Abweichungen auf dem geschlechtlichen Gebiete finden sich bei den
Belasteten sehr vielfach. Der Geschlechtstrieb kann das ganze Leben
hindurch =fehlen=, wobei dann gewöhnlich auch die sekundären
Geschlechtscharaktere wenig ausgeprägt sind: bartlose Männer, knochige
Frauen mit mannähnlichem Körper usw.; er kann aber auch =abnorm früh
erwachen=, schon in den ersten Lebensjahren durch Neigung zum Onanieren
sich kundgeben, bei beiden Geschlechtern, mit den bekannten Bewegungen
und Gebärden. Im Gegensatz zu gesunden Kindern bieten Belastete diese
Erscheinungen ohne jeden äußeren Anlaß, ohne durch Verführung oder durch
Wurmreiz u. dgl. dazu veranlaßt zu sein. Häufiger zeigen sich die
Störungen erst zur Zeit der Geschlechtsentwicklung. Insbesondere bei
Mädchen ruft der Beginn der =menstruellen Entwicklung= Störungen hervor:
Nachtwandeln, Zittern, Beängstigungen, Träume mit unklaren
Beängstigungen oder mit religiösem Inhalt, übermäßige Sentimentalität,
Freundschaften bis zum Wunsch gemeinsamen Todes usw. -- Bei Erwachsenen
zeigt sich die Abnormität des Geschlechtstriebes z. B. in dem
unstillbaren Bedürfnis, das namentlich zeitweise in der Art der
tierischen Brunst auftritt, bei Frauen zuweilen nur zur Zeit der
Menstruation. In manchen Fällen ist das ganze Denken von
geschlechtlichen Vorstellungen erfüllt, alles weckt die Erregung, und um
jeden Preis wird nach Stillung der Begierden gesucht. Männer suchen die
Gelegenheit unter Umständen durch Gewalt, Notzucht oder Mißbrauch von
Kindern herbeizuführen, Frauen geben sich dem ersten Besten hin oder
wenden sich dauernd der Prostitution zu. Andere Frauen finden eine
Befriedigung darin, beständig von Heirat und Verhältnissen zu sprechen,
andere Frauen oder Männer geschlechtlich zu verdächtigen; manche leben
nur auf, wenn sie sich unter Herren befinden, und lassen dann alle
Künste der Koketterie spielen, während sie unter Frauen schlaff und
teilnahmlos erscheinen. Auch der Trieb, sich gynäkologisch untersuchen
oder behandeln zu lassen, kommt unter solchen Verhältnissen vor. Daneben
findet sich sehr oft religiöse Inbrunst, die sich nicht selten mit der
geschlechtlichen Erregung verbindet. -- Besteht bei Männern Impotenz
neben geschlechtlicher Erregung, so kommen sie nicht selten dazu, die
Geschlechtsteile vor Angehörigen des anderen Geschlechts zu entblößen,
ihre Harn- und Stuhlentleerung ansehen zu wollen, von anderen den
Beischlaf vor sich vollziehen zu lassen, kleine Kinder unsittlich
anzugreifen usw.
Bei einer anderen großen Gruppe von Belasteten findet sich =perverse
Sexualempfindung=. Sie richtet sich entweder auf das =andere
Geschlecht=, aber unter =Verkehrung der Lustempfindungen=, oder aber es
besteht nur ein Geschlechtstrieb zum =eigenen Geschlecht=.
a) Der Trieb zum anderen Geschlecht erscheint, nach KRAFFT-EBING, in den
von ihm so benannten Formen des =Sadismus=, =Masochismus= und
=Fetischismus=.
Als =Sadismus= bezeichnet man nach dem Marquis DE SADE, der an dieser
geschlechtlichen Abnormität litt und dadurch historisch geworden ist,
die Eigentümlichkeit, daß die geschlechtliche Befriedigung nicht durch
den Beischlaf, sondern durch Grausamkeiten erreicht wird, die gegen ein
Weib vor, bei oder nach dem Beischlaf oder gegen Knaben oder gegen Tiere
ausgeübt werden. In den schwersten Fällen führt der Sadismus zum
Lustmord, zur Tötung des Opfers, auch zur Zerstückelung der Leiche, zum
Mitnehmen und zum Verzehren von Leichenteilen, insbesondere der
Geschlechtsteile.
Als =Masochismus= bezeichnet man die umgekehrte Empfindung, nämlich daß
die Wollust eintritt, wenn der Masochist von einem Weibe gezüchtigt wird
oder sich ganz in ihrer Gewalt fühlt. Auch diese Erregung wird vor,
während oder nach dem Beischlaf herbeigeführt oder tritt ganz an dessen
Stelle. Der Mann läßt sich je nach der Art seiner perversen Empfindung
züchtigen oder fesseln, demütigen, usw., sich in den Mund urinieren oder
defäkieren usw.
Beim =Fetischismus= wird die Wollust nicht durch das Weib als solches,
sondern durch einzelne Körperteile des Weibes oder durch Kleidungstücke
oder Stoffe hervorgerufen: Brüste, Hände, Leibwäsche, Schürzen,
Taschentücher, Pelzwerk, Seide, Samt usw. Oft ist Potenz nur vorhanden,
wenn diese berührt oder gesehen werden, oder indem daran gedacht wird;
auch in Abwesenheit des Weibes können sie Erektion und Ejakulation
herbeiführen.
b) Bei der =konträren Sexualempfindung= (WESTPHAL) ist nur ein Trieb zum
eigenen Geschlecht vorhanden, keine oder doch nur geringe sexuelle
Empfindung für das andere Geschlecht, obwohl die Geschlechtsorgane
normal entwickelt sind und normal funktionieren. KRAFFT-EBING stellt
vier Entwicklungsstufen oder Erscheinungsformen dieses Zustandes auf:
1. Bei vorwaltender =homosexualer= (auf das eigene Geschlecht
gerichteter) Geschlechtsempfindung bestehen Spuren heterosexualer, auf
das andere Geschlecht gerichteter Empfindung: =psychosexuale
Hermaphrodisie=.