Die Epilepsie besteht in =Anfällen von Bewußtlosigkeit, die ohne äußeren
Anlaß, aus einer bisher nicht bekannten inneren Ursache=, wiederkehren.
Diese =epileptischen Anfälle= können sehr verschiedene Formen annehmen.
Die Zusammengehörigkeit aller dieser Formen mit dem schon aus dem
Altertum bekannten legitimen epileptischen Anfall ist großenteils erst
in den letzten Jahrzehnten erkannt worden.
Formen des epileptischen Anfalles.
1. =Der echte epileptische Anfall.= Er beginnt häufig mit sekunden-
oder minutenlangen Vorboten, der sogenannten =Aura=. Sie besteht
meist in einem Gefühl von Kribbeln oder Schmerz, das vom Arm, vom
Bein oder von der Magengegend nach dem Kopfe aufzusteigen scheint:
sensible Aura; seltener in leichten Zuckungen oder Paresen:
motorische Aura; in subjektiven Gesichts-, Gehörs-, Geruchs- oder
Geschmacksempfindungen, wie Farben- oder Lichterscheinungen, Sausen,
Knall usw.: sensorische Aura; zuweilen auch in bestimmten
Vorstellungen oder geistiger Unruhe: psychische Aura; manchmal mit
schnellem Vorwärtslaufen: Epilepsia procursiva. Zuweilen läßt sich
der Anfall abschneiden, indem man während der sensiblen Aura das
betroffene Glied umschnürt. Andernfalls tritt nun, oft durch einen
gellenden Schrei eingeleitet, der =Krampfanfall= ein. Der Kranke
stürzt plötzlich zusammen, meist mit dem Gesicht oder mit dem
Hinterkopf aufschlagend; nur selten hat ihm die Aura Zeit gegeben,
sich hinzulegen. Das Bewußtsein ist völlig erloschen. Zunächst
stellt sich ein allgemeiner tonischer Streckkrampf ein (Fig. 7), die
Augen sind starr, die Pupillen meist weit, die Atmung ist
unterbrochen, so daß das anfangs blasse Gesicht stark cyanotisch
wird. Nach wenigen Sekunden, längstens nach einer Minute, geht der
tonische Krampf meist durch ein ausgebreitetes Zittern in den
klonischen über; die Gesichtsmuskeln werden heftig hin- und
hergezerrt, die Kiefer mahlen aufeinander, aus dem Munde tritt
Schaum, der oft durch Zungenverletzungen blutig gefärbt ist, die
Augen werden verdreht, der Kopf und die Glieder hämmern heftig auf
die Unterlage. Bei der vollkommenen Bewußtlosigkeit kommt es dabei
oft zu erheblichen Verletzungen. Die Finger sind meist gebeugt und
der Daumen in die Hand eingeschlagen; im Volke ist das so bekannt,
daß Simulanten, denen man den Daumen streckt, ihn wieder
einschlagen, während das im wirklichen Anfall nicht geschieht.
Häufig erfolgt im Anfall Harnabgang, seltener Stuhlgang oder
Ejakulation. Die Atmung ist unregelmäßig, schnarchend und rasselnd;
erst mit dem Aufhören der Zuckungen, gewöhnlich einige Minuten nach
dem Beginn des Krampfstadiums, wird sie wieder normal. Oft schließt
sich nun ein kürzerer oder längerer Schlaf an, woraus die Kranken
ohne Erinnerung an das Vorgefallene erwachen; häufig merken sie aus
der Erfahrung an Kopfschmerzen, Zungenbiß u. dgl., daß sie einen
Anfall gehabt haben. Viele Kranke schlafen nach dem Anfall nicht,
sondern kommen gleich wieder zu sich oder sind noch kurze Zeit etwas
verwirrt. In dem nächsten Harn findet sich manchmal etwas Eiweiß.
Recht selten bleiben nach dem Anfall Pupillendifferenz, Augenmuskel-
oder Fazialisparesen, Zungenabweichung usw. für einige Zeit zurück,
häufiger ist gleich nach dem Anfall der Patellarreflex erloschen und
bald darauf kurze Zeit erhöht.
[Illustration: Fig. 7. Epileptischer Anfall. (Nach WEYGANDT.)]
2. Das =Petit mal= besteht entweder nur in einer flüchtigen
Bewußtlosigkeit, so daß die Kranken z. B. plötzlich in der Rede stocken,
geistesabwesend vor sich hinsehen -- daher die französische Bezeichnung
_absence_ -- und nach Sekunden, seltener erst nach Minuten entweder da
fortfahren, wo sie durch die Bewußtlosigkeit unterbrochen worden waren,
oder einen neuen Faden beginnen, weil ihnen auch das kurz vor der
_absence_ Gedachte entschwunden ist.
3. Sehr oft verbindet sich solche absence mit vasomotorischen oder
motorischen Erscheinungen: Erblassen des Gesichtes, vorübergehendem
Schielen oder Verdrehen der Augen in irgend einer Richtung, Verdrehen
des Kopfes oder der Glieder, Verzerren des Gesichtes, unwillkürlichem
Aussprechen von Worten oder gestotterten Silben, plötzlicher Erweiterung
der Pupillen usw.
4. Nicht selten tritt eine unscheinbare Bewußtlosigkeit auf mit
=Herzklopfen= oder mit =Angst=, plötzlichem =Schweißausbruch=,
=Schwindelgefühl=, =Zittern=, auch wohl mit =neuralgischem Schmerz=,
besonders =Interkostalneuralgie=, oder mit =auraartigen= Erscheinungen.
Die Bewußtlosigkeit wird wegen ihrer kurzen Dauer oder wegen der
hervorstechenden anderen Erscheinungen oft übersehen oder nur als
Schwäche oder Ohnmacht infolge der körperlichen Zufälle gedeutet. Genaue
Beobachtung ergibt das Richtige. Besonders deutlich erweisen sich diese
Erscheinungen als Äquivalent des epileptischen Anfalles dann, wenn sie
mit echten Anfällen abwechseln oder z. B. im Verlauf einer Kur an Stelle
der ausbleibenden Anfälle eintreten.
5. Die epileptische Bewußtlosigkeit zeigt sich in Gestalt von
=Ohnmachten= oder von =Schlafanfällen=, die ohne äußeren Anlaß plötzlich
eintreten und ebenso plötzlich wieder aufhören.
Mit diesen verschiedenen Formen der Bewußtlosigkeit ist aber die
vielgestaltige Krankheit noch lange nicht erschöpft. Gerade die
Psychiatrie wird noch mehr berührt durch eine Reihe von Zuständen, wo
das Bewußtsein nicht völlig aufgehoben, sondern nur =verändert= oder
=getrübt= ist, oder wo bei wesentlich erhaltener Klarheit des
Bewußtseins =krankhafte Verstimmungen und Triebe= die Herrschaft über
die Persönlichkeit gewinnen.