2. Zwangszustände, Phobien.

Ihr bekanntester Typus ist die =Agoraphobie=, die =Platzangst=. Hierbei

bekommt der Kranke, wenn er allein über einen freien Platz gehen soll,

eine unüberwindliche Angst mit dem Gefühl des Versagens der Beine,

schwerem Herzklopfen usw., wodurch ihm das Weitergehen völlig unmöglich

wird. Andere bekommen ähnliche, zuweilen unbestimmtere, aber immer

ebenso zwingende peinliche Gefühle, wenn sie eine hohe Treppe

hinabsteigen sollen, oder auf Höhen, Türmen, Balkonen, ja in

hochgelegenen Wohnungen: =Höhenangst=, noch andere in geschlossenen

Räumen: =Klaustrophobie=, sei es nun das einsame eigene Zimmer, das

Eisenbahncoupé oder ein großer, menschengefüllter Saal, wieder andere

beim Nahen eines Gewitters: =Astraphobie=, auch wohl beim Anblick eines

bloßen Degens usw. Andeutungen davon finden sich bei vielen normalen

Menschen, die z. B. keinen Brief schreiben, nicht Urin lassen können

usw., wenn sie dabei beobachtet werden; auch das geistig bedingte

geschlechtliche Unvermögen gehört hierher.

Eine dritte Form sind die eigentlichen =Zwangsvorstellungen=, wo im

Gegensatz zu den Phobien nicht ein unklares Angstgefühl, sondern ganz

bestimmte Vorstellungen das Quälende sind. Man unterscheidet dabei

besonders die =Zweifel=- oder =Grübelsucht= und die =Berührungsfurcht=.

Die =Zweifel=- oder =Grübelsucht= entwickelt sich meist langsam, häufig

schon in der Kindheit oder in der Pubertät. Die Kranken haben beständig

übertriebene Bedenken, nehmen alles zu schwer, sehen überall nur die

trübe Seite (vgl. S. 176). Bei einer weiteren Steigerung kommt es dazu,

daß die Kranken zwecklose Fragen immerfort »wiederkäuen« müssen, obwohl

sie von der Unsinnigkeit überzeugt sind und sehr unter dem Zwange

leiden. Die Fragen betreffen abwechselnd Gott, die heilige Jungfrau, die

Schöpfung, den Unterschied der Geschlechter usw. Ein von GRIESINGER

beschriebener Kranker wurde in seiner geschäftsfreien Zeit unablässig

von fragenden Gedanken bestürmt: Woher kommt das Glas? Woher kommen die

Würmer? Welches ist der Ursprung der Schöpfung? Durch wen ist der

Schöpfer erschaffen? Woher kommen die Sterne? Warum gibt es Mann und

Frau? Warum bleibt die Natur sich immer selbst gleich? usw. Das

Krankhafte liegt manchmal weniger in dem Inhalt der Frage, als darin,

daß ihre Beantwortung über den Gedankenkreis des Fragenden hinausgeht,

oder daß er auch bei befriedigender Antwort (z. B. wo ist der Sitz des

Verstandes? Antwort: im Gehirn) stundenlang darüber weiter grübeln muß.

Andere Male sind die Fragen an sich äußerst töricht: Warum ist ein

Mensch groß, der andere klein? Warum sind die Menschen nicht so groß wie

die Häuser? u. dgl. m. Nicht selten haben die Vorstellungen einen

blasphemischen oder obszönen Inhalt: Der Kranke muß gotteslästernde

Wendungen denken, manchmal mitten im Gebet, er glaubt, nicht lesen zu

dürfen, ohne Gott verflucht zu haben; er muß sich die Geschlechtsteile

der Leute vorstellen, mit denen er zusammen ist, sich den

geschlechtlichen Verkehr von Menschen und von Tieren ausmalen usw.

Andere Kranke müssen sich die Personen der Umgebung im Sarge oder

verwest vorstellen usw. Manche können diesen oder jenen Weg nicht gehen,

weil sich sonst Befürchtungen oder Grübeleien einstellen könnten, sie

müssen erst dies und jenes verrichten, bevor sie einen Eintretenden

begrüßen usw.

Die Grübeleien können sich auch auf bestimmte Handlungen und

Unterlassungen in der Vergangenheit beziehen, z. B. ob man bei einer

Beichte nichts vergessen habe, ob man ein Stückchen von der Hostie

verschüttet, bei irgend einem Handel den Gegner übervorteilt, durch eine

Arzneiverordnung einen längst wieder Genesenen gefährdet habe; auch

wohl, ob man für einen Dieb gehalten werde usw. Andere Kranke quälen

sich mit dem Gedanken, ob sie nicht diese oder jene Speise besser nicht

gegessen hätten; Mütter werden keinen Augenblick die Vorstellung los,

daß ihren Kindern etwas Übles geschehen sei usw. Wieder andere

Grübeleien betreffen alles, was der Kranke sagt: ob Wörter mit einer

bestimmten Anzahl von Buchstaben dabei sind, ob man ein bestimmtes Wort

ohne Fehler herausbringen oder sich auf einen Namen besinnen können

werde: =Onomatomanie=; oder die Kranken müssen alles zählen, was ihnen

vorkommt; vorbeifahrende Wagen, vorübergehende Menschen, die Gesamtzahl

gewisser Buchstaben in den fünf Büchern Mose, die Steinfliesen auf der

Straße usw.: =Arithmomanie=. Ein daran leidender Kranker, der LEGRAND DU

SAULLE konsultiert hatte, rief beim Hinausgehen: »Sie haben 44 Bücher

auf dem Tisch liegen und tragen eine Weste mit 7 Knöpfen. Entschuldigen

Sie, es geschieht unwillkürlich, aber ich muß zählen.« Die

abergläubische Scheu vor der Zahl 13 ist ein Gegenstück zu diesen

Zuständen, das dem normalen Bereich angehört.

Die =Berührungsfurcht=, _Délire du toucher_, besteht in der einfachsten

Form in der Furcht vor der Berührung bestimmter Gegenstände trotz der

Einsicht, daß die Befürchtung grundlos und unsinnig ist. Weiterhin ist

vielfach diese Überzeugung nicht deutlich vorhanden, sondern nur ein

unbestimmtes Gefühl, daß die Vorsicht übertrieben sei. Während z. B.

manche eine Abneigung gegen das Anfassen von Geldstücken, Türdrückern,

Nadeln, Messern u. dgl. empfinden, obwohl sie deutlich die

Grundlosigkeit einsehen, fürchten andere den Händedruck des Arztes, weil

er Krankheiten übertragen könne, und waschen sich nachher mit

unendlicher Sorgfalt; eine meiner Kranken bekam die Befürchtungen,

nachdem ihr Verlobter an Typhus gestorben war, und konnte lange Zeit

niemand aus seinem Hause in ihre Nähe kommen sehen, ohne in die größte

Angst zu geraten, die sich zuweilen in wilden Beschimpfungen und

Drohungen Luft machte; die Krankheitbefürchtung hielt sie für nicht ganz

unbegründet, das Unsinnige ihrer Reaktion dagegen sah sie vollkommen

ein. Die Berührungsfurcht führt gewöhnlich zu sehr umständlichen

Schutzmaßregeln. Die Kranken waschen sich beständig, wischen immerfort

Staub ab, bedecken Teile des Fußbodens mit Deckeln oder umgestülpten

Schüsseln, lassen offene Schalen mit antiseptischen Lösungen im Zimmer

stehen usw. Häufig erstreckt sich die Furcht auf vermeintlich tolle

Hunde, auf das Verschlucken von Nadeln oder Knochenstückchen beim Essen;

wieder andere fürchten sich, auf schwärzlichem Boden zu gehen. Übergänge

zu diesen Zuständen kommen im normalen Leben genugsam vor, so bei

Menschen, die nicht wohl eine behaarte Frucht (Pfirsich, Aprikose) essen

können, übermäßige Angst vor Kröten, Spinnen, Mäusen haben u. dgl. Dabei

sind die Kranken im übrigen durchaus klar und besonnen. Trotz der

Hemmung, die ihnen in bestimmter Hinsicht, oft in vielen Richtungen,

durch die Zwangsvorstellungen auferlegt werden, können die Meisten ihren

Beruf nachgehen oder sich im Leben bewegen, ohne daß ihrer Umgebung

etwas auffällt.

Als vierte Form kann man, obwohl wir damit über das Gebiet der bloßen

Gefühle hinausgehen, gewisse =Zwangshandlungen= hierherstellen, die

ebenfalls besonders bei erblich Belasteten vorkommen, häufig mit hoher

Verstandesentwicklung vereinigt. Ein bekannter verstorbener Diplomat und

Parlamentarier z. B. war gezwungen, zur Vermeidung von Angstempfindungen

beständig zwei kleine Stöckchen oder Gerten in den Händen zu haben, ein

andrer Angehöriger der vornehmen Kreise mußte, ehe er bei der Tafel sein

Glas ergriff, unter lebhaftem Grimassieren die Arme über den Kopf hinauf

recken, im Gespräch häufig die Zunge weit ausstecken und ohne Rücksicht

auf die Gelegenheit »Schweinhund« ausrufen. Derartige Zwangshandlungen,

die man auch als GILLES DE LA TOURETTEsche Krankheit, Echolalie und

Koprolalie, oder als _Maladie des tics impulsifs_ bezeichnet, kommen

nicht selten durch Kontrastvorstellungen zustande, z. B. als

zwangsmäßige Gotteslästerungen während des Gebets. Häufiger besteht der

Antrieb zu solchen Handlungen nur in der Vorstellung; der Neurastheniker

denkt z. B., wie wäre es, wenn du das Messer deinem Nachbar in die Brust

stießest, wenn du deinem Vorgesetzten jetzt plötzlich einen Kuß oder

eine Ohrfeige gäbest usw., aber er schreitet nicht zur Ausführung.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 49 / 133 题