3. Abweichungen des Geschlechtsgefühls.

Abweichungen auf dem geschlechtlichen Gebiete finden sich bei den

Belasteten sehr vielfach. Der Geschlechtstrieb kann das ganze Leben

hindurch =fehlen=, wobei dann gewöhnlich auch die sekundären

Geschlechtscharaktere wenig ausgeprägt sind: bartlose Männer, knochige

Frauen mit mannähnlichem Körper usw.; er kann aber auch =abnorm früh

erwachen=, schon in den ersten Lebensjahren durch Neigung zum Onanieren

sich kundgeben, bei beiden Geschlechtern, mit den bekannten Bewegungen

und Gebärden. Im Gegensatz zu gesunden Kindern bieten Belastete diese

Erscheinungen ohne jeden äußeren Anlaß, ohne durch Verführung oder durch

Wurmreiz u. dgl. dazu veranlaßt zu sein. Häufiger zeigen sich die

Störungen erst zur Zeit der Geschlechtsentwicklung. Insbesondere bei

Mädchen ruft der Beginn der =menstruellen Entwicklung= Störungen hervor:

Nachtwandeln, Zittern, Beängstigungen, Träume mit unklaren

Beängstigungen oder mit religiösem Inhalt, übermäßige Sentimentalität,

Freundschaften bis zum Wunsch gemeinsamen Todes usw. -- Bei Erwachsenen

zeigt sich die Abnormität des Geschlechtstriebes z. B. in dem

unstillbaren Bedürfnis, das namentlich zeitweise in der Art der

tierischen Brunst auftritt, bei Frauen zuweilen nur zur Zeit der

Menstruation. In manchen Fällen ist das ganze Denken von

geschlechtlichen Vorstellungen erfüllt, alles weckt die Erregung, und um

jeden Preis wird nach Stillung der Begierden gesucht. Männer suchen die

Gelegenheit unter Umständen durch Gewalt, Notzucht oder Mißbrauch von

Kindern herbeizuführen, Frauen geben sich dem ersten Besten hin oder

wenden sich dauernd der Prostitution zu. Andere Frauen finden eine

Befriedigung darin, beständig von Heirat und Verhältnissen zu sprechen,

andere Frauen oder Männer geschlechtlich zu verdächtigen; manche leben

nur auf, wenn sie sich unter Herren befinden, und lassen dann alle

Künste der Koketterie spielen, während sie unter Frauen schlaff und

teilnahmlos erscheinen. Auch der Trieb, sich gynäkologisch untersuchen

oder behandeln zu lassen, kommt unter solchen Verhältnissen vor. Daneben

findet sich sehr oft religiöse Inbrunst, die sich nicht selten mit der

geschlechtlichen Erregung verbindet. -- Besteht bei Männern Impotenz

neben geschlechtlicher Erregung, so kommen sie nicht selten dazu, die

Geschlechtsteile vor Angehörigen des anderen Geschlechts zu entblößen,

ihre Harn- und Stuhlentleerung ansehen zu wollen, von anderen den

Beischlaf vor sich vollziehen zu lassen, kleine Kinder unsittlich

anzugreifen usw.

Bei einer anderen großen Gruppe von Belasteten findet sich =perverse

Sexualempfindung=. Sie richtet sich entweder auf das =andere

Geschlecht=, aber unter =Verkehrung der Lustempfindungen=, oder aber es

besteht nur ein Geschlechtstrieb zum =eigenen Geschlecht=.

a) Der Trieb zum anderen Geschlecht erscheint, nach KRAFFT-EBING, in den

von ihm so benannten Formen des =Sadismus=, =Masochismus= und

=Fetischismus=.

Als =Sadismus= bezeichnet man nach dem Marquis DE SADE, der an dieser

geschlechtlichen Abnormität litt und dadurch historisch geworden ist,

die Eigentümlichkeit, daß die geschlechtliche Befriedigung nicht durch

den Beischlaf, sondern durch Grausamkeiten erreicht wird, die gegen ein

Weib vor, bei oder nach dem Beischlaf oder gegen Knaben oder gegen Tiere

ausgeübt werden. In den schwersten Fällen führt der Sadismus zum

Lustmord, zur Tötung des Opfers, auch zur Zerstückelung der Leiche, zum

Mitnehmen und zum Verzehren von Leichenteilen, insbesondere der

Geschlechtsteile.

Als =Masochismus= bezeichnet man die umgekehrte Empfindung, nämlich daß

die Wollust eintritt, wenn der Masochist von einem Weibe gezüchtigt wird

oder sich ganz in ihrer Gewalt fühlt. Auch diese Erregung wird vor,

während oder nach dem Beischlaf herbeigeführt oder tritt ganz an dessen

Stelle. Der Mann läßt sich je nach der Art seiner perversen Empfindung

züchtigen oder fesseln, demütigen, usw., sich in den Mund urinieren oder

defäkieren usw.

Beim =Fetischismus= wird die Wollust nicht durch das Weib als solches,

sondern durch einzelne Körperteile des Weibes oder durch Kleidungstücke

oder Stoffe hervorgerufen: Brüste, Hände, Leibwäsche, Schürzen,

Taschentücher, Pelzwerk, Seide, Samt usw. Oft ist Potenz nur vorhanden,

wenn diese berührt oder gesehen werden, oder indem daran gedacht wird;

auch in Abwesenheit des Weibes können sie Erektion und Ejakulation

herbeiführen.

b) Bei der =konträren Sexualempfindung= (WESTPHAL) ist nur ein Trieb zum

eigenen Geschlecht vorhanden, keine oder doch nur geringe sexuelle

Empfindung für das andere Geschlecht, obwohl die Geschlechtsorgane

normal entwickelt sind und normal funktionieren. KRAFFT-EBING stellt

vier Entwicklungsstufen oder Erscheinungsformen dieses Zustandes auf:

1. Bei vorwaltender =homosexualer= (auf das eigene Geschlecht

gerichteter) Geschlechtsempfindung bestehen Spuren heterosexualer, auf

das andere Geschlecht gerichteter Empfindung: =psychosexuale

Hermaphrodisie=.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 50 / 133 题