5. Epilepsie.

Die Epilepsie besteht in =Anfällen von Bewußtlosigkeit, die ohne äußeren

Anlaß, aus einer bisher nicht bekannten inneren Ursache=, wiederkehren.

Diese =epileptischen Anfälle= können sehr verschiedene Formen annehmen.

Die Zusammengehörigkeit aller dieser Formen mit dem schon aus dem

Altertum bekannten legitimen epileptischen Anfall ist großenteils erst

in den letzten Jahrzehnten erkannt worden.

Formen des epileptischen Anfalles.

1. =Der echte epileptische Anfall.= Er beginnt häufig mit sekunden-

oder minutenlangen Vorboten, der sogenannten =Aura=. Sie besteht

meist in einem Gefühl von Kribbeln oder Schmerz, das vom Arm, vom

Bein oder von der Magengegend nach dem Kopfe aufzusteigen scheint:

sensible Aura; seltener in leichten Zuckungen oder Paresen:

motorische Aura; in subjektiven Gesichts-, Gehörs-, Geruchs- oder

Geschmacksempfindungen, wie Farben- oder Lichterscheinungen, Sausen,

Knall usw.: sensorische Aura; zuweilen auch in bestimmten

Vorstellungen oder geistiger Unruhe: psychische Aura; manchmal mit

schnellem Vorwärtslaufen: Epilepsia procursiva. Zuweilen läßt sich

der Anfall abschneiden, indem man während der sensiblen Aura das

betroffene Glied umschnürt. Andernfalls tritt nun, oft durch einen

gellenden Schrei eingeleitet, der =Krampfanfall= ein. Der Kranke

stürzt plötzlich zusammen, meist mit dem Gesicht oder mit dem

Hinterkopf aufschlagend; nur selten hat ihm die Aura Zeit gegeben,

sich hinzulegen. Das Bewußtsein ist völlig erloschen. Zunächst

stellt sich ein allgemeiner tonischer Streckkrampf ein (Fig. 7), die

Augen sind starr, die Pupillen meist weit, die Atmung ist

unterbrochen, so daß das anfangs blasse Gesicht stark cyanotisch

wird. Nach wenigen Sekunden, längstens nach einer Minute, geht der

tonische Krampf meist durch ein ausgebreitetes Zittern in den

klonischen über; die Gesichtsmuskeln werden heftig hin- und

hergezerrt, die Kiefer mahlen aufeinander, aus dem Munde tritt

Schaum, der oft durch Zungenverletzungen blutig gefärbt ist, die

Augen werden verdreht, der Kopf und die Glieder hämmern heftig auf

die Unterlage. Bei der vollkommenen Bewußtlosigkeit kommt es dabei

oft zu erheblichen Verletzungen. Die Finger sind meist gebeugt und

der Daumen in die Hand eingeschlagen; im Volke ist das so bekannt,

daß Simulanten, denen man den Daumen streckt, ihn wieder

einschlagen, während das im wirklichen Anfall nicht geschieht.

Häufig erfolgt im Anfall Harnabgang, seltener Stuhlgang oder

Ejakulation. Die Atmung ist unregelmäßig, schnarchend und rasselnd;

erst mit dem Aufhören der Zuckungen, gewöhnlich einige Minuten nach

dem Beginn des Krampfstadiums, wird sie wieder normal. Oft schließt

sich nun ein kürzerer oder längerer Schlaf an, woraus die Kranken

ohne Erinnerung an das Vorgefallene erwachen; häufig merken sie aus

der Erfahrung an Kopfschmerzen, Zungenbiß u. dgl., daß sie einen

Anfall gehabt haben. Viele Kranke schlafen nach dem Anfall nicht,

sondern kommen gleich wieder zu sich oder sind noch kurze Zeit etwas

verwirrt. In dem nächsten Harn findet sich manchmal etwas Eiweiß.

Recht selten bleiben nach dem Anfall Pupillendifferenz, Augenmuskel-

oder Fazialisparesen, Zungenabweichung usw. für einige Zeit zurück,

häufiger ist gleich nach dem Anfall der Patellarreflex erloschen und

bald darauf kurze Zeit erhöht.

[Illustration: Fig. 7. Epileptischer Anfall. (Nach WEYGANDT.)]

2. Das =Petit mal= besteht entweder nur in einer flüchtigen

Bewußtlosigkeit, so daß die Kranken z. B. plötzlich in der Rede stocken,

geistesabwesend vor sich hinsehen -- daher die französische Bezeichnung

_absence_ -- und nach Sekunden, seltener erst nach Minuten entweder da

fortfahren, wo sie durch die Bewußtlosigkeit unterbrochen worden waren,

oder einen neuen Faden beginnen, weil ihnen auch das kurz vor der

_absence_ Gedachte entschwunden ist.

3. Sehr oft verbindet sich solche absence mit vasomotorischen oder

motorischen Erscheinungen: Erblassen des Gesichtes, vorübergehendem

Schielen oder Verdrehen der Augen in irgend einer Richtung, Verdrehen

des Kopfes oder der Glieder, Verzerren des Gesichtes, unwillkürlichem

Aussprechen von Worten oder gestotterten Silben, plötzlicher Erweiterung

der Pupillen usw.

4. Nicht selten tritt eine unscheinbare Bewußtlosigkeit auf mit

=Herzklopfen= oder mit =Angst=, plötzlichem =Schweißausbruch=,

=Schwindelgefühl=, =Zittern=, auch wohl mit =neuralgischem Schmerz=,

besonders =Interkostalneuralgie=, oder mit =auraartigen= Erscheinungen.

Die Bewußtlosigkeit wird wegen ihrer kurzen Dauer oder wegen der

hervorstechenden anderen Erscheinungen oft übersehen oder nur als

Schwäche oder Ohnmacht infolge der körperlichen Zufälle gedeutet. Genaue

Beobachtung ergibt das Richtige. Besonders deutlich erweisen sich diese

Erscheinungen als Äquivalent des epileptischen Anfalles dann, wenn sie

mit echten Anfällen abwechseln oder z. B. im Verlauf einer Kur an Stelle

der ausbleibenden Anfälle eintreten.

5. Die epileptische Bewußtlosigkeit zeigt sich in Gestalt von

=Ohnmachten= oder von =Schlafanfällen=, die ohne äußeren Anlaß plötzlich

eintreten und ebenso plötzlich wieder aufhören.

Mit diesen verschiedenen Formen der Bewußtlosigkeit ist aber die

vielgestaltige Krankheit noch lange nicht erschöpft. Gerade die

Psychiatrie wird noch mehr berührt durch eine Reihe von Zuständen, wo

das Bewußtsein nicht völlig aufgehoben, sondern nur =verändert= oder

=getrübt= ist, oder wo bei wesentlich erhaltener Klarheit des

Bewußtseins =krankhafte Verstimmungen und Triebe= die Herrschaft über

die Persönlichkeit gewinnen.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 42 / 133 题