Wie auf körperlichem Gebiet, so gibt es auch auf geistigem Gebiet
fließende Übergänge zwischen Gesundheit und Krankheit. Insbesondere bei
erblich neuropathisch Belasteten (vgl. S. 7) findet man Abweichungen im
geistigen Verhalten, die nicht zu den eigentlichen Geisteskrankheiten
gehören. Man bezeichnet sie daher als =Grenzzustände= zwischen
Geisteskrankheit und Gesundheit; weil die zugrunde liegende Belastung in
der Mehrzahl der Fälle ererbt ist, werden sie auch =hereditäres
Irresein= genannt. Ich habe vorgeschlagen, sie nach einem ihrer
wesentlichen Züge =Parapsychien= zu nennen, weil die Eigentümlichkeit
ihres formell oft kaum gestörten Geisteslebens die daran Leidenden
gewissermaßen =neben= den geistig Normalen stellt. Andere Autoren
sprechen von =psychopathischer Minderwertigkeit=, =Instabilität=,
=Irresein der Entarteten=, =psychopathischen Zuständen= usw.
Die geistige =Belastung= kann ererbt oder, was viel seltener ist,
erworben werden. Kopfverletzungen, Gehirn- und Nervenkrankheiten,
Überanstrengung bei ungünstiger Ernährung, schwere Krankheiten wie z. B.
Typhus, Alkoholmißbrauch u. dgl. können auch ohne erbliche Anlage zu
diesen Zuständen führen, zumal wenn sie im Kindes- oder im Jugendalter
einwirken. Bei Erwachsenen sind Kopfverletzungen und überstandene
Geisteskrankheiten in dieser Richtung am gefährlichsten (vgl. Heilung
mit Defekt, S. 51).
Das Wesentliche der Erscheinungen ist das mangelhafte Gleichgewicht der
geistigen Funktionen. Ohne daß ausgesprochene Geisteskrankheiten
vorliegen, findet man ein allzu bewegliches Gemüt, eigentümliche
Denktätigkeit und ungewöhnliche Handlungen, in sehr wechselnder
Zusammenstellung. Den Grundzug bildet die reizbare Schwäche: Stimmung,
Vorstellung und Wille sind allzu leicht erregbar, aber meist ohne die
richtige Nachhaltigkeit. Ähnliches Verhalten bietet normalerweise das
Kind und bis zu einem gewissen Grade das Weib. Bei den Belasteten
bleiben diese Züge für das Leben, und teilweise in übermäßiger
Deutlichkeit. Der Verstand kann dabei ausgezeichnet entwickelt sein,
aber er ist oft einseitig, mehr dem Talent in bestimmter Richtung als
dem umfassenden Genie zuneigend. Das =Urteil= wird oft unverkennbar
durch unklare Stimmungen, Phantasietätigkeit und zufällige Assoziationen
beeinflußt, so daß der =Charakter= schwankend sein kann. Neu in den
Gesichtskreis tretende Personen und Ereignisse erwecken Sympathien und
Antipathien, wofür kein klarer Grund angegeben werden kann. Die bewußte
Überlegung solcher und andrer Erscheinungen wird vermieden, statt dessen
unbestimmten Bildern und mystischen Eindrücken ein bedeutendes Interesse
entgegen gebracht. Spiritismus, Anarchismus und andre Richtungen
gewinnen daher ihre Fanatiker aus diesen Kreisen.
Das Zurücktreten der höheren Urteilsassoziationen macht so die
Belasteten entweder =indolent=, =gleichgültig= gegen wichtige
Geistesinteressen, oder =impulsiv=, zu Äußerungen und Handlungen
geneigt, die eine gesunde Überlegung zurückhalten würde.
Andererseits begünstigt das mangelhafte Urteil, indem es die auch
normalerweise mächtige Wirkung der Erwartung auf die Wahrnehmung ins
Krankhafte steigert, zumal im Affekt das Zustandekommen von
=Erinnerungsfälschungen= (vgl. S. 27). Der Belastete entnimmt aus
den Äußerungen andrer und aus Erlebnissen gern das, was er erwartet
hat, und reiht es in dieser Form einem Gedächtnis ein. Eigentliche
Illusionen sind dabei nicht ausgeschlossen.
Die höchsten Assoziationen, die =ethischen=, sind in ihrer Leistung am
wenigsten wirksam. Auch wo die Erziehung viel getan und die ethischen
Begriffe dem Bewußtsein eingeprägt hat, bleiben sie ohne die normale
Betonung, und zumal der Affekt oder das Begehren, aber auch schon das
Vortreten des eigenen Ichs bringt sie zum Erblassen. So sind die
Belasteten =Egoisten=, ohne das warme Gefühl für die Familie, schon den
Eltern gegenüber von kühlobjektivem Urteil, an Stelle der echten,
verschönenden Kindesliebe, ferner auch ohne innere Neigung zu geordnetem
Leben und Arbeiten. Wo sie Besonderes leisten, trägt meist die zur
Selbstsucht nahe zugehörige =Eitelkeit= das Hauptverdienst. Wo sie
fehlt, ist oft sogar der gewöhnliche Sinn für Ordnung und Sauberkeit
mangelhaft entwickelt. Die Überschätzung der eigenen Person führt im
Verein mit der geringen Objektivität und mit Affekten nicht selten zu
unbestimmten =Beeinträchtigungsvorstellungen=; Andere sind daran schuld,
daß die eigenen Leistungen nicht mehr gewürdigt werden, oder umgekehrt,
man könnte mehr leisten, wenn nicht durch =Andere= Hindernisse und
Gemütsbewegungen geschaffen würden.
Neben dem mangelnden Gleichmaß der einzelnen Geistesvermögen stehen bei
den Belasteten sehr oft =zeitliche Schwankungen= des ganzen Wesens, ein
regelmäßiger oder unregelmäßiger Wechsel von ruhigerem, »vernünftigerem«
Verhalten und triebartiger Unruhe mit lebhafterem Hervortreten aller
krankhaften Eigentümlichkeiten. Diese »Periodizität« findet ihren
höchsten Ausdruck in dem (ebenfalls konstitutionell und meist hereditär
begründeten) periodischen Irresein (vgl. Abschnitt VI, 2).
Viele unserer Kranken haben, abgesehen von den recht häufigen
anatomischen Entartungszeichen, auch im =Äußeren= manches Auffallende.
Der Blick ist nicht selten eigentümlich unstet, ausweichend, oder aber
stechend, flammend, bei weit aufgerissenen Augen, zuweilen in Tränen
schwimmend; das Gesicht zeigt meist frische oder übermäßig lebhafte
Farben, die bei Gemütsbewegungen schnell mit schwerer Blässe wechseln
können. Oft sehen die Betreffenden besonders jung oder umgekehrt älter
aus als sie sind, ihr Alter ist gar nicht nach dem Aussehen zu schätzen.
Die Gesichtsinnervation ist häufig vermehrt, bis zur Spannung oder zu
feinem Zittern und Grimassieren. Je nach dem Charakter können auch die
Haarfrisur (ordentlich oder unordentlich), die Lage des Scheitels, Menge
und Länge des Haares, weibische Frisur usw., der Gang und die Haltung
(selbstbewußt, schlaff, zappelnd, kindisch usw.), die Art der Kleidung
(nachlässig oder gigerlhaft, auch an die Tracht des anderen Geschlechtes
erinnernd usw.) Besonderheiten aufweisen.
Die =Entwickelung= der Eigentümlichkeiten erfolgt fast immer ganz
allmählich. Die ererbte Belastung läßt die Kinder häufig besonders
lebhaft und begabt, zu nervösen Störungen in der Zahnzeit und zum
Delirieren in fieberhaften Krankheiten geneigt erscheinen. Oft werden
delirante Zustände beobachtet, die sehr an Gehirnhautentzündung erinnern
und in der Anamnese gewöhnlich so bezeichnet werden. Die Talente
richten sich oft einseitig auf Musik, Rechnen, Poesie, Schauspielkunst.
Den Mitschülern ist das häufig viel auffallender, als den Eltern,
Angehörigen und Erziehern, sie verfolgen den mit einem »Strich« oder
»Stich« Behafteten mit jugendlicher Unbarmherzigkeit und erhöhen dadurch
seine Neigung, einsam zu sein und durch Grübeleien, dumpfes Hinbrüten
oder phantastische Gedanken die Zeit zu vertreiben. Öfters sieht man bei
den Abnormen, daß sie ohne Grund beim Gehen eine eigentümliche Wahl
zwischen den Steinplatten treffen, z. B. nur die diagonal gestellten
benutzen und bei unregelmäßiger Lage derselben umständliche Sprünge
machen, oder daß sie zeitweise ohne Anlaß in Laufen übergehen usw. Das
spätere Leben kennt sie z. T. als Sonderlinge, Träumer, Schwärmer usw.,
oder es wird bewundert, daß der flotte Kavallerieoffizier in seinen
Mußestunden SCHOPENHAUER, NIETZSCHE, LOMBROSO, MANTEGAZZA studiert --
man kann eben die Oberflächlichkeit seines Wissens nicht beurteilen. Bei
anderen tritt die Mangelhaftigkeit da hervor, wo das Leben größere
Anforderungen an sie stellt. Bei Männern deckt häufig der Eintritt in
den Heeresdienst die Schwäche auf, bei Mädchen ist es die körperlich und
geistig angreifende erste Menstruation, bei Frauen die Begründung des
Haushaltes und weiterhin jede größere Umwälzung darin, was die geringere
Widerstandsfähigkeit hervortreten läßt. Es verringert die
Leistungsfähigkeit schon erheblich, wenn unvorbereitet oder in Gegenwart
anderer etwas schnell geschehen soll; unter solchen Umständen will z. B.
auch schreibgewandten Belasteten nicht der einfachste Brief aus der
Feder. Der Charakter, der bei Normalen doch um den Beginn des dritten
Jahrzehnts, oft schon früher eine gewisse Reife erlangt hat, kommt hier
weit später oder auch niemals zur rechten Entwickelung.
Bemerkenswert ist die außerordentliche Veränderung der Stimmung und des
Bewußtseins durch gewisse Einflüsse. Geringe =Alkoholmengen= verursachen
Rauschzustände mit völliger Veränderung des Wesens, bis zu schweren
Bewußtseinstrübungen, brutalen Gewalttaten usw.: =pathologischer
Rausch=, auch mit eigentümlichen Nachwirkungen, so bei einem Manne, der
am Morgen nach einer Zecherei mit der zwingenden Vorstellung in seinem
Bette erwacht, daß alle Menschen seiner näheren Umgebung gestorben
seien; er muß erst aufstehen und alle Einzelnen aufsuchen, bevor er sich
von der Unrichtigkeit überzeugt. Krankhaft schwere Erscheinungen werden
bei Belasteten oft auch durch Fieber und durch Gemütsbewegungen,
namentlich Zorn, hervorgerufen: =pathologischer Affekt=, ebenfalls bis
zu schweren Bewußtseinstrübungen. Es ist allerdings nicht
unwahrscheinlich, daß der pathologische Rausch und der pathologische
Affekt ausnahmslos der =Epilepsie= angehören (vgl. S. 168), deren
Krampfanfälle vorläufig fehlten.
Bei den weiteren Erscheinungen der Grenzzustände kann man der Übersicht
wegen eine gewisse Einteilung nach den vorzugsweise berührten geistigen
Gebieten vornehmen, aber es muß betont werden, daß die Trennung
künstlich ist, und daß verschiedene krankhafte Richtungen nebeneinander
vorkommen können.