Sie haben ihr Wesen in einem traumhaft veränderten Bewußtsein. Entweder
ist das Bewußtsein, die Auffassung der Umgebung einfach herabgesetzt,
bis zum =Stupor=, der rein oder unter schreckhaften Delirien stunden-
bis tagelang anhält, gewöhnlich mit Mutazismus, seltener mit
Verbigeration, oder es treten noch krankhafte Affekte, Wahnvorstellungen
und Halluzinationen hinzu: =epileptisches Delirium=, oder endlich es
kommt zu einer eigentümlichen Mischung von geordnetem Benehmen und
traumhafter Veränderung des Bewußtseins, zuweilen mit Dazwischentreten
gewalttätiger Handlungen: =besonnenes Delirium=.
Alle diese Zustände kommen teils im Anschluß an einen gewöhnlichen
Krampfanfall, als =postepileptische Geistesstörung=, vor, oder an Stelle
eines Anfalles, als =epileptisches Äquivalent=. Als =präepileptische
Geistesstörung= bezeichnet man Dämmerzustände, die eine Ausgestaltung
der Aura darstellen: subjektive Sinnesempfindungen, wie Flammenschein,
Ohrensausen u. dgl. oder Halluzinationen von Teufeln, wilden Tieren,
drohenden Worten, oder auch blinde Antriebe zum Onanieren, Kotschmieren,
Ansichnehmen von Gegenständen, Feueranlegen, zu gewalttätigen Handlungen
oder auch zu blindem Vorwärtslaufen, _Epilepsia procursiva_. Diese
psychische Aura kann Stunden bis Tage währen und wird dann durch den
Krampfanfall beendigt.
In den =besonnenen epileptischen Delirien= machen die Kranken bei
genauerer Beobachtung den Eindruck von Schlafwandelnden oder
Hypnotisierten. Für Fremde ist das Benehmen dabei manchmal so wenig
auffällig, daß gar kein krankhafter Zustand angenommen wird. So konnte
ein von LEGRAND DU SAULLE beobachteter Pariser Kaufmann in solchem
Zustande eine nicht beabsichtigte Reise nach Indien unternehmen; er
erwachte zu seinem Erstaunen auf der Reede von Bombay. Hierher gehört
auch das außer bei Hysterie auch bei Epilepsie vorkommende
=Nachtwandeln=, das zuweilen im Jugendalter die einzige Andeutung der
Krankheit bilden kann.
In den meisten Fällen machen die Dämmerzustände deutlicher als hier
einen krankhaften Eindruck, indem die Kranken ängstliche oder im
Gegenteil heitere Erregung erkennen lassen und verstört erscheinen,
unbegründete Versündigungsvorstellungen oder Größenideen äußern,
Zerstörungstrieb, Fluchtdrang kundgeben, von Halluzinationen in
elementarer oder in genauer ausgearbeiteter Form (Gottvisionen,
Erscheinung der Mutter Gottes mit singenden Engelscharen usw.) berichten
u. dgl. m. Auch diese Formen verlaufen gewöhnlich in Stunden oder Tagen.
In anderen Fällen besteht der Dämmerzustand, hier sich meist an einen
Krampfanfall anschließend, in einem ausgeprägten =halluzinatorischen
Delirium=, meist mit erschreckendem, seltener mit religiös erhebendem
Inhalt, wobei oft katatonische Haltungen, einförmige Bewegungen und
Verbigeration (vgl. S. 40) beobachtet werden. Häufig sind die
Betreffenden zu benommen, um Fragen aufzufassen und zu beantworten, man
kann dann den Inhalt ihrer Störung nur aus vereinzelten Äußerungen oder
Gebärden oder aus den zuweilen hinterbleibenden Erinnerungsresten
entnehmen. Die während des Zustandes gefühlten Qualen werden dann nicht
selten der Umgebung zur Last gelegt, so z. B. halluzinierte Schmerzen im
Leibe, Interkostalschmerzen usw. auf Fußtritte zurückgeführt. Im
allgemeinen überwiegen die Halluzinationen des Gesichtssinns, wobei das
Gesehene oft rot oder von Flammen umgeben erscheint. Gerade diese
Täuschungen geben durch ihre beängstigende Wirkung am häufigsten Anlaß
zu rücksichtslosen Gewalttaten.
Das epileptische halluzinatorische Delirium kann mehrere Wochen lang
anhalten und dann plötzlich oder allmählich zurückgehen. Die Erinnerung
an die krankhaften Erlebnisse ist meist sehr lückenhaft, aber es gelingt
nicht selten, durch Erwähnung bestimmter Äußerungen oder Vorgänge den
Kranken wieder auf dies und jenes zu bringen. Ebenso verhält sich
gewöhnlich die Erinnerung für die Dämmerzustände. Diese kann auch von
selbst sehr wechseln, z. B. gleich nach der Tat vorhanden sein, dann
völlig zurücktreten und weiterhin, zumal unter dem Einfluß äußerer
Hilfen, wieder erscheinen. Wegen der häufigen Gewalttaten und Vergehen
in den Dämmerzuständen der Epileptischen hat dies eigentümliche
Verhalten große gerichtliche Bedeutung. Es ist wiederholt vorgekommen,
daß Epileptische im Dämmerzustande, unter irgend einem traumhaften
Gedanken, der nachher völlig unerfindlich war, Reisen angetreten haben
und erst am Ziel zum Bewußtsein gelangten, ohne an ihre Fahrt eine
Erinnerung zu haben, und ohne daß sie unterwegs den Reisegenossen als
Kranke erschienen waren. Wo in solchen Zuständen Verbrechen verübt
waren, ist meist eine große Rücksichtslosigkeit der Tat vorhanden,
während mit dem Auftauchen der frühzeitigen Erinnerung Versuche zur
Verlöschung der Spuren gemacht werden, die den bewußten Zustand des
Täters zu beweisen scheinen.
Nicht selten kommen solche Dämmerzustände vor, ohne daß je epileptische
Krämpfe vorhanden gewesen oder beobachtet worden sind. Man hat sich
lange gesträubt, in solchen Fällen die Diagnose auf Epilepsie,
=larvierte= E., anzuerkennen, aber die Tatsachen haben mehrfach den
Beweis geliefert, indem schließlich auch deutliche Krampfanfälle
auftraten. Da außerdem die Anamnese lückenhaft sein oder ganz fehlen
kann, ist es von großem Wert, daß man aus einer Reihe von Erscheinungen
ziemlich sicher die epileptische Natur einer Geistesstörung erkennen
kann. Dazu gehören vor allem die tiefe Bewußtseinstrübung und die
traumartige Verwirrtheit, beide gewöhnlich kurzweg aus einem
auraähnlichen Vorstadium hervorgegangen; das Vorwiegen entweder
erschreckender, häufig feurig oder blutrot erscheinender oder anderseits
religiöser Gesichtshalluzinationen; der plötzliche Eintritt, die kurze
Dauer und die oft im Schlaf erfolgende Lösung der tiefen Geistesstörung;
die ungenügend begründeten, oft überaus gewalttätigen Handlungen der
Kranken; endlich das eigentümliche Verhalten der Erinnerung.
Während des Dämmerzustandes pflegen starke Erweiterung der Pupillen mit
herabgesetzter Lichtreaktion und Steigerung der Sehnenreflexe zu
bestehen.
Wichtige Hinweise geben endlich aus der Vorgeschichte nicht selten die
Angaben über erbliche Anlage oder Kopfverletzungen, über Krämpfe in der
frühesten Kindheit, lange fortgesetztes, die Pubertät überdauerndes
Bettnässen, Erwachen aus benommenem Zustande, Zungenbißnarben usw.
Werden mehrere Dämmerzustände oder Äquivalente beobachtet, so ist ihre
Übereinstimmung in Verlauf und Dauer sehr wichtig.
Verlauf und Ausgänge.
Die Epilepsie beginnt oft schon in den ersten Lebensjahren, am
häufigsten wohl um das achte Lebensjahr und zur Zeit der Pubertät. Fast
drei Viertel der Krankheitfälle beginnen vor dem 20. Jahre. Mit dem
zunehmenden Alter wird die reine Epilepsie immer seltener; abgesehen von
der Alkoholepilepsie gibt es dann fast nur noch epilepsieähnliche
Erkrankungen durch Gehirntumoren, Syphilis u. dgl. Die Zahl der Anfälle
unterliegt den größten Verschiedenheiten. Es gibt Fälle, wo durch
Jahrzehnte hindurch nur alle Jahre einmal oder noch seltener ein Anfall
auftritt, und andere, wo von Anfang an oder zeitweise Tag für Tag oder
mehrmals täglich Anfälle auftreten. Wie schon erwähnt, kommt es in
vielen Fällen nie zu echten Krampfanfällen, sondern nur zu angedeuteten
Anfällen oder zu Äquivalenten, insbesondere zu der beschriebenen
periodischen Verstimmung und zu Dämmerzuständen. Bemerkenswert ist es,
daß die sogenannte Epilepsia mitior, das Petit mal, mit den kleinen,
rudimentären Anfällen durchaus nicht etwa eine leichtere Erkrankung
darstellt, sondern sich oft besonders hartnäckig und auch in bezug auf
die geistigen Störungen ungünstig erweist.
Man nimmt an, daß etwa ein Drittel der Epileptischen geistig gesund
bleibt. Bei dem Rest kommt es im Laufe der Krankheit, abgesehen von den
bereits beschriebenen Zufällen von geistiger Störung, zu eigenartigen
geistigen Veränderungen, die man als =epileptischen Charakter=
zusammenzufassen pflegt. Diese =Geistesveränderung= der Epileptischen
besteht in krankhafter Reizbarkeit, die sich bald in wechselnder,
launischer Stimmung, bald mehr in maßlosen Zornausbrüchen auf geringe,
oft nur in eigensinniger Weise eingebildete Anlässe hin äußert. Alle
Gemütseindrücke haften abnorm lange, mit der Zeit verarmt das
Vorstellungsleben überhaupt und schränkt sich vorzugsweise auf die
Kreise ein, die mit der eigenen Stimmung, bei anderen mit den
gesteigerten Wünschen und Ansprüchen, bei noch anderen mit einer
gewissen, oft nur sehr äußerlichen Religiosität zusammenhängen. Nicht
selten kommt es zu einem bedeutenden Schwachsinn, aus dem noch immer die
große Reizbarkeit hervorzuleuchten pflegt, manchmal zu den schwersten
Graden der Verblödung, wo alles geistige Leben erloschen scheint.
Zuweilen bringt der zunehmende Schwachsinn eine albern heitere Stimmung
mit sich, die Kranken glauben fälschlich, daß es ihnen besser gehe, daß
ihre Anfälle längst ausgeblieben seien usw., andere Male tritt mehr und
mehr ein ethischer Verfall mit Neigung zu Ausschreitungen und
verbrecherischen Handlungen hervor. Mit den höheren Graden von
Schwachsinn verbinden sich häufig auch körperliche Zeichen des Verfalls,
Zittern, umschriebene oder ausgebreitete Lähmungen und Paresen,
Störungen der Sprachartikulation, Stottern, Aphasie usw. Alle diese
Erscheinungen pflegen um so schwerer zu sein, je früher die Epilepsie
eingetreten ist. Die Fälle, wo sie sich schon in den ersten Lebensjahren
entwickelt hat, sind praktisch meist der Idiotie zuzurechnen.
In den meisten Fällen sind jahrelang epileptische Krämpfe oder
Schwindelanfälle den geistigen Störungen vorausgegangen. Woran es liegt,
daß diese oft verhältnismäßig bald hinzutreten, häufig während der
jahrzehntelangen Dauer einer Epilepsie gar nicht oder ein einziges Mal
vorkommen, bei anderen Kranken fast jeden Anfall begleiten oder
schließlich eine nur durch kurze Zwischenzeiten unterbrochene Reihe von
Dämmerzuständen oder von Äquivalenten bilden, ist ganz unklar. Eine
Vorhersage über den einzelnen Fall ist in dieser Beziehung also
unmöglich. Im ganzen haben die schwereren geistigen Störungen
entschieden eine ungünstige Bedeutung, obwohl sie bei geeigneter
Behandlung seltener werden und erst sehr spät zu Schwachsinn und
Verblödung führen können. Eine Heilung wird dagegen dann viel näher
gerückt, wenn bei einem durch erbliche Belastung oder Kopfverletzung
Veranlagten durch Alkoholmißbrauch Krämpfe und Äquivalente hervorgerufen
sind. Hier kann bei nicht zu langer Dauer die völlige Vermeidung des
Alkohols glänzende Erfolge bringen.
In den anderen Fällen wird vielleicht die planmäßige Bearbeitung der
Therapie, die von den neueren, ärztlich geleiteten und auch frischere
Fälle aufnehmenden Epileptikeranstalten zu erwarten ist, die bisher
recht trübe Vorhersage günstiger gestalten. Jedenfalls ist anzunehmen,
daß die rechtzeitige Behandlung der einfachen Epilepsie häufig den
geistigen Störungen vorbeugen wird.
Die Lebensdauer der Epileptischen ist bedroht durch die Gefahr
absichtlicher und unabsichtlicher Selbstbeschädigung, durch die
Häufigkeit von Schluckpneumonien im Anschluß an länger dauernde
Bewußtlosigkeit, durch eine gewisse Neigung für Tuberkulose usw.,
weiterhin durch die Möglichkeit des Todes im Anfall oder im Status
epilepticus oder in dem zuweilen sich einstellenden _Coma epilepticum_.
Der einzelne Anfall führt nur selten zum Tode durch Gehirnlähmung oder
durch Erstickung, dagegen endet nicht selten der Status epilepticus, die
Häufung der Anfälle, tödlich. Es kommt dabei entweder in allmählichem
Ansteigen oder in unvorbereitetem, zuweilen an längere freie Zeiten
anknüpfendem Auftreten zu einer großen Zahl von Krämpfen, 40, 60, 100
und mehr in 24 Stunden, in deren Pausen der Kranke nicht mehr zum
Bewußtsein gelangt. Die Körpertemperatur steigt zugleich häufig auf die
höchsten Grade, allerdings nach meiner Erfahrung weit seltener bei den
schnell verlaufenden Fällen als bei den langsameren, wo sich gewöhnlich
Schluckpneumonien ausbilden. Der Beweis eines rein zentralen Fiebers
dürfte sich auch hier nur schwer liefern lassen. Auch aus schwerem
Status epilepticus kann der Kranke erwachen, häufig aber nimmt die
Bewußtlosigkeit immer zu, die Atmung wird oberflächlich, gehetzt, nicht
selten unregelmäßig in der Art des CHEYNE-STOKESschen Phänomens, der
Puls wird unzählbar schnell und sehr klein, und endlich erlischt
allmählich das Leben.
In anderen Fällen kommt es zu einer zunehmenden Benommenheit bis zu
völliger Bewußtlosigkeit, ohne daß Krämpfe aufträten. Ich möchte den
meines Wissens sonst nicht beschriebenen Zustand nach bekannten
Vorgängen als _Coma epilepticum_ bezeichnen. Ähnliche Erscheinungen
erwähnen namentlich französische Schriftsteller als Folge plötzlicher
Unterbrechung der Bromkur, aber diese Ursache trifft nicht immer zu.
=Diagnose.= Über die Unterscheidung des epileptischen und des
hysterischen Krampfanfalles ist S. 147 das Nötige mitgeteilt worden. Von
der einfachen Ohnmacht unterscheidet sich der ohnmachtartige
epileptische Anfall durch die fehlende direkte Ursache in äußeren oder
innerlichen Vorgängen (Schreck, Aufregung, Blutverluste, Herzschwäche),
die durch die Anamnese oder durch die ärztliche Untersuchung
festgestellt werden. Bei den im reiferen Alter entstehenden
epileptiformen Anfällen ist mit großer Sorgfalt darnach zu fahnden, ob
erworbene oder ererbte Syphilis oder Zeichen einer Gehirngeschwulst
vorliegen, oder ob chronische Nephritis, Arteriosklerose im Gehirn oder
Alkoholismus nachweisbar sind. Ferner ist dann daran zu denken, daß der
Anfall einer beginnenden Dementia paralytica angehören kann. Zur
Erkennung der verschiedenen geistigen Störungen der Epilepsie ist das
Nötige bei ihrer Beschreibung gesagt worden.
=Gerichtlich-medizinische Bedeutung.= Die Epilepsie gehört zu den
Geisteskrankheiten, die häufig gerichtlich medizinische Bedeutung
erlangen. Schon die allgemein dem Epileptischen, auch dem geistig
normalen, eigene =Reizbarkeit= und =Affekterregbarkeit= führen sehr
leicht zu Übertretungen des Gesetzes und zu Vergehen. Namentlich
=Bedrohung=, =Sachbeschädigung=, =Widerstand=, =ruhestörender Lärm=,
=Körperverletzung=, =Totschlag= sind häufige Folgen, um so mehr, da der
=Alkoholgenuß= die Reizbarkeit so sehr erhöht. Ferner bilden
Epileptische einen großen Teil der =Landstreicher=, =Zuhälter= und
=Prostituierten=, teils weil ihre Krankheit und ihre geistigen
Eigentümlichkeiten ihnen eine regelrechte Beschäftigung erschweren,
teils weil sie zu unstet dazu sind. Auch die paroxysmelle Verstimmung
hat daran einen wesentlichen Anteil. Einen weiteren Anlaß zu
Gesetzesverletzungen bieten die als Äquivalent auftretenden
Angstzustände, die nicht selten =Brandstiftungen= u. dgl. veranlassen.
Die mit =Reisetrieb= verbundenen Dämmerzustände führen bei Soldaten oft
zur =Fahnenflucht=. Die triebartigen Vergehen gegen die =Sittlichkeit=
sind bereits erwähnt worden, S. 161. Auch in Dämmerzuständen sind sie
etwas sehr Häufiges, da diese oft mit gesteigertem Geschlechtstrieb
verlaufen oder wenigstens beginnen. Auch Mord, Brandstiftung, schwere
Gewalttaten gegen zufällig begegnende Personen usw. kommen häufig vor.
Die Beurteilung ist, wenn ausgesprochene Dämmerzustände nachweisbar
sind, für den Sachverständigen nicht schwer, leider sind aber die
Richter nicht immer davon zu überzeugen. In jedem Falle gehört eine
genaue Abwägung der ganzen Persönlichkeit dazu und daneben eine sehr
genaue Erforschung des streitigen Augenblicks, um zu beurteilen, ob der
Schutz des § 51 oder wenigstens, wo es zulässig ist, mildernde Umstände
in Frage kommen.
=Behandlung.= Die Behandlung des epileptischen Irreseins fällt mit der
Behandlung der Epilepsie zusammen. Der Beseitigung der Ursachen dient in
bestimmten, jedenfalls seltenen Fällen die Entfernung von Schädelnarben
und Gehirnherden oder von peripherischen Narben und Erkrankungen, die
reflektorisch Krämpfe hervorrufen könnten, öfter schon die Behandlung
einer ererbten oder erworbenen Syphilis oder die Entwöhnung vom
Alkoholgenuß.
Die völlige =Alkoholabstinenz= ist für alle Epileptischen streng zu
fordern. Auch geringe Alkoholmengen schaden den Kranken sicher. Oft
rufen schon kleine Gaben =krankhafte Rauschzustände= hervor, schwere
Erregungen mit Neigung zu Streit und Gewalttätigkeit, starke Trübungen
des Bewußtseins und nachfolgende Amnesie; auch echte epileptische
Anfälle sind oft die Folge, und vor allem gehen auch leichtere Formen
der Epilepsie unter dem Einfluß des Alkoholgenusses oft in schwere über.
Die Behandlung der Epileptischen ohne Abstinenz von Alkohol ist daher
undenkbar. Gerade hier erweist es sich als ein Fluch, wenn der Arzt
glaubt, mit dem Rat der Mäßigkeit auskommen zu können.
Auch sonst wird in der =Ernährung= von Reizmitteln möglichst abgesehen.
Ich habe mich allerdings nie davon überzeugen können, daß mäßiger Genuß
von Kaffee oder Tee einen ungünstigen Einfluß auf die Epilepsie habe,
und erlaube diese Genußmittel meinen Kranken um so lieber, weil das
ihnen die Alkoholabstinenz erleichtert. Auch mäßiger Gebrauch von
Gewürzen wird nicht schaden. ZIEHEN warnt besonders vor den
Extraktivstoffen des Fleisches und demnach auch vor Bouillon. Die
Hauptsache wird immer sein, daß man eine vernünftige gemischte Kost
verordnet, jedenfalls die obere Grenze der Fleischportion feststellt und
ein reichliches Maß von Gemüsen und Kartoffeln vorschreibt, außerdem das
Obst als wohlschmeckendes und durststillendes Genußmittel empfiehlt.
Die von manchen Seiten empfohlene =Bettruhe= hat jedenfalls
vorübergehend einen Einfluß, indem sie die Zahl der Anfälle vermindert;
eine Besserung der Krankheit ist nicht davon zu erwarten. Ich ziehe sie
daher höchstens im Anfang der Kur heran; für gewöhnlich ist körperliche
Ausarbeitung entschieden vorteilhafter. Regelmäßige Beschäftigung, am
besten mit körperlicher Arbeit im Freien, ist von zweifellos günstiger
Einwirkung.
=Arzneibehandlung.= Wirkliche Erfolge bringt vor allem die
Brombehandlung. Die Anwendung ist im ganzen sehr verschieden. In einer
großen Anzahl von Fällen hat es sich mir bewährt, =täglich nur einmal=,
etwa gleich nach dem Nachtessen oder nach dem zweiten Frühstück,
Bromnatrium (das den Magen recht wenig belästigt) in einem Wasserglase
voll Wasser (oder Selterswasser, Milch) gelöst trinken zu lassen, und
zwar zunächst 3,0 (einen gestrichenen Teelöffel voll), bei zu geringem
Erfolg nach zwei Monaten, in schweren Fällen schon nach einem Monat auf
4,0 und weiter in derselben Weise auf 5 und 6 Gramm steigend. Setzen die
Anfälle aus, so bleibt man 4-6 Monate lang bei der erreichten Gabe, um
dann ebenso langsam stufenweise wieder abzufallen und beim
Wiederauftreten der Krämpfe abermals zu steigen. Jahrelanger Gebrauch
ist meistens nötig. Ungünstige Zufälle sieht man bei dieser Methode
selten; tritt =Benommenheit= ein, was übrigens auch ohne Bromgebrauch
vorkommen kann, so läßt man die Kranken zu Bett liegen, lauwarme Bäder
oder nasse Abreibungen nehmen, und versucht, ob vorsichtige Verminderung
der Bromgabe den Zustand bessert. Ebenso häufig sieht man, daß die
Benommenheit bei Epileptischen, die zuvor nicht arzneilich behandelt
waren, durch Bromgebrauch schwindet. Bromakne, Zittern und Aufhebung des
Rachenreflexes sind ziemlich sichere Zeichen der =Bromvergiftung=, aber
hervorragende Autoren nehmen an, daß ohne diese Reflexaufhebung
überhaupt keine Wirkung erzielt wird. Unkenntnis der Epilepsie hat
jedenfalls schon manches für Bromvergiftung ansehen lassen, was der
Epilepsie angehört. Im Beginne des =Komas= ist ebenfalls zu erwägen und
unter Umständen zu versuchen, ob Minderung oder Steigerung der Bromgabe
das Richtige ist; auf der Höhe der Erscheinungen wird man Kampfer- oder
Koffeineinspritzungen u. dgl. anwenden.
Wo die angeführten Mengen die Anfälle nicht zum Verschwinden bringen,
versucht man -- immer nach sehr langsamem Aussetzen des Broms, da die
plötzliche Entziehung gefährlich ist -- am besten die von FLECHSIG
empfohlene verbundene Opium-Brom-Kur. Man verabreicht zunächst Opium in
allmählich steigenden Gaben, ganz wie S. 58 ff geschildert ist, bis die
Tagesmenge von 1,0, bei kräftigen Erwachsenen von 1,5, erreicht ist.
Dann wird plötzlich abgebrochen und statt des Opiums nunmehr Bromnatrium
in einmaliger Tagesgabe von 7,0 bei Erwachsenen, 5,0-4,0 bei Jüngeren
monatelang gegeben. Der Erfolg tritt häufig erst nach dem Aufhören der
Opiumkur ein, aber oft auch in Fällen, wo die einfache Bromkur nutzlos
gewesen war. Die von manchen Autoren mitgeteilten Gefahren der Methode
habe ich trotz vielfacher Erfahrung nicht gesehen. Sie liegen
jedenfalls, wie auch ZIEHEN betont hat, nicht in der Opiumkur, sondern
in dem plötzlichen Ersatz durch große Bromgaben. Man wird also bei
Störungen die Brommenge herabsetzen und nebenbei mittlere Gaben Opium
verordnen.
Von den übrigen Mitteln können, wo Brom und Brom-Opium versagen, am
meisten =Atropin= und =Skopolamin= empfohlen werden. Man gibt ein- bis
zweimal täglich ¼-1 mg, ebenfalls monatelang. Auch =Amylenhydrat= (in
Gaben von 2,0-4,0-8,0 täglich in Wasser) kann versucht werden.
Im =Status epilepticus= ist Eis auf den Kopf und Bromkalium oder
Chloralhydrat im Klistier die übliche Behandlung. Durchgreifende Erfolge
davon habe ich nie gesehen, vielleicht weil die Chloralgabe zu klein
gewählt wurde (2,0), aus erklärlichen Gründen (vgl. S. 62). Dagegen
schienen subkutane Einspritzungen von Atropin (0,0005-0,001 mehrmals) in
einigen Fällen deutlichen Nutzen zu bringen.
Die allgemeine Eigenart der Epileptischen erfordert in ihrem und im
öffentlichen Interesse für einen großen Teil der Kranken wenigstens
zeitweise, bei etwa der Hälfte dauernd die Anstaltsbehandlung. Während
die Epileptischen mit schweren und dauernden geistigen Störungen am
besten den Irrenanstalten zu überweisen sein dürften, eignen sich die
anderen sehr zur Verpflegung in eigenen freien Anstalten, denen
natürlich die Einrichtungen für gewisse Erregungszustände nicht fehlen
dürfen. Auch bei Epileptischen behandelt man diese zunächst mit
=Bettruhe=, wodurch man die krankhaften Affekte und die kurzen Störungen
nicht selten abschneiden kann. Bei den Dämmerzuständen ist ebenfalls
eine günstige Wirkung häufig, während Kranke mit großer Neigung zum
Lärmen, Umherrennen, Schreien, Schlagen usw. oft nur im Einzelzimmer gut
aufgehoben sind. Natürlich muß auch hier die Verlegung in den
Krankensaal möglichst beschleunigt werden. In den schwersten
Erregungszuständen, namentlich auch außerhalb der Anstalt, ist das
Skopolamin (S. 61) das einzig zuverlässige Mittel. In zweiter Linie
kommen Chloral und Morphium in Betracht.