können bei erblich Abnormen so sehr in den Vordergrund treten, bei
scheinbar ungestörtem Verstande, daß man lange Zeit ein _délire des
actes_ (Irrehandeln statt Irresein) oder besondere =Monomanien=, _folie
raisonante_ u. dgl. annehmen zu müssen glaubte. Gegenwärtig ist es
allgemein anerkannt, daß ohne gröbere Störungen des Verstandes und
Bewußtseins krankhafte Handlungen nur auf dem Boden des eigentümlichen
geistigen Zustandes vorkommen, den wir als psychopathische Belastung
geschildert haben.
Die abnormen Handlungen haben etwas verschiedene Bedeutung, indem sie
zum Teil =impulsiv=, =triebartig= erfolgen, also ohne daß der Handelnde
imstande ist, sich dem gebieterischen, durchaus zwingenden, dabei oft
ganz unklaren inneren Drang zu widersetzen, während andere Male der
Handelnde einem leichten inneren Antriebe besonders deshalb willenlos
nachgibt, weil sein ethisches Gefühl zu wenig ausgebildet ist, um ihn
zurückzuhalten. Die letztere Form hat man auch als _folie morale_ oder
_moral insanity_ bezeichnet, während es sich in Wahrheit nicht um eine
eigene Krankheitsform, sondern um eine ethische Minderwertigkeit auf
hereditär abnormem Boden und mit mehr oder weniger ausgeprägtem
Schwachsinn handelt. Nur das Vorhandensein der krankhaften
Gesamtbeschaffenheit unterscheidet diese Kranken von dem =geborenen
Verbrecher= LOMBROSOs, während allmähliche Übergänge zwischen beiden
zweifellos vorkommen. Kann doch die psychopathische Belastung durch
Alkoholmißbrauch, Gemütsbewegungen und körperliche Störungen erworben
werden, die wiederum mit dem Verbrechertum untrennbar zusammenhängen.
Verhältnismäßig reine Triebe, ohne den Beigeschmack des ethischen
Defekts, sind besonders der sogenannte =instinktive Selbstmord=, wobei
namentlich in bestimmten Familien Selbstmord ohne rechten Anlaß, etwa in
einem bestimmten Alter, verübt wird; der =Brandstiftungstrieb=,
Pyromanie, der namentlich in der Pubertät, während der Menstruation und
endlich bei Alkoholismus als dunkler, unwiderstehlicher Trieb auftaucht;
der =Mordtrieb=, der besonders bei schwer belasteten Onanisten vorkommt;
der =Stehltrieb=, Kleptomanie, und der krankhafte =Kauftrieb=,
Oniomanie, die beide namentlich bei Menstruierten, ersterer auch bei
Epileptischen als Vorläufer eines Dämmerzustandes, auftreten. Zuweilen
kleiden diese Triebe sich mehr in das Gewand einer Zwangsvorstellung,
z. B. bei dem Dienstmädchen in der Familie ALEXANDER VON HUMBOLDTS, das
um seine Entlassung bat, weil ihm jedesmal beim Auskleiden des Kindes
der Gedanke kam, ihm den Bauch aufzuschlitzen. Häufiger gesellt sich zu
dem dunkeln Triebe eine bestimmte Halluzination, ein Feuerschein (vgl.
S. 162) oder ein befehlender Zuruf. Zuweilen geben die Betreffenden vor
Gericht unter dem Einfluß drängender Fragen fälschlich andere Gründe an,
besonders Rachsucht u. dgl., ähnlich wie für die posthypnotischen
Suggestionshandlungen gewöhnlich irgendwelche Gründe angeführt werden.
Im Gegensatz dazu kommen Affekthandlungen aus geringen Motiven oft bei
Imbezillen und Idioten vor (vgl. Abschnitt VII, 5).
Der =periodische Trieb nach Alkoholgenuß=, die =Dipsomanie=, gehört der
=Epilepsie= an (vgl. S. 159), der überhaupt die geschilderten Zustände
nahestehen.
Viel weniger deutlich, aber doch bis zu einem gewissen Grade
beherrschend zeigt sich der instinktive Trieb bei einer anderen Gruppe
Belasteter als =Unstetigkeit=. Die Betreffenden haben eine angeborene
Neigung zu Ortsveränderungen. Die Gefühle, die andere Menschen an die
Heimat mit ihren tausend Beziehungen anknüpfen, die bei Gesunden nur
durch bestimmte Überlegungen, durch wissenschaftliche oder
Handelsaufgaben usw. überwunden werden, sind bei ihnen gering
entwickelt, und dazu kommt eine Art Angst vor der Ruhe, eine unklare
Unternehmungslust, die sie in die Weite hinaustreibt. FOVILLE hat sie
als _migrateurs_, Wanderungssüchtige, bezeichnet. Bei Besitzenden führt
diese Unstetigkeit vorzugsweise zu Reisen mit dem Schein der
Wißbegierde, des geographischen und ethnologischen Interesses, bei der
erwerbenden Klasse zu häufigem Wechsel der Stellung und des Berufs unter
Bevorzugung entlegener Orte und Länder -- daher so manche auffallende
Handlungen der Deutschen in Afrika! usw. --, bei Ungebildeten ist ihr
Ausfluß vor allem das =Vagabundenleben=, dem freilich auch zahllose
Gebildete anheimfallen, denen geistige oder ethische Unvollkommenheiten,
Neigung zu Alkoholismus und zu periodischer Untätigkeit usw. den Weg der
normalen Arbeit verschlossen haben. Ein großer Teil der Vagabunden
gehört zu den Imbezillen (vgl. VII, 5); aber ein nicht geringer,
wahrscheinlich ein größerer, zu den einfach psychopathisch Belasteten.
Wo sich mit der Unstetigkeit größere =ethische Defekte= verbinden,
werden die Kranken leicht zu =Hochstaplern= jener aus den
Zeitungsberichten bekannten Art, deren Dreistigkeit unbegreiflich
erscheinen würde, wenn man nicht die ganze Entstehungsweise ihres
Verhaltens kennte. Das periodische Zurücktreten ihrer Triebe erscheint
dann dem Uneingeweihten häufig als Besserung durch äußere Einflüsse.
In anderen Fällen führt die triebartige Unruhe im Verein mit
Selbstüberschätzung und Urteilschwäche zu beständigem Kampfe gegen
andere, oft mit der selbstgeglaubten, schließlich wahnhaften
Unterlegung, daß man das =Recht= im Sinne der eigenen geschädigten
Persönlichkeit oder aus Grundsatz verteidige. FALRET hat diese Kranken
als _persécutés persécuteurs_, als »=verfolgungsüchtige Verfolgte=«,
bezeichnet. Sie glauben sich geschädigt, namentlich nicht entsprechend
ihren Leistungen belohnt oder gefördert, und gehen gegen die Ungerechten
vor. Eine Abart dieser Verfolgungsüchtigen bilden gewisse =anonyme
Briefschreiber=, die auf Grund einer wirklichen oder vermeintlichen
Zurücksetzung unausgesetzt namenlose Briefe beleidigenden Inhalts an die
angeblich Schuldigen, ihre Angehörigen und Vorgesetzten usw. schreiben.
Verschiedenheiten kommen insofern vor, als die Schreiber, schon um nicht
erkannt zu werden, selten den eigentlichen Vorgang berühren, sondern
entweder allgemeine Beschimpfungen loslassen, oder zu geschlechtlichen
Verdächtigungen u. dgl. greifen, auch wohl Bestellungen für die Gehaßten
machen, wobei der Inhalt (z. B. Särge) die böse Absicht unterstützen
muß. Zuweilen fehlt für das Vorgehen jeder offene Anlaß, so daß kaum
etwas übrig bleibt, als in dem völligen Fehlen der Moral den Grund zu
sehen, wobei eine übel geleitete Phantasie mitspielt. So in den Fällen,
wo eine achtzehnjährige Waise ihren Pflegeeltern einzeln den Gedanken
der ehelichen Untreue des anderen Teiles eingibt, wo Knaben behaupten,
von Männern zu Unsittlichkeiten verlockt zu sein, wo Damen der
Gesellschaft sich über Belästigungen durch Herren ihrer Kreise beklagen
und Mädchen mit allen Einzelheiten Notzuchtversuche erdichten und sich
zur Beglaubigung Wunden beibringen, die Hände auf den Rücken binden usw.
Eine eigenartige Form der verfolgten Verfolger stellen die =Querulanten=
dar. Von vielen Autoren wird ihre Krankheit unter dem Namen
Querulantenwahnsinn als eine Form der Paranoia aufgefaßt, wobei von dem
gewöhnlichen Bilde abweichend der Wahn sich nicht auf vitale, sondern
auf rechtliche Beeinträchtigungen gründe. Es sind aber aber auch genug
andere Unterschiede vorhanden, während bei den Belasteten Anklänge und
Übergänge zum Querulanten nicht selten sind. Gewöhnlich gibt eine
Streitigkeit, eine getäuschte Hoffnung, ein verlorener Prozeß den Anstoß
zum Ausbruch. Oft handelt es sich um Sachen, wo wirklich ein gewisses
moralisches Recht gestört ist, z. B. wenn jemand eine ihm versprochene
Stelle nicht erhalten hat, weil das Versprechen keine rechtliche
Gültigkeit hatte u. dgl., oder die Streitfrage liegt so, daß der
gewöhnliche Sinn anders urteilt als der Richter und das Gesetz. Dann
beruhigt sich der Geschädigte nicht bei dem Urteil, sondern er legt
Berufung ein, und wenn diese abgelehnt ist, ist er nicht überzeugt,
sieht auch den Grund des Mißerfolges nicht in den wahren Ursachen,
sondern in Bestechlichkeit und Voreingenommenheit der Richter, falschen
Aussagen der Zeugen usw. Seine geringe Urteilfähigkeit -- meist ist
recht deutliche Beschränktheit vorhanden -- gestattet ihm jetzt weniger
als je ein ruhiges Überlegen; der Affekt trübt zugleich seine
Wahrnehmungen, er faßt die Äußerungen des Richters und der Zeugen gar
nicht mehr richtig auf usw. (Erinnerungsfälschung, vgl. S. 27).
Gewöhnlich haben die Querulanten sich schon früher durch
Eigentümlichkeiten ausgezeichnet, durch eigensinnige Rechthaberei und
Streitsucht, durch Neigung zur Zersplitterung ihrer Tätigkeit, zuweilen
durch gewisse Leistungen auf einem ihnen fernliegenden Gebiet, wodurch
ihre Selbstschätzung abnorm erhöht wurde, u. dgl. m. Ein mir bekannt
gewordener Querulant, ein Handwerker, war in seinen Mußestunden Astronom
und machte mit selbstgefertigten Werkzeugen Beobachtungen, die von einer
großen Sternwarte als brauchbare Beiträge angenommen wurden; sein
ungeordnetes, ungewaschenes Äußeres stand in eigentümlichem Gegensatz zu
seinen wissenschaftlichen Neigungen. Er wurde Querulant, als sich bei
einer Straßenregelung herausstellte, daß ein an seinem Hause liegender
Gartenfleck wider Erwarten nicht zu seinem Grundstück gehöre usw. --
Nach Durchfechtung der ursprünglichen Sache, wobei nach dem
Reichsgericht noch Parlament und Herrscher angerufen werden, geht der
»Prozeßkrämer« zu Nebenprozessen gegen die Richter, die Zeugen, die
Sachverständigen, und jedes Erkenntnis, das ihn abweist oder bestraft,
befestigt seine Ideen und veranlaßt ihn zu neuen Schritten. Weil er ganz
für seinen »Fall« lebt, wird es ihm leicht, eine Reihe von
Gesetzeskenntnissen zu erlangen und bestimmte Paragraphen auswendig zu
lernen, die dem Unkundigen bei der lebhaften, überzeugten Redegabe des
Querulanten den zuverlässigsten Eindruck machen können. Die Wirkung der
beständigen, rücksichtslosen Verunglimpfung der Gerichte usw. kann
schließlich höchst gemeingefährlich werden, außerdem kommen auch
tätliche Angriffe auf die »Feinde des Rechtes« vor. Schließlich kann es
durch weitere Ausbildung der Beeinträchtigungsideen zu echter Paranoia
kommen (der Kranke wähnt Vergiftungsversuche, Mordanschläge, womit er
aus dem Wege geräumt werden solle, oder hält sich für einen Reformator
und Rechtsbefreier, der zum Märtyrer geworden sei usw.), in den meisten
Fällen aber bleibt es bei dem Querulieren, das mit zunehmendem
Verblassen des Affektes und wachsender Urteilschwäche endlich in ein
harmloses Hersagen von eingelernten Redensarten und Gesetzesparagraphen
übergeht. Im Verlauf sind periodische Steigerungen und Nachlässe der
krankhaften Tätigkeit sehr häufig.
Behandlung der Grenzzustände.
Die wichtige =Verhütung= der eben geschilderten Störungen des
Seelenlebens fällt mit der im allgemeinen Teil, S. 52-55, besprochenen
Verhütung der Geisteskrankheiten überhaupt zusammen.
Wo sich in der Kindheit Spuren der krankhaften Anlage zeigen, muß
die gesamte körperliche und geistige Erziehung mit größter Sorgfalt
nach nervenärztlicher Vorschrift geregelt werden. Es ist kein
Zweifel, daß man dadurch vielfach krankhafte Anlagen unterdrücken
und normales Wesen erzielen kann. Wo krankhafte Eigentümlichkeiten
der Eltern die ungünstige Einwirkung des Beispiels auf die
belasteten Nachkommen eintreten lassen, ist die Versetzung der
Kinder in gesunde Verhältnisse besonders wertvoll. Sie sollen aber
nicht in Anstalterziehung gegeben werden, sondern man muß sie in
gesunde Familien verpflanzen, wo sie genau beobachtet und je nach
Art des Einzelnen behandelt werden können. Noch gar zu oft,
vielleicht in der großen Mehrzahl der Fälle, werden derartige
eigentümliche oder mißratene Kinder in die Hände eines =strengen=
Erziehers gegeben, sehr zu ihrem Nachteil, denn nur Güte und Geduld
können ihnen helfen, jede Strenge ist geeignet, sie verstockt und
für den erzieherischen Einfluß unzugänglich zu machen. Daß die
gewaltsame Erziehung entbehrlich ist, haben die Erfahrungen der
wenigen ärztlich geleiteten Anstalten für Schwachsinnige und
Epileptische zur Genüge bewiesen. Man ist dort mit der ärztlichen,
psychiatrischen Milde und Nachsicht viel weiter gekommen als mit den
Züchtigungs- und Strafgewohnheiten, die in den Rettungshäusern,
Zwangserziehungsanstalten und leider auch in vielen pädagogisch
geleiteten Idiotenanstalten an der Tagesordnung waren. Die
eigentliche Behandlung ist nach den verschiedenen Formen
verschieden.
Die =Stimmungsanomalien= werden oft sehr günstig beeinflußt, wenn die
Kranken einen ärztlichen Rat erhalten, der ihre ganze Lebensweise
regelt, ihnen vorschreibt, was sie tun und lassen sollen, unnötige
Ansprüche an ihre Kraft ausschaltet, vermeintliche Verpflichtungen durch
ärztliches Verbot aufhebt und Arbeit, Ruhe und Erholung nach den
individuellen Kräften vorschreibt. Oft läßt sich das am besten
erreichen, wenn die Kranken in einer kleinen Nervenanstalt, wo Zeit zur
Besprechung aller Einzelheiten ist, ein gesundes Leben kennen lernen und
allmählich an wachsende Anforderungen gewöhnt werden. Ich habe das in
meinem eigenen Sanatorium in der Großstadt ohne eigentliche
Arbeitseinrichtungen vielfach erreicht, indem ich die zunächst
ausgeruhten Kranken nach und nach an das Treiben der Stadt, an Besuche
der Kunstanstalten, an Vorträge und Lehrgänge gewöhnte, und habe erlebt,
daß sie mit dieser Vorbereitung weiterhin den Anforderungen des Lebens
ganz gut nachkommen konnten. Von anderer Seite -- MOEBIUS, GROHMANN,
BLEULER u. a. sind besondere Nervenheilanstalten mit Arbeitsunterricht
empfohlen worden.
Zuweilen ist es ratsam, die trübe Stimmung zunächst einmal durch eine
eigentliche =Kur= zu lindern oder zu beseitigen, nach dem für die
Depressionszustände (Abschnitt VI, 2) angegebenen Verfahren. Auch die
hypnotische Suggestion kann man oft mit Nutzen anwenden, um das
Selbstvertrauen zu steigern, einzelne Beschwerden zu beseitigen usw.
Die =Zwangs- und Angstzustände= in ihren leichteren Formen weichen nicht
selten der üblichen diätetisch-physikalischen Behandlung der Sanatorien,
im Verein mit der erzieherischen Einwirkung der Anstaltärzte und der
Leidensgenossen. Für die schwereren und eingewurzelten Fälle habe ich
(auf dem Moskauer Ärztekongreß 1897) die Behandlung mit Kodein- oder
Opiumkuren empfohlen, die in der Tat auch in Jahrzehnte alten Fällen
wirkliche Heilungen erzielen. Das Verfahren wird genau so angewendet,
wie es für die Behandlung der Depressionszustände vorgeschrieben ist; es
handelt sich ja in beiden Fällen um Erkrankungen der Organe oder
Apparate, die der Stimmung vorstehen. Daneben ist der psychische Einfluß
des Arztes von großer Bedeutung, der den Kranken über die Erscheinungen
aufklärt, ihm beibringt, daß man die Zwangszustände nicht mit dem Willen
beherrschen, wohl aber ihnen bis zu einem gewissen Grade aus dem Wege
gehen kann. Von manchen Autoren wird auch hier die Hypnotherapie
gerühmt.
Die =Behandlung der Störungen des Geschlechtsgefühls und des
Geschlechtstriebes= ist schon auf S. 185 besprochen worden. Es soll hier
nur noch im allgemeinen Zusammenhange ausgesprochen werden, daß in
dieser Richtung viel Nutzen von einer Klärung der noch sehr streitigen
Frage zu erwarten ist, wann und wie die Belehrung der Kinder über die
geschlechtlichen Verhältnisse vorgenommen werden soll. Meines Erachtens
muß darin ganz individuell vorgegangen werden. Eine genaue Beobachtung
der Kinder, ob geschlechtliche Triebe auftreten, ist in jedem Falle von
den ersten Lebensjahren an nötig. Gelegentlich auftretende Erektionen
bei Knaben haben keine Bedeutung, sie finden sich sehr oft auch bei
gesunden, nicht sexuell erregten Knaben, namentlich bei gefüllter Blase
und bei vorhandener Phimose. Häufige Erektionen geben die Notwendigkeit,
eine Phimose zu beseitigen, zu regelmäßiger Harnentleerung anzuleiten.
Spielt ein Kind gern an den Geschlechtsteilen, so ist sorgfältig
nachzuforschen, ob irgend ein örtlicher Reiz dazu veranlaßt (Oxyuren,
reibende Kleidung, Ekzem u. dgl.). Je nach dem Verhältnis der Eltern zu
dem Kinde wird ein Verbot oder ein Verspotten der häßlichen Angewohnheit
diese beseitigen. Ruft das Kind dadurch absichtlich Wollustempfindungen
hervor, so muß neben der Belehrung und strengem Verbot versucht werden,
durch geeignete Mittel die geschlechtliche Reizbarkeit herabzusetzen.
Dazu eignen sich besonders körperliche Übungen, jedoch nicht im Übermaß,
langdauernde Bäder von 34-32°C. und innerliche Anwendung von
Bromnatrium oder Bromipin monatelang. Die oft empfohlene Anwendung
schmaler Kost und harter Lagerstätten ist ohne günstigen Einfluß,
dagegen muß natürlich zu warmes Lager vermieden werden. -- Treten die
Heranwachsenden in das Leben hinaus, die jungen Männer als Studenten
oder Lehrlinge, die jungen Mädchen in Pensionate oder Familien- oder
Berufsstellungen, so ist jedenfalls eine vernünftige Aufklärung über
die geschlechtlichen Verhältnisse nötig, um Gefahren zu vermeiden. Bei
den Mädchen wird sie am besten durch die Mutter geschehen, bei den
jungen Männern oft am besten durch einen Freund des Vaters, der leichter
einen unbefangenen Ton finden und durch ganz offene, wie
kameradschaftliche Aussprache einen dauernden Eindruck machen wird. Die
heutigen Erfahrungen sprechen mit Sicherheit dafür, daß die
=geschlechtliche Abstinenz= streng zu fordern ist, weil sie =keinen
gesundheitlichen Nachteil= bringt, aber vor =ungeheuren Gefahren
bewahrt=. Man darf dem nicht entgegenhalten, daß es einzelne
Neurastheniker gibt, die durch Abstinenz peinliche Zustände bekommen;
wahrscheinlich würde das nicht der Fall sein, wenn sie nicht durch die
früher allgemein herrschenden Lehren unter der Suggestion von der
Notwendigkeit des geschlechtlichen Verkehrs ständen, und außerdem sieht
man bei solchen Kranken immer wieder, daß der zur Erleichterung
aufgesuchte Geschlechtsverkehr ihnen nur vorübergehend wohltut.
Die =abnormen Charaktere= zu behandeln, gelingt nur in den Jahren der
Erziehung. Später ist alle Mühe vergebens, um so mehr, da das Bewußtsein
der krankhaften Eigentümlichkeit fehlt. Kommen sie schließlich mit
anderen Menschen in schwere Zusammenstöße, so bleibt oft nichts anderes
übrig als die Irrenanstalt. Natürlich fühlen sie sich hier
widerrechtlich eingesperrt, und die Klagen dieser Kranken sind es denn
auch besonders, die das alte Lied von der =ungerechten Einschließung in
Irrenanstalten= wieder auffrischen. Eben weil es sich um =Grenzzustände=
handelt, weil die Kranken nur bei genauer Kenntnis als krank erkannt
werden können, finden sie auch immer Leute, Anwälte und Zeitungen, die
sich der vermeintlich in ihrer Freiheit Geschädigten annehmen. Die
begutachtenden Ärzte sind nicht selten schuld an verkehrten Urteilen der
Gerichte und der Presse, weil sie die Kranken nach alter Weise in der
großen Mappe der Paranoia unterbringen wollen, während jedermann sieht,
daß sie sich von den bekannten Verrückten himmelweit unterscheiden. Daß
sie einen Sparren haben, sieht jeder Laie, aber man will sie deshalb
nicht zu Verrückten stempeln. Gibt sich dagegen der Sachverständige die
Mühe, dem Gericht den Grenzzustand klar zu machen und darzulegen, daß
die krankhaften Eigentümlichkeiten allmählich zur Unzurechnungsfähigkeit
und zur Gemeingefährlichkeit hinüberleiten, so allmählich, wie der stete
Tropfen den Eimer füllt, so wird er fast immer seine Ansicht zur rechten
Geltung bringen. Im bürgerlichen Rechtsverfahren verdient auch
hervorgehoben zu werden, daß für solche Kranke die =Entmündigung= nicht
ein Nachteil, noch viel weniger eine Strafe ist, sondern ein Schutz. Das
wird auch fast immer verkannt.
Die =krankhaften unwiderstehlichen Triebe= bringen die daran Leidenden
fast immer in dauernde Anstaltspflege oder bei Verkennung des
krankhaften Grundes der Erscheinungen in Haft. In der Jugend würde
voraussichtlich durch geeignete Erziehung und Behandlung, durch
Fernhaltung von Alkohol und in den der Epilepsie nahestehenden Fällen
durch lange fortgesetzte Brombehandlung ein Nutzen zu erreichen sein.