V. Die Grenzzustände.

Wie auf körperlichem Gebiet, so gibt es auch auf geistigem Gebiet

fließende Übergänge zwischen Gesundheit und Krankheit. Insbesondere bei

erblich neuropathisch Belasteten (vgl. S. 7) findet man Abweichungen im

geistigen Verhalten, die nicht zu den eigentlichen Geisteskrankheiten

gehören. Man bezeichnet sie daher als =Grenzzustände= zwischen

Geisteskrankheit und Gesundheit; weil die zugrunde liegende Belastung in

der Mehrzahl der Fälle ererbt ist, werden sie auch =hereditäres

Irresein= genannt. Ich habe vorgeschlagen, sie nach einem ihrer

wesentlichen Züge =Parapsychien= zu nennen, weil die Eigentümlichkeit

ihres formell oft kaum gestörten Geisteslebens die daran Leidenden

gewissermaßen =neben= den geistig Normalen stellt. Andere Autoren

sprechen von =psychopathischer Minderwertigkeit=, =Instabilität=,

=Irresein der Entarteten=, =psychopathischen Zuständen= usw.

Die geistige =Belastung= kann ererbt oder, was viel seltener ist,

erworben werden. Kopfverletzungen, Gehirn- und Nervenkrankheiten,

Überanstrengung bei ungünstiger Ernährung, schwere Krankheiten wie z. B.

Typhus, Alkoholmißbrauch u. dgl. können auch ohne erbliche Anlage zu

diesen Zuständen führen, zumal wenn sie im Kindes- oder im Jugendalter

einwirken. Bei Erwachsenen sind Kopfverletzungen und überstandene

Geisteskrankheiten in dieser Richtung am gefährlichsten (vgl. Heilung

mit Defekt, S. 51).

Das Wesentliche der Erscheinungen ist das mangelhafte Gleichgewicht der

geistigen Funktionen. Ohne daß ausgesprochene Geisteskrankheiten

vorliegen, findet man ein allzu bewegliches Gemüt, eigentümliche

Denktätigkeit und ungewöhnliche Handlungen, in sehr wechselnder

Zusammenstellung. Den Grundzug bildet die reizbare Schwäche: Stimmung,

Vorstellung und Wille sind allzu leicht erregbar, aber meist ohne die

richtige Nachhaltigkeit. Ähnliches Verhalten bietet normalerweise das

Kind und bis zu einem gewissen Grade das Weib. Bei den Belasteten

bleiben diese Züge für das Leben, und teilweise in übermäßiger

Deutlichkeit. Der Verstand kann dabei ausgezeichnet entwickelt sein,

aber er ist oft einseitig, mehr dem Talent in bestimmter Richtung als

dem umfassenden Genie zuneigend. Das =Urteil= wird oft unverkennbar

durch unklare Stimmungen, Phantasietätigkeit und zufällige Assoziationen

beeinflußt, so daß der =Charakter= schwankend sein kann. Neu in den

Gesichtskreis tretende Personen und Ereignisse erwecken Sympathien und

Antipathien, wofür kein klarer Grund angegeben werden kann. Die bewußte

Überlegung solcher und andrer Erscheinungen wird vermieden, statt dessen

unbestimmten Bildern und mystischen Eindrücken ein bedeutendes Interesse

entgegen gebracht. Spiritismus, Anarchismus und andre Richtungen

gewinnen daher ihre Fanatiker aus diesen Kreisen.

Das Zurücktreten der höheren Urteilsassoziationen macht so die

Belasteten entweder =indolent=, =gleichgültig= gegen wichtige

Geistesinteressen, oder =impulsiv=, zu Äußerungen und Handlungen

geneigt, die eine gesunde Überlegung zurückhalten würde.

Andererseits begünstigt das mangelhafte Urteil, indem es die auch

normalerweise mächtige Wirkung der Erwartung auf die Wahrnehmung ins

Krankhafte steigert, zumal im Affekt das Zustandekommen von

=Erinnerungsfälschungen= (vgl. S. 27). Der Belastete entnimmt aus

den Äußerungen andrer und aus Erlebnissen gern das, was er erwartet

hat, und reiht es in dieser Form einem Gedächtnis ein. Eigentliche

Illusionen sind dabei nicht ausgeschlossen.

Die höchsten Assoziationen, die =ethischen=, sind in ihrer Leistung am

wenigsten wirksam. Auch wo die Erziehung viel getan und die ethischen

Begriffe dem Bewußtsein eingeprägt hat, bleiben sie ohne die normale

Betonung, und zumal der Affekt oder das Begehren, aber auch schon das

Vortreten des eigenen Ichs bringt sie zum Erblassen. So sind die

Belasteten =Egoisten=, ohne das warme Gefühl für die Familie, schon den

Eltern gegenüber von kühlobjektivem Urteil, an Stelle der echten,

verschönenden Kindesliebe, ferner auch ohne innere Neigung zu geordnetem

Leben und Arbeiten. Wo sie Besonderes leisten, trägt meist die zur

Selbstsucht nahe zugehörige =Eitelkeit= das Hauptverdienst. Wo sie

fehlt, ist oft sogar der gewöhnliche Sinn für Ordnung und Sauberkeit

mangelhaft entwickelt. Die Überschätzung der eigenen Person führt im

Verein mit der geringen Objektivität und mit Affekten nicht selten zu

unbestimmten =Beeinträchtigungsvorstellungen=; Andere sind daran schuld,

daß die eigenen Leistungen nicht mehr gewürdigt werden, oder umgekehrt,

man könnte mehr leisten, wenn nicht durch =Andere= Hindernisse und

Gemütsbewegungen geschaffen würden.

Neben dem mangelnden Gleichmaß der einzelnen Geistesvermögen stehen bei

den Belasteten sehr oft =zeitliche Schwankungen= des ganzen Wesens, ein

regelmäßiger oder unregelmäßiger Wechsel von ruhigerem, »vernünftigerem«

Verhalten und triebartiger Unruhe mit lebhafterem Hervortreten aller

krankhaften Eigentümlichkeiten. Diese »Periodizität« findet ihren

höchsten Ausdruck in dem (ebenfalls konstitutionell und meist hereditär

begründeten) periodischen Irresein (vgl. Abschnitt VI, 2).

Viele unserer Kranken haben, abgesehen von den recht häufigen

anatomischen Entartungszeichen, auch im =Äußeren= manches Auffallende.

Der Blick ist nicht selten eigentümlich unstet, ausweichend, oder aber

stechend, flammend, bei weit aufgerissenen Augen, zuweilen in Tränen

schwimmend; das Gesicht zeigt meist frische oder übermäßig lebhafte

Farben, die bei Gemütsbewegungen schnell mit schwerer Blässe wechseln

können. Oft sehen die Betreffenden besonders jung oder umgekehrt älter

aus als sie sind, ihr Alter ist gar nicht nach dem Aussehen zu schätzen.

Die Gesichtsinnervation ist häufig vermehrt, bis zur Spannung oder zu

feinem Zittern und Grimassieren. Je nach dem Charakter können auch die

Haarfrisur (ordentlich oder unordentlich), die Lage des Scheitels, Menge

und Länge des Haares, weibische Frisur usw., der Gang und die Haltung

(selbstbewußt, schlaff, zappelnd, kindisch usw.), die Art der Kleidung

(nachlässig oder gigerlhaft, auch an die Tracht des anderen Geschlechtes

erinnernd usw.) Besonderheiten aufweisen.

Die =Entwickelung= der Eigentümlichkeiten erfolgt fast immer ganz

allmählich. Die ererbte Belastung läßt die Kinder häufig besonders

lebhaft und begabt, zu nervösen Störungen in der Zahnzeit und zum

Delirieren in fieberhaften Krankheiten geneigt erscheinen. Oft werden

delirante Zustände beobachtet, die sehr an Gehirnhautentzündung erinnern

und in der Anamnese gewöhnlich so bezeichnet werden. Die Talente

richten sich oft einseitig auf Musik, Rechnen, Poesie, Schauspielkunst.

Den Mitschülern ist das häufig viel auffallender, als den Eltern,

Angehörigen und Erziehern, sie verfolgen den mit einem »Strich« oder

»Stich« Behafteten mit jugendlicher Unbarmherzigkeit und erhöhen dadurch

seine Neigung, einsam zu sein und durch Grübeleien, dumpfes Hinbrüten

oder phantastische Gedanken die Zeit zu vertreiben. Öfters sieht man bei

den Abnormen, daß sie ohne Grund beim Gehen eine eigentümliche Wahl

zwischen den Steinplatten treffen, z. B. nur die diagonal gestellten

benutzen und bei unregelmäßiger Lage derselben umständliche Sprünge

machen, oder daß sie zeitweise ohne Anlaß in Laufen übergehen usw. Das

spätere Leben kennt sie z. T. als Sonderlinge, Träumer, Schwärmer usw.,

oder es wird bewundert, daß der flotte Kavallerieoffizier in seinen

Mußestunden SCHOPENHAUER, NIETZSCHE, LOMBROSO, MANTEGAZZA studiert --

man kann eben die Oberflächlichkeit seines Wissens nicht beurteilen. Bei

anderen tritt die Mangelhaftigkeit da hervor, wo das Leben größere

Anforderungen an sie stellt. Bei Männern deckt häufig der Eintritt in

den Heeresdienst die Schwäche auf, bei Mädchen ist es die körperlich und

geistig angreifende erste Menstruation, bei Frauen die Begründung des

Haushaltes und weiterhin jede größere Umwälzung darin, was die geringere

Widerstandsfähigkeit hervortreten läßt. Es verringert die

Leistungsfähigkeit schon erheblich, wenn unvorbereitet oder in Gegenwart

anderer etwas schnell geschehen soll; unter solchen Umständen will z. B.

auch schreibgewandten Belasteten nicht der einfachste Brief aus der

Feder. Der Charakter, der bei Normalen doch um den Beginn des dritten

Jahrzehnts, oft schon früher eine gewisse Reife erlangt hat, kommt hier

weit später oder auch niemals zur rechten Entwickelung.

Bemerkenswert ist die außerordentliche Veränderung der Stimmung und des

Bewußtseins durch gewisse Einflüsse. Geringe =Alkoholmengen= verursachen

Rauschzustände mit völliger Veränderung des Wesens, bis zu schweren

Bewußtseinstrübungen, brutalen Gewalttaten usw.: =pathologischer

Rausch=, auch mit eigentümlichen Nachwirkungen, so bei einem Manne, der

am Morgen nach einer Zecherei mit der zwingenden Vorstellung in seinem

Bette erwacht, daß alle Menschen seiner näheren Umgebung gestorben

seien; er muß erst aufstehen und alle Einzelnen aufsuchen, bevor er sich

von der Unrichtigkeit überzeugt. Krankhaft schwere Erscheinungen werden

bei Belasteten oft auch durch Fieber und durch Gemütsbewegungen,

namentlich Zorn, hervorgerufen: =pathologischer Affekt=, ebenfalls bis

zu schweren Bewußtseinstrübungen. Es ist allerdings nicht

unwahrscheinlich, daß der pathologische Rausch und der pathologische

Affekt ausnahmslos der =Epilepsie= angehören (vgl. S. 168), deren

Krampfanfälle vorläufig fehlten.

Bei den weiteren Erscheinungen der Grenzzustände kann man der Übersicht

wegen eine gewisse Einteilung nach den vorzugsweise berührten geistigen

Gebieten vornehmen, aber es muß betont werden, daß die Trennung

künstlich ist, und daß verschiedene krankhafte Richtungen nebeneinander

vorkommen können.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 47 / 133 题