7. Epileptische paroxysmelle Triebe.

Erst neuerdings ist, namentlich durch die KRAEPELINsche Schule, erwiesen

worden, daß die schon lange bekannte =Dipsomanie=, der zeitweise

auftretende unüberwindliche Trieb zu unmäßigem Trinken, der Epilepsie

angehört. Die Dipsomanie besteht darin, daß bei Leuten, die für

gewöhnlich ganz nüchtern sind oder gar nichts trinken, zeitweise

plötzlich der Trieb entsteht, zu trinken, und zwar geschieht dies immer

in ganz unsinnigem Maße, meist auch in einsamer, ungeselliger Weise,

nicht in der bekannten heiteren Stimmung der gewöhnlichen Trinker. Die

Kranken ziehen von einem Wirtshaus ins andere, trinken ohne Aufhören

alles durcheinander, verschaffen sich die Mittel dazu auf jede erlaubte

oder unerlaubte Weise und ohne Rücksicht auf ihre sonstigen Gewohnheiten

und auf ihre Stellung usw. Sie verzichten dabei auf Essen und Schlafen

und kommen trotzdem gewöhnlich nicht in eigentliche schwere Trunkenheit.

Kranke, die es zu Hause haben können, trinken auch daheim, im Notfall

greifen sie sogar zu Äther, Petroleum und anderen sonst ungenießbaren

Dingen. Mit dem Aufhören der Störung stellen sich Ekel, oft heftiges

Erbrechen und Schwächezustände ein, zuweilen auch Halluzinationen und

Delirien. Die Erinnerung an das Vorgefallene ist meist dunkel,

gewöhnlich ist die Reue sehr lebhaft, und sie veranlaßt oft die Kranken,

völlig abstinent zu bleiben, natürlich nur, bis ein neuer Anfall kommt.

Dann ist der Trieb wieder so zwingend, daß alle Grundsätze und alles

Zureden der Umgebung ohne Einfluß sind. Jeder solche Exzeß schwächt die

Widerstandskraft, und daher werden die anfangs oft Monate, ja Jahre

dauernden Pausen mit der Zeit meist viel kürzer. Die volkstümliche

Bezeichnung =Quartalsäufer= gibt also keine wirkliche Zeitbestimmung.

Die Dipsomanie wird als epileptische Störung dadurch gekennzeichnet, daß

die Anfälle nicht selten in die weiterhin zu beschreibenden

Dämmerzustände übergehen, sowie dadurch, daß bei denselben Kranken zu

anderen Zeiten die vorhin besprochenen epileptischen Verstimmungen ohne

Trinktrieb oder auch andere Zeichen der Epilepsie vorkommen. Werden die

Dipsomanen in Anstalten dauernd abstinent gehalten, so kommt es

überhaupt nur zu den gewöhnlichen epileptischen Verstimmungen oder zu

Dämmerzuständen. Weitere Hinweise bestehen nach GAUPP darin, daß auch

bei gewöhnlicher Epilepsie öfters triebartige Trinkanfälle auftreten.

Eine seltenere, aber für die gerichtliche Medizin sehr wichtige Form

anfallweise auftretender Triebe auf epileptischer Grundlage sind Anfälle

von =geschlechtlichen perversen Äußerungen= bei sonst geschlechtlich

normal empfindenden Menschen. Es kommt dabei entweder zu öffentlicher

Entblößung der Geschlechtsteile, öffentlichem Onanieren,

geschlechtlichen Aufforderungen an Kinder usw., oder zu triebartiger

Päderastie u. dgl. Auch hier sprechen der plötzliche Eintritt der den

sonstigen Gesinnungen nicht entsprechenden Handlungsweise, die schwere

geistige Verstimmung mit Aufregung und Schlaflosigkeit, der

unbezwingliche Antrieb und die plötzliche Rückkehr zu normalem Empfinden

für die epileptische Grundlage. Vor Gericht muß natürlich in jedem

einzelnen Falle die bestehende epileptische Störung aus anderen

Anzeichen erwiesen werden.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 44 / 133 题