3. Auch das ganze psychische Sein ist der abnormen Geschlechtsempfindung
entsprechend geartet: =Effeminatio= und =Viraginität=.
4. Die Körperform nähert sich der, der die abnorme Geschlechtsempfindung
entspricht. Nie aber finden sich wirkliche Übergänge zum Hermaphroditen,
im Gegenteil vollkommen differenzierte Zeugungsorgane, so daß wie bei
allen krankhaften Perversionen des Sexuallebens die Ursache im Gehirn
gesucht werden muß: =Androgynie= und =Gynandrie=.
Soviel bis jetzt bekannt ist, kommt die Störung bei Männern häufiger vor
als bei Frauen, doch fehlt es gerade aus der neuesten Zeit auch nicht an
Bekenntnissen weibliebender Frauen (Lesbierinnen). Meist ist der Trieb
in seiner verkehrten Richtung angeboren, schon die ersten
geschlechtlichen Empfindungen der Betreffenden zeigen die Neigung zum
eigenen Geschlecht. Normal Veranlagte gelangen trotz des in den
Verhältnissen liegenden Austausches der ersten geschlechtlichen
Empfindungen mit Angehörigen desselben Geschlechtes, trotz oft jahrelang
betriebener gegenseitiger Onanie von Knaben mit Knaben oder von Mädchen
mit Mädchen, mit dem erwachsenen Alter zu normaler Äußerung des
Geschlechtstriebes. Dagegen machen die konträr sexual Veranlagten
gewöhnlich bei dem ersten normalen Versuch mit dem anderen Geschlecht
die Erfahrung, daß ihnen hier der zur Ausübung erforderliche Reiz fehlt.
Bei nicht übermäßigem Triebe gelingt es ihnen, sich zurückzuhalten und
das hier und da aufsteigende Verlangen nach dem eigenen Geschlecht zu
unterdrücken. Nicht selten schließen homosexuale Männer eine Ehe, in der
Hoffnung, dadurch normale Triebe herbeizuführen und sich vor den
Gefahren des verbotenen Triebes zu bewahren, aber fast immer ohne
Erfolg. Meist sind und bleiben sie ihrer Ehefrau gegenüber impotent,
zuweilen können sie den Beischlaf vollziehen, indem sie sich dabei
vorstellen, daß sie einen Knaben umarmten usw. Geraten sie in die Hände
eines erfahrenen Perversen ihres Geschlechtes, so sind sie meist ihm
verfallen. Sie werden verführt oder lassen sich auch verführen, durch
eine konträre Liebe getrieben, und befriedigen sich in Umarmungen,
Küssen, gegenseitiger Onanie, nicht selten auch in Päderastie. Die
Auswahl der geliebten Person unterliegt den größten Verschiedenheiten;
vornehme Männer lieben Arbeiter, Soldaten, Kellner, vornehme Damen
entbrennen für Prostituierte usw. In anderen Fällen spielen jedoch auch
Bildungs- und Charaktereigenschaften, wirkliche oder geglaubte, die
Hauptrolle.
Nicht selten wird das übrige Geistesleben der Konträrsexualen sehr wenig
durch diese Eigenheit berührt. Es gibt zahlreiche derartig Leidende, an
denen die Welt und oft auch ihre nächste Umgebung durchaus nichts
Auffallendes findet. Oft sind es künstlerisch oder sentimental
angehauchte Personen. Nur bei der Effeminatio und Viraginität
entsprechen die übrigen Neigungen dem anderen Geschlecht: der Mann fühlt
sich im ganzen als Weib und nähert sich dem Weibe im Äußeren und in
seiner Geschmacksrichtung, das Weib nimmt männliche Allüren an, kleidet
sich fast wie ein Mann, raucht und trinkt und treibt männlichen Sport.
In den meisten Fällen ist die konträre Sexualempfindung angeboren,
seltener wird sie erworben im Anschluß an Onanie auf Grundlage nervöser
Belastung. VON SCHRENCK-NOTZING hat besonders darauf hingewiesen, daß
die Nebenumstände, worunter die ersten Geschlechtsempfindungen
auftreten, bei Belasteten von Bedeutung für die ganze Richtung ihrer
späteren Geschlechtsempfindungen werden können; der geschlechtliche
Genuß kann sich an die Wiederkehr der Eindrücke knüpfen, die ihn zum
ersten Male hervorgerufen haben. Bei psychischer Hermaphrodisie ist das
Mißlingen des ersten normalen Beischlafversuchs oft bestimmend für den
Übergang zur homosexualen Ausübung. Diese Erwägungen scheinen namentlich
in prognostischer Beziehung wichtig, weil die erworbene Anomalie eher
besiegbar erscheint als die angeborene. In der Tat hat die =hypnotische
Behandlung= entschiedene Erfolge aufzuweisen. Nach SCHRENCK-NOTZING,
dessen Erfahrungen ich bestätigen kann, richtet sich die Suggestion
zunächst gegen die Onanie und die geschlechtliche Erregbarkeit
überhaupt, weiterhin wird Unempfänglichkeit gegen das eigene Geschlecht
und gegen die speziell reizenden Einwirkungen und Verblassen der
geschlechtlich abnormen Phantasiebilder suggeriert und endlich Neigung
zum anderen Geschlecht und zum normalen Geschlechtsverkehr einzupflanzen
gesucht. Der genannte Autor legt besonderen Wert auf regelmäßigen
normalen Geschlechtsverkehr, und in der Tat kann das Gelingen eines
solchen sehr Gutes wirken, anderseits schadet das Mißlingen sehr, und
die bekannten Gefahren des außerehelichen Verkehrs ermuntern auch nicht
zu solchen Ratschlägen. Noch weniger können wir die Ehe für solche
Belastete ärztlich empfehlen.
4. Abweichungen im Gebiete des Charakters, des Verstandes und der
Phantasie.
Krankhafte Charaktere finden sich unter den Belasteten in großer Zahl.
Die mangelhafte Harmonie der verschiedenen Zweige der geistigen
Fähigkeiten und vielfach eine mangelnde oder unvollkommene Ethik
schaffen abnorme Menschen der verschiedensten Art. Dahin gehören der
=Geizige=, der Schätze sammelt, ohne sie zu genießen, und auf seinen
Geldsäcken verhungert; der =einsame Sonderling=, der sein Leben unter
angehäuften Nutzlosigkeiten verbringt, streng von jedem Verkehr mit
Menschen abgeschieden, vielleicht mit der Aufbewahrung und Ordnung
seiner abgeschnittenen Nägel und Haare, seines Nägelschmutzes und noch
unangenehmerer Abfälle beschäftigt und ohne Zeit und Neigung für irgend
eine andere Tätigkeit; der =Hochmütige=, der mit eingebildeten Talenten
in Literatur, Künsten und Wissenschaften prahlt, als Angehöriger der
vornehmen Welt gelten will, sich um jeden Preis in deren Kreise drängt,
sich der Intimität mit bedeutenden Personen und familiärer Beziehungen
zu Ministern, Gesandten und gekrönten Häuptern rühmt und alles Geld, das
er in rechtmäßiger oder unrechtmäßiger Weise auftreiben kann, dazu
benutzt, um sich den Anstrich des großen Mannes oder der Weltdame zu
geben, der für reich gelten möchte, ohne es zu sein, mit großen
Trinkgeldern über seine Mittel die Bewunderung von Kellnern und
Dienstboten zu erwerben sucht, seine Angehörigen und seine
Standesgenossen geringschätzt, obwohl er keinerlei Grund hat, sich über
sie zu erheben, und über seinen verkehrten Strebungen seine Pflichten
vernachlässigt. Andere Typen sind der beständig um ein nichts und alle
Augenblicke für etwas anderes =Begeisterte=, der =Spielsüchtige=, der
sein Vermögen und seine Ehre im Glücksspiel daran gibt, der
=Kleinigkeitskrämer=, der beständig am Kleinen und Unwesentlichen
festhängt und darüber alles Wertvolle fahren läßt, der =Paradoxe=, der
grundsätzlich nie der allgemeinen Ansicht beistimmt, sondern stets seine
Meinung für sich haben muß und durch keine Gründe zu überzeugen ist, der
=Streitsüchtige=, der bei jeder Gelegenheit seinen Protest einlegen und
seinen eigenen Weg gehen muß, der =Exzentrische=, der sein Geld darauf
verwendet, bei Regenwetter alle Droschken vor einem Theater in Beschlag
zu nehmen, damit das Publikum, das seine Unzufriedenheit erregt hat, naß
werde; der =Verschwender=, der weit über seine Mittel nutzlose Dinge
kauft, nur um sie zu kaufen und sie ungebraucht und unausgepackt zu
Hause stehen zu lassen. Auch gewisse =Hochstapler= unternehmen ihre
Schwindeleien nur aus einer krankhaften, unklaren Sucht zu prahlen. Sehr
nahe stehen ihnen die =Gewohnheitslügner= aus krankhafter Anlage, die
bald selbst an ihre Konfabulationen glauben, glänzende Schilderungen aus
ihrer Vergangenheit entwerfen usw. Auf abnormer Urteilschwäche beruhen
ferner die Einbildungen der bekannten =Erfinder= des Perpetuum mobile,
der Quadratur des Kreises, der Aufhebung der Schwerkraft; die Künste der
=ungebetenen Berater= kranker Fürsten und kriegführender Feldherren, die
selbstgepriesenen Leistungen zahlreicher Dichter und Reformatoren und
anderer Unverstandenen.
Viele von diesen Belasteten zeichnen sich durch glänzendes Gedächtnis,
vortreffliche Redegabe oder auch durch einzelne glänzend entwickelte
Fähigkeiten aus, oder durch große künstlerische Begabung; manche sind
auffallend früh entwickelt, andere zeigen eine wirklich wertvolle
Originalität in Auffassungen und Ansichten, so daß sie dem =Genie=
nahestehen. Oft sind sie geradezu =partielle Genies= oder bei schwererer
Belastung =Karrikaturen von Genies=. Das echte Genie zeigt neben den
hervortretenden guten Eigenschaften und Begabungen ein mindestens
normales Gleichmaß der übrigen Fähigkeiten, während diese Belasteten
neben ihren genialen Zügen große Unvollkommenheiten auf diesem oder
jenem Felde bieten. Unter Umständen sind sie ganz unzugänglich für
Zahlen und Rechnen, für Musik, für Zeichnen, für äußerliche Ordnung, für
regelmäßige Arbeit usw. Deshalb täuschen sie fast immer bald die anfangs
oft sehr hohen Erwartungen.
Eigentümliche Bilder entstehen, wenn auf dem Gebiete der Vorstellungen
einzelne in krankhafter Wertbetonung hervortreten, =überwertige Ideen=,
WERNICKE. In dieser Beziehung spielen namentlich die Liebe und die
Eifersucht eine sehr große Rolle. Wenn schon die normale Liebe einen
bedeutenden Raum im Denken und Handeln des Verliebten einnimmt:
geschlechtliche Hörigkeit, VON KRAFFT-EBING, so kann sie unter
krankhaften Verhältnissen schließlich das ganze Vorstellungsleben
beherrschen. Von dem geschlechtlichen Verlangen kann diese =Erotomanie=
ganz unabhängig sein. Häufig richtet sich die Liebe in diesen Fällen an
ganz Fernstehende, zuweilen an ein eingebildetes Wesen der Phantasie.
Annäherungsversuche können ganz ausbleiben, aber sie können auch zu
schweren Anstößen führen. Ein mir bekannter Kranker dieser Art glaubte
in der noch nicht erwachsenen Tochter eines Schenkwirts das Ideal seines
Lebens gefunden zu haben und versuchte jahrelang, die von ihren Eltern
verbotene Unterredung mit allen Mitteln ins Werk zu setzen, obwohl sein
gewaltsames Vorgehen ihn ins Gefängnis und schließlich in die
Irrenanstalt brachte; allen Auseinandersetzungen begegnete er mit der
überzeugungstreuen Äußerung, daß sein moralisches Recht an seine
Geliebte (die von ihm gar nichts wissen wollte) über das Elternrecht
ginge, und daß er immer wieder den Verkehr mit ihr aufsuchen würde.
Auf ähnlich krankhaftem Boden kann sich die Eifersucht zu einem
alleinstehenden =Eifersuchtswahn= gestalten, der keine Gründe und keinen
Halt mehr kennt. Manche religiöse und politische =Fanatiker= bieten
ebenfalls vorzügliche Beispiele von überwertigen Ideen und ihrer Macht.