3. Der hysterische Charakter.

Eine weitere Frage ist die, ob es einen bestimmten =hysterischen

Charakter= gibt. Auch mit diesem Begriff ist viel Mißbrauch getrieben

worden. Allgemein aufgegeben ist der Unfug, jede sexuelle oder erotische

Erscheinung bei einem Nervösen oder Geisteskranken für ein hysterisches

Zeichen anzusehen, oder gar alle nervösen Erscheinungen beim weiblichen

Geschlecht als hysterisch zu bezeichnen. Bei einer anderen Reihe von

psychischen Erscheinungen kann es zweifelhaft sein, ob sie der Hysterie

oder aber der nervösen Entartung angehören, die ja bei der Mehrzahl der

Kranken vorliegt. Zur hysterischen Eigenart gehört jedenfalls die große

=Erregbarkeit der Stimmung=, des =Gefühlslebens=. Alle Wahrnehmungen und

Vorstellungen werden von sehr lebhaften Gefühlstönen begleitet, die der

logischen Überlegung ganz gewöhnlich den Vorrang abnehmen und auch auf

das Handeln einen übergroßen Einfluß ausüben. So werden Personen, die

neu in den Gesichtskreis treten, alsbald mit Neigung oder Abneigung

begrüßt und diesen Empfindungen offen Ausdruck gegeben, ohne Rücksicht

auf entgegenstehende Erwägungen. Die Kranken tun sich meist noch etwas

zugut auf ihr feines Gefühl, das ihnen gleich das Richtige sage, und sie

bleiben gegenüber allen tatsächlichen Belehrungen oft anhaltend auf dem

verkehrten Standpunkte stehen. Andere Male gehen sie ebenso schnell zu

einer anderen Meinung über, zumal wenn eine neue Persönlichkeit ihr

Interesse auffängt. Sie vermögen auch nichts, was überhaupt an sie

herantritt, gleichgültig aufzufassen, immer sind sie mit vollem Eifer

dabei, beglückt, wenn ihre Mitwirkung willkommen geheißen wird und alles

nach ihrem Gedanken verläuft, gereizt und tief gekränkt, wenn es anders

kommt. Daher gelten diese Persönlichkeiten im allgemeinen für launenhaft

und wetterwendisch. Oft kommen sie in den Verdacht, unaufrichtig und

lügenhaft zu sein, weil sie =nicht objektiv genug wahrnehmen= und

vielfach ihre Erlebnisse in ihrem Sinne =umdeuten=. Da ihr =Gedächtnis=

im übrigen sehr scharf, ja von auffallender Genauigkeit sein kann, liegt

es dem unkundigen Beobachter um so näher, an absichtliche Täuschung zu

denken.

Auch die =inneren Empfindungen= werden mit abnorm lebhaften Gefühlstönen

begleitet. Man kann oft beobachten, daß jeder Teil des Körpers, worauf

die Aufmerksamkeit gelenkt wird, alsbald der Sitz von Schmerzen wird.

Wenn man einen hysterischen Kranken zunächst seine Klagen vortragen läßt

und ihn dann der Reihe nach über die Organe befragt, die er nicht

erwähnt hat, so pflegt er bei jedem davon auch wieder Klagen

vorzubringen. Bemerkenswert ist, wie sehr das Aussprechen dieser Klagen

den Kranken erleichtert. Insofern verhält sich die hysterische

Hypochondrie durchaus anders wie die neurasthenische. Die Hysterischen

bringen ihre Unzahl von Klagen fast immer mit der Miene eines

Berichterstatters vor, der selbst gar nicht tief betroffen ist; keine

Andeutung von der Angst, die der Neurastheniker bei seinem Bericht auch

unfreiwillig erkennen läßt. Manchmal hat man sogar den Eindruck, als

mache es den Kranken Freude, soviel erzählen zu können. Und doch wäre es

ganz verkehrt, zu glauben, daß sie damit schwindeln oder simulieren

wollten, nein, sie empfinden in dem Augenblicke alles wirklich. Nur in

dem Gedanken, daß ihre Klagen nicht ernst genug genommen werden könnten,

kommt es schließlich zu den vielberufenen Übertreibungen, zu

Selbstbeschädigungen, zur Erdichtung von Überfällen usw., wobei die

Anästhesien und Parästhesien oft das Vorgehen erleichtern. Auch

=krankhafte Willensantriebe= sind oft bei solchen Handlungen beteiligt.

Mit dem Wechsel der Stimmung können alle flüchtigen und dauernden

Krankheitsempfindungen völlig zurücktreten, ja ganz vergessen werden. So

kommt es, daß einerseits Wundertäter, eindrucksvoll auftretende

Kurpfuscher usw. staunenswerte Erfolge erringen können, daß jahrelange

Lähmungen durch eine Wallfahrt nach Lourdes u. dgl. auf der Stelle

verschwinden können, und daß anderseits ärztliche Erfolge, die durch

mühevolle und zielbewußte Einwirkungen hervorgerufen worden sind, gering

geschätzt werden, weil die Kranken gar nicht mehr wissen, wie sie vorher

daran waren.

Die =Unstetigkeit=, die dadurch bewirkt wird, kennzeichnet die

Hysterischen in jeder Beziehung. Wo ihr Interesse erweckt wird, oft

durch ganz äußerliche Beziehungen, können sie mit großer Tatkraft

einsetzen und eine Zeitlang wirklich Ernstliches leisten; meist aber

wird ihr Interesse bald wieder auf etwas anderes gelenkt und das

bisherige Arbeitfeld unbedenklich verlassen. Ein Vorwand dazu ist immer

leicht gefunden, da alles, was im geringsten gegen ihre Meinung geht,

bei der großen Schätzung der eigenen Person und der eigenen Leistungen

gleich als schwere Herabsetzung und Beleidigung angesehen wird. Die

starke Erregbarkeit läßt sie dabei die Vorgänge nicht mit voller Treue

erfassen, namentlich in der Erinnerung nimmt das, was sie selbst und was

die anderen gesagt haben, oft erheblich andere Gestalt an. Dabei sind

sie doch wieder =leicht zu beeinflussen=, wenn es nur mit dem nötigen

Geschick durchgeführt wird. Sie glauben zu schieben, während sie

geschoben werden.

Eine eigentümliche Erscheinung ist es, daß manche Hysterische allein und

unbeobachtet vieles leisten können, was ihnen vor Augen anderer

unmöglich ist. Man sieht nicht selten, daß Kranke, die an Abasie-Astasie

leiden, auf keine Weise dazu zu bringen sind, auch nur einen Schritt

zurückzulegen, daß sie deswegen nicht nur auf jeden Lebensgenuß

verzichten, sondern sich den größten Entbehrungsqualen aussetzen, z. B.

wenn versucht wird, ihnen irgend einen dringenden Wunsch nur dann zu

erfüllen, wenn sie dazu einige Schritte machen, und daß sie dann, wenn

niemand sie beobachtet, durch das ganze Zimmer gehen, schwere

Kofferdeckel heben usw., und daß sie, die jede noch so zarte Speise

ausbrechen, heimlich große Mengen schwerer Speisen ohne üble Folgen

verzehren. Eine rechte Erklärung dieses Verhaltens gibt es noch nicht;

der billige Hinweis auf Simulation reicht dazu entschieden nicht aus.

Große Wandlungen hat das Urteil über das =Geschlechtsleben= der

Hysterischen durchgemacht. Während ehemals der unbefriedigte

Geschlechtstrieb als Hauptursache der Hysterie angesehen und demgemäß in

der Heirat das beste Heilmittel der Krankheit gesehen wurde, wissen wir

jetzt, daß auch der reichlichste Geschlechtsgenuß nicht vor schwerer

Hysterie schützt (Hysterie der Prostituierten ist sehr häufig).

Wahrscheinlich sind mehr Hysterische frigide als übererregbar.

Erklärlicherweise kommen da, wo onanistische und andere Reizungen im

Kindesalter den Grund zur Hysterie gelegt haben und sowohl in den

äußeren Geschlechtsteilen wie in den psychischen Zentren des

Geschlechtssinnes ein Reizzustand erhalten wurde, dauernd oder zeitweise

geschlechtliche Aufregungen vor. Sie wirken um so peinigender, wenn der

Widerwille gegen die krankmachenden ursprünglichen Reizungen von der

normalen oder onanistischen Befriedigung abhält. Gerade in solchen

Fällen kommt es öfters zu anfallweise auftretenden Wollustempfindungen

im Wachen, zu Koitushalluzinationen im Traum oder gar im Wachen, auch

wohl zu perversen geschlechtlichen Gefühlen oder zu religiösen

Erregungen, die ein gewisses Äquivalent dafür darstellen können.

Das =ethische Empfinden= ist bei vielen Hysterischen gestört, aber

durchaus nicht bei allen. Vielmehr findet man zuweilen Kranke mit

äußerst feiner Moral und durchaus hochstehender Ethik. Wo eine

erhebliche Herabsetzung des moralischen Gefühls vorliegt, wird man sie

dem gleichzeitig bestehenden Degenerationszustande zuzuschreiben haben.

=Prognose.= Eine Hysterie, die frühzeitig in Behandlung kommt, kann

völlig geheilt werden. Leider werden die meisten Fälle so lange verkannt

und von Spezialisten allerart, mit Ausnahme des zuständigen

Nervenarztes, so lange behandelt bis die Aussichten wesentlich

schlechter geworden sind. Auch sind die Eltern und Erzieher in den

frühen Stadien oft nicht zu bewegen, die einzig erfolgreiche Kur in

einem geeigneten Sanatorium durchführen zu lassen, weil ihnen das

einfache Nervenleiden nicht die großen Opfer wert zu sein scheint, weil

sie glauben, daß die Pubertät oder die Ehe oder eine Schwangerschaft

usw. die Heilung bringen werde. Selbstverständlich können solche

Umwälzungen der ganzen Lebensverhältnisse, wie sie durch Ehe und

Schwangerschaft bewirkt werden, unter Umständen die hysterischen

Erscheinungen zurücktreten lassen, und es soll auch nicht bestritten

werden, daß gelegentlich eine Hysterie durch Versetzung der Kranken in

gesunde und glückliche Verhältnisse geheilt wird, aber man darf darauf

nicht rechnen. Im allgemeinen bringen wenigstens die ersten Einflüsse

eher eine Verschlimmerung der Hysterie hervor, namentlich bei der Frau,

der sie soviel Aufregungen und neue Aufgaben aufladen. Auch die oft

erhoffte Besserung im Klimakterium stellt jedenfalls eine große Ausnahme

dar; es ist unrecht, die Kranken darauf zu vertrösten.

Die Aussichten auf Heilung werden um so geringer, je mehr neben der

Hysterie eine Degeneration besteht, also je mehr sich die Kranken den

=Grenzzuständen= nähern. Die =Unterscheidung= ist im Abschnitt über

Grenzzustände genauer behandelt. Den einfachen Entartungszuständen

fehlen vor allem die Dämmerzustände der Hysterie, ferner auch die

Krampfanfälle und die neurologischen Erscheinungen, die sensiblen und

motorischen Störungen. Eine genaue Untersuchung kann diese nicht

übersehen. Schwieriger ist oft die Unterscheidung, ob vorhandene

Krampfanfälle =epileptischer oder hysterischer= Natur sind. GILLES DE LA

TOURETTE, einer der vorzüglichsten Schüler CHARCOTs, hat folgende

Übersicht aufgestellt:

Hysterie. Epilepsie.

Der Anfall tritt am Tage, Der Anfall kommt nachts

nachmittags oder abends ein. oder schon morgens; die Aura

Auraerscheinungen gehen vorher. ist meist zu kurz, um ausgenutzt

Der Kranke trifft seine zu werden. Der Kranke

Vorbereitungen für den Anfall. stürzt plötzlich auf der Straße,

Kein Schrei zu Beginn; heftige, gegen den Ofen usw. zusammen,

wiederholte Schreie in der mit einem Schrei.

zweiten Periode.

Die =objektiven= Zeichen der Der Epileptiker beißt sich

=ersten= Periode, die deshalb in die Zunge und entleert

epileptoide Periode genannt unwillkürlich den Harn.

wird, stimmen genau mit dem

=ganzen= Anfall der Epilepsie

überein. Jedoch fehlen

Zungenbiß, unwillkürlicher

Abgang von Urin oder

Stuhlgang.

Das Bewußtsein kehrt mit Das Bewußtsein ist während

der zweiten Periode, mit der der ganzen Dauer des Anfalles

der großen Bewegungen, wieder. vollkommen aufgehoben. Die

Stöße der klonischen Phase des

Anfalls sind ganz anders als

die großen Bewegungen der

zweiten Periode des hysterischen

Anfalles.

Die dritte Periode ist Nichts ähnliches.

kenntlich an den _Attitudes

passionelles_, die einen Traum

widerspiegeln.

Die Delirien am Schlusse des Die zuweilen dem epileptischen

Anfalls haben einen bestimmten Anfall folgende Geistesstörung

logischen Inhalt. besteht in blinden,

gewalttätigen Trieben, bis zum

Mordtrieb.

Der Anfall dauert eine halbe Der Anfall dauert selten

Stunde. länger als 5-10 Minuten.

Nach dem Aufhören des Anfalls Nach dem Anfall bestehen

erlangt der Kranke sofort Erschlaffung und Benommenheit,

seine körperliche und geistige fast unwiderstehliches

Kraft wieder. Zerschlagenheit Schlafbedürfnis; ständige

bleibt nur, wenn die großen schmerzhafte Zerschlagenheit,

Bewegungen sehr heftig gewesen die zuweilen 24 Stunden anhält,

sind, als reiner Zufall. auch nach kleinen Anfällen;

oft Sugillationen der

Halsgegend.

Mehr als eine ungefähre Richtschnur kann man diesen Aufstellungen nicht

entnehmen. Insbesondere kommt auch der Zungenbiß gelegentlich im

hysterischen Anfall vor, ebenso der unwillkürliche Abgang der

Entleerungen, wenn auch nur sehr selten. Früher glaubte man, daß

nachgewiesene =Pupillenstarre= im Anfall sicher für Epilepsie spräche.

Aber abgesehen von der Schwierigkeit der sicheren Feststellung dieser

Verhältnisse während des Krampfanfalles ist in den letzten Jahren

nachgewiesen worden, daß im epileptischen Anfall zwar meist, aber nicht

immer die Lichtreaktion der Pupillen aufgehoben ist; die Prüfung der

Akkommodationsverengerung der Pupille ist dabei natürlich unmöglich. Im

hysterischen Anfall sind die Pupillen fast immer entweder sehr weit --

Krampf des Dilatator -- oder sehr eng -- Krampf des Sphinkter --, auch

Schwankungen in der Weite kommen vor. Aufhebung der Lichtreaktion wird

zuweilen beobachtet, sie geht weder dem Bewußtseinszustand noch der

Schwere der Krampfbewegungen parallel. Wo der Anfall durch Druck auf die

Ovarialgegend gehemmt werden kann, kann gleichzeitig die Störung der

Pupillen verschwinden. Wie HOCHE besonders klar betont hat, handelt es

sich dabei nie um einfache reflektorische Starre im ROBERTSONschen

Sinne, sondern um totale Starre, d. h. die Pupille verengert sich weder

bei Lichteinfall noch bei Konvergenz.

Von GILLES DE LA TOURETTE und anderen Schülern CHARCOTs ist behauptet

worden, daß der nach dem hysterischen Anfall gelassene Urin eine

Verminderung aller festen Bestandteile erkennen lasse; genügende

Bestätigungen dieser Angabe liegen noch nicht vor. Einigermaßen

kennzeichnend ist die Entleerung großer Mengen ganz wasserhellen Urins

unmittelbar nach dem hysterischen Anfall oder nach seinen Äquivalenten,

aber diese Erscheinung findet sich auch nur in einem Bruchteil der

Fälle. Ob sie bei Epilepsie überhaupt vorkommt, ist nicht bekannt. Das

Auftreten von Eiweiß im Urin hat nichts Beweisendes.

Es ist eben, wie HOCHE es zusammenfaßt, ein gewisser kleiner Bruchteil

von Fällen, wo allein aus den Symptomen des Anfalls die Diagnose nicht

sicher zu stellen ist. Das gilt namentlich, wie ich hinzufügen möchte,

für die Unterscheidung der unausgebildeten hysterischen Anfälle und des

epileptischen Petit Mal.

Diese differentialdiagnostischen Schwierigkeiten haben vor allem dazu

geführt, von =Hysteroepilepsie= zu sprechen oder mit OPPENHEIM

=intermediäre Krampfzustände= anzunehmen. Es besteht kein genügender

Grund für diese Annahmen. In der großen Mehrzahl der Fälle ist bei

hinreichender Erfahrung eine glatte Scheidung beider Krankheiten

möglich; daneben kann natürlich die Möglichkeit nicht bestritten werden,

daß ein Hysterischer noch dazu an Epilepsie erkrankt oder daß ein

Epileptischer auch hysterische Erscheinungen bietet. Möglich ist auch,

daß nach JOLLY die Hysterie unter Umständen den Hirnzustand des echten

epileptischen Anfalles auslöst.

Weitere diagnostische Schwierigkeiten entstehen öfters gegenüber der

Dementia praecox und der Katatonie, worüber bei diesen Krankheiten

gesprochen wird.

=Behandlung.= Die =Verhütung= der Hysterie fällt mit der allgemeinen

Verhütung der nervösen und geistigen Erkrankungen, mit der gesunden

Erziehung des Körpers und Geistes zusammen (vgl. S. 52).

Eine direkte Behandlung ist vielfach durch gynäkologische Eingriffe der

verschiedensten Art und Schwere, bis zur völligen Entfernung der inneren

Geschlechtsorgane der Frau, versucht worden. Die Erfahrungen der

Nervenärzte sind diesen Versuchen nicht günstig; es dürfte nie etwas

erreicht worden sein, was über den psychischen Eindruck der Operation

hinausginge.

Ein wirklicher Erfolg ist nur von einer sorgfältigen, ganz individuell

ausgewählten Kur zu erwarten, die das gesamte körperliche und geistige

Befinden unter normale Bedingungen zu stellen sucht. Dazu gehört in den

allermeisten Fällen zunächst eine gründliche =Ruhekur=. Völlige geistige

und körperliche Ruhe ist die Grundbedingung für eine Erholung des

erschöpften und überreizten Gemütes. Man hat lange die Wichtigkeit der

Ruhe verkannt und die unverkennbaren Wirkungen der =WEIR-MITCHELLschen

Mastkur= wesentlich auf die Überernährung bezogen. Für den Urheber des

Verfahrens bedeutete sie allerdings einen Hauptteil, denn seine

Veröffentlichung bezog sich insbesondere auf die stark abgemagerten,

körperlich verfallenen Opfer langjähriger Hysterie. Für die Mehrzahl der

Kranken handelt es sich aber gar nicht um die Hebung des

Ernährungszustandes, und es bedeutet eine große Kritiklosigkeit, wenn

man in der Praxis immer wieder Hysterische von guter Ernährung, ja sogar

ausgesprochen Fettleibige, findet, denen eine Mastkur als Heilmittel

empfohlen worden war. Dagegen kann nicht scharf genug betont werden, daß

die für alle Hysterischen ohne Unterschied wirksamen Bestandteile des

Verfahrens die =Ruhe und die Trennung von der gewohnten Umgebung= sind.

Es hat daher im allgemeinen keinen Zweck, wenn man die Kranken zu Hause

ins Bett steckt. Zumal die Hausfrauen kommen dabei doch nicht aus den

Wirtschaftsgedanken heraus, und namentlich die etwa erlittenen

Gemütsbewegungen wirken fort, weil sie, nach dem bekannten Gesetz der

Assoziationen, an den Dingen der Umgebung haften, womit sie durch

Gleichzeitigkeit oder Gewohnheit verknüpft sind. Hier fehlt also ein

wichtiger Teil, die Herstellung einer Ruhe des Gemüts. Am besten wirkt

darauf die Versetzung in völlig neue Umgebung. Laien und auch Ärzte

fürchten oft, daß das Zusammensein mit anderen Nervenkranken und schon

der Aufenthalt in einem Krankenhause auf die vermeintlich zu

Einbildungen neigenden Kranken schädlich wirken könne. Das ist nicht

der Fall. Gerade diesen Kranken, die gewöhnlich das Leid, als

eingebildete Kranke betrachtet und nicht für voll genommen zu werden,

schon allzu gründlich gekostet haben, gibt es eine gewisse Ruhe und

Zufriedenheit, in einem Krankenhause zu sein, wo sie das Recht haben,

sich als Kranke zu fühlen, und wo ihnen mit Verständnis begegnet wird.

Und das Zusammensein mit anderen Kranken kommt ja mindestens zunächst,

für die Zeit der Bettruhe, gar nicht in Frage.

Also der Kranke erhält ein Zimmer für sich allein und dazu eine

Pflegerin oder einen Pfleger, der ständig für ihn und nur für ihn zu

sorgen hat. Je weniger andere Personen in seinen Gesichtskreis treten,

um so besser ist es. Natürlich ist der Arzt notwendig, aber es sollte

auch nur einer sein, nicht mehrere, wie das der Betrieb großer Anstalten

oft mit sich bringt. Der Kranke wird dadurch unwillkürlich veranlaßt

seine Klagen und seine Hoffnungen zu teilen, während er einem Arzte

gegenüber meist bald dazu kommt, sich ganz offen zu geben und auch die

Gemütsbedrückungen zu beichten, die er keinem anderen und vielleicht

nicht einmal sich selbst klar gemacht hat. Je größer der Takt des

Arztes, um so schneller und vollständiger wird er volle Klarheit

erhalten. Durch genaues Eingehen auf die Vorgeschichte und die Gemütsart

des Kranken wird man meist genug erfahren und die BREUER-FREUDsche

Methode der hypnotischen Analyse sparen können. Für einzelne Fälle

leistet sie allerdings, was sonst unerreichbar wäre. -- Auch der

briefliche Verkehr mit der Außenwelt muß völlig abgeschnitten werden,

ebenso wie alle Besuche mindestens in den ersten vier Wochen verboten

sind. Solange der Kranke eine Ablenkung irgendwelcher Art nach der

Richtung der altgewohnten Beziehungen hat, kommt er nicht dazu, sich

rückhaltlos über vertraute Dinge auszusprechen. Man hat oft den

Eindruck, als ob bei völliger Einsamkeit der Kranke durch die innere Not

getrieben würde, das an den Tag zu bringen, was er sonst nicht einmal

selbst zu denken wagt. Man muß es ihm erleichtern, indem man kurz die

Erklärung der Krankheit dahin gibt, daß alle Schmerzen und Beschwerden

die Folge ungenügend überwundener Anstrengungen, Gemütsbewegungen usw.

seien, und daß die Kur den Zweck habe, das belastete Gemüt durch

Aussprechen und nötigenfalls Ausweinen von dem alten Drucke zu befreien

und das entlastete Gemüt durch Ruhe und durch richtige Ernährung des

Nervensystems usw. wieder gesund und leistungsfähig zu machen. Das ist

um so wichtiger, weil viele Kranke durch die verständnislose Umgebung,

durch die beschimpfende Bezeichnung hysterisches Frauenzimmer u. dgl.

schon dahin gekommen sind, sich gewissermaßen ihrer Krankheit zu schämen

und in der Kur eine Art Strafe zu sehen. Kommen die Kranken mit ihren

Mitteilungen heraus, so hat man sie zu einer möglichst objektiven

Stellung zu ihren Erlebnissen zu führen, ihnen klar zu machen, daß

nichts in der Welt so schwer ist, daß es nicht überwunden werden könnte,

daß es auch anderen nicht an Leid fehle, usw. Je unauffälliger es

gelingt, das Mitleid mit dem Schicksal anderer zu wecken, das Interesse

für irgend etwas zu erregen, das neue Gedankenkreise anregt und dadurch

das krankhafte Kleben an der eigenen Persönlichkeit aufhebt, um so

sicherer wird der Erfolg erreicht werden, und um so beständiger wird er

sein. Die einzelnen Wege sind, den Ursachen und den Charakteren gemäß,

so mannigfaltig, daß man kaum Genaueres angeben kann. Ärzte ohne

gründliche psychologische und psychiatrische Ausbildung werden in

veralteten Fällen immer nur Scheinerfolge erzielen; in frischen Fällen

tun Ruhe und Abschließung wirklich die Hauptsache.

In schweren Fällen und überall da, wo besonders heftige oder

langdauernde Gemütsbewegungen und Nervenerschütterungen die Hysterie

hervorgerufen haben, genügen Ruhe und Isolierung gewöhnlich nicht, um

völlige Gemütserleichterung herbeizuführen, oder es gehört wenigstens

sehr viel Zeit dazu, wenn man sich auf diese Mittel beschränken will.

Ich habe da wesentliche Beschleunigung und Verbesserung der Erfolge

erzielt, indem ich mit der Ruhe und der Isolierung =systematische=

Verabfolgung von =Kodein= oder in den schwersten Fällen von =Opium=

verband, in der Weise, wie es S. 58 ff. geschildert ist. Es ist das

etwas ganz anderes als die bei Hysterischen mit Recht besonders

gefürchtete Gewöhnung an Arzneimittel. Bei der Suggestibilität der

Kranken tut man gut, ihnen den Namen des Mittels, namentlich beim Opium,

zu verschweigen, da für manche sicher schon in dem Namen ein Reiz zur

Gewöhnung liegt. Ich habe trotz ausgedehnter Anwendung nie eine

Opiumsucht bei meinen Kranken gesehen und glaube auch, daß sie in dem

Sinne wie die Morphiumsucht überhaupt nicht vorkommt. Selbstverständlich

darf man nicht außer acht lassen, daß plötzliche Entziehung größerer

Dosen Abstinenzerscheinungen hervorruft, und damit natürlich das

Verlangen nach dem Mittel, das die Beschwerden beseitigt. Die

allmähliche Entziehung in dem bei der Kur vorgeschriebenen Sinne macht

niemals Schwierigkeiten. Die unersetzliche Wirkung der Methode beruht

darin, daß das gequälte Gemüt dabei nach einigen Wochen, im allgemeinen

bei Dosen von 0,5 _Opium purum_ pro die, zur Ruhe kommt, und dass diese

Ruhe bei Bestand bleibt, wenn man eine Zeitlang größere Dosen, von 1,0

bis 1,5 pro die, gegeben hat. Während dieser Zeit hat man dann

hinreichend Gelegenheit, erzieherisch auf die Kranken einzuwirken, die

in ihrer erleichterten Stimmung um so lieber und fester alles aufnehmen,

was der Arzt ihnen sagt. Die Erfolge, die ich so erzielt habe, gehören

zu den glänzendsten und dankenswertesten, die es überhaupt gibt.

Die während der Kur vorzuschreibende =Diät= soll sich so viel wie

möglich im Rahmen einer normalen gemischten Kost halten. Alles, was von

einer normalen Kostordnung abweicht, muß später erst mühsam wieder

beseitigt werden, und die verkehrt gewöhnten Hysterischen bilden einen

großen Teil der Menschen, die ihr Leben lang einer besonderen Kost

bedürfen, weil sie ihrer zu bedürfen glauben. Ist eine Hebung des

Ernährungszustandes nötig, so gestaltet man die einzelnen Mahlzeiten

nahrhafter, indem man namentlich Fett zulegt, z. B. immer statt Milch

Sahne nehmen läßt, am besten, ohne daß der Kranke es weiß. Ferner lasse

ich gern in solchen Fällen abends vor dem Einschlafen eine sechste

Mahlzeit nehmen, die aus Milch, Milchkakao usw. oder aus Sahne usw.

besteht. Dadurch wird die Quälerei der eigentlichen Mastkuren wohl für

alle Fälle überflüssig. In meinem Diätetischen Kochbuch, 2. Aufl.,

Leipzig 1904, ist Genaueres über die Ernährungsfrage angegeben.

Für die =psychischen Störungen= der Hysterischen kommt dieselbe

Verbindung von Ruhe, besonders Bettruhe, und Absonderung mit guter

Ernährung in Frage. Besonders Gutes leistet hier noch die Hinzufügung

einer richtigen =Wasserbehandlung=. Bei Aufregungszuständen und bei

Schlafstörungen wirken am besten die =Dauerbäder=, von halbstündiger

bis zu vielstündiger Dauer, vgl. S. 57. Im weiteren Verlauf benutzt man

mit großem Vorteil =Halbbäder= von 30°C und vier Minuten Dauer, täglich

oder jeden zweiten Tag. Von den früher viel gerühmten kalten Duschen

usw. habe ich nie wirklichen Nutzen gesehen. Was davon berichtet wird,

sind wesentlich symptomatische Erfolge von kurzem Bestand. Oft handelt

es sich nur um eine Einschüchterung der Kranken durch das ihnen

unangenehme Heilmittel. Der Grundzustand, die hysterische Disposition,

wenn man so sagen darf, wird dadurch natürlich nicht berührt, und jeder

neue Anstoß bringt die Krankheit wieder zum Vorschein.

Soweit die Krankheiterscheinungen Nachts auftreten, wie das

=Schlafwandeln=, nächtliche Delirien usw., kann sich die Anwendung von

=Schlafmitteln= sehr nützlich erweisen. Am meisten haben sich mir dazu

_Dormiol_, _Veronal_ und in leichteren Fällen _Bromnatrium_ bewährt.

Wenn an die Stelle eines Halbwachens oder eines lebhaften Traumes tiefer

Schlaf tritt, so hören natürlich die krankhaften Erscheinungen auf, und

es wird noch über die Nacht hinaus der Vorteil geschaffen, daß an die

Stelle der erschöpfenden Unruhe ein wirklich erquickender Schlaf

getreten ist, der dem Nervensystem neue Kräfte bringt. Bedingung dafür

ist, daß man genügende Dosen gibt: _Dormiol_ bis 6,0 des _Dormiolum

solutum_ 1:1, _Veronal_ 1,0-1,5, _Bromnatrium_ 5,0. Man sieht dann in

diesen Fällen sehr deutlich, daß die Laienmeinung, der künstliche, durch

Arzneimittel herbeigeführte Schlaf sei nicht so viel wert wie der

natürliche, durchaus nicht zutrifft. Nur ungenügende Gaben, die keinen

Schlaf herbeiführen, hinterlassen für den anderen Tag Abgeschlagenheit

und Schlafbedürfnis. Bei manchen Kranken muß das Schlafmittel sehr früh,

manchmal schon im Laufe des Nachmittags, gegeben werden, um für die

Nacht zu wirken.

Selbstverständlich empfiehlt sich der Gebrauch von Schlafmitteln nur

innerhalb einer Kur, die Aussicht bietet, den krankhaften Zustand zu

beseitigen. Bei keiner Krankheit wird so viel wie bei der Hysterie durch

Augenblicksmittel geschadet, die gewisse Beschwerden des Kranken

beseitigen und ihn gerade davon abhalten, etwas Ernstliches gegen sein

Leiden zu unternehmen.

Dasselbe gilt von den =Palliativmitteln= gegen die einzelnen

Erscheinungen der Hysterie. Gerade in der Kur soll man nach Möglichkeit

darauf verzichten. Es ist ja nur eine Suggestion, wenn man dem Kranken

wegen seiner hysterischen Beinschmerzen, wegen seiner Abasie usw. die

Beine elektrisiert, massiert und sonstwie behandelt. Eine Besserung, die

dadurch hervorgerufen wird, kann natürlich immer nur kurze Zeit

vorhalten, solange nämlich das neue Verfahren einen Eindruck auf den

Kranken macht. In Wirklichkeit schadet man sogar, weil alles, was an dem

leidenden Körperteil geschieht, die Aufmerksamkeit darauf hinlenkt,

während sie besser davon abgelenkt würde. Seit ich meine Kranken von

vornherein darüber aufkläre, daß ihre Schmerzen usw. in den Gliedern nur

der Ausdruck der zentralen Reizung oder Schwäche sind, und daher alle

örtlichen Anwendungen unterlasse, sind meine Erfolge entschieden besser

geworden. Natürlich muß man auch hierin den einzelnen Fall ansehen und

dem Kranken heftige Schmerzen zu rechter Zeit abnehmen, weil sie

ungünstig auf den Allgemeinzustand einwirken.

In der Wirkung deckt sich mit dem angegebenen Verzicht auf örtliche

Behandlung der besonders von BRUNS empfohlene Weg der Behandlung

Hysterischer mit =zielbewußter Vernachlässigung= oder mit

=Nichtbeachtung=, wie FUERSTNER zu sagen vorzieht. Je nach der Bildung

des Kranken wird man mehr hiermit oder mehr mit der von mir empfohlenen

Aufklärung über das Wesen der Erscheinungen erreichen. Für wenig

empfehlenswert halte ich das sogenannte =Überrumpelungsverfahren=, wobei

z. B. der astasisch-abasische Kranke plötzlich auf die Beine gestellt

wird mit dem Befehl, zu gehen, usw. Namentlich bei Kindern und sodann

vielleicht bei Kranken, die mit großen Erwartungen zu einer Autorität

kommen, an die sie glauben, kann man damit große und überraschende

Augenblickserfolge erzielen, aber das ist doch von einer Heilung

unendlich verschieden. Völlig verwerflich ist es, die Kranken durch

Scheinoperationen u. dergl. von einer »fixen Idee« heilen zu wollen,

denn dadurch wird die falsche Vorstellung befestigt und der Grundzustand

nicht gebessert.

Streitig ist auch noch die Frage nach dem Wert der =hypnotischen

Behandlung der Hysterie=. Ich stimme mit KRAEPELIN darin überein, daß

sie namentlich bei Kindern oft in kurzer Zeit überraschende, durch

andere Mittel lange vergeblich erstrebte Heilungen herbeiführt. Bei

Erwachsenen ist sie für manche Fälle ein schätzbares Hilfsmittel, zumal

zur Bekämpfung einzelner Erscheinungen, die der Allgemeinbehandlung

nicht weichen wollen. Genaue Kenntnis der hypnotischen Einwirkungen ist

unbedingtes Erfordernis für einen Erfolg. Ich habe wiederholt

Schädigungen der Kranken durch unberufene Hypnotiseure aus dem Laien-

und aus dem Ärztestande gesehen.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 41 / 133 题