe getrieben, und befriedigen sich in Umarmungen,

Küssen, gegenseitiger Onanie, nicht selten auch in Päderastie. Die

Auswahl der geliebten Person unterliegt den größten Verschiedenheiten;

vornehme Männer lieben Arbeiter, Soldaten, Kellner, vornehme Damen

entbrennen für Prostituierte usw. In anderen Fällen spielen jedoch auch

Bildungs- und Charaktereigenschaften, wirkliche oder geglaubte, die

Hauptrolle.

Nicht selten wird das übrige Geistesleben der Konträrsexualen sehr wenig

durch diese Eigenheit berührt. Es gibt zahlreiche derartig Leidende, an

denen die Welt und oft auch ihre nächste Umgebung durchaus nichts

Auffallendes findet. Oft sind es künstlerisch oder sentimental

angehauchte Personen. Nur bei der Effeminatio und Viraginität

entsprechen die übrigen Neigungen dem anderen Geschlecht: der Mann fühlt

sich im ganzen als Weib und nähert sich dem Weibe im Äußeren und in

seiner Geschmacksrichtung, das Weib nimmt männliche Allüren an, kleidet

sich fast wie ein Mann, raucht und trinkt und treibt männlichen Sport.

In den meisten Fällen ist die konträre Sexualempfindung angeboren,

seltener wird sie erworben im Anschluß an Onanie auf Grundlage nervöser

Belastung. VON SCHRENCK-NOTZING hat besonders darauf hingewiesen, daß

die Nebenumstände, worunter die ersten Geschlechtsempfindungen

auftreten, bei Belasteten von Bedeutung für die ganze Richtung ihrer

späteren Geschlechtsempfindungen werden können; der geschlechtliche

Genuß kann sich an die Wiederkehr der Eindrücke knüpfen, die ihn zum

ersten Male hervorgerufen haben. Bei psychischer Hermaphrodisie ist das

Mißlingen des ersten normalen Beischlafversuchs oft bestimmend für den

Übergang zur homosexualen Ausübung. Diese Erwägungen scheinen namentlich

in prognostischer Beziehung wichtig, weil die erworbene Anomalie eher

besiegbar erscheint als die angeborene. In der Tat hat die =hypnotische

Behandlung= entschiedene Erfolge aufzuweisen. Nach SCHRENCK-NOTZING,

dessen Erfahrungen ich bestätigen kann, richtet sich die Suggestion

zunächst gegen die Onanie und die geschlechtliche Erregbarkeit

überhaupt, weiterhin wird Unempfänglichkeit gegen das eigene Geschlecht

und gegen die speziell reizenden Einwirkungen und Verblassen der

geschlechtlich abnormen Phantasiebilder suggeriert und endlich Neigung

zum anderen Geschlecht und zum normalen Geschlechtsverkehr einzupflanzen

gesucht. Der genannte Autor legt besonderen Wert auf regelmäßigen

normalen Geschlechtsverkehr, und in der Tat kann das Gelingen eines

solchen sehr Gutes wirken, anderseits schadet das Mißlingen sehr, und

die bekannten Gefahren des außerehelichen Verkehrs ermuntern auch nicht

zu solchen Ratschlägen. Noch weniger können wir die Ehe für solche

Belastete ärztlich empfehlen.

4. Abweichungen im Gebiete des Charakters, des Verstandes und der

Phantasie.

Krankhafte Charaktere finden sich unter den Belasteten in großer Zahl.

Die mangelhafte Harmonie der verschiedenen Zweige der geistigen

Fähigkeiten und vielfach eine mangelnde oder unvollkommene Ethik

schaffen abnorme Menschen der verschiedensten Art. Dahin gehören der

=Geizige=, der Schätze sammelt, ohne sie zu genießen, und auf seinen

Geldsäcken verhungert; der =einsame Sonderling=, der sein Leben unter

angehäuften Nutzlosigkeiten verbringt, streng von jedem Verkehr mit

Menschen abgeschieden, vielleicht mit der Aufbewahrung und Ordnung

seiner abgeschnittenen Nägel und Haare, seines Nägelschmutzes und noch

unangenehmerer Abfälle beschäftigt und ohne Zeit und Neigung für irgend

eine andere Tätigkeit; der =Hochmütige=, der mit eingebildeten Talenten

in Literatur, Künsten und Wissenschaften prahlt, als Angehöriger der

vornehmen Welt gelten will, sich um jeden Preis in deren Kreise drängt,

sich der Intimität mit bedeutenden Personen und familiärer Beziehungen

zu Ministern, Gesandten und gekrönten Häuptern rühmt und alles Geld, das

er in rechtmäßiger oder unrechtmäßiger Weise auftreiben kann, dazu

benutzt, um sich den Anstrich des großen Mannes oder der Weltdame zu

geben, der für reich gelten möchte, ohne es zu sein, mit großen

Trinkgeldern über seine Mittel die Bewunderung von Kellnern und

Dienstboten zu erwerben sucht, seine Angehörigen und seine

Standesgenossen geringschätzt, obwohl er keinerlei Grund hat, sich über

sie zu erheben, und über seinen verkehrten Strebungen seine Pflichten

vernachlässigt. Andere Typen sind der beständig um ein nichts und alle

Augenblicke für etwas anderes =Begeisterte=, der =Spielsüchtige=, der

sein Vermögen und seine Ehre im Glücksspiel daran gibt, der

=Kleinigkeitskrämer=, der beständig am Kleinen und Unwesentlichen

festhängt und darüber alles Wertvolle fahren läßt, der =Paradoxe=, der

grundsätzlich nie der allgemeinen Ansicht beistimmt, sondern stets seine

Meinung für sich haben muß und durch keine Gründe zu überzeugen ist, der

=Streitsüchtige=, der bei jeder Gelegenheit seinen Protest einlegen und

seinen eigenen Weg gehen muß, der =Exzentrische=, der sein Geld darauf

verwendet, bei Regenwetter alle Droschken vor einem Theater in Beschlag

zu nehmen, damit das Publikum, das seine Unzufriedenheit erregt hat, naß

werde; der =Verschwender=, der weit über seine Mittel nutzlose Dinge

kauft, nur um sie zu kaufen und sie ungebraucht und unausgepackt zu

Hause stehen zu lassen. Auch gewisse =Hochstapler= unternehmen ihre

Schwindeleien nur aus einer krankhaften, unklaren Sucht zu prahlen. Sehr

nahe stehen ihnen die =Gewohnheitslügner= aus krankhafter Anlage, die

bald selbst an ihre Konfabulationen glauben, glänzende Schilderungen aus

ihrer Vergangenheit entwerfen usw. Auf abnormer Urteilschwäche beruhen

ferner die Einbildungen der bekannten =Erfinder= des Perpetuum mobile,

der Quadratur des Kreises, der Aufhebung der Schwerkraft; die Künste der

=ungebetenen Berater= kranker Fürsten und kriegführender Feldherren, die

selbstgepriesenen Leistungen zahlreicher Dichter und Reformatoren und

anderer Unverstandenen.

Viele von diesen Belasteten zeichnen sich durch glänzendes Gedächtnis,

vortreffliche Redegabe oder auch durch einzelne glänzend entwickelte

Fähigkeiten aus, oder durch große künstlerische Begabung; manche sind

auffallend früh entwickelt, andere zeigen eine wirklich wertvolle

Originalität in Auffassungen und Ansichten, so daß sie dem =Genie=

nahestehen. Oft sind sie geradezu =partielle Genies= oder bei schwererer

Belastung =Karrikaturen von Genies=. Das echte Genie zeigt neben den

hervortretenden guten Eigenschaften und Begabungen ein mindestens

normales Gleichmaß der übrigen Fähigkeiten, während diese Belasteten

neben ihren genialen Zügen große Unvollkommenheiten auf diesem oder

jenem Felde bieten. Unter Umständen sind sie ganz unzugänglich für

Zahlen und Rechnen, für Musik, für Zeichnen, für äußerliche Ordnung, für

regelmäßige Arbeit usw. Deshalb täuschen sie fast immer bald die anfangs

oft sehr hohen Erwartungen.

Eigentümliche Bilder entstehen, wenn auf dem Gebiete der Vorstellungen

einzelne in krankhafter Wertbetonung hervortreten, =überwertige Ideen=,

WERNICKE. In dieser Beziehung spielen namentlich die Liebe und die

Eifersucht eine sehr große Rolle. Wenn schon die normale Liebe einen

bedeutenden Raum im Denken und Handeln des Verliebten einnimmt:

geschlechtliche Hörigkeit, VON KRAFFT-EBING, so kann sie unter

krankhaften Verhältnissen schließlich das ganze Vorstellungsleben

beherrschen. Von dem geschlechtlichen Verlangen kann diese =Erotomanie=

ganz unabhängig sein. Häufig richtet sich die Liebe in diesen Fällen an

ganz Fernstehende, zuweilen an ein eingebildetes Wesen der Phantasie.

Annäherungsversuche können ganz ausbleiben, aber sie können auch zu

schweren Anstößen führen. Ein mir bekannter Kranker dieser Art glaubte

in der noch nicht erwachsenen Tochter eines Schenkwirts das Ideal seines

Lebens gefunden zu haben und versuchte jahrelang, die von ihren Eltern

verbotene Unterredung mit allen Mitteln ins Werk zu setzen, obwohl sein

gewaltsames Vorgehen ihn ins Gefängnis und schließlich in die

Irrenanstalt brachte; allen Auseinandersetzungen begegnete er mit der

überzeugungstreuen Äußerung, daß sein moralisches Recht an seine

Geliebte (die von ihm gar nichts wissen wollte) über das Elternrecht

ginge, und daß er immer wieder den Verkehr mit ihr aufsuchen würde.

Auf ähnlich krankhaftem Boden kann sich die Eifersucht zu einem

alleinstehenden =Eifersuchtswahn= gestalten, der keine Gründe und keinen

Halt mehr kennt. Manche religiöse und politische =Fanatiker= bieten

ebenfalls vorzügliche Beispiele von überwertigen Ideen und ihrer Macht.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 51 / 133 题