Häufig findet man als Äußerung des Grenzzustandes eine anhaltend trübe
Gemütslage, einen wahren Pessimismus: =konstitutionelle Verstimmung=
nach KRAEPELIN. Alles wird nach der schweren Seite hin aufgenommen, die
Betreffenden »leben nun einmal schwer«. Traurige Eindrücke haften
unendlich lange, jede Aufgabe steht vor ihnen wie ein Berg, die
Beschwerden der Schwangerschaft werden so gefürchtet, daß schon vor der
Ehe Kinderlosigkeit ausbedungen wird, das lebhafte Treiben des Kindes,
die Freude anderer Mütter, wird als unerträglich empfunden. Die
Dienstboten sind nicht da, wenn sie gebraucht werden, aber ihre Nähe ist
so verhaßt, daß sie immer wieder fortgeschickt werden. Jede begonnene
Arbeit wird nach kurzer Zeit durch Ermüdung, Kopfdruck, Aufregung
unmöglich. Von der Umgebung glauben sich die Kranken oft nicht gern
gesehen, von Fremden nichtachtend behandelt, sie möchten deshalb am
liebsten aus der Welt sein. Sie machen sich dann auch selbst Vorwürfe
über irgend welche Verfehlungen oder Nachlässigkeiten oder glauben, ihre
Gesundheit irgendwo unausgleichbar geschädigt zu haben. Für die Zukunft
wird ebenfalls nichts Freudiges erwartet. Von der Melancholie
unterscheidet sich das Bild dadurch, daß die Verstimmung mit
periodischen Schwankungen das ganze Leben hindurch gleichmäßig anhält
und im Gegensatz zu jener gerade durch Zerstreuungen, Vergnügungen usw.
gebessert wird. Oft werden diese mit der größten Heiterkeit genossen und
erst in der Erinnerung ebenfalls in die allgemeine Farbe getaucht.
Vielfach hat die Witterung einen überaus großen Einfluß auf die Stimmung
dieser Kranken. Zuweilen entwickeln sich vorübergehend ausgesprochene
Depressionszustände (Abschnitt VI, 2).
Andere Kranke haben umgekehrt eine =vergröberte Empfindung=; es fehlt
ihnen der feinere Geschmack, das Taktgefühl und die Rücksicht, obwohl
sie selbst oft sehr empfindlich sind. Sie machen sich nichts daraus,
nachts durch Unruhe ihre Nachbarn zu stören, sind aber außer sich, wenn
sie am Schlafen gehindert werden. Meist fehlt ihnen auch der körperliche
feine Geschmack für Speisen und Getränke, obwohl sie großen Wert auf
ihre Nahrung legen, und der feinere Sinn für Musik und Kunst und ein
höheres Naturgefühl. Ihre Stimmung ist oft anhaltend =gereizt= und
=übellaunig=, sie sind mißtrauisch und streitsüchtig und stets bereit,
andere zu ärgern, zu verletzen, zu schädigen. Abwechselnd damit kommt es
wieder zur Unterwürfigkeit, Verzagtheit und Selbstvorwürfen.
Andere Gefühlsanomalien zeigen sich in der übermäßigen =Liebe zu
Tieren=, die sich bis zur Gründung von Asylen für unheilbar kranke oder
alterschwache Hunde und Katzen und zu Verzweiflungsausbrüchen bei ihrem
Tode erstrecken kann. So schickte eine hochstehende Dame ihren Affen,
der den deutschen Winter nicht vertrug, für die kalte Jahreszeit mit
ihrer Gesellschafterin nach Algier, während sie ihren Leuten kaum die
notdürftigste Fürsorge widmete. Unter den Fanatikern der Antivivisektion
sind sicher nicht wenige derartige Gemüter. Wieder andere haben eine
krankhafte Schätzung der =Hände= anderer Menschen, sie betrachten bei
jedem, mit dem sie zusammenkommen, besonders die Hände und bestimmen
darnach ihre Neigung oder Abneigung. Ferner gehören hierher die
übermäßige Vorliebe oder Abneigung gegen bestimmte Gerüche, Anblicke,
Berührungen, Brechreiz der Frau beim normalen Beischlaf usw.